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Full text of "Römische Geschichte Die Provinzen von Caesar bis Diocletian"

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BRIT ANNIA. 




Römische Geschichte: Die Provinzen 
von Caesar bis Diocletian 

Theodor Mommsen 





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RÖMISCHE 

GESCHICHTE 

TOR 

THEODOE MOMMBSI. 



FÜNFTER BAND. 



MIT SUR KARTIB TOR B. KIBPIRT. 



BERLIN, 
WSIDMANNSCUfi BUGHUANDLUNQ 
1886. 



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« 



Das Rceht ehe Obrrsetxoag ioi BoKliaflh«, PraiiSsisdie nmi ItalleDiscbe 
xa venifUltesy b«Ult aiA die V«rlagslwi<llv«ip vor. 



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LEOPOLD KßONECKER 
ßlCHAKD SCHÖNE 

IN DANKBAREH KRINNERUNC. 




D.is K*H*ht eiiir llhi-rsot/iiiif? ins Kiif^linrhe, Fran7.ösisd^^|d ItaUeai 
zu verauütaltn], behalt »ich «lir Verlagshaadlun^ \ur. J^^^^^^^^ 



LD KRÖN ECK Eli 
ZARD SCHÖNE 

KNkUKEll ERINNERI .NG. 



D«r WüBteb, dafii die r^nätB Geicluchte fortgeietil werden 
nAge, ist mir MIer gelabert worden, nnd er trifft mit meineni eigenen 

zasammen. so schwer es auch ist iiarli (ireiTsig Jahren den Faden da 
"wieder aufzunehmen, wo ich ihn fallen lassen roulste. Wenn er nicht 
BBBiitleUMur anluiipfl, eo ist dann wenig gelegen; ein Fragment würde 
der vierte Band ohne den linften eben ao sein wie ea der fünfle jetit 
iat ohne den Tierten. Ueberdlea meine idi, daft die beiden iwiaehen 
dieeem und den früheren fehlenden Bucher für das gebildete Publicum, 
dessen Verständnifs des römischen Alterlhums zu fördern diese 
Geacbidite bealimmt iat, eher durch andere Werlie ▼ertreten werden 
kAniMo ab daa vorliegende. Der Kampf der Repablikaner gegen die 
dnreb Caeear erriebtete Monareiiie nnd deren definitife PeatateHnng, 
welche in dem sechsten Buch erzählt werden sollen, sind so gut aus 
dem Alterthum überhefert, dafs jede Darstellung wesentlich auf eine 
Nacbernhlnng hinanalinft. Daa monarchiacbe Regiment in aeiner 
Eiganart nnd die Flndnationen der Monarchie ao wie die durch die 
PeraAnlicbkeit der einadnen Herraeber bedingten allgemeinen Regie- 
nnigSTerhältnisse, denen das sieben le Buch beslinimt ist, sind wenig- 
stens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was 
hier fegeben wird, die Geachichte der einiebien Landeatheile von Gaeaar 
Ida auf Diodetian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publicum, an daa 
diaaea Werk aicb wendet, in lugänglicher Zosammenfassung nirgends 
Tor, und dafs dies nicht der Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, 
welabalb daaaelbe die römische Kaiserzeit häufig unrichtig und unbillig 



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VI 

beurlheill. Freilich kann diese meines Erachlens Tur das richtige Ver- 
sUlDdoifs der Geschichte der rAmischen Kaiseneit vorbedingende Tren- 
nung dieser Specialgeschichten von der allgemeinen des Reiches für 
manclic Abschnith', inslK-sondere für die Kpochc vonGallicnus bis auf 
DiocleiiiU), wieder nichl voilsländig durchgeführt werden, und hat hier 
die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergäniend einiutreten. 

Wenn Oberhaupt ein Geschichtswerk in den meisten FSllen nur 
mit und durch die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser 
Darstellung des Reiches der drei KkIiIumIo nach seinen Provinzen 
in besonderem Grade, während hielür genügende Karten nur in den 
Händen weniger Leaer sein können. Dieselben werden also mit mir 
meinem Freunde Kiepert es danken, daHi er, in der Weise and in der 
Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, dem« 
M'lben /.iniäcbst ein «illgiMiirines rebersicblsblaU, das ;uifs»T(leni niehr- 
facb lür die Special karlcu ergänzend eintiilt, und weiter neun Special- 
karteu der einzelnen Heichslbeile, mit Ausnahme der Blätter 5. 7. 8. 9 
in gleichem Mafsstabe, hinEugefilgt bat. Die in dem Bande vorkommen- 
den antiken und die wichtigeren modernen geographischen Namen sind 
darin verzeichin l, nicht darin erwfdinte nur ausnahmsweise zur Orien- 
lirung beigefügl. Die in dem Buche selbst befolgle Schreibung der 
griechischen Namen ist auf einzelnen Blättern, wo die lateinischen (Iber- 
wiegen, der Gleicbfftrmigkeit wegen durch die latinisirende ersetzt Die 
Folge der Karten entspricht im Ganzen derjenigen des Werkes; nur er- 
schien es aus räumlichen Rficksichlen zweckmäfsig einzelne Provinzen, 
wie zum Beispiel Spanien und Nordafrica, auf demselben Bialle dar- 
zustellen. 

Berlin im Febr. 1885. 



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I JS S A L T. 



ACHTES BUCH. 
Länder und Leute von Caesar bU Diocietian. 



Bbleitaof 3 

KAPITEL 1. 

Di« NorJsrene IteliMi 7 

KAPITBL tt. 

Spuien 57 

KAPITEL III. 

Die gallitefcM PtovIdim 71 

KAPITEL IV. 

Du rtaiMfce GenusiM md die freie» Genmoen 107 

KAPITSL V. 

BritaBBira 155 

KAPITKL VI. 

Die DoMoliiader ud die Kriege »m der Dohm 178 

KAPITEL VII. 

Du griediiMke Barop« 230 

KAPITEL VIII. 

RIeiMtiM 295 

K API TEL l\. 

liie Eaphratgreoze uad die Partbcr 339 

KAPITEL X. 

Syrieo oad «las ISabaUeerUnd 446 



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VUI 



KAPITEL XI 

Judte« und die Jodeo 487 

KAPITEL m 

Aegypten 553 

KAPITRL XIIL 

Die «fricaoiachctt Provioteu 620 



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ACHTES BUCH. 

LÄNDER UND LBOTB VON CABSAR HS DIOCLBTIAN. 

Me 4w«k 4fo Walt ni arriek Bit Jäte. 

Fmdosi. 



Vom»««»* lO«. gwh t t H i. 



1 



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ie Geschieh le der römischen Kaiieneit steUl Ihnlicbe Probleme 
wie diejenige der frftheren Republik. 

Was am der litterariachfiD Ueberliefemng nnmiUelbar entnominen 
werden kann, iat nicht blolii ohne Farbe und Gestalt, sondern in derTbat 
meisleos ohnelnhalu Das Yeneichnilli der rftmischen Monarchen ist un- 
geOhr ebenso glaubwilrdlg wie das der Gonsuln der Republik und un- 
gefihr ebenso uistmetiv. Die den ganaen Staat erschflttemden graüwn 
Krisen sind In ihren Umrissen eriwnnbar; viel besser aber als Aber 
die Sanmtenkriege sind wir auch nicht unterrichtat über die ger- 
manischen nntar den Kaisern Angustns und Marcus. Der republika* 
nische Anekdotenschatz ist sehr Yiel ehrbarer als der gleiche der 
Kaiserzelt; aber die Erzählungen von Fabricius und die vom Kaiser 
Gaius sind ziemlich gleich llach und gleich verlugeii. Die innerliche Eni- 
Wickelung des Gemeinwesens liegt vielleicht lür die frühere Uepublik 
iu der Ueberheferung vollständiger vor als liu* die Kaiserzeil; dort be- 
wahrt sie eine wenn auch getrübte und verfälschte Schilderung der 
schliefslich wenigstens aul dem Markte Honis endigenden Wandelungen 
der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sicli diese im kaiserlichen Kabi- 
net und gelangt in der Hegel nur mit iiuen Gleicligültigkeilen in die 
OeiTentUchkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehung des Kreises 
und die Verschiebung der lebendigen Eni Wickelung vom Gentrum in 
die Peripherie. Die Geschichte der Stadt Horn hat sich zu der des 
Landes Italien, diese su der der Welt des Miiielmeers erweitert, und 
worauf es am meisten ankommt, davon erfahren wir am wenigsten. 
Der römische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen Baum, um 
dessen im Absterben begriffenen Hauptatamm mftchtige Nebentriebe 
rings emporstreben. Der römische Senat und die römischen Herrscher 



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4 



ACHTI8 BOCH. 



entstammen bald jedem andern Reichsland ebenso sehr m Italien; 
die Quinten dieser Epoche, welche die nominellen Erben der weit- 
beiwingenden Legionare geworden sind, haben lo den grolken Erinne- 
rungen der Vorzeit ungeHühr dasselbe VerhSltnift wie unsere Johanniter 

zu Rhodos und Malta und betrachlen ihre Erbschaft als ein nutzbares 
Recht, als sliflungsmäfsige Versorgung arbeitsscheuer Armen. Wer 
an die sogenannten Quellen dieser Epoche, auch die besseren geht, 
hemeistert schwer den Unwillen über das Sagen dessen, was verschwie- 
gen zu werden verdiente und das Verschweigen dessen, was nothweudig 
war zu sagen. Denn grofs Gedachtes und weithin Wirkendes ist auch 
in dieser Epoche geschaffen worden; die Führung des Weltregiments 
ist selten so lange in geordneter Folge verblieben und die festen Verwal- 
tungsnornien, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern vorzeich- 
nelen, haben sich im Ganzen mit merkwürdiger Festigkeit behauptet, 
trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der 
nur darauf blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenscbwin- 
denden Ueberlieferung mehr als billig im Vordergrunde steht. Die 
scharfen Abschnitte, welche in der landiiufigen durch jene Oherflich- 
lichfcelt der Grondlife geimen Anihsanng die Regienin^mdhael 
machen, gehören weit mehr dem Hoflreilien an als der Reichsgesdikhid. 
Das eben ist das Großartige dieser Jahrhunderte, dab das einmal an- 
gelegte Werk, die Durchfilhning der latmnisch-griecfaischen GiTilisirang 
in der Form der Ausbildung der stldtisdien Gemeinde?erfiM8ung, die 
allmähliche Einziehung der barbarischen oder doch flnemdartigen Ele- 
mente in diesen Kreis, eine Arbeit, welche Ihrem Wesen naeh Mir* 
hunderte stetiger Thätigkeit und ruhiger Selbstentwickelung erforderte, 
diese lange Frist und diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden 
hat. Das Greisenalter vermag nicht neue Gedanken und schöpfe- 
rische Thätigkeit zu entwickeln, und das hat auch das römische Kaiser- 
regiment nicht gethan; aber es hat in seinem Kreise, den die, welche 
ihm angehörten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden 
uml das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen länger und vollstän- 
diger gehegt als es irgend einer anderen Vormacht je gelungen ist. 
In den Arkerslädlen Africas, in den Winzerheimstätten an der Mosel, 
in den blühenden Ortschaften der iykischen Gebirge und des syrischen 
Wüstenrandes ist die Arbeit der Kaiserzeit zu suchen und auch zu 
linden. Noch heute giebl es manche I^ndscbaft des Orients wie des 
Occidents, für welche die Kaiserselt den an sich sehr bescheidenen, aber 



BUf LEITUNG^ 



5 



doch Torher wie nachher nie erreichten Höhepunkt des guten Regi- 
mentjs bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bdanz 
aufmachen sollte, ol) das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet da- 
mals oder beule mit gröfserem Verslande und mit gröfserer Humanität 
regiert worden ist , oh Gesittung und Völkergh'ick im Allgemeinen 
seitdem vorwärts oder zuröckgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, 
ob der Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen würde. Aber wenn 
wir finden, daHi dieaes also war, ao fragen wir die Bücher, die uns ge- 
blieben sind, meklena umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie 
geben darauf so wenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung der frü- 
heren Republik die gewaltige Eraeheinnng des Rom erkttrt, welches 
m Alexanders Spuren die Welt unterwarf und dTilisirle. 

AnsfODen l&fst sich die eine LQcke so wenig wie die andere. Aber 
es idiien des Tersuches werth einmal abnisehen sowohl Ton den 
Regentenschildenuigen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur in 
oft gefilschten Farben wie auch Yon dem scheinbaft chronologischen 
Aneinanderreihen nicht soaammenpaaaender Fragmente, und dalttr an 
sammeln und so ordnen, waa fBr die Darstellang des rftmisdien Pro- 
▼inzialregimenta die Ueberlieferung und die Denkmäler bieten, der Mflhe 
werth durch diese oder durch jene zufällig erhaltene Nachrichten, in dem 
Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen 
in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landestheilc, mit den für jeden 
derselben durch die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen 
Bedingungen durch die Piianlasie, welche wie aller Poesie so auch aller 
Historie Mutler ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines 
solchen zusammenzufassen, lieber die Epoche Diodetians habe ick 
dal>ei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment, welches da- 
mals geschaffen wurde, höchstens im zusammenfassenden Ausblick den 
Schlufsstein dieser Erzählung bilden kann; seine volle Würdigung ver- 
langt eine besondere Erzählung und einen andern Weltrahmen, ein bei 
schärferem Verständnifs des Einzelnen in dem grofsen Sinn und mit 
dem weiten Blick Gibbons durchgeführtes selbständiges Geschieh ts werk, 
lulien und seine Inseln sind ausgeschlossen worden, da dieae Dar- 
stellung Ton der dea allgemeinen Reiehsregiments nicht gelrennt wer- 
den kann. Die sogenannte äuIlMre Gesdiicbte der Kaiserseit lat auf- 
genommen als inlegrirender Thefl der ProvinsialTerwaltnng; was wir 
Reicbskriege nennen würden, sind gegen daa Aushnd unter der Kaiser- 
ittt niefat geflkhrt worden, wenngleich die durch die Arrondimng oder 



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ACHTES BUCH. ELNLEiTÜMG. 



Veriheidigung der Grenzen hervorgerufenen Kämpfe einige Male Ver* 
hältnisse annahmen, dafs sie als Kriege zwisclien zwei gleichartigen 
Mächten erscheinen, und der Zusammensturz der römischen Herrschaft 
in der Mitte des dritten Jahrhunderts, welcher einige Decennien hin- 
durch ihr definilives Ende werden zu sollen schien, aus der an meh- 
reren Stellen gleichzeitig unglücklich geführten Grenzvertheidigung sich 
entwickelte. Die grofse Vorschiehung und Regulirung der Nordgrenzp, 
wie sie unter Augustus theilweise ausgeführt ward, iheilweisc mifs- 
lang, leitet die Erzählung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem 
jeden der drei hauptsächlichsten Schauplätze der Grenzvertheidigung, 
des Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefoH^t worden. Im 
Uebrigen ist die Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im 
Einzelnen fesselndes Detail, Stiramungsschilderungen und Charakter- 
köpfe hat sie nicht zu bieten; es Ist dem Künstler , aber nicht den» 
Geschlcfatsehreiber erlanbt das Antlitz des Arminins zu erfinden. Mit 
Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung mtehte es 
gdesen sein. 



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KAPITEL L 



DIE MORDGRENZB ITALIENS. 

Die itoifclie Republik hat ihr Gebiet hrapttldilich auf den See- vrm^ 
wegen gegen Wetten, Süden nnd Oaten erweitert; nach derjenigen 
Richtung hin, in wdcher ItaUeD und die fon ihm abUingigen beiden 
Halbinseln im Wetten md im Osten mit dem grofsen Continent Euro- 
pas zusammenhängen, war dies wenig geschehen. Das Hinterland Ma- 
kedoniens gehorchte den Römern nicht und nicht einmal der nördliche 
Ai>hang der Alpen; nur das Hiiilerland der gallischen Södküste war 
durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich 
im Allgemeinen einnahm, durfte dies so nicht bleil)en ; die Beseitigung 
des trägen und unsicheren Regiments der Aristokratie mufste vor 
allem an dieser Stelle sich gellend machen. Nicht so geradezu wie die 
Eroberung Britanniens hatte Caesar die Ausdehnung des römischen 
Gebiets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer des Rheint 
den Erben seiner MachttteUung angetragen; aber der Sache nach war 
die letztere Grenierweiterung bei weitem näher gelegt und nothwendi- 
ger als die Unterwerfung der Überseeischen Kelten und man versteht 
et, dab Angnttnt diete unterlieCB und Jene aufnahm. Dieaelbe lerfiel 
in drei grobe Abtchnitte: die Operationen an der Nordgrenie der 
griechitcb-malmdonitehen Halbintel im Gebiet der mittleren und un- 
teren Donau, in Hlyricum ; die an der Nordgrenie Italient telbtt im 
oberen Dooaugebiet, in Raetien nnd Noricnm ; endlich die am rechten 
Rheinnfer, in Germanien. Mdttent lelbttindig gefuhrt hängen die 
mOitfiritch-polttitchen Vornahmen in dieeen Gebieten doch innerlich 
neammen und wie tie tSmmIlich aut der freien Initiative der r&- 



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ACHTES BUCH. KAPITEL I. 



miflcboi Regierung henrorgegangen sind, kftniien ne auch in ihrem 
Gelingen wie in ihrem theAiieiMn Mifislingen nur in ihrer Geeammtheit 
militiriech und politisch wttanden werden. Sie werden darum auch 
mehr im örtlichen als wie zeitlichen Zusammenhang dargelegt werden; 
das Gebäude, von dem sie doch nur Theile sind, wird besser in seiner 
inneren Geschlossenheit als in der Zeilfolge der Bauten betrachtet. 
ptimm- Das Vorspiel zu dieser grofsen Gesammtaction machen die Ein- 

Kh«ff> richtungen, welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sicilien 
freie Hand gewonnen hatte, an den oberen Kästen des adriatischen 
Meeres und im angrenzenden Binnenland vornahm. In den hundert- 
undfunfzig Jahren , die seit der Gründung Aquileias verflossen waren, 
hatte wohl der römische Kaufmann von dort aus sich des Verkehrs 
mehr und mehr bemächtigt, aber der Staat unmittelbar nur geringe 
Fortschritte gemacht An den Haupthäfen der dalmatinischen Küste, 
ebenso auf der von Aquileia in das Savethal führenden Strafse hei 
Nauportus (Ober -Laibach) hatten sich ansehnliche Handelsnieder- 
lassungen gebildet; Dalmatien, Boinien, Istrien und die Krain galten 
ala römisches Gebiet und wenigstens das Küatenland war in der Thal 
botmUhig; aber die lechtUche StidtegrOndung atand noch ebenao ans 
wie die Blndigung dea unwirthlichen Binnenlandes. Hier aber kam 
noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwiacben Caesar und 
Pompeius hatten die einheimischen Dafanater ebenao entschieden für 
den letzteren Partei ergrilfen wie die dort ansässigen Römer für Caesar; 
auch nach der Niederlage dea Pompeius bei Pbarsalos und nach der 
Verdrängung der pompeianiscben Flotte ans den ittjriadien Gewissem 
(3, 445) setzten die Eingeborenen den Widerstand energisch und er- 
folgreich fort Der tapfere und fähige Pohlins Vatinins, dar fHlher in 
diese Kämpfe mit grofsem Erfolg eingegriffen hatte, wurde mit einem 
starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem Jahre vor 
Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauplheeres, mit welchem der 
Dictator selbst nachfolgend die eben damals mächtig emporstrebenden 
Daker(3, 304) niederzuwerfen und dieVerhältnisse im ganzen Donaugebiet 
zu ordnen iieabsichtigle. Diesen Plan schnitten die Dolche der Mörder ab; 
man niufste sich glücklich schätzen, dafs die Daker nicht ihrerseits in 
Makedonien eindrangen , und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater 
unglücklich und mit starken Verlusten. Als dann die Republikaner im 
Osten nisteten , ging das illyrische Heer in das des Brutus über und 
die DaUnatiner blieben Ungere Zeit unangefochten. Nach der Nieder- 



noaoGBnm iTALiint. 



9 



wprfung der Republikaner liefs Antonius, dem bei der Theilung des 
Reiches Makedonien zugefallen war, im J. 715 die unbotmäf^igen Dar- n 
daner im Nordwesten und die Parlhiner an der Küste (östlich von Du- 
razzo) zu Paaren treiben, wobei der berühmte Redner Gaius Asiniui 
Pollio die Ehren des Triumphes gewann, lo lUjricanit welches Ml- 
ter i^esar stand, konnte nichts geschehen, so lange dieser seine ganse 
Macht auf den sicUischen Krieg gegen Sextns Pompeius wenden mufste; 
eher nach dessen glücklicher Beendigung warf Caesar selbst sich mil 
aller Krtft auf dieae Aofgsbe. Die ideinen ViMkerMbsCIen von Dodea 
(Ceraagora) bis tn den Japnden (bei Finme) wurden in dem ersten Feld- 
ing (719) lorBotmilUglMit inrttd[gebn»hl oder jetitsnerst gebind ai 
Es war kein grofser Krieg mit namhaften FeldscUschten, aber dieGebirgs- 
kämpfe gegen die lapfiBren nnd tenweifelnden Stimme und das firechen 
der festen mm Theil mit römischen Maschinen ansgerOstelen Burgen 
wam keine leichte Aufgabe ; in keinem seiner Kriege hat Caesar in 
gleichem Grade eigene Energie und persönliche Tapferkeit entwickelt 
Nach der mühsamen Unterwerfung des Japudengebiets marschirte er 
noch in demselben Jahre im Thal der Kulpa aufwärts zu deren Mün- 
dung in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft Siscia (Sziszek), der 
Hauplwafienplalz der Pannonier, gegen den bisher die Römer noch nie 
mit Erfolg vorgegangen waren , ward jetzt besetzt und zum Stützpunkt 
bestimmt für den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnächst 
aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720.721) si. 
wurden die Dalroater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die 
Rumer in Waffen standen , nach dem Fall ihrer Feste Promona (Pro- 
mina bei Demis oberhalb Sebenico) aar Unterwerfung gezwungen* 
Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war das Friedenawerk , das zu- 
gleich sich vollzog und su dessen Sicherung sie dienen sollten. Ohne 
Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplätze an der istrischen 
and dalmathiiscben Kflslet so wnt sie in dem Machtbereich Caesars 
Isgen, Tergeate (Triest), Pols, lader (Zsra), Salonae (bei ^lalato), Naro- 
na (an der Narentamflndang), nicht mmder jenseit der Alpen, auf der 
Slraibe von Aqnüeia Aber die jnlische Alpe sur Safe, Emooa (Laibach), 
doreh den iweiten Jnlier mm Theil stidtisehe Manem, sftmmtlicli 
stidtisdies Recht. Die Ptttse selbst bestanden wohl alle schon lingst 
sIs rSmtscbe Flecken; aber ea war immer ?on wesentlicher Bedeutung, 
da/s sie jetzt unter die italischan Gemeinden gleidiberechtigt eingereiht 
wurden. 



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10 



ACHTES BLCa. KAPITEL I. 



Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Börgerkrieg ging zum 
i^rkH«f. iweitenmal ihm vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den 
Osten; und der grofse Entscheidiingskanipf zwischen Caesar und 
Antonius wiu f seine Wellen bis in das ferne Douaugebiel. Das durch 
den König Hurebista geeinigte und gereinigte Volk der Daker (3, 304), 
jetzt unter dem König Coliso, sah sich von beiden Gegnern umworben 
— Caesar wurde sogar beschuldigt des Königs Tochter zur Ehe be- 
gehrt und ihm dagegen die Hand seiner fünfjährigen Tochter Julia an- 
getragen zu haben. Dafs der Daker im Hinblick auf die von dem Vater 
geplante, von dem Sohn durch die Befestigung Siscias eingeleitete In- 
vasion sich auf Antonius Seite schlug, ist hegreiflich; und hätte er aus- 
geführt, was man in Rom besorgte, wäre er, während Caesar im Osten 
focht, vom Norden her in das wehrlose Italien eingedrungen, oder hätte 
Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheidung statt in 
£piru8 fielmefar in Makedonien gesucht und dort die dakischenSchaareo 
an sidi geaogen, so wären die Wflrfiel des KriegsglOcks Tieileicht än- 
dert gelÜlen. Aber weder das eine noch das andere geschah; indem 
brach eben damals der durch Bnrebistas kräftige Hand g^sdiaffone 
Dtkerslaat wieder auseinander; die inneren ünmlien, imlleicfat auch 
▼onNorden her die AngrÜTe der germanischen Bastarner und der später- 
hin Dacien nach allen Richtangen umklammernden sarmatisehen 
Stämme, Terhinderten die Daker in den auch über ihre Zukunft ent- 
scheidenden römischen Bärgerkrieg einzugreifen. 

Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gelhllen war, 
wandte sich Caesar zu der Regulirung der Verhältnisse an der unte- 
ren Donau. Indefs da thcils die Daker selbst nicht mehr so wie früher 
zu fürchten waren, theils Caesar jetzt nicht mehr blofs über Illyricum, 
sondern über die ganze griechisch -makedonische Halbinsel gebot, 
wurde zunächst diese die Basis der römischen Operationen. Vergegen- 
wärtigen wir uns die Völker und die HerrscbaftsTerhältnisse, die 
Auguslus dort vorfand. 
iUk »tooi- Makedonien war seit Jahrhunderten römische Provinz. Als solche 
reichte es nicht hinaus nördlich über Stobi und östlich über dasRhodope- 
gebirge ; aber der Afachtbereich Roms erstreckte sich weit über die 
eigentliche Landesgrenze, obwohl in schwankendem Umfang und ohne 
feste Form. Ungefähr scheinen die Römer damals bis zum Haemus 
(Balkan) die Vormacht gehabt zu liaben, während das Geiiiet jenseit 
des Balkan bis zur Donau wohl einmal von römischen Truppen betreten. 



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llOftlMMUBIU ITALIKIS. 



II 



ibcr keineswegs von Rom abhängig war'). Jenseit des Hliodoppgj'hir^s 
waren die Makedonien benachbarten ihrakischen Dynasten, namentlich 
die derOdrysen (1, 758), denen der gröfste Theil derSüdküste und ein 
Tbeil der Küste des schwarzen Meeres botmäfsig war, durch die Eipe* 
ditioD des Lucullus (3,42) unter römische Schutzberrschafl gekommen, 
während die Bewohner der mehr binnenländiaehen Gebiete, namentlich 
die Besser sn der oberen Mariiza Unierihanen wohl hiefsen, aber nicht 
waren und ihre EinliUe in das befriedete Gebiet so wie die Vergeltungs- 
lüge m du ihrige stetig Ihrtgingen. So hatte nm das J. 694 der leib- m 
iche Tater des Aognstos Gaius Oetavias und im J. 711 wihrend der a 
▼orbereitaBgen so dem Kriege gsgen die Triumfim Marcos Brutus 
gsgSD sie gestritten. Eine andere tbrakische VAlkerachafl, die Benthe- 
lelen (in der Gegend fon So6a) hatten noch in Cioeros Zeit bei einem 
EinlUl in Makedonien Miene gemacht dessen Hauptstadt Thessatonike 
SQ belagern. Mit den Bardanem, den westlichen Nachbarn der Thiaker, 
ehiem Zwe% der Olyrischen VOikerfiimUie, welche das sfidliche Serbien 
and den District Prisrend bewohnten, hatte der Amtsvorgänger 
des Lucullus Curio mit Erfolg (3, 42) und ein Dccennium spater Ci- 
ceros College im Consulat Gaius Antonius im J. 692 unglücklich ge- ca 
fochten. Unterhalb des dardanischen Gebiets unmittelbar an der Donau 
safsen wieder Ihrakische Stamme, die einstmals mächtigen, jetzt berab- 
gekommenen Tri baller im Thal des Oescus (in der Gegend von 
Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau bis zur Mündung 
Daker oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten auch den 
asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewöhnlich ge- 
nannt wurden, Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebislas Zeit 
ein Theil seines Reiches, jetzt wieder in verschiedene FOrstentliümer 
zersplittert. Die mächtigste VAlkerschafl aber zwischen Balkan und 
Donau waren damals die Bastarner. Wir sind diesem tapferen und 
sahireichen Stamm, dem östlichsten Zweig der grossen genna^ 
nischen Sippe (2,272), schon mehrfach be^gnet. Eigentlich an- 
sissig hinter den transdanufianischen Dakem jenseit der Gebirge, 

>) Dies Mgt aosdrucklich Bio Sl, 33 zum J. 723: r/wc f*iy oüp rat/r* t$ 
inoiovv (d. h. so lanpe die Rdstarnfr oar die Triballcr — bei Oesras io INieder- 
Boesien — und die Oardaner ia Obermoesiea aDgriffeD), oi'6kv 0(fi<Jt TToäyua 

Toifs 'Piofiaiovq tntl 6k j6v t« AI^ov lntQ({h\aav xal xi^v (^Qqxrjv 
t^v ^tv&tlrflnv iyanopJov airmg oSottP MariäQUftop x. r. L Die Boadet- 
fraoMM fa MoMiea, vm dMra Di« 88, 10 sprielt, sbd die RialMstUte. 



12 



ACHTBS BUCa. KAPIT£L 1. 



die SiebcTilifirgen von der Moldau scheiden, an den Donaumündungen 
und in dem weiten Gebiet von da zum Dniesler befanden sie sich sel- 
ber aufscrhalb des römischen Bereichs; aber vorzugsweise aus ihnen 
hatte sowohl König Philipp von Makedonien wie König Mitliradales 
von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die Römer 
schon frfiher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grofsen 
Massen die Donau überschritten und sich nördlich vom Haemus fiest- 
geaeUt; insofern der dakiscbe Krieg, wie ihn Caesar der Vater und 
dann der Sohn geplant hatten, ohne Zweifel der Gewinniing des rechten 
Ufers der unteren Donau galt, war er nicht minder gegen sie gerichtet 
wie gegen die rechtsufrigen daldschen Moeser. Die grieohiaeheii 
EOstenstädte in dem Barfaarenland Odessoa (bei Yarna), Tomis« btro- 
poUs, schwer bedrSngt dnrefa dies ViMkergewoge, waren Uer wie 
fiberall die geborenen dienten der RAmer. 

Zur Zeit der Dictator Caesars, als Bordiiste auf der Höbe seiner 
Macht sUnd, hatten die Daker an der Kflste bis hinab nach Apollonia 
jenen fÜrehtefliGhen Verheerungszug ausgeffihrt, dessen Spuren nocb 
naeh anderthalb Jahibunderten nicht ferwischt waren. Es mag woU 
sunichst dieser Emlbll gewesen sein, welcher Caesar den Vater be- 
stimmte den Dakerkrieg zu unternehmen; und nachdem der Sohn 
jetzt auch über Makedonien gebot, mnfste er allerdings sich ver- 
pflichtet fühlen eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die 
Niederlage, die Ciceros College Antonius bei Istropolis durch die Bas- 
tamer erlitten hatte, darf als ein Beweis dafür genommen werden, dals 
diese Griechen wieder einmal der Hülfe der Körner bedurften, 
rnter- [20 !n def That wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725) 
iTm^S Marcus Licinius Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von 
'""•^ Caesar als Statthalter nach Makedonien gesandt und beauftragt den 
zweimal verhinderten Feldzug nun auszuführen. Die Bastarner, welche 
eben damals in Thrakien eingefallen waren, fügten sich ohne Wider- 
stand, als Crassus sie auffordem liefs, das römische Gebiet zu ver- 
lassen; aber ihr Rückzug genügte dem Römer nicht. Er überschritt 
seinerseits den Haemus^), schlug am Einflufs des Cibrus (Tzibritza) 
in die Donau die Feinde, deren Ednig Deldo auf der Wahlstatt blieb, 



>) WeinDioMgt (51,23): i^v £tyeTtxi}v xalovfUvijv n^amoi^iutto luA 
U tifif Mvaida Mfialtf M kam jra« Stadt w»U w S«ffdiee Mb, dat hentifa 
Sofia, am oberaa Daaeoi, dar SaUQasel für daa Boasiaaha Laad. 



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MRMBSNU 1TAL1SH8. 



13 



nnd nahm was aus der Schlacht in eine nahe Festung entkommen war 
mit Hülfe eines zu den Römern haltenden Dakerfürsten gefangen. 
Ohne weiteren Widerstand zu leisten unterwarf sich dem Ueberwinder 
der Bastarner das gesammle moesische Gebiet. Diese kamen im 
nächsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage weit zu machen; 
aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesi- 
sehen Stämmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren 
dieee Feinde von dem rechten Donauufer ein für allemal ausge- 
wiesen und dieses vollständig der römischen Herrschaft unterworfen. 
Zugleich wurden die noch nicht botmälaigeii Thraker gebtodigt, den 
Beesem das naUoiiale Heiliglhum desDioDjios gsnommeii und die Ver- 
waltoog desselben den FArsten der Odrysen flbertrageo, wdche Ober- 
baapi seitdem aater dem Schals der rftmisehen ObergswsU die Ober- 
herilichkeit Ober die thraluacben Völkersdisflen sftdlieh vom Hsemas 
AhrleD oder doch fllbreo soUIml Unter seinen Scfauts worden ferner 
<fie griechischen Kikslenslidte sm schwanen Meere gestellt und asch 
das Abrige eroberte Gebiet fsrschiedene n Lehnittrsten logetheilt, auf 
die somii lonichst der Schnts der Reidisgrense flbergiug ^) ; eigene 

>) Neah im Ftldng dti Craans itt das tnUiU Laad wahrMbdaUch 
ia te WaiM orgaaiafrt wardaa, dab dla Rirt« nm thraUaelmi Beldi kaa, 

wie dies Zippel rb'm. lllyricam S. 243 dnrgethau bat, der westUake Theil aber 
ähnlich wie Thrakien den eiDheinischen Fürüten zo Lehn gegeben ward, an deren 
eines Strlle der noch anter Tiberins fuapirende praefectu* citritatimn Moesiae 
et Tnballiae (0. 1. L. V, 1838) getreten sein murs. Die abliebe Annahme, dafs 
Mo«aieD aoräogiich mit lUyricum verbunden gewesen sei, ruht nur darauf, 
dab daaaalka bai dar AvIiÜdaag dar ha Jahra 727 swiaahaa Raiaar nad Saaat 37 
gathailtaa Proviasaa bai Dia 59, 12 aiabt gaaaaat warda «ad alao la *Dtl- 
■utiea' aatbaUaa aal. Abar aäf dia Labastaateo nad dia proearatorischeo 
Praviozen erstreckt sieh diese Aarzählung fibaiteapt aiabt äad iaaofera ist 
bei jener Annahme alles in Ordonug. I)ap(>gen sprechen gegen die gewöhn- 
liche AuSassuog schwerwieg;eDde Argumente. Wiire Moesien ursprünglich 
ein Theil der Provinz Ulyricum gewesen, so hätte es diesen Mameo behalten; 
daan bei Theilnog der Proviax pflegt der Name zu bleibea and aar aia Datar- 
■fauitSv Uatetniratea. Dia Baaeaavag IllyHaam abar, dia Dia abaa Zwalfal 
a. a* O. wiadargiabt, bat alch ia diaaar Varbladoag iMaer baaehriakt aef daa 
abara (Dalmtien) und daa untere (Pannonien). Faraer bleibt, wenn Moesieo 
aiaTbail von lllyricam war, für jenen Praerecten von Moesien and Triballieo, 
resp. seinen königlichen Vorgänger kein Haum. Kiidlich ist es wenig wahr- 
scheinlich, dafs im J. 727 einem einzigen senatoriscbea Statthalter ein Com- 
maado von dieser Ansdebnuog und Wichtigkeit anvertraut worden ist. Da- 
gegea erftOrt aiab aliaa ahifiMb, waaa aaab daa Kriaga daaCfaaaaa ia Maealea 



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14 



ACHTES BUCU. KAPITEL I 



Legioneo hatte Rom fikr diesa farneii LandadialleD Bklit flbrig. Make- 
donien wurde dadurch zur Binnenprathit, die dar müitiriaGhaB Ver- 
waltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen dakiacben Kriega- 

plänen ins Auge gelafst %vorden war, war erreicht. 

Allerdings war dieses Ziel nur ein vorläufiges. Aber bevor 
Augustus die definitive Regulirung der Nordgrenze in die Hand nahm, 
wandte er sich zu der Reorganisation der sclion zum Reiche gehörigen 
Landschaften ; über ein Decennium verging mit der Ordnung der Dingo 
in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er dann, als dort das Nölhige 
geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun erzählt werden. 
Unurw«f> Italien, das über drei Welttheile gebot, war, wie gesagt, noch 
keineswegs unbedingt Herr im eigenen üause. Die Alpen, die es gegen 
Norden beacbirmen, waren in ihrer ganaen Auadehnung von einem 
Meer zürnendem angefüllt mit kleinen wenig civilisirten Vdlkerschafien 
illyriacher, raetiacher, keltischer Nationalität, deren Gebiete lum Theä 
hart angreniten an die der grellen Städte der Tranapadana — ao daa 
der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, daa der Cammmer 
(Val Camonica oberhalb dea Lage d' beo) an die Stadt Bergomnm, daa 
der SahuBser (Val d' Aoata) an Eporedia (Ivrea), 4ind die kemeswega 
friedliche Nachbarschaft pflogen. Oft genug überwunden und ala be- 
siegt auf dem Capitol prodamurt plauderten dieae Stimme, allen 
Lorbeeren der Tornehmen Triumphatoren sum Trots, fortwährend die 
Bauern und die Kaufleute Oheritaliena. Eniatlieh lu ateuem war 
dem Unwesen nicht, so lange die Regierung sich nicht entschlofs die 
Alpenhöhen zu überschreiten und auch den nördlichen Abhang in ihre 
Gewalt zu bringen ; denn uline Zweifel slrömtun beständig zahlreiche 
dieser Raubgesellen über die Berge herüber um das reiche Nachbarland 
zu braiulsclialzcn. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher W^eise zu 
thuu; die Yölkei'schaften im oberen Rbonelhal (Wallis und Waadt) 



UeUe CUeatetotMtm «otitaBdea; dieie ttkidea als solehe voa Hiat «os natw 

dem Kaiser und da bei deren successiver EioziehiiBg und UmwiBdliiiiff io euid 
Statthalterscluft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den A analen 
11 ausfallen. Vollzogen hat sie sich iu oder vor dem J. 743, da der damals 
den Krieg gegen die Thraker Hihreode Statthalter L. Calporuius Piso, dem 
Dio 54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nur Pannoniea 
•der ÜMtiaa gdwbt habe« iwm wd, da !• PkBMBlaB daBilt Tiberiof ab 
Lagat fasfirla, f9r iha aar Moedea dbrif UaibC lai J. e a. Chr. arMlaiat 
•iaiiar «ia kaitarliobor SCattballar vaa Maetiea« 



NOaOGRE»Z£ ITALIENS. 



15 



waren zwar von Caesar unterworfen worden, aber sind auch unter denen 
genannt, die ilen Feldherren seines Solines zu M"hafl"en machten. Andrer- 
seits klagten die friedlichen gallischen tirenztiislricte über die steligen 
Einfälle der Haeter. Eine Geschichtserzählung leiden und fordern die 
zahlreichen Expeditionen nicht, welche Augustus dieser Mifsslände halber 
veranstaltet bat; in den Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und 
gehören auch nicht hinein , aber sie gaben ItaUen zum ersten Mal Be- 
triedung des Nordens. Erwähnt mögen werden die Niederwerfung der 
oben erwähnten Camunner im J. 73S durch den Stallhaller von lUv- i§ 

• 

ricam und die gewisser liguriscber Völkerschatten in der Gegend von 
Nina im J. 740, weil sie zeigen, wie Docb um die Mitte der augustischen u 
Zeit diese unbotmäTsigen Stämme unmilielbar auf Italien drücktoo. 
Weoo dfir Kaiser späterhin in dem Gesammtbericht über seine Reicht^ 
wwaltUDg erkUrte, dab gegen keine dieser kleinen Völkerschaften 
Ton ihn tu Unrecht Gewalt gebraueht worden aei, ao wird diea dahu 
n Terstehen aein, dalk ihnen Gehietaabtretnngen und Sitiwechael an- 
geaonnen worden und aie aiefa dagegen lur Wehre lettlen; nor der 
nnter Kdnig Gottina von Segoaio (Sun) vereinigle kleine Gen? erband 
fügte aich ohne Kampf in die nene Ordnung. 

Der Sehanplati dieser Kftmpfe waren die addlichen Abhinge und v«ivw«w 
die Thiler der Alpen. Ea folgte die Feataettung auf dem Nofdabhang '^JL!" 
der Gebirge und in dem nMliehen Verlande im J. 739. Die beiden u 
dem kaiaeilichen Bauae lugeiihllen StielSiflhne Auguata, Uberlua» der 
spätere Kaiser, und sein Bruder Drosua worden damit in die ihnen be- 
stimmte Feldherrnlauf balm eingeführt — es waren sehr sichere und sehr 
dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Von Italien 
aus das Thal der Elsch hinauf drang Drusus in die raetischen Berge 
ein und erfocht hier einen ersten Sieg; für das weitere Vordringen 
reichte ihm der liruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetis^chen 
Gebiet aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die römischen 
Trieren <lie Bote der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 
T6\) wurde in der Unigegend der Donauquellen die letzte Schlacht ge- 
schlagen, durch dieRaetien und das Vindelikerland, das hcifsl Tirol, die 
Ostscliweiz und Baiern, fortan Bestaudtheile des römischen Reiches 
wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen, um den Krieg 
uud die Einrichtung der neuen Provinz zu überwachen. Da wo dieAlpen 
am Golf von Genua endigen, auf der Höhe oberhalb Monaco, wurde 
einige Jahre darauf Ton dem dankbaren Italien dem Kaiaer Auguatna 



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16 



ACHTHS BUCH. KAPITEL I. 



eiii weit io das lyrrlMiiiaclie Meer hinrandiiaeiidw noch heule oichl 
gam ▼erscbwundenei Denkmal dafür errichtet, dab unter aeinem Regi- 
ment die Alpenvölker alle Tom oberen zum unteren Meer — ihrer 

sechsundvierzig zählt die Inschrift auf — in die Gewalt des römischen 
Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die eiiiiaclic 
Walirheit, und dieser Kiieg das was der Krieg seiu soll, der Schirmer 
und der Bürge des Friedens. 
iMtUm Schwieriger wolil als die eigentliche Kriegsarbeit war die Orga- 
nisation des neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren 
politischen Verhältnisse hier zum Theil recht störend eingriffen. Da 
nach der Lage der Dinge das niihtärische Schwergewicht nicht in Italien 
liegen durfte, so mufste die Regierung darauf bedacht sein die grolaen 
MilitftrcomiiMiidos aus der unmittelbaren Nähe Italiena möglichst zu 
entfernen; ja es hat wohl bei der Besetzung Raetiens selbst das Be- 
streben mitgewirkt das Commando» welches wahrscheinlich bis dahin 
in Oberitilien aelbat nicht hatte entbehrt werden können, definitiv 
▼en dort wegialegeD, wie es dann auch nur Aoaf Ahmiig kam. Wae 
man annichat erwarten aoUte« daüi für die in dem Deugewommieii 
Gebiet unenlbehrUchen militiriaeben Aofatellnngen ein grober MitleL- 
ponkt am NordaUiang der Alpen geachaflen worden wire, dafon ge- 
acfaaii das gerade GegentfaeiL Es wurde swiachen Italien euMr^ nnd 
den grolken Rhein- nnd Donanoommandoe andereraeita em GOrtel klei- 
nerer StattbalterKhallen gezogen, die nksht blofii alle Tom Salier, aoo» 
dem auch durchaus mit dem Senat nicht angehörigen Blinnem beaetzt 
wurden. Italien und die südgallische Provinz wurden geschieden durch 
die drei kleineu Militärdislricte der Seealpen (Dep. der Seealpen und Pro- 
vinz Cuneo), der cottischen mit der UaupbUidl Segusiu (Susa), uiul 
wahrscheinlich der graischen (Ostsavoyen), unler denen der zweite von 
dem schon genannten Gaufurslen Cullius und seinen Nachkommen eine 
Zeitlang in den Formen der Clientel verwaltete ^) am meisten bedeu- 
tete, die aber alle eiue gewisse Müilärgewall besalseu und deren 



') Der officielle Titel des Cottius war nicht König, wie der seines Vaters 
DoQous, soodero ' Gativerbaodsvorätaud ' {praefectus civitatiurn), wie er auf dem 
9/8 Qoch steheodea im Jahre 745/6 von ihm zu £hreD des Augustos errichteten 
Bogen von Sas« geoaoot wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lekena- 
ISBfllek sei, onter Vorbehalt der Baititigeaf des Lcbaiherra« aaek trbliek, 
also iMefera der Verbaad allerdtagt eie Ffrsteotbui» wie er mek gewak»- 
Uflk keifst. 



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nOKKMBUB ITAUINI. 17 

nächste Bestimmung war in dem belreffenden Gebiet und vor allem auf 
den wichtigen dasselbe durclischneidenden Reichsstrafsen die öffent- 
liche Sicherheit zu erhalten. Das obere Rhonethal dagegen, also das 
Wallis, und das neu eroberte Raetien wurden einem nicht im Rang, 
aber wobl an Macht hOber BtebendcD Befehlshaber untergeben ; ein 
relativ ansehnliches Corps war hier Dan einaial uniiiDgiDgUch erfor- 
derlich. Indefs wurde, nm dasselbe möglichst Terringem tu kftoneo, 
Raelieii durch Entfemang seiner Bewohner im groben MalSutab ent- 
völkert. Den Ring scbloüi die ihnlicb organlairle Provini Noricam, 
den gröfeten TbeO dei beoUgen deutacben Oeaterreicb umftaaend. 
Dieae waite nnd fruchtbare Landicbaft batle aicb obne weaentlicben 
Widcrsland der rt^miscben Herracbaft unterworfen, wabrscbeinlicb in 
der Form, daCi bier luniebal ein abbSngiges FAratentbum entstand, 
bald aber der König dem kaiserlieben Procurator wicb, von dem er 
ofandiin sieh niebt wesentlich untencbied. Von den Rhein- und 
Donaulegionen erhielten allerdings einige ihre Standlager in der unmit- 
telbaren Nähe einerseits der rätischen Grenze bei Vindonissa, anderer- 
seiu? der norischen bei Pueluvio. offenbar um auf die iNachbarprovinz zu 
drücken; aber Armeen ersten Hannes mitLegionen unter senalorisclien 
Generalen gab es in jenem Zwischen bereich so wenig wie senalorische 
Statthalter. Das Mifstrauen gegen das neben dem Kaiser den Slaat 
regierende Collegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen 
Ausdruck. 

Nächst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Orga-gt„f,ra ,m 
nisalion die Sicherung seiner Communicationen mit dem Norden, die ^ä^iij^. 
(urden Handelsverkehr von nicht minder einschneidender Bedeutung war 
wie in militäriseber fieiiebung* Mit besonderer Energie griflT Augustus 
diese Aufgabe an nnd es ist wohl TerdienL, dafs in den Namen Aosta 
und Augsburg, vielleicht auch in dem der julischen Alpen der aei- 
nige noch beute fortlebt Die alle KästenstraCse, die Augustus von der 
liguriacben KAate durch Gallien und Spanien bia an den atlantiacben 
Oeean tbeila erneuerte, tbeila heraleilte, bat nur Handelaiwecken 
dienen kennen. Auch die Strafse über die cottiscbe Alpe, schon 
durcb Pompeiua eröifnet (3, 29), ist unter Auguatua durch den 
acbon erwSbnIen FOralen fon Susa ausgebaut nnd nach ibm benannt 
worden; ebenbUa eine Handelsstrafse, TerknApfl sie Italien Aber Turin 
und Snaa mit der Handelsbauptstadt Südgalliens Arebite. Aber die 
eigenüicbe MOitirünie, die unmittelbaFe Verbindung zwischen Italien 



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18 



ACHTBS BLCÜ. lUPiTBL I. 



und den Rheinlagern führt durcli das Thal der Dora Balten aus Italien 
iheils nach der Hauptstadt Galliens Lyon, theils nach dem Rhein. 
Hatte die Republik sich darauf beschränkt den Eingang jenes Thals 
durch die Anlegung von Kporedia (Ivrt'a) in ihre Gewalt zu bringen, 
so nalim Augustuj; dasselbe f^anz in Besitz in tler Weise, dafs er dessen 
Bewohner, die immer noch unruhigen und schon während des dalma- 
liDiachen Krieges von ihm bekämpften Salasser, nicht blofs unterwirf, 
sondern geradem austilgte — ihrer 36000, darunter SOOO slreiibare 
Männer, wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in 
die Sclaverei verkauft und den Käufern auferlegt binnen zwantigiabre 
keinem derselben die Freiheil zu gewähren. Das Feldlager aelbsl, 
si ?on dem aua sein FeMberr Varro Murena im i. 729 sie achlieftlicli 
aufs Haupt geschlagen halte, wurde die Festung, welche, besetzt 
mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die Verbindungen 
sichern sollte, die Stadt Augusts Praetoria, das heutige Aosta, 
deren damals errichtete Hauern und Thore noch heute stehen. Sie 
beherrschte später swei AlpenstrafiMn, sowohl die Aber die graiscbe 
Alpe oder den kleuien St Bernhard an der oberen Is^ und der 
Rhone nach Lyon fahrende wie die', welche Aber die p&ninische AIim% 
den grofsen St. Bernhard, zum Rhonethal und zum Genfersee und von 
da in die Thäler der Aar und des Rheins lief. Aber für die erste dieser 
Slraf.sen ist die Stadl angelegt worden, da sie ursprünglich nur nach 
Osten und Westen führende Thore gehabt hat, und e.> konnte «lies 
auch nicht anders sein, da die Festung ein Decrnnium vor «1er He- 
setzung Raeticns geluiul ward, auch in jenen Jahren die spätere Orga- 
nisation der Rheinlager noch nicht bestand und die directe Verbindung 
der Hauptstüdte Italiens und Galliens duiThaus in erster Reihe stand. 
In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage von Emona an der olie- 
ren Saveauf der allen Handelsstrafse von Aquileia über die julischeAlpe 
in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strafse \\:\r 
zugleich die Hauptader der militärischen Verbindung von Italien mit 
dem Donaugebiet. Mit der Eroberung Aaeliens endlich verband sich 
die Eröffnung der Slrafse, welche Yon der letalen italischen Stadl 
Tridentnm (Trient) dasEtschthal hinauf su der hm Lande der Vindeliker 
neu angelegten Augusts, dem heutigen Augsburg, und weiter sur obe- 
ren Donau Itthrte. Als dann der Sohn des Feldherm, der dieses Ge- 
biet snerst aufgeschlossen hstte, tur Regierung gelangte, Ist dieser 



MOIIMRIIIIB ITALIENS. 



19 



Stn£M der Name der daadischen beigetegt werden^)« Sie stellte 
iwiscben Raetieii and Italien die militlriseli anentl>ehriidie Verbindung 
iier; indefe liat sie in Felge der relatir geringen Bedeutung der rlti- 
acben Araee und woU audi in Folge der sehwierigeren Communleation 
nienials die Bedeutung gebebt wie die Strafiie Ton Aosta. 

Die Alpenpässe und der Nordabhang der Alpen waren somit in ge- 
aieherleiD rSmieeben fiesits. lenseit der Alpen erstreckte sieh östlich 
▼on Rhein das gennsnisehe Land, sfidwirts der Donau das der Pan- 
nonier und der Moeser. Auch hier wurde kurz nach der Besetzung 
Rsetiens, und ziemlich gleiclizeiiig nach beiden Seilen hin, die Oflen- 
sife ergriflen. Üetrachlen wir zunächst die Vorgange an der Donau. 

Das Donaugehiel, allem Anschein nach bis zum J. 727 mit Ober-i:i k o- 
ilalien zn^^ammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des lUjrioanL 
Reiches ein selbständiger V♦'r\^altungsbezirk lllyrirum unter eigenem 
Statthalter. Kr bestand aus Dalmatien mit seinem liintt'rland bis zum 
Drin, wfdirend die Küste weiter südwärts seil langem zur Stalthaller- 
schaR Makedonien gehörte, und den römischen Besitzungen im Lande 
der Pannonier an der Save. Das Gebiet swiscben dem Haemus und 
der Donau bis zum schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in 
Reichsabbtagigkeit gebracht hatte , so wie nicht minder Noricam und 
Raetien standen im ClientelverbäUnifs zu Rom, gehörten also swar 
nicht SU diesem Sprengel, aber hingen doch tunichst von dem Statt- 
haller Dlyricuros ab. Auch das noch keineswegs beruhigte Thrakien 
sidlidi vom Haemus fiel militSrisch in denselben Dereich. Es ist eine 
bis in spöle Zeit bestehende Fortwirkung dieser ursprünglichen Orga- 
msatioo gewesen, daCi das ganae Donaugobiet von Raetien bis Noesien 



*) Wir k«naei diesa Strtfs« nur la Itr Gettilt, die dar Ma dft Sr- 
bawrt Kaiser Claadloa ihr gib; OTiprBagilck ktae »ie Mlirliek aickt vi» 
Ckmüm Jlwgtula ftkaibaa bakta, aMdam aar tdi AtigmHm, «ad tcbwerlich als 

ihr Bndpuokt io Itaiiea Altioam, aogerähr dss heolige Vesedit?, betrachtet «or- 
4ru itio, da unter Augustus noch alle Rcicbsstrafsea nach Rom tuhi ten. Dal« 
die Strafjse auch durch ilas obere Etschthal lief, i>t erwiestn durch deo bei 
Merao gefoodeoeo Meilensteio (C. I. L. V, 8003); dafs sie an die Uouau führte, 
ist htzeugt, die Verbiadaiig diaats Strarsesbaiis nit der Aslage voa Aagasla 
ViadaliaaM, weaa diaa aeah aaaichst aar Harktlaekaa fj^rtmj war, wahr als 
«ahrsebaialich (C L L. III f, 711); aaf walehaai Wega vaa Maraa aaa Aagahaiy 
asd die Dooao erreicht wurdeD, vtisseo wir Dicht. Spüterhio ist die Strafse 
dahin rorrif^irt worden, daTs <^ie bei Bötzen die Etsch vsrlSfst aad das Sisack- 
thal hiaaaf ikar dea Breaaer aaek Angshorg fahrt. 



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20 



ACmS WCH. KAPITEL l 



als ein ZoUbezirk unter dem Namen Illyricum im weitem Sinne zu— 
sammengefafst worden ist. Legionen standen nur in dem eigeuüichen 
Illyricum, in den übrigen Districten walirscheinlich gar keine Reichs- 
truppen, höchstens kleinere Detachements; das Obercommandu führte 
der aus dem Senat hervorgehende Proconsul der neuen Provinz , wäh- 
rend die Soldaten und die Ofüziere selbstverständlich kaiserlich warea. 
Es zeugt von dem ernsten Charakter der nach der Eroberung Raetieiift 
begiiUMDden Oflentive, dafs zunächst der Nebenherrscher Agrippa das 
Commando im Donaugebiet Qbemabni, dem der Proconsul von lUyri- 
com von Rechtswegen sich uotemordnen hatte, und dann, als Agrippas 
is plfttilklMr Tod im FrOhjabr 742 diese Comliiiialioii scbeiteni machte« 
im Jahn darauf lUyrlcom io kaiserlicbe Verwaltong überging, also 
die Itaiseriicfaen Feldherren liier das Obercommando erhielten. BaU 
bildeien sich hier drei militärische Mittelpnncte, welche dann auch die 
administratiYe Dreitheilung des I>onaogebiets herbeiführten. Die kleinen 
FOrstenthfimer in dem von Crassus eroberten Gebiet machten der 
Prwrtnt Moesien Plats, deren Statthalter fortan in dem heatigeu Serbien 
und Bulgarien die Greniwacht hielt gegen Daher und Bastamer. In 
der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Tbei! der Legionen an 
der Kerka und der Cetlina postirt, um die immer noch schwierigen 
Dalmaler im Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an 
der damaligen Reichsgrenze, der Save. Chronologisch genau läfst sich 
diese Dislocalion der Legionen und Organisation der Provinzen nicht 
tixiren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig geführten ernsthaften 
Kriege ge^'en die Pannonier und die Thraker, von denen wir gleich zu 
berichten haben werden, zunächst dazu geführt die Statthalterschaft 
von Moesien einzurichten und haben erst einige Zeit nachher die dal- 
matischen Legionen und die au der Save eigene Oberbefehlshaber 
erhalten. 

Tiberio* Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen 
loI^ilcKl" gleichsam eine Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem 
Mafsstab sind, so waren auch die Führer, welche mit dem Titel kaiser- 
licher Legaten an die Spitse gestellt wurden, dieselben; wieder die bei- 
den Prinien des kaiseriichen Hauses Tiberius, der an Agrippas Stelle 
das Commando in Blyricum übernahm, und Drusus, der an den Rhein 
ging, beide jelst nicht mehr unerprobte Jflnglmge, sondern Minner in 
der BlOIhe ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen. — An 
nächsten AnlSssen für die Kriegführung fehlte es in der Donaugegeud 



MOBMMIIIIII ITALnRh». 



2t 



nicht. RanbgesiiHlel aot PSranonien vnd sellMl aus dem (Hedlidieii 
Norieam plAnderte im Jahn 738 bis nach Istrien hinein. Zwei lahra m 
daraof ei^rilfen die ittyriichen Ptroffniblen gegen ihre Herren die 
Waffn nnd obwohl iie dann, alt Agripi» im Herbat des J. 741 daa u 
GemnuMido flbemahm, ohne Widerstand su leisten som Gehorsam 
sarflebkeliften, sollen doeh anmittelbar nach seinem Tode die Unrohen 
anb Nene begonnen haben. Wir vermögen nicht in sagen , wie weit 
diese rtaiscben Enihlungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche 
Grand und Zweck dieses Krieges war gewirs die durch die allgemeine 
politische Lage geforderte Vorschiebung der römischen Grenze, lieber 
die drei Campagnen des Tiborius in Pannonien 742 bis 714 sind wir u-io 
sehr unvollkommen nnlerrichtel. Als Ergebnifs derselben wurde von 
der Regierung die Feststellung der Donaugrenze für die Provinz 
lllyricum angegeben. Dafs diese seitdem in ihreni ganzen Laufe als die 
Grenze des römischen Gebiets angesehen wurde, ist ohne Zweifel 
richtig, al)er eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung 
dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Haupt- 
sächlichen Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon früher für 
rftmisch erklärten Völkerschaften, insbesondere die Üalmater; unter 
den damals zuerst efTectif unterworfenen ist die namhafteste die der 
pannonischen fireuker an der unteren Safe. Schwerlich haben die 
römischen Heere wihrend dieser FeMsflge die Drau auch nur Ober* 
tdnritlen, auf keinen Fall ihre Standhq^er an die Donau verlegt. Das 
Gebiet swischen Save und Drau wurde allerdings besetst und das 
Hauptquartier der ill]frischen Nordarmee von Sisda an der Save nach 
Foetom iFetlau) an der mittleren Donau verlegt, wihrend in dem tot 
knnera besetiten norisehen Gebiet die rftmischen Desatsungen bis an 
die Donau bei Gamuntum reichten (Petronell bei Wien), damals die 
leiste norische Stadt gegen Osten. Das weite und grofse Gebiet 
swischen der Drsu und der Donau, das heutige westliche Ungarn ist 
allem Anschein nach damals nicht einmal militirisch besetzt worden. 
Es entsprach dies dem Gesammtplan der begonnenen OfTensive; man 
suchte die Fühlung mit dem gallischen Heer und für die neue Reichs* 
grenze im Nordosten war der natürliche Stützpunkt nicht Ofen, son- 
dern Wien. 

Gewisserniafsen eine Ergänzung zu dieser pannonischen Expe- Thr*iHt«b«v 
dition des Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thra- 
ker von Lucius Piso unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen 



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22 



ACBTB6 BUCH. JUPITEL I 



Slallhaller, den Moesien gehaltt hal. Die beiden grolsen benachbarten 
Nationen, die lilyriker und die Thraker, von denen in einem späteren 
Abschnitt eingehender gehandelt werden wird, standen damals gieicli- 
mäfsig zur Unterwerfung. Die Völkerschallen des inneren Thrakien« 
erwiesen sich noch slörriger als die lilyriker und den von Wom ihnen 
gesetzten Königen wenig botinäfsig; im J. 738 mui'ste ein römisches Heer 
dort einrücken und den Fürsten gegen die Besser xu IlfiUe kommen. 
Wenn wir genauere Berichte über die dort w i ' hier in den Jahren 741 
bis 743 geführten Kämpfe hätten, würde da» gleichzeitige Handeln der 
Thraker und der lilyriker vielleicht als gemeioscbafiliches erscheinen. 
GewiIlB ist es, dafs die Masse der Tbrakerslämme südlich vom liaemus 
und ▼ermaUilich auch die in Moesien sitienden sich an diesem Nalio- 
nalkrieg betheillgten, und dafs die Gegenwehr der Thraker nieht minder 
hartnäckig war als die der lilyriker. Es war für sie xugleich ein Reli- 
gionskrieg; das den Bessern genommene und den römisch gesinnten 
Odrysenfttrsten Oberwiesene Dionysosheiügtbum ') war nicht vergessen; 
ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitte der Insurreclion und 
sie richtete sich tunSchst eben gegen jene OdrysenfBrsten. Der eine 
derselben wurde gefangen und getödiet, der andere verjagt; die sum 
Theil nach römischem Muster bewaffneten und disciplinlrten Insurgen- 
ten siegten in dem ersten Treffen über Piso und drangen vor bis nach 
Makedonien und in den thrakischen Chersones; man fürchtete für 
Asien. Indefs die römische Zucht behielt doch schliefslich d.is lieher- 
gewicht auch über diese lapleren Gegner; in mehreren FeUlzinien wurde 
Piso des Widerslandes Herr und das entweder schon bei dieser Gelegen- 
heit oder bald nachher auf dem 'thrakischen Ufer' eingerichtete Com- 
niando von Moesien brach den Zusaninienhang der dakisch-lhrakischen 
Völkerschaften, indem es die Stämme am linken Ufer der Donau und 
die verwandten südlirh vom liaemus von einander schied, und sicherte 
dauernd die römiäcbe Herrschaft im Gebiet der unteren Donau. 



Die Oerllichkeit, 'ia welcher die Betaer den Gott Dionysos verehreo' 
uod die Crassas ihoeo nahm uud dra Odrysen gab (Die 51, 25), iat frewif« 
derselbe Liberi patris lucus, in welchem AlexiimJer opferte und der Vater des 
Augustes, cum per secreia Thraciae cj-ercititni duceret, das Orakel wegen seines 
Sohnes befragte (Sueton Aug. 94) und das schon Herodot (i, III; vgl. Kuri- 
pidw Bee. 1367) ala wter Obh«t der Beiter ttehendei Oralifllbeiligtha« er- 
wiknt. GewiÜi bt et aoHwilrta der Rbedep« ta Melles; wiederfefeodee ist 
CS sech stellt 



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WNUMZABUB ITALIBW. 



23 



Niher noch als ron den Pannoiiiem und den Thrakern ward es Aagrit der 
den Rftnem ? on den Germanen gelegt, daCi der damalige Zustand der 



anf die Daner nicht bleiben kOnne. Die Reichsgrenae war seit 
Caesar der Rhein vom Bodensee bis tn seiner KAndang (3, 258). Eine 
TAIkerschelde war er nicht» da schon fon Alters her im Nordosten 
GaMlenB die Kdten sich tidfoch mit Deutschen gemischt hatten, die 
Treferer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen wären 
(3, 244), am mittleren Rhein Caesar selbst die Reste der Sebaaren des 
ArioTistus, Triboker (im Etsafä), Nemeler (um Speier), Vangionen (um 
>Vürms) sefjiliafl gr'maclit halle. Freilich hielten diese hnksrheinischen 
l>eulschen fester zu der rumischen Herrschull als die kellischeti l^aue 
und nicht sie haben den I.amlsleulen auf dem rechten Ufer die 
l'lorlen (ialliens geötTnet. Aber diese, seil lanjiein der Plünderzüge 
üljer den Fluf^ gewohnt und der mehrt^ich halb geglückten Versuche 
dort sicii festzusetzen keineswegs vergessen, kamen auch uiigei ufen. 
Die einzige germanische Völkerschaft jeuseil des Itlieiues, die ^^llun in 
(Jesars Zeit sicli von ihren Landsleulen gelrenul und unter römischen 
Schutz gestellt hatte, die Ubier ballen vor dem Hafs ihrer erbitterten 
Stammgenossen weichen und auf dem römischen Ufer Schulz und 
neue Wobositie suchen mflssen (716); Agrippa, obwohl persönlich m 
in Gallien snwesend, hatte unter dem Druck des damals bevorstehen- 
den sidlischen Krieges nicht vermocht ihnen in anderer Weise zu 
helfen und den Rhein nur aberschritten, um die UeberfObrung zu be- 
wirken. Aus dieser ihrer Siedelung ist spAter unser K5ln erwachsen. 
Nicht blob die auf dem rechten Rheinufer Handel treibenden Römer 
wurden vielfSItig von den Germanen geschädigt, so dafs sogar Im 
J. 729 deswegen ein Vorslolli Aber den Rhein ausgeföhrt ward und « 
Agrippa im J. 734 vom Rhein herübergekommene germanische so 
Schwirme aus GaUien hinaussuschfaigen hatte; es gerieth im J. 738 is 
das jenseilige Ufer in eine allgemeinere auf dnen Einbruch in grofsem 
Mafsstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr i^iuu 
gingen voran, mil ihnen ihre iNachbaren, nOrdlicli im Lippeihal die ^^•**'*'S** 
llsiper, südlich die Tencterer; sie griffen die bei ihnen verweilenden 
römisclien Handler auf und schlugen sie ans Kreuz, überschrillen 
dann den Rhein, plünderten weil und breit die gallischen Gaue, und 
als ihnen der Slalthaller von Germanien den Legaten Marcus Lol- 
hus mil der fünften Legion entgegenschickte, fingen sie erst deren 
Reiterei ab und schlugen dann die Legion selbst in sciiimpQicbe Flucht, 



24 



ACBTI8BQ€H. lAPlTBL 1. 



wobei ihnen aogar deren Adler in die Hände fiel. Nach allem diesem 
kehrten sie unangefochten lurück in ihre Heimath. Dieser Bliliserfolg 
der rOmiMhen Waffen, wenn auch an sich nicht von Gewicht, war doch 
der germanischen Bewegung und selbst der schwierigen Stimmung ii 
Gallien gegenflbar nichts weniger als unbedenkUch ; Augustus selbst 
ging nach der angegriffenen Provini und es mag dieser Vorgang wohl 
die nicbste Veranlassung gewesen sein lur Auftiahme jener groben 
u Offensife, die mit dem raetiscben Krieg 739 beginnend weiter au den 
FeldiOgen des Tiberius in lUyricum und des Drosus in Germanien 
führte. 

i>rMu [M Nero Claudius Drusus, geboren im J. 716 von Um im Hause 
g^^ttiP neuen Gemahls, des späteren Augustus und Ton diesem gleich 
einem Sohn — die bAsen Zungen sagten als sein Sohn — ge- 
liebt und gehalten, ein Bild minnlicher Schönheit und ?on gewinnender 
Anuiuih im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein tüchtiger Feldherr, 
dazu ein erklärter Lubredner der allen republikanischen Ordnung und 
in jeder Hinsicht der populärste i'riiiz des kaiserlichen Hauses, übernahm 
13 bei Augustus Rückkehr nach Italien {Hl) die Verw^ikuiig von Gallien 
und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt 
ernstlich in das Auge gefafst ward. Wir vermögen weder die Stärke 
der damals am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen 
obwaltenden Zustände genügend zu erkennen; nur das tritt deutlich 
hervor, dafs die letzteren nicht im Stande waren dem geschlossenen 
Angrill in entsprechender Weise zu begegnen. Das Neckargebiet, ehe- 
mals von den Uelvetiern besessen (2, 166), dann lange Zeit streitiges 
Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag ver6det und be- 
herrscht einerseite durch die jüngst unterworfene Landschaft der 
Vindeiiker, andrerseits durch die römisch gesinnten Germanen um 
Straieburg, Speier und Worms. Weiter nordwirls in der oberen Main- 
gegend saljBen die Marcomanen, vielleicht der miehtigate der suebischen 
Stämme, aber mit den Germanen des Mitteb*hems seit Alters her ver- 
feindet. Nordwirts des Mains folgten luntehst im Taunus die Chatten, 
weiter rhemabwärto die schon genannten Tencterer, Sugambrer und 
Usiper; hinter ihnen die mächtigen Cherusker an der Weser, aufser- 
dem eine Anzahl Völkerschaften sweiten Ranges. Wie diese mittel- 
rheinischen Stämme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das 
römisdie Gallien ausgefShrt hatten, so richtete sich auch der Ver- 
geltungsiug des Drusus hauptsächlich gegen sie, und sie auch verban- 



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fNMLMABm ITAUINt 



15 



deo neb gegen Drasus zur geraeinschafiiichen iUbwehr und zur Auf- 
eteHoiig eines aus dem Zuzug aller dieeer Gaue lu bildenden Volks- 
heen. Aber die ftieeiBchen SUnime an der Nordaeekflsto tchleaaen 
aieh nichl an, aondem ferbarrlen in der ihnen eigenen boUning. 

Ee waren die Germanen, die die Oflbnaive ergriffen. Die Sugam- 
bier and üire VerbAndelen grtfTen wieder alle Rftroer auf, deren aie 
anf ihrem Ufer habhaft werden konnlen, und aehlngen die Centorionen 
damnter, ihrer twanzig an der Zahl, anaKreui. Die TerbAndelen Stimme 
beac Mo eaen abennala in Gallien eimulbUen und tbeilten auch die Beut« 
im Toraus — die Sugimbrer aolilen die Leute, die Ghernaker die 
Pferde, die iuebischen Stimme das Geld und Silber erhalten. So Ter- 
suchten sie im Anfang des J. 742 wieder den Rhein zu üherschreiten u 
rnid hoCTten auf die Unterstülzung der linksrlieiiiisclien (jcrmanen 
und selbst auf eine Insurreclion der eben dainais durch das unge- 
wohnte Schälzungsgesicliäfl erregten gallischen (iaue. Aber der junge 
Feldherr traf seine Mafsregeln gut: er erstickte die Ihwegung im 
römischen Gebiet, noch ehe sie recht in Gang kam, warf die Eindrin- 
genden bei dem Mufsübergang sell)st zurück und ging dann seinerseits 
über den Strom, um das Gebiet der U8ii>er und Sugamhrer zu brand- 
schatzen. Dies war eine vorläufige Abwelir; der eigentliche Kriegs- 
plan, in gröfserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung 
der rSordseeküste und der Mündungen der £ms und der Elbe. Der 
ablreiche und ta|»fere Stamm der Üa laver im Rbeindelta ist , allem 
Anschein nach damala und durch gütliche Vereinbarung, dem römischen 
Ileiche einferleibt worden; mit ihrer Hülfe wurde vom Rheine zum 
Zuyderaee und aus diesem in die Nordsee eineWasserverbiDduDg her- 
gestellt, weli'be der Rheinflotte einen sichreren und kflraeren Weg lur 
Ems- und Elbemftndnng erftflbete. Die Friesen an der NordkOste 
folgten dem Beispiel der Bataver und filglen sieh gleiehfells der Fremd- 
herrschaft. Es war wohl mehr noch die maliihaltende Politik als die 
militäriscbe Uebergewalt, die hier den Römern den Weg bahnte: diese 
Völkerschaften blieben fest gans steuerTrei und wurden sum Kriegs- 
dienst in einer Weise berangeiogen, die nicht schreckte, sondern 
lockte. Von da ging die Expedition an der NordseekOste hinauf; im 
offenen Meer wurde die Insel Burchanis (vielleicbt Borkum vor Ost- 
fHesland) mit stürmender Hand genommen, auf der Ems die Bootflottc 
der Utuclerer von der römischen Flotte besiegt; bis an die Mündung 
der Weser zu den Chaukera ist Drusus gelangt. Freilich gerielh die 



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ACHTBS BCCH. KAPITBL !• 



Flotte heimkehrend auf die gefahrlichen und unbekannten Watten und 
wenn die Friesen nicht der schifTbrächigen Armee sicheres Geleil ge- 
währt hitlen, wäre sie in sehr kritische Lage geralhen. Nichtsdesto- 
weniger war durch diesen ersten Feldzug die KAste von der Rhein- 
zur Weserroöndung römisch geworden. 

Nachdem also die Käste umfaHit war, begann im nftcbsten Jahr 

11 (743) die Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich er- 
leichtert durch den Zwist unter den mittelrheinischen Germanen. Zu 
dem im Jahre vorher ?ersuchten AngrifT auf Gallien hatten die Chatten 
den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in begreiflichem, aber noch 
viel mehr unpolitischem Zorn hatten die Stigambrer mit gesammter 
Hand das Ghattenland öberfallen, und so wurde Ihr eigenes Gebiet so 
wie das ihrer nächsten Naclibaren am Rhein ohne Schwierigkeit von den 
Uümern iH'selzt. Die (lliaUen unterwarfen sich dann den Feinden ihrer 
Feinde oline Geyenwehr; niclils (le>lo weniger wurdtn ^ie angewiesen 
diis Rheinnfer zu räumen und dafür dasjenige Gel)iet zu beselzen . das 
ilaliiii die Sugntuhrer inne gehabt halten. Niclil iniruier unterlagen 
weiter landein wärls die mächtigen (>lierusker an der milliereii We^er. 
Die an der unleren sitzenden ('hauker wurden, wie ein Jahr zuvor von 
der Seeseile, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesammle 
Gebiet zwischen Hhein und Weser wenigstens an den militärisch ent- 
scheidenden Stellen in Besitz genommen. Der Hfickweg wäre aller- 
dings, eben wie im vorigen Jahre, fast verhängnifsvoU geworden; hei 
Ärhalo (unbekannter Lage) sahen sicii die Römer in einem EngpafsTon 
allen Seiten von den Germanen umzingelt und ihrer Verbindungen ver- 
lustig; aber die feste Zucht der Legionare und daneben die iibermOthige 
Siegesgewifsheit der Deutschen verwandelten die droliende Niederlage 

10 in einen glänzenden Sieg Im nächsten Jahr (744) standen die Chatten 
auf, erbittert Aber den Verlust ihrer alten schOnen Heimstatt; aber jetzt 
blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnäckiger Gegenwehr 
und nicht ohne empßndlichen Verlust von den Römern fiberwältigt 
9 (745). Die Marcomanen am oberen Main, die nach der Einnahme des 
Chattengebiets zunächst dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus 
und zogen sich rückwärts in das Land der Roier, das heutige Böhmen, 
ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren Machtkretse Roms ent- 



') Dafs die Schlaclit bei Arb.ilo (Plinius h. n. 11. IT, 55) in dieses Jahr 
i;«kürtj zei|;t Obsequeus 72 uud aUu |;ebt auf sie die LiziibiuDg bei Üio 54, 33 



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KQUMMRII ITALIM. 



27 



röcki waren, io die Kimpfe im Rbiin «nsogreHSni. In dem ganten 
Gebiel iwiacben Rhein und Weaer war der Krieg au Ende. Dnisua 
kennte im J. 745 im Gbemakergan daa raehte Weaerufer betraten und • 
▼on da vergaben bia an die Elba, die er nicbt Aberaebritt, fermutbliek 
angewicaen war niebt in Aberaehreltan. Manehea barta Gefecbt wurde ge- 
liefiMl, erfolgreicberWideratand nirgenda geleiatet. ilber auf dem R&ek- i>'mm t«4 
weg, der wie ea aebeint die Saale binauf und fon da zur Weaer ge- 
nommen ward, traf die Römer ein ich wem* Sehlng, niebt durch den 
Feind, aber durch einen unberechenbaren Unglücksfall. Der Feldherr 
stürzte mit dem l'ferd und brach den Schenkel; nach dreifsiplägigen 
Leiden verschied er in dem fernen Lande zwisclien S.iale mul Weser'), 
(Ijs nie vor ihm eine rüniische Armee bcLielen halle, in den Armen 
des aus Rom herljeigeeiiten Bruders, im dreifsigslen Jahre seines Allers, 
im Vidlgefühl seiner Kraft uad seiner Erfol^'e, von den Seini^en und 
dem ganzen Volke lief und lanpe helrauerl. vielleicht glücklich zu 
preisen, weil die Göller ihm gal)en jung aus dem Leben zu scheiden 
und den Kntiäuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die 
ilöchstgesteilten am schmerzlicbsten treffen, während in der £riauerung 
der Welt noch heute seine glänzende Heldengestalt fortlebt. 

In dem grofiien Gang der Dinge änderte, wie billig, der Tod dear«v(^rMa 
tächtigen Feldherm nichta. Sein Bruder Til»eriua kam firäh genug, ^i^tt!^ 



TibcriiM. 



*) Mb i«r Stan im Dmet ta iw Snl^gcgeii «rfolfta, wlri nt 
StrtW« 7, 1, 3 ^. S91 a«f*lgtrt werte« tirfee, obwehl er oer sift, daf« er 

anf den Heerzoge zwiscbeD Salas nod Rkein umkam und die Ideotificatioo des 
Salas mit der Saale allein auf der iNameosähnlic-liikCit beruht. \ nu der IIa* 
f;l'irls<tatte nv iirde er dann bi.s iu das Soininecliificr traos()urtit t (Seucca oons. 
ad Marciam 3: iptis illum hostibus aef^nim cum veneratione et pace mulua 
prosequentibus nee o^re quod eJcpediAat attdenttbus) oed in diesen Ist er 
geeterkea (aMtoa CM. 1). Met lag lief im Btrbarealepd (Valeriot Mai. 
ft, 5, 3) ni Bieht allsoveit res im SrhlsehtfeM« ict Varoe (Taettia mm. 
2, 7, HO die vetus ata Druso nta {Ecwifs aof deo Sterbep!ats zu bezicheu ist); 
man wird dasselbe im Weserfrebict suchen dürfen. Die Leiche nunle dann in 
dai Winterlaper geschalTt (Dio 55, 2) und dort vcrbraiiiit; diese Statte galt 
Dach römischem Gebrauch auch als Grabstätte, ob\%obl die Beisetzuag der 
Asche io Rom stattfaod, uod darauf ist der hnnorarim iumtilu* mit ier jikr- 
lickaa Leieheafeler m beiiekea (Soetea a. a. 0.). WaHrtehaialieh bat aaa iHMm 
Slitta ia Vetara aa aachea. Weaa eia ipitarar Scbriftetallar (Satrap 7, 13) vaa 
4eai wmmmeKttm dee Orasae bei Maiaa aprieMi, la tat dies nicht weU das Gra^ 
nal, soadern das anderweitig erwähnte TropaaaB (Florns 2, SO: Marcomanorum 
MpciüM $t m$ig«ikU9 pmdmn tdäum tumnAm la irofmH wMdum ^xoolmii) 



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28 



AGRB WD&L KAMm L 



nicht Mofii um ihm die Aogm nnadrAcken, sondern aneh am mft 
seiner sieheren Hend das Heer surOek und die Erolwrang Germanieos 
iveiter au fuhren. Er eommandine dort wihrend der beiden folgenden 
f Jahre (746. 747); tu grftfteren Kimpfen ist es wihrend derselhen nicht 
gekommen, aber weit und breit swischenllhem und Elbe leigten sich die 
römischen Truppen und als Uberios die Forderung steUle» dalk simmt- 
liehe Gaue die rftmischo Herrschaft flVrmlich anmerkennen hStten und 
sogleich erkUrte die Anerkennung nur von simmtlichen Gauen zugleich 
enigegeonehmen so können, fügten sie sich ohne Ausnahme, suletst 
von allen die Sugambrer, fOr die es freilich einen wirkliehen Frieden 
nicht gab. Wie weit man militärisch gelangt war, beweist die wenig 
später fallende Expedition des Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser 
konnte als Stallhalter von Illyricum, wahrscheinlich von Vindelicien aus, 
einem unsteten Heiniuiulurenschwarm im Marcomanenlande selbst 
Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an und über die 
obere Elbe, ohne auf Widerstand zu trelTen*). Die Marcomanen in 
Böhmen waren völlig isolirt und das übrige Germanien zwischen Rhein 
und Elbe eine wenn auch noch keineswegs befriedete römische Provinz, 
u^r am Die militärisch - politische Organisation Gernianiens, wie sie da- 
Bb«iaaf«r. mals angelegt ward, vermögen wir nur unvollkommen zu erkennen, 
da uns einmal über die in früherer Zeit sum Schutz der gallischen 
Ostgrenie getroffenen Einrichtungen jede geusue Kunde fehlt, andrer- 
seits diejenigen der beiden Brüder durch die spätere Entwickelung der 
Dinge grofsentbeiJs zerstört worden sind. Eine Verlegung der romi- 
schen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs stattgefunden; so weit 
wollte man Yielleicbt kommen, aber war man nicht. Aehnlich wie in 
lUyricom damals die Donau, war die Elbe wohl die politische Reichs- 
grenie, aber der Rhein die Linie der Greni? ertheidigung, und Ton den 
Rheinlagem liefen die rflckwirtigen Verbindungen nach den grolben 
StSdten Galliens und nach dessen Hlfon*). Das grofte Hauptquartier 



Die Mittheilung Dios 55, 10«, zam Theil bestätigt darch Tacitos 100. 
4, 44, kann nicht anders aufgefasst werden. Diesem Statthalter iDafs ausnahms- 
w«ia6 moh N«rlcrai und Ractien mteratslll fewMM aete «dar dw Lnt der 
Opentfooea varaalalMe Iba 4ie Graaia aalaer StatÜMltaradiaft tii Sbartakraltaa. 

Dab er Böhmen selbst darchschritten habe, vraa te aaeh grSfsara Sdiwiariffcaftaa 
verwickeln würde, fordert der Bericht nicht. 

') Auf eine rückwärtige Verbindung der Rheiolager mit dem HaFen von 
fioalogne dürfte die viel heatritteoe Motii dea Floroa 2, 3ü sa beziehen aeia t 



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noBMURn ifiuns. 



29 



-während dieser Feldzöge ist das spätere sogenannte *alte Lager', Castra 
fetera (Birten bei Xanten), die erste bedeutende Höhe abwirU Bonn am 
fisken Rhein ufer, militärisch etwa dem heutigen Wesel am rechten en^ 
ipmheiMl. Dieser Plati, beaelH fielleieht Mit den AoHngen der Römer» 
kcmebaf i am RbeiB, itl voo AngusUu eingerichtet worden als Zwingborg 
fitar Gennanieii; und nenn die Featong la allen Zeilen der StAtipunel 
fikr die römiacfae Mmaife an linken Bheinttrer gewesen ist, so war aie 
ifir die Infasion des rechleo nicht weniger wohl gewiUt, gelegen ge- 
genAber der Mdndnng der weit hinauf achHlbaren Lippe und mit dem 
rechlen Ufer durch eine feste Bröeke verbunden. Den Gegensati tu 
diesem "allen Lager* an der HAndung der Lippe büdele wahrseheinlieh 
das an der MOndung des Main, Mogontiaeum, du beutige Maini, 
allem Anachein nach eine SchApfung des Drusus; wenigstens zeigen die 
schon erwähnten den Chatten auferlegte Gebietsabtretungen, so wie die 
weiterhin zu erwäimenden Anlagen im Taunus, dafs Drusus die 
militärische Wichtigkeit der Mainlinie und also auch die ihres Schlüs- 
sels auf dem linken Rheinurer deutlich erkannt hat. Wenn das l>e<- 
gionslager an der Aar, wie es scheint, eingerichtet worden ist um die 
Raeter und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten (S. 17), so fällt dessen 
Anlage Termuthlich schon in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den 
gallisch -germanischen Mililüreinrichlungen nur äufserlicb verknüpft 
gewesen. UasSlrafsburger Lcgionslager reiclit schwerlich bis in so frühe 
Zeit hinauf. Die Basis der römischen Heerslellung bildet die Linie 
▼on Mainz bis Wesel. Dafs Drusus und Tiberius, abgesehen von der 
damals nicht mehr luuserliclien narhonensischen Provinz, sowohl die 
Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Commando der sammt- 
lichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen 
Primen abgesehen mag damab wohl die CivUverwallung Galliens von 
dem Commando derRheinImppen getrennt geweaen sem, aber schwer- 
lidi war dis lelHere damals schon in twei coordinirte Commandos ge- 



Bimnam (oder Bormam) tl GesMOriaeutn pontibus iunxit classüfusque ßrmavü^ 
wMift s« varfM«hta siii die vea toialbM Mriftttollar erwXbatta Caitelle 
«■ dar Maai. Boaa kaaa UmmU fSf lieh dia Stalioa dar Bbaialotta fewasea 
aaia; Baalogae ist aach in spSterer Zeit noch Flotteaitation feweien Drusus 
koaote wohl Varaolassuo^ haben deo kärzesteo nod sichersten Landweg 
zwischen den beiden Flotteola^ern für Transporte braachbar zu machen, wenn 
auch der Schreiber wahrscheinlich, uui das Auffallende bemüht, durch zuge- 
spitzte AosdrocksweiM Vorstellungeo erweckt, die so nicht richtig sein können. 



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80 



ACHTBS BUCH. KAPITEL I. 



theill^). — Ueber den Bestand der damaligen Rheinarmee können wir 
nur etwa sagen, dafs die Armee des Drusiis schwerlich stärker, viel- 
leicht geringer war als die , welche zwanzig Jahre später in (iermanien 
stand, von tünl bis sechs Legionen, etwa 50 000 bis 60 000 Mann. 
SteUunepn Diescil mililärischen Einrichtungen am linken Rheinuler sind die 

Km recht« ti " 

Bh0iauf«r. am rechten g«'trofTenen correlat. Zunächst nalimcn die Römer dieses 
selbst in Besitz. Es traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings 
die Vergeltung für den erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlage- 
nen Centurionen mitgewirkt bat. Die zur Eriilärung der Unterwerfung 
abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation, wurden gegen das 
Völkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den ilalisciien 
Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 K5pfe 
aus ihrer Heimath enifenit und auf dem gallischen Uferangesiedelt, wo 
sie später fieUeicht unter dem Namen der Gugemer begegnen. Nur 
ein geringer und ungefährlicher Ueberrett des miehtigen Stammes 
durfte in den alten Wobnsitien bleiben. Aueb suebiscbe Haufen sind 
nach Gallien abergefOhrtt andere Völkerschaften weiter landeinwirta 
gedringt worden, wie die Marser nnd ohne Zweifel auch die Chatten; 
am Mittelrhein wurde überall die eingeborene Bevölkerung des rechten 
Ufers verdringt oder doch geschwicht. Lings dieses Rheinufers wur- 
den femer befestigte Posten, flinfeig an der Zahl, eingerichtet Vorwärts 
Mogontlacum wurde das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdero 
der Gau der Mattlaker bei dem heutigen Wiesbaden, in die römischen 
Linien gezogen und die Hohe des Taunus stark befestigt') Vor allem 

>) Ueber die «dmioistrative Theilaog Gallieas Fehlt es, aligetAbsi voa der 
Abtrennung der Narboueosis, an allen Nachrichten, da sie nar auf kalftarliidieB 
Verfiimin^cn beruhte und darüber oirhts in die Scnatsprotoknlle kum. Abor 
von der Existenz eines gesonderten ober- und unterpermanischen Comraandos 
geben die erste Kunde die Feldzöge des Germanicua, und die \ arusschlacht ist 
utffr jener VorauselseBK kai« m veratcfeM; hier «raeheioea woki die hi" 
b«rna ii^/Mara, die veo Vetera (Velleiu 8, 120), nad dea Gegeaaats data, 
die wptriorm kSaaea aar die voa Mainz gemacht haben, aber aaeh diese ttehea 
Dicht anter einem Collegen, sonders anter den Neffen, also einem Unterbefebls« 
haber des Varas. Wahrscheinlich hat die Theiinng erst in Felge der JXieder- 
Inge ia den letzten Jahren des Augustus stattgei'anden. 

*) Das ^on Drusus in monte Tatnto angelegte praesidium (Tacitus ann. 
1, 66) nad das Bit Alisa sasaneagestellle tfQovQMv h Xmtois naff' mn^ 
*Pi}vy (Die 54, SS) siad wsbrscheialieh ideatiaeh, oad die beseadere Stel- 
laag des Mattiakergaos hXagt aageasekelalieh aiit der Aafaige vea Megeatiaeaa 
sassnea. 



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RCMMHiBKKIB ITALIEMd. 



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al)er wunle vouV'elera aus die Lipp^linie in Besitz genommen; von <lei* 
«loppelun von Tagemarsch zu Tagemarscli mit Caslellcn iMisel/len Mili- 
lärstrafsc an den t>eiden Lfern des Flusses ist wenigstens die rerhts- 
uferige sicher ehenso das Werk des Drusus wie dies hczeugt ist von der 
Festung Aliso im Quellgebiet der Lippe, wahrsclieinhch dem heutigen 
Ditrfe Elsen unweit Paderborn Daxu kam der schon erwihnte Kanal 
von der Hlieinmünduog nni Zuidersee und ein von Lucius Domitius 
Ahenoltarbua durch das suni|»fige Flachland iwiacben der Ems und dem 
ilolerrbeio getogener Damm, die sogenannten ^langen Brächen'. 
AuCierdem standen durch das ganse Gebiet aerstrenl einielne rftmisehe 
Poeten; dergteicben werden s]»lterhm erwihnt bei den Friesen und den 
Qiaukem, und in diesem Sinne mag es richtig 8ein,dalii die römischen 
Besatzungen bis rar Weser und bis nir Eibe reichten. Endlich lagerte 
das Heer wohl im Winter am Rhein, im Sommer aber, auch wenn 
nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden, durchgängig im 
eroberten Lande, in der Regel bei Aliso. 

Aber nicht blob militärisch richteten die R5mer in dem neuge- OrfaBt«*«!» 
wonnenen Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten wie oera>»iiien! 

*) Dafs das *Castfll am Zusammcnnurs des F.iipias und des Helisou' 
bei Dio 54, 33 idrntisrh ist tuit dem öfter genanuten Alisa und dies an der 
oberea Lippe gfsucbt «erden niuf», ist keioero Zweifel uoterworfea, und dafs 
4a» riMiaci« Wfolerlager tm de* Lippe^iaelleo (ad caput Lufiut Velleiat % 
105), wtcre» WisMoi das docige d«rartif6 a«f fermaitcheM Bodes, ebea 
dort sa saehoo ist, wooffttoas tohr wahrieheiolicli. Dafs dio beidea aa der 
Lippe hin laorenden Rönerstrarsrn und deren befoalifte .Marsrh1aj[^er wenigstem 
bis Iii (>e;rend von Lippstadt fiihrten, haben namentlirh I1«i|£ermann<i Toter- 
»u<'hiiriK^n darfft-lhan. Die obere Liftpe bat nur finen namhaften Zuflul's, die 
Almr, und unweit der Mündung dieser iu die Lippe das Dorf tllseo Ue|tt, 
so darf hier der i^amca^ähalichkeit einiges Gewicht beigelegt werdeo. — Dor 
AaaetsQsf voo Aliao aa der Miodaag dor Glooao («ad Lioaa) ia die Lippe, 
«eleho aalor aadera Schaidt vortritt, at^t voraehailieh eatgegea, dar« das 
Lagor ad tmput Lupiae dann von Aliso voridUeden gewesen »ein rnars, öbfr- 
lavpt dieser Funkt von der Weserlinie zu weit abliegt, während von El^ea 
aos der Weg geradezu durch die Dörenschlacht in das Werrathal führt. L'ebcr- 
haupt bemerLt Schmidt ( \\ rvtralisrhr Zeitschrift für Gesch. und Alterthums- 
kunde 20 25'J), kein Anhänger der IdentiGcatioo von Ali»o und Elsen, 
dab die Moa voa Wovor (eawoit Blaoa) vad überhaupt dor lialto Thalraad 
dor AlaM dor Mlttolpaakt daoa HalMwaiao« aiad, «alokoo dio vorHagoadoa 
€ebirfo bilde» oad diaaa hoo b go l aiioaa, trockoao, bia su deai Gebirge eiao 
geaaoe L'ebersicht gestattende Gegend, welche das gaase lippiscbe Ltaad deckt 
ood selbst in der Front durch die Alme gedeckt ist, sieb gut oigBOt aon A«S- 
gaagspankt eines Zoges gegeo die Weser. 



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32 



ACHTES BUCH. KAPITEL I. 



ander« Profiniialea iwa dem rtaiiebeD Statthalter Recht an nehasen 
und die Sommereipedilioiien dea FeMherm entwickelteii aich aOaiih- 
lieh IQ den flUiehen Gericbtsreiaen dea Statthalten. Anklage und Yer- 

theidigung der Angeschuldigten fand in lateinischer Zunge statt; die 
römischen Sachwalter und Rechts beistände begannen wie diesseit so 
jenseil des Rheines ihre ül)€rall schwer empfundene, hier die solcher 
Dinge ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte 
viel zur völligen Durchführung der provinzialen Einrichtung; an förm- 
liche Umlage der Schätzung, an regulirle Aushebung für das römische 
Heer ward noch nicht gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben 
jetzt in Gallien im Anschlufs an die daselbst eingeführte gültliche Ver- 
ehrung des Monarchen eingerichtet ward, so wurde eine ähnliche Ein- 
richtung auch in dem neuen Germanien getroffen ; alsDrusus für Gallien 
den Auguslusallar in Lyon weihte, wurden die zuletzt auf dem linken 
Rheioufer angeaiedelten Geraianen, die Ubier, nicht in dieae Vereini- 
gung aufgeDommen, aondeni in ihrem Hauptort, der der Lage nach lür 
Germanien ungefähr war, was Lyon für die drei GaUien, ein gleicharli* 
ger Altar iär die germanischen Gaue errichtet, dessen Priester tlium 
im Jahre 9 der junge Chemakerfllrat Segimundiia, dea Segealea Sohn, 
verwaltete. 

Tib«riu. Den voUen militiriachen Erfolg hraeh oder nnterhrach doch die 
Tom Ober- kaiaerliche FamilienpoUtik. Das ZerwOrftaifa twiachen Tiberina und 
*^'*^'« aeinem Stiefvater fikhrte data, da& jener im Anfang dea J. 748 daa 
Commando niederlegte. Daa dynaatiache Intereaae geatatlete es nicht 
umÜMaende militftriaehe Operationen anderen Generalen ab Prinaan dea 
kaiaerliehen Hanaea aniuvertranen; und nach Agrippaa und Druana Tod 
und Tiberina Rflcktriti gab ea fähige Feldherm in demaelhen nicht 
Allerdings werden in den sehn Jahren, wo Statthalter mit gewöhn- 
licher Befugnifs in Illyricum und in Germanien schalteten, die mili- 
tärischen Operationen daselbst wohl nicht so vollständig unterbrochen 
worden sein, wie es uns erscheint, da die hulisch gefTirble L'eberlie- 
ferung über die mit und die ohne Prinzen geführten Cunipagnen nicht 
in gleicher Weise belichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, und 
dieses selbst war ein Rückschritt. Ahenobarbus, der in Folge seiner 
Verschwägerung mit dem kaiserlichen Hause — seine Gattin war die 
Schwestertochter Augusts — freiere Hand hatte als andere Beamte und 
der in seiner illyrischen Statthalterschaft die Elbe überschritten batie, 
ohne Widerstand zu finden, erntete später aU Slallballer Germaniens 



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HOEMABNZB ItAUIMI. 



88 



dort keine Lorbeeren. Nicht blofs die Erbitterung, auch der Mutli der 
Germanen waren wieder iin Steigen und im J. 2 erscheint das Land 
wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Wafl'en, 
Inzwischen hatte am Kaiserhofe der Tod sich in's Mittel geschlagen 
und der Wegfall der jungen Söhne des Augiistus diesen und Tiberius 
ausgesöhnt. Kaum war diese Versöhnung durch die AniMhoie an Tiberiiu 
lÜDdesstatt besiegelt und proclamirt (J. 4)« ao nalun Tiberius das (fTrt'j. 
Werk da wieder auf, wo es unterbrochen worden war, und führte 
abermals in diesem and den beiden folgenden Sommern (J. 5 — 6) die 
Heere dber den Rhein. Es war eine Wiederholung und Steigerang 
der froheren Feldiüge. Die Cheruaker wurden im eraten FeUiugt 
die Chauker im iweiten tum Gehoraam lurflckgebraeht; die den Ba- 
UTem benachbarten und an Tapferkeit nicht naehatehenden Can- 
nenebten, die im Qudigebiet der Lif^ und an der Erna aitienden 
Bracterer und andere Gaue mehr unterwarfen aicfa, ebenao die hier 
laerat erwihnten mächtigen Langobarden, damala hauaend twiachen 
der Weaer und Elbe. Der erateFehhog fflhrte über die Weaer hinein in 
daa Innere; In dem iweiten atanden an der Elbe aelbat die rOmiachen 
LegjMmen dem germanlaehen Landalnrm am andern Ufer gegenttber. 
▼om J. 4 auf 5 nahm, es scheint zum ersten Mal, das römische Heer 
das Winterlager auf germanischem Boden bei Ahso. Alles dies wurde 
erreicht ohne erhebliche Kämpfe ; die umsichtige Kriegführung brach 
nicht die Gegenwehr, sondern machte sie unmöglich. Diesem Feld- 
herrn war es nicht um unfruchtbare Lorbeeren zu thun, sondern um 
dauernden Erfolg. Nicht minder wurde die Seefahrt wiederholt; wie 
die erste Campagne des Drusus, so ist die letzte des Tiberius aus- 
gezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. Aber die römische 
Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Küste der Nordsee bis zum 
Vorgebirge der Ciinbrer, das heifst zur jütischen Spitze, ward von ihr 
erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe hinauffahrend, mit dem 
an dieser aufgestellten Landheer. Diese zu überschreiten hatte der 
Kaiaer iuadrücklich unteraagt; aber die Völker jenseits der Elbe, die 
eben genannten Gimbrer im heutigen Jülland , die Charuden südlich 
Ton ihnen, die mächtigen Semnonen zwischen Elbe und Oder traten 
wenigrtena in Beiiehung m den neaen Nachbarn. 

Man konnte meinen am Ziel aa sein. Aber eines fehlte doch noch FtUnr 
mr Heraleilung dea eiaenien Ringea, der Grofikleutacbland umklammem JSSSl 
aolUe: es war die BerateUung der Verbindung iwiachen der mittleren 



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34 



ACHTES BUCH. EAPITEL l 



Donau und der oberen Elbe, die ßesitznahme des alten Boierheims, das 
in seinem Bergkranz gleich einer gewaltigen Festung zwiscben Noricum 
und Germanien sicli einschob. Der König Maroboduus, aus edlem 
Marcomanengeschlecht, aber in jungen Jahren durch längeren Aufent- 
halt in Rom eingeführt in dessen straffere Heer- und Staatsordnung, 
hatte nach der Heimkehr, vielleicht während der ersten Feldzüge 
des Drusus und der dadurch herbeigeführten Uebersiedelung der Marco- 
manen vom Main an die obere Elbe, sich nicht blofs zum Fürsten seines 
Volkes erhoben, sondern auch diese seine Herrscbafl nicht in der 
lockeren Weise des germanischen Königthums, sondern man möchte 
sagen nach dem Musler der augostischen gestallet Aufser seinem 
eigenen Volk gebot er Aber den m&chtigen Stamm der Lugier (im 
heutigen Schlesien) und seme GUentd muh sich über das gante Gebiet 
der Elbe erstreckt haben, da die Langobarden und die Semnonen als ihm 
unterthänig beieichnet werden. Bisher hatte er den Rftmem wie den 
flbrigen Germanen gegenObor YftUige NeutraliUt beobaehlet; er ge- 
wihrte wohl den flfichtigen Römerfeinden m seinem Lande eine Fkw» 
statty aber tiditig mischte er sich in den Kampf nicht, nicht einmal, als 
die Hermunduren von dem römischen Statthalter auf marcomanischem 
Gebiet MTohnsitie angewiesen erhielten (S. 28) und als das linke Elb- 
ufer den Römern botmäfsig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht, aber 
er nahm alle jene Vorgänge hin, ohne darum die freundlichen Bezie- 
hungen zu den Römern zu unterbrechen. Durch diese gewiCs nicht 
grofsartige und schwerlich auch nur kluge Politik hatte er erreicht als 
der letzte angegriffen zu werden; nach den vollkommen gelungenen 
germanii^chen Feldzügen der Jahre 4 und 5 kam die Reihe an ihn. 
Von zwei Seiten her, von Germanien und Noricum aus rückten die 
römischen Heere vor gegen den böhmischen Bergring; den Main hin- 
auf, die dichten Wälder vom Spessart zum Fichtelgehirge mit Axt und 
Feuer lichtend, ging Gaius Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, 
wo die iUyrischen Legionen durch den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, 
Tiberius selbst gegen die Marcomanen vor; die beiden Heere, sn- 
sammen zwölf Legionen, waren den Gegnern, deren Streitmacht auf 
70 000 Mann su Fufs und 4000 Reiter geschätzt wurde, schon der Zahl 
nadi iiut um das Doppelte überlegen. Die umsichtige Strategik des 
Feldherm schien den Erfolg auch diesmal völlig sichergcstslltsu haben, 
als ein plötdicber Zwischenfall den weiteren Vormarsch der Römer 
unterbrach. 



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35 



Die dalmatinischen Völkerscharien und die pannonischen wenigstens Daiir«ti«ch- 
des S.ivegebietcs gehorchlen seit kurzem den römischen Statthaltern: Aif- 
aber sie ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor 
allem wegen der ungewohnten und schonungslos geliandhabten Steuern. 
AU Tiberius späler einen der Führer nach den Gründen des Abfalls 
fragte, antwortete ihm dieser, es sei geschehen, weil die Römer ihren 
Heerdeo xu Hütern nicht Hunde noch Hirten, sondern Wölfe setzten. 
Jetzt waren die Legionen ans Dalmatien an die Donau geführt und di« 
wehrhaften Leute aofgeboten worden, um eben dahin rar Verstärkung 
der Armeen geaendet la werden. Diese Mannachafften maehten den An- 
fing und ergriffen die WafliBii nicht fQr, aondern'gegen Rom; ihr 
Ffthrer war ein Daeaitiate (nm Senjevo) fiato. Dem Beispiel folgten 
die Pannonier unter Führung iweier Breuker, eines anderen Bato und 
des Pinnee. Mit unerhörter Schnelligkeit wsd Eintrichtigkeit erhöh aich 
gns nijricom; auf 200000 tu Fob und 9000 tu Pferde wurde die 
Zahl der inaurgirten Hannschaflen geschitit Die Aushehung für die 
AüOiartruppen , welche namentlich hei den Pamioniem In hedeu- 
imdem Malhe atatlftnd» hatte die Kunde des römischen Kriegswesens 
nilbach mit der römischen Sprache und selbst der römischen Bildung 
io weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten römischen Soldaten 
bildeten jetzt den Kern der Insurrection Die in den insurgirten 
Gebieten in grofser Zahl angesessenen oder verweilenden römischen 
Bürger, die Kaufleute und vor allem die Soldaten wurden überall auf- 
gegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen Völkerschaften kamen 
auch die unabhängigen in Bewegung. Die den Römern ganz ergebenen 
Fürsten der Thraker füln len allerdings ihre ansehnlichen und tapferen 
Scbaaren den römischen P eldherrn zu ; aber vom andern Ufer der 
Donau brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten in Moesien ein. Das 
ganze weite Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der 
Fremdherrschaft ein jähes Ende zu bereiten. 

Die Insurgenten waren nicht gemeint den Angriff absuwarten. 



*) Das und nicht mehr tagt Vellein« 2, 110: im tmwUm PminnÜB itom 

disüiplinae {= Krirfszacht) tantummodo, sed linffttae qtioque notiiia Romanaef 
pleritque etiam lilterarum usut et familiaris animorum erat exercitatio. Es 
siod das diesclbeo KrscheioaDgen wie sie bei den Cheraskerfiirsieo begegneo, 
■v in geateigertem Mafae; aod sie aind vollkommea begreiflich, wenn mao 
iM dtr T«B Angoslas utfnMUtin paMoaisflhM aad hrwkiiahaa Alaa nid 
GAortM MiwMffl. 



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36 



ACUTES BUCH. KAPITEL I. 



sondern sie planten einen Ueberfall Makedoniens und sogar Italiens. 
Die Gefahr war ernst; über die jalischen Alpen hinüber konnlen dieAuf- 
ständischen in wenigen Tagen wiederum vor Aquileia und Tergeste 
stehn — sie hatten den Weg dahin noch nicht verlernt — und in zehn 
Tagen vor Rum, wie der Kaiser selbst im Senat es aussprach, aller- 
dings um sich der Zustimmung desselben zu den umfassenden und 
drückenden militärischen Veranstaltungen zu versichern, in schleu- 
nigster Eile wurden neue Mannschaften auf die Beine gebracht und 
die zunächst bedrohten Städte mit Besatzung versehen; ebenso was 
irgendwo von Truppen entbehrlich war nach den bedrohten Punkten 
geschickt. Der erste zur Stelle war der Statthalter von Moesien Aulus 
Caecina Severus und mit ihm der thrakieche König Rhoemetalkes; 
bald folgten andere Truppen aus den überseeischen Provinzen nach. 
Vor allen Dingen aber mufste Tiberius, statt in Böhmen einaadringen, 
znrfickkefaren nach lilyricum. HAtten die Insurgenten abgewartet, bi» 
die Römer mit Marobodaus im Kampfe Ugm oder dieser mit ihnen ge- 
mehisobaftliche Sache gemacht, so konnte die Lage fOr die Rftmer einft 
sehr kritische werden. Aber jene schlugen so liröh los, und dieser, getreu 
Sehlem System der Neutralität, lieft aidi dasu herbei eben jetit auf der 
Basis des Statnsquo mit den Römern Frieden m aehlielken. So mnlkt» 
Tiberitts swar die Rhemlegionen surflcksenden, da Germanien unmög- 
lich Ton Troppen enlMölkt werden konnte, aber sehi Ulyrisches Heer 
konnte er mit den aus Moesien, Italien und Syrien anlangenden 
Truppen vereinigen und gegen die Insurgenten verwenden. In der 
That war der Schrecken gröfser als die Gefahr. Die Dalmater 
brachen zwar zu wiederholten Malen in Makedonien ein und plün- 
derten die Küste bis nach Apollonia hinab; aber zu dem Einfall in 
Italien kam es nicht, und bald war der Brand auf seinen ursprüng- 
lichen Heerd beschränkt. 

Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie 
überall war die abermalige Niederwerfung der Unterworfenen müh- 
samer als die Unterwerfung selbst. Niemals ist in augustischer 
Zeit eine gleiciie Truppenmasse unter demselben Commando ver- 
einigt gewesen; schon im ersten Kriegsjahre bestand das Heer des 
Tiberius aus aebn Legionen nebst den entsprechenden Hülfsmann- 
Schäften, dazu zahlreichen freiwillig wieder eingetretenen Veteranen 
und anderen Freiwilligen, msammen etwa 120 000 Mann; spftteriiin 



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ROAMaBNZB ITAUKMS. 



37 



halle er fünfzehn Legionen unter seinen Fahnen vereinigt^). Im 
erslen Feldzug (J. 6) wurde mit sehr abwechselnden» Ghlck ge- 
stritten; es gelang wohl die grofsen Ortschaflen, wie Siscia und Sir- 
miam, gegen die Insurgenten zu schützen, aber der Dalmatiner Bato focht 
ebemo bartn^ig und zum Theil glücklich gegen den Sialibaitar fon 
P^DDODien Marens Valerius llessaUa, des Redners Sohn, wie sein pan- 
itflaiiirrh^r Namensgenosse gegen den von Moesien Aulos GaeciDa* 
Tor allem der kleine Krieg machte den römiadien Truppen viel zu 
acbaffen. Aucb das folgende Jahr (7), in weiebem Del»en Tibehos sein 
Neffen der junge Gennanicus auf den Kriegssefaauplats trat, brachte kein 
Ende der ewigen Kämpfe. Erst im dritten Peldsug (J. 8) gelang es lu- 
Dichst die Pannonier an unterwerfen, bauptsichlieh, wie es scheint, 
dadurch, dab ihr Fflhrer Bato, von den Römern gewonnen, seine 
Truppen bewog am FIoISb Bathinus aammt und sonders die Waffen lu 
strecken und den GoUegen im Oberbefehl Pinnes den RAmem aus- 
lieferle, woflkr er ?on diesen als Fürst der Breuker anerkannt ward. 
Zwar traf den Verräther bald die Strafe: sein dalmatinischer Namens* 
genösse fmg ihn und liels ihn hinrichten, und noch einmal flackerte 
bei den Breukern der Aufstand auf; aber er ward rasch wieder erstickt 
und der Dalmater beschränkt auf die Vertlieidigung der eigenen Hei- 
mat. Iiier hatte Gernianicus und andere Corpsführer in diesem wie noch 
im folgenden Jahr (9) in den einzelnen Gauen heftige Kämpfe zu be- 
stehen; in dem letzteren wurden die Piruslen (an der epirotischen 
Grenze) und der Gau, dem der Führer selbst angehörte, die Daesi- 
tialen bezwungen, ein Inpfer vertheidigtes Castell nach dem andern 
gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschieu Tiberius 



') Nimmt maa ai, dafs tob den zwölf Legionen, die gegen Marobo- 
daos im Marsch waren (Tacitas ann. 2, 46) so virle, als wir bald nachher 
io Germanien finden, also fdof auf dieses Heer kommen, so zählte das illy- 
rischr Heer des Tiberius sieben, nnd die Zahl von zehn (\ olleius 2, 113) 
kann fiiglicb bezogen werden auf den Zozog ans Moesien und Italien, die 
iMbafca mwt dM Znaf an Atgyftaa «ter SyriM rad aof die wtitarM Aas» 
kibaBtaa ia ItaHaa, voa wa die aaa aaigahobaaaa Laglaaaa svar aaA Gar- 
■aaiea, aber die dadorob abfoISateo so Tiberiaa Haar kaaiaa. Uagaaaa 
apriebt Velleias 2, 112 gleicb im Beginn des Krieges voa fönf durch A. Cae- 
rioa oml Plautius SiKanus er trantmarinis provinciis herangcführteu Le- 
gioueu ; eiotnal konnten die überseeischen Truppen nicht sofort zur Stelle sein 
and zweitens sind die Legionen des Caecina natürlicb die moesischen. VgL 
»eiaea Comneatar zum aioa. Aacyr. ed. 2 p. 71. 



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38 ACHTBft •OCH. lAPITBL I. 

selbst wieder im Felde und setzte die gesammten Streitkräfte gegen 
die Reste der Insurrection in Bewegung. Auch Bato, in dem festen 
Andetrium (Much, oberhalb Salonae), seiner letzten Zufluchtstall, von 
dem römischen Heere eingeschlossen, gab die Sache Yerlorcii. Kr ver- 
liefe die Stadt, da er nicht vermochte der Verzweifelten zur Unter- 
werfung zu bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei dem er 
ehreDToUe Behandlung fand; er ist als poUUacher Gefangener intemirt 
in Ravenna gestorben. Ohne den Füiirer setzte die Mannschaft den 
vergebhchen Kampf noch eine Zeit lang fort, bis die Römer dan 
Castell mit stürmender Hand einnahmen — wahiBcbeinhch diesen 
Tag, den 3. Augnst, Tenetcbnen die römischen Kalender als den Jahres- 
tag des Ton Tiberios in Dlyricnm erfoehtenen Sieges. 

r»'uJ[dhS. ^ jeoseit der Denan traf die Yergdtung. Wahr^ 

seheinlicfa in dieser Zeit, nachdem der Slyrische Krieg sieh zu Gunsten 
Roms entschieden hatte, fOhrte Gnaens Lentulus ein starkes r5misehes 
Heer Aber die Donau, gebngie bis an den Harisus (Maroeeh) und schlug 
sie nachdrAeldich in ihrem eigenen Lande, das damals suerst euie 
rftmische Armee betrat Funfzigtausend gefangene Daker wurden in 
Thrakien ansissig gemacht. 

Die Späteren haben den ^batonischen Krieg' der J, 6 — 9 den 
schwersten genannt, den Rom seit dem hannibahschen gegen einen 
auswärtigen Feind zu bestellen gehabt hat. Dem illyrischeu Land hat 
er arge Wunden geschlagen ; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, 
als der junge Germanicus die Botschaft des entscheidenden Erfolges 
nach der Hauptstadl überbrachte. Lange hat der Jubel nicht gewährt; 
fast gleichzeitig mit der Kunde von diesem Erfolg kam die Nachricht 
von einer Niederlage nach Rom, wie sie Auguslus in seiner fünfzig- 
jährigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen noch 
viel bedeutsamer war als in sich selbst. 
Qmum- Die Zustände in der Provinz Germanien sind früher dargelegt 

AcMna. worden. Der Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Un- 
vermeidlichkeit eines Naturereignisses folgt und der so eben in dem 
illyrischen Lande eingetreten war, bereitete auch dort in den mittel- 
rheinischen Gauen sich vor. Die Reste der unmittelbar am Rhein sitzen- 
den Stamme waren freilich völlig entmuthigt, aber die weiter xurück 
wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer, Marser 
kaum minder geschädigt und keineswegs ohnmächtig. Wie immer in 
solchen Lagen bildete sich in jedem Gau eine Partei der fügsamen 



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39 



RftBMffflreande und eine nationale die Wiederarfaebung im Verborgenen 
forbereilende. Die Seele von dieser war ein junger lechsnndswaniig- 
jihriger Mann aoa dem FOrstengeechleclit derChemaker, Arminiua des 
Sigimer Sohn; er und sein Bruder FlaTOS waren ?om Kaiser Augustus 
mit dem römischen Bürgerrecht und mit Ritterrang beschenkt wor- 
den ^) und beide ballen alsOfliziere in den letzten römischen Feldzögen 
unter Tiberius mit Auszeichnung gefochlen ; der Bruder diente noch 
im römischen Heer und balle sich in Italien eine Heimstatt begründet. 
Begreiflicher Weise galt auch Arminius den Rumeru als ein iMiuiu be- 
sonderen Vertrauens; die Anschuldigungen, die sein besser unterrich- 
teter Landsmann Segestes gegen ihn vorbrachte, vermochten dies 
Zutrauen bei der wohlbekannten zwischen beiden bestehenden Verfein- 
dung nicht zu erschüttern. Von den weiteren Vorbereitungen haben 
wir keine Kunde; dafs der Adel und vor allem die adÜche Jugend 
auf der Seite der Patrioten stand, versteht sich von selbst und findet 
dann deutlichen Ausdruck, dafs Segestes eigene Tochter Thusnelda 
wider das Verbot ihres Vaters sich dtin Arminias fermihlte, auch ihr 
Bruder Segimundus und Segestes Bruder Segimer sowie sein Neffe Se- 
sitbacns M der Insnrreetion sine hemrragende Rolle spielten. Weiten 
üfflfuig hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der illyrischen Er- 
hebong; kaum darf ale atreng genommen eine germanisicbe genannt 
werden. Die Bataver, die FMesen, die Chanker an der Kfiste waren 
nicht daran betheiligt, ebenso wenig was Ton suebischen Stimmen 
unter römischer Berrschafl stand, noch weniger König Harobod ; es er» 
hoben Mk in der That nur diejenigen Germanen, die einige Jahre lu- 
▼or sich gegen Rom conf5derirt hatten und gegen die Drusus Offensive 
zunächst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand hat die 
Gälirung in Germanien ohne Zweifel gefordert, aber von verbindenden 
Fäden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insur- 
rectionen fehlt jede Spur; auch würden, hätten sie bestanden, die Ger- 
manen schwerlich mit dem Losscblageu gewartet habeu, bis der pan- 



*) Das sagt Velleius 2,118: adsiduus müitiae nostrac prioris comes, 
iure etiam cii-ilatis Romanae eius equestres consequens gradusi was mit dem 
äuctor popularium des Tacitas ano. 2, 10 zusamnieordllt. 1d dieser Zeit 
■asMB dergleicheo OfBziere nicht aeltea vorgekommen sein; so fochleu in 
itm MUm PeMssf ict Dregns Mar primom CkumtlAiehu 'et AmUku M- 
kiad §m tmUttU Nenitnm (Llvios 9f» 141) aad mter GerauMieiit Gbario- 
tmUa Ali» JMawmm (Tac «m. 2, 11). 



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40 



ACHnS BOCB. EAFITIL I. 



noniflche Aufstand überwältigt war und in Dalmati«n eben die letitan 
Burgen capitulirten. Arminius war der tapfere und verschlagene und 
Tor allen Dingen glückliche Führer in dem Verzweiflungskampf um die 
Teriorene nationale Unabhlngigkeit; nicht weniger, aber aach nicht 
mehr. 

Ea war mehr die Schnld der Rftmer ala daa Yerdienat der In- 
aurgenten, wenn deren Phin gelang. Inaofem hat der illyriadie Kri^ 
hier aUerdinga eingegriffen. Die tflchügen Führer und aQem An8ch«n 
nach auch die erprobten Truppen waren tom Rhein an die Donau ge- 
logen werden. Vermindert war das germaniaehe Heer wie ea achamt 
nidit, aber der gröüiite Theil deaadben bealand aua nenm wShrend dea 
Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war es um die Führer- 
schaft bestellt. Der Statthalter PubliusQuinctilius Varus*) war wohl der 
Gemahl einer Niclile des Kaisers und ein Mann von übel erworbenem, 
aber fürstlichem Ueiclilhiiin und von fürslliclier HolTart, aber von trä- 
gem Körper und stumpfem Geist und ohne jede militärische Begabung 
und Erfahrung, einer jener vielen hochgestellten Römer, welche in 
Folge des Festhaltens an der alten Zusammenwertung der Administra- 
tiv- und der Oberoffizierstellungen die Feldherrnschärpe nach dem 
Muster Ciceros trugen. Er wufste die neuen Unlcrthanen weder zu 
schonen noch zu durchschauen; Bedrückung und Erpressung wurden 
geübt, wie er es von seiner früheren Stattlialterschafl über das gedul- 
dige Syrien her gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von 
Advocaten und dienten, und in dankbarer Demuth nahmen insbeson« 
dere die Verschworenen bei ihm Urtheil und Recht, während aich daa 
Netz um den hoflartigen Prätor dichter und dichter loaammenzog. 

Die Lage der Armee war die damals normale. Ea atanden min- 
deatena lünf Legionen in der Provini, Ton denen iwei ihr Winteriager 
in Hogontiacnm, drei in Vetera oder auch in Aliao hatten. Daa Sommer- 
lager hatten die letiteren im J. 9 an der Weaer genommen. Die natflr- 
liche Verbindnngaatrafte Ton der oberen Lippe sar Weaer führt über 



*) Das Bildaift dM Vam adgt eiaa KaffoniiaM der «friMiiiMbea 
Stadl Aehalla, gnohlagM «ntor uimtm Procooiolat ron Africa im J. 747/8 

d. St, vor Chr. 7^ (L. Müller num. dB taMkmw Afriqu» 2 p. 44, vgl. 

p. 52). Die Basis, welche einst die ihm von der Stadt Pergamon gesetzte 
Bildsäule trug, haben die Ausgrabungen daselbst wieder ans Licht gebracht, 
die Unterschrift lautet: o Jtjfdos [iTifitiatv] UönlMV KotvntJuov £iStov vlbv 
OvttQlpv] ndatjs aQn^[f iyixn]. 



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KORDOBEIiZE ITALIENS. 



41 



den niederan Höhenzug des Osning und des Lippischen Waldes, welcher 
das Thal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die Dörenschlucht 
III das Thal der Werra, die bei Rehme unweit Minden in die Weser 
fällt. Hier also ungefähr lagerten damals die Legionen des Varus. 
Selbslvcrständlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stützpunkt 
der rümischen Stellungen am rechten Rheinufer, durch eine Etappen- 
i^iraläe verbunden. Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte 
sich zum Rückmarsch an. Da kam die Meldung, dafs ein beniu hbarlei* 
Gau im Aufstand sei, und Varus entschlofs sich, statt auf jener Etappen- 
strafise das Heer zurückzufiübren, einen Umweg zu oebmen und unter- 
mt^ die Abgefallenen zum Gehorsam zurückzubringen*). So brach 
man auf; das Heer bestand nacb zahlreicben Detachirungen aus drei Le- 
giooeo nnd neun Abtheilungen der Truppen zweiter Klasse, zueammea 
etwa 20 000 Mann'). Als nun die Armee sich von ihrer Gommuni- 
«ationaHnie binreiebeBd entfenit hatte und lief genug in das nnwegeane 
Land etagedrangen irar, atanden in den benachbarten Gauen die 
CooSWierirten au^ machten die bei ihnen atetienirten kleinen Trappen- 



*) lltr iMukfb Barkbt, d<r etadfe, dar diese Batastrepbe la etaigrai 
ZmammnIhMg fiberliefert, erklärt den Verlauf derselben in geoSgeoder Weise, 
wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, das allgenieioe Verhält- 
nifs des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (VVell- 
geschirhte 3, 2, 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine locale Insor« 
rectioo d«s ganze Heer bat mar&cbiren könoeo, damit beaotwortet. Der Bericht 
im Florw banht keiatawegs auf ursprüogUeh aadarra Qaelles, wie damlbe 
Galehiia aMiwat, atid«ra ladjglicfc auf dm drasMliiciieB ZaMameariickeii 
der Motive, wie es allea Historikern dieses Schlages eigen ist. Die friedlidia 
Rechtspflege des Varas and die firstürmoog des Lagers kennt die bessere lieber- 
lieferuog beide aach and in ihrem ursächlichen Zusammenhang; die lächerliche 
Schilderaog, dafs, ^^ährend Varus aaf dem Gerirhtsstuhl sitzt und der Herold 
die Parteien vorladet, die Gennaneo zu allca Thoren in das Lager eiobrecheo, 
ist Bicht Uaberlicfamng, soadera ans dieser verfertigtai Tahlaaa. Dab diasas 
aaber müt dar fesaadaa Varaoaft aaeh uft T^citos Schildaraaf dar drei 
Marachlsfar ia ulSaharas Wldaraproeh ataht, leaditat ela. 

*) Dia aamalaStirkadar draiAlaa uad dar aaeha GaharlaD ist insofera 
•1^ gaaaa za barfahaaa, als darunter einzelne Doppelabtheilnngen (mtfisrüa») 
gewesen sein können; aber viel über 20000 Mann kann das Heer nicht ge- 
zahlt haben. Andrerseits liegt keine Ursache vor eine wesentliche DiBerenz 
der effectiven Stärke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Deta- 
chirnngen, deren Erwähnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck 
ia dar ▼arUltoiCnriUsig geriogaa ZaU der AoiiUaa, die lamer dafür vartaga- 
«aiaa varwaadat wardaa. 



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42 



AUITISIDCIU EAPITBLf. 



abiheUimgeD nieder nod brachen von allen Seiten aas den Schlach- 
ten und Wildern gegen das marschtrende Heer des Statthalten vor. 
Arminiua und die namhaftesten F&hrer der Patrioten waren bis 
zum lettten Angenblick im römischen Hauptquartier geblieben, um 
Yarus sicher lu machen; noch am Abend tot dem Tage, an dem die 
Insurrection losbrach, hatten sie im Feldhermzelt bei Varos gespeist und 
Segestes, indem er den bevoratebenden Aasbrach des Aufstandes an- 
kündigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst so wie die Angeschul- 
digten sofort verhaflen zu lassen und die Rechtrertigung seiner Anklage 
von den Thatsachen zu erwarten. Varus Vertrauen war nicht zu er- 
schüttern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und 
stand den anderen Tag vor den Wällen des römischen Lagers. Die 
militärische Situation war weder besser noch schlimmer als die der 
Armee des Drusus vor der Schlacht bei Arhalo und als sie unter ähn- 
Uchen Verhältnissen oftmals für römische Armeen eingetreten ist; die 
Communicationen waren für den AugenbUck verloren, die mit schwerem 
Trofr beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer, 
regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemärsche von Aliso getrennt, 
die Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Römern weit überlegen. 
In aolchen Lagen entscheidet die Tüchtigkeit der Truppe; und wenn die 
Entscheidung hier einmal in Ungunsten der R6mer fiel, so wird die 
Unerfkhrenheit der jungen Soldaten und ?or allen Dhigen die Kopf- 
und Huthlosigkeit des Feldherrn dabei wohl das Bfeiste gethan haben. 
Nach erfolgtem Angriff setzte das römische Heer seinen Marsch, jetzt 
ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage fort, unter 
stetig steigender Bedrängnifii und steigender Demoralisation. Auch die 
höheren Offiziere thaten theilweiae ihre Schuldigkeit nicht; einer von 
ihnen ritt mit der gesammten Reiterei vom Schlachtfeld weg und liefb 
das Fufsvolk allein den Kampf bestehen. Der erste, der völlig ver- 
zagte, war dtr Feldherr selbst; verwundet im Kampfe gah er sich den 
Tod, ehe die letzte Entscheidung gefallen war, so früh, dafs die Seini- 
gen noch den Versuch machten die Leiche zu verbrennen und der 
Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel iolgle 
eine Anzahl der Oberol'liziere. Als dann alles verloren war, capitulirl« 
der übrig gebliebene Führer und gab auch das aus der Hand, was diesen 
letzten noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der 
Thfiler der das Münsterland begrenzenden Höhenzüge, im Herbst des 



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nORMBBIlUi ITALIBII8. 



43 



J. 9 n. Clir. das germanische Heer zu Grunde*). Die Adler fielen 
alle drei in Feindeshand. Keine Abtheilung scidug sich durch, auch 
jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich gelassen hatten; nur 
wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu retten. Die 
Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden au's 
Kreuz geschlagen oder lehendig begraben oder bluteten unter dem 
OpfiBmicaser der g^rmanüchea Priester. Die abgeflchnilteueu Köpfe 



*) Du G«nMMini, m ierBat k«BmBd,'4M Gtbitt BiviMhM Kai 

and Lippe, das heifst das Maoiterlaoil, verheert nd mUlkt weit davon der 
Teutoöurgiensis saltns lif^t, wo Varus Heer zd Grande f^iug (Tacitos 
aao. 1, 61), 80 liegt es am oücbsteu diese Bezeichnung, weicht- auf das flache 
MÜQsterland nicht pafst, von dem das MUnsterland oordüstlicb begrenzeodeu 
Hohenzo^, dem Osniog xa veratehea; aber aaeh ao daa etwas weiter nördlich 
fmtSUL «It dm Onlif tm IIM«a tar HaaUqaalla ttraiahaaia Wiefcaagebirfe 
kaaa g a d ac fct wcriaa. Daa Paakt aa dar Waaer, aa daa daa 8«aaariagar 
•taiid, kenaen wir nicht; iadala ist nach der Lage von Aliso bei Paderboraaad 
den zwischen diesem and der Weser bestehenden Verbindungen wahr- 
scheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die Hiebtang des Rückmarsches 
kann jede andere, nur nicht die nächste nach Aliso gewesen sein, und die 
Katastrophe erfolgte also nicht aaf der militärischen Verbindaogslinie zwischen 
Mfadaa «ad Padarbara aalfcat^ aaadara ia fHMiiarar adar geriagarar Batfaraaag 
vaa diaaar. Varaa awg vaa H iadaa alwa Ia dar Riehtaag aaf Ofaakrüak 
airtrkirt aeio, dann nach dem Angriff von dort ans nach Paderborn za gelaugea 
Tersocht and aaf diesem Marsch in einem jener beiden Höhenzüge sein Ende 
gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von Venne an der 
Ilanteqaelle eine aafTallend grofse Anzahl von röniischcu (lulJ-, Silber- and 
Kapferaöazen gefunden worden, wie sie in angustischer Zeit umliefen, wäh* 
raad afilara Hiaan daadkst ao gat wie gar aieht varkaaaaa (TgL dia fladb- 
waiaaagaa bat Paal HSfar dar Paldaag daa Garaaaieaa ia Jahra 16. Gotha 1884. 
8b 83iig.)« Einem Haasadhatz können diese Fände nicht angehören wegen des 
zerstreaten Vorkommens and der Verschiedenheit der Metalle; einer Handels- 
stätte auch nicht wegen der zeitlichen (leschlossenheit; sie sehen ganz aus 
wie der Naehlafs einer grofseu aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden 
Berichte über die Varnaschlacht lassen sich mit dieser Lucalitat vereinigen. 
— Dakar daa Jahr dar Kalaatrapka hitta ala gaatriltaa «ardaa aollaa; dia Var- 
a^iabaag ia daa Jahr 10 iat aia hloCiaa Varaekaa. Die Jakraaaait wird eiaigar- 
aafian dadoreh bestimmt, dafs zwischen der Anordnang dar illyrischen Siegea* 
feler aad daa Eintreffen der UoglOcksbotschaft in Rom nnr fünf Tage liegen 
und jene wahrscheinlich den Sicp vom 3. Aopust zur Voraussetzung bat, wenn 
sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Nieder- 
lage etwa im September oder October stattgefunden bubeu, was auch dazu 
stimmt, dafa der ktata Maraak daa Varaa affsalar dar RBckaaraak aaa daa 
fttaattr- ia daa Wiatarlager gawaaaa iat 



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44 



ACBTEA BDCH. KAPITEL I, 



wurden als Siegeszeichen an die Bfiume der heiligen Haine genagelt. 
Weit und breit stand das Land auf gegen die Fremdherrschaft; man 
hoflle auf den Anschlufs Maroboils; die römischen l'üsLen und Slrafsen 
lielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die Gewalt 
der Sieger. Nur in Ahso leistete der tapfere Commandant Lucius Cae- 
dicius, kein Offizier, aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen Wider- 
stand und seine Schützen wufslen den Germanen, die Fern wallen 
nicht besafsen, das Lagern vor den Wällen so zu verleiden, dafs sie die 
Belagerung in eine Blokade umwandelten. Als die letzten Vorrälhe der 
Belagerlen erschöpft waren und immer noch kein Entsatz kam , brach 
Caedicius in einer finsteren Nacht auf und dieser Rest des Heeres er- 
reichte in der That, wenn auch beschwert mit lahlreichen Frauen und 
Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke Yeriuaie erlei- 
dend, schliefslich das Lager von Yetera. Dorthin waren auch die 
beiden in Blainz stehenden Legionen unter Lacius Noniite AepraMs 
auf die Nacbricbt von der Kataetrophe gegangen. Die entacbloMene 
Verlheidigung Ton Aliso and Asprenaa rasches Eingreifen Terfainderten 
die Germanen Ihren Sieg auf dem linken Rheinufer lu Terfolgeii, viel- 
leicht die Gallier eich gegen Rom zu erheben. 
TüMrivs Die Niederlage war insofern bald wieder ansgeglidien, als die 
AMaT Rheinarmee sofort nicht bloft ergänzt, sondern ansebnlich verstSrkt 
ward. Tiberius flbemahm abermals das Gommando derselben und 
wenn aus dem auf die Yarusschlacht folgenden Jahr (10) die Kriegs- 
geschichte Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so ist wahrschein- 
lich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und 
wohl gleichzeitig die Theilung dieses Commandos in das der oberen 
Armee mit den» Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem 
Hauplquarlier Vctera, überhaupt also diejenige Einrichtung daselbst ge- 
truden worden, die dann durch Jahrhunderte mafsgebend geblieben 
ist. Man mufste erwarten, dafs auf diese Vermehrung der Rhein- 
arniee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem rechten 
Blieinufor gefolgt wäre. Der römisch-germanische Kampf war nicht 
ein Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden 
Mächten, in welchem die Niederlage dereinen einen ungünstigen Friedens- 
schluXs rechtfertigen kann; es war der Kampf eines civilisirten und 
organisirten Grofsstaates gegen eine tapfere, aber politisch und mili- 
tärisch barbarische Nation, in welchem das schliefsliche Ergebnifii 
von Yom herein feststeht und ein Tereinzelter Mißerfolg in dem 



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NOaDGRSlfZS iTALUIfS. 



45 



vorgezeichneten Plan so wenig etwas ändern darf, wie das SchifT 
darum seine Fahrt aufgiebt, weil ein Windstofs es aus der Bahn 
wirft. Aber es kam anders. Wohl ging Tiberius im folgenden 
Jahr (11) über den Rhein; aber diese Expedition glich den früheren 
nicht. Er blieb den Sommer drüben und feierte dort des Kaisers 
Geburtstag, aber die Armee bielt sieh in der tromittelbaren N&he 
des Rheins and von Zügen an die Weser nnd an die Elbe war 
keine Rede — es sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, 
dals die Römer den Weg in ihr Land noch lu finden woAten, viel- 
kieht aocli diqenigan Einriehtangen am rediten Rbeinnfer getroffen 
werden, welche die verlnderte Politik erforderte. 

Rae grobe beide Heere nrnftaaende Gommando blieb und ea blieb 
aleo «ach im kaiaerUehen Hanee. Germanieae hatte ee eehon im 1. 11 
neben Tiberina geflllirt; im folgenden (12), wo ihn dioYerwaltnng dea 
Gonaalata in Rom ÜMthielt, eommandirte Tiberine allein am Rhein; 
BHt dem Anfeog des J. 18 Abemabm Germaidena den alleinigen Ober^ 
befehl. Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen ; 
aber es waren thatenlose Jahre Ungern ertrug der feurige nnd ehr- 
geizige Erbprinz den ihm auferlegten Zwang und man begreift es von 
dem Offizier, dafs er die drei Adler in Feindeshand nicht vergafs, von dem 
leiblichen Sohn des Drusus, dafs er dessen zerstörten Bau wieder aufzu- 
richten wünschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm 
sie. Am 19. August des J. 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thron- 
wechsel inderneuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Gernianicus 
hatte Gelegenheit durch Thaten seinem Vater zu beweisen, dafs er ge- 
aonnen war ihm die Treue zu wahren. Darin aber fluid er lugleich die 



*) Den fortdaaeraden Rriegtsttli b«SflageR Tacltas ann. 1,9 und Dio 
56, 26; aber berichtet wird gar niehts ans den nomioellen Feldzügen der Som- 
mer 12, 13 ood 14 und die Rtpedition vom Herbst des J. 14 erscheint alt 
die erste von Germanicns untcrDommcDC. Allerdings ist Germaaicus wabr- 
scheiolich noch bei Aagastas Lebzeiten als Imperator losfcrnfen worden (mon. 
Aeeyr. p. 17); absr et tltit aiditi im Wege dies tef des Feldzng det J. 11 
n hesiehM, fai dtai €aaeeicnt mh frofloandarf tchar Gawalt Mbaa Ttberln 
c— leditta (Die 16). la J. 18 war er In Rom nr Verwaltang d«i 
Consolats, welche er das gaaze Jahr hindnrdi behielt and mit welcher es 
damals noch ernsthaft genommen wnrde; dies erklärt, wefahalb Tiberins, wie 
dies jetzt erwiesen ist (Hermann Schulz, quaest. Ovidiana«. Greifswald 1SS3, 
S. 15 f.), noch im J. 12 nach Germanien ging ond sein Rheincommando erst im 
Aafaiig des J. 13 mit der paiBOiiiehea Siegesfeier aiederlqipte. 



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46 



ACHTES BUCH. KAPITEL I. 



Reclilferligung die lange gewünschle Invasion Germaniens auch unge- 
heifsen wieder aufzunehmen; er erklärte die nicht unbedenkliche durch 
den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gährung durch die- 
sen frischen Kriegszug ersticken zu müssen. Ob dies ein Grund oder ein 
Vorwand war, wissen wir nicht und wufste vielleicht er selber nicht. 
Dem Commanilanten der Rheinarmee konnte das Uebersch reiten der 
Grenze überall nicht gewehrt werden und es hing immer bis zu einem 
gewissen Grade von ihm ab, wie weit gegen die Germanen vorgegangen 
werden sollte. Vielleicht auch glaubte er im Sinne des neuen Herrschers 
SU bandeln, der ja wenigstens ebenso viel Anspruch wie sein Bruder auf 
den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen angekündig- 
tes Erscheinen im Rheinlagor wohl so aufgefafst werden konnte , als 
komme er um die auf Augostus Geheiß abgebrochene Eroberung Genna* 
niens wieder aufxunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseil 
des Rheins begann aufs Neue. Noch im HeiiMt des J. 14 führte 
Gennanicos selbst DetachemenCs aller Legionen bei Yetera über den 
Rhein und drang an der Lqppe hinauf liemlich tief in das Binnenland 
vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen nieder- 
machend, die Tempel — so den hochgeehrten der Tan&na — ler- 
stftrend. Die Betroffenen, es waren vornehmlich Bmcterer, Tuhanten 
und Usiper, suchten dem Kronprinien auf der Heimkehr das Schick- 
sal des Varus su bereiten; aber an der energischen Haltung der Legi- 
onen prallte der Angriff ah. Da dieser VorstoA keinen Tkdel find, viel- 
mehr dem Feldherm dafQr Danksagungen und Ehrenbezeugungen de- 
F«W««H^de« crelirt wurden, ging er weiter. Im Frühling des J. 15 versammelte er 
seine Hauptmacht zunächst am Mittelrhein und ging selbst von Mainz vor 
gegen dii* Chatten bis an die oberen Zuflösse der Weser, während das 
untere Heer weiter nordwärts die Cherusker und die Marser angriff. Eine 
gewisse Rechtfertigung für dies Vorgehen lag darin, dafs die römisch 
gesinnten Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Kata- 
strophe des Varus sich den Patrioten hatten anschliefsen müssen, jetzt 
wieder mit der viel stärkeren Nationalpartei in ofl'enem Kampfe lagen 
und die Intervention des Germanicus anriefen. In der Tliat gelang 
es den von seinen Landsleuten hart bedrängten Rumerfreund Se- 
gestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die Gattin des Arminias 
in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder Segimerus, 
einst neben Arminias der Fflhrer der Patrioten, unterwarf sich; die 
inneren ZerwQrfhisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremd- 



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WNUkGBBniB ITALIBHB. 



47 



herrscbafi die Wege. Noch im selben Jahre unleniahm Germaniciis 
den Haiiplzug nach dem Emsgebiel; Caecina rückte von Velera aus an 
die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte von der Rbeinmündung 
ans eben dorüün; die Reiterei lOg die Küste entlang durch das Gebiet 
der treuen Mesen. Wieder Tereinigt verwüsteten die Römer das Land 
der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und 
machten von da aus einen Zog nach der UnglOckaslitte, wo seobs Jahre 
zuTor das Heer des Vams geendigt liatte, um den gebllenen Kamera* 
ilen das Grabmal lu errichten. Bei dem weiteren Vwmndk wurde 
die rdmische Reiterei von Arminius und den erbitterten Patrioten- 
ichaaren in einen Hinterhalt gelockt und wire auf{g[erieben worden, 
wenn nicht die anrückende Inftnterie grftfiwres Unheil verhindert bitte. 
Schwerere Gefthren brachte die Heimkehr Ton der Ems, welche auf 
denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei 
gelangte imbeschSdigt in das Wmteriager. Da fDr das Fnüivolk der 
▼ier Legionen die Flotte bei der schwierigen Fahrt — es war um die 
Zeit der Herbstnachtgleicbe — nicht genügte, so schifTte Germanicus 
zwei derselben wieder aus und liefs sie am Strande zurückgehen ; aber 
mit dem Verhälluifs von Ebbe und Flulh in dieser Jalireszeit unge- 
nügend bekannt, verloren sie ihr Gepuck und geiidlien in Gefahr 
massenweise zu ertrinken. Der Rückmarsch der vier Legionen des 
Caecina von der Ems zum Rhein glich genau dem des Varus, ja das 
schwere sumpfige Land bot wohl noch gröfsere Schwierigkeilen als dir 
Schluchten der Waldgebirge. Die ganze Masse der Eingebornen, an 
ihrer Spitze die beiden Cheruskerfürsten, Arminius und dessen lioch- 
angeschener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden Truppen, 
in der sicheren HolTnung ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und 
fttUie lingsum die Sümpfe und Wälder. Der alte Feldherr aber, in 
vierzigjährigem Kriegsdienst erprobt, biMh kaltblütig auch in der 
äufsersten Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden Mann- 
schaflen fest in der Hand. Dennoch hfttte auch er vielleicht das Unbei 
nicht abwenden können, wenn nicht nach einem glficklichen Angriflt 
nährend des Marsches, bei dem die Römer dnen groiben Theil ihrer 
Reiterei und ftst das ganse Gepick einbCUSiten, die siegesgewissen und 
beutdustigen Deutschen gegen Arminius Rath dem anderen Fflhrer ge- 
folgt wSren und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradeiu 
den Sturm auf das Lager Teraucbt hätten. Caecina lieb die Germanen 
bis an die WSIIe herankommen, brach aber dann aus allen Thoren und 



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48 



ACHTES BUCH. KAPITBL l 



Pforten mit solcher Gewalt auf die StQrmenden ein, dafs sie eine 
schwere Niederlage erlitten und in Folge dessen der weitere Rückzug 
ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am Rhein halte man die Armee 
schon verloren gegeben und war im Begriff gewesen die Brücke bei 
Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in 
Gallien zu verhindern; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der 
Gattin des Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und 
schimpflichen Entschlufs vereitelt. — Die Wiederaufnahme der Unter- 
werfang Germaniens begann also niebt gerade mil Gluck. Das Gebiet 
zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und durch- 
schritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Rftmer nicht 
aufzuzeigen, and der ungeheure Yerluat an Material, namentlich an 
Pferden, wurde schwer empfanden, so daüi, wie in Scipios Zeiten» 
die sudle Italiens nnd der westlichen Pfovmsen bei dem Ersats des 
Verlorenen mit patriotischen Beisteuern sich bethdiiglen. 
Im j'" 1 Gennanieus änderte für den nSchstenPelding (J. 16) sehMnKriegs- 
plan: er Tersudite die Unterwerfong Germaniens auf ^ Nordsee und 
die Flotte su stütien, theils weil die Völkerschaften an der Koste, die 
Batafer, Friesen, Chanker mehr oder minder su den Römern hielten, 
theils am die leitrauhenden und verlustroUen Hirsche tom Rhein tor 
Weser und aar Elbe und wieder surOck ahiukfimn. Nachdem er dio- 
ses FIrAhjahr wie das Torige in raschen YorstOften am Main und an 
der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf der 
inzwischen fertig gestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln 
sein gesammtes Heer an der Bheinmündung ein und gelangte in der 
That ohne Verlust bis an die der Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, 
vermuthiich die Ems hinauf bis an die Haasemändung und dann an 
dieser hinauf in das Werralhal, durch dieses an die Weser. Damit 
war die Durchführung der bis 80000 Mann starken Armee durch den 
Teutoburger Wald, welche namentlich für die Verpflegung mit grofsen 
Schwierigkeiten verbunden war, vermieden , in dem Flottenlager für 
die Zufuhr ein sicherer Rückhalt gegeben, und die Cherusker auf dem 
rechten Ufer der Weser statt von vorn in der Flanke angegriffen. Auf 
diesem trat den Römern das Gesammtaufgebot der Germanen entgegen, 
wiederum geführt von den beiden Häuptern der Patriotenpartei Armi- 
nlus und Inguiomerus; über welche Streitkräfte dieselben geboten, be- 
weist, daljB sie im Cheruskerland sunicbst an der Weser seihst, dann 



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i 



KORDGBEnZE ITALIENS. 



49 



etwas weiter landehiwirts zweimal km nacii einander gegen das 

gesammte römische Heer in oflener Feldschlacht schlugen und in bei- 
den den Sieg hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Römern zu und 
von den germanischen Patrioten hheh ein beträchtlicher Theil auf 
den Schlachtfeldern — Gefangene wurden nicht gemacht und von 
beiden Seiten mit äufserster Erhillerung gefochten; das zweite Tro- 
paeuDi des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller germani- 
schen Völker zwischen Rhein und Elbe ; der Sohn stellte diese seine 
Campagne neben die glänzenden des Vaters und berichtete nach Koni, 
dafs er im nächsten Feldzug die Unterwerfung Gernianiens vollendet 
haben werde. Aber Arminius entkam, obwohl verwundet, und blieb 
auch femer an der Spitze der Patrioten, und ein unvorhergesehenes 
Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der Heimkehr, die von dem gröla- 
ten Theil der Legionen m SchilT gemacht wurde, gerieth die Transport- 
flotte in die Herhststärme der Nordsee; die Schiffe wurden nach allen 
Seiten über die Insehi der Nordsee nnd bia an die brittiache Eflate hin 
geechiendert, eni graber Theil ging an Grunde nnd die aich retteten, 
halten grtlktentheila Pferde nnd Gepick über Berd werfen nnd froh 
aam mOaaen daa nackte Leben an bargen. DerFabrtvefluatltam,wiein 
den Zeiten der puniachen Kriege, einer Niederlage gleieh; Germanicua 
adbat, mit dem Admiralaehiff einadn verschlagen an den öden Strand 
der Chanker, mt in Venwdflung über dieaen MÜberfolg drauf und 
dran aeinen Tod in demaelben Ocean lu auehen, deiaen Beiatand er 
im Beginn dieaea Feldzuges ao ematfieh und ao Tergeblleh angerufen 
hatte. Wohl erwies sich späterhin der Menschenverlust nicht ganz so 
grofs, wie es anflngUch geschienen hatte, und einige erfolgreiche 
Schläge, die der Feldherr nach der Rückkehr an den Rhein den nächst- 
wohnenden Barbaren versetzte, hoben den gesunkenen Muth der Trup- 
pen. Aber im Ganzen genommen endigte der Feldzug des J. 16, 
verglichen mit dem des vorigen, wohl mit glänzenderen Siegen, aber 
auch mit viel empfindlicherer £inbii(8e. 



>) Die Aanahme Schmidts (Westfäl. Zeitschrift 20 S. 301), dafs die 
rr!«te Schlacht aaf dem idistavisuchen Feld etwa bei Biickebur^ geschlagen sei, 
die zweite, wegeo der dabei erwühoteo Sümpfe, vielleicht am Steinhudersee, 
bei dem siidlicb von diesem liegcodco Dorf Bergkircbea, wird voo der Wahr- 
Mt lieh aiebt weit eBtreraoo nad kuo wenfgttaM als VaranfeiiaQlidiiiBf 
fBllM. Aaf «ia gadelMrtM Ergiboifi naCi bei dieeen wie bei 4ea aeiiteo 
tacitelselMa ScUaehtberiehteo Teraiektet weideo. 

MeaaBtea, Um. Oaaakkihf. T. 4 



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&0 ACHTES BOCB. KAPITEL I. 

Pto iw- Germaniein Abberafong war xu^Leich die Aafhdrang des Ober- 
Lag«. oomniaiidM der rfaemodies Armee. IKe blofee Theilniif des Gommiii- 
dos sslile der bisherigen KriegfÜbning ein Ziel ; daljs Germanicus nicbt 
blofs abberufen ward, sondern keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus 
auf die Anordnung der Defensive am Rhein. So ist denn auch der 
Feldzug des J. 16 der letzte gewesen, den die Römer gefuhrt haben, 

um Germanien zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein 
an die Elbe zu verlegen. Dafs die Feldzüge des Germanicus dieses 
Ziel hatten, lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde 
Tropaeon. Auch die Wiederherstellung der rechtsrheinischen mili- 
tärischen Anlagen, der Taunuscaslelle sowohl wie der Festung Aliso 
und der diese mit Velera verbindenden Linie, gehört nur zum Theil 
zu derjenigen Resetzung des rechten Rheinufers, wie sie auch mit 
dem beschränkten Operationsplan nach der Varusschlacht sich ver- 
trug, zum Theil grill sie weit über denselben hinaus. Aber was 
der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es 
ist mehr als wabrscheinlicli, dab Tiberius die UntemebmungeD 
des Germanicus am Rhein von Haas aus mehr bat geschehen lassen« 
und gewifs, dafs er durch dessen Abberufung im Winter 16/7 den- 
ielben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich ein 
gater TheU des Erreichten sofgegeben, namentfich aus Aliso die Be- 
silsnng snrftcfcgesogen worden. Wie Ciennanions ton dem im leute- 
bnrger Walde errichteten Siegesdenkmal schon das Jahr darsnf keinen 
Stein mehr ftmd, so sind anch ^ Ergebnisse seiner Siege wie ein 
ScUsg ins Warner verschwunden ond kemer semer Nachfolger hat 
auf diesem Grunde weiter gebaut 

Wem Augustus das eroberte Germanien nach der Tarusschlacht 
▼erioren gegeben hatte» wem UMnus jetzt, nachdem die Eroberang 
abermals in Angriff genommen worden war, sie absobrechen befahlt 
so ist die Frage wobl berechtigt, welche Motive die beiden bedeutenden 
Regenten hiebei geleitet haben und was diese wichtigen Vorgänge für 
die allgemeine Reichspolitik bedeuten. 

Die Varusschlacht ist ein Räthsel, nicbt militärisch, aber politisch, 
nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht Un- 
recht, wenn er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder 
dem Schicksal, sondern von dem Feldherrn zurückforderte; es war ein 
Unglücksfall, wie ungeschickte Corpsführer sie von Zeit zu Zeit für jeden 
Staatberbeiführen ; schwer begreift man, dafs dieAufreibung einer Armee 



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51 



▼OB 20 000 Mann ohne weilere unmittelbare müitiriscbe Consequenzen 
der grofsen Politik eines einsichtig regierten Weltstaates eine entschei- 
dende Wendung gegeben hat. Und doch habt'u die beiden Herrscher jene 
Niederlage mit einer beispiellosen und für die Stellung der Regierung 
der Armee wie den Nachbarn gegenüber bedenklichen und gelährhchen 
Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschiufs mit l^Iaroboci, der 
ohne Zweifel eigenüich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem deü- 
nitiTen werden lassen und nicht weiter versucht das obere Elbthal in die 
Hand zu bekommen. Es mufs Tiberius nicht leicht angekommen sein 
den grofsen mit dem Bruder gemeinschafUich begonnenen, (Uubd nach 
desscB Tode von ihm ÜMt foUeadotaa Baa lasammenstQrzen tu sehen ; 
te gewaltige Eiftr, womit er, so wie er in das RegimoDt wieder 
dngeMaa war, de» tot zehn Jahreo begoimeDen germaniichen 
Krieg aafjBaiommei hatte, lilkl ermeaMO, waa diaae fintaaguDg ihm 
gakaelat kabaa malii. Wem dennoeh nicht Uob Aoguatoa bei der- 
aeOMD bekarrte, aondem aueh nach deaaen Tode er aelbat, so ist dafür 
m asdmrGniDd nicht ni finden, ala dalk aie die dorchiwaniiglahre 
hindnrdi wfolgtan PUne lor Yerinderung der Nordjgrenae ala un- 
anaAbriMr erkannten und die UntcrwerAug und Behauptung dea 
Gebieles iwiadMB dem Rhein und der Elbe ihnen die Kiiflte dea 
Reidiea n ftberateigeD aduen. 

Wenn die bisherige Reichsgrenie Ton der mittleren Donau bis an 
deren Quelle und den oberen Rhein und dann rheinabwärts lief, so 
wurde sie allerdings durch die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet 
der mittleren Donau sich nähernde Elbe und an deren ganzen Lauf 
wesentlich verkürzt und verbessert; wobei wahrscheinlich aufser dem 
evidenten militärischen Gewinn auch noch das pohtische Moment in 
Betracht kam, dafs die mögUchst weite Entfernung der grofsen Com- 
mandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der augusti- 
schen Fohtik war und ein Elbheer in der weiteren Entwickelung Roms 
schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben würde, wie sie die Rheinheere 
nor zu bald übernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung 
der gerBDaniscben Patriotenpartei und des Suebenkönigs in Böhmen, 
waren keine leichten Auligaben; indeüs man hatte dem Gelingen dersel- 
ben achon einmal ganz nahe gestanden und bei richtiger Führung 
konnten dieae Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere Frage 
war ea, ob nach der Einrichtung der Elbgrenie die Truppen aus dem 
iwiiciienlinganden fiehirt weggeiogffi werden konnten; dieaeFrage hatte 

4» 



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52 



ACUTES BUCH. KAPITEL 1. 



der dalmaiisch-paniioiiiidw Krieg ia sehr emeter Weite der römiediAD 
Regierung gestellt Wenn eöbon das bevorstehende EinrAeken der 
rOmiscben Donauarmee in Böhmen einen mit Anstrengung aller mili- 
tärischen Hülfsmittel erst nach vierjährigem Kampf niedergeworfenen 
Yolksaufstand in lUyricum hervorgerufen hatte, so durfte weder zur Zeit 
noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet sich selbst überlassen 
werden. Aehulich stand es uhne Zweifel am Rhein. Das römische 
Publicum pflegte wohl sich zu rühmen, dafs der Staat ganz GaUien in 
Unterwürfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von 
Lyon; aber die Regierung konnte nicht vei^essen, dafs die beiden 
grofsen Armeen am Rhein nicht blofs die Germanen abwehrten, son- 
dern auch für die keineswegs durch Fügsamkeit sich auszeichnenden 
gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser oder gar 
an der Elbe aufgestellt, hätten sie diesen Dienst nicht in gleichem 
Mafse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten 
▼ermochte man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schlufs 
kommen, daCs mit dem damaligen, allerdings seit Kurzem erheblich 
verstirkten, aber immer noch tief unter dem Mafs des wirklich Erfor- 
derlichen stehenden Heerbestand jene groISM Grenzregnlining nicht 
ansiufttbren sei; die Frage ward damit ans einer militftriscben ni einer 
Frage der inneren Politik und insonderheit in einer Finamllrage. Die 
Kosten der Armee noch weiter m steigern hat weder Augnstns noch 
Tiberins sich getraut Ibn kann dies tadefai. Der tthmende Do|kpelscfalag 
der illyrischen nnd der germanischen Insurrection mit ihren schweren 
Katastrophen, du hohe Alter nnd die erhhmende Kraft des Herrschen, 
die annehmende Abneigung des Tiberius gegen frisches Handeln nnd 
groDse InItiatiYe und vor allem gegen jede Abweichung Ton der PoUtik 
des Augustus, haben dabd ohne Zweifel bestimmend mit, und vielleicht 
zum Nachtheil des Staates gewirkt. Man fühlt es in dem nicht zu 
billigenden, aber wohl erklärlichen Auftreten des Germanicus, wie das 
MiUlär und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien 
empfanden. Man erkennt in dem dürftigen Versuch mit Hülfe der paar 
hnksrheinischen deutschen Gaue wenigstens dem Namen nach das ver- 
lorene Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren 
Worten, mit denen Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht 
Germanien als römisch in Anspruch nimmt oder auch nicht, wie ver- 
legen die Regierung in dieser Sache der ötfentlichen Meinung gegenüber 
stand. Der GrilT nach der Elbgrenze war ein gewaltiger, vielleicht über- 



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nOMHiRfiNZB ITAUBRS. 



53 



kühner gewesen; Tielleicht von Aiigustus, dessen Flug im Allgemeinen 
so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl nicht ohne 
den bestimmenden Einflufs des ihm vor allen nahe stehenden jüngeren 
Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kühnen Schrill zurückzu- 
ihun ist in der Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein 
xweiter. Die Monarchie brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und 
den unbedingten kriegerischen Erfolg in ganz anderer Weise als das 
ehemalige Bärgermeisterregiaient; das Fehlen der seit der Varusschlacht 
niemals ansgefiUllen Nummern 17, 18 und 19 in der Reihe der Regi- 
menter pafste wenig zu dem militlrisehen Prestige und den Frieden 
mit Ifarobod auf Grund des Sutnsqno konnte die loyalste Rhetorik 
Bichl in einen Erfolg nniieden. Aniunehmen, dalk Gennanicas emem 
eigeniliclien Befishl seiner Regierung xnnider Jene weit aussehenden 
Vnteniehninngen begonnen hat, wbietet sefaie ganie politische Stel- 
hmg; aber den Vorwurf, dab er seine doppelte SteUuog als Höchst- 
eooiiBandirender der ersten Armee des Reiches und als kAnftigsr 
Thronfolger dasu benntit hat, um seine poIitisch*railitirischen Pllne 
auf eigene Faust durehiufflhren , wird man ihm so wenig ersparen 
kftnnen wie dem Kaiser den nicht minder schweren mrflckgescheut su 
sein TieDeichl Tor dem Fassen, vielleicht auch nur vor dem klaren Aus- 
sprechen und dem scharfen Durchföhren der eigenen Entschlösse. 
WennTiberius die Wiederaufnahme der Offensive wenigstens geschehen 
hefs, so mufs er empfunden haben, wie viel für eine kräftigere Politik 
sprach; wie es überbedächtige Leute wolil thun, mag er wohl so zu 
sagen dem Schicksal die Entscheidung überlassen haben, bis dann der 
wiederholte und schwere Mifserfolg des Kronprinzen die Politik der Ver- 
zagtheit abermals rechlfertigte. Leicht war es für die Regierung nicht 
einer Armee Halt zu gehielen, die von den verlorenen drei Adlern zwei 
zurückgebracht hatte; aber es geschah. Was immer die sachlichen und 
die persönlichen Motive gewesen sein mögen, wir stehen hier an einem 
Wendepunkt der Völkergeschicke. Auch die Geschichte hat ihre Fluth 
und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochfluth des römischen Weltregi- 
ments die Ebbe ein. Nordwärts von Italien hatte wenige Jahre hin- 
durch die römische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der Varus- 
schlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Märchen, 
aber ein altes, berichtet, dafs dem ersten Eroberer Gennaniens, dem 
Drusna auf seinem letiten Feldiug an der Elbe eine gewaltige Frauen- 
gestalt germanischer Art erschienen sei und ihm in seiner Sprache das 



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54 



ACHTES BUCH. KAPITEL I. 



Wort zugerufen habe „zurück 1" Es ist nicht gesprochen worden, aber 
es hat sich erfüllt. 

^•«■^ Indess die Niederlage der augustiscben Politik, wie der Friede mit 
Oermwien. Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl be- 
zeichnet werden darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der 
Varusschlacht mufs wohl durch die Gemülher der Besten die Hoffnung 
gegangen sein, dass der Nation aus dem herrlichen Sieg der Cherusker 
und ihrer Verbündeten und aus dem Zurückweichen des Feindes im 
Westen wie im Süden eine gewisse £inigung erwachsen werde. Den 
sonst sich fremd gegenüberstehenden Sachsen und Sueben magnelleicht 
eben iu dieten Krisen das Gefühl der Einheit aufgegangen sein. DaDs 
die Sachsen Tom Scblachtfelde weg den Kopf des Varus an den Sueben- 
kAnig schickten, kann nichts sein als der wiMe Aufdruck desGedankena, 
daaa für alle Germanen die Stunde gekonnen tei in gemeinschaftUobem 
AnaUinn aich auf daa rtaiache Reieb la atOmn nnd dea Landea Granw 
und dea Landea Freibeit ao in aicbem, wie aie allein geaieiiert iterden 
können, doreb Niederaebbigen dea Erbfemdea in aebiem eigenen Bein. 
Aber der gebildete Mann und ataataUuga Kfinig nabm die Gabe der 
Inanrgenten nur an, nm den Kopf dem Kaiaer Anguatua mr Beiaetmng 
in aenden; er tbat nicbta für, aber aueb nicbts gegen die RSmer nnd 
bebarrte uneracbfllterlicb in aemer NeutraBtlt. Unmittelbar nach dem 
Tode dea Anguatua batte man in Rom den Einbrueb der Marcomanen 
in Raetien gefQrcbtet, aber, wie es scheint, ebne Ursache, und als 
dann Germanicus die OffensiTe gegen die Germanen vom Rhein aus 
wieder aufnahm, hatte der mächtige Marcomanenkönig unlhätig zuge- 
sehen. Diese Pohtik der Feinheit oder der Feigheit in der wild 
beweglen von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen 
germanischen Welt grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren 
nur lose mit dem Reich verknüpften Suebeiistämme, die Semnonen 
Langobarden und Gotlionen, sagten dem König ab und machten ge- 
meinschaftliche Sache mit den sächsischen Patrioten; es ist niclit 
unwahrscheinlich, dafs die ansehnlichen Streitkräfte, über welche 
Arminius und Inguiomerus in den Kämpfen gegen Germanicus offenbar 
Mwobodi geboten, ihnen grofsenlheils von daher zugealrOmt eind. Ala bald darauf 
der römische Angriff plötzlich abgebrochen ward, wendeten sich die 
Patrioten (J. 17) zum Angriff gegen Maroboduus, vieUeicbt lum Angriff 
auf daa Königlbum überbaupt, wenigatena wie dieaer es nacb rOmiaebem 



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ROBIKtBBNZS ITALIBHS. 



55 



Muster yerwaltete^). Aber auch unter ihnen selbst waren Spaltungen 
eingetreten; die beiden nah verwandten cberuskisclieii Fürsten, die in 
den leUten Kämpfen die Patrioten wenn nicht siegreich, doch tapfer 
und ehrenvoll geführt und bisher stetä Schulter an Schulter gefochten 
hatten, standen in <Hesem Krieg nicht mehr zusammen. Der Oheim 
Inguiomerus ertrug es nicht noch länger neben dem ISelTen der zweite 
zu sein und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus Seite. 
So kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Ger- 
manen, ja zwischen denselben Stämmen; denn in beiden Armeen loch- 
ten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange schwankte der Kampf; 
beide Heere hatten von der römischen Taklik gelernt und auf beiden 
Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen eigent- 
hohen Sieg erfocht Arminius nicht, aber der Getier Aberlie£i ihm das 
Schlaehtfcldv und da Maroboduus den Kürzeren geiogen su haben 
scbira« wlittai ihn die bisher noch lu ihn gehalten hatten nnd fand 
er iicb avf aein eigma Raicb beachrinkt Ala er rftniaehe HQlfe gegen 
die fibennichtjgen Landalente «rbtt, erinnerla ihn Tlberuia an aein 
Verhalten nach der Yamaachlacht nnd erwiderte, dab jetat die Rftmer 
ebentilla neutral Ueiben wQrden. Ea ging nun achleunig mit ihm la 
Ende, Schon im folgenden Jahr (18) wurde er von einem Gothonen- 
firaten Gatnalda, den er fHUwr peraOnlich beleidigt hatte und der dann 
mit den ührigen aufiierbfthmiaehen Sueben ? on ihm abgeGinen war, in 
seinem Königssilz seibat Oberfallen und rettete, von den Seinigen 
Terlassen, mit Noth sich zu den Römern, die ihm die erbetene Frei- 
statt gewährten — als römischer Pensionär ist er viele Juhre später in 
Ravenna gestorben. 

Also waren Arminius Gegner wie seine Nebenbuhler flüchtig ge- ^jj^JJ" 
worden und die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. 
Aber diese Gröfse war seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen 
Landsleute, vor allem sein eigenes Geschlecht schuldigte ihn an den 
Weg Marobods zu gehen nnd nicht blofs der Erste, sondern auch der 
Herr und der König der Germanen sein zu wollen — ob mit Grund oder 

*) Die Angabe des Tacitas (ann. 2, 45), dafs dies eigentlich ein Krieg 
der Repohlikaoer gegen die Montrehistea gewesen sei, ist wohl nicht frei 
Usbffirafiang lMlleaitdi-r8Blieher AM^mata aef die aiir vamhi«- 
U— inealMke Walt S« weit dar Rriaa «lUMb-pelitiiah« Tcadaas 
fdMbt bal^ wird Iba aieht iu nomen regit wie Taeitu fagt, soodera lu 
ttrkm iwtfwimm sifpia ftgim dei Vallaias (2, laS) banroraarofoa Ittkaa. 



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1CBTB8 BUCH. SAPIT£L I. HOBOGaENZB ITAU£R8. 



nicht und ob, wenn er dies woUte, er damit nicht vielleicht das Reclue 
wollte, wer vermag es zu sagen? Es kam zum Bürgerkrieg zwischen ihm 
und diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus 
Verbannung fiel auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahe- 
stehender republikanisch gesinnter Adiicher. Seine Gattin Thusnelda 
und sein in der Gefangenschaft geborener Sohn Thumelicus, den er 
nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem Triumph des Germanicus 
(26. Mai 17) unter den anderen vornehmen Germanen gefesselt mit 
auf das Capitol; der alte Segestes ward für seine Treue gegen die Römer 
mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner 
Tochter und seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Römer- 
reich gestorben ; mit Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines 
Gegners im Exil von Ravenna sich zusammen. Wenn Tiberius bei Ab- 
berufung des Germanicus bemerkte, dafs es gegen die Deutschen der 
iUiegraiirung nicht bedürfe und daJb sie das für Rom Erforderliche 
schon weiter selber besorgen wftrden, so kannte er seine Gegner; darin 
allerding» hat die Geschichte ihm Recht gegeben. Aber dem hoch- 
sinnigen Hann, der sechsundswaniigiihrig seine siehaisehe Heimath 
von der italischen Fremdherrschaft erlöst hatte, der dann in sieben- 
jihrigem Kampfe für die wiedeiigewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat 
gewesen war, der nicht bloA Leib und Leben, sondern auch Weib und 
Kind für seuie Nation eingesetst hatte, um dann siebennnddreiliug- 
jlhrig von HArderhand sn ftllen, diesem Hann g»b sein Volk, was e» 
au geben Termochte, em ewiges GedSchtnift im Heldenlied. 



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KAPITEL IL 



SPANIEN. 

Die Zufälligkeiten der äufseren Politik bewirkten es, dafe die AbMhiab 
Römer früher als in irg^d einem anderen Theü dm flberseeischen in"r- 
Gonünenlt sich auf der pjrenäischen Halbinael feeteeUten und hier ein 
ifricfiMhee stindigee Gommando einrkhteteo. Aueh hatte die Republik 
hier nichtt wie in Gallien nnd in ni|iiciini, aich daiaaf beschrinkl die 
Kosten des italischen Heeres lu unterwerfen, vielmehr gleich von An- 
taig an nach dem Vorgang der Rarkiden die Eroberung der gansen 
HaliHnael in das Auge gefofiit Mit den Lusitanern (in Portugal und 
Estremadura) hatten die Römer gestritten, seit sie sich Herren von 
Spanien nannten; die »entferntere Pvovini* war recht eigentlich gegen 
diese, und zugleich mit der niheien eingerichtet worden; dieCallaeker 
(Gafida) worden ein Jahrhundert vor der actischen Schlacht den Rö- 
mern botm&föig; kurz vor derselben hatte in seinem ersten Feldzug 
der spätere Dictator Caesar die römischen Waffen bis nach Brigantium 
(Curuüa) getragen und die Zugehörigkeit dieser Landschaft zu der eiil- 
femteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann in den Jahren 
zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in 
Nordspanien niemals geruhl: niclit weniger als sechs Stallhalter liaben 
in dieser kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen und vielleicht erfolgte 
die Unterwerfung des südlichen Abhangs der Pyrenäen vorzugsweise 
in diese Epoche^). Die lüriege mit den stammverwandten Aquiianem 

') E$ triamphirtea über SpaoieOi abgesehen voo dem ^ohl poiitisclieD 
Triuph dM Lepidu, in J. 718 Cd. DoBitias Calvinoi (GoMal 714), im 81 40 
I. rao C lf«rfctaw Fbcflog (Gquiü TIS), swiMta 720 and 725 L. Mirdof M. M.S4.I» 



58 



ACHTES BUCH. EAPITBL II« 



an der Nordseile des Gebirges, die. in die (Reiche ^podie fsUen und 
tei Ton denen der letite im Jahre 727 siegreich su Ende ging, werden 
damit in Znsammenhang stehen. Bei der Reorganisation der Yer- 
sT waltang im J. 727 kam die Halbinsel an Augustus, weil dort aas- 
gedehnte militärische Operationen in Aussicht genommen warm nnd 
sie einer dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das südliche 
Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt vom Baetisflufs 
(Guadalquibir), dem Regiment des Senats bald zurückgegeben 
wurde*), blieb doch der bei weitem gröfsere Theil der Halbinsel stets 
in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der gröfsere Theil der entfernteren 
Provinz, Lusitanien und Callaecien'), wie die ganze grofse nähere. Un- 
mittelbar nach Einriclilung der neuen Oberleilung begab sich Augustus 
ts, 1» persönlich nach Spanien, um in zweijährigem Aufenthalt (728. 729) 
die neue Verwaltung zu ordnen und die Occupation der noch nicht 
botmäfsigen Landeslheile zu leiten. Er that dies von Tarraco aus, 
und es wurde damals überhaupt der Sitz der Regierung der näheren 
Provinz von Neukartbago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese 
ProYinz aach seitdem gewöhnlich genannt wird. Wenn es einerseits 
notbwendig erschien den Sits der Verwaltung nicht von der Küste za 

88. 38. 28 Philippus (CoGsul 716) und Appius Claadias Palcher (Consnl 716), im J. 726 
88. Sö. 29 C. Calviüius Sabious (Coosul 715), im J. 728 Sejc. Appuieios (Coosal 12b). 

Die Sebrifitteller erwIhBeD anr deo Sief» dea Calria« nW die Gerrelaeer 
(bd Payeerda la dee SstUehen Pyrenlee) erfodit (lUe 48, 49; TgL Velleine 1^ 
7$ ood die Moose des Sabieiu mit Osca Eckhel 5, 203). 
M ') Da Aagost« Emerita io Lositaoieo erat im J. 729 Colonie ward (Dio 
63, 26) und diese bei dem VerzeichDira der Provinzen, in deoen Auf^nstns 
Coloniea gegründet hat (inou. Aocyr. p. 119, vgl. p. 222), nicht rüglich unbc- 
riicksichtigt geblieben sein kann, so wird die Treooong von Lusitaoia und 
Hitfinie vlterior ent den ceotabriieliea Rriefe ettClf efaeden luibeB. 

*) Galleecieo Ist ■lebt bloft vom der Ulterior aiie degeMwaea werdea, 
■eedera mft ooeb ia der früheren Zeit des Angastai saLaiitaBlea gebSrt be- 
ben, ebenso Astarieo anra'nglich zo dieser Proviox geieblagen wordeo eeia« 
Sonst ist die Erzählung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisios, der Er- 
bauer Emeritas, ist oiTcDbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnios der 
der Tarraconeosis. Damit stimmt «och die parallele Darstelluog bei Floros 
2, 33, deaa die JMigatetd der Headeebriftea aiad eieher die JSQtyuunvoi, 
die PCeleauieae S, 6| 29 «atar dea AelarefB aaflSbrt. Daraa fiifit aveh 
Agrippa io seioea Heüaagea Laaitaoia mit Astori« aod Calla ecia zusammen 
(Plinius 4, 22, 118) «od bezeiebaet Straboo 3, 4, 20 p. 166 die Callaeker als 
früher Lnsitaner genannt Schwankungen ia der Abgreasaas der iptaiacbea 
Proviozea erwähnt Straboa 3, ^ 19 p. 166. 



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iPAiniii. 59 

entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das Ebro- 
gebiet und die Communicalionen mit dem Nordwesten und den Pyre- 
näen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Aslurien und Leon) und 
Yor allem die Cantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), 
welche sich hartnäckig in ihren Bergen behaupteten und die l>enach- 
barleo Gaue überliefen, log lich mit Unterbrecluuigßn, die die Römer 
nannten, der schwere und TerluslvoUe Krieg acht Jahre hin, bis 
Agrippa gelang durch Zerstörung der Bergstüdte und Ver- 
pflanxmg der fiewoboer in die TliAler den oflenen WidereUnd la 
brechen. 

Wenn, wie Kaiier Aagutnf ngt, Mit Minor Zeit die Kfisle des Mii;tKrii.cbe 
Oeeane Ten Cadii bie nur Elbmindong den Römern gehordite, so '^^im" 
war in dieeem Winkel denetben der Gehonam recht unfireiwiUiK nnd 



▼on g er inym Yerial^. Zn einer eigentlichen BefUedung icheint es im 
nerdweitlichen Spanien noch lange nicht gekommen in sein. Noch in 
Neroe Zeil ist von KriegBügen gegen die Astnrer die Rede. Deutlicher 
noch ipriebt die Beaelinng des Landee, wie Angoatni aie angeofdnel hat 
CaUaeden wurde von Lnsitanien getrennt nnd mit der tamconen- 
sischen ProTins vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer 
Hand zu concentriren. Diese Provinz ist nicht blofs damals die einzige 
gewesen, welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares 
Mililärcommando erhalten liat, somlern es wurden von Auguslus nicht 
weniger als drei Legionen*) dorthin gelegt, zwei nach Asturien, eine 
nach Cantabrieu, und trotz der militärischen Bedräugnils in Germanien 

1) Bs tiad dies üt 4. atcsdoDisehe, die 6. YicCriz esd die 10. genioa. 
Di« erste voe dfesee ken ie Folge der dvrek Cliodias kritaanifdi« Bxpeditio« 
▼eraolarsten Versehiebong der TrapfSelsger Sa d«B Rkein. Die beiden änderest 
obwohl ia7wi:scben mehrfach anderswo verwendet, standen noch im ADTaag der 
Re^ieruii^ Wspasiaas in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. 
die von Galba neu errichtete 1. adiatrix (Tacitas bist. 1, 44). Alle drei 
wurden io VertalassQog de« BaUverkriegea es den Dkeia (eseklokt, «sd es 
ktw dsvM «w eie« serick. Deae aoek iai J. 88 lagea la Spaalea aiekrtre 
L«gioaea (Pllalas ptaey. 14; wfß, Hemas 8, 118), Toa welekaa «laa lieker 
die Schoo vor dem J. 79 ia Spaalaa garoitonirende 7. gemina (C. I. L. II, 2477) 
ist; die zweite mafs eine von jenen dreien sein nnd ist wahrscheinlich die 
1. adiutriA, da diese bald nach dem J. 88 an dcu Donaakriegen Domitians sich 
Wtheiligt und aoter Traian in Obergcrinanien steht, was die Vermutbung 
uke legi, dafs sie eine der mehreren im J. 88 von Spanien nack Oberger- 
■aalaa gaiaMaa Legiaaea gewesaa aad bei diasar Viraalasseag aas Spaalaa 
weBakonea Ist la liasitaaiaa kabsa kslaa Leglssea gsstaadse. 



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60 



ACBTB8 BtICB. KAPITEL II. 



und in lUyricum ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Haupt- 
quartier ward zwischen der allen Metropole Asturiens Lancia und der 
neuen Astiirica Augiista (Astorga) einu'eiichtet» in dem noch heute von 
ihm den Namen führenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des 
Nordwestens hängen wahrscheinlich die daselbst in der früheren 
Kaiseneit in bedeutendem Umfange vorgenommenen StraDBeDanlageD 
lusammen, obwohl wir, da die Dislocation dieser Trappen in der 
augustischen Zeit ans antiekannt ist, den Zusammenhang im Einzelnen 
nicht nachaaweisen vermögen. So ist Ton Augustus und Tiberius fAr 
die Pauptstadt Galiaeciens firacara (Brsga) eine Verbindang mit Astn- 
rica, das heibt mit dem groften Hauptquartier, nicht minder mit den 
nördlich, nordöstlich and sfldlich benachbarten Städten hergestellt 
worden. Aehnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasoonen 
und in Gantabrien^). Allmlhlich konnte die Besatzung verringert, 
unter Claudias dne Legion, unter Nero eine iweite anderswo ver- 
wendet werden. Ikich wurden diese nur als abcommandirt angesehen 
und noch zu Anfiing der Regierung Vespasians hatte die spenisehe Be- 
satzung wieder ihre firflhere St&rke; eigentlich redudrt haben sie erst 
die Flavier, Vespasian auf zwei , Domitian auf eine Legion. Von da an 
bis in (He dioclctianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. Gemina 
und eine ^'ewisse Zahl von Hülfscontingenten in Leon garnisonirt. 

Keine I^rovinz ist unter dem Principat weniger von den äufseren wie 
von den inneren Kriegen berührt worden als dieses Land des fernen 
Westens. Wenn in dieser Epoche die Truppencommandos gleichsam 
die Stelle der rivalisirenden Parteien übernahmen, so hat das spanische 
Heer auch dabei durchaus eine Nebenrolle gespielt; nur als Helfer 
seines Collegen trat Galba in den Bürgerkrieg ein und der blofse Zulali 
trug ihn an die erste Stelle. Die vergleich ungs weise auch nach der 
Reduction noch auflallend starke Besatzung des Nordwestens der Halb- 
insel läfst darauf schlieüsen, dafs diese Gegend noch im zweiten und 
dritten Jahrhundert nicht voUst&ndig botmSDug gewesen ist; indeüs 



*) Bei den Ort Piionet (H«ffr«n am Pisaerga, swischen Paleneia vid 
SaDtandfr), der allcio auf Inschriften det Tiberias und des Nero nod zv^ar 
als Aasgan^spnnkt einer HaiserstraFse genannt wird (C. I. L. II, 4883. 4>>S4), 
dürfte das Lager der cantabrischen Lefion gewesen sein, wie bei Leon das 
asturische. Auch Aogustobriga (westlich von Zaragoza) und Complutom (Al- 
cala de Henarea nordwSrU von Madrid) werden nicht ihrer atadtiadhi« Be« 
demiiBg wegen, Modera ab Trappenkger ReidiMtraftencaiitrea gaweies sein. 



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spahuui. 



61 



vermögen wir über die Verwendung der spanisdien Legion innerhalb 
der Provinz, die sie besetzt hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der 
Krieg gegen die CanUbrer ist mit Hülfe von Kriegsschiffen geführt 
worden; nachher haben die Körner keine Veranlassung gehabt hier 
eine dauernde Flottenstation einzurichten. — Erst in drr nachdio- 
cielianischcn Zeit finden wir die pyreniiische Halbinsel wie die italische 
und die griechisch -makedonische ohne ständige Besatzung. 

Dafs die Provinz Baetica wenigstens seit dem Antang des 2. Jahr- JJj^i^ 
hunderts von der gegenüberhegenden Küste aus durch die Mauren — 
die Piraten des Hif — vielfach heimgesucht wuhIp, wird in der Dar- 
stellung der africauischen Verhältnisse näher auszuführen sein. Ver- 
muthlich ist es daraus zu erklären, dafe, obwohl sonst in den Provinien 
des Senats kaiserliche Truppen nicht zu stehen pflegen, auanahme- 
weise Itaiica (bei Sevilla) mit einer Ablheiliiog der Legion von Leon 
belegt war'). Hauptsächlich aber lag es dem in der Provinz von 
Tingi (Tanger) stationirlen Gomniando ob das reiche Bfldlicfae Spanien 
vor diesen EUnfallen in schützen. Dennoch ial es vorgekommen, dafii 
Stidle wie Itaiica nnd Slngiii (unweit Anlequera) von den Piraten 
belagert wurden. 

Wenn dem wellgeachichtliehen Werke der Kaiaenalt, der Ro- 
Maniaimng des Ooeidents» von der Republik irgendwo vorgearbeitet mmh^ 
war, so war dies in Spanien geschehen. Was du Sehwert begonnen, 
führte der fHedliche Verkehr weiter: das rOmische Silbeigsld hat hi 
Spanien gdierrscht lange bevor es sonst auberfaalb Italien gangbar 
vörd und die Bergwerke, der Wein- und Oelbau, die Handelsbeiie- 
hungen bewirkten an der Kfiste, namentlich im Südwesten ein stetiges 
Einströmen italischer Elemente. Neukarthago, die Schöpfung der Bar- 
kiden und von seiner Entstehung an bis in die augustische Zeit die 
Haupt^ladt der diesseitigen Provinz und der erste Handelsplatz Spaniens, 
umschlofs schon im siebenten Jahrhundert eine zahlreiche römische 
Bevölkerung; Carteia, gegenüber dem heutigen Gibraltar, ein Menschen- 
alter vor der Gracchenzeil gegründet, ist die erste überseeische Sladt- 
gemeiiide mit einer Bevölkerung römischen Ursprungs (2, 4); die all- 
berühmte Schwesterstadt Karthagos, Gades, das heutige Cadiz, die erste 



*) Damit kaea in Verbiaduf gebriakt wafdn, dafSi üeseiba L«flra aneb, 
WMD gleich aar aeitwaiaa ud aiit eiaan DataehaawB^ ia Nanidiaa aetir ga- 
«asei ist. 



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62 



ACHTES BUCH. KAPITEL iL 



fremdliiHlMie Stadt aufterlialb Ittlien, wdeba rOniscIies Recht und 

römische Sprache annahm (3, 554). Hatte also an dem grölsten Theil 
der Küste des mittelländischen Meeres die aiteinlieimische ^ie die 
phönikische Civilisalion bereits unter der Republik in die Art und 
Weise des herrschenden Volkes eingelenkt, so wurde in der Kaiser- 
zeit in keiner Provinz die Romanisirung so energisch von oben herab 
gefördert wie in Spanien. Vor allem die südliche Hälfte der Raetica 
zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat zum Theil schon unter 
M. 1* der Republik oder durch Caesar, zum Theil in den J. 739 und 74(> 
durch Augustus eine stattliche Reihe von römischen Vollbürgcrgemein- 
den erhalten, die hier nicht etwa vorzugsweise die Küste, sondern vor 
allem das Binnenland füllen, voran Hispalis (Sevilla) und Corduba 
(Cordova) mit Colonialrechtf mit Municipalrecht Italica (bei Sevilla) 
und Gades (Cadiz). Auch im südlichen Lusitanien begegnet eine Reihe 
gleichberechtigter Städte, namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Julia 
(Bcia) und die von Augustus während seines Aufeothalts in Spaniaii 
gelandete und zur Hauptstadt dieser Provini gemachte Veteranen- 
eolonie Emerita (Merida). In der Tairaeonensia finden aich die 
Bflrgwratidtn überwiegend an der Kflate, Kartbaga mm, nid 
(Elche), Talentia, Dertoaa (Torlosa), Tvmoot Bareino (Baiedona); im 
Binnenland tritt nor hervor die Cotonie im Ebrothal CaesanognsU 
(Saragossa). Yonbürgerg^neiiidstt liblte man in gans Spanien unler 
Augostna fünftug; gegsn ftwCug andere hatten bis dahin lalinisehes 
Redit empftngen ond standen hinsichtlicb dar Inneren Ordnung den 
Bürgergemeinden gleich. Bsi den übrigen bat dann Kaiser Vespasianus 
btt Gelegenheit der von 9un im I, 74 ▼eranslalloleii allgemeineD 
Reidissdilsnng die latiidadie GeoMindeordnnng ebenfiJb eingeführt. 
Die Verleihung des Bürgorechts ist weder damals noch überhaupt in 
der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden als sie in augu- 
stischer Zeit gediehen war*), wobei wahrscheinlich hauptsächlich die 
Rücksicht auf das den Reichsbürgern gegenüber beschränkte Aus- 
hebungsrecbt mafsgebend gewesen ist 

Die einheimische Bevölkerung Spaniens, welche also theils mit 
IbKw!' italischen Ansiedlem vermischt, theils zu italischer Sitte und Sprache 

Haft *die IWrw HtaMr graaoet werden', wie iM^haa (eontre 
Ap. 2, 4) steh aedrickt, inra ev anf die Ertheilnif dM ktiaitchen 
Rechu derah Vtapasiaa betogte wcrdm «od ist eie« iaeerrede Aegake dm 
Fremdes. 



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63 



hiogeleitet ward« tritt in der Geschiebte der Kaiserzeit nirgends deutlich 
erkennbar henror. Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste 
und dessen Spciclie sich bis auf den heutigen Tag in den Bergen Viz- 
cayas, Guipozcoas undNavarras behaupten, einstmals die ganze Halbinsel 
in ähDlidwr Weise erfüllt, wie die Berbern das nordafrikanische Land. 
Ihr idkMBt Ton dea mdogennanischen grundverschieden und fleilonslos 
wie dis der Ffauieft md Moofslen, beweist ihre ursprftnglieheSelbstln- 
di^keil imd ihre widitigsten DenkmUer, die MOnsen, urnftssen in dem 
cnten lihflinideK der Herrsehift der Römer in Spsnien die Hallmisel 
mit Aawwhpe derSddkfiste fimGidis bis Gnnada» wo dsmals die phoe- 
nikisdie Sprache herrMhte, and des Gdiietes nOrdlieh von der Mfln- 
dmg des Tsjo und wesüieh fon den Ebroquellen, welches damals wahr- 
scheinlich groftenthdb Ikcliseh nnabhingig und gewiAi darchavs un- 
civilisirl war; In diesem Iberischen Gebiet unterscheidet sich wohl die 
südspaoisehe Schrift deutlich von der der Nordpronnz, aber nicht min- 
der deutlich sind beide Aeste eines Stammes. Die phoenikisclic Ein- 
wanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschränkt als in 
Africa und die kellische Mischung die allgemeine Gleichförmigkeit der 
nationalen Enlwickelung nicht in einer für uns erkennbaren Weise 
raodificirt. Aber die Conflicte der Kömer mit den Iberern gehören 
überwiegend der republikanischen Epoche an unil sind früher dargestellt 
worden (1, 674 f.). Nach den bereits erwähnten letzten WafTengängen 
unter der ersten Dynastie verschwinden die Iberer völlig aus unseren 
Augen. Auch auf die Frage, wie weit sie in der Kaiserzeit sich romani- 
sirt haben, giebt die uns gebliebene Kunde keine befriedigende Antwort. 
Dalii sie im Verkehr mit den fremden Herren von jeher veranlafst sdn 
werden sich der römischen Sprache zu bedienen, bedarf des Beweises 
nicht; aber auch aus dem öffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemein- 
den schwindet unter dem £influfs Roms die nationale Sprache und 
die nationale Schrift Schon im leisten Jahrhundert der Republik ist 
die anilngllfh In weitem Umfknge gestattete einheimische Prigung 
in der Hauptsache besaitigt worden; au der Eaiseraeit giebl es kehie 
apanisrJia Staitnrilnie mit anderer als tattamlscher Auftehrift Wie die 

Das wohl jSflgste sicher datirbare Daakmal der eiDbeimischeo Spracka 
ist eine Mfioze voo Osicerda, welche den wahrend des gallischen Krieges von 
Caesar geschlageaen Deoareo mit dem Elephaotcn nachgeprägt ist, mit lateinischer 
ood iberischer Aufschrift (Zobel esludio histörico de la moneda atitigua 
«gNiiofa 2, 11). üater dea gaaz oder theilweiae cpichoriMhen Inachiiftam 



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64 



ACHTES BUCB. KAPITEL II. 



rftmisdie Tracht ivar die rOmiacbe l^raobe aueh bei deojenigeo 
Spaniern, die dea italiadien Bdrgerredits entbehrten, in grollsem Um- 
fang verbreitet und die Regierung begünstigte die factiscbe Romanisi- 
rung des Landes Als Augustus starb, überwog römische Sprache 
und Sitte in Andalusien, Granada, Murcia, Valencia, Catalonien, Arra- 
gonien, und ein guter Theil davon kommt auf Rechnung nicht der 
Colonisirung, sondern der Romanisirung. Durch die vorher erwähnte 
Anordnung Vespasians ward die einheimische Sprache von Rechts- 
wegen auf den Privalverkelir beschränkt. Dafs sie in diesem sich 
behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein ; was jetzt auf die Rerge 
sich beschränkt, welche weder die Gothen noch die Araber je be- 
setzt haben, wird in der römischen Zeit sicher über einen grofsen 
Theil Spaniens, besonders den Nordwesten sieh erstreckt haben. I>en- 
noch ist die Romanisirung in Spanien sicher sehr viel früher und 
stSrker eingetreten als in Africa; Denkmäler mit einheimischer Scbrifl 
aas der Kaiserzeit sind in Africa in ziemlicher Anzahl, in Spanien kaum 
nachiuweisen, und die Berbersprache beherrscht heate nodi halb Nord- 
afirica, die iberische nur die engen Thiler der Vaaken. Es konnte daa 
nicht anders kommen, theils wefl in Spanien die rOmiache Giilisalioii 
viel firOher und Tlel kriftiger auflrat als In Africa, theila weil die Einge- 
borenen dort nicht wie hier den Rückhalt an den freien Sttamea 
hatten. 

Die einheunische Gemeinde? erftssung der Iberer war tod der gal- 
OfloMiod«. lischen nldit m einer für uns erkennbaren Weise Terschieden. Von 
Haus aus aeiflel Spanien, wie das Keltenland dies- und jenseits der 
Alpen, in GaubeMe; die Vaccaeer und die Cantabrer unterschieden sich 



Spaniens mögeo sieb manche jüngere befiodeo; öffeatUehe Stftxaog itt bei keiner 
derselben auch aar wahrscheinlich. 

£• ktt eioe Zeit gegeben, we die PeregrisesgeHelidaB das Redit 
die latelntMlM sar GeseUUbtpftehe sa aaeheB vom Seut erbitte« Baratea; 
aber fnr die Ralaeraeit gilt daa mUkt webr. Vielmehr iat hier wahrscheia- 
lidi büoflg das Umgekelirte eiogetreten, zum Beispiel daa Miasrecht io der 
Weise gestattet worden , dafs die Aufschrift lateinisch sein moTste. Ebenso 
sind öfTcDtlichc Gebäude, die Nichtbür|;er errichteten, lateinisch bezeichnet; 
so lautet eine Inschrift von Uipa in Andalasiea (C. I. L. II, 1US7): Urchail 
Müta /(ünuj ChUeuurgun porUu fomicfesj MdißeandfaJ eurmfi d$ 9(ua) 
ffBouiSa), Oals daa Tragea der Tega aaeb Nieblrfiaera festattet vad da 
Zeicten vea loyaler Geaiaraaf war, leist aewobl Straboaa Aeobamaf Sber die 
Tarraeoaenaia tegata wie Agrieolaa Verbaltea la BritaaBtea (Taeitas Agrie. 21). 



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65 



schwerlich wesentlich von den Cenomanen der Transpadana und den 
Reniern der Belgica. Dalti aut den in der frfifieren Epoche der Hömer- 
hcrrschafl geschlagenen spanischen Münzen vorwiegend nicht die Städte 
genannt werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Gesse- 
taner, nicht Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch alt 
dieGeflchicbte der damaligen Kriege, dals auch in Spanien einst gröfsere 
GauTerbände bestanden. Aber die Biegenden Römer behandelten diese 
Verbände nicht Oberall in t^leicher Weise. Die transalpinischen Gsu0 
hUeben auch unter römischer Herrschaft poliUsche Gemeinwesen; wie 
die cisaipinischen sind die spsnischen nur geographische Begrifli». Wie 
der INstiifil der Cflnomanen nichts ist als ein GesainniUusdniclt llQr 
die Teirilorien Ton Brixia, Bergomum und so weiter, so bestehen 
die Astorer ans sweiandswansig politisch selbstittdigon Gemeinden, die 
aOem Anschein nach rechtlieh sich nicht mehr angehen als die Städte 
Erixia und Beigomnm INeser Gemeinden ifthlte die larraconensische 
Profins in angostiscfaer Zeit 293, in der Mitte des aweiten lahrhnn- 
derta 275. Ea aind also hier die alten GauYerbinde anfgetSat worden. 
Dabei ist schwertiefa iiestimmend gewesen, dalii die Geschlossenheit der 
Yettonen und der Cantabrer bedenklicher für die Reicbseinbeit erschien 



>} Diese nerkwurdigeo Ordaangen erhellen nainentlich aus den spaol- 
fcfcea Oi tsverzeichnisseti bei Plioius und sind von Detlefseo (Philologus 3?, 
606 ff .) gut dargelegt worden. Die Teriniaologie freilich ist schwaukeud. 
Da die Bezeichouogea etvitas^ populuM^ gen» der selbstüiidigea Gemeinde eigea 
sind, kommen sie von Heebttwegen dieien Tbeiieu ^uj also wird zum Beispiel 
gespr«cbea vob den X tiväaie» der Ailrlgoneo, den XXII pcpuU der Astar«r, 
der gmu Zo&Uamm (G. I. L. II, 363SX weldio ebes eise dieser 22 VSlkereehalleo 
ist Das merkwürdige Doeoneot, das wir voe dieien Zoelee besitsen (G. I. L. 
11, 2633) lehrt, dafs diese g^mt wieder in gentüüatet zerßel, welelie letzteren 
auch selbst gmtes hiefseo, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Epb. 
(rp. 11, p 243) beweisen. £s ßndet sich auch civis in Beziehung aut eiuen der caota- 
briichen popuU (Eph. ep. II p. 243). Aber auch für den grölseren Gau, der ja 
ilMleiaie die pelitisehe Kskeit war, giebt aedert Biuleiiaangen nicht alt 
diese eifeelUeii retreipe el ly ud ieeerreete; saBestUeii faaw wiri daÜr eelbit 
im taekaiMäea StU verwendet (s, Bw C. L L. II, 4283 B£mti{imuit) tm gmh 
FaccMorttm). Dafs das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Districten 
mkt, nicht auf den Gaaeo, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch 
daraus, dafs Pliaius 3,3,18 jenen 293 Ortschaften die ctvttates contributae 
aUü gegeaiiberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census accipienäos cirita- 
Harn XXIU yatcomm el Fardidorum (C. I. L. VI, 1463) verglichen mit dem 
CMwer eMUOi» Bmunm fttätmim (C. L L. XI 1855 vgl. 2<07K 
Memmae», Km. O aaa k iah t fc 5 



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66 



ACHTES BUCH. EAPITEL II, 



als diejenige der Sequaner und der Treverer; hauptsächlich beruht der 
Unterschied wohl in der Verschiedenheit der Zeit und der Form der 
Eroberung. Die Landschaft am Guadalquibir ist anderthalb Jahrhun- 
derle früher römisch geworden als die Ufer der Loire und der Seine ; 
die Zeit, wo das Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, 
liegi derjenigen Epoche nicht so gar fern, wo die samnitische Conföde- 
ration aufgelöst ward. Hier waltet der Geist der alten Republik, in 
Gallien die freiere und mildere Anschauung Caesars. Die kleineren and 
machtlosen Districte, welche nach Auflösung der Verbände die Trftger 
der politischen Einheit wurden, die Kleing^ue oder Geschlechter, wan- 
delten sich im Laufe der Zeit hier ivie flberall in Stidio um. Die Anfinge 
der stidtischen Entwickelung, auch autehalb der lu italischem 
Recht gelangten Gemeinden» gehen rat in die repuhUkanische, viel- 
leicht in die Torrdmiache Zeit EurQck; später mnfete die allgemeine 
VerleihuDg des latinischen Rechts durdi Vespasian diese Umwandlung 
aligemein oder so gut wie allgemein machen*). Wirklich gab es unter 
den 293 augustisehen Gemeinden der Profh» Tmi Tirraoo 114, unter 
den 275 des zweiten Jahrhunderls nur 27 nicht städtische Gemeinden. 
AatUbosf. lieber die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu 
sagen. Bei der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine her- 
vorragende Rolle gespielt. Die daselbst garnisonirendeu Legionen sind 
wahrscheinlich seit dem Anfang des Principats vorzugsweise im Lande 
selbst ausgelioben worden ; als späterhin einerseits die Besatzung ver- 
mindert ward, andererseits die Aushebung mehr und mehr auf den 
eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschränkte, hat die Baetica, auch 
hierin das Loos Italiens theilend, das zweifelhafte Gluck genossen gänz- 
lich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auziliare Aushe- 

Da die Utioiscbe Gemeindeverfassuog^ für eine nicht städtisch orgaoi- 
sirte Gemeinde nicht pafst, so lulissea diejenigen spanischen, welche noch nach 
Vespasian der städtiachea Organisatioo entbehrten, entweder von der Verleihaog^ 
des Utiniachen Reehts •«•KttoUoiase oder für sie besosdtre MediSeatloM» 
•lagttretaa seli. Dm Ulstere dirfte mhr WahndMiilkUtdC heb««. Latl- 
■Jsdw NaneMform leifeo ■aehveapatiaaiMlie bsdhrift«« «oeh der ^«nfet, wie 
C. I. L. II, 2633 und Eph. ep. II, 322; nnd weoi eioieliie a«s dieser Zeit sieh 
finden sollten mit nirhtrümischcn Namen, so wird immer noch zu fragen sein, 
ob hier nicht blofs factiscbc Veroachlässigang za Groode liegt. Indicico nicht- 
römischer GemeindeordauDg, in den sparsamen sicher vorvespasianischen In- 
schriften verbiltoirsmürsig häufig (C. 1. L. II, 172. 1953. 2633. 5048), sied mir 
ia iiehor aaehvefpiiiaDiacheB aieht vorgehoBBOs. 



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•Mimif. 



67 



bung, welcher namentlich die in der aUdtuchen Entwicklung zuräck- 
gebliebenen Landacbaflen UDterlagm, ist in Lusitanien, Callaecien, 
Asturien , nicht minder im ganzen nördlichen und inneren Spanien in 
groCsem Malsstab dorchgefikhrl worden ; Augastus, dessen Vater sogar 
Mine Leibwadw ana Spaniern gebüdai hatte, bat ab g e s e h en von der 
fielpca in kcineni der ihm nntenlellten Gebiete so nmftaaend recm- 
tiriwiein Spanien. — FAr die FInanaendeaStaatea iatdieareieheLand 
ohne Zweifel eine der aicheraten und ergiebigsten Quellen gewesen; 
Pliherea iat darüber nieht Aberliefert. — Auf die Bedeutung dea Yer- Twktkr ni 
kefara dieaer Provinaen gaatattet die Fflrsorge der Regierung fttr daa ^'"^ 
apaniache Stralkenweaen einigermaßen efaran Scfalusa. Zwiaehen den 
Pyrenien and Tarraco haben sich römische Meilensteine schon aua 
der letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine andere Pro- 
vinz des Occidents aufweist. Dafs Augustus und Tiherius den 
Strafsenbau in Spanien hauptsächlich aus militärischen Uücksichlen 
forderten, ist schon bemerkt worden; aber die hei Karthago nova 
von Augustus gebaute Strafse kann nur des Verkehrs we^en angelegt 
sein, und hauptsächlich dem Verkehr diente auch die von ihm be- 
nannte und theilweise regulirte, theilweise neu angelegte durch- 
gehende Reichsstrafse welche, die italisch-gallische Küstenslrafse 
fortführend und die Pyrenäen bei dem Pals von Puycerda überschrei- 
tend von da nach Tarraco ging, dann über Valentia hinaus bis zur 
Mündung des Jucar ungefähr der Küste folgte, von da aber quer durch 
daaBnaoettland das Thal desBaetis aufsuchte, sodann von dem Augustus- 
begBB an, der die Grenae der beiden Pro? insen bezeichnete und mit 
dem eine neue Milieniihlung anhob, durch die Profins Baetica bis an 
die llindmig dea Fluaaea lief und alao Rom mit dem Ooean terband. 
IMsaialalkfdinga die ehiiigeReiehaalndSM in Spanien. Später hat die 
Begianing für die Streben Spaniena nicht Tiel gethan; die Gommunen, 
wetehsn dieaelben bald weaentlich Oberlaaaen wurden, achemen, aoTiel 
wir adien, abgeaehen von dem inneren Hochplateau, AbenD die Com- 
municatleiien in demUaafeng hergestellt tu haben, wie derCnltufatand 
' der Profinz sie Terlangte. Denn gebirgig wie Spanien ist, und nicht 

«) Mo Bkiinf der tte jtiigtulm giebt Strtboe (9, 4, 9 160) ikr 
|iitfrn alle Metl«BatoiB« ao, die jeaen Naaea hab«^, fowoU die au d«r 

Gegead von Lerida (C. I. L. II. 4920—4928) wie die zwischen Tarragooa aod 
Valeacia gefandeneD (da«. 4919— 4!)'>4) wie endlich die zahlreichen ah lano 
jt^ttsio, ^ •st aä BatUm oder a6 arm, und« ümpü ßaetioa, ad ocMttum, 



68 



ACHTES BCXIii. KAPITBL II, 



ohne Steppen und Oedland, gehört es doch zu den ertragreichsten Län- 
dern der Erde, sowohl durch die Fülle der Bodenfruchl wie durch den 
Reichthum an Wein und Oel und an Melallen. Hinzu trat früh die 
Industrie vorzugsweise in Eisenwaaren uiul in wollenen und leinenen 
Geweben. Bei den Schätzungen unter Augustus halte keine römische 
Bürgergemeinde, PataTium ausgenommen, eine solche Anxahl ¥on 
racben Leuten aufzuweisen wie das spanische Gades mit seinen durch 
die ganze Welt verbreiteten Grolshändlern; und dem entsprach die 
liinitiirte Ueppigkeit der Sitten, die dort heimischen Castagnetten- 
Bcblägerinneii und die den eleganten Römern gleich den atezandrini- 
sehen geliafige» gadilanisehen Lieder. Die Nfthe Italiens und der 
bequeme und billige Seeverkehr gaben li&r diese Epoche besonders der 
spanischen Süd- und Ostkflste die Gelegenhttt ihre reichen Producte 
auf den ersten Harkt der Wdt su bringen, und wahrscheinlich hal 
Rom mit keinem Lande der Welt emen so umfmsenden und sietigea 
Grofthandel betrieben wie mit Spanien. 

Dab die rOmische Cifilisation Spanien fHlher und stifker durch- 
drungen hat als irgend eine andere Profins, bestätigt sich nach yer- 
scbiedenen Seiten, insbesondere in dem Religionswesen und in der 
Litterat ur. 

BMnlwtMo. Zwar in dem noch später iberischen von Einwanderung ziemlich 
freigebliehenen Gebiet, in Lusilanien , Callaecien, Asturien, haben die 
einheimischen Götter mit ihren seltsamen nieist aui -icus und -ecus 
ausgehondpn Namen, der Endovellicus , der Eaecus, Vagodonnaegus 
und wie sie weiter lieifsen auch unter dem Princi|)at nocii .sich in den 
alten Stätten behauptet. Aber in der ganzen tJaetica ist nicht ein 
einziger Votivstein gefunden worden, der nicht ebenso gut auch in 
Italien hätte gesetzt sein können; und von der eigen tüchen Tarraco- 
nensis gilt dasselbe, nur daCs von dem keltischen Götterwesen am 
oberen Duero Tereinielte Spuren begegnen Eine gleich energische 
sacrale Romanisirung weist keine andere Provini aut 

DtoBpnifr Die lateinischen Poeten in Gorduba nennt Gieero nur um sie zu 

ub9V Sftt^üo^ 

MhaaUtt«! tadehi; und das augustische Zeitalter der Litleratur ist auch noch 

ntw. _________ 

*) In Clunia ist eioe Dedicatiou an die Mütter gefnoden (C. I. L. II, 
2776) — die ciDzijre spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit ver- 
breiteten und so lauge anhaltenden Cults — , in Uxauia eine den Lu^oihsx 
geaetzte (das. 2816)^ welche Gottheit bei den KeUen voa Aventiciua 
wiederkehrt. 



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SPArilBN. 



69 



wesentlich das Werk der ftaliener, wenn gleich einzelne Provinzialcn 
daran mithalfen und unter aiidüicn der gelelirte Bibliolliekar des Kai- 
sers, der l*hil()Iog Hyginus als Unfreier in Spanien geboren war. Aber 
von da an übernahmen die Spanier darin fast die Holle wenn nicbt des 
Führers, so doch des Schulmeisters. Die Cordubcnser Marcus Pün iiis 
l.alro, der Lehrer und das Musler Ovids, und sein Landsmann und 
Jugendfreund Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Decennium jünger 
als Horaz, aber längere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Be- 
redsamkeit thätig, bevor sie ihre Lehrthätigkeit nach üoni verlegten, 
sind recht eigentlich die Vertreter der die republikanische Redefreiheit 
und Redefrechheit ablösenden Scbulrbelorik. Als der erstere einmal 
in eniem wirklichen Procefs aufzutreten nicht umhin konnte, blieb er 
mit seinem Vortrag stecken and kam erst wieder in Flulih als das 
Geriebt dem berflhmten Mann au Gefallen Tom Tribonal weg in den 
Sehalaaal verlegt ward. Auch Senecaa Sohn, der Hinister Nero« und 
der Modephiloaeph der Epoche, und sein Enkel, der Poet derGeeinnunga- 
Opposition gegen den Prindpat, Lucanoa haben eine litterariach ebenso 
nrälfelbafle wie geschicbtlich unbestreitbare Bedeutung, die doch auch 
in gewissem Sinn Spanien sagerechnet werden darf. Ebenfalls in der 
frtthen Kaiserwit haben swei andere Provmiialen aua der fiaetica« Heia 
unter Qandins, Golumella unter Nero, jener durch seine kurie Erd- 
beschreibong, dieser dorch eine eingehende sum Thetl auch poetische 
Darstellung des Ackerbaus einen Platz unter den anerkannten stilisi- 
renden Lehrschriftstellern gewonnen. Wenn in der düniilianischen Zeit 
der Poet Canius Uufus aus Gades, der IMiilusuph Decianus aus ICtneiila 
und der Redner Valerius Licinianus aus Uilbilis (Calatayud unweit 
Saragossa) als litterarische Gröfsen neben Vergil und CatuU und neben 
den drei cordubensischcn Sternen g»'feiert werden, so geschieht dies 
allerdings ebenfalls von einem Bilbilitaner Valerius Marlialis weicher 



<) Die atBkeiftiibfla (1, 61) hiatea: 

Hoeh tebitxt des felMB Dichtart Uedsr Veroai; 

Des Maro freat sieh Haotoa. 
Patavioms ^rofser Livias macht der Stadt Ailhai aos 

Und Stella wie ihr Flarciis aurh, 
ApoUodoreo raascht Beifall des ^iils Woge; 

VoD NaiM Rahm Ist Saha« ▼oll. 
DI« beideo Seaaea «od dm eiBsIgea Loetaas 

ROnt das beredte Cor daba. 



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70 



AG1RB8 BUGB* lAVRIL II. SPAlOllf. 



•dbBl an Feinheit und Hiebe, freilich aber auch an FeUheit imd Leen 
unter den Dichtem dieser E^Ktche keinem weicht, and man wird mit 
Redit dabei die Landsmannachafl in Anrechnung briDgen; doch teigt 
schon die blofse Möglichkdt dnen solchen IKchterstrauIlB zu binden die 

Bedeutung des spanischen Elements in der damaligen Litteratur. Aber 
die Perle der spanisch-lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius 
Quintiiianus (35 — 95) aus Calagurris am Ebro. Schon sein Vater halte 
als Lehrer der Beredsamkeit in Horn gewirkt; er selbst wurde durch 
Galba nach Horn gezogen und nahm namentlich unter Domitian als Er- 
zieher der kaiserlichen Neüen eine angesehene Stellung ein. Sein Lehr- 
buch der Rhetorik und bis zu einem Grade der römischen Litleralur- 
geschichte ist eine der vorzüglichsten Schriften, die wir aus dem 
römischen Altertbum besitzen , von feinem Geschmack und sicherem 
Urtheil getragen, einfach in der Empfmdung wie in der Darstellung, 
Idirhafi ohne Langweiliglieit, anmuthig ohne Bemühung, in scharüBm 
und bewttfstem GegensaU zu der phrasenreichen und gedankenleeren 
Modelitteratur. Nicht am wenigsten iat ea sein Werk, dafii die Richtung 
aich wenn nicht besserte, so doch Snderte. Spiterhin tritt in der all- 
gemeinen Nichtigkeit der Einflnfo der Spanier nicht weiter herror. 
Was bei ihrer latemisdien Schriftstellerei geschichtlich besonders ins 
Cewicht fillt, ist das Tollstindige Anachmiegen dieser ProYuisialen an 
die litterarische Entwickelung des Mutteriandes. Cicero freilich spottet 
^ über den Ungeschick und die ProTiniialismen der spanischen Dich- 
tnngsbeflissenen; und noch Latros Latein frnd nicht den BeifrO des 
rOmisch geborenen eben so Tomehmen wie correcten Messalla Cor- 
yinus. Aber nach der augustischen Zeit wird nichts Aehnliches wieder 
vernommen. Die gallischen Hheloren, die grofsen africanischen Kirchen- 
schriftsteller sind auch als lateinische Schriftsteller einigermafsen Aub- 
länder geblieben; die Seneca und Marlialis würde an ihrem Wesen und 
Schreiben niemand als solche erkennen ; an inniger Liebe zu der eigenen 
Litteratur und an feinem Verständnifs derselben hat nie ein Italiener 
es dem calagurritaoiscben Sprachlehrer zuvorgetban. 

Das lustige Gades wird dea Caaina «ein Beonaa, 

Emerita meioeD Decian. 
Also wird oaser Biibilis auf dieh stolz seio, 

Lidiin, wd aiek anf alflk 



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KAPITEL IIL 



m CALLISCHBN PROVINZEN. 

Wie Spanien, war auch das südliche Gallien bereits in republikani- t) „ 
scher Zeiieio Tlieil des römischen Reiches geworden, jedocb weder so früh ^°^£o*a ' 
Boeb lo ToUitiiidig wie jenes. Die beiden spaniseben Profnuwo sind in i^«*^ 
der hannihiliscben, die Profini Narbo uider graocbiscben Zeiteuigericblet 
werden; und wenn dort Rom die ganie Halbinsel an sieb nabm» so be- 
gndg^te es sieb bier niebt Uob bis in die leiste Zeit der Republik mit 
dem Resils der Kfisle, sondern es nabm aueb von dieser unmittelbar 
nur die kleinere und die entferntere Hfilfte. Nicbt mit Unrecbt be- 
seiebnete die Republik diesen ihren Besits als das Stadlgebiet Narbo 
(Narbonne); der gröbere Tbeil der Käste, etwa Ton Montpellier 
bis Nizza, gehörte der Stadt Massalia. Diese Griechengemeinde war 
mehr ein Staat als eine Stadt, und das Yon Allers her bestehende 
gleiche liündnifs mit Honi erliielt durch ihre Machtstellung eine reale 
Bedeutung, wie sie bei keiner zweiten OundessUidt je vurgekommen 
ist. Freilich waren nichtsdestoweniger die Römer für diese benach- 
barten Griechen mehr noch als für die entfernteren des Ostens der 
Schild wie das Schwert. Die Massalioten hatten wohl das untere 
Rhonegebiet bis nach Avignon hiiiüuf in ihrem Besitz; aber die 
ligurischen und die kellischen Gaue des Binnenlandes waren ihnen 
keineswegs bolmäfsig, und das römische Standlager bei Aquae 
Sextiae (Aix) einen Tagemarsch nordwärts von Massalia ist recht 
eigentlich zum dauernden Schutz der reichen griechischen Kaufstadt 
eingerichtet worden. Es war eine der schwerwiegendsten Consequenzen 
des rtaischen Bärgerkrieges, daDi mit der legitimen Republik sugleidi 



72 



ACBTB8 BOCB. lAPtTIL m. 



ihn treneste Verbftndete, die Stadt Ma«Mlia, politiadi wniehlet, ana 
einem mithemeiiendeD Staat umgewandelt ward in eine aueh ferner 
reichtfreie und griechische, aber ihre Selbetindigkeit und ihren Hel- 
lenismos in den iMscheidenen VerhÜIniasen einer pronniialen Mittel- 
aladt l»ewahrende Gemehide. In politischer Hinsieht ist nach der Ein- 
nahme im Bflrgerkrieg nidit weiter Ton Massalia die Rede; die Stadt ist 
fortan nur fftr Gallien was Neapolis für Italien, das Gentruro grie- 
chischer Bildung und griechischer Lehre. Insurem als der gröfsere 
Theil der späteren Provinz Naibo erst damals unter unmitlelbare 
römische Verwaltung trat, gehurl auch deren £iQrichluug gewisser- 
mafsen erst dieser Epoche an. 

Leute Wie das übrige Gallien in römische Gewalt kam, ist auch bereits 

SlD''dr«r erzählt worden (3, 223 f.). Vor Caesars gallischem Krieg erstreckte 

Ofti]i«B. j.^ Römerherrscliafl sich ungefähr bis nach Toulouse, Vienne uiul 
Genf, nach demselben bis an den Rhein in seinem ganzen Lauf und an 
die Küsten des atlantischen Meeres im Norden wie im Westen. Aller- 
dings war diese Unterwerfung wahrscheinlich nicht vollständig, im 
Nordwesten vielleicht niciit viel weniger oberflächlich gewesen als die- 
fenige Britanniens (3, 295). Indefs erfahren wir von Ergänxungs- 
kriegen hauptsächlich nur hinsichtlich der Districte iberischer 
Nationalität. Den Iberern gehörte nicht hlofo der südliche, sondern 
auch der nördliche Abhang der Pyrenlen mit deren Vorland, Beam, die 
Gascogne, das westliche Languedoc ; und ea ist schon erwihnt worden 
(8. 57), daÜB, als das nordwestliche Spanien mit den Römern die letsten 
Kftmpfe bestand, auch auf der nördlichen Seite der Pyrenlen, und ohne 
Zweifel in Zusammenhang damit, emsthaft gestritten wurde, suerst 
tt Ton Agrippa im J. 716, dann ?on Marcus Valerius MessaUa, dem l>e- 
18. M kannten Patron der römischen Poeten , welcher im I. 736 oder 727, 



*) Om il»6riMlM Hüugvbiet reieht eatteUadM über Pyrain bao- 

Uber, weoD auch die cinzelDM lloBMafiwhriften , wel<Ae n§Ut «oderm auf 
Perpignan und Narboooe bezogeo werden, oicht sicherer Deutaof sind. Da 
alle diese Prn^ungea unter römischer Autorisation stattgefunden haben, ao logt 
dies die Frage oatie, ob nicht früher, aameatlirh vor der Gründung von Narbo 
118 (636 d. St.)f dieser Theil der späteren Aarboneasis unter dem Statthalter des 
tf«M6itigeB Spuims gwtaodMi bat AqoitaaiMbe HfniM aüt ibariMhar Auf- 
schrift fiebt et niebt, so weiig wie aot 6tm ■ordw«ttUebM SptoiM, wabr- 
■diciolicb W«U rSaische Oberherrsehaft, unter deren Tutel diese PiUgiug 
•rwaebMB ist, so lange dieselbe dauerte, das heUat vidlMcbt bis wom na- 
matiBiMbeB Krieg, jeae Gebiete niebt DufaTate. 



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MB OALUSCHBN PBOfUmil. 



73 



also ungefähr gleichzeitig mit dem canlabrischen Krieg, in dem all- 
römischen Gebiet unweit Narbonne die Aqiiitaner in offener Feld- 
schlacht überwand. In Belrefl' der Kellen wird nichts weiter gemeldet, 
als dals kurz vor der actUchen Schlacht die Moriner in der Picardie 
niedergeworfen wurden ; und wenn auch wahrend des zwanzigjährigen 
tast ununterbrochenen Bürgerkrieges unsere Berichtentalter die Ter- 
hütnÜlBmä&ig unbedenlenden gallischen Angelegenheiten aas den Augen 
Ycrkmn haben mOgen, so beweist doch du Schweigen des hier toU- 
stindlgeD Veneiehnisses der Triumphe, dalk keine weiteren miliUri- 
sehen Unternehmungen Yon Bedeutung im Keltenland wShrend dieser 
Zeit stettgefünden haben. Auch nachher wfthrend der langen Re- lonnMü«- 
gierong des Angustns und bei allen sum Theil recht bedenklichen **** 
Krisen der germanischen Kriege shid die gallischen Landschalten bot- 
mifiiig geblieben. FreOieh hat die römische Regierung sowohl wie die 
ger manisch e Patrioten{Mirtei, wie wir gesehen haben, beständig in 
Rechnung gezogen, dafs ein entscheidender Errolg der Deutschen und 
deren Einrücken in Gallien eine Erhebung der Gallier gegen Iluni im Ge- 
folge haben werde; sicher also kann die Fremdlierrscliari damals noch 
keineswegs gestanden haben. Zu einer wirklichen Insurrecli(»n kam 
es im J. 21 unter Tiberius. Es bildete sich unter dem kellisciu n Adel 
eine weil verzweigte Verschwörung zum Sturz des römisciien Regi- 
ments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig bedeutenden mstor 
Gauen der Turoner und der Andecaven an der unleren Loire, und es 
wurde sogleich nicht blofs die kleine Lyoner Besatzung, sondern auch 
ein Theil der Rheinarmee gegen die Aufständischen in Marsch geselzl. 
Dennoch schlössen die angesehensten Districte sich an; die Treverer 
unter Führung des Julius Florus warfen sich haufenweise in die Ar* 
deonen; in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lyon erhoben sich 
unter Führung des Julius Sacrofir die Haeduer und die Sequaner« 
FreOieh wurden die geschlossenen Legionen ohne grolise MOhe der 
Rähdieii Bm\ allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in kei- 
ner Weise hetheil^ten, aeigt doch den im Lande und namentlich bei 
dem Adel damals noch herrschenden Haft gegen die flremden Gebieter, 
weklMr dsrdi dim Steuerdruck und die Finanznoth, die als die Ur- 
sa^ea dv InsurrecUon bezeichnet werden, gewilii Tcrstirkt, aber 
nicht erst erzeugt war. Eine gri^Cwre Leistung der römischen Staats- AUmihUeh« 
kunst, als dalk sie Galliens Herr zu werden termochl hat, ist es, "qio^«^' 
ddU sie verstanden hat eä zu bleiben und dals Vercingetorix keinen 



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74 



ACHTES HOCH. lAPITIL lU. 



Nachfolger gefunden bat, obwohl es, wie man sieht, nicht gans an 
Hinnern fehlte, die gern den gleichen Weg gewandelt wSren. Er- 
reicht ward dies durch klage Verbindung des Schreckens and des 
Gewinnens, man kann hinsnsetien des Theilens. Die Stirfce und die 
Nfthe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und das wirksamste 
Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn xu erhalten. 
Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der gleichen 
Höhe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt dargelegt 
werden wird, so ist dies wahrscheinlich eben so sehr der eigenen 
Unterlhanen wegen gescliehen, als wegen der späterhin keineswegs 
besonders furchtbaren Nachbaren. Dafs schon die zeitweihge Ent- 
fernung dieser Truppen die Fortdauer der römischen Herrschaft in 
Frage stellte, nicht weil die Germanen dann den Uhein überschreiten, 
sondern weil die Gallier den Römern die Treue aufsagen konnten, 
lehrt dio Erhebung nach Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem 
die Truppen nach Italien abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum 
Kaiser zu machen, wurde in Trier das selbständige gallische Reich 
prociamirt und die übrig gebliebenen römischen Soldaten auf dieses in 
Eid und Pflicht genommen. Aber wenn auch diese FremdherrschafI, 
wie jede, auf der übermächtigen Gewalt, der Ueberlegenheit der ge- 
schlossenen und geschulten Truppe über die Menge zunächst und 
hauptsächlich beruhte, so beruhte sie doch darauf kemeswegs aus- 
schließlich. Die Kunst des Theilens ist auch hier erfolgreich an- 
gewandt worden. Gallien gehörte nicht den Kelten allein; nicht 
bloDi die Iberer waren im Süden stark ▼ertreten, sondern auch 
germanische Stämme am Rhein in beträchtlicher Zahl angesiedelt nnd 
durch ihre berrorragende kriegerische Tüchtigkeit mehr noch als durch 
Ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wul^te die Regierung 
den Gegensatz zwischen den Kelten und den linksrheinischen Ger- 
manen zu näliren und auszunutzx'n. Aber mächtiger wirkte die Poli- 
tik der Verschmelzung und der Versöhnung. Welche Mafsregeln zu 
diesem Zwecke ergrillen wurden, wird weiterhin auseinandergesetzt 
werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst eine Art natio- 
naler Vertretung bewilligt, gegen das nationale Priesterthum auch, 
aber allmählich vorgegangen ward, dagegen die lateinische Sprache von 
Anfang an obhgatorisch und mit jener nationalen Vertretung die neue 
Kaiserreligion verschmolzen wurde, überhaupt indem die Romanisirung 
nicht in schroffer Weise angefailBt, aber vorsichtig und geduldig geför- 



DIB «4LLUSCHBN PMOVUlUir. 



75 



dort ward, hörle die römische Fremdherrschaft in dem Keltenland auf 
dies zu sein, da die Kellen selber Römer wurden und sein wollten. 
Wie weit die Arbeit bereits nach Ablauf des ersten Jahrhunderts 
der Römerherrscbafl in Gallien gediehen war, zeigen die ebenerwähnten 
Vorgänge nach Neros Tod, die in ihrem Gesammtverlauf tlieils der 
Geschichte des rumischen Gemeinwesens, theils den Beziehungen 
desselben zu den Germanen angeboren, aber auch in diesem Zu- 
sammenhang wenigstens andeutungsweise erwähnt werden müssen. 
Der Stiun der juliscb-daudischen Dynastie ging von eiiMin lieliisciMD 
Adlichen aas und begna mil einer keltischen Insurrection ; aber es war 
dies keine Auflebnung gegen die Fremdberrschafl wie die des Vercin- 
geloruL oder nocb des SacroYir, ihr Ziel nicht die Beseitigang, tondero 
die UngestallnDg des rOniMfaeii Begineote; daft ihr FAhrer leine Ab- 
sUmmang von eisen Bastard Caesars in den Adelsbriefen seines Ge- 
sdüechts sählte, drAekt den halb nationalen, halb römischen Charakter 
dieser Bewegung deutlich aus. Enuge Monate spiter proelamirten aller- 
dings* nachdem die abgefallenen rOmiachen Troppen germanischer 
Heriaunft und die freien Germanee f&r den Augenblick die rOmische 
Bheinamiee Aberwiltigt hatten, einige keltische Stimme die ünab- 
hSngigkeit ihrer Nation , aber dieser Versuch scheiterte kläglich , nicht 
erst durch das Einschreiten der Regierung, sondern schon an dem 
"Widerspruch der grofsen MajoriiäL iler Keltengaue selbst, die den Ab- 
fall von Rom niclii wollen konnten und nicht wollten. Die römischen 
Namen der führenden Adlichen , die lateiiiisrlie Aufschrift der Insur- 
rectionsmünzen, die durchgehende Travestie der römischen Ordnungen 
zeigen auf das Deutlichste, dafs die Befreiung der keltischen Nation von 
dem Joch der Fremden im J. 70 n. Chr. deshalb nicht mehr möglich 
war, weil es eine solche Nation nicht mehr gab und die römische 
Herrschaft nach Umständen als ein Jocb, aber nicht mehr als Fremd- 
herrschaft empfunden ward. Wäre eine solche Gelegenheit zur Zeit 
der Schlacht bei Pbibppi oder nocb unter Tiberius den Kelten geboten 
ivordeo, so vrSrt der Aufstand wohl auch nicht anders, aber in Strömen 
Bluts Teriaufen ; jetzt verlief er im Sande. Wenn einige Decennien nach 
diessa sehwoea Krisen die Rbmnarmee betriehtlieh redudrt ward, so 
hatten eben sie den Beweis geUefert, dafa die Galller in Ihrer grofaeii 
HdirBhl nicht mdir daran dachten aich von den Italienern su scheiden 
und die ?ler Generationen, die seit der Eroberung sich gefolgt waren, 
ihr Werk gethan hatten. Was spiter dort vorgeht, sind Krisen inner- 



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76 



ACHTES BUCH. lAFfTBL III. 



halb der römischen Well. Als diese auseinanilcr zu brechen drohte, 
sonderte sich für einige Zeit wie der Osten so auch der Westen von 
dem Centrum des Reiches ab; aber der Sonderstaal des Postumus 
war das Werk der Nolli, nicht der Wahl und auch die Sonderuiig 
nur eine lactische; die Imperatoren, die über Gallien, Britannien 
und Spanien geboten, haben gerade ebenso auf die Beherrschung 
des ganzen Reiches Anspruch gemacht, wie ihre italischen Gegenkaiser. 
Gewifs blieben genug Spuren des alten keltischen Wesens und auch der 
alten keltischen Unbändigkeit. Wie der Bischof Hilarius von Poitien, 
selbst ein Gallier, über das trotzige Wesen seiner Ijindsleute klagt, so 
heÜsen die Gallier auch in den späteren Kaiserbiographien stArrig lud 
unregierlich und geneigt lur Widersetzlichkeit, so dars ihnen gegen- 
Ober CoDsefpieDx und Strenge des Regiments besonders erforderlieh 
erscheinl. Aber an eine Trennung vom römischen Reich oder gnr an 
eine Lossagung von der römischen NationalHIt, so weit es Aberfanopi 
eine solche damals gab, Ist in dieaen späteren Jahrhunderten nirgends 
weniger gedacht worden als in Gallien; vielmehr laUt die Entwickelung 
der rOmlsch-gallischen Cultur, lu welcher Cseaar und Angustus den 
Grund gelegt haben, die apltere römische Epoche ebenso aus wie das 
Hittelalter und die Neuaeit. 

Die Regulirung Galliens Ist das Werk des Augustus. Bei der- 
jenigen der Reichsverwaltung nach dem Schlufs der Bürgerkriege 
kam das gesammle Gallien, so wie es Caesar übertragen oder von ihm 
hinzugewoimt 11 worden war, nur mit Ausi^chlufs des inzwischen mit 
Italien vereinigten Gebiets diesseit der Alpen, unter kaiserliche Verwal- 
tung. Unmittelbar nachher begab Augustus sich nach Gallien und voll- 
«7 zog im J. 727 in der Hauptstadt Lugudunum die Schätzung der galli- 
schen Provinz, wodurch die durch Caesar zum Reiche gekoinnieiien 
Landestheile zuerst einen geordneten Kataster erhielten und für sie die 
Steuerzahlung regulirt ward. Er verweilte damals nicht lange, da die 
spanischen Angelegenheiten seine Gegenwart erheischten. Aber die 
Durchfültrung der neuen Ordnung stiefs auf grofse Schwierigkeiten 
und vielfach auf Widerstand; es sind nicht blofs militärische Ange- 
la legenbeiten gewesen, welche Agrippas Aufenthalt in Gallien im J. 735 
16—18 und den des Kaisers selbst wifarend der J. 738 —741 veranlabten; und 
die dem kaiaerlichen Hause angehangen Statthalter oder Commando* 
18 führer am Rhein, Augustus Stieftohn Tiberios 738, dessen Bruder 
V:l''v!cur: Dmsus 742—745, wieder Tiberius 745—747. 757-759. 763—765, 



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Mfi «ALLUGBBN FAOVUIXBM 



77 



dessen Sohn Gernianicus 76G — 769, hatten alle auch die Aufgabe die 
Organisation Galliens weiter zu führen. Das Friedenswerk war sicher 
nicht minder schwierig und nicht minder wiclilig als die Waffengänge 
üiu Rhein ; man erkennt dies darin, dafs der Kaiser die Fundamentirung 
selbst in die Hand nahm und die Durchführung den nächst und höchst 
gesteUleu MäouerD des Reiches anvertraute. Die von Caesar im Drange 
der Bürgerkriege getrofleoea Feüsetzungea babeo erst in diesen Jahren 
diejenige Gestalt bekommen« welche sie dann im weeentlicben 
liebieJlen. Sie erstreckten sich über die alte wie über die neue Pro- 
vinz; indefr gab Auguelus das altrömische Gebiet nebet dem von Nu- 
salia Tom Mittelmeere bia an die Gevennen achon im J. 732 an die u 
aenatoriaebe Regierang ab und bebielt nur NengalUea in eigener Ver- 
waltung. Dieaea immer noeb aebr auagedebnte Gebiet wurde dann in 
drei Venvaltnngabeiirke aufgelAat, deren jedem ein selbsiindiger kaiaer- 
licber Slattballer Toigesetit wurde. Dieae Eintbeilung knOpfte an 
an die achon Ton dem Dietator Caesar YOigeAindene und auf den 
nationalen Gegenaitien beruhende Dreitheilung des Keltenhudea in 
das Ton Iberern bewohnte Aquitanien, das rein kellische Gallien und 
iUs ko Illach -germanische (Gebiet der Beigen; auch ist wühl beabsich- 
liyl worden diese den Ausbau der röinischen Herrschafl lürdern- 
den Gegenfälze einigcrmafsen in der adminislralivcu Tiieilunij; zum 
Au>druck zu bringen. Indel;» ist dies nur annähernd durchgeführt 
Worden und kunnle auch praktisch nicht anders realisirt werden. 
Da« rein kellische (leiiiei zwischen Garonne und Loire ward zu dem 
allzu kleinen iherischeii Aquitanien hinzugelegt, das gesammle links- 
rheinische Ufer vom Lcmansee bis zur Mosel mit der iielgica vereinigt, 
obwohl die meisten dieser Gaue keltisch waren; überhaupt überwog der 
Keltenstamm in dem Grade, dais die vereinigten Provinien die *drci 
Gaiiien' iieilaen konnten. Von der Bildung der beiden sogenannten 
Germanieny nominell dem Ersatz für die verlorene oder nicht zu Stande 
gehommeoe wirklich germanische Provinz, der Sache nach der gaiii- 
acben Mililiigrenae, wird in dem folgenden Abschnitt die Rede aein. 

Ue lechtlichen Verhftitniase wurden in durehaua Yerachiedener 
Weiae llr alte Provins Gallien und fftr die drei neuen geordnet: 
jene wurde aofort und ToUatindig latiniairt, in dieser lunichat nur das 
bealehende nationale Verbältnifii regulirt Dieser Gegensatz der Ver- 
waltung, welcher weit tielSer eingreift, als die formale Verschiedenheit 
der aenaloriichea und der kaiaerlichen Administration, hat wohl die 



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78 



ACHTB8 BUCH. KAPITEL III. 



noch heute nachwirkende Verschiedenheit der Länder der Langue d'oc 
und der Provence zu denen der Langue d^oui zunächst und baupt- 
iftchlich herbeigeführt. 
BombU- So weit wie die Romanisirung Südspaniens war die des gallischen 
flS^MSSL Südens in republikanischer Zeit nicht vorgeschritten. Die zwischen 
den beiden Eroberungen liegenden achtzig Jahre waren nicht rasch 
einzuholen ; die Truppenlager in Spanien waren bei weitem stärker und 
stetiger als die gallischen, die Städte latinischer Art dort zahlracher 
als hier. Wohl war auch hier in der Zeit der Graochen und unter 
ihrem Einflufii Narbo gegrOndat worden, die erste elgentliebe Bflrger- 
colonie jenseit des Meeres; aber sie blieb Terrinidt and im Handels- 
▼erkebr swar Rivalin Yon Massalia, aber allem Anscbeine nach an 
Bedentang ihr kemeswegs gleich. Aber als Caesar anfing die Ge- 
schicke Roms za leiten, wurde Tor aUem hier, in diesem Lande seiner 
Wahl ond seines Sterns, das Versinmte nachgeholt Die Colon!« 
Narbo wurde verstftrkt und war unter Tiberins die Tolkrrichste Stadt im 
gesammten Gallien. Dann wurden, hauptsSdilleh aof dem von Massa- 
lia abgetretenen Gebiet, vier neue Bürgergemeinden angelegt (3, 553), 
darunter die bedeutendsten militärisch Forum Julii (Frejus), Haupt- 
slalion der neuen Reichsflotte, für den Verkehr Arelate (Arles) an der 
Uhonemnndung, das bald, als Lyon sich hob und der Verkehr sich 
wieder mehr nach der Rhone zog, Narbo überflügelnd die rechte 
Erbin Massalias und das grofse Emporium des gallisch-italischen Han- 
dels ward. Was er selbst noch und was sein Sohn in diesem Sinne 
geschalTen hat, ist nicht bestimmt zu unterscheiden und geschicht- 
lich kommt darauf auch wenig an; wenn irgendwo, war hier Augus- 
tus nichts als der Testamentsvollstrecker Caesars. Ueberall weicht 
die keltische Gauverfassung der itaUschen Gemeinde. Der Gau der 
Volker im Küstengebiet, früher den Massaüoten unterthänig, em- 
pfing durch Caesar latinische Gemeindeverfassung in der Weise, dafs 
die ,Pritoren* der Volker dem ganzen 24 Ortschaften umfassenden Be- 
zirk Yorstanden^), bis dann bald darauf die alte Ordnung auch dem 
Namen nach verschwand und an die Stelle des Gaus der Volker die 
latinisehe Stadt Memausus (Ntmes) trat Aehnlich erhielt der ansehn- 



Das zeigt die merkwürdige Inschrift von Avignon (Herzog Gill. i\arb. 
0. 403): T. CaruiuM T. /, prfaetorj yokar{umJ dat, das älteste Zeugoifs für 
die fVaitehe Ofdmef des Gembnreieas ia diiSM Gegeudsa. 



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79 



liebste aller Gaue dieser Provinz, der der Allobrogen, welche das Land 
■tedlich der kere und ftsUich der mitUeren Rhone tob Vileoce und 
Lyon bis in die savoyischen Berge und an den Lemansee in Besitz 
ballen, wahncbeinlich bereits durch Caesar eine gleiche städtische 
Organisation und italischet Recht, bis dann Kaiser Gaius der Stadt 
Yiemia das rOoiiscbe BArgerrecbt gewibrte. Ebenso wurden in der 
gesammten Profini die grOteren Gentren durch Caesar oder hi der 
ersten Kaiseneil nach latiniscbeni Rechl organisirl, so Rusemo (Rous- 
sflk»), Avennio (Afignon), Aquae Seitiae (Ais), Apta (Apl). Sdion 
am Schlnlh der angustiseben Zeil war die Landschaft an beiden Ufern 
der nnleten Rhone in Sprache und Sitte ToUstlndlg romanisirl, die 
Gaoverihssung wahrscheinlich in der gesammten ProWns bis auf geringe 
üdieneste beseitigL Die Borger der Gemehiden, denen das Reiehs- 
bürgerredit TerKehen war, und nicht minder die BArger derjenigen 
latinischen Rechts, welche durch den Eintritt in das Reichsheer 
oder durch Bekleidung von Aemlern in ihrer Heiniallistadi für sich 
und ihre Nachkommen das Reichsbürgerrecht erworben liatleu, stan- 
den rechtlich den Italien mi vollständig gleich und gelangten gleich 
ihnen im Reichsdiensl zu Aemlern und Ehren. 

Dagegen in den drei GaHien gab es Städte römischen und latini- Lagvdw 
sehen Rechts nicht, oder vielmehr es gab dort nur eine solche'), die 
eben darum auch zu keiner der drei Provinzen oder zu allen gehörte, die 
Stadt Lugudunum (Lyon). Am äufsersten Südrand des kaiserlichen 
GaUien, unmittelbar an der Grenze der städtisch geordneten Provinz, am 
Znsammenflufs der Rhone und der Saone, an einer militärisch wie 
commerciell gleich wohlgewählten Stelle war während der BArgerkriege, 
zunächst in Folge der Vertreibung einer Anzahl in Yienna ansissiger 
Italiener*), im J..7il diese Ansiediung entstanden, nicht hervorgegangen a 

') Nar etwa Noviodaoam (Nyon am Genfersee) kann in den drei Gallieo 
der Anlage oacb mit Luf^udanuin zusammrngestellt werden (3, 254); aber da 
diese Gemeinde später als civitas Eqaestriuin auTtritt (inscr. Hclv. 115), so 
sdieiat sie anter die Gane eiagereibt so seio, was voo Lagudnoam nicht gilt. 

^ die nt Viaaaa tob ien AUoftrogu frSher VerlriekeMo (ol iu Qitiifwme 
t^e Jfmgßmiiatat M tth jÜJiofigiymf noti Umt9wns) Wi Dt» 46, 50 
können nicht wohl andere gewesen i«ia als rSaltehe Bürger, 4a 4t6 6ria4oi^ 
einer Bärgereolonie za ihren Gunsten nar unter dieser VoranssetKung sich 
begreift. Die 'frühere' Vertreibang stand wohl in Zasammenhang mit dem 
Allobrogenaofstand unter Catugoatus im J. 693 (3, 224). Die Erklärung, 61 
warn die Vertriebenen nicht zariickgeführt, sondern anderweitig angesiedelt 



80 



ACaiES BUCU. KAPITEL lU. 



aus einem Keltengaa*) und daher aocb immer mit eng beschränktem 
Gebiet, sondern von Haus aus von Italienern gebildet umi im Besitz 
des vollen römischen Bürgerrechts, einzig in ihrer Art dasleiiend unter 
den Gemeinden der drei Gallien, den Rcclitsveriiältnissen nach einigcr- 
raafsen wie Wasliinglon in dem nordamericanischen Bundesstaat. Diese 
einzige Stadt der drei Gallien nvukIp. zugleicii di»> gallische Hauptstadt 
Eine gemeinschaftliche Oherbehörde hatten die drei Provinzen nicht 
und von hohen Heichsbeamten hatte dort nur der Statthalter der 
mittleren oder der lugudunensischen Provinz seinen Sitz; aber wenn 
Kaiser oder Prinzen in Gallien verweilten, residirten sie regelmälsig 
in Lyon. Lyon war neben Karthago die einzige Stadt der lateinischen 
Reichshäirie , welche nach dem Muster der hauptfitäd tischen Garnisoii 
eine ständige Besatzung erhielt'). Die einzige Münzstätte Tür Reichs- 
geld, die wir im Westen fikr die frühere KaiserMit mit Sicherheit 
nachweisen können , ist die Ton Lyon. Hier war die GenlnJaleUe 
des ganz Gallien umfassenden GrenzsoUes, hier der Knotenponkt 
des gallischen Strafwnnelzes. Aber nieht Uob alle Regieronge- 
anslalten, welche Gallien gemeinschafUlch waren, hatten ihren ge- 
borenen Sitz in Lyon, sondern diese Römerstadt wurde auch, wie wir 
weiter liin sehen werden, der Sitz des keltischen Landtags der drei 
Provinzen und aller daran sich knüpfenden politischen und religiösen 
Institutionen, seiner Tempel und seiner Jahresfesle. Also blähte 
LuguduDum rasch empor, gefördert durch die mit der Metropolen- 
Stellung verbundene reiche Dotation und die für den Handel ungemein 
günstige Lage. Ein Schriftsteller aus Tiberius Zeit bezeichnet sie als 
die zweite in Gallien nach Narbo; späterhin nimmt sie daselbst den 
Platz neben oder vor ihrer Uhoneschwester Arelate. Bei der Feuers- 
hrunst, die im J. 04 einen grolsen Theii Roms in Asche legte, sandten 

werden, fehlt, aber ca latteo sich Mu aandierlei VeranlaMaogeo denken, 
ned die Thatsaelie selbst wird dadereh aicht io Zwelf«! gestellt Die der 
Stadt nfliefiModee Reiten (Taeltos k. ], 66) nSgea ihr wehl auf Kesten vea 

Vienoa verliehen worden sein. 

») Der BodcD gehörte früher den Segosiavero (Plinias h. n. 4, 18, I07; 
Strabo p. 180 l'-Vi), einem der kieioen Clieolelgaue der Haeduer (Caesar b. G. 
7,70); aber iu dir üaueiotbeiluog zahlt sie uicht zu dieaen, sondern steht 
for sich als fitix^inoln (Pteieniaeus 2, 8, 11. 12). 

^ Dies sind die 1200 Soldateai Bit welchen, wie der Menhfiaig Agrippa 
bei Jesephns (bell. 3, 16, 4) saft, die R8«r des sesaaiaite Gallien in liel- 
adUUfkeit halten. 



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81 



die Lugudunenser den Abgebrannten eine Beihillfe von t Mill.Sesterzen 
{870 0000 M.), und als ihre eigene Stadt im nächsten Jahr dasselbe 
Schicksal in noch härterer Weise traf, staiMrte auch ihnen das ganie 
fieich seinen Beitrag und sandte der Kaiier die gleiche Summe ans 
seiiier ScbatoUe. GUnieoder als zuvor enlaiid die Stadt aus iliren 
RimwD, ond sie ist fast durch zwei Jahrtausende unter allen ZeitldufteB 
eine Grofsstadt geblieben bis auf den honügen Tag. In der spiteno 
Kakamilfrailidi tritt MMffflck hinter Triw INe Stadt der Tieverar, 
▲ogasta genannt ivrimeheinlich ?en dem ersten Kaiser, gewann bald 
in der Belgiea den ersten Plats; wenn nech in Tiberius Zeit Durooor- 
iormn der Hemer (Reims) die Tolkreichste Ortschaft der Prsfini nnd 
der Sitt der Statthalter genannt wird, so theill bereiU ein SchriflsteOer 
ans der des dsndins den Primat daseHist dem Haoptort der Tre?erer in. 
JÜier die Hauptstadt Galliens*), man darf rieUeieht ssgen des Oeddents, 
isl Tri&e erst geworden durch die Umgestaltung der ReichsTerwaltung 
unter Diocletian. Seit Gallien, Britannien und Spanien unter einer 
Obervemaltung stehen, hat diese ihren Silz in Trier, und .seitdem ist 
Trier auch, wenn die Kaiser in Gallien verweilen, deren regeimäfsige 
Residenz und, wie ein Grieche des 5. Jahrh. sagt, die gröfstc Stadl Jen- 
seit der Alpen. Indefs die Epoche, wo dieses Rom des Nordens seine 
Mauern und seine Thermen empting, die wohl genannt werden dürfen 
neben den Stadtmauern der römischen Könige und den Bädern der 
kaiserlichen Reichshauptstadt, liegt jenseits unserer Darstellung. Durch 
die ersten drei Jahrhunderte der Kaiserzeit ist Lyon das römische 
Centram des Keltenlandes gebliehen, und nicht bleib weil es an Volks*- 
xabl und Reicbtbum den ersten Plati einnahm, sondern weil es, wie 
keine andere des gallischen Mordens und nur wenige des SOdens, eine 
▼en italisn am gegründete und nicht nur dem Recht, sondern dem 
Unfranf nnd dem Wesen nach rSmische Stadt war. 

Wie für die Organisation der SfldproYmi die italische Stadt die Di« c tuora- 
€ntndlage war, so fOr die nördliche der Gau, und swar flberwiegeod """"^imn!^ 
derjenige der keitiachen ehemaligen Staats-, jetsigen Gemeindeerdnung. 

>) Mfafcls fit M WuiohMed für tfe StdlMf Trier» ia dieser Zeit alt 
die Varerdoaog des Kaisers Gratiaaus von J. 376 (C. Tb. 13, 3, 11), dafs deo 
Profetsoreo der Rhetorik uod der Granitn.'itik beider Sprarhcti in säinmtlicbcn 
Hanpt«.tädten der damaligen sicbzcho gallischen Proviuien zu ihrem städtischen 
Gehalt die gleiche Zulage aus d«r StaiUkaMe fe^ebeo, fiir Trier aber diese 
hoker bemeeaeo werden solle. 

MesBeaa« yflai^flaBahiahta. T. 6 



82 



ACUTES BUCH. KAPITEL III. 



Die Bedeutung des Gegensalzes von Stadt und Gau ist nicht zunächst 
abhängig von seinem Inhalt; selbst wenn er ein blofs rechtlich for- 
maler gewesen wäre, halte er die Nalionalilälen geschieden, auf der 
einen Seite das Gefühl der Zugehörigkeil zu Rom, auf der andern Seile 
das der Fremdartigkeit geweckt und geschärft. Hoch darf für diese 
Zeit die praktische Verschiedenheit der beiden Ordnungen nicht ange- 
schlagen werden, da die £lemenle der Gemeindeordnung, die Beamten, 
der Rath, die Bürgerversammlung dort wie hier dieselben waren und 
etwa früher vorhandene tiefer gebende Gegensätze von der römisciieQ 
Oberherrscbafl Bchwerlich lange geduldet Warden. Daher bat auch 
der Uebergang Ton der Gauordnung tu der städtischen sich häuGg und 
ohne Anstoft, man kann Tielleicht sagen im Laufe der Entwkkelaug 
mit einer gewiaaen Nothwendigkeit von selber volhogen. In Folge 
deaaen treten die qualitativen Unieraehiede der beiden ReehtaTonnen in 
nnaerer Ueberliefening wenig hervor. Dennoch war der Gegenaali 
aicfaer nicht ein blob nomineller, sondern es bestanden in den Beftignis- 
sen der verschiedenen Gewallen,inRecbt8pflege,Beatoaerung,Anahebong 
Verachiedenheiten, die fikr die Adminiatralion, theSa an aich, theila in 
Folge der Gewdhnnng, von Bedeutung waren oder doch bedentend 
schienen. Bestimmt erkennbar ist der quantitative Gegensatz. Die 
Gaue , wenigstens wie sie bei den Kelten und den Germanen auftreten, 
sind durchgängig mehr Völkerschaften als Ortschaften; dieses sehr 
wesenthche Moment ist allen keltischen Gebieten eigen thümlich und 
selbst durch die später eintretende Romanisirung oft mehr verdeckt 
als verwischt. Mediolanum und Brixia haben ihre weiten Grenzen und 
ilire dauernde Polenz wesenllich dem zu danken, daCs sie eigentlich 
nichts sind als die Gaue der Insubrer und der Genomanen. Dafs das 
Territorium der Stadt Vienna die Dauphine und Westsavoyen umfafst 
und die ebenso alten und fast ebenso ansehnlichen Ortschaften Gularo 
(Grenoble) und Genava (Genf) bis in die späte Kaiserzeit dem Rechte 
nach Dörfer der Colonie Vienna sind, erklärt sich ebenfalls daraus, dal» 
dieses der spätere Name der Völkerschaft der Allobrogen ist In den 
meistm keltiacben Gauen überwiegt eineOrtacbafI so durchaus, dafs es 
einerlei ist, ob man die Remer oder Duroeortomm, die Biturig^r oder 
Burdigala nennt; aber es kommt auch das GegentheO vor, wie zum 
Beupielliei denTocontiemVasio (Vaison) und Lucus, bei den Camuten 
Autricum (Chartras) und Cenabum (Orlräns) sich die Wage lialten; und 
ob die Yonechte, die nach italischer und griechischer Ordnung sich 



I>UI GALLISCHEM PAOVIffZBll, 



83 



selbstverständlich der Flur gegenüber an den Mauerring knüpfen, bei den 
Kelten rechtlich oder auch nur thatsächlich in ähnhcher Weise gcoi ilnet 
\\dren, ist mehr als fraglich. Das Gegenbild lür diesen Gau iin |j;rit'cliisch- 
italisclien Wesen ist viel weniger die Stadt als die Völkerschall ; «lie Car- 
nulen hat man mit den Boeotern zu gleichen, Autricum undOnahuni mit 
Tauagra und Thespiae. Die Besonderheit der Stellung der Kelten unter 
der römischen Herrschaft gegenüber anderen Nationen, den Iberern 
zum Beispiel und den iiellenen , beruht darauf, dafs diese grö&eren 
Verbände dort als Gemeinden fortbestanden, hier diejenigen Bestand- 
theile, aas denen sie sich susammensetzten, die Gemeinden bildeten. 
Dabei mögen ältere der Yorrömiscben Zeit angehörige Veracbieden- 
heilen der nationalen Entwi«helung mitgewirkt haben; es mag wohl 
leichter aoafiUurbar gewesen sein den Boeotern den geneinsehaftliehen 
Stidtelag n nehmen als die Hd?etier in ihre vier Districte aufiralAsen; 
poKtiaehe Verbinde behaupten sich auch nach der Unterwerftmg unter 
eine Geatralgewalt da, wo ihre Auflösung die Desorganisation herbei- 
fahren wflrde. Dennoch ist was in Gallien durch Augustus oder wenn 
man will durch Caesar geschah , nicht durch den Zwang der Verhilt- 
nisse herbeigeführt worden, sondern hauptsächlich durch den freien 
Entscblufs der Regierung, wie er auch allein zu der übrigens gegen die 
Kelten geübten Schonung pafst. Denn es gab in der That in der 
vürröniischen Zeit und noch zur Zeil der caesarischen Eroberung eine 
bei weitem gröCsere Anzahl von Gauen, als wir sie später linden; na- 
mentlich ist es bemerkenswerlh , dafs die zahlreichen durch CUenlel 
einem grOfseren Gau angeschlossenen kleineren in der Kaiserzeit nicht 
selbständig geworden, sondern verschwunden sind 0* Wenn spälerliiii 

Bei CaeMr ersckelMB woU, im Grofaea uad Gwseo genommeo, die- 
selben Gaae, wie sie dann in der aagaftischen Ordanop vertrelea sind, aber 
zugleich vielfache Sparen kleinerer Clientelverbäode (vgl. 2, 238); «o wcrdeo 
als 'Clientcu' der Haedaer genannt die Scgusiaver, die Ambivareten, die 
Aalerker Braanoviker und die Brannovier (b. G. 7, <ö), als dienten der Tre- 
▼erer die Geedmer (b. 6. 4. 6), eis iolehe der Helvetier die ToUoger ud 
Lalebrige^ Mit Awaehae der Segwitver fehleB diese tOe aef 4im Ljeaer 
Lwidlafe. Her^elefcee Ueiaen elekt r&Ug !■ die Vororte aafgegaogeae 
Gaae mag et ia Gallien zar Zeit der Unterwerfaag ia grolser Zahl gegeben 
haben. Wenn nach Josephus (bclL 2, 16, 4) den Römern 305 gallische Gauo 
und 1200 Städte gehorchten, so mügca dies die ZiU'ern sein, die fdr 
Caesars Waffenerfolge berausgerechoet worden sind; wenn die kleinen ibe* 
rischea VSlker ia AijuiUnieo uad die CUeatelgaae im Relteakad mltgeaiUt 
«wdeiS lieutn dargleiehea ZaUea woU beraaskenBea. 



84 



ACHTU BUCB. KAPITEL HI, 



das Kellenland getheilt erscheint in eine mäfsige Anzahl hedeulender, 
zum Theii sogar sehr grofser Gaudislricle, innerhalb deren abhängige 
Gaue nirgends zum Vorschein kommen, so ist diese Ordnung 
freilich durch das vorrömische Clicntelwesen augebahnt, aber erst 
durch die römische Reorganisation vollständig durchgeführt worden. 
Dieser Fortbestand und diese Steigerung der GauTeifassung wird für 
die weitere politische EntwickeluDg Galliens vor allem bestimmend ge- 
wesen sein. Wenn die tarraconensische Provinz in 293 selbsttodige 
Gememden lerfiel (S. 65), so lählten die drei Gallien zusammen, wie 
wir sdien werden, deren nicht mehr als 64. Die Einheit und ihre Er- 
innerungen blieben ungebrochen ; die eifKge Verehrung, die die gaoan 
Kaiserieit hmdurdi dem QueUgott Nemausus bei den Yolkeni getollt 
wurde, leigt, wie selbst hkr, im Sfiden des Landes und in einem zur 
Stadt umgewandelten Gau die traditionelle Zusammengehörigkeit noch 
immer lebendig empfiinden ward. In dieser Art innerlich festzusammen- 
haltende Gemeinden mit weiten Grenzen waren eine Macht Wie Cae- 
sar die gallischen Gemeinden vorfand , mit einer in völliger politischer 
wie ökonomischer Abliängigkeit gehaltenen Volksmasse und einem 
übermächtigen Adel, so sind sie im Wesentlichen auch unter römischer 
Herrschaft geblieben; genau wie in vorröniischer Zeit die grofsen 
Adlichen mit ihrem nach Tausenden zählenden Gesinde von Hörigen 
und Schuldknechlen ein jeder in seiner Heimalh die Herren spielten, 
so schildert uns Tacitus in Tiberius Zeit die Zustände bei den Tro- 
venTn. Das römische Regiment gab der Gemeinde weit gehende 
Hechle, sogar eine gewisse Militärgewalt, so dafs sie unter llmbtiuuleii 
Festungen einzurichten und besetzt zu halten befugt war, wie dies bei 
den Ueivetiern vorkommt, die Beamten die Bürgerwehr aufbieten konn- 
ten und in diesem Falle Offiziersrecht und Ofliziersrang hatten. Diese 
Befugnifs war nicht dieselbe in den Händen des Vorstehers einer klei- 
nen Stadt Andalusiens und desjenigen eines Bezirkes an der Loire 
oder der Mosel Yom Umfang einer kleinen Prorini. Die weitherzige 
Politik Caesars des Vaters, auf den die Grundifige dieses Systema noth- 
wendig zurOckgeflkhrt werden mflssen, zeigt sidi hier in ihrer ganzen 
grofsartigen Ausdehnung. 
L«Ad^ti^ Aber die Regierung beschrinkte sich nicht darauf die Gauordnung 
ObIUad. den Keltm zu lassen; sie liess oder gab ihnen vielmehr auch eine 
nationale Verfossung, so weit eine solche mit der römischen Oberhen^ 
Schaft sieh wonbareii fiess. Wie dar heHenladieB Nation, so ▼eiüeh 



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MB GALLUCHKN PBOYUOBt. 



85 



Augustus der gallischen eine organisirte Gesammtvertretung, welche 
»Jort wie hier in der Epoche der Freiheit und der Zerfahrenheit wolil 
erstrebt, aber nie eneicht worden war. Unter dem Hügel, den die 
Hauptstadt Galliens krönte, da wo die Saone ihr Wasser mit dem der 
Rbooe mischt, weihte am 1. Attgu»l des J. 742 der kaiserüche Piini li 
Dnisas als Vertreter der Regierung in Gallien der Roma und dem 
Genius des Herrschers den Altar, an welchem fortan jedes Jahr an 
diesem Tage diesen Göttern von der GemeiiMhafl der Gallier die Fest- 
feier abgehalten werden aoUte. Die Vertreter der slmmtlicben Gaue 
wihlten ans ihrer Mitte Jahr IQr Jahr den «Priester der drei Gallien' 
ind diaaer brachte am Kaiserlag das Kaiseroj^fer dar und leitete die 
dam gehörigen Festspiele. Diese LandesfertreUing hatte nicht UoISi 
eine eigene Vermögensferwaltnng mit Beamten, welche den Tcmehmen 
Kreisen des prorimidsn Adels angehörten, sondern auch einen gewissen 
Antbeil an den allgemeinen Landesangelegenhelten. Von unmittelbarem 
Eingreifen derselben in die Politik Gndet sich allerdings keine andere 
Spur, als dafs bei der ernsten Krise des J. 70 der Landtag der drei 
Gallien die Treverer von der Anflehnung gegen Rom abmahnte ; aber er 
halte und gebrauchte das Recht der Ueschwerdeführung über die in 
Gallien fungirenden Reichs- und Hausheamten und wirkte ferner 
mit wenn iiiclit bei der Aullegung, so doch bei der Reparlition der 
Steuern zumal da diese nicht nach den einzelnen Provinzen, sondern 
für Gallien insgemein angelegt wurden. Aebnlicbe ^ioricblungeu 

*) Daraaf führt aulser der Inschrift bei Boissieu p. 609, wo die \N oi to 
UI[Qiu €Ms[u4 Galliarum] mit dem ^(amea eines der Altarpricster iu Ver- 
MaiiBg g«breeht w«rd«B, 4i« Ehrraiafdirift, weiehe die dr«l GalUtn eiaen 
UiMrlichM Beaaten « emuiiu» aee^ieiM »etsei (Htesra 6944); derselbe 
•cheiot die Rataeterrevision für dae ganxe Land geleitet xn haben, eben wie 
früher Drosas, während dieSchätzanf^ selbst durch Commissarien für die einzelnen 
Landschaften erfolgte. Auch ein sacerdos Romae et Au§^usti der Tarraconcnsis 
wird belobt ob curam tabulari censualis ßdeliter administratam (C. I. L. IJ, 4248); 
es waren also mit der Stencrrepartiruog wobl die Landtage alier Provinzen 
befaTst. Die kaiAerliehe FiBanzverwaltang der drei Galliea war weaigiteat 
der Regel aaeh ae gelbeilt, dara die beiden weatUeben Preriosen (Aqnitanleo 
■ad Lagadaaeoaia) voter eiaeai Preearater ataadea, Belgiea «ad die beides 
Germanien ooter einem andern; doch hat es rechtlich feste Competcozen dafür 
wohl nicht gegeben. Auf eine reßclrnüfsigc Retbciligung bei der Aashebnng 
darf ans der von Hadrian, offenbar aulscrurdcntlichcr Weise, mit Vertretern 
aller spanischen Üistricte gepflogenen Verhandlung (vita 12) aicht geschlossea 
werden. 



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86 



ACHT£S BUCH. KAPITEL III. 



hal allerdings die Kaiserregierung in allen Provinzen ins Leben ge- 
rufen, in einer jeden nicht blofs die sacrale Centraiisirung eingeführt, 
sondern nuch, was die Republik nicht gelhan hatte, einer jeden ein 
Organ verliehen, um Bitten und Klagen vor die Regierung zu bringen. 
Dennoch bat Gallien in dieser Hinsicht vor allen übngen Keicbsthcilen 
wenigstens ein thatsächliches Pri?ilegium, wie sich denn diese Institu- 
tion auch allein hier voll entwickelt findet ^). Einmal steht der Ter- 
einigte Landtag der drei Provinzen den L^ten und Procurntoren 
einer jeden nothwendig unabhingiger gegenüber alt zum Beispiel der 
Landtag tod Thessalonike dem Statthalter Ton Hakedonien. Sodann 
aber kommt es bei Institutionen dieser Art weit weniger auf das Maf« 
der Yerliehenen Rechte an als auf das Gewicht der darin TertreteoeD 
Körperschaften; und die Stirke der einseinen gallischen Gemeindenflber- 
trug sich ebenso auf den Landtag von Lyon wie die Scbwicbe der ein- 
zelnen hdlentschen auf den Yon Argos. In der Entwickelung Galliens 
unter den Kaisem hat der Landtag von Lyon allem Anscbdn nach die- 
jenige allgemein gallische Homogeneitat, welche daselbst mit der Lati- 
nisirun^' Hand in Hand geht, wesentlich geordert. 

Die Zusammensetzung des Landtags, welche uns ziemlich genau 
bekannt ist zeigt, iu welcher Weise die Nationalitätenfrage von der 

*) Für di« «fM e^Manam, deo Freig«IafMB«a der drei Galli«! (Henseo 

6393)i den atBeetor arcae GalUarum, inquUüw Galiiarum, iudtg oraw G^Uamm 
giebt meines Wissens keine andere ProvIas Aaall^iaa; und von diesen Ein- 
richtuogen hätten, wenn sie allgemein gewesen wären, die Inschriften sicher 
auch sonst Spuren bewahrt. Diese Einrichtangen scheinen auf eine sich selbst 
verwaltende und besteuernde Körperschaft zu fuhreo (der in seiner Bedeutung 
vaUare «ttsctor kwmm alt Beanttr im CoUegiea vor C. L L. VI, 865; Orelli - 
2406); wakraebeinlieh bestritt diese Kasse die woU oiebt MbstrichtUshea 
Ausgaben Tdr die Tempelgabliade «ad für das Jehrfest Blae SUaUkasae ist 
die area GalUarum nicht gewesen. 

') Als Gesflmnitzahl der auf dem Lyoner Altar veraeichneten Gemeinden 
giebt Strabo (4, 'S, 2 p. 192) sechzig an, als die Zahl der aquitani.schcn in 
dem keltischen Theil nördlich von der (Jaronne vierzehn (4, 1, 1 p. 177). 
TMitns ans. 3, 44 oeoat als Gcsamuitzuhl der gallischeu Gaue vierundsccbzig, 
ebsass» weaa aneh ia onricfctiger Verbindang, der Sdiolisst aar Aeseb 1, 286. 
Aof die gleicbe GesaauatssU fShrt das VerseichBirs bei Ploleaaeas ans dea 
zweiten Jahrhundert, weiebes fir Aqaitanien 17, far die Lngndnneosis 25, 
Hir Be)(;ica 22 Gaue anfTuhrt. Von sslaaa aquitanischea Gauen fallee 18 auf 
das Gebiet zwischen Loire und Garonne, 4 auf das zwischen Garonne und 
Pyrenäen. In dem späteren ans dem 5. Jahrb., das unter dem Namen der 
^fotitia Gaiiiarum bekannt ist, fallen auf Aquitanien 26, auf die Lugadoneasis 



DIE GALLISCHEIf PROVIMZBII« 



87 



Regierong behamMt ward. Ton den Mchaig, spiler Tienrndaediiigaiif 
dem Landtag vertretenen Ganen kommen nur vier auf die ilieriielien 
Bewohner Äqaitaniens, obwohl dieses Gebiet i wischen der Gerönne und 

den Pyrenäen unter eine sehr viel grössere Zahl durchgängig kleiner 
Stämme gelheilt war, sei es, daTs die übrigen von der Vertretung über- 
haupt aiu»geschlos8en waren, sei es da£s jene vier vertretenen Gaue die 



(aassrIiliVrsMch Lyons) 24, auf Kelgica 27. Alle diese Zahlea sind vermathlirh 
eine jede für ihre Zeit richtig; zwischen der Errichtung des Altarf im J. 742 tt 
aad der Zeit de* Tacitus (deou auf diese i«t seine Angabe wotü so beziehen) 
fclM S« dktwam vitr 6a«« hiasogetretra seia, wie tieh dit VmrMklelvsf itr 
ZaUaa 2. bis sn ft. Jahrb. aaf «iasalae snn fttaa TkaU spadell aoab 
MebwaEaliflha Aaadaraagaa nrieUibraa libt ^ Bai dar Wichtif kait 4iaaar 
OrdoaDgeo wird es nicht üherflUssig aein sie wenigstens für die beiden wect- 
licheo Provinzen im Speciellen darzulegen. In der rein keltischen Mittelprovinz 
£tiuiui(>a die drei Verzeichnisse bei Plinius (1. Jahrh.), Ptolemaeus (2. Jahrh.) 
und der Motttia (5. Jahrh.) in 21 j\amen überein: Abrincatet — yindecavi — .^ulevci 
Cmomani — Aulerci DiabUnt»* ~~ Aulerci Eburovici — ßaütcassvt {BudiO' 
asMw PUa., f^mdhatä Ptol.) — IStiMMte» — CwimHkt (afcaa Zwaifal dia tei- 
Mtea dMPtoleaaeoa) — Haaiui — LtmM ^ lUUm — Nnmäu — Osumä 

— Purini » BedotM» — S t i mm — TrümtM — IVranar — yieUoeastet 
{ßttamtgWHses) — VmM (htelli {Constantia) ; in 4rai weiteren: Caleta» 

— Se^isimi — • f^iducasses stimmen Plinius und Ptolemaeus, während sie in der 
INotitia febleo, weil inzwischen die Caletae mit den Veliocasses oder den Huto- 
magenses, die Viducasses mit den Baiocasses zusammengelegt und die Segusiavi 
in Lyon aafgegaugen waren. Dagegen erscheinen hier statt der drei ver- 
aab wi a a ae twai mmt iereb Thailaaf «atttaadaaa: .^iiiwCtetf(OrlaaBs) abge- 
swaigt aas daa Ciarmifa» (Cfcartrai) «ad AuiuMbtnm < Auarre) «bgaiwaift aas 
den Senmm (Saas). Uebrif blelbea bei Plinins swei Namen: Bai — Mesui\ 
bei Ptoleaaenj einer: y^mV; in der Notitia einer: San. — Für das keltiaebe 
Aquitanien stimmen die drei Listen in elf Namen überein: j4rv«rni — Bitu- 
riges Cubi — BiUiriges f^ivüci (Burdigalenses) — Cadurci — Gabales — 
Lemovici — ISitiobri^es {/iginneMes) — Petrucorii — Pictones — Ruteni — 
Sntmm\ dla swaite aad dritte in deai zwölften der ydlatan^ der bei Piiaios 
aaaaeidleB aaia wird; Pliaiu aHais hat (ahgeaehaa vaa daa prahisBatisahaa 
^fideaaQ swai Naaaa Bahr: dmMUM «ad AtiufimUtf PtalaaMasi ainaa aoast 
«abakaonten: Datü-, vielleicht ist mit zweien von diesen dia Strabaaiaeha Zahl 
der vierzehn voll za machen. Die Notitia hat aofser jenen elf noch zwei 
auf Spaltang beruhende, die yflbi^enses (Albi am Tarn) und die EcoUsmense* 
(Angouleme). — In ähnlicher \\ ei^c vci halten sich die Listen der üstlichen 
Gaue. Obwohl untergeordnete Diiferenzea sich ergeben, die hier nicht erörtert 
warda« kSaaea , liegt das Waia« «ad die Beatiadigkeit der gallisehea Ga«- 
tbailaag daslliah Ysr. 



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SS 



ACHTBS BUCH. KAPITIL III. 



Vororte tod GaumliiBden aind^). SpIteiliiD, wihmcheiBlich in truani- 
scher Zeit, ist der iberische BenriL tod dem Lyoner Landtag abgetrenot 
und ihm eine sell»tlndige Yartretiiiig gegeben worden'). Dagegen 
sind die keltischen Gaue in derjenigen Organisation, die wir firAher 
kennen gelernt haben, im Wesentlichen aUe auf dem Landtag vertreten 
und ebenso die halb oder ganz germanischen^), so weil sie zur Zeit 

Die vier ▼artrHMiaa VSlkeridlaften sind die Tarbeller, Vasaten» 
Amcier und Cooveaer. Aafser diesen sMblt Plinins im sädlicbeo Aquitanien 
Dicht weDi>rr als 25 ifrSrateotheils ••■st «abskaBBte VSlkenduiftea anC ala 
reehtiich jeneo vier gleichstehend. 

*) Plinias uod, vermathlich auch hier älteren Qoellea folgend, Ftolemaeu«» 
wisse« mm diaser Thcflsag aiehto; aber wir beaitiea sack die nngefügen 
Verse lea ISaseefaer Baaars (Barghesi afp. 8» 644), der dies ia Baw aoswirkta, 
•baa ZweliSil ia Geswiasebaft wdt aiaer AaiaU saiaer Laadalaata^ abweU ar 
es Targasegen hat diea nicht hiazozasetzeat 

Flamen f item dumvir^ quaestor pag^q{ue) magUtet 
VeruM od j4u^ustum legain (so) munere functiu 
pro novem optinuü populis seiungero Gallo*: 
urbe redux Gmio pagi haue dedicai aram, 
PlaMB, aaeh Zwafwaaa, Sebatiaeister «ad flebalsa das Dorfes 
Giag daa Reiser ieb aa, Venu, aaeb erbatleaeai Aaftrsg; 
Wirkte dem Neangaa aas von ihm zu scheiden die Galler 
Und zarück von Rom weih den Altar ich dem Dorfgeist. 
Die älteste Spur der administrativen Trennung des iberischen Aquitaniens 
von dem gallischen ist die IVcnnung des 'Bezirks von Lactora' (Lectoure) 
neben Aquitanien in einer Inschrift ans traianischer Zeit (C. I. L. V, 875: 
prHttniaF fmilH^mmi Luguimiimuii ef A^iwitm ^ Htm £aeleiws). Diasa 
lasebrlft beweist sUerdiags aa sieb laebr die VarscUedeabeit der beidea Gebiet» 
als die fanMll« Abaeademag des eiaea rea deai aadera; aber ea lifst sieh 
aadarwelüg zeigen, dtfs bald naeb Traian die letalere darebgelShrt war. 
Denn dafs der abgetrennte Bezirk ursprünglich in neno Gaue zerfiel, wie 
jene Verse es sagen, bestätigt der seitdem gebliebene Name Novempopnlana; 
unter Pias aber zählt der Bezirk bereits elf Gemeinden (denn der dileciator 
er yipguitanicae XI populos Boissiea Lyon p. 246 gebort gewifa hierher), im 
fiiaftea Jabrbaadert swgif ; deaa sa Tiele tSblt die Nelitia aatar der Novea- 
fof alaaa aaf. Diese Venaebraeg erklürt sieb ebeasa wie die S. 89 A. 2 erörtert». 
Auf die Stattbalterscbaft bezieht die Theiluag sieh nicht; vielniebr bllebea daa 
keltische und das iberische Aquitanien beide onter demselben Legaten. Aber die 
Novempopolaoa erhielt unter Traian ihren eigenen Landtag, während die krlti- 
aohen üistricte Aquitaniens nnch wie vor den Landtag von Lyon brschirktco. 

*) Es fehlen einige kleinere germaoiscbe Völkerschaften, wie die Uae- 
tasier «ad die Saaabar, Tiaileiebt aaa abaliehen GrSodea wie die kleioerea 
iberisebea; faraar die CaaaeaelateB aad die Friasea, wabrsebeialieb weil diese 
erst spiter reiebsaatertbiaig gewerdea siad. Die BalaYer siad rartretea. 



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DIE GALLIBCIBII FBOVIHIBI. 



89 



der Stiflung des Ailars zum Reiche gehörten; dafs für die Hauptstadt 
Galliens in dieser Gauvertrelung kein Platz war , versteht sich von 
selbst. Aufserdcm erscheinen die Ubier nicht auf dem Land lag von 
Lyon, sondern opfern an ilircm eigenen Augnslus- Altar — es ist 
dies, wie wir sahen (S. 000), ein stehen gebliebener üeberrest der 
beabsichtigten Provinz Germanien. 

Wurde die keltische l^a&ioD alao in dem kaiserlichen GaUien üiBeiehriDkt^ 
sich leihet consolidirt, 10 wurde sie auch dem römischen Wesen gegen- Ba?gerrrc'ht 
über gewissermafsen garantirt durch das hinsichtlich der Crtheilung cwitiT 
des Rekhibärgerrechts für dieses Gebiet eingehaltene Verfkhren. Die ^SS!^ 
Hauptstadt GsUieos üreiUeh war nnd blieh eiiis rtnisehe Bikrgeroolonie 
imd es gehArt dies wssenlliob nit su der eigenartigen Stellimg, die sie 
dem fthrigen GaUien gegenflber einnahm nnd einnehmen sollte. Aber 
währrad die SfldproTim mit Gohmien bedeckt nnd durchani nach 
ilaliichem Gemeinderecht geordnet ward» hat Augostns In den drei 
Gallien nicht eine einzige Bürgereolonie eingerichtet, und wahrschein- 
lich ist auch dasjenige Gemetnderecht, welches unter dem Namen des 
latiniscben eine Zwischenstufe swischen BArgem und NichtbOrgern bildet 
und seinen angeseheneren Inhabern von Rechtswegen das Bilrgerreht 
für ihre Person und ihre Nachkommen gewäiirl, längere Zeit von 
Gallien fern gehalten worden. Die persönliche Verleihung des Bfirj;er- 
rechts theils nach allgemeinen Beslimnuingen an den Soldaten bald bei 
dem Eintritt, bald bei dem Abschied, Iheils aus besonderer Gunst an 
einzelne Personen, konnte allerdings auch dem Gallier zu Theil werden; 
so weit, wie die Republik gegangen war, dem Helvelier zum Beispiel 
den Gewinn des römischen Bürgerrechts ein für allemal zu unter- 
lagen, ging Augustus nicht und konnte es auch nicht, nachdem Cae- 
sar das Bürgerrecht an geborene Gallier YielfiM^b auf diese Weise ver- 
geben hatte. Aber er nahm wenigstens den aus den drei Gallien stam- 
menden Bürgern — mit Ausnahme immer der Lugudunenser — das 
Recht der Aomterbewerbung und schlofs sie damit zugleich aus dem 
Reichssenal ans. Ob diese Bestimmung sunSchst im Interesse Roms 
oder anniehst in dem der Gallier getroffen war, ktanen wir nicht 
wissen; giwiA hat Augustus beides gewollt, einmal dem Eindringen des 
firemdartigan Elemenu in das RAmerihum wehren und damit dasselbe 
remigen und hdien, andcforseits den Fortbestand der gallischen Eigen« 
artigkeit in einer Weise Terbürgcn, die eben durch ?erst8ndiges Zu- 
rfickhaltsD die schlieCdiche Verschmelzung mit dem römischen Wesen 



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90 



ACUTES BUCH. KAPITEL III. 



sicherer förderte als die schroffe Au&wingung freaiUländischer losli- 
tuüonen gethan haben wurde. 
ZuiMBt.np Kaiser Claudius, selbst in Lvon geboren und, wie die Spötter von 
Bfliuden za ihm Sagten, ein richtiger Gallier, hat diese Schranken zum guten Theil 
***iulit.*"" beseitigt. Die erste Stadt in Gallien, welche sicher italisches Recht 
empfangen hat, ist die der Ubier, wo der Altar des römischen Ger- 
maaiens angelegt war; dort im Feldlager ihres Vaters, des Germani- 
cos, wurde die nachmalige Gemahhn des Claudius Agrippina geboren 
und sie hat im J. 50 ihrem Geburtsort das wahrscheinlich latinische 
Colonialrecht erwirkt, thm beatigen Köln. Vielleicht gleichzeitig, fiel* 
kathi schon firüher ist dasselbe fär die Stadt der Trererer Augosta ge- 
itcscuiiiung sehehen, daa heutige Trier. Auch noch emige andere galliache Gaue 
aind in dieser Weise dem RömerUmm nSher geritekt worden, ao der 
der Helvetier durch Vespaaian, ferner der der Sequaner (Besan$on); 
groÜBe Ausdehnung aber acheint das latinische Recht In diesen Gegen- 
den nicht gefunden zu haben. Nochiveniger ist In der frflheren Kaiaer- 
zeit In dem kaiserlichen Gallien ganzen Gemandea daa ToUe Bürger- 
recht beigelegt worden. Wohl aber hat Claudius mit der Aufhe- 
bung der HechtsbeschrAnkung den Anfang gemacht, welche die zum 
persönlichen Reichsbürgerrecht gelangten Gallier vuii der Reichsbeam- 
lenlaufbahn ausschlofs; es wurde zunächst für di»» älleslen Verbünde- 
len Roms, die Haeduer, bald wohl aligemein diese Schranke beseitigt. 
Damit war wesentlich die Gleichstellung erreicht. Denn nach den Ver- 
hältnissen dieser Epoche halte das Reichsbürgerrecht für die durch 
ihre Lebensstellung von der Aemterlaufbahn ausgeschlossenen Kreise 
kaum einen besonderen praktischen Werth und war für vermögende 
Peregrinen guter Herkunft, die diese I^ufbahn zu betreten wünschten 
unddefshalb seiner bedurften, leicht zu erlangen; wohl aber war es 
eine empfindliche Zurücksetzung, wenn dem römischen Bürger ans 
Gallien und seinen Nachkommen von Rechtawegen dieAemterlauf bahn 
veraehloaaen blieb. 

Keituch» Wenn in der Organiaation der Verwaltung daa nationale Weaen 
der Kelten so weit geaehont ward, als dlea mit der Reichseinheit sich 

sptMsh«. vertrug, so ist dies hinaichtlich der Sprache nicht geschehen. 

Auch wenn ea praktlach auafOhrbar gewesen wäre den Gemeinden die 
Führung ihrer Verwaltung In einer Sprache zu gesUtten , deren die 
controlirenden Reichsbeamten nur ausnahmsweise mächtig sein konn- 
ten, lag es unzweifelhaft nicht in den Absichten der römischen 



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MB GALLlSCRBlf PftOmmif. 



91 



ilegierung diese Schranke zwischen den Herrschenden und Be- 
herrschten aufzurichten. Dem ents];»rechend ist unter den in Gallien 
unter rdmiacher Herrschaft geschlagenen Mänzen und von Gemeinde- 
wegen gesellten Denkmälern keine erweislich keltische Aufschrifl 
gefunden worden. Der Gehnnch der Landessprache wurde Abrigens 
nicht gehindert; wir finden sowohl in der SfldproTuis wie in den nftrd- 
lidien DenkmUer mit itellischer Aubchrifl, dort immer mit griechi- 
schem*), hier immer mit lateiniscliem AJpliahet geschriehen*) und 
wahrscheinlich gehören wenigstens manche fon jenen, sicher diese 
simmilich derEpoeheder Römerherrschaft an. DalSi in Gallien aulheihalb 
der SiSdIe italischen Rechts und der römischen Lager inschrifUiche 
Denkmäler dberhaupi nur in geringer Zahl auftreten, wird wahrschein- 
lich hauptsächlich dadurch herbeigeführt sein, dafs die als Dialekt be- 
liandolie Landessprache ebenso für solche Verwendung ungeeignet 
ei-schien wie die ungeiäufige Reichssprache und daher das Denkstein- 
setzen hier überhaupt nicht so wie in den I.Uinisirlen Gegenden in 
Aufnahme kam; das Lateinische mag in dem grölsleii Tiu il Galliens da- 
mals ungefähr die Stellung gehabt haben w ie nachher im früheren Mittel- 
alter gegenüber der damaligen Volkssprache. Das energische Forlleben 
der nationalen Sprache zeigt am bestimmtesten die Wiedergabe der 
galliscben Eigennamen im Latein nicht selten unter Beibehaltung un- 
bleinischer Lautformen. Dafs Schreibungen wie Lmtsonna und Boudicca 
müdw Mriateinischen Diphthong ou selbst in die lateinische Litteratur 
e ing e diun gen sind und fUr den aspurirtw Dental, das englische tk^ sogar 
kl finiaaherSebrifl em eigenes Zeichen (D) verwendet wird, ffBmer Epa- 
ti tol i ill iii »eben Epasnactus geschrieben wird, Birona neben Sirona, 

*) Su hat sieb in Ncinausus eine in keltischer Sprache gcschricbeue 
VVeihioschrift gefuodeD, gesetzt MaiQtßo Na/uttvaucaßo (C. I. L. XI p. 3b3), das 
bciCrt dM «rtliahen Hütten. 

MtpiabveiM Um aaf dm !■ Nerif-Ies-Baint (Allier) ge- 
foitSM Altarftlia (Desjardioa g^ographte de U Gaule Romaine 2, 476); 
BrütronoM Nantonicn Epadotexlorici LeucuUo Suio rebeloeitoi. Auf eioem au- 
dern, den die Pariser SchiHergilde uuter Tiberios dem böchsteo besten Jupiter 
setzte (MowatBull. epicrr. de la Gaule |>.25 sq.), ist die Haoptinscbrift latcioiscb, 
aber ober deo Reliefs der Seiteofliicheo, die eine Processioa von ocuo be- 
waffaetes Prieatera darausteUeD aeheineo, atahM crkJ&reade Beiachriftaa : Smani 
ümamd ... «ad Airter, dl« «idit latdatich tUd. Soldiet Ganesge begago«! 
mch MMt, sni lletapi«! Is eisar Inaahrifl vaa Arrftaaa (Craota; BoU. dpi- 
graphiqoe de la Gaule 1, 38): Saur Peroco Iwni (wahrtahaiaUbb — fteU) 
]hiarie9 vfüUanJ §Cohf{iJ Ifüm*) rnftritoj. 



92 



AGHTBg BOCO. KAPIT£L lU, 



machen es fast zur Gewifsheil, dafs die keltische Sprache, sei es im 
römischen Gebiet, sei es aufserhalb desselben, in oder vor dieser Epoche 
einer gewissen schriflmässigen ReguUrung unterlegen hatte und schon 
damals so geschrieben werden konnte, wie sie noch lieule geschrieben 
wird. Auch an Zeugnissen für ihren fortdauernden Gebrauch in Gallien 
fehlt es nicht. Als die Stadtnamen Augustodunum (Autun), Augustone- 
metum (Glermoai), Aii({iistoiM>oa (Troyes) und manche ihiüidie auf- 
kamen, sprach man nothwendig auch im mittleren GaUien noch 
keltisch. Arrian unter Hadrian giebt in seiner Abhandlung über die 
Gafallerie för einzelne den Kelten entlehnte ManOfer den keltischeo 
Anadniek an« Ein geboreaer Grieehe Eirenaeoa, der gegen daa Ende 
des 2. Jahrb. als Geistlieber in Lyon ftingirle, entschuldigt die Mängel 
seines Stils damit, dafs er im Lande der Kelten lebe und genöthlgt sei 
stets in barbarischer Sprache tu reden. In einer juristisohen Schrift 
aus dem Anfang des 3. Jahrb. wird im Gegensati sn der Rechtsregel, 
daik die letztwilligen VerfBgungen im Allgemeinen lateinisch oder 
griechlsdi abcn&ssen sind, IQrPideieommisse auch jede andere Sprache, 
zum Beispiel die puniscbe und die gallische zugelassen. Dem Kaiser 
Alexander wurde sein Ende von einer gallischen Wahrsagerin in 
gallischer Sprache angekündigt. Noch der Kirchenvater Hieronymus, 
der selber in Ancyra wie in Trier gewesen ist, versichert, dafs 
die kleinasialischen Galater und die Treverer seiner Zeit ungefähr 
die gleiche Sprache redeten, und vergleicht das verdorbene Gallisch der 
Asiaten mit dem verdorbenen Pnnisch der Afrikaner. Wenn die kellische 
Sprache sich in der Bretagne, ähnlich wie in Wales, bis auf den heutigen 
Tag behauptet hat, so hat die Landschaft zwar ihren heutigen Nainun 
von den im fünften Jahrhundert dorthin vor den Sachsen flüchtenden 
Inselbritten erhalten, aber die Sprache ist schwerlich erst mit die- 
sen eingewandert, sondern allem Anschein nach hier seit Jahrtausenden 
Yon einem Geschlecht dem andern überliefert. In dem übrigen Gallien 
bat natflrlich im Laufe der Kaiserzeit das römische Wesen schrittweise 
Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem keltischen Idiom hier 
wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung als die Cbristianlsi- 
rung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und Aegypten, die Ton der 
Regierung bei Seite geschobene Landessprache aufkiahm und su ihrem 
Triger machte, sondern das Evangelium bitMniscb verkQndigte. 
stitkn« Bo- In dem Vorschreiten der Romanisutmg, welche in Gallien, abge- 
im Ottea. sehen Ton der Sfldproflns, wesentlich der inneren Entwickelung über- 



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DIB 6ALU8CBBR PBOTIRIBI. 



93 



lassen blieb, zeigt sich eine bemerkenswerthe Verschiedenheit zwischen 
dem östlichen Gallien und dem Westen und Norden, die wohl mit, 
aber nicht allein auf dem Gegensatz der Germanen und der Gallier be- 
ruht In den Vorgängen bei und nach Neros Sturz tritt diese Verschie- 
denheit selbel politisch bestimmend her?or. Die nahe fierähmng der 
östlichen Gaue mit den Rheinlagem und die hier Tormgeweiae stattfin- 
dende Becmtiraig der Rheinlegionen hat dem römischen Wesen hier 
liriber nnd foUslindigsr Eingang ferechaill ab im Gebiet der Loire nnd 
dar Seine. Bei jenen Zenvflrftiissen gingen die rheinischen Gene, die 
keltischen Lingonen nnd TrsYerer sowohl wie die germanischen Ulner 
oder Tieimehr die Agrippinenser mit der R5merstadt Lngadonnm und 
hidlen tet lu der legitimen rOmisehen Regiernng, während die, wie 
bemerkt ward, wenigstens in gewissem Sinn nationale Insnrrection Ton 
den Sequanem, Haeduem und Ar?emem ausgeht. In einer späteren 
Phase desselben Kampfes finden wir unter veränderten Parteiverhält- 
nissen dieselbe Spaltung, jene östlichen Gaiif* mit den Germanen im 
Bunde, während der Landtag von Uheinis den Auschlufs an diese 
verweigert. 

Wurde somit das galHsche Land in BelrelT der Spi aclie im wesent- mätm- 
liehen ebenso behandelt wie die übrigen Provinzen, so begegnet wie- iJjjJÜ, 
deruni die Schonung seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen 
ÜMT Mals und Gewicht. Allerdings haben neben der ailgemeineuReichs- 
ordnnng, welche in dieser Hinsicht von Augustus erlassen ward, ent- 
sprechend dem toleranten oder vielmehr indifferenten Verhalten der 
Regierung in dergleieiien Dingen, die örtlichen Bestimmungen Tieler- 
orts fortbestanden, aber nur in GeUien hat die Artliche Ordnung sp&ter- 
hin die des Reicbes lerdrfogt Die Straften sind im ganien römischen 
Reicb gemessen nnd beasichnet nach der Einheil der r5miscben Heile 
(1,48 Kilom.), und bis lum Ende des sweiten Jahrhunderts trifft dies 
auch fitar dieae Pro? insen tu* Aber Ton Severus an tritt in den drei 
Gallien und den beiden Germanien an deren Stelle eine iwar der rö- 
mischen angefügte, aber doch Terschiedene nnd gallisch benannte Meile, 
die Leuga (2,22 Kilom.), gleich anderthalb romischen Meilen, ün- 
möghch kann Severus damit den Kelten eine nationale Concession ha- 
\m\ raachen wollen ; es pafst dies weder für die Epoche noch iiishoson- 
dere für diesen Kaiser, der eben diesen Provinzen in ausgesprochener 
Feindseligkeit gegenüber stand; ihn müssen Zweckmäfsigkeitsrücksich- 
teu bestimmt haben. Diese iLönnen nur darauf beruhen, dai^i das na- 



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ACUTES BUCH. KAPITEL III* 



tionnleWegemafs, dieLeuga oder auch die Doppelleuga, die germanische 
Hai>ta, welche letztere der französischeu Lieue enlspriclil, in diesen Pro- 
vinzen nacli der Einführung des einheilhchen Wegemafses in ausge- 
dehnterem Umfang forlbeslanden haben als dies in den übrigen Reichs- 
ländern der Fall war. Augustus wird die römische MeUe formell auf 
Gallien erstreckt und die Fostbüclier und die Heichsslrafsen darauf 
gestellt, aber der Sache nach dem Lande das alte Wegemafs gelassen 
haben; und so mag es gekommen sein, dafs die spätere Verwaltung 
68 waniger unbequem fand die zwiefache Einheit im Postverkehr sich 
gefallen zu lassen') als noch länger aifih eines praktisch im Lsnde 
unbekannten Wegemafses zu bedienen. 

Von weit grO&erer Bedeutung ist das Verhallen der r5misclien 
Regierung zu der Landesreligion; ohne Zweifol hat das gallische 
Volksthum semen festesten RQckbalt an dieser gsAinden* Selbst in 
der Sfldpro?inz mufs die Verehrung der nieht römischen Gollheiten 
lange, viel linger als tum Beispiel in Andalusien sich behauptet haben. 
Die grollM Handelsstadt Arebte freilich hat keine anderen Weihungeo 
au&uweisen als an die auch in Italien verehrten Götter; aber in Frejus, 
Aix, Nlmes und überhaupt der ganzen KflstenlandBdiall sind die alten 
keltischen Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verehrt 
worden als im inneren Gallien. Auch in dem iberischen Theil Aqui- 
taniens begegnen zahlreiche Spuren des einheimischen von dem 
keltischen durchaus verschiedenen Cultus. indels tragen alle im Süden 
Galliens zum Vorschein gekommenen Götterbilder einen minder von 
(li'iii gewöhnlichen abweichenden Stempel als die Denkmäler des 
ISordens, und vor allem war es leichler mit den nationalen Göllern 
auszukommen als mit dem nationalen Priesterthum, das uns nur 
im kaiserhcheu Gallien und auf den britannischen Inseln begegnet , 
den Druiden (3, 237). Es w urde vergebliche Mühe sein, von dem 
inneren Wesen der aus SpecuJaliou und Imagination wunderbar su- 
sammengestellten Druidenlebre eine Vorstellung geben zu wollen; nur 
die Fremdartigkeit und die Furchtbarkeit derselben sollen einige Bei- 
spiele erläutern. Die Macht der Rede wurde symboliseh daiigestellt in 
mmm kahlküpfigen runsligen von der Sonne verbrannten Greis, der 
Keule undBogen führt und von dessen durehbohrterZunge suden Ohren 



*) Die Postbneher und StrafieoUfela verfehlen nicht bei Lyon and Tmk 
Irate •wuBerketi dafii Uer die Leogea bsfleata« 



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DIE GALLUCBKN FftOVlHUN. 



95 



des ihm folgenden Menschen feine goldene Ketten laufen — das heifsl es 
fliegen die Pfeile und schuiellern die Schläge des redegewaltigen Alten 
and willig folgen ihm die Henen der Menge. Das ist der Ogmius der 
Kelten; den Griechen erschien er wie ein als Herakles stafßrterCharon. 
Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns drei Götterbilder mit Beischridt, 
in der Mitte den Jovis, zu seiner Linken den Vnlotn, ihm zur Rechten 
den Ems, Hien EotsetiUcben mit setnen grausen Alliren,' wie ihn ein 
röflÜB^er Dicfaler nennt, ab«r denneeh ein Gott des Handebverkehre 
und des friedUehen Sehiffent^); er Ist tur Arbelt geschont wie Volean, 
und wie dieser Hammer nnd Zange Itthrt, so behaut er mit dem Beil 
einen Weidenbamn. Eine lyfter wiederkehrende Gottheit, wahrschein- 
lich Gemmmoe genannt, wird kanemd mit nntergescUagenen Beinen 
daffseldll; auf dem Kopf trigt sie ein Hirschgeweih, an dem dne flUs- 
kette hingt, und hilt auf dem Schofs den Geldsack ; vor ihr stehen zu- 
weilen Rinder und Hirsche — es scheint, als solle damit der Erdboden 
iüs die Quelle des Heichthuins ausgedrückt werden. Die ungeheure 
Verschiedenheit dieses aller Reinheit und Schönheit haaren, im ba- 
rocken und phantastischen Mengen sehr irdischer Dinge sich ge- 
fallenden keltischen Olymp von den einfach menschlichen Formen der 
griechischen und den einfach menschlichen Begriffen der römischen 
lieUgion giebl eine Ahnung der Schranke, die zwischen diesen 
llesiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen weiter sehr be- 
denkliche praktische Consequeiizen : ein umfassender Geheimmittel- 
mid Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Aerzte spielten 
nnd wo neben dem Besprechen und üesegnen auch Menschen- 
opfer nnd Krankenheilung durch das Fleisch der also Geschlachteten 
forfcam. DaüB direcle Opposition gegen die Fremdherrschaft in 
dem Dmidenthum dieser Zeit gewaltet hat, lillit sich wenigstens 
nicht erweisen; aber auch wenn dies nicht der Fall war, ist es 
wohl begreiflich, daiSi die römische Regierung, welche sonst alle 6rtr 
liehen Besonderheiten der Gottes?erehrong mit glelchgfkltlger DuMung 
gewihren Kelk, diesem Druidenwesen nicht blofs in seinen Ausschrei- 
tungen, sondern flberhaupt mit Apprehension gegenflber stand. Die Eb- 
richtung des gallischen Jahrfestes in der rsin rOmiseben Landeshaupt- 



') Die zwfite Berner Glosse ra Luran 1,445, die den Teutates richtig 
zum Mars macht uod aoch soost glaabwürdig seheint, sagt von ihm: Uetum 
Mereurium credunt, $i quidan a mercatoribus coHlur. 



96 



ACHTES BtICH. KAPITEL III. 



Stadt und unter Ausschlufs aller Anknüpfung an den nationalen Cultus 
ist offenbar ein Gegenzug der Regierung gegen die alte Landesrcligioii 
niil ihrem jährlichen Priesterconcil in Chartres, dem Mittelpunkt des 
gallischen Landes. Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Drui- 
denthum nicht weiter vor, als dafs er jedem römischen Bürger die 
Bellieüigung an dem gallischen Nationalcult untersagte. Tiberius in 
seiner energischeren Weite grinf durch und verbot dieses Priester- 
thum mit seinem Anbsog von Lehrern und Ueilkünstlern überhaupt; 
eher es spricht nicht gerade für den prsktischen Erfolg dieser Ver- 
fügung, dafs dasselbe Verbot abermals unter Claudius erging — vm 
diesem wird ersiblt, dalii er einen vornehmen Gallier ledigUeh desbalb 
köpfen lieb, weil er OberwieBen ward für guten Erfolg bei Verhaad- 
lungen vor dem Kaiser das landflUiche Zaubermittel in Anwendong 
gebracht tu haben. Daili die Besetsung Britanniens, wekbes von 
Allers her der Hauptsiti dieses Priestertrsibens gewesen war, tum 
guten Tbeil beschlossen ward, um damit dieses an derWunel in 
ftssen, wird wdlerfain (S. 158) ausgeführt werden. Trots alle dem 
hat noch in dem Abfall, den die Gallier nach dem Sturz der claudischen 
Dynastie versuchten, dies Priesterthum eine bedeutende Holle gespielt; 
der Bi*and des Capilols, so predigten die Druiden, verkünde den Um- 
schwung der Dinge und den Beginn der Herrschaft des Nordens über den 
Süden. Indefs wenn auch dies Orakel späterhin in Erfüllung ging, 
durch diese Nation und zu Gunsten ihrer Priester ist es nicht geschehen. 
Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben wohl auch 
später noch ihre Wirkung geübt; als im dritten Jahrhundert für einige 
Zeit ein gallisch-römisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf dessen 
Münzen die erste Uolle der Hercules theils in seiner griechisch-römi- 
schen Gestalt, theils auch als gallischer Deusoniensis oder Magusanus. 
Von den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die Rede, als die 
klugen Frauen in Gallien bis in die diocletianische Zeit unter dem 
Namen der Druidmnen gehen und orakeln, und dab die alten ad- 
lichen H&user noch lange nachher in ihrer Ahnenreihe sich drui- 
discher Altfordem berOhmen. Wohl rascher noch als die LandessprMha 
ging die Landesreligion zurfick und das eindringende CÜirislenIhum 
hat kaum noch an dieser emstlichen Widerstand gefunden. 

Das sOdtiche Gallien, mehr als irgend eine andere Provins durch 
seine Lage jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und 
Andalusien ein Land der Oli? e und der Feige, gedieh unter dem 



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' MB «ALLUCUM MOfiniBBr. 



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Kaiserreginieiil zu holiem Wohlstand und reicher slädtisclier EiUwicke- 
lung. Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von Arles, der 'Mutter 
ganz Galliens', das Theater von Orange, die in und bei Nimes noch 
heute aufrecht stehenden Tempel und Brücken sind davon bis in die 
Gegenwart lebendige Zeugen. Auch in den nördUchen Provinzen stieg 
der alte Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, 
der, aOenÜDgs Bit dem dauernden Steuerdruck, durch die Fremd- 
hemdwfl in das Land kam. 'In Gallien,' ssgt ein SchrillsteUer der 
▼eepaaiaiiiscben Zeit, *sind die Quellen des Reiehthnms beimisch und 
ihre FflUe sMml über die ganae Erde'*). Vielleicbt nirgends sind 
^eieh ahlieiehe und gleich prächtige Landhiuser snm Vorschein ge- 
konmeo, vor allen Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen 
Zuflössen ; man erkennt deutlich den reichen gallischen Adel. Berühmt 
ist das Testament des vornehmen Lingonen, welcher anordnet ihm das 
Grabdenkmal und die Bihlsäule aus italischem Marmor oder bester 
Bronze zu errichten und unter anderem sein sämmtMches Gerälh für 
Jagd und Vogeltang mit ihm zu verbrennen — es erinnert dies an die 
anderweitig erwähnten iiieilenlangen ei?i^efriedigten Jagdparke im 
Keltenland un«l an die hervorragende Uolle, welche die keltischen 
Jagdhunde und keltische VVaidmannsart bei dein Xenophon der hadna- 
niscben Zeit spielen, welcher nicht verfehlt hinzuzufügen, dafs dem 
Xenophon dee Gryllos Sohn das Jagdwesen der Kelten nicht habe liekannt 
sein können. Nicht minder gehört in diesen Zusammenhang die merk- 
würdige Thatsacbe, dafs in dem römischen Heerwesen der iUiseneit 
die Cavallerie eigenilich keltisch ist, nicht blois insofern diese Vorzugs- 



') Josephus bell. lud. 2, 16, 4. Ebeoda sagt König Agrippa zu seinen 
Jaden, ob sie sich etwa einbildeten reicher sa aein als die Gallier, tapferer 
ab üe Gemasee, klüger als die HelleneB. Damit atimnea alle aadara Zeog- 
aiaee ibereia. Nero veraiaBt des Avfftaed siebt oageni oecasiom nala 

spoliandarufn iure bdli ojmUtnH$t6marum provinciarum (Ssetoa Nere 40; 
Platarch Galb. 5); die dem Insargeateoheer des Vindex abgenommene Beate 
ist aofroier^dirb (Tacitas bist. 1, 51). Tacitu« bist. 3, 4() nennt dir Haeduer 
pecutn'ei däes et coluptalibus opulentos. Niehl mit rnrccht sa^^t der Koldherr 
\ e»{ia»iaos za den abgefalleucu Galliern bei TacitUH bist. 4, 74: regna bellü" 
que ptr GmUSos temper /i<ere, donBc üi motinm iiu eanttimtUtf nM fumi« 
f e i ttUmu kMum iure eieferAie H §dum toAlf addidimiit quo paeem 
tmammmr, jmm m§u§ quin gfvdium tim» urmi» nequ» arma »bt9 sUpmuUü 
JMfife stipendia sin€ tributis haben' queunt. Die Steuern drückten wohl tehwery 
«b«>r nirht s<> scbwer wie der alte Fehde- ood Faastrechtxastaad. 

M ommaan, rOB. OMebiebU. V. 7 



98 



MHnSBUCH. lAPRBLin. 



weise aus Gallien sich recrutirt, sondern auch indem die Manöver und 
sellMt die lechnischen Ausdhtoke zum guten Tbeil den Kelten entlehnt 
sind; man erkennt hier, wie nach dem Hinschwindenderaiten Bfliger- 
reiterei unter der Republik dieCavallerie durch Caesar nnd Augastns mit 
gaUiadien Mannschaften und in gallischer Weise reorganiairt wordea 
ist DieGnindhge dieses Tomehmen WohkUades war der Ackeriiaii, 
auf dessen Hebung auch Augastns selbst energisch hinwirkte and der 
in gpni GaUien, etwa abgesehen too der Steppengegend an der aqnila- 
nisehen Kflste, reichen Ertrag geb. Eintrigl&di war auch die l^iehincht, 
besonders im Norden, namentlich die Zucht von Schweinen und Scha- 
fen, welche bald für die Industrie und die Ausfuhr tod Bedeutung 
wurden — die menapischen Schinken (aus Flandern) und die atreba- 
tischeii und nervischen Tuchmäntel (bei Arras und Toumay) gingen 
in späterer Zeit in das gesaninite Reich. Von besonderem Interesse 
Weinbfto. ist die Entwickelung des Weinhaus. Weder das Klima noch die Re- 
gierung waren demselben günstig. Der 'gaUische Winter' blieb lange 
Zeit bei den Südländern sprichwörtlich; wie denn in der Thai das 
römische Reich nach dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich 
ausdehnt. Aber engere Schranken zog der gallischen Weincultur die 
italische Handelsconcurrenz. Allerdings hat der Gott Dionysos seine 
Welteroberung Oberhaupt langsam ToUbracht und nur Schritt vor 
Schritt ist der aus der ttslmfrucht bereitete Trank dem Saft der Hebe 
gewichen; aber es beruht auf dem Prohibitif System, daft in Gallien 
das Bier sich wenigstens im Norden als das gewöhnliche geistige 
Getrftnk die ganse Kaiserzeit hindurch behauptete und noch Kaiser 
Julianus bei seinem Aufenthalt in Gallien mit diesem bischen 
Bacchus in Gonffict kam So weit freilich, wie die Republik, welche 

1) Sein Epigramm 'aaf den Gerstenwein' ist erhalten (antbol. Pal. 9, 368): 

ov a imyiyHüaxo}' xov Jiög oMa fiovov. 
iut9os p6na^ Siu&f üv dl iqccyov ^ ^ irt JUktiA 

M MuJiättv ^i^^iqtWf ov dUrvoWf 
nu^oyimi fiSXlw xal ßqo^ovy ov Bqo^iov. 
DOf Dionysos, von wo koonnst da? Bei dem wirklichea Baoelmsl 

Ich erkenne dich nicht; Zeus Sohn keoo' ich allein. 
Jener daftet nach Nektar: du riechst nach dem Bocke. Die Kelten, 

Denen die Hebe versagt, braueten dich aas dem Halm, 
Scheuer-, nicht Fenenohn, Brdkiod, nicht Rind dich des Himmeis, 
Nor für das Fattera genaeht, niekt für den lieblidiM Traak. 



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MI GALUSCHKR PAOTOIXKII. 



99 



dflD Wein- mid Mb«o an der gdlischen SOdkftste politeilich nntar- 
sagte (2, 160. 392), ging das Eaiserreginienl nicht; aber die Italiener 
dlener Zeit waren doch die rechten Söhne ihrer Viter. Die BlAthe der 
beiden grofoen Rheneemporien Arles und Lyon beruhte su einem nicht 
feringen Theil auf dem Vertrieb des itaiienischen Weins nach Gallien; 
dann mag man ermessen, welche Bedeutung der Weinbau damals für 
Italien selbst gehabt haben mass. Wenn einer der sorgfältigsten Ver- 
walter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus den Befehl erliefs in 
sammtlichen Provinzen mindestens die Hälfte der Rehslöcke zu ver- 
tilgen*), was freilich so nicht zur Ausführung kam, so darf dar- 
aus geschlossen werden, dafs die Ausbreitung des Weinbaus aller- 
dings von Regierungswegen ernstlich eingeschränkt ward. Noch in au- 
gustischer Zeit war er in dem nördlichen Theil der narbonensischen 
Provinz unbekannt (3, 228 A. 2), und wenn er auch hier bald in Auf- 
nahme kam , scheint er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis 
und das südliche Aquitanien beschränkt geblieben su sein ; Ton gal- 
liscben Weinen kennt die bessere Zeit nur den aUobrogischen und den 
bitnrigischen, UMh unserer Redeweise den Burgunder und den Bor- 
deaux'). Erat ab die ZOgel des Reiches den Binden der Italiener 
entfiden, im Laufe des dritten Jahrhunderts, Inderte sich dies und 
Kaiicr Probus (276—282) gab endlich den Profiniialen den Wembau 
tnL Wahrscheinlich erst in Folge dessen hat die Rebe festen Fülk ge- 
Ikfet an der Seine wie an der Hösel. 4ch habe*, schreibt Kaiser Julia- 
nus, ,einen Vl^ntei^ (es war der tou 357 auf 358) *in dem lieben lAtetia 



Aof eioem io Paris i^efaodeoeo irdeofo Ring (Mowat Bull, epi^r. de la Gaale 
2, 110. 3, 133), der hobt uad zam Fülleu der Becher eingerichtet ist, sagt der 
Trinkeode zu dem Wirth: copo, conditu(m) [cnodäu ist Schreibfehler] abes; 
e*t repie{n}da — Wirth, du hast mehr im Keller; die Flaacbe ist leer, und 
SB isr Ulaariat ospOa, reple lagona^m) mtiwm — IKiehM, IUI« die FlaMbe 
■Ift Biar. 

*) Saetoa Dow. 7. Waas alt Graad aogegeb«« ward, dafa die hohao 
Ranpraiaa dorch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlafit 
aciaB, ao war daa MtürUeh ein aof dam Uavaratand daa PnbliauM karaahnatar 
Varwaad. 

') WeoB noch Hehn (Kulturpflanzen S. 76) Tdr den Weinbau der Arverner 
■ad der Seqoaner aofserhaib der NarbooeDsis steh auf Pliaias h. o. 14, 1, 18 
barafi, so folgt ar baaaitistaa Taxtiatarpalatiaaaa. Ba iat aS^ah, dafa das 
atnftra kaiaarllaht HagfaMat ia daa drai Galliaa daa Waiabaa mäkf sartlaii- 
IMt ala daa aahhUb aaaatariaalM ia dar Narbaaaaaia. 

7* 



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100 



ACHTBB lOCa. KAPITIL Hl. 



»verlebt, denn so nennen die Gallior das Städtchen der Pariser, 
,eine kleine Insel im Fiiuse gelegen und rings ummauert; das Waaser 
«ist dort trefflich und rein zu schauen und lu trinken. Die Ein- 
fWohner haben einen ziemlich milden Winter, und es wächst bei 
»ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen, indem sie 
,8ie im Winter mit Weiienetroh wie mit einem Rocke ludecken.' 
Und nicht ?iel epiter schildert dann der Dichter von fiordeaoz in der 
anmuthigen Bescbreibong der Mosel, wie die Weinberge diesen Fhilh 
an beiden Ufern einCusen, «gleich wie die eigmen Reben mir krimes 
die gelbe Garonne.' 

MnftwMii. Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarlindern, besonders 

mit Italien, mufs ein sehr reger gewesen sein und das Strafsennetz 
entwickelt und gepflegt. Die grofse Reichsstrafse von Horn nach der 
Mündung des Baetis, deren bei Spanien gedacht ward (S. G7), war 
die Hauptader für den Landhandel der Südprovinz; die ganze Strecke, 
in republikanischer Zeit von den Alpen bis zur Rhone durch die Massa- 
lioten, von da bis zu den Pyrenäen durch die Römer in Stand ge- 
halten, wurde von Augustus neu chaussirt. Im Morden führten die 
Reichsstiafsen hauptsächlich theiU nach der gallischen Hauptstadt, 
theils nach den grofsen Rheinlagern; doch scheint auch aullMrdem 
fflr die übrige Communication in ausreichender Weise gesorgt ge- 
wesen zu sein. 

H«net);^n.u^ Wenn die SüdproTuis in der älteren Zeit auf dem geistigen Gebiet 
^sSmi ^ heUenischen Kreise gehörte, so bat der Rückgang von Massalia 
und das gewaltige Vordringen des Rümerthums im südlichen Gallien 
darin freiUcb eine Aenderung herbeigeführt; dennoch aber ist dieser 
Thdl Galliens immer, wie Campanien, ein Sitz heUenischen Wesens 
geblieben. DaA Nemausus, eine der Theilerhen Ton Bhssalia, auf 
seinen Münzen aus augustischer Zeit alexandrinische Jahreszahlen und 
das Wappen Aegyptens zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit darauf 
bezogen worden, dafs durch Aupustus seihst in dieser dem Griechen- 
thum nicht fremd <?eirenül)erstehtMi(ien Stadt Veteranen aus Alexandreia 
angesiedelt worden sind. Es darf wohl aucli mit dem Einflufs Massa- 
lias in Verbindung gebracht werden, dafs dieser Provinz, wenigstens 
der Abstammung nach, derjenige Historiker angehörte, welcher, es 
scheint im hewufsten Gegensatz zu der national-römischen Geschichts- 
schreibung und gelegentlich mit scharfen Ausfällen gegen deren nam- 
haflesie Vertreter, SaUustius und Urins, die hellenische yertrat, der 



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DIE GALLISCHEN PAOYinZEN. 



101 



▼ocontier Pompeius Trogus, Verfasser einer von Alexander und den 
Diadocbenreicheii ausgehenden Wellgeschichte» in welcher die römi- 
schen Dinge nur innerhalb dieses Rahmens oder anhangswei^^e darge- 
stellt >verden. Ohne Zweifel gab er damit nur wieder, was eigenllicli der 
litterarischen Opposition des Hellenismus angehörte; immer bleibt es 
benierkenswerth, dafs diese Tendenz ihren lateinischen Vertreter, und 
einen geschickten und sprachgewandten Vertreter, hier in augustischer 
Zeit fand. Aus späterer ist erwälmenswerth Favorinus aus einem an- 
gesehenen Bürgerhaus von Arles, einer der Hauptträger der Polymathie 
der badrianischen Zeit; Philosoph mit aristotelischer und skeptischer 
Tendeos, daneben Phüolog und Kunstredner, Schüler des Dion tod 
Pmaa, Fireiind des Platarehos und des Herodes AttkiiB, polemisch auf 
dem wissanschaftlichea Gebiet angegriffon tod Galenus, feailleUNiistisch 
▼on Ladui« Oberhaupt in lebhaften Bedehangen mit den namhaften 
Gelehrten des iweilen Jahrbonderts und nicht minder mit Kaiser 
Badrian. Seine mannichftltigen Forschungen unter anderm Aber die 
Mamen der Genoasoi desOdyssens, die die Scylla verschlang, und über 
den des ersten Menschen, der zugleich ein Gelehrter war, lassen 
ihn als den rechten Vertreter des damals beliebten gelehrten 
Kleinkrams erscheinen und seine Vorträge für ein gebildetes Publicum 
über Thersiles und das Wechselßeher so wie seine zum Theil uns 
aufgezeichneten Unterhaltungen über alles und noch etwas mehr 
gewähren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des 
damahgen Litteraten treibens. Hier ist hervurzulieben, was er selbst 
unter die Merkwürdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, dafs er 
geborner Gallier und zugleich griechischer Schriftsteller war. Ob- 
wolil die Litteraten des Occidents häuGg nebenbei auch griechisch 
speciminirten , so haben doch nur wenige sich dieser als ihrer 
eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit durch 
die Heimath des Geiehrlen bedingt sein. Im Uebrigen war Süd- L»t«{nu«ii« 
gallien an der augustischen Litteraturblflthe insofern betheiligt» als aet^aX" 
einige der namhafleslen Gerichtsredner der spiteren augustiwhen 
Zeit, Votienus Uontanus (t 27 n. Chr.) aus Narbo — der Ovid der 
Redner genannt — und Gnaeus Domitius Afer (Consul 39 n. Chr.) 
aus Nemansus dieser Provins angehörten. Ueberhaupt erstreckt 
die römische Litteratur ihre Kreise nattlriich auch fiber diese 
Landschaft; die Dichter der domitianischen Zeit sandten ihre Frei- 
exemplare den Freunden in Tulosa undVienna. Plinius unter Traian 



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102 



ACHTES BUCH. KAPITEL III. 



ist erfineut, dafo seine kleinen Schriften auch in Lugudunum nicht 
blols günstige Leser, sondern auch Buchhändler finden, die sie 
vertreiben. Einen besonderen Einflufs aber, wie ihn die ßaelica in 
der früheren, das nördliche Gallien in der späteren Kaiserzeit auf 
die geistige und litterarische Entwickelung Horns ausgeübt hat, ver- 
mögen wir für den Süden nicht nachzuweisen. Wein und t>üchle 
gediehen in dem schönen Land; aber weder Soldaten noch Denker 
sind dem Reiche von dort her gekommen. 
Lit«ntnr im Das eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das geiobta 
^ flünHy * Land des Lehrens und des Lernens; vermuthUch geht dies lorflek 
auf die eigenthflmliche Entwkskelnng und den miehligen Einllal^ des 
nationalen Priesterthums* Das Dmidenthnm war keineswegs ein 
naifer Yolksglattbe, sondern eine hoch entwickelte nnd anspruchmlle 
Theologie, die nach guter Kirchensitte alle Gebiete des menschlichen 
Denkens nnd Thuns, Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde 
bestrebt war zu erleuchten oder doch zu beherrschen , die von ihren 
Schülern unermüdliches, man sagt zwanzigjähriges Studium forderte und 
diese ihre Schüler vor allem in den adlichen Kreisen suchte und fand. 
Die Unterdrückung der Druiden durch Tiberius und seine Nachfolger 
mufs in erster Reihe diese Priesterschulen betroffen und deren wenig- 
stens öffentliche Beseitigung herbeigeführt haben; aber wirksam konnte 
dies nur dann geschehen, wenn der nationalen Jugendbildung die rö- 
misch-griechische ebenso gegenübergestellt ward wie dem camu- 
tischen DruidenconcU der Romatempel in Lyon. Wie früh dies, ohne 
Frage unter dem bestimmenden Einfluis der Regierung, in Gallien ein- 
getreten ist, zeigt die merkwürdige Thatsache, dais bei dem früher er- 
wähnten Aufstand unter Tiherius die Insurgenten Tor allen Dmgen 
Tersuchten sich der Stadt Augustodunum (Antun) zu bemiohtigen, um 
die dort studirende vornehme Jugend in ihre Gewalt zu bekommen 
und dadurch die groften Familien zu gewinnen oder zu schreck«!. 
Zunichst mögen woM diese gallischen Lyceen trotz ihres keineswegs 
nationalen Bildungscursus dennoch ein Ferment des spectfisch gal- 
lischen Volksthums gewesen sein; schwerlich zufällig hat das damals 
bedeutendste derselben niclil in dem römischen Lyon seinen Sitz, 
sondern in der Hauptstadt der Haeduer, des vornehmsten unter den 
gallischen Gauen. Aber die römisch-hellenische Bildung, wenn auch 
vielleicht der Nation aufgenöthigt und zunächst mit Opposition autge- 
nommen, drang, wie allmählich der Gegensatz sich verschlül: , in das 



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DIE GALLISCHE!« PROVINZFÜ. 



103 



kdtiMlieWcwii lo lehr ein, dab mit der Zeit die SchAter eich Our eifriger 
nwuidleD ale die Leiimieister. Die GentlemaaliildaDg, etwa in der Art, 

wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des Latei- 
nischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der Entwickelung 
der Schukede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen lebhaft an 
neuere demselben Boden entstammende liüerarische Erscheinungen 
erinnernd, ward allmählich im Occidenl eine Art Privilegium der Gallo- 
romanen. Besser bezahlt als in Italien wurden dort die Lehrer wohl 
Ton jeher, und vor allen Dingen auch besser behandelt. Schon Quin- 
tiUaniis nennt mit Achtung unter den hervorragenden Gerichtsrednern 
mehrere Galller; und nicht ohne Absicht macht Tacitus in dem feinen 
Dialog über die Redekunst den galUscben Advocatcn Marcus Aper lom 
Tertbeidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer Gieeroe 
und Cmara. Den ersten Plata nnler den gaHischen Uniferntilen nalun 
spiterhin Bordigala ein, wie denn Oberall Aquitanien hinsichtlich der 
Kldong dem mittleren nnd nördlichen Gallien weit Toran war — in 
einem dort geacfariebenen Dialog aus dem Anfong des 5. Jahrb. wagt 
enier der Mitsprechenden, em Geistlicher ans GUdon-sur-Sadne, 
kaum den Mund auftuthim vor dem gebOdeten aquitanisehen Kreise. 
Hier wirkte der früher erwähnte von Kaiser Valentinianus zum 
Lehrer seines Sohnes Gralianus (geb. 359) berufene Professor Auso- 
nius, der in seinen vermischten Gedichten einer grofsen Anzahl sei- 
ner CoUegen ein Denkmal gesliftet hat; und als sein Zeilgenosse Sym- 
machus, der berühmteste Redner dieser Epoche, für seinen Sohn einen 
Hofmeister suchte, liefs er in Erinnerung an seinen alten an der Ga- 
roone heimischen Lehrer sich einen aus GaUien kommen. Daneben 
ist AugnstoduDum immer einer der grolsen Mittelpunkte der gallischen 
Studien geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der 
Wiederberstellung dieser Lehranstalt bittend und dankend vor dem 
Kaiser Gonstantin gehalten worden sind. — Die litterarisehe Vertretung 
dieser eifrigen Scbulthfttigkeit ist untergeordneter Art und geringen 
y^ttihm: Prunkreden, die namentlich durch die spitere Umwand- 
lung Ton Trier in eine kaiserliche Residens und das häufige Ver^ 
weSsn des Hofes im gallischen Land g6f5rdert worden sind, und 
Cel eg e a he itsgedicbte mannichfrltiger Art Wie die Redeleistung war 
das Versemachen ein nothwendiges Attribut des Lehramts und der 
öffentliche Lehrer der Litleratur zugleich nicht gerade geborener, aber 
doch bestallter Dichter. Wenigstens die Geringschätzung der Poesie, 



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104 



ACHTES BUCH. KAPITEL HI. 



welche der fibrigeos gleichartigen helienischen litteratnr der gfeiehen 

Epoche eigen ist, hat sich auf diese Occidentaien nicht übertragen. 
In den Versen herrscht die Schulremmiscenz und das Pedanlen- 
kunslstück vor^) und nur selten hegegnen, wie in der Moselfahrt 
des Ausoniiis, lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, 
die wir Ireilich nur nach einigen spaten am kaiserlichen Uoflager 
gehaltenen Vorträgen zu beurtheilen in der Lage sind, sind Muster- 
stücke in der Kunst mit vielen Worten wenig zu sagen und die 
unbedingte Loyalität in gleich unbedingter Gedankenlosigkeit lum 
Ausdruck zu bringen. Wenn eine vermögende Mutter ihren 
Sohn, nachdem er die Fülle und den Schmuck der giUiecheo 
Rede eich angeeignet bat, weiter nach Italien schickt um aach 
die rtkmische Würde ^ tu gewinnen, so war diesen galliecben 
Rhetcren allerdings diese schwieriger absuleraen als der Wort- 
pomp. Für das firflbe Mitlehdter sind diese Leistungen bestimmend 
gewesen; durdi sie ist In der ersten christlichen Zeit Gallien die 
eigentliche Stitle der frommen Terse und doch auch der lotste Zu- 
fluchtsort der SchuUitteratur geworden, während die grofse geistige 
Bewegung innerhalb des Chrislenthums ihre Hauptvcrtreter nicht 
hier gefunden liat. 

B«a«a oad In dem Kreise der bauenden und der bildenden Künste rief schon 
IMUm. 

das Klima manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Süden 
nicht oder nur in den Anfangen kennt; so ist die in Italien nur bei 
Bädern gebräuchliche Luftheizung und der dort ebenfalls wenig ver- 
breitete Gebrauch der Glasfenster in der gallischen Baukunst in um* 
lusender Weise sur Auwendung gekommen. Aber auch von euMT 
diesem Gebiet eigenen Kunstentwickelung darf vielleicht insofern ge- 
sprochen werden, als die Bildnisse und in weiterer Entwickelung die 
Darstellnng der Scenen des täglichen Lebens In dem keltischen Gebiot 



') Eines der Hrofessoreiigedichte des Ausoiiius ist vier jcriechischco 
Grtmmatikero gewidmet: *A11« ileifsif; walteteu sie des Lehrauits; Schmal 
nw war der SoM ja «od 48oa der Vortrag; Aber da sie lehrten m BelaeB 
Zeiten, Will idi sie Menea.' Dies ist an lo verdieaetUeiier, da er aiehta 
Reektee bei ihnen gelernt hnt: *Wohl, weil mieh gehindert die allsa aehwnehe 
Fassuogskraft des Geistes nnd mich von Hellas Bilduuf; fern hielt leider 
damals des Kunbeu Trauriger Irrüiutu.' Dieae Gedanken aind öfter, nber aeiten 
in aapphischem .Malse vorgetragen %vnr(len. 

*) Jiomana graviUu: Hierooymus ep. 125 p. 929 Vnll. 



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DIB GALLISCiUKN PAOVlMZBIf. 



10» 



relativ häutiger aufireten als in Italien und die abgenutzten mythologi- 
schen Darstellungen durch erfreulichere ersetzen. Wir können diese 
Richtung auf das Reale und das Genre allerdings fast nur an den 
Grabmonumenten erkennen , aber sie hat wohl in der Kunstübung 
überhaupt Torgeherrscht. Der Bogen von Arausio (Orange) aus der 
frühen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und Feldieichen, die 
bei Yelm gefundene Bronzestatue des Berhner Museums, wie es scheint 
den Ortgott mit Gentenfthren im Haar danteUend, das wahrschein- 
lich mm Theil ans gallisdien Werkstitten liennNrgegaiigeiie HUdes- 
beimer SUbergeifttli beweisen eine gewisse Freiheit in der AuflMhme 
und Umbildong der itafischen MotiTe. Das Jnliergrabmal von St Remy 
bei ATignoo, ein Werk augustiseher Zeit, ist ein merkwflrdiges Zeug- 
mb Ar die lebendige und geistreiche Reception der hellenisehen Kunst 
im sAdliehen Gallien sowohl in seinem kfihnen arebitektonisehen Aof- 
bav sweier quadratischer Stockwerke, welche ein Säulenkreis mit 
konischer Kuppel krönt, wie auch in seinen Reliefs, welche, im Stil den 
pergaajeaischen nächst verwandt, tigurenreiche Kampf- und Jagdscenen, 
wie es scheint dem Leben der Geehrten entnommen, in malerisch 
bewegter Ausführung darstellen. Merkwürdigerweise liegt der Höhe- 
punkt dieser Entwickelung neben der Südprovinz in der Gegend der 
Mosel und der Maas; diese Landschaft, nicht so völlig unter römischem 
Eünfluls stehend wie Lyon und die rheinischen Lagerstädte und wohl- 
habender und civilisirler als die Gegenden an der Loire und der Seine, 
scheintdiese Kunstübung einigermafsen aus sich seihst erzeugt su haben. 
Das onterdem Namen der Igeler Säule bekannte Grabdenkmal eines vor- 
ndmen Trierers giebt ein deutliches Bild der hier einheimischen 
tbnmafli|aB mit spitiem Dach gekrönten auf allen Seiten mit Dar- 
HteHnny ana dem Ldien des Yerstorbenen bedeckten Denkmäler. 
BÜnlKg seilen wir auf denselben den Gutsherrn, dem seine Colonen 
Sdiafe» fliehe, Geflögd, Eier darbringen. Ein Grabstein aus Arlon 
bei Lmenburg zeigt auÜMr den Portrails der beiden Gatten auf 
der einso Seite einen Karren und eine Frau mit einem Fruchte 
korb, auf der andern fiber iwei auf dem * Boden hockenden 
Männern einen Aepfel verkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen 
bei Trier hat die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer 
die Ruder führend; die Ladung besteht aus grofsen Fässern, neben 



106 



DIE GALLläCHfiN PBOVIKZBM, 



denen der lustig blickende Steuermann, man möchte meinen, sich des 
darin geborgenen Weines zu freuen scheint. Wir dürfen sie wohl in 
Verbindung bringen mit dem heiteren Bilde, das der Peel von Bordeaux 
uns vom Moselthal bewahrt hat mit den prächtigen Schlössern , den 
lusli^'en Rebgeländen und dem regen Fischer- und Schiffertreibeo, 
und den Beweis darin linden, dafs in diesem schönen Lande bereiu 
?or anderthalb Jahrtausenden friedliche ThatigkeU, heiterer Geniifii 
und irannes Laben pulsiri hat. 



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KAPITIL IT 



DAS RÖMISCHE G£(IMAISIBN UNO DIE FREIEN GERMANEN. 

Die bMd« rtmiflcheii ProviDun Ober- und UntergernumeD lind „«..Hrtn. 
te Ef^eboias deijenigen Niederlage der römiacheii Waffen und der Jj^^JJ^ 
röBUBchen StaatokuDat unter der Regierung des Augustus, wetehe n—arfM, 
fküher (S. 50 f.) geschildert worden ist. Die iii*sprüngliche Provinz 
Germanien, die das Land vom Rhein bi» zur EIhe umfafste, hat nur 
zwanzig Jahre vom tTsieii Feldzug der Drusus, 742 d. St. = 12 v. Chr.» 
bis zur Varusschlaclit und dem Falle Alisos 762 d. St. = 9 n. Chr. be- 
standen; da sie aber einerseits die Militärlager auf dem linken Rhein- 
ufer. Vindonissa, Mogontiacum, Vetera in sich schloss, andererseits auch 
nach jener Katastrophe mehr oder minder beträchtliche Theile des 
rechten Ufers römisch blieben, so wurden durch jene Katastrophe 
die Stattbalterschafl und das Commando nicht eigentlich auige- 
hoben, obwohl sie ao in aagen in der Luft standen. Die innere 
Ordnung der drei Gallien ist früher dargelegt worden ; sie umfafsten 
daa geaanmte Gebiet bia an den Rhein, ohne Unterschied der Ab- 
aiammung — nur etwa die erat während der lauten Kriaen nach Gallien 
flbergetiedellai Ubier gebörten nicht tu den 64 Gauen, wohl aber die 
Helfetier, die Triboker nnd Oberhaupt die aonat von den iheiniachen 
TVnppen beaetit gehaltenen Diatriete. Ea war die Abaieht geweaen 
die germaniachen Gaue iwiachen Rhein und Elbe an einer Ihnlichen 
Gemeinachafl unter rOmiacher Hoheit suaammenzufaaaen, wie diea mit 
den gallischen geschehen war, und denselben in dem Auguatuaaltar 
der Ubierstadt, dem Keim des heutigen Köln, einen ihnlichen 
excentrischen Mittelpunct zu verleihen, wie der Augustusaltar von 
Lyon ihn für Gallien bildete; für die fernere Zukunft war wohl 
auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und 
die Rückgabe dea linken wenigatena im Wesentlichen an den Statt- 



108 



ACUTES BUCH. KAPITEL IV. 



Ob«r- «ad 



haller der Belgica in Aussicht genommen. Allein diese Entwürfe 
gingen mit den Legionen des Varus zu Grunde; der germanische 
Augustusaltar am Rhein ward oder blieb der Altar der Ubier; die 
Legionen behielten dauernd ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches 
eigentlich zur Belgica gehörte, aber, da eine Trennung der Militär- und 
Civilverwaltung nach der römischen Ordnung ausgeschlossen war, 
80 lange, als die Truppen hier standen, auch administratif iinler den 
CommandaDteD der beiden Heere gelegt war*). Denn, wie schon 
früher angegeben worden ist, Varua ist wahracheinlich der letzte Com- 
niandant der vereinigten Rheinarmee gewesen; bei der Vermebruog 
der Armee auf acht Legionen , welche diese Katastrophe im Gefolge 
gehabt hat, ist allem Anschein nach auch deren Theilwig eingetreten. 
Es sind also in diesem Abschnitt nicht eigentlich die Zustande einer 
rftmischen Landschaft tu schildern, sondern die Geschicke einer 
römischen Armee, und, was damit aufo engste susammenhingt, die der 
Nadibarvftlker und der Gegner, so weit sie m die Geschichte Roms 
verflochten sind. 

Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von je her Velera 
bei Wesel und Moguntiacum, das heutige Mainz, beide wohl älter als die 
Theilung des tuinuiandos und eine der Ursachen, dafs dieselbe einti^at. 
Die beiden Armeen zählten jede im ersten Jahrhundert n. (ihr. 4 Legi- 
onen, also ungefähr 30 000 Mann^); in oder zwischen jenen beiden 



*) Diese Theilung einer Provinz unter drei Statthalter ist in der rÖuii- 
»chea Verwaltung soost ohne Beiüpiel ; da^ Verhültuirä von Africa uod Nomi- 
diea bietet wohl eioe äoraere Analogie , i&t aber politisch bedioft durch die 
StsUoif dM leaatvritdiea Statthalten so dm kaiserlickea M UitireeBBaa- 
dantea, wihread die drei Statthalter der Belgiea gleiehnSliiis haiaerlich tiad 
und gar nicht ahnutAea iel^ waraa dea^heideo germaoischea Sprengel inner- 
halb der Belgica statt eigener angewiMea werdea. Nur das Zurücknehmen der 
Grenze unter Beibehaltung des bisherigen ^fameos — ähnlich wie das trans- 
datiuvittiiiäcbe Dacien s|)äterhin als ciadaoavianischea dem ^iameu nach fort- 
bestand — erklart diese Seltsamkeit. 

*) Die Stärke der Aoxiüen der obereo Armee lifat sieh für die dead* 
tiaaiach-traiaaiaehe Bpoehe kait sieaüieher Sicherheit aaf etwa 10000 Maaa 
beetianaea. £iae Urkaade veai J. 00 aihlt vier Alea nad vieneka Gehertea 
dleier Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eioe Coborte (/ Germanorum), 
die nachweislich sowohl im J. 82 wie im J. 110 daselbst garnisouirte; ob 
awei Aleo, die im J. S2 uud inindesteas drei Cohorteu, <lif* im J. 1U> il;isell)si 
sich befnudeu und di«? in der Liste vom J. 90 tchion. im Jahr ÜO dort garui- 
sonirteu oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten dcrseibcu aber sind w ohl vor 



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DAS BAnSCHB GBBIIAIIIIII 010» MB PMUR GBMUNBIf. 



109 



Puncten lag die Hauptmasse der römischen Truppen, aufserdem eine 
Legion bei Nofiomagus (Nim wegen),eine andere in Argentoratum (StraTs- 
bürg), «am dritte bei Yindonissa (Windisch umveii Zürich) nicht weit 
▼00 der netiscben Greine. Zu dem unteren Heere gehörte die nicht 
onbetrichtliche Rheinflotte. Die Grane iwischen der oberen und der 
nnteien Armee liegt imehen Andernach und Remagen bei Brohl 
ao dalk CoUem nnd Bmgen in das obere, Bonn und KAIn in das untere 
Müitftrgebiet fielen. Auf dem Unken Ufer gehörten tu dem obergerma- 
madhen Terwaltnngabenrk die Diatriete der Helretier (Schwell), der 
Seqoaner (Besannen) , der Lingonen (Langres), der Rauriker (Baad)« 
der Triboker (Elsafs), der Nemeter (Speier) und der Vangionen 
(Worms); zu dem beschränkteren untergermanischen der District 
der Ubier oder vielmehr die Colonie Agrippina (Köln), der Tungrer 
(Tongern), der Menapier (Brabant) und der Bataver, während die 
weiter westlich gelegenen Gaue mit Einschlufs von Metz und Trier 
unter den verschiedenen vStattlialtern der drei Gallien standen. Wenn 
diese Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so f»llt dagegen die 
weehaelade Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten Ufer mit 
den wechselnden Beziehungen zu den Nachbaren und der dadurch be- 
dmgten Vor- und Zurückschiebung der Grenien der römischen Herr- 
achait xuaammen. Diesen Nachltaren gegenflber sind die unterrheini- 
sehmi wa4 die oberrheinischen Yeihiltniaae in ao wachiedener Weise 
gsardaet werdoi und die Ereigniaae in so durchaua anderer Richtung 
nripta» dalk hier die proTiniiale Trennung geachichtlich von der em- 
gnjfypilatflB Bedeutung wurde. Betrachten wir lunächat die Ent- 
wiekAmg der Dmge am Unterrhein. 

90 aas der Provinz ^pp oder erst uach 90 in dieselbe {(ekomineD. Von jenen 
]9 AoxilieD ist eine .sicher (coh. 1 DamoMcenoruni) , eion andere {ala I Flavia 
gemÖM) vielleicht eiae Doppelabtheiluap. Im Mioiioain also ergiebt sich als 
H&mtikUt der Awdlien diräet Heeres die obeo beaeiehaele Zilnr, ead be- 
deatead kaae tlo aicht IbenebritteB seia. WoU aber aSgea die Auiliea 
Via ITatiMyrtasBlea, dettea Giraisooen weaiger enegedebat waren, aa Zahl 
garinfer gewesea sein. 

*) Ao der Grenzbriicke über den Abrinra-, jetzt Vinxtbaeh. der alten 
Grenxe der Erzdiöcesen Köln nnd Trier, st;niden zwei Altiire, der auf der 
Seite von Remsf^en den Grenzen, dem Ortspeist und dem Jupiter {Finibus et 
Genio loci lovi oplimo majrimo) gewidmet von Soldateo der 30. nieder- 
aaraaaiaebea Legion, der aaf der Seite voa Aaderaaidi dem Japitar, deai 
Ortagatt oad dar Jaaa geweiht raa eiaeai Saldataa der 8. abergenaaaisehaa 
(IrHiback 649. 6M). ?miU 



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110 



Nieder- ^ früher dargestellt worden, wie weit die Römer zu beiden 

8*™*^*°' Seiten des Unterrheioe die Germanen sich unterworfen hatten. Die 
Btitew. germanischen Bataver sind nieht durch Caesar, aber nicht lange nach- 
her, vielleicht durch Drusus, auf friedlichem Wege mit dem Reiche 
vereinigt worden (S. Ö5)« Sie saDien im Rheindelta, das heiftt aaf dem 
linken RheinalBr nnd auf den durch die Rheinanne gehildeten In- 
eehi aofWSrU bis wenigstens an den alten Rhein, also etwa von 
Antwerpen bis Utrecht nnd Leyden in Seeland and dem sfidlichen 
Holland, auf orsprönglicb keltischem Gebiet — wenigstens sind die 
Ortsnamen ftberwiegend keltisch; ihren Namen flUvt noch die Betuwe, 
die Niederung zwischen Waal und Ladt mit der KiuptstadtNoriomagus, 
jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere verglichen mit den unruhi- 
gen und störrigen Kelten , gehorsame und nützliche Unterthanen und 
nahmen daher im römischen Reichsverband und namentlich im Heer- 
wesen eine Sonderstellung ein. Sie blieben gänzlich steuerfrei, wurden 
aber dagegen so stark wie kein anderer Gau bei der Recrutirung an- 
gezogen; der eine Gau stellte zu dem Reichsheer 1000 Reiter und 
9000 Fiifssoldaten; aufserdem wurden die kaiserlichen Leibwächter 
vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Gommando dieser batavischen 
Abtheilungen wurde ausscblielslicb an geborene Bataver vergeben. Die 
Bataver galten unbestritten nicht blofs als die besten Reiter and 
Schwimmer der Armee, sondern auch als das Muster trener Soldaten, 
wobei allerdings der gute Sold der batavischen Leibwi&chter sowohl wie 
der beronngte OlBsiersdienst der Adlichen die Loyalität erheblich be- 
festigte. Diese Germanen waren denn auch bei der Vamskatutrophe 
weder vorbereitend noch nachfolgend betheiligt; und wenn Angnstns 
unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht aeine balavischen 
Leibwichter verabschiedete, so flberzeugte er sich bald salbit Ton der 
Grundlosigkeit seines Argwohns und die Truppe wurde kurae Zeit 
darauf wieder hergestellt 
Omwim» Am andern Ufer des Rheines wohnten den Batavern zunächst, im 
heutigen Kennemerland (Nordholland über Amsterdam), die ihnen 
eng verwandten, aber weniger zahlreichen Cannenefaten; siewerden 
nicht blofs unter den durch Tiberius unterworfenen Völkerschaften ge- 
nannt, sondern sind auch in der Stellung von Mannschaften wie die 
rriflMB. Bataver behandelt worden. — Die weiterbin sich anscbliefsenden 
Friesen in dem noch beute nach ihnen benannten Küstenland bis 
zu der unteren £ms unterwarfen sich dem Drusus und erhielten eine 



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Acmm wca. EAPmL it. 



III 



ihnlidie SteUung wie die Bataver; es wurde ihnen anatatt der 
Steuer nnr die AbUefemog einer Amahl fon fUndahiaten ffir die 
Bedürftnaae dea Heerea anferl^; dagegen hatten aueh aie Terhlltnifli- 
milkig lahlreiche Mannaehaflen Ar den römiaehen Dienet lu ateUen. 
Sie waren aeine ao wie apiter dea Germaniena treaeate Bnndea- 
genoeaen, ihm nfltilich aewohl hei dem Kanalbau wie heaondera nach 
den uuglücklichen Nordaeefiihrten (S. 47). — Auf aie folgen Aatfiofa ohnkw. 
die Chauker, ein weitausgedehnles Schiffer- und Fischenrolk an der 
>"ordseeküsle zu beiden Seiten der Weser, vielleicht von der Eins bis 
zur Elbe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den Friesen, aber 
nicht wie diese ohne Gegenwehr, den Hörnern bolmäfsig. — Alle diese 
germanischen Küstenvölker fügten sich entweder durch Vertrag oder 
doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem 
Cheruskeraufstand keinen Theil gehabt haben, blieben sie nach der 
Varusschlacht gleichCails in den früheren Verhältnissen zum römischen 
Reich ; selbst aus den oiifeniter liegenden Gauen der Frieaen und der 
Chauker sind die Besatzungen damals nicht herausgezogen worden und 
nech zu den Feldiögen des Gennanicua hahen die letzteren Zuzug ge- 
ateOt Bei der abermaligen Räumung Germaniena im i. 17 acheint 
allerdingadaa arme und ferne, schwer zu achdtiende Ghaukerland auf- 
gegeben, worden lu sein; wenigatena giebt ea filr die Fortdauer der 
rftaiaciwii Bemcfaafl daaelbat kerne apSteren Belege und einige Decen- 
nieo mwUier finden wir aie unabhingig. Aber aüea Land weatwSria 
der unteren Erna blieb bd dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen 
Nied^^nde einschloCs. Die Yertheidigung dieses Theils der Reicha- 
grenze gegen die nicht zum Reich gehörigen Germanen blieb in der 
Hauptsache den botmäfsigen Seegauen selber überlassen. 

Weiter stromaufwärts wurde anders verfahren; hier ward eine Lim«« ond 
Grenzslrafse abgesteckt und das Zwischenland entvölkert. An die in Ll^SZSI! 
gröfserer oder geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzslrafse, 
den Lio>es^), knüpfte sich die Controle des Grenzverkehrs, indem die 

'} Limes (von limus quer) ist ein unseren Rechtsverhaitoissen fremder 
and daher aoch in unserer Sprache nicht wiederzugebender technischer Aas- 
dnick, davoa beraeBonmeD, dafs die römische Ackertheiloog, die alle Natvr- 
fTMiM amsebliebt, die Qmdrtte, ia wekke dir to P r l fate la eethe« sUhaaie 
B«dM gelMh wird, dereb ZwiMbflBwsf» voa elMr hssHaaiteB Brette IrtMt; 
tfete Zwiaeheowef« lind die timüu lad laMfem baielibnet du Wort iaoMr 
»fMeh MwoU die vee Neeeckeelwnd gelegene Grene wie die voe Meneelw«- 



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112 



ACHTBS BUCH. K4PITBL IT. 



Überschreitung dieser Strafse zur Ncichtzeit überhaui)l, am Tage den 
Bewafl'neteu untersagt und den Uebrigen in der Hegel nur unter 
besonderen Sicherheitsmarsregebi und unter Erlegung der Torgie* 
flchriebenen GrenzzöIIe gestattet war. Eine solche Strafse hat gegen- 
über dem unterrheinischen Hauptquartier im heuligen ManAterlaod 
Tiberius nach der Varuaachlacht gezogen, in einiger £ntlemung Tom 

Rhein, da zwischen ihr und dem Flufr der seiner Lage nach nicht nSher 



hmd gthnU Sinfte. IKeM Doppolbairatoif babüt das Wort aacb ia i«r 
Aaweadiiof aof den Staat (aariehtig Hadorf groak bat S. 288); ftnaa bt aidt 

jede Reichsgrenze, aondorn nur die von Mensohonkand abgesteckte uod n- 
gleich zam Begehea und Postenstellen fiir die Grenzvertheidigaog eingerichtete 
(vita Hadrian! 12: loch in quihus barbari non fluminibus, sed limitibus divi- 
duntur), wie wir sie in Germanien und in Africa Anden. Darum werden auch auf 
die Anlage dieses Umes die für deo Straiseobau dienenden Bezeichnaogea aa- 
gawaadt dpari* (Vallalaa S, 121, waa aiaht, wie MSUeahoir Ztaebr. f. 4, Alt 
N. P. II S. 32 will, ao ta varatebaa iat wie naaer OelTaea daa ScUagbavsa), 
nuptiTB, agtiM (FroatiBaa atrat. 1, 3, 10: ttuttttifa per CXX m, p. ocMt). Da- 
raai ist der Umes nleht blofs eine Lüngenlinie, sondern auch VOB eiaer ge- 
wissen Breite (Tacitus ann. 1, 50: castra in limite locai). Daher verbiodet 
sich die Anlage des Umes oft mit derjenigen des agger, das heifst des Strafsen- 
dammes (Tacitus auu. 2,7: cuncta novis limitibus aggeribusque permunita) 
und die Verschiebung desselben mit der Verlegung der Greozpostea (Tacitus 
Garai. 29: UmÜ9 aeto fnmuAüque praesidiü). Der Lbaas ist alao die Rekha- 
graaaatrafaa, beitfamt aar Regaliraaf dea Greaararkahra dadar^, dafa Ikre 
Uekeraehreitaaf aar aa gawiaaea dea firüekea der Flabgreaae eatiprechendee 
PoQctea gestattet, sonst untersagt wird. ZanSchst ist dies ohne Zweifel 
herbeigeführt wnrdon durch Abpatrouillirung der Linie, und so large dies 
geschah, blieb der Umes ein tirenzweg. Er blieb di<'s mich, wenn er ao 
beiden Seiten befestigt ward, wie dies in Britannien und an der Donaumündaog 
fescbab; aach der britanoisehe Wall heifst Iüms (S. 171 A. 1). Ea kooetea 
aber aaeh aa dea seatattetaa UeiiaraebraltaagapaaetaB Poakaa ao^tallt aad 
die Zwia^aatreekea der Greaswege ia irfead alaer Weiae nawagaaBi ge- 
macht werden. lo diesem Sinoe sagt der Biograph in der oben aagefihrtaa 
Stelle von Hadrian, dafs an dea limites er stipitikuf nwgnis in modum muraUg 
saepis funditus iactis aiqtie eonexis barbaros separavit. Damit verwandelt 
sich die GrenzstraTse in eine mit gewissen Durchgängen versehene Grenz- 
barricade, und das ist der Limes Obergermaniens in der entwickelten weiterhin 
darzulegeadea Gestalt. Uebrigen» wird das Wort in diesem Werthe ia repii- 
bUkaaisehar Zeit aieht gabraaebt aad iat abaa Zwelfal dioaer Begriff daa 
Iteev erat aatataadaa oiit der Biariditaag dar dea Staat, wo NalargraaaaB 
fehlen, amscbliefsenden Postenkette, welcher Reichsgrenzschata der RepabUk 
fremd, aber das Fandament daa aagastiaehea MUitXr- aad vor aUeai das 
BBgastiaellbB Zollsysteflis ist 



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DAS RÖMISCHE GERMAMEN UND DI£ FRBIBN GERMA?i£M. 



U3 



l>ekannle 'caesisclie Wald' sich crslreckle. Aelniliclie AnstaltPii mössen 
gleichzeitig in den Thälern der Kühr und der Sieg bis zu dem der Wied 
hin, wo die unlerrheinisclie Provinz endigle, gelrofTen worden sein. 
Militärisch besetzt und zur Vertheidigung eingerichtet brauchte diese 
Sinise nicht nothwendig zu sein, obwohl natArlich die Grenzvertheidi- 
gong und die GrenzbefesUgang inmer daranf hinausgingen die Grenz- 
stn&e mögUchtt sicher zu stellen. Ein hauptsächliches Mittel fär den 
Greoiicbttti mr dieEntfftlkening des Landstrichs iwiaehen dem Flufs 
«od der Strallw. ^Voni rechten Rheinnfbr'« sagt ein kundiger Schrifl- 
ntdkr der tiberiaehen Zat, *haben tbeila die ROmer die Vittkerscbaden 
^anf daa Unke ftbefgeAhrt, theila dieae aelbat aich in daa Innere lurOck- 
«gangen'. Diea traf im heutigen Mflnateriand die daaellMt firflher an- 
Bissigen germaniachen Sttmme der Uaiper, Tencterar, Tubanten. In 
den Zügen deaGermanicua eracheinen dieaelben rom Rhehi abgedringt, 
aber noch in der Gegend der Lippe , spSter , wahrscheinlich eben in 
Folge jener Expeditionen, weiter südwärts Mainz gegenüber. Ihr altes 
Heim lag seitdem f)de und bildete das ausgedehnte für die Ileerden 
der niedergermanischen Armee reservirte Triftland, auf welchem im 
J. 58 erst die Friesen und dann die heimalhlos irrenden Amsivarier 
sich niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnifs der römischen 
Behörden auswirken zu können. Weiler südwärts blieb von den Su- 
gambrern, die ebenfalls zum grofsen Tiieil derselben Behandlung unter- 
lagen, wenigstens ein Theil am rechten Ufer ansässig während andere 
kleinere Völkeracbaften ganz verdritaigt wurden. Die spärliche inner- 
halb des Liroes geduldete Bevölkerung war aelbatTerständlich reicha- 
unterthänig, wie diea die hei den Sugambrem atattfindende rftmiacbe 
Andiebong beatfttigt 

In dieaerWeiae worden nach dem Aufgeben der weiter greifenden Kftmpfa mit 
Entwtefe die Yerliiltniaae am Unterrfaein geordnet, immer alao noch chMkM 

«atar 

>) Die sof das Hake Ufer ibcrfetle^liSB Sofmkrar ward« unter dtass« 
Namen nachher nicht erwihot and sind wahrscheinlld die «stariMdb Köln am 
Rhein wohnenden Caperoer. Aber dafs die Snganibrer aaf dem rechlen Ufer, 
welche Strabo erwähnt, w ciiij?st*'os noch tu (Claudius Zeit bestanden, zeigt die 
nach diesem Kaiser benannte, also sicher unter ihm nnd zwar aus So^ambrcrn 
errichtete Cohnrte (C. I. L. III p. 877); ood sie ao wie die vier anderem 
wahwehelaliek «nffnatisekaa C«k»riea diesM Ntaaes baftXtigea , was eigeat- 
lleh aaefc Sirakea sagt, defe diata Sqgaaikrar saai rVaiisekea ftetek gekSrlea. 
Sie aind «okl wie die Hettinker erst la dea Stiraea der VSlkerwenderaaf 
Teraehwnndea. 

UnsBaen» iOai.O«a«Uabta. T. $ 



114 



ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 



dn nicht mibeCrIehtiicliefl Gebiet am rechten Ufer von den Rtoorii 

gehalten. Aber es knüpften sich daran mancherlei unbequemeVerwicke- 
lungeii. Gegen das Ende der Regierung des Tiberius (J. 2S) Gelen die 
Friesen in Folge der unerträglichen Bedrückung bei der Erhebung der 
an sich geringen Abgabe vom Reiche ab, erschlugen die bei der 
Erhebung beschäftigten Leute und belagerten den hier fungirenden 
römischen Commandanlen mit dem Reste der im Gebiet verweilenden 
römischen Soldaten und Civilpersonen in dem Gastell Flevum, da 
wo vor der im Blittelalter erfolgten Ausdehnung des Zuidersees die öst> 
Uchsle Rheinmündung war, bei der heutigen Insel Ylieland neben 
dem Texel. I>er Aufstand nahm solche Yerb&ltnisse an, dafs beide 
Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen manchirten ; aber der 
Slatthaiter Lndiui Apronias richtete dennocb nichts ana. Dia Belage* 
nmg des GasteUa gaben die Friesen auf; als die rftmische Flotte die 
Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen 
Lande schwer beizukomroen; mehrere W^mische Heerfaaufen wurdoa 
Tereinielt aufgerieben und die rOmische Yorbui so grOndlich geschlaijen, 
dab selbst die Leichen der Gefallenen hi der Gewalt des Feindes blie^ 
ben. Zu einer entscheidenden Action kam es nicht, aber auch nidit so 
rechter Unterwerfung; gröl^eren Unternehmungen, die dem comman- 
direnden Feldherrn eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je älter 
er wurde, immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, 
dafs in den nächsten Jahren die Nachbaren der Friesen, die Chauker 
den Römern sehr unbequem wurden, im J. 41 der Statthalter PubliusGa- 
binius Secundus gegen sie eine Expedition unternehmen musste 
und sechs Jahre spfiter (47) sie sogar unter Führung des römischen 
Ueberläufers Gannascus, eines geborenen Gannenefaten, mit ihren 
leichten Piratenschiffen die gallische Kikste weithin brandschatiten. 
Gnaeus Domitius Corbulo, von Glaudius zum Statthalter Niedergenna* 
niens ernannt, legte mit der Rheinflotte diesen Vorgängern der Sachsen 
und Normannen das Handwerk und brachte dann die Friesen energisch 
lom Gehorsam sur&ck, indem er ihr Gemeinwesen neu ordnete und 
römische Besatiung dort hinlegte. Er hatte die Absicht weiter die 
Chauker snzQchtigen; auf sein Anstiften wurde Gannascus ans dem Wegs 
geräumt — gegen den UeberliuliBr hielt er sich aueh dam berechtigt 
— und er war im Begritf die Ems Uberachreilend in dss Chaukerfand 
elnzurdcken, als er nicht blofs Gegenbefehl von Rom erhielt, sondern 
die römische Regierung überhaupt ihre Stellung am Unterrhein Yoll- 



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DAS R0]fI8CH£ GERMAMEI« U«D DIE Ffi£I£N Ü£RMA?(£?(. 115 

stimdig änderte. Kaiser Claadias wies den Statthalter an alle römischen j^^^^^^ 

Besatzungen vom rechltMi Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich, dafe 
der kaiserliche General die freien Feldherren des ehemaligen Rom mit am%«g«Wn. 
bitleren AVorlen glücklich pries; es wurde allerdings damit die nach 
der Varusschlacht nur halb gezogene Consefjueiiz der Niederlage ver- 
vollständigt. Wahrscheinlich ist diese durch keine unmittelbare Nö- 
IhigODg veranlafste Einschränkung der römischen Occupatiun Germa- 
niens henrorgenifen worden durch den eben damals gefafstenEntschlufs 
Britaimien zu beaetzen, und Gndet darin ihre Rechtfertigung, dafs die 
Truppen baidem zugleich nicht genägten. Dals der Befehl ausgeführt 
mrd md et aaeh apiter dabei Uieb« beweiat daa Fehlen der römi- 
achan HBliiiBachrilten am ganaen rechten üntetrhein')* NureiiiaelDe 
Udiergangapankte und Aualhllatbore, irie inabeaondera Deutz gegenüber 

y«m dieser allgemeinem AegaL Auch die 
MüitSrstralte hSli aicb hier auf dam linken Ufer nnd streng an den 
Rheinlauf, wihrend der Unter derselben herlaufende Verkehrsweg die 
RrümmuDgen abschneidend die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem 
rechten Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene 
Meilensteine noch anderweitig, römische MiUtärstrafsen bezeugt. 

Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in 
dieser Provinz schliefst die Zurückziehung der Besatzungen nicht ein. 
Dasselbe galt den Römern seitdem etwa wie dem Festungscomman- 
danten das unter seinen Kanonen liegende Terrain. Die Cannenefaten 
ond iswiigstfins ein Theil der Friesen') sind nach wie vor reichsunter- 
thanig geweteo« Dals auch später noch im Münsterland die Ueerden 
det JjBg^aen weideten und den Germanen nicht gestattet wurde sich 
dart niedersalasseD, ist schon beoserkt werden. Aber die Regierung 
hat seitdem iflr dcD Schatz des Grenzgebietes auf dem recbten Ufer, 

' Iii ni II 

>) DatOHteU tmi NiadtfUlw «awtit Ut Hiadiug dar WM In daa 
Ikito ae wie das von ArzJ^ach bei Mootabaar in Labnfebiet gehören scboB 
za Obergeraanien. Die besondere Bedeotang jener Festung, des grüfsten 
Castells in Obergermaniea , beruht darauf, dala aie die röBiischea Liaieo auf 
4tm rechten RheiDufer militärisch abschlofs. 

*) Dies fordern die Aushebungen (Eph. epigr. 5 p. 274), während die 
FrfaMB, wi0 ai« im J. 58 (Taeitoa ann. 13. 54) anftr«tra, «her aBahkiagig 
«tcfceiaeB; eadi dar (Ulera Pttafai (h. m. 25, 3, 22) nitar VMfatiaB aeaat 
iltfaBnMkliaka«fdieZ0ltd6t6maaleBaf«i»liifls/Wlff. Wahrtohaialkk 
bfaft Üia sataanua iiit der UatendMUaeg der Frisü und FrUünones bei 
PUaiaa 4» 16, 101 «ad der FrttU mäurw «ad mrimrm hü Taeitna Gena. 8«. 

8» 



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116 



ACHTES BOCB. EAPITBL I?, 



das es in dieser Provins auch ferner gab, im Norden aieh auf die Gaane- 
neigten und dieFriesen Teriassen, weiter stromaufWirts im WeeentlidiCB 

der Oedgrenze Tertraut und auch die römische Ansiedelung hier, wenn 
nicht geradezu untersagt, doch nicht aufkommen lassen. Der in Alten- 
berg (Kreis Mülheim) am Dhünflufs gefundene Altarslein eines Privaten 
ist fast das einzige Zeugnifs römischer Kinwohnerschaft in diesen 
Gegenden. Es ist dies um so bemerkenswerther, als das Aufbiüben von 
Köln, wenn hier nicht besondere Hindernisse im Wege gestanden hätten, 
die römische Givilisation von sell)er weithin auf das andere üfer getragen 
haben wurde. Oft genug werden römische Truppen diese ausgedehnten 
Gebiete betreten , vielleicht selbst die gerade hier in augustischer Zeit 
lahkeicb angelegten Strafsen einigermafsen gangbar gehalten, auch 
wohl neae angelegt haben; spirliche Ansiedler, theila Ueberreate d^r 
allen germanischen Bevdlltmng, theils Golonisteii aus dem Reich 
werden hier gesessen haben, ihnlieh wie wir sie bald in der fHkhereB 
Saiseneit am rediten Ufer des Oberrbeios finden werden; aber den 
Wegen wie den Besitsongen fehlte der Stempel der DaoerfaaftigfceiL 
Man wollte hier nicht eine Arbeit too Reicher Anadehnong und {jteicher 
Schwierigkeit unternehmen, wie wir aie weiterhin in der oberen 
Pro?inz kennen lernen werden, nicht hier, wie es dort geschah, die 
Reichsgrenie militirisch schützen und befestigen. Darum bat den 
Unterrbein wohl die römische Herrschaft, aber nicht, wie den Ober- 
rhein, auch die römische Cultur überschritten. 
Die L«gc in Ihrer doppelten Aufgabe das benachbarte Gallien in Gehorsam 

GftlH''n nnd i i • ^ n« i i i 

OermaniMi uud die Germniipn des rechten Rhemufers von Gallien abzuhalten, 
""stoT** hatte die Armee am Unterrbein auch nach dem Verzicht auf Be- 
setzung des rechtsrheinischen Gebietes ausreichend genügt; und 
es wäre die Rube nach aufsen und innen voraussichtlich nicht unter- 
brochen worden, wenn nicht der Sturz der julisch-claudiscben Dynastie 
nnd der dadurch henrorgerufene Bürger- oder vielmehr Corpskrieg in 
diese Verhältnisse in verbängnissvoller Weise eingegriflen hatte. Die 
Insurrection des Keltenlandes unter FOhning dea Vindex wurde «war 



Dl« rMaeh febliebeooD FritMa wardM die wagUlehas mIb, die freiea die 

östlichaai waea die Friateo fiberhanpt bis zur Ems reichen (Ptolenieos 3, 

11, 7), 80 mnfreo die später römischen etwa ^lestwürts der Yssel gesessen 
haben. Anderswo als an der noch heute ihren Namen tragenden Küste 
darf man sie nicht ansetzen; die IS'ennang bei Plioiaa 4, 11, 106 steht ver> 
eiuelt and ist obae Zweifel fehlerhaft. 



DAi lAiittGn «miAiaBi mm mb wuan Quautm. il7 

Ton den beiden gennaiiiKlien Armeen niedergeschlagen; aber Neroi 
Stnn erfolgte dennoch, und ab sowohl das spanische Heer wie die 
Kaisergarde in Rom ihm einen Nachfolger bestellten, thaten auch die 

Rheinarmeen das Gleiche und im Anfang des J. 69 überschritt der 
grOfste Theil dieser Tru[)pe[i die Alpen, um auf den Schlachtfeldern 
llalieiis ausziimaciieii, ub dessen Herrscher Marcus oder Aulus hcifsen 
werde. Im Mai desselben Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nach- 
dem die Waden für ihn entschieden halten, begleitet von dem Rest der 
guten kriegsgewohnten Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausge- 
hobene Uekniten waren allerdings die Lücken in den Rheinbesatzungen 
notbdürflig ausgefüllt worden; aber dafs es nicht die alten Legionen 
waren, wufste das ganze Land, und bald aeigte es sich auch, dafs jene 
nicht zurückliamen. Hätte der neue Herrscher die Armee, die ihn auf 
den Thron gesetzt hatte, in seiner Gewalt gehabt, so hätte gleich nach 
der Niederwerfung Othos im April wenigstens ein Theii derselben an 
den Rhein znrOekkehren mflssen ; aber mehr noch die UnbotmllSuglteit 
der SoMalen als die baM eintretende neue Verwickelung mit dem im 
Osten snm Kaiser ausgerufenen Vespasian hielt die germanischen 
Legionen in Italien lurOck. 

Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurreetion des "^^^^^ 
Vindez war, wie früher (S. 75) bemerkt ward, an sich nicht gegen die lanv. 
Herrschaft Roms, sondern gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; 
aber darum war sie nicht weniger eine Kriegführung gewesen zwischen 
den Rheinarmeen und dem Landsturm der grofsen Mehrzahl der kel- 
tischen Gaue, und diese nicht weniger gleich Besiegten geplündert und 
mifshandelt worden. Die Stimiiiuiig, die zwischen den Provinzialen und 
den Soldaten bestand, zeigt zum Beispiel die Behandlung, welche der 
Gau der Helvelier bei dem Durchmarsch der nach Italien bestiuimlen 
Truppen erfuhr: weil hier ein von den Vileliianern nach Pannonien 
abgesandter Courier aufgegriffen worden war, rückten die Marsch- 
eofanmen von der einen Seite, von der anderen die in Raetien in Gar- 
nison stehenden RAmer in den Gau ein, plünderten weit und breit die 
Ortachalteii, namentlich das heutige ftiden bei Zürich, jagten die in 
die Berge flüchtenden aus ihrem Versteck auf und machten sie lu 
Taosenden nieder oder verkauften die Geflingenen nach KriegsrechL 
Obwohl die &uptatadt Arenticum (Afenches bei Hurten) sich ohne 
Gegenwehr unterwarf, forderten die Agitatoren der Armee ihre Schlei- 
fung und alles, was der Feldherr gew&hrte, war die Verweisung der 



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118 



ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 



Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des ^roFsen 
Hauptquartiers; diese safsen über das Schicksal der Stadl zu Gericht 
lind nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstörung. 
Dergleichen Mifshandlungen brachten die Provinzialen aufs AeuCserete; 
nocb bevor Vitellius Gallien Terliets, trat ein gewisser Mariccus aas 
dem von den Haeduem abhängigen Gau der Boier auf, ein Gott auf 
Erden, wie er sagte, und bestimmt, die Freiheit der Kelten wieder 
heiniBleUen; und scbMren weise strömten die Leute unter sein« Fah* 
nen. Indeb kam anf die Erbittemng im Keltenland nicht allza viel 
an. Eben dar Aufttand des Yindex hatte auf das Deatliohste geaeigt, 
wie TftUig unflihig die Gallier waren sich der römischen Umklammenmg 
Avfttatia sn entwinden. Aber die Stimmung der sn Gallien gerechneten ger* 
'"•ebea^ manischcn IKstricte in den heutigen Niederianden, der Bataver, der 
Awdiira. Gannenefaten, der Friesen, deren SondersteOung schon hervorgehoben 
ward, hatte etwas mehr zu bedeuten; und es traf sich, daCs eben diese 
einerseits aufs Aeufserste erbittert worden waren, andrerseits ihre Con- 
tingentc zuftdlig sich in Gallien befanden. Die Masse der balavischen 
Truppen, 8000 Mann, der 14. Legion beigegeben, hatte längere Zeit mit 
dieser bei dem oberen Rheinheere gestanden und war dann unter Clau- 
dius bei der Besetzung Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo 
dieses Corps kurz zuvor die entscheidende Schlacht unter Paullinus 
durch seine unvergleichliche Tapferkeit für die Börner gewonnen hatte; 
von diesen Tag an nahm dasselbe unter allen römischen Heeresab- 
theilungen unbestritten den ersten Platz ein. Eben dieser Auszeich- 
nung wegen von Nero abberufen, um mit ihm zum Kriege in den Orient 
absugehen, hatte die in Gallien ausbrechende Revolution ein ZerwArf- 
nifs zwischen der Legion und ihren Hfilibmannschaflen herbeigeflUirt: 
jene, dem Nero treu ergeben, eilte nach Italien, die Bataver dagegen 
cifUto. weigerten sich lu folgen. Vielleicht hing dies damit susammen, dalb 
zwei ihrer angesehensten Offiziere, die BrOder Paulus und Civilis, ohne 
jeden Grund und ohne Rdcksicht auf vieljihrige treue Dienste und 
ehrenvolle Wunden , kurz vorher als des Hochverraths verdächtig in 
Untersuchung gezogen, der erslere hingerichtet, der zweite gefangen 
gesetzt worden war. Nach Neros Sturz, zu welchem der Abfall der ba- 
tavischen Cohorten wesentlich beigetragen hatte, gab Galba den Civilis 
frei und sandte die Bataver in ihr altes Standquartier nach Britannien 
zurück. Während sie auf dem Marsch dahin bei den Lingonen (Langres) 
lagerten, fielen die Rheinlegionen von Galba ab und riefen den Vitellius 



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»AS BAMUCBS eUUUIUSIf UUE hie FMIfill GEBlUlfBIf. 119 

zum Kaiser aus. Die Bataver schlössen nach längerem Schwanken 
schliefslich sich an; dieses Schwanken vergab ihnen Vilellius nicht, 
4ioch wagte er nicht den Führer des mächtigen Corps geradezu zur Ver- 
anlwortiiDg lu ziebeD. So waren die Bataver mit den Legionen von 
Untergermanien nach Italien marschirt und hatten mit gewohnter 
Tapferkeit in der Schlacht ?oii Betriacum für Vitellius gefochtan, wib- 
raäd iluro alten Legionskameraden ibnen in dem Ueere 0(h<M gegen- 
äbmlMden. Aber der Uebenaalh dieeer Gemumen erbilteite ibre 
itaiachen SiegeageBoaien, nk lebr sie ibre TapCerkeit im fUmpT an- 
«rbanateD; auch die comnandireaden Generale tfautea ibaen nicbt 
und Mcbten sogar einen Vereneh durcb Detacbimng sie au tbeilen, 
WM freilieb in dieeem Krieg, in dem die Soldaten commandirten und 
die Generale geborebten, nlebl teebiafBbren war nnd fbat dem Gene- 
ral daa Leben gekostet bätte. Nadi dem Siege wurden sie beauftragt, 
ihre feindlichen Kameraden von der vierzehnten Legion nach Britannien 
zu escortiren; aber da es zwischen beiden in Turin zum Handgemenge 
gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach Ger- 
manien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen 
worden und wahrend in Folge dessen Vitellius sowohl den balavischen 
Cohorten Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern 
neue umfassende Aushebungen anordnete, knüpften Vespasians Be- 
aaftragle mit den bataTiscben Offizieren an, um diesen Abmarsch zu 
verhindern und in Germanien selbst einen Aufstand hervorzurufen, der 
die Truppen dort festhielte. Civilis ging darauf ein. Er begab sich in 
asiae BeimaUi nnd gewann leacbl die Zustimmung der Seinigen» sowie 
derliwMrfcbarInn Ganaenebten nnd Friesen. Bei jenen brach der Auf- 
MimAMßß die beiden Cobortenlager in der Nähe wurden überMen und 
die rtnMMa Pesten aufgehoben; die rftmiscfasn Rekruten sehlugen 
aiflhvaeliaehl; baUl warf Gvilis mit sehwr Gohorle, die er hatte nach- 
kaaMMfll Jmmih vm sie aagebiicb gegen die Insurgenten su gebrauehen, 
fiA aeftit aftn in iS» Bewegung , sagte mit den drei germanischen 
Gauen dem Vitellius auf und forderte die übrigen eben damals von 
Blainz zum Abmarsch nach Italien aufbrechenden Bataver und Canneue' 
taten auf, sich ihm anzuschliefsen. 

Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrecliou 
der Provinz oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rhein- 
legionen mit denen von der Donau und weiter mit diesen und der 
Euphratannee schlugen, so war es nur folgerichtig, da£s auch die 



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120 



ACHTES BOCH. KAFITIL IT* 



Soldaten zweiter Klasse, und vor allem die aogesebenste Trappe der- 
selbea, die batavische, seliietandig in diesen Corpskrieg eintrat Wer 
diese Bewegung bei den Gehörten der Bataver und den linkarbeuii* 
sehen Germanen mit der Insurrection der rechtsrheinischen unter An- 
gustus tusammenstellt, der darf nicht übersehen, dab in jener die 
Alen und Gehörten die Rolle des Landsturms der Gfierusker fiber- 
nahmen; und wenn der treulose Offiiier des Varus seine Nation ans 
der R5merherrschaft eriOste, so handelte der batatische POhrer im 
Auftrag Vespasians, ja vielleicht auf geheime Anweisung des im Stillen 
Vespasian geneigten Statthalters seiner Provinz, und richtete sich der 
Aufstand zanächst lediglich gegen Vitellius. Freilich war die Lage der 
Dinge von der Art, dafs dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in 
einen Germaiieiikrieg geluhrlichster Art sich verwandeln konnte. Die- 
selben römischen Truppen, die den Khein gegen die Germanen des 
rechten Ufers deckten, standen in Folge der Corpskriege den links- 
rheinischen Germanen feindlich gegenüber; die Rollen waren solcher 
Art, dafs es fast ieicbter schien sie zu wechseln als sie durchzuOUiren. 
Civilis selbst mag es wohl auf den Erfolg haben ankommen lassen, ob 
die Bewegung auf einen Kaiserwecbsel oder auf die Vertreibung der 
Rdmer aus Gallien durch die Germanen hinauslaufen werde. 
üMt&Dd dti Commando Ober die beiden Rheinarmeen führte damals, 

^iSÜ nachdem der Statthalter ron Untergermanien Kaiser geworden war, 
sein bisheriger College in Obergermanien HordeoniusFlacGus, ein hoch- 
bejahrter podagrischer Mann, ohne Energie und ohne Auloritit', dasu 
entweder in der That im Geheimen su Vespasian haltend oder doch bei 
den eifrig dem Kaiser ihrer Mache anbingenden Legionen solcher Treu- 
losigkeit sehr verdSchttg. Es zeichnet ihn und seine Stellung, dafs er, 
um sich von dem Verdacht des Verraths zu reinigen, Befehl gab die ein- 
laufenden Regierungsdepescben uneröffnet den Adlerträgern der Legi- 
onen zuzustellen und diese sie zunächst den Soldaten vorlasen, bevor sie 
dieselben an ihre Adresse beförderten. Von den vier Legionen des unteren 
Heeres, das zunächst mit den Aufständischen zu thun halte, standen 
zwei, die 5. und die 15., unter dem Legaten Munius Lupercus im 
Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter Numisius Rufus in Novaesium 
(Neuis), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna (Bonn). Von dem 
oberen Heer, das damals nur drei Legionen zihlte^), blieb die eine, die 

Die Ticrte obersermtDische Legioo nar im J. 58 nach Rleinaiieo ge- 
schickt wrgra dcf ameiiisch-pariliifcken Krieget (Tacitot aM. 13, 35). 



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ms BAMISCfll GBÜllAinBII OTD DB piubn «BMunBir. 



121 



21., in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgängen fern, wenn 
ae nicht vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden 
anderen, die 4. macedoDische und die 22., standen im Hauptquartier 
Mum, wo auch Flaccus sich befand und factisch der tüchtige Legat 
des letiteren DUUos Yocnla den Oberbefehl ftthrte. Die Legionen halten 
dorcliginglg nur die Btifte der Tollen Zahl, und die meisten Soldaten 
waren HalbmTalide oder Rekruten. 



Hs, an der Spitae einer klenwn Zahl regulärer Truppen, aber ^Kr»<«^ 
des Gcsiimntaufgebots der BfttaTer, Gannenefiiten und Friesen , ging 
ans der Heimat tum Angriff vor. Zunlebst am Rhein stieft er auf 

Reste der aus den nördlichen Gauen vertriebenen römischen Be- 
satzungen und eine Abtheilung der römischen RheinfloUc; als er an- 
grilT, lief nicht blofs die grofsenlheils aus Batavern hesleliemlc Schiffs- 
mannschaft zu ihm über, soiuhTn aucli eine Cohorte der Tungrer — 
es war der erste Abfall einer gallischen Abllieilung; was von italischen 
Mannschaften dabei war, wurde erschlagen oder gefangen. Dieser Er- 
folg brachte endlich die rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Beth«uj|aDg 
Was sie seit langem vergeblich gehofft hatten, die Erhebung der römi- 
sehen Unterthanen auf dem andern Ufer, ging nun in Erfüllung und 
vmM die Chauker und die Priesen an der Käste wie vor allem die 
Bracterer xu beiden Seiten der oberen Ems bis hinab zur Lippe, und am 
IßttefarlielnKöfai gegenüber dieTencterer, in minderem Maftediesfldlich 
an diese «dl anschliefsenden YMkerschaften, Usiper, Mattiaker, Chatten, 
warfen sich in den Kampf. Als auf Befehl des Flaccus die beiden 
schwachen Legionen von Yetera gegen dielnsurgentenausrttckten, konnten 
ihnen diese schon mit zahlreiehem übeirheiniscbem Zuiog entgegen- 
treten; und die Schlacht endigte wie das Gefecht am Rhein, mit 
einer Niederlage tler Kömer durch den Abfall der batavischen Reiterei, 
welche zu der Garnison von Vetera gehörte, und durch die sclilcchte 
üaltung der Reiter der Ubier wie der Treverer. Die insurgirten wie ^^*|!JJJJ^ 
die zuströmenden Germanen schritten dazu das Hauptquartier des 
unteren Heeres zu umstellen und zu belagern. Während dieser Re- 
lagerung eiTeichle die Kunde der Vorgänge am Unterrhein die übrigen 
batavischen Gohorten in der Nähe von Mainz; sie machten sofort Kehrt 
gegen Norden. Statt sie zusammenhauen zu lassen, Uels der schwach- 
vAthige Oberfeldherr sie sieben und als der Legionscomroandant in 
Bonn sich Ihnen entgegenwarf, unterstfltste Flaccus diesen nicht, wie 
er es gekonnl und sogar anfllnglich zugesagt hatte. So sprengten die 



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122 



ACHTES BUCH. KAPITKL IV. 



tapferen Germanen die Bonner Legiun aiiseinaniler und gelangten 
glücklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines ileeres, in 
welchem jetzt die römischen Cohorlenfahnen neben den Thierstan- 
darlen aus den heiligen Ilainen der Germanen standen. Nocli immer 
aber hielt der Bataver wenigstens angeblich an Vespasian; er schwur 
die römischen Truppen auf dessen Namen ein und forderte die Be- 
satzung von Vetera auf sich mit ihm für diesen zu erklären, ladslis 
diese Mannschaften sahen darin, wmathUch mit Recht, nur einen 
Versuch der Oheriistung und wiesen diesen ebenso entacUossen ab wie 
die anstflnnenden Schaaran der Feinde, die bald dorch die über- 
legene rAmische Taktik sich gezwungen sahen die Belagerung in eine 
Blokade zu verwandehi. Aber da die römische Heerleitung durch diete 
Vorgänge überrascht worden war, waren die Vorräthe knapp und bal- 
diger Entsatz dringend geboten. Um diesen zu bringen, brachen 
Flaccus und Vocula mit ihrer gesammlen Mannschaft von Mainz auf, 
zogen unterwegs die beiden Legionen aus Bonna und Novaesium so 
wie die auf den erhaltenen Befehl zahlreich sich einstellenden Ililfs- 
truppen der gallischen Gaue an sich und näherten sich Vetera. Aber 
statt sofort die gesammte Macht von innen und aufsen auf die Belagerer 
zu werfen, mochte deren Überzahl noch so gewaltig sein, schlug Vo- 
cula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein unweit Krefeld), eiaea 
starken Tagemarsch entfernt von Veten, während Flaccus weiter tn- 
rückstand. Die Nichtigkeit des sogenannten FeUhenrn und die immer 
steigende Demoralisation der Truppen, vor allem das oft bis lu Milli- 
bandlungen und Mordanschligen sich steigernde Hifiitratten gegen die 
Offiziere kann allem dies Einhalten wenigstens erklSien. Also iog sicii 
das Unheil immer dichter von allen Seiten susammea. Ganz Germanien 
schien sieh an dem Krieg betheiligen tu wollen; wihrend die be- 
lagernde Armee best&ndig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen andere 
Schwärme über den in diesem trocknen Sommer ungewöhnlich nie- 
drigen Hhein theils in den Rücken der Römer in die Gaue der Ubier 
und der Trevcrer das Moselthal zu brandschatzen, theils unterhalb 
Vetera in das Gebiet der Maas und der Scheide; weitere Haufen er- 
schienen Tor Mainz und machten Miene dies zu belagern. Da kam die 
Nachricht von der Katastrophe in Italien. Auf die Kunde von der 
zweiten Schiacht bei Betriacum im Herbst des J. 69 g^ben die ger- 
maniiehen Legionen die Sache des Vitellius verloren und schwuren, 
wenn auch widerwillig, dem Vespasian; vielleicht in der Hoffnung, 



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BAS BÜMISCHE GBRMAfliEH ÜKD AIS FBUEIf GERMAIfEN. 



123 



dafs Civilis, der ja auch den Namen Vespasians auf seine Fahnen ge- 
schrieben halle, dann seinen Frieden machen werde. Aber die ger- 
manischen Schwärme, die inzwischen über ganz Nordgallien sich 
ergossen hatten, waren Dicht gekommea, um die flavische Dynastie 
einzusetien; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetit 
hätte er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und 
sprach es offen aus, was freilich l&ogst feststand, dasa die Gemasen 
KerdgalHena aich mit HAlfe der freien Laaddeute der r6niii 
Herrschaft tu entwinden gedachten. 

Aber das KriegsglQek schlug um. Cifilis Tersochte das Lager Ton Bouattjro» 
Gdduba au fibermmpeln; der UeberfiJl begann glflclüich und der Ab- 
fidl der Gehörten der Nervier brachte Vocubs UeuM Schaar in eine 
kritische Lage. Da fielen plötzlich zwei spanische Cohorten den Ger- 
manen in den Rücken; die druheinle Niederlage verwandeile sich in 
einen glänzenden Sieg; der Kern der angreifendtiu Armee blieb auf 
dem Sclilachtfeld. Vocula nickte zwar nicht sofort gegen Vetera vor, 
was er wohl gekonnt hätte, aber drang einige Tage später nach einem 
abermaligen heftigen Gefecht mit den Feinden in die belagerte Stadt. 
Freihch Lebensmittel brachte er nicht; und da der Fluss in der 
Gewalt des Feindes war, mufoten diese auf dem Landweg von Novae- 
sinm herbeigeschalTl werden, wo Flaccus lagerte. Der erste Trans- 
port kam durch; aber die inzwischen wieder gesammelten Feinde 
griffen die iweite Proviantootomie unterwegs an und n6thigten sie 
sieh nach Gdduha lu werfen. Zu ihrer Unterstfltsung gmg Vocula 
mit seinen Truppen und einem Thefl der alten Besatsung Ton Vetera 
dorthin ab. In Gelduba angehngt weigerten sich die Uannschaften 
nach Veten surAckiukehritt und die Leiden der abermals in Aussicht 
stehenden Bdagemng weiter auf sich zu nehmen; stett dessen 
inarschirten sie nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest 
der alten Garnison von Vetera einigermafsen verprovianlirt wufste, 
mufste wohl oder übel folgen. In Novaesium war inzwischen 
die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die Soldaten hatten in 
Erfahrung gebracht, dafs ein von ViteUius für sie bestimmtes Donativ 
an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen Vertheilung auf 
den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in den wüsten 
Gelagen, welche die Spende im Gefolg hatte, der alte SoldatengroU wieder 
hervor; sie plünderten das Haus des Feldberm, der die Rheinarmee an 
den General der sfriachen Legionen Temthen hatte, erschlugen ihn und 



Mcut«rei 
d«r rOml» 

»ehn 
Truppts. 



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124 



ACHTES BUCH. KAPITEL IV. 



hatten auch dem Vocula das gleiche Schicksal bereitet, wenn dieser 
nicht in Yerraummung entkommen wäre. Daraufriefen sie abermals 
den ViteHius zum Kaiser aus, nicht wissend, dafs dieser damals schon 
todt war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Theil der 
Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen einiger- 
maijsen zur Besinnung; sie Tertauschtenan ihren Standarten das Biklnilli 
des Vilellius wieder mit dem Vespasians und stellten sich unter 
Vocttlas Befehle; dieser IQhrte sie nach Blains, wo er den Rest des 
Winters 69/70 Terblieb. Gfllls besetite GeUnbt and schnitt damit 
Vetera ab, das aufii neue eng blokirt ward; die Lager von NoTaesiom 
und Donna worden noch gehalten« 
iaQtüSunf gaHlscho Land, abgesehen tob den wenigen 

Insargirten germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. 
Allerdings ging die Parteinng durch die einzelnen Gaue; unter den 
Tungrern zum Beispiel hatten die Bataver starken Anhang, und die 
schlechte Haltung der gallischen Iliilfsmannschaften während des 
ganzen Feklzugs wird wohl zum Theil durch dergleichen römerfeind- 
liche Stimmungen hervorgerufen sein. Aher auch unter den Insur- 
girten gab es eine ansehnliche römisch gesinnte Partei; ein vor- 
nehmer Bataver Claudius Labeo führte gegen seine Landsleute in 
seiner Heimath und der Nachbarschaft einen Parteigängerkrieg nicht 
ohne Erfolg und Civilis Schwestersohn Julius Briganticus fiel in einem 
dieser Gefechte an der Spitze einer römischen Ueiterschaar. Dem 
Befehl Zuzug zu senden hatten alle gallischen Gaue ohne weiteres Folge 
geleistet; die Ubier, obwohl germanischer Herkunft, waren auch in 
diesem Kriege lediglich Ihres Rfimerthums eingedenk und sie wie die 
Trercrer hatten den In Ihr Gehiet einbrechenden Germanen tapferen 
und erfolgreichen Widerstand geleistet Es war das begrelfficb. Die 
Dinge lagen in Gallien noch so wie in den Zelten Caesars und Ariovists; 
eine Befireiung der gallischen Heimath von der rtanschen Herrschaft 
durch diejenigen Sebwirme, welche, um dem Civilis landamannschaft- 
lichen Beistand zu leisten, ehen damals das Mosel-, Maas- und 
Scheidethai ausrauhten, war ehenso sehr eine Auslieferung des Landes 
an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer Fehde 
zwischen zwei römischen Truppencoi-ps zu einem römisch-germani- 
schen sich entwickelt hatte, waren die Gallier eigentlich nichts als der 
Einsatz und die Beute. Dafs die Stimmung der Gallier, trotz aller wohl- 
begründeten allgemeinen und besonderen Beschwerden über das römi- 



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DAS RÖMISCHE UEHIUMIE!« V:iD DIE rBBIK« GKUfARBN. i25 

sehe Regunent, fiben\ iegend antigermaniBcii war und fftr jene aufOtm- 
mende and rOcknchtslose nationale Erhebung« wie de vor Zdten wohl 

durch das Volk gegangen nar, in diesem inzwischen halb romanisirlen 
Gallien der ZündslofT fehlte, hatten die hislu rigen Vorgänge auf das 
Deutlichste gezeigt. Aber unter den Ijeständigen Mifserfolgen der römi- 
schen Armee wuchs allmrdilich den römerfeindlirhen Galliern der Mulh 
und ihr Abfall vollendete die Kataslroi)he. Zwei vornehme Trevercr, 
Julius Classicus, der Befehlshaber der treverisclien Reiterei, und Julius 
Tutor, der Gommandant der liferbesalzuogen am Millelrhein, der 
Lingone Julius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens sich l>erähJDte, 
emes Bastards Gaesars, und einige andere gleichgesinnte Männer auf 
Ycnehiedenen Gauen glaubten in der fahrigen keltischen Weise zu 
erkennen, da6 der Untergang Roma in den Siemen gBaobrieben und 
dordb den Brand des Capilols (Dec. 69) der Welt verkOndigt so. So dm 
beselüosaen sie die Rftmerherrscbafl au beseitigen und ein gallisches lulä,* 
Rckb in errichtan. Daiu gingen sie den Weg des Arminias. Vocula 
lieb aieh wirididi durch gefUschle Rapporte dieser römischen OfBsiere 
besUmmen mit den nnter ihrem Commando stehenden Contingenten 
und einem Theil der Mainzer Besatzung im Frühjahre 70 nach dem 
L'nterrhein aufzubrechen, um mit diesen Truppen und den Legionen 
von Bonna und Novaesium das hart bedrängte Vetera zu entsetzen. 
Auf dem Marsch von Novaesium nach Vetera verliefsen Classicus und 
die mit ihm einverstandenen Offiziere das römische Heer und procla- 
mirlen das neue gallische Ueich. Vocula führte die Legionen zurück 
naeb Novaesium; unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. 
Velq|Ba||ionnte sich nicht mehr lange hallen; die Römer mussten er- 
warten nach dessen Fall die gasammle Macht des Feindes sich gegen- 
über zu finden. Dies vor Augen Tersagten die römischen Truppen capituution 
ond capiUilirten mit den abgefallenen Offisieren. VergeUich Teraiichte ^" 
Vocula noch einmal die Bande der Zucht und der Ehre anmiiehen; 
die Legionen Roms Heben es geschehen, dalk ein römischer l3eberUiufer 
Ton der ersten Legion auf Befehl dea Oassicus den tapferen Feldherm 
niedefstieOi und lieferten selbst die fibrigen Oberoflliiere gefesselt an 
den yertretcr des Reiches Gallien aus, der dann die Soldaten auf dieses 
Reich in Eid und Pflicht nahm. Denselben Schwur leistete in die 
Hände der eidbrüchigen Offiziere die Besatzung von Vetera, die, durch 
Hunger bezwungen, sofort sich ergab und ebenso die Besatzung von 
Mainz, wo nur wenige Einzelne der Schande sich durch Flucht oder 



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126 



ACUTES BUCH. KAPITEL IV. 



Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die erste Armee des 
Reiches, halte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien capitulirt. 
Baito im Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das gallische 

^jJJJJj" Reich verlief wie es mufsle. Civilis und seine Germanen liefsen es 
zunfichst sich wohl gefallen, dafs der Zwist im römischen Lager ihnen 
die eine wie die andere Hälfte der Feinde in die Hände lieferte, aber 
er dachte nicht daran jenes Reich anzaerkeiiDen, und noch wenii^er 
Beine rechtsrheinischen Genossen. 

Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wo- 
bei allerdings der schon bei dem Anflitand des Vindei hervorgetretene 
Rib twischen den tetlichen Distrieten und dem fihrigen Lande mit ins 
Gewicht fiel Die Treverer nnd die Lingonen, deren leitende Bttnaer 
jene Lagerversdiw6ning angesettelt hatten, standen su ihren FOhrem, 
aber sie blieben so gut wie allein, nnr die Yangionen und IViboker 
schlössen sieh an. IMe Sequaner, In deren Gebiet die bena^liartai 
Lingonen einrückten, um sie zum Reitritt za bestimmen, schlugen die- 
selben kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der 
führende Gau in der Belgica riefen den Landtag der drei Gallien ein 
und obwohl es an polilischen Freiheitsrednern auf demselben nicht 
mangelte, so beschlofs derselbe lediglich die Treverer von der Auf- 
lehnung abzumahnen. — Wie die Verfassung des neuen Reiches aus- 
gefallen sein würde, wenn es zu Stande gekommen wäre, ist schwer 
zu sagen; wir eriabren nur, dab jener Sabinus, der Urenkel der 
Ketise Caesars, sich auch Caesar nannte und in dieser JSigensdiafl sich 
▼on den Sequanern schlagen liels, Classicus dagegen, dem solche As- 
oendens nicht in Gebote stand, die Abseiehen der römischen Hagi- 
stratur anlegte, also woU den repoblicanischen Procoosul pielte.s 
Dasn pa&t eine Mflnae, die Ton Classicus oder seinen Anhingern 
geschlagen sein mulb, welche den Kopf der Gallia setgt, wie die M flnsen 
der römischen RepuUÜL den der Roma, und daneben das Legions- 
symbol mit der recht Terwegenen Umschrift der 'Treue' (/Slet). — Zn- 
nSchst am Rhein freilich hatten die Reicbsmtaner in Gemeinschaft 
mit den insurgirten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Le- 
gionen, die in Vetera capitulirt hatten, wurden gegen die Capitulation 
und gegen Civilis Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und 
Ronna nach Trier geschickt, die sämmtlichen römischen Rheinlager, 
grofse und kleine, mit Ausnahme von Mogontiacum niedergebrannt. 
In der schlimmsten Lage fanden sich die Agrippinenser. Die Aeichs- 



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DAS BÜMISCHE GEftMAI^lIO UM> DIB FAEIEN GERILOBM. 127 

mlnner hatten sich allerdings darauf beschränkt von ihnen den Treu- 
eid zu fordern; aber ihnen vergafsen es die Germanen nicht, dafs sie 
eigeuilich die Lbier waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten 
Rheinufer — es war dies einer der Stämme, deren alle Heimatli die 
Römer &de gelegt hatten und als Viehtrift benutzten und die in Folge 
dessen sich andere Wohnsitze halten suchen müssen — forderte die 
Schleifung dieses Uauptsitzes der germanischen Apostaten ond die 
Hinrichtung aller ihrer Bürger rOmiscber Herkunft. Dies wSre auch 
wohl beschlossen worden, wenn meht sowohl GtOIs, der ihnen persAn- 
Kdi Terpflichtel war, wie auch die germanische Prophetin, Yeleda im 
Bructerergao, wekhe diesen Sieg vorher gesagt hatte und deren Auto- 
ritit das gaste Insurgentenheer anerkannte, ihr FArwort eingelegt 
hitten. 

Lange Zelt blieb den Siegeni nicht über die Beute zu streiten i» Römer. 
Die Reichsmänner versicherten allerdings, dafs der Bürgerkrieg in 
Italien ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde überzogen und Vespa- 
fiianus wahrscheinlich todt sei; aber der scliwere Arm Roms wurde 
bald genug empfunden. Das neu befestit^te Regiment konnte die bes- 
ten Feldherren und zahlreiche Legionen an den Rhein entsenden, 
und es bedurfte allerdings hier einer imposanten Machtentwickelung. 
Annius Gallus übernahm das Commando in der oberen, Petilliiis 
Gerialis in der imteren Provinz, der letztere, ein ungestümer und oft 
unvorsichtiger, aber tapferer und l&biger Ofßzier, die eigentliche 
AetiMi. Ander der 11. Legion Ton Vindonlssa kamen f&nf aus 
ItalieD, drei ans Spanien, eine nebst der Flotte ans Britannien, daiu ein 
weiteres Corps von der raetischen Besatsong. Dieses und die 21. Le- 
gion trafen zuerst ein. IKe ReichsmSnner hatten wohl davon goredet 
die Alpenpisse za sperren; aber geschehen war nichts und das ganze 
oberrheinische Land bis nach Mainz lag offen da. Die beiden Mainzer 
Legionen hatten zwar dem gallischen Reich geschworen und leisteten 
anfänglich Widerstand ; aber so wie sie erkannten, dafs eine gröfscre 
römische Armee ihnen gegenüberstand, kehrten sie zum Gehorsam 
zurück und ihrem Beispiel folgten sofort die Vangionen und die Tri- 
boker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne Schwertstreich, 
blofe gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 walfenfähige 
Männer'). Fast bitten die Treverer selbst das Gleiche getban; doch 



<) FfMda strat. 4, 9, 14. Ib ibroi MIet nfisMe die «lariittkMdM 



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128 



ACHTES BOCB. KAPITEL IT 



wurden sie daran durch den Adel ferhindert Die beiden von der 
niederrheinischen Armee übriggebliebenen Legionen, die hier standen, 
hatten auf die erste Kunde von dem Annahen der Römer die gallischen 
Insignien Ton ihren Feldzeichen gerissen und r&ckten ab zu den treu- 
gebliebenen Mediomatrikem (Metz), wo sie sich der Gnade des neueo 
Feldherm unterwarfen. Ab Gerialis bei dem Heer eintraf, fand er 
schon ein gtites Stück der Arbeit gethan. Die Insurgentenfuhrer 
freilich boten das Aeulsersle auf — damals sind auf ihr Gebeifs 
die bei Novaesium ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden 
— aber mililärisrh waren sie ohnmächtig und ihr letzter politischer 
Schachzug dem l üm Ischen Feldherrn selber die Herrschaft des gallischen 
Reiches anzutragen des Anfangs würdig. Nach kurzem Gefecht be- 
setzte Gerialis die Ilaupstadt der Treverer, nachdem die Führer und 
der ganze Rath zu den Germanen geflüchtet waren; das war das Ende 
Ctfiiis UM» des gallischen Reiches. — Ernster war der Kampf mit den Germanen. 

Civilis überfiel mit seiner gesammten Streitmacht, den Batavern, dem 
Zuzug der Germanen und den landflüchtigen Schaaren der gallischen 
Insurgenten die viel schwichere römische Armee in Trier selbst; schon 
war das römische Lager in seiner Gewalt und die Hoselbrücke Ton ihm 
besetst, als seme Leute, statt den gewonnenen Sieg su Yerfolgen, vor- 
zeitig zu plündern begannen und Gerialis, seine Unvorsichtigkeit durch 
glänzende Tapferkeit wieder gut machend, den Kampf wiederiierstellte 
und schlteblich die Germanen aus dem Lager und der Stadt hinans- 
schlug. Es gelang nichts mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser 
schlugen sicli sofort wieder zu den Römern und brachten die bei 
ihnen weilenden Germanen in den Häusern um; eine ganze dort 
lagernde germanische Cohorte wurde eingesperrt und in ihrem 
Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den Germanen 
hielt, brachte die aus Rritannicn eintreffende Legion zum Gehor- 
sam zurück ; ein Sieg der Cannenefaten über die römischen Schiffe, 
die die Legion gelandet hatten, andere einzelne Erfolge der tapfe- 
ren germanischen Uaafen und vor allem der zahlreicheren und bes- 
ser geführten germanischen Schiffe änderten die allgemeine Kriegs- 
lage nicht Auf den Rumen von Veten bot Civilis dem Feind die 

Truppen eine Rpservestellan^ und rio Depot angelegt haben; oach karzlicb 
bei Mirabeau-sur-Be7e, 22 Kiloin. nordöstlich von Dijon gefundenen Ziegeln 
haben Mannschaften von i^enigsteos fünf der eiurückeniiea Legionen hier Saa- 
ten aasgeführt (Hermes 19, 437). 



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DAS BöimciiB «muiniR miD im muii aBBMAHm. 



129 



Stirn ; aber dem inzwischen verdoppelten römischen Heere mufste er 
woieben, dann endlich auch die eigene Heimath nach Terzweifeller 
Gegen w ehr dem Feind i be ri asaen. Wie immer eteille im Gefolge dea 
Unglfleka die Zwietncht rieh ein; Civilia war leiner eigenen Leute 
nidit mehr aicher nnd sndite und ftnd SchnU for ihnen bei den 
Feinden. Im Spitherbit dea J. 70 war der ungleiche Kampf ent- 
achieden; die Amilien capilnlirten nun ihrerseita for den Bftrgerlegio- 
neo und die Prieelerhi Telcda kam ab Gefiingene nach Rom. 

Blicken wir zurück auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und 
einen der enlsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine 
gleich schwere Aufgabe gestellt worden wie den beiden römischen 
Rheinheeren in den Jahren 69 und 70. Im Laufe weniger Monate 
Soldaten Neros, dann des Senats, dann Galbas, dann des Vilellius, dann 
Vespasians; die einzige Stütze der Herrschaft Italiens über die zwei 
mächtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die Soldaten 
der Auxüien laat gun, die der Legionen grofsentheils aus eben diesen 
Nationen genommen; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne 
Lfthnnng nnd oft hungernd und tber alle Mafimn elend geüälirt» iat 
ihnen aflerduiga innerlich wieinfteriichDebermenachliclMasugemuthet 
wofden. Sie haben die schwere Probe übel beatanden. Es ist dieser 
Krieg wenigar einer gewesen xwischen iwei Armeecorpa, wie die 
anderen Bürgerkriege dieser entsetiUchen Zeit, als ein Krieg der Sol- 
daten und for aDem der OlBaiere iweiter Klasse gegen die der ersten, 
f eiiiunden mit einer gefShrlicben Insurrection und Invasion der Ger- 
manen und einer beiläufigen und unbedeutenden Auflehnung einiger 
keltischer Districte. In der römischen Militargeschichle sind Cannae 
und Karrhae und der Teutoburger Wald Ruhmesblätter verglichen 
mit der Doppelschniach von Novaesium; nur wenige einzelne Männer, 
keine einzige Truppe hat in der allgemeinen Verunehrung sich reinen 
Schild bewahrt Die grauenhafte Zerrüttung des Staats- und vor 
allem des Heerwesena, welche bei dem Untergang der julisch-clau- 
dischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint deutlicher noch als in der 
Ahnrlosen Schlacht von Betriacum in diesen Vorgängen am Rheine 
llMi6 gleichen die Geschichte Roms nie vorher und nie nachher aufweist. 
:)* t.,J|p|Jiaaa OmlSuig und der Allgemeinheit dieser Frevel war em Folgen d«. 
M^aadtelüt Strafgericht immüglich. Es Tordient Anerkennung, uli^ 
dafr der neue Herrscher, der glücklicher Weise persönlich all diesen 
Vergangen fem geblieben war, in echt staatsmännischer Weise das 



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130 



AOm» BDGB. lAPITBL It. 



Vergangene vergangen sein liefs und nur bemüht war der Wieder- 
holung ähnlicher AufUritte vorzubeugen. Dafs die hervurragenden 
Schuldigen sowohl aus den Reihen der Truppen wie ans den Insur- 
genten für ihre Verbrechen nur Rechenschaft gezogen wurden, ver- 
steht eich von selbst; man mag das Strafgericht dann messen, dais, 
als fOnf Jahre spiter euier der gplUschen InsorgentenRIhrer in einefli 
Versteck aufgefimdai wurde, in dem seine Gattin ihn bis dabin Ter- 
borgen gehalten hatte, Vespasian ihn wie sie dem Henimr abergah. 
Aber man gestattete den abtrOnnigen Legionen mit gegen die Deot- 
schen su Umpfen und in den heiften Schlachten bei Wer ond bei 
Vetora ihre Schuld einigermailien su sOhnen. Allerdings wurden niefals 
desto weniger die vier Legionen des unterrheinischen Heeres alle 
und von den beiden belheiligten oberrheinischen die eine cassirl — 
gern möchte man glauben, dafs die 22. verschont ward in ehrender 
Erinnerung an iliren tapferen I>egaten. Auch von den batavischen 
Cohorten ist wahrscheinlich eine beträchtliche Anzahl von dem gleichen 
Schicksal betroffen worden, nicht minder, wie es scheint, das Reiter- 
regiment der Treverer und vielleicht noch manche andere beson- 
ders hervorgetretene Truppe. Noch viel weniger als gegen die ab- 
trünnigen Soldaten konnte gegen die insurgirten keltischen und 
germanischen Gaue mit der vollen Schärfe des Gesetzes eingeschritten 
werden; dals die römischen Legionen die Schleifung der tvefo> 
riechen Augustuscolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondeni 
der Rache wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die tod den 
Germanen begehrte Zerstörung der Ubierstadt; alier wie Gvilis diese, 
so sdifltste jeiie Vespasian. Selbst den Imksrhemischen Germanen 
wurde ihre bisherige Stellung un Garnen gelassen. Wabrscheinlicfa aber 
trat — wir sind hier ohne sichere Ueberiieferung — in der Aus- 
bebung und der Verwendung der Auxilien eine wesentliehe Aenderung 
ein, welche die in dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den 
Batavern blieb die Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes 
Dienstverbältnifs; hatte doch ein nicht ganz geringer Theil derselben 
die Sache der Römer mit den Waffen verfochten. Aber die batavischen 
Truppen wurden betrachtlich verringert, und wenn ihnen bisher, wie 
es scheint von Rechtswegen, die Ofliziere aus dem eigenen Adel gesetzt 
worden waren, und auch gegenüber den sonstigen germanischen und 
keltischen das Gleiche wenigstens häutig geschehen war, so werden 
die Offiziere der Alen und Cohorten späterhin fiberwiegend aus dem 



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DAS HÜMISCHE GERMiimKN CKD DIE FREIEN GERMANEN. 131 

Stande genommen, dem Yespenan adber entstammte, ans dem gaten 

städtischen Mittelstand Italiens und der italisch geordneten Provinzial- 
Städte. Offiziere von der Stelluiig des Cheruskers Arminius, des 
Batavers Civilis, desTrevcrers Classicus begegnen seitdem nicht wieder. 
Die bisherige Geschlossenheit der aus dem gleichen Gau ausgehobenen 
Truppen findet sich später ebensowenig, sondern die Leute dienen 
ohne Unterschied ilirer Herkunft in den verschiedensten Abtheilungen; 
es ist das wahrscheinlich eine Lehre, welche die römische Militär- 
Terwaltung sich aus diesem Kriege gesogen hat Eine andere durch 
diesen Krieg gewiesene Aendening wird es sein, dafs, wenn bis dahin 
die in Germanien verwendeten Auxilien der Mehrsshl nadi aus den 
germanischep und den benaohbarlen Ganen genommen waren, seitdem 
eben wie die dafanatischen und pannoniseben in Folge des batonischen 
Krieges, fortan auch die germaniscfaen Anxüiartruppen flberwiegend 
anfterbalb ihrer Heimalh Verwendung fanden. Vespasian war ein 
einsiclitiger und erfiihrener Iditlr; es ist wahrscheinlieh tum guten 
TheO sein Verdienst, wenn von Auflehnung derAoiilien gegen ihre 
Legionen kein späteres Beispiel begegnet 

DaTii die eben berichtete Insurrection der hnksrheinischen Ger- spuers 
manen, obwohl sie, infolge der zufälligen Vollständigkeit der darüber ^If JlÜ^ 
erhaltenen Berichte, allein uns einen deutlichen Einblick in die poli- 

• am Unter» 

tischen und militäriscben Verhältnisse am Unterrhein und Galliens 
überhaupt gewährt und darum auch eine ausführliche Erzählung ver- 
diente, dennoch mehr durch äufsere und zuHillige Ursachen als durch 
die innere Nothweudigkeit der Dinge hervorgerufen wurden, beweist 
die nun folgende anscheinend vollständige Ruhe daselbst und der, 
so viel wir sehen, ununterbrochene Statusquo eben in dieser Gegend. 
Die römiseben Germanen sind in dem Reiche nicht minder ToUstindig 
aufgegangen als die fOmisehen Gallier; Ton InsurrectionsTersuchen 
jener ist nie wieder die Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhun- 
derts wird TOD den Ober den Unterrhein in Gallien einbrechenden 
Franken audi des batarisehe Gebiet mit erlallit; doch haben sich die 
Betsfer in ihren alten, warn auch geschmälerten Sitien und ebenso 
die Friesen selbst während der Wirren der Völkerwanderung behauptet 
und so viel wir wissen auch dem bautälligeu Reichsganzen die Treue 
bewahrt 

Wenden wir uns von den römischen zu den freien Germanen öst- SraSJS 
lieb vom Rhein, so ist für diese mit ihrer Belheiligung an jener bata- ""^jJ^bT^ 

9* 



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- - I 



132 



ACHTBS BÜCH. KAPITEL IV. 



visclieii Insnncclioii das offennf« Vorgehen nicht minder ▼oihei wie 

mit den Expeditionen des Germanicus die Versuche der Römer zu 
Ende sind eine Grenzveränilerung im grofsen Slil in diesen Gebieten 

herbeizuführen. 

BkMiorcr. Unter den freien Germanen sind die dem römischen Gebiet nächst- 
wohnenden die Bruclerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in 
dem Quellgebiet der Ems und der Lippe, weshalb sie auch vor allen 
übrigen Germanen sich an der balaviscben Insurrection betheiligteii. 
Aus ihrem Gau war das Mädchen Veleda, die ihre Landsleute in deu 
iürieg gegen Rom entsandte und ihnen den Sieg verhiels, deren Aue- 
Spruch über das Schicksal der Ubierstadt entschied, zu deren hohem 
Thurm die geflittgenen Senatoren und das erbeutete Admiraischiff der 
Rheinflotle gesendet wurden. Die Niederwerfüng der Bataver traf auch 
sie, vielleicht noch ein besonderer GegenscUag der RAmer, da jene 
Jongfrau späterhin gefongen nach Rom gefOhrt ward. Diese Kata- 
strophe so wie Fehden mit den benachbarlen Völkern brachen ihre 
Macht; unter Nero ist ihnen ein König, den sie nicht woUleo, von 
ihren Nachbaren unter passiver Assütenx des römischen Legalen mit 
den Waffen aufgezwungen worden. 

Chemiker. t^»« Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Auguslus und Tiberius 
Zeit der führende Gnu in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode 
selten genannt, immer aber als in guten Beziehungen zu den Römern 
stehend. Als der Bürgerkrieg, der bei iiinen auch nach Arrainius 
Fall weiter gewüthet haben mufs, ihr ganzes Fürstengeschlecht hin- 
gerafft, erbaten sie sich den letzten des Hauses, den in Italien lebenden 
Brudersohn Armins Italiens, von der römischen Regierung zum Herr- 
scher; freilich entzündete die Heimkehr des tapferen, aber mehr seinem 
Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde aber- 
mals und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die 
Langobarden auf den wankenden Herrschersiti. fäner seiner Nach- 
folger, der König Chariomerus, ergriff in dem Ghattenkrieg Doanitiaos 
so emstlich dir die ROmer Partei, daft er nach dessen Beendigiug, 
von den Chatten vertrieben, zu den ROmem flflchtete und deren Inter- 
vention flreiÜch vergebens anrief. Durch diese ewigen inneren und 

mmmt. iulberen Fehden ward das Cheruskervolk so geschwicht, daili es seit- 
dem aus der activen Politik verschwindet. Der Name der Marser wird 
seit den Zügen des Germanicus überhaupt nicht mehr gefunden. Dafs 
die weiter östlich an der Eibe wohnenden Völkerschaften wie alle 



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DAS RftintcBB «miAiiiiii mo DIB rarai gimianbiv. 



133 



mtknUm Germanen in den Kimpffin der Battfer und ihrer Genosten 
in den J. 69 und 70 sich so wenig betheiligt haben wie diese an den 

germaniscben Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der Aas- 
führlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie später- 
bin einmal begegnen, erscheinen sie nie in teindhcher Hallung gegen lmco< 
die Römer. Dar« die Langobarden den römischen Cheruskerkönig 
nieder einsetzten, wurde schon erwähnt. Der König der Seninonen 8— noM». 
Masuus, und merkwürdiger Weise mit ihm die Prophetin Ganna, 
Vielehe bei diesem wegen besonderer Gläubigkeit berühmten Stamme 
in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom 
und wurden an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den 
Gegenden Ton der Weser bis zur Eibe io diesen Jahrhunderten manche 
Fehde getobt, manche Machtstellung sich Terschoben, mancher Gau den 
Mamen gewechselt oder sieh anderer Verbindung eingefügt haben; 
den Römern gegenOher trat, nachdem der feste Venicht derselben auf 
Untcrwerfting dieser Landschaft allgemein empfünden ward, ein 
dauernd« Grenzfiriede ehi. Auch Invaaionen aus dem fernen Osten 
können denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestftrt haben; 
denn der Rflckschlag davon auf die rtaische Grenswacht hfttte nicht 
ausbleiben können und von ernsteren Krisen auf diesem Gebiet 
Wörde die Knnde nicht fehlen. Zu allem diesem giebt das Siegel die 
Reduction der niederrlieiniscben Armee auf die Hälfte des früheren 
Bestandes, welche wir wissen nicht genau wann, aber in dieser Epoche 
eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu 
kämpfen hatte, zählte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermuth- 
lich die gleiche Zahl, mindestens drei*); wahrscheinlich schon unter 
Hadrian, gewifs unter Marcus standen daselbst nicht mehr als zwei, 
die 1. minervische und die 30. Traians. 



Uator itm Legaten Q. Aeitlat Nervt, welcker wakrseheialieh der 

CoDsal des J. 100 ist, ilso oach diesem Jahre UotergemtoieB verwtlttl^ 
fUodeo Dach loschrifteo von Brohl (Brambach 660. 662. 679. 680) io dieaer Pf»- 
vinr vier Le^iooen, die I Minervia, M victrix, X geroina, XXII priroigeDla 
Da jede dieser Inschriften nur zwei oder drei neaat, so kann die Besatzuaf 
damals oor aus drei Legiooeo bestaadea haben, wenn während Acutius Statt- 
haltenehaH tfa I Miacrvla für eie aUenwohiD «bgcfobeoe XXtl primigeuia 
•btrat. Ahn M wdttB wAnAMUkw ift et, 4a Müm IMMhiraaffMi la 
«• SidaMeke toi BreU aleht iuar aUa LagiMiaa tottoillgl waraa, dab 
jaae viar Lagiosaa flaidisaitif in UaterganDanian garniaoBirtan. Diana Tiar 



134 



ACHTB8 BUCH. lAPRIL lY. 



ob«r- In anderer Weise entwickelten sich die germanisclMii VerbältBiifle 

ccxmuura. ^ obereil Profinx. Von den linlurheinieclien Germanen, die dieser 
angehörten, den Tribokem, Nemetem, Yangtonen, ist geschichtlich 
nichts henrorsnheben als dalb sie, seit langem unter den Kelten ansissig, 
die Schiciusle Galliens theilten. Die hauptsichliche VerlheidiguDgslinie 
der Römer ist auch hier der Rhein immer geblieben. Alle Standlager der 
Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken Rheinufer ; nicht 
einmal das von Argentoratuin ist auf das rechte verlegt worden, als 
das ganze Neckargebiet römisch war. Aber wenn in der unteren 
Provinz die röniisclie Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe 
der Zeil beschränkt wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. Die 
von Augustus beabsichtigte Verknöpfung der Rheinlager mit denen an 
der Donau durch Vorschiebung der Reichsgrenze in osllicher Richtung^ 
welche, wenn sie zur Ausführung gekommen wäre, mehr Ober- als 
Untergermanien erweitert haben würde, ist in diesem Commando 
wohl niemals vöUig aufgegeben und spftterhin, wenn auch in besehet- 
denmm Malitstabe, wieder aufgenommen worden. Die Ueberlieferung 
gestattet uns nicht die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fort- 
geführten Operstionen. die daiu gehörigen Stralimi- und Wallbauten, 
die deshalb gefOhrten Kriege m ihrem Zusammenhang danukgen; und 
auch der noch Torhandene grobe Hüitärbau, dessen gleichfalls Jahr- 
hunderle umfassende Enlstehung einen guten Theil jener Geschichte in 
sich schlieCiwn mulli, ist bisher nicht so, wie es wohl geschehen könnte, 
von militärisch geschSrften Augen in seiner Gesammtheit untersucht 
worden — die Hoffnung, dafs das geeinigte Deutschland ^icli auch zu 
der Erforschung dieses seines ältesten geschichtlichen Gesammt- 
denkmals vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den 
Trümmern der römischen Annalen oder der römischen Castelle darüber 
an's Licht gekommen ist, soll hier versucht werden zusammenzufassen. 
]fog«Bti«p Auf dem rechten Ufer legt sich nicht weit von dem nördlichen 
£nde der Provinz dem ebenen oder hügeligen niederrheinischen Land 
in westöstlicher Richtung die Taunuskette Yor, die gegenüber Bingen 
auf den Rhein stöliit. Diesem Rergsug parallel, auf der anderen 



Legionen sind wahrscheinlieh eben die, welche bei der Reorganiaation der ger- 
MoItckM Hmn durch Vfltpatlaa stdi Uatergenuiiaa koBen (8. 145 A* 1), «w 
dab die 1. Mlienri« yob Domitian m die Stelle der wahneheialieb ve« Ihm 
•■ff elSatea 21. gesettt ist. 



Üiyilizuü by CjüOgle 



DAS RÖMISC8E GEBMAKIEN U»D DIE FREIEN GERMANEN. 135 

Seite abgeschlossen durch die Aasliufer des Odenwaldes, entreekt 
sich die Ebene des unteren Mainthaies, der rechte Zugang zum 
inneren Deutschland, beherrscht von der Schlüsselstellung an der 
Mündung des Mains in den Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit 
Drusus Zeit bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Römer 
aus Gallien gegen Germanien ^) wie heutzutage dem rechten Riegel 
Deutschlands gegen Frankreich. Hier behielten die Römer, auch 
nachdem sie auf die Herrschaft im überrheinischen Land im All-> 
gemeinen verzichtet hatten, nicht blofs den Brückenkopf am anderen 
Ufer, das castellum Mogontiacmse (Gaste!) , sondern jene Mainebene 
selbst in ihrem Besili; nnd in diätem Gebiet dnrfte auch die römische 
Gfilisation eicb festsetien. £■ war diee unprflngUch ehittiacbea ¥iniiir» 
Land nnd ein ebattiicher Stamm, die Ifattiaker sind auch unter 
römlaclier flemehaft hier anaiiaig gebUebeo; aber nachdem die 
Chatten diesen Distriet an Dmsus hatten abtreten mflssen, ist denelbe 
ein Theil des Reiches geblieben. Dm warmen Qoellen in der nichsten 
NIbe fon Mains (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in 
▼espasiatts Zeit nnd sicher schon lange Torfaer ton den Rftmem be- 
nutzt; unter Claudios wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker 
haben schon früh wie andere Unterthanendistricte Truppen zur Armee 
gestellt. An der allgemeinen Auflehnung der Germanen unter Givihs 
nahmen sie Aiitheil; aber nach der Besiegung stellten die früheren 
Verhältnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts 
finden wir die Gemeinde der taunensischen Ifattiaker unter römisch 
geordneten Behörden 

Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedrängt, erscheinen Okama, 
in der folgenden Zeit als der mächtigste Stamm unter denen des ger- 
manischen Binnenlandes , die mit den ROmem in Besiehuig kamen; 

>) Mach ZaBgemeitters (WMtdentMbe ZaitMhrift 3, S07 ff.) MUMiBat- 
siivwgM statt es fast, dtb alaa MililirstraCia an llnkaa Bkalaafer vaa 
llalBs Ua aa die Graasa dar abatgamaatiataa Pravias aahaa aatar Qaadias 
aagalegt ward. 

*) Der volle Nane e{mtas) M{aUmeonim) Ta[unentium] erseheiot auf der 
iDschrift von Gaste! Brambach 1330; als civitas Mattiacorum oder ch'üa* Tau- 
nensium kommt sie Üfter vor, mit Daoviro, Aedilea, Decuricueo, Sacerdotaleo, 
Seviro; eigeothiimlich uod für die Greoutadt bexeicboeod sind die wabr- 
Mkeiolich al« Municipalmiliz za (afiendea hatUftri «Mtatü Mattiaoorum (Bram- 
ktäh 1336). Das Sltasta datirta Daaaaaat diasar Ganaiada ist rwm h 198 
(Bmbaah 966). 



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136 



Acnn wem, iamtbl nr. 



die Fflhning, die unter Aogastue imd Tiberins die Chernsker an der 
mittleren Weser gebebt betten, ging in der stetigen Febde mit dieseo 
Sbren stemmferwandten sttdlicben Nacbbem auf die letaleren Uber. 
Alle Kriege zwiscben Rftmem und Germanen, von denen wir ans der 
Zeit nacb Arminias Tod bis auf die beginnende VAlkerferscbiebvng am 
Ende des 3. Jahrhunderts Kunde habend sind gegen die Chatten geführt 
worden; so im J. 41 unter Claudius durch den späteren Kaiser Galba, im 
J. 50 unter demselben Kaiser diircli den als Dichter gefeierten Publius 
Pomponius Secundus. Dies warm die üblichen Grenzeinfälle, und an 
dem grofsen bataviscben Kriege waren die Chatten zwar auch, aber 
nur nebenbei betiieiligt (S. 121). Aber in dem Feklzug, den der 
Kaiser Domitianus im J. 83 unternalmi, waren die Römer die 
Angreilenden und dieser Krieg führte zwar nicht zu glänzenden 
Siegen, aber wob) zu einer bedeutenden und folgenreichen Ver- 
schiebung der römischen Grenze^). Damals wird die Grenzlinie 
so, wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet und in dieselbe, welche 
in ibrem nArdlichstei^ Stflck sieb nicht weit vom Rhein entfernte, hier 
ein grofinr Tbeil des Taunus und das Mamgebiet bis oberhalb Friedberg 
binemgeiogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer sehen b&- 
ricbteten Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Yespasiana 
in der Nibe tou Maim auftreten und flstlieb fon den Hattiakem an der 
Kinsig oder im Fuldischen neue Sitae gefunden beben mögen, sumI 

*) Di« Jtoridite ober diesen Krieg «faid verlerea geKaegee; Zelt and Ort 

lassen sich bestimmen. Da die Münzen den Denitian den Titel GermametiM 
seit dem Anfang des J. 84 geben (EcUiel 6, 97S. 397), so fallt der Feldzag 
in das J. 83. Dazu stimmt die in eben diese.s Jahr fallende Aushebaog der 
TIsiper uud ihr verzweifelter Flnchtversuch (Tscitus Apr. 2S; vgl. Martialis 
ti, tiO). Es war ein Angriffskrieg (Suetoo Dom. ü: cxpeditio sponte stTscepla; 
Zenarat 11, 19: Xtnl»fnoos t^vä röy niQuv *Piyov tmtf iranovdtov). Die 
Verlegnng der Poatenliaie fceteogt Prentlam, der den Krieg nitgeMeht hat, 
atrat. 2, 11, 7: eum fbtibu* CMorvm (Name nnMcannt nnd wekl verderben) 
eastella poneret und 1, 3, 10: limitibuM per CXX m.p. actis, was hier ntt 
den militärischen Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher 
auch von dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die längst in 
rb'mischer Gewalt stehenden of(ri dccnmates bezogen werden darf. Auch ist 
das Mafs von 177 Kilometern wohl denkbar für die Militärlioie, die Domiiiao 
an Tkanna aogelegt bat (oaei Gobanieaf AoaeUnogeo r9ni. Greaswall S. 8 
alellt aich der apitere LinMa vea RlMln na den Tannna heraai Ua wtm Main 
anf 2371 Kil.), aber Tie! an kleln^ na anf die VerbindnHdinie ven da Ua 
Regenabnrg besagen werden so kSnnen. 



137 



danuüs lam Mdm genfen worden, vimI ingliieh mit ihneo eine An- 
aU kkinerer von den Chatten abgequengter Völkerschaften. Ab dann 
in J. 88 unter dem Statthalter Uidna Antonius Satuminas das oher- 
germanisdM Heer gegen Domitian sieh erhob, hätte fest der Krieg sieh 
cmenert; die abgeftUenen Truppen machten geraeinachaftliehe Sache 
mit den Chatten ^) und nur die Unterbrechung der Commonicationen, 
indem das Eis auf dem Rhein aufging , machte den treu gebliebenen 
Regimentern möglich mit den abgefallenen fertig zu werden, bevor 
der gelälirliche Zuzug eintraf. Es wird hericlitel, da fs die römische 
Ilerrschafl von Mainz landeinwärts 80 Leugen weil, also noch über 
Fulda hinaus, sich erstreckt hat') ; und diese Nachriehl erscheint glaub- 
würdig, wenn dabei in Betracht gezogen wird, dafs die müilarische 



*) Die Germaueo (Saetoo Dom. G) ktinneD nur die Chatten und deren 
frühere Verbündete sein, vielleicht zunächst eben die Usiper und ihre Schicksals- 
geoossen. Ausgebrochen i«t der Aufstand in Mainz, das allein ein Doppel- 
laftr xweiar L^ioaM war. Sataroiavf wvrda w Raeti«D mi angegriiTM 
And üe Trappea des L. Appiat MaxlBat Norbtooi. Deoo Mdari kaia 4m 
BpigraBM MaitUla 11^ 84 vai m waaigw gthht wardM, ala •«!■ Baalacw, 
seaatorischen Standes wie er war, cia reguläres Commindo in Raeiieo nod 
Vindelicirn nicht verwalten und nur durch einen Kriegsfall in diese Land- 
schaft gerührt werden konnte, wie denn auch di« sarräeg^i furores deutlich 
auf den Aufstand weisen. Die Ziegel desselben Appius, die in den Provinzeu 
Obcrgermaoien und Aquitanien sich gefoodeo hibeo, berechtigen nicht ihn 
im L9f0tm itr LagdöDeaal« u anahes» wl« Aabiak (waatda«tiaha Zait- 
iaiuifl 9) vondblSgt, aaadara aüaaao auf dia Bpaaha Mek dar Uabar- 
wiüdvaf das AataaiM kaaagaa wardaa (Harsaa 19» 438). Wo dia SaUaeht ga- 
liefert ward, bleibt zweifelhaft; an nüdilai Uaft dia Gegend von Vindoniasa, 
bis wohin Saturninus dem IVorbanns entgegen gegangen sein kann. Wäre .\or- 
banoa erst bei Mainz auf die Aufständiseben gestofsen, was an sich auch 
denkbar erscheint, so hatten diese den Hhcinübergang in der Gewalt und konnte 
der Zuzog der Germanen durch das Aufgehen des Hlieinea nicht verhindert 
wcffdaa. 

•) Die aftgariataM ffetis fladal aiali Uatar dam VaraMaar Previaiial- 
▼anaiahaiTa (Netitia digBiUtom ed. Seeek p. S68): momina ch itähim imms 
Rtnum ßutrium guae sunti Vnphorum (sehr. Utiportim) — Tmvßniuw (sehr. 
Tubantum) — i^ictrensium — Novarii — Catuariorum: istae omnes rivitalo.t 
trans Renum in formulam Belgicae primae redactae Irans castellum Monliacese : 
nam LMXX leugas Irans Hertum Romaiii possederunt. Istae civitales sub 
Gttüieno imperatore a barbaris occupatae sunt. Dafa die L'siper spüter io 
diaiar Gegend gewokat kabaa, kaalätigt Taaitoa Uit 4» 8T. 6. 33; dafa aia 
ia J. 83 soB Reick gakSrt kakaa, vialleiakt akar erat k«n verker utar> 
waifaa waree, gabt aaa dar BnikleBg Agr. 28 kanrer. Die Maatai «ad 



138 



ACmS BOCH. lAHTBL lY. 



GrauUnie» die allerdings nicht weit über Friedberg hinaoBgegaogen ni 
aeiii sebeinty sidi wobl «ach hier innerhalb der Gebietigieiiie hielt. 

Aber nicht Uob dai untere Mainthal vorwärts Maini ist in die 
mOitiriscbe Grenilinie bineingeaogwi worden; auch im sfldwesdiciieB 
DentecUand wurde die Grenie noch in gr5Aereni Mahatab vorgo- 
seboben. Daa Neekargebiet, einat von den keltiachen Helvetieni ein- 
genommen, dann bnge Zeit etreitigea Grenihoid iwiacfaen dieaen und den 
Tordringenden Germanen und darum das helvetische Oedland genannt, 
späterhin vielleicht theilweise von den Marcomanen besetzt, bevor diese 
nach Böhmen zurückwichen (S. 26), kam bei der Regulirung der germa- 
nischen Grenzen nach der Varusschlacht in die gleiche Verfassung wie 
der gröfste Theil des rechten unterrheinischen Ufers. Es wird auch hier 
schon damals eine Grenzlinie bezeichnet worden sein, innerhalb deren 
germanische Ansiedelungen nicht geduldet wurden. Wie auf nicht 
eingedeichter Marsch liefsen dann einzelne meist gallische Einwanderer, 
die nicht viel zu verlieren hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig 
geschützten Strichen, dem damals sogenannten Decumatenland sich 
nieder^). Dieser Termuthlich von der Regierung nur geduldeten pri- 
vaten Occupation folgte die förmliche Besetsnng wahracheinlich unter 
Vespaslan j Da schon um daa J. 74 von Siralisburg aua eine Chaussee 
auf daa rechte Rheinufer wenigstens bis nach Offenburg geführt worden 

Chasaaricr stellt Ftolemaeus 2, 11, 11 ia die Nähe der Chattea; daf« sie dai 
Schicksal der üsiper thetlteo, ist demoach wahrtebeiolieh. Biaa aichere Idea- 
tifleetioa der aadereii beide« ▼erderbeeee Naaee iat Mäher eiekt gefbedee; 
rielleieht eteedee die Teeetercr hier eder eieige der klefaMa ew bei Ptele- 
■aeas 2, 11,6 mit diesen geoanDten StSmae. Die Notix eaeete in ihrer ar- 
•prioglicheo Pom die Bellica sohleebthin, da die Provios erst dorch Diode- 
tian getbeilt worden ist, iim\ diese insofern mit Recht, als die beiden Germanien 
geogra[)hisch za Bellica gehörten. — Das angegebene Mafs Hihrt, wenn man das 
Kinzigthal nach ISurdosten verfolgt, über Fulda hinaas nahezu bis Hersfeld. 
Aach loschriftenfunde reichen hier Sstlich weit aber den Rheie biaeos, bia ie 
die Wetten»; Friedberg wd Battbaeh warea stark belegte MiUtÜrpoMtieaea; 
la Alteattadt iwlaebea Priedberfp aad Bfidiagea iat elae aaf Greanebata deateade 
(eoffflg'Araa üivmtutü) Inschrift vom J. 242 (C I. üb. 1410) gefbadea wardea. 

1) Was die nur bei Tacitus Germ. 29 vorkommeode Beaeanang agri 
decumates (denn mit a<^rt wird das letzteie Wort doch zu verbinden sein) 
bedeutet, ist uogewil's; uiüglich ist es, dafü das in der früheren Kaiser- 
zeit gewifs als Eigenthum des Staats oder vielmehr des Kaisers betrachtete 
Gebiet, wie der alte ager occupatoriut der Republik, von dem zuerst Besitf 
Brgrelfeaden gegen Abgabe dee Zdiatea beaatit werdea koaate; aber weder 
ist ea ipraeblieb erwieiea, dab daeiMMf 'sekatpSlebtig' kelTaea kaaa, aecb 



DAS iftiiiscn «muioiEi mo ui numm «miAiatii. 



139 



isO)j so wird um diese Zeit in diesem Gebiet ein ernstlicherer Greni- 
schütz eingerichtet worden sein, als ihn das blofse Verbot ger- 
mmiachffr Siedeluog gewährte. Was der Vater begonnen hatte, 
fikfarlen die SOhne durch. Vielleicht ist sogar, sei et Ton Vespasiattt 
sei es Ton Titos oder Domitian, doreh die Anlegung der *flafiseben 
Allire*) an der Neefcarqoelle hei dem heatigen Rottweil, Ton welcher 
Anaiedlung wir ÜPttlich nichts als den Namen kennen, IQr das rechts- 
rheinische neue Obergermanien ein ihnlicher lüttelpanci geachaffm 
worden, wie es früher der vhisdw Altar fttr Grolkgcrmanien hatte 
werden sollen und bald nachher flkr das neu eroberte Dacien der 
Altar von Sarmizegetusa wurde. Die erste Einrichtung der weiterhin 
zu schildernden Grenzwehr, durcli welche das Neckarlhal in die 
römische Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der Klavier, 
hauptsächlich wohl Domitians*), welcher damit die Anlage am Taunus 
weiter führte. Die rechtsrheinische MiUtärstralse von Mogontiacum 
über Heidelberg und Baden in der Richtung auf OlTenhurg, die noth- 
wendige Consequenz dieser Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir 
jetzt wissen^), im J. 100 von Traian angelegt und ein TheU der von 
demselben Kaiser hergestellten directeren Verbindung Galliens mit 
der Donaolinie. Die Soldaten sind bei diesen Werken thätig gewesen, 
aber schwerlich die Waffen; gormanische Völkerschaften wohnten im 
Neckargebiet nicht, nnd noch weniger kann der schmale Streifen am 
linken Uler der Denan, welcher dadorch mit in die Gremlinie gc- 

keaneo wir derartige Einrichtaogen der Kaiserzeit. (Jebrigens sollte nao oicbt 
übersehen, dafs die Schilderung des Tacitus sich auf die Zeit vor der Kin- 
rirbtuo^ der Neckarlioie bezieht; auf die spatere pafst sie so wenig wie 
üt swar Dieht klart, «bar i«eh aieker mit dem froheren ReehteverUUtoifr 
iMsm— Wh— de BeMesoss« 

>) IKes hat TümgtmUiw (WetMeatiebe Zelteehrifl S S. 246) erwieeea. 

*) Dafs hier Bekrwe Alftire dedieirt wurden, während sonst bei diesen 
CeatraUieiligtbämern nar einer genannt wird, erklärt sich vielleicht darch 
das Zurücktreten des Romacults neben dem der Kaiser. Wenn gleich zu 
Aafang mehrere Altäre errichtet wardeo, was wahrscheinlich ist, so hat einer 
der Sühne sowohl dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern wie auch 
•einem eigenen Genioa Altäre setzen lasten. 

Dtfii ii« Vtrltgnng attttl^nd, ksn btvtr Tadtat Im J. 96 dit 
fitnaaaia Mkritk, tagt ar, ud dalk Dtmittaa 4tr UiMar Ittj folgt anah 
danat, dalt er den Urbebar aiakt aannt. 

«) Aach dies hat ZatgaaMlttar (WtttdaattdM Zaitadurift 3, 267 f.) 
kondüch ftttgatteUr. 



i^iyiii^uO Ly Google 



140 



ACBTI8 BDCH. EAPITIL I?. 



zogen ward, eriisüiche Kämpfe gekostet haben. Das nächste nam- 
hafte germanische Volk daselbst, die Hermunduren, waren den Römern 
fraundlicb geainnt wie kein anderes und führten in der Vindelikerstadi 
Augusta mit ihnen lebhaften Handelsverkehr; dal« bei ihnen dieie Vor- 
Schiebung keinen Widerstand gefunden hat, davon werden wir weiter- 
hin die Spuren finden. Unter den folgenden Regiemngen, des Hadrian, 
des Pius, des Harens, ist dann an diesen militiriscfaen EinrichtniigeB 
weiter gebaut worden. 
Der ober- Den Grensschuts zwischen Rhein und Donau, wie er tum groften 
^SS^t' Theil in seinen Fundamenten noch heute besteht, Termögen wir 
'^^* nicht in seiner Entstehungsgeschichte tu Terfolgen, wohl aber su er- 
kennen nicht blols, wie er lief, sondern auch, wozu er diente. Die 
Anlage ist nach Art und Zweck eine andere in Obergermanien und eine 
andere inUaetien. Der obergermanische Grenzschutz, in derGesanmil- 
länge von etwa 250 römischen Milien (368 Kil. \)), beginnt unmiltell>ar 
an der Nordgrenze der Provinz, umfafst, wie schon gesagt ward, den 
Taunus und die Mainebene bis in die Gegend v un Friedberg und wendet 
sich von da südwärts dem Main zu, aut welchen er hei Grofskrotzen- 
burg oberhalb Hanau trillt. Dem Main von da bis Wörth folgend, 
schlägt er hier die Ilichtung nach dem Neckar ein, den er etwas unter- 
halb Wimpfen erreicht und nicht wieder verläfst Spater ist der süd- 
lichen Hältte dieser Grenzlinie eine zweite Torgelegt worden, die dem 
Main Aber Wörth hinaus bis nach Miltenberg folgt und von da, suan 
grölseren Theil in schnurgerader Richtung, auf Lorch zwischen Stutt- 
gart und Aalen geführt ist Hier schliefst an den ohergennaniscben 
der raetische Grenzschutz an Ton nur 120 Milien (174 KiL) Länge; er 
YerUUkt die Donau bei Kelheim oberhalb Regensburg und Hüft von da, 
zweimal die Altmfthl flberschreitend, im Bogen nach Westen su eben- 
falls bis Lorch. — Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe 
von Castellen, die höchstens einen halben Tagemarsch (15 Kil.) von ein- 
ander entfernt sind. Wo die Verhindungslinieu zwischen den Castellen 
nicht durch den Maiu oder den Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, 

>) Dies Uäh fllt Ar iie GMleimote vob RfctiakroU Ms UrA (CoWuaa, 
der rSm. Grenswall S. 7 f.). Für d«n Brdwall konit die HatettTteke tm 
MUtoDberg bis Grofskrotzeabarg, von etwa 3U röm. Milien, ia Absaf. Beider 

Siteren Neckarlioie ist der Erdwall beträchtlich kürzer, da statt desjenigen 
von Miltenberg bis Loreh hier der viel körsere de« Odeswaldes vea WÖrtb 
bis Wimpfen eintritt. 



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DAS AÖMISCHB GIEMAMiBM UHU ME FBIIBN GBaMAMEH. 



141 



ist eine kunstliche Sperrung angebracht, anfangs vielleicht blofs durch 
Verbaue'), späterhin durch einen rorllaufenden Wall von mäfsiger 
Höhe mit aufsen vorgelegtem (iraben und in kurzen Entfernungen auf 
der inneren Seite eingebauten Wachiihürmen.') Die Castelle sind in den 
Wall nicht «iiigezogen, aber unintlielbar hinter ihm angelegt, nicht 
leicht über einen halben Kilometer von ihm entfernt. — Der raetische 
Greoachati ist eine blofse durch Aufschüttung von firuch«leitten 
bewirkte Sperrong; Gnben und Wachtthflnne fehlen und die hin- 
ter dem Limes ehne regebeehte Folge und m ungleiehen Ahstinden 
(keines niher als 4 bis 5 Kilometer) angelegten Gaslelle stehen mit 
der Sperriinie in keuier unmittelbaren Verbindung. lieber die 
leitUeiie Folge der Anlagen fehlen bestimmte Zeugnisse; erwiesen 
ist, dab die obergermanische Neckariinie unter Pius*), die ihr 
Yorgelegie von Miltenberg nach Lorch unter Marcus^) bMtand. 6e* 

Weoo, wie dies wahrscheinlich ist, die Ae^bOi dafs Ha<iri;ia die 
Reich5^r(>nz5trar<ieo darch Verbaae gegen die Barbaren sperrte (S. ll-i, mit 
vadYielIcicbtzaoäcbstaurdieobergermaniscbe sich bezieht, so ist der Wall, des!»eu 
Reste vorhanden sind , sein Werk nicht; mag dieser Pallisadea getragen 
haben od«r sieht, keia Berickt würde di«a« erwMhnen and den WalU 
Um ikergtfcen, Dtls Hadriaa die Grensvartbeidiguug im gansea Reiche 
revMIrte, eigt Die 69, 9. — Die Beaeaeiiog dea Pfahle eder Prahlgrabeoe haaa 
■Mi rSaiach seia; rSmisch heiTsen die PfKble, welche in dea Lagerwell ein- 
geremat aof demselben eine Pallisadenkette bilden, nicht paHf sondern valli 
oder sudeSy ebenso der Wall .selbst nie anders als vallum. Wpdd die wie es 
scheint aaf der gaozea Linie bei dea Germaacn daTiir von je her übliche Be- 
xeichnong wirklich von den Fallisadeo eutlehut ist, so mafs sie gerinaui&cheu 
Urapronga seia and kaan aar aoa der Zeit herstammen, wo dieeer Wall ihnen 
ia aeiaer lategritSt aad eeiaer Bedeatoag ver Angea alaad. Oh die 'Gegend' 
Mae, die Aaualaa 18, 3, 15 erwlhal, daait avaameehiagt, iat sweifelheft. 

*) In einem solchea konlieh swiaAen den Castellen von Sehleaaan nad 
Hesselbach, 1700 Meter von dem ersteren, 4 — 5 Kil. voa dem letzteren, aufge- 
deckten hat sich eine Weihinscbrift (Korrespoodenzblatt der Westdeutschen 
Zeitschrift 1. Juli lSb4) gefunden, welche die Truppe, die ihn erbaut bat, 
ein Detachemeat der 1. Cohortc der Sequaoer und Haurikcr uutei- (Kommando 
eines Ceatorioneo der 22. Legion gesetzt hat als Oanksagnng ob bürgern expU' 
tfUmm), Diee« lUnae alae waraa burgi, 

•) Oae ateete datirte Zevgaifa für dieae ilad iwei laiehriften der Re- 
eatmg vea Rikkingen gegea&ber Hellbroaa am liakeo Ufer dea Neekar vea 
J. 148 (Brambach C. I. Rh. 1583. 1590). 

*) Das älteste datirte Zcupnils ftir die Existenz dieser Linie ist die 
Inschrift von virus Aurelii (Oehringen) vom J. 169 (Brambach (]. I. Rh. l ')')*^), 
awar nnr privat, aber geuifs nicht gesetzt vor der Anlage diciies zu der 



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142 



ACHTES BÜCH. KAPITEL IV. 



meinacbafUich ist beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenz- 
sperrung; dafs in dem einen Fall die Erdaufscbüttung vorgezogen ist, 
durch welche der Graben sich meistens von selber ergab, in dem an- 
dern die Steinschichlung, beruht wahrscheinlich nur auf der Ver- 
sciiiedenartigkeil des Bodens und des Baumaterials. Gemeinschaftlich 
ist ihnen ferner, dafs weder die eine noch die andere angelegt ist zur 
Gesammtverlheidigung der Grenze. Nicht blofs ist das Ilindernifs, 
welches die Erd- oder Steinschüttung dem Angreifer entgegenstellt, 
an sich geringf&gig, sondern es begegnen auf der Linie überall über- 
höhende Stellungen, hinterliegende Sümpfe, Venicht auf den Ausblick 
in das Vorland und ihnlicbe deutliche Spuren davon, dafs bei deren 
Tracirung an Kriegnweeke Oberhaupt nieht gedacht ist. Die GaaleUe 
aiod natfirlkh jedes fOr aich lur VertheidigvDg emgerichtet, aber aie 
amd nicht durch chaoaairte Qaeratraben mhnnden; alao atfltate die 
einiebie Beaataung aich nicht auf die der benachbarten CaateUe, 
sondern auf den Rfickhalt, »i welchem die Streike flihrte, wdehe 
eine jede beaeti( hielt Ea waren femer diese Besatzungen nicht 
eingefügt in ein mOitfirisehes System der Grenzvertbeidigung, mdir 
befestigte Stellungen für den Notbfall als strategisch gewählte für 
die Occupalion des Gebiets, wie denn auch schon die Ausdehnung 
der Linie selbst, verglichen mit der disponibltn Truppenzahl, die 
Möglichkeit einer Gesammtvertheidigung ausschlieist Also haben 

Linie Miltenberg -Lorch gehörenden Castells; wenig jünger die von den 
ebenfalls dazn gehörigen Jagsthauseo vom .1. 179 (C. I. Rh. 1618). Danach 
därfte vicus Aarelii seinen Namen von Marcus fiibreo, nicht von Caracalla, 
weil auch von diesem bezeugt ist, dafs er manche Castelle in diesen Ge^^odea 
aal^gte nd nach aich beoaonte (Dio 77, 13). 

0 Heber die Dieleeatloo der ebergeiwurieehea Truppen fekit et swar 
aa KeBÜgender Rude^ doeh siebt geas an Aabeltapaokten. Voa dea beides 
Haoptqnarticren in Obergermanien iat des voo Strafsbnrg nach der Ein- 
riefatnog der Neckarlinie erweislich nur schwach belegt und wahrscheinlich 
mehr administratives als militärisches Centrum gewesen (Westdeutsches 
Corresponrlenzblatt 1884 S. 132). Dagegen hat die Besatzung von Mainz immer 
einen beträchtlichen Theil der Gesammtstärke in Anspruch genommen, um so 
■ebr ab dieselbe wabrtebeielieh der einzige gröfsere geseUoseeae Truppea- 
kSrper ia gaas ObergerBMatea war. Die Sbrigea Trappea verlheilea aieb 
theili avf dea Unei, dessen Gestelle aaeb Cehaaseaa (rSei. Greaswall S. SU) 
SdkStznng dar^schnittlich 8 Kilometer von einander entfernt, also insgesanart 
gegen 50 waren, tbeils auf die inneren Castelle, insbesondere an der Odcn- 
waldlinie von Gundelsfaeim bis Wörth ; dafs die letzteren wenigstens zum 
Theil auch nach Anlegung des änfseren Limes besetxt blieben, ist mindestens 



AiS RÖMIfCRB OBUUllllll URB MI FRIBN GIMURBI. 



143 



diflM aosfedelmten militärischen Anljigen nicht den Zweck gdiibt 
mt der britamiisclie Wall dem Feinde den Einbrach la wehren. 
Ee aoUlen vielinehr wie an den FlnliigreDien die Brflcfcen, ao an den 
Landgranen die StrallMn durch die GaateDe behenraeht werden, im 
Cebrigen aber wie an den Waisergrenaen der FloA^ ao an den 
Landgrenaen der Wall die nicht controUrte Uebefadireitiing der 
Grennn bindern. Anderweitige Bennlmng medite eich damit tct- 
binden; die oft hervortretende Bevorzugung der geradlinigen Richtung 
deutet auf Venvendung lür Signale, und gelegentlich mag die Anlage 
auch geradezu für Kriegszwecke henutzl vrorden sein. Aber der 
eigentliche und nächste Zweck der Anlage war die Verhinderung 
der Grenzüberschreitung. Dafs dabei nicht an der raelischen, wulil 
aber an der obergermaniacbeii Grenze Wachtposten und Forts ein- 

wahr«cheialirh. Bei der ungleichen (iröfse der noch meftbarea Castelle ist 
es sehwer za sagen, welche Trappeazabl erforderlieii war, na aie vertheidi- 
faoKsrdhig za Mckea. CohftviM (a. a. 0. 8. 340} radiaal aaf aia Mittel- 
gnÜMt Cattall «iaaehllelUieh 4ar Reaarva 720 Maaa. Da 4ia gawVliBUeha 
Caharta 4ar Lagfaa wie der Anxilieo 500 Maaa liUt «ad die Castellbaataa 
■othwendig auf diese Zahl habeo Rücksicht nehmen müssen, wird die Besatiaag 
des Castells für den Fall der Belagerong durchsrhuittlich miadestens auf diese 
Zahl angesetzt werden müssen, riimöglich hat nach der Reductiuu die uber- 
germanisrhe Armee die Castelie auch nur des Limes gleichzeitig in dieser 
Sterke besetzen können. Noch weit weniger konnte sie, selbst vor dar 
ladeatiaa, ait Ibraa 30000 Maaa (S. 108) dia iwlaalea daa Caatallaa ba0ad- 
ttcfcaa LiaiaB tmA mar kaaatstkallaa; waan abar diaa alabt aiVfUeli war, aa 
hatte die g leiehzeitiga Besetzung aoch der sämmtlichen Castelie ia darTliat keiaaa 
Zwadu AUeai Anschein nach ist wohl jedes Castell in der Weise angelegt worden, 
dsTs es . gehörig besetzt , gehalten \*orden konnte , aber der Regel nach — und an 
die!»er Grenze war der Friedensstand Keg:el — war das einzelne Castell nicht nach 
Kriegsfufs, sondern nur in so %veit mit Trappen belegt , dafs die Posten in 
den Wacbtthümieo ausgesetzt und die StraTsea so wia dia Seklaidwaga 
■Btar Aabiaht gahaltaa wardaa koBBlaa. Dia atXadigaa Basa tia agaa dar 
Gaatalla alad TanaatUlai aahr vtal aakwidmr gawaaaa ala gawShaliah aa- 
ga a a— a» wird. Wir baallaaa aaa das Altarlkai aia ainsiges Venelchallb 
einer derartigen Besatzung; es ist voai J. 1&6 «ad betrifft das Castell vaa 
Kntlowitza nördlich von Sofia (Eph. epif^r. 4 p. &24) , wofür die Armee von 
l'ntennoesieo und iviar die 11. Legion die Besatzung stellte. Diese Truppe 
zahlte damals aufser dem commandirenden Centurionen nur 76 Mann. — Die 
raetische Armee war wenigstens vor Marcus noch viel weniger im Stande 
aaafadehafa Lbiaa sa baaatMas ■!• ilUta danala Mekataaa 10 000 Maaa ud 
latta aofatr daa raaliaakaa Liaaa aaab dia DaaaaUala vaa RagaBabarg bb 
iRisaaa n balafaa. 



144 



ACITBS raCB. lAmiL IV. 



gerichtet worden sind, erklärt sich aus dem verschiedenen Verhältnü« 
zu den Nachbaren, dort den Hermanduren, hier den Cbatteo. Die 
Römer standen in Obergermanien ihren Nachbaren nicht so gegenüber 
wie den britannischen HoehUndem, gegen die die Provins oeh stets im 
Belageningsstand befind ; aber die Abwehr iftoberischer £faibreclier so 
wie die Erhebung der Grennölle forderten deck betette und nahe 
militSrische HtUfe. Han konnte die obergennanisehe Armee und dem 
entsprechend die Besatsnngen am Limes allmihlidi redueiren, aber 
entbehrlidi ward das rftmisebe Pilum un Neckarlande nie. Wohl aber 
war es entbehrlieb gegenüber den Hermunduren, welchen in traiani- 
scher Zeit allein vuii allen Germanen das Ueberschreiten der Reichs- 
grenze ohne besondere Conlrole und der freie Verkehr im römischen 
Gebiet, namentlich in Augsburg frei stand, und mit denen, su viel wir 
wissen, niemals Grenzcollisioiicn stattgefunden haben. Es war also für 
diese Zeit zu einer ähnlichen Anlage an der raetischeu Grenze keine 
Yeranlassungt die Castelle nordwärts der Donau, welche erweislich be- 
rmts in traianischer Zeil bestanden^), genügten hier für den Schutz 
der Grenze und die Gontrole des Grenzverkehrs. Dem kommt die 
Wahrnehmung entgegen, dafs der raetische Umes, wie er uns tot 
Augen steht, allein mit der jüngeren vielleieht erst unier Marcus an- 
gelegten obergermanischen Sperrlinie correspondirt. Damals lehlte 
dazu die Veranlassung nicht. Die Chatlenkriege ergriffen, wie wir sehen 
werden (S, 146), in dieser Zeit auch Raetien; auch die Yerstirkong der 
Besatzung der Prorinz kann füglich mit der Einrichtung dieses Umes 
in Terbmdung stehen, welcher, wie wenig er für militSrische Zwecke 
eingerichtet ist, doch wohl ebenfalls einer wenn auch mildereu Grenz- 
sperre wegen angelegt wurde 



1 Dies b«w«i8t die bei WaifiMobuf svAudeM Uriraade Tniui tmb 

J. 107. 

') Die bisherigen üntersuchuagen über den rtetischeo Limes ksbea dl« 
Bestimmung dieser Aolage noch wenig aafgeklärt; aasgemscht ist oor, dafs 
sie weniger als die analoge obergermanische auf militärische Besetzun(^ ein- 
gerichtet war. Eine derartige schwächere Grenzsperrang kann füglich schou vor 
dem Marcomtoeokrief deo HermaDdoren gegeaüber beliebt worden sein ; auch 
•«UitTit was TMitu fiber derea V«rbdbr w AogBiU VtedaliAas beriebtal^ 
die damalige Riifteu eiiM raetUehra LIbm keiawirega «os. Nar aiftM 
man dann erwartea, dal« er Biebt io Loreb «adlgle, tOBdera alek an 
die Neekerlisie aMeUor«; elnlgenuifiMB tb«t er dies aaeh, iafelen bei 



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DAS BAMUCBB CttMAIUlII miD MB PSHBH €lllIAlfBN. 



Militärisch wie politisch ist die verlegte Greoie oder vielmehr der 
Terstärkte Grenzschutz eingreifend und nätiiieh gewesen. Wenn früher 
die römische Postenkette in Obergermanien und Raetien wahrschein- 
lich rheinaufwirto Aber SiralMiiirg Dach Btsel und an Vhidonisaa Torbei 
ao dm Bodenaee, dann ?on da in der oberen Donau gegangen war, so 
worden jetii das oberg e nn a niache Hauptquartier in Maina und das rae- 
tiacke in Regenabnrg und überhaupt die beiden Hanptanneen des Reiches 
einander belricfaüieli genibert Das Legionslager von Vindonissa (Wm' 
diach bei Zfirich) wurde dadurch AberflAssig. Das oberrhehiiache Heer 
iuNUite, wie daa benachbarte, nach einiger Zeit auf die HMIIe aenies fkü- 
bereo Bestandes herabgesetzt werden. Die anfängliche Zahl ron vier Le- 
gionen, welche während des batavisrhe.n Krieges nur zufallig auf drei Ter- 
niindert war, bestand allerdings walirscheinlich noch unter Traian 
unter Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, 
der achten und der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Sir.ils- 
burg stand, die zweite in dem Hauptquartier Mainz, während die mei- 
sten Truppen in kleinere Posten aufgelöst an dem Grenzwall lagerten. 
Innerhalb der neuen Linie blühte das städtische Leben auf fast wie 
Unks Yom Rheinlanf: Sumelocenna (Rottenburg am Neckar), Aquae 
{€iüiU» Aurelia Äquensis, Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten, wenn 
man von Köln und Trier absieht, in römisch-stadtischer Entwickelung 
den Veiigleich mit keuMr Sladt der fielgica su scheuen. Daa Empor- 
koflsoMB dieaer Ansiedelungen ist banptsicblich das Werk Traiana, 

Lorch ao die Stelle des Limei die Rems tritt, welche bei CaanstaU ia deo 
Neckar eiomündet. 

') Von den sieben Legionen, die bei IMeros Tode in den beiden Germa- 
■iMtlMdtea(8. 120), ISst« Vesptalao ISaf nf; et bliebae Ife 21. o«4 die 22., 
mnm tea ii9 war tiitäarwnNug ias AalitasiM elasariiekttB tldbea od«r 
Mfct LtgfoM, di« I. •«•trix, 2. «diatriz, 6. vietriz, 8., 10. 9«aiM, 11., 
13. (?) und 14. hiozotraten. Von diesen ist nach n^cndi^un^ des Kriegres die 
1. adiatrix wahrseheinlieh nach Spanien (S. 59 A. 1), dir 2. adiutrix wahr- 
•ebeinlirh nach Britannien (S. 159 A. 2), die 13. p»'niitia (wenn dies« iiberhanpt 
sarh Germanien kam) nach PaDDonica gesandt forden; die anderen sieben 
blieben, ood swar in der unteren Provinz die 6., lU., 21. und 22. (S. 133 A. 1 ), 
ia 4er abaraa di« 8., 1 1 . aod 1 4. Za daa letstaran trat wabnchaialiah ia i. 88 dia 
aaa Spaaiaa abaraHlt aaak ObaivarMaiaa gataadta 1. adiatrix hiam (. 80 A. 1). 
OelSi mar Tiaiaa dia 1. adiatrix aad dIa 11. Ia Obarsarnaalaa ttandaa, be- 
«aitt dia Inschrift von Baden-Baden Brambach 1666. Die 8. aad die 14. siad 
erwieteaer Mafsen beide mit Cerialis nach Garaaaiaa g«kaa«aa aad habaa 
beide längere Zeit daselbst garnifoairt. 

J(oiamfl«a, rOm. Oasehieht«. Y. iQ 



146 



ACHTES BUCa. KAPITEL IV. 



\v»ijcher sein Hegiineiit mit dieser Friedensthat eröffnete'); 'den auf 
beiden Ufern römischen Rhein' fleht ein römischer Dichter an den noch 
niclil gesehenen Herrscher ihnen bald zuzusenden. Die grofse und 
fruchtbare Landschaft, die auf diese Weise unter den Schulz der 
Legionen gestellt wai*d, war dieses Schutzes bedürftig, aber auch werih 
gewesen. Wohl bezeichnet die Varusschlacht die beginnende Elbbe der 
Fdmischen Macht, aber nur insofern, als das Vorschreiten damit ein Elnde 
hat und die Rdmer seitdem sich im AJlgemeinen begoägten das damals 
Festgehaltene stirker und dauernder ni sefairflAeo« 
Oermanien BiS Ul den Anfong des 3. lahrhunderts seigi die rftnüscfae Macht 
ifal^ am Rhein keine Spuren des Schwankens. WShrend des Marcomanen- 
krieges unter Harcus Uieb in der unteren Profins alles ruhig. Wem 
ein Legat der Belgica damals den Landsturm gegen die Ghauker auf- 
bieten mussle, so ist dies ?ermutblieh em Piratenzug gewesen, wie sie 
die Nordköste oftmals, in dieser Zeit ebenso wie firfiher und später, 
heimgesucht haben. An die Donauquellen und selbst bis in das 
Rheingebiet reichte der Wellenschlag der grofsen Völkerbewegung; aber 
die Fundamente erschiilLerte er hier nicht. Die Chatten, das einzige 
bedeutende germanische Volk an der obergermanisch-raelischeii Giviiz- 
wacht, brachen in beiden Kichtungen vor und sind wahrscheiuiich damals 



*) Traiaoas ward von Wcrva im J. 1)6 oder 97 als Legat nach Cer- 
inanien gesaadt, wahrscheinlich dem oberen, da dem uaterea damals Vestricius 
Spurinna vorgestanden zu haben scheint. Flier im Oktober des J. 97 zum Mit- 
regenteo eroaooti erhielt er die iSachricht von Nervas Tode und seiner Er- 
aeuttof nm Aiifiistiis im F«biw 98 im KSli. Den WiDt^r mwA inu hlgnd^m 
SoBBw mag w dort gtUielMB aaini in WlDlmr 98/99 wtr «r 4erOonu. 
Die Worte des Betropios 8, 2: to^e* irms RAmm ^ Om m m ria v§fmm t ü 
(woraes die oft gemirsbra achte Notiz bei Oroaitts 7, 12, 3 abgeMhrioben ist), 
welche nur anf die obere Provinz bezogen werden können, aber Mtürlirh 
nicht dem Legaten, sondern dem (>aesar oder dem Augustus gelten, erhalten 
eine Bestätigung durch die civitas Ijlpia sfallus?) yCicerini?) Lopodunum der 
inschrifteu. Die ' Wiederhersteüunf^' dürfte im Gegensatz stehen nicht zu den 
BlariflktofOB Doaitiaaa, toadere su des aegeordeetee AafSafea etldtiaeher 
Aaiagea in DeeaaetODlaad Tor der Verlegaa§ der Militürgreaae. Aaf kriago- 
rieeke Vorgiafe aater Traisa fakrt Iteiae Spar; dab er eia ttuUihim im jikh 
tnannorum solOf aaek dem Zasanroenhang am Main unweit Mains, aalegte oad 
nach seinem IVamen nannte (Ammian 17, 1, 11), beweist dafür ebensowenig wie 
dafs ein spater Dichter (Sidonius carm. 7, 115), Altes und iVeues vernieugeBd, 
Agrippina unter ihm den Schrecken der Sngtnbrer, das heilst in seinem Sien 
der Frauken nennt. 



kju,^ _o Google 



M lAMIiGHI CKMIAMIIN UHD DIB fBEiEK GUUIAMBN. 



147 



•dbtl onler den in Italien einfoUenden Germanen gewesen, wie dies 
weiteriiin bei der Darstellung dieses Krieges gezeigt werden soll. Auf 
jeden Fall kann die von Marcos damals verlKIgte Verstäricung der 
laetischen Armee and ihre Umwandlung in ein Gommando erster Klasse 

mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen der Chatten 
zu steuern und beweist, ilafs man sie auch für die Zukunft nicht leichl 
nalim. Die schon erwähnte Verstärkung der Grenzverlheidigung wird 
damit ebenfalls in Verbindung stehen. Für das uächste Menscheualter 
müssen diese Mafsregeln ausgereicht halien. 

Unter Antoninus dem Sohn des Sevtriis bracli (J. 213) aberniaU A'-nf— 
in Raetien ein neuer und schwererer Kri« ;,' aus. Auch dieser ist gegen 
die Chatten geführt worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk 
genannt, das hier zum erstenmal begegnet, dasder Alamaimen. Woher sie 
kamen, wissen wir nicht. Einem wenig später schreibenden ROmer zufolge 
war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf einen Geroeindehund 
scheint auch die ßenennung hinzuweisen, so wie dafs spater noch 
die verschiedenen unter diesem Namen susammengefafiiten Stämme 
mehr als bei den sonstigen grolsen germanischen Völkern in ihrer 
Besonderheit henrortreten und die Juthungen, die Lentienser und 
andere AlamanneuTdlker nicht selten selbständig handeln. Aber da& 
68 nicht die Germanen dieser Gegend sind, welche unter dem neuen 
ffameo verbündet und durch den Bund verstärkt hier auftreten, leigt 
sowohl die Nennung der Alemannen neben den Chatten wie die Meldung 
Tonder ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht 
Vielmehr sind es der Ilauptsachenach sicher aus dem Osten nachrückende 
Schaaren gewesen, die dem fast erloschenen Widersland der lierniünt ii am 
Rhein neue Kraft verheben haben; es ist nicht unwahrscht-inlich, dals die 
in früherer Zeit an der mittleren Elbe hausenden mächtigen Semnonen, " 
deren seit dem Ende des 2. Jahrb. nicht wieder gedacht wird, zu den 
Alamannen ein starkes Contingent gestellt haben. Das stetig sich stei- s«v«riM Aa- 
gernde Mifsregiment im römischen Reich hat natürhch auch, wenn 
gleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung seinen Theil bei- 
getragen. Der Kaiser zog persönlich gegen die neuen Feinde ins Feld; 
im August des J. 213 aberschritt er die römische Grenze und ein Sieg 
iber sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden 
noch Caslelle angelegt; die Völkerschaften von der Elbe und der 
Nordsee beschickten den römischen Herrscher und verwunderten sich, 
wenn er ai« in ihrer eigenen Trachtempfing, in silberbeschlagener Jacke 

10* 



148 



ACam BUCH. KAPITEL I?. 



und Haar und Bart nach deutscher Art gefärbt und geordnet. Aber voo 
da an bftren die Kriege am Rhein nicbt auf, und die Angreifer siiid 
die Germanen; die sonst to (ttgsanien Nachbaren waren wie aus- 

AiaMte. getauscht Zwanxig Jahre spiter wurden an der Donau wie am Rhein 
die EinfBUe der Barbaren so stetig und so ernsthaft, dalii Kaiser 
Alexander defswegen den weniger unmittelbar geCUuüehen persiaeben 
Krieg abbrechen und sich persönlich in des Lager von Hains begeben 
mullite, nicht so sehr um das Gebiet su vertheidigen als um von den 
Deutschen den Frieden durch hohe Geldsummen su erkaufen. IKe 
Erbitterung der Soldaten darüber (Ahrte m seiner Ermordung (J. 235) 
und damit zu dem Untergang der severischen Dynastie, der letzten, die es 

Mtaiaam. bis auldie Regeneration des Staats überhaupt gegeben hat. Sein Nach- 
folger Maximinus, ein roher, aber tapferer vom gemeinen Soldaten 
aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgängers 
wieder gut durch einen nachdrückUchen Feldzng lief in Germanien hinein. 
Noch wagten die Barl>aren nicht einem starken und wohl geführten 
Römerheere die Spitze zu bieten; sie wichen in ihre Wälder und 
Sümpfe und auch dahin ihnen folgend focht im Handgemenge der 
tapfere Kaiser allen Toran. Von diesen Kämpten, die ohne Zweifel von 
Mainz aus zunächst gegen die Alemannen sich richteten, durfte er mit 
Recht sich Germaniens nennen; und auch für die Zukunft hat die 
Expedition vom J. 23^ aui lange hinaus der letxte grolse Sieg, den die 
Römer am Rhein gewannen, wohl einiges gefhichtet. Obwohl die 
stetigen und blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen 
im Osten und an der Donau die RAmer nicht su Athem kommen 
Heften, Ist doch durch die nfichslen swansig Jahre am Rhein wenn 
nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine gröbere Kata- 
strophe nicht eingetreten« Es schemt sogar damals eine der ober- 
germanischen Legionen nach Africa geschickt worden su sein, ohne 
daft dafür Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert ge- 
golten zu haben. Aberais im J. 253 wieder einmal die verschiedenen Feld- 
herren Roms um die Kaiserwürde unter einander schlugen und die 
Rheinlogionen nach Italien marschirten, um ihren Kaiser Valerianus 
gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint dies 
das Signal gewesen zusein^) für das Vorbrecben der Germanen uameut- 



.\irht blofs der ursachlirhe Ziisamnieobanf^, sondera selbst die zeit- 
liehe Folge dieser wichtigeu Vorguage liegeo im Uokleren. Der reUtiv beste 



DAS KÖimCn ti£RMAI>fl]k?( UMÜ DIE FREIE?! CEaHAXEM. 



149 



lieh auch gt^gen den Untenrhein Diese (jennaiieii sind die liier zu- üi«yn»k««, 
erst auftretenden Franken, allerdings vielleicht nur d- iri Namen nach 
neue Gegner; denn obwohl die schon im späteren Altertiiuin begegnende 
Identification derselben mit Trüher am Unterrhein genannteo Völker- 
schaften, tlieiU den neben den Bruclerern sitzenden ChamaTeni, theils 
den früher genannten den Römern anterthftnigen Sagarabrem, unsicher 
und mindestens onzulftngUcfa ist, so hat es hier gröCsere Wabrschein- 
Kchkeit als bei den Alamannen, dalli die bisher von Rom abhingigen 
Germanen am rechten Rheinnfer und die früher vom Rhein ahge- 
dringten germanischen Stimme damals nnter dem Gesammtnamen der 
^Freien* gemeinschaftlich die OlfendTe gegen dieR6mer ergriffen hal>en. 
So lange GaDienos selbst am Rhein blieb» hielt er trots der geringen oti n i— ■. 
ihm inr Yerfugung stehenden Streitkräfte die Gegner einigermafsen 
im Zaam, verhinderte sie am Ueberschreiten des Flusses oder schlug 
die Eingedrungenen wieder hinaus, räumte auch wohl einem der ger- 
manischen Führer einen Theil des begehrten Ufergebiels ein unter der 
Ikdingung die römische Herrschaft anzuerkennen und seinen besitz 
gegen seine Landsleute zu vertlieidigen, was freilich schon fastauf eine 
Capitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die 
noch gefährlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab 
und in Gallien als Repräsentanten seinen noch im Koahenaiter stehen- 
den älteren Sohn zurückliefs, liefs einer der Oniziere, dMMO er die 
Yertheidigung der Grenze und die Hut seines Sohnes anfertrant hatte, 
Marens Cassianias Laünius Postamus'), sich Ton semen Leuten zum mmmm. 

BMiekC M ZMiana J, 29 bti«teli»et da« g«nMaiMh«B Krieg «U die Ursache, 
wükalk Valariant ^eiak M Mtstr Throaksstslgeef 259 feisM Sohs warn 
MitkOTnchtr gMebee lUckU feaseht kike; ea4 des Titel G§rmmt(nu nuuBimm 
fikrt ValerisD letoo im J. 25ü (C. L L. VIO, 2380; ekeMO 26U C. I. L. XI, 
820). vielleicht sogar, weea 4tr Miss« Cahm «.Ms« traoea ist, .te Titel 
G^rwanicus mojrintut ter. 

*) Dafsk die Gertnautu, gegeu die Gallieuu« zu streilea hatte, weoigsteos 
hauptsächlich am Uaterrheiu zu suchen sind, zeigt die Kesideos seiaes Soboes 
ia Agrippiaa, wo er doch aar ala eoBtaeller Repräaeataat des Vaters xoriiek- 
giHi afci » aiis iau. Aeafc der Biograph e. 8 seast die Fraskea. 

•) Vea dm Grad* der teaUeataftiseheaf, weleke ta eiaen TMl dw 
SaiaarMagnyUaa kerrstfct, sMeht aaa aiek aakwer elaa VenteUaaf ; ea wird 
aickt ■aoötz seia hier aa dem Bericht über Postumns dies keisplelsweise aa 
ceigreo. Kr keifst hier (freilich in eiaer Eiolsge) luUut Po$tumH$ (tyr. 6), auf 
deu Münzen and laüchrtften M. CoMtimiu* Latinüu Postumus^ im epitomirteo 
Victor '62 Casnut Labtenu* Pottumut, — fir regiert aiehea Jahre (Gall. 4} tyr. 



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150 



ACHTES BUCH. EAPITEL IV. 



Kaiser auBnifen und belagerte in Köln den Hfiter des Kaiaersobnes 
Silvanas. Es gelang ihm die Stadt dncnnehmen und sdnen fMberai 

CoUegen so wie den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu bekommen, 

worauf er beide hinrichten liefs. Aber während dieser Wirren brachen 
die Franken über den Rhein und überschwemmlen nicht blofs ganz 
Gallien, sondern drangen auch in Spanien ein, ja plünderten selbst die 
afric^anische Küste. Bald nachher, nachdem Valerians Gefangennahme 
durch die Perser das Nafs des Unheils voll gemacht halle, ging in der 
oberrheinischen Provinz alles römische Land auf dem linken Rheinufer 
verloren, ohne Zweifel an die Alamannen, deren Einbruch in Italien in 
den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust notbwendig voraus- 
setzt. Dieser ist der ielzte Kaiser, dessen Name auf rechtsrheinischen 
Denkmälern gefunden wird. Seine Münzen feiern ihn wegen fTmf groCser 
Siege über die Germanen, und nicht minder aind die seines Nach- 
folgm in der galliachen HerrachafI, daa Poatnmua, voll dea Preiaea 
der deutadien Siege dea Rettera von Gallien. GaUienua hatte in 

'6. b)i dl« Muux> u nenneo seiae tr.p. \, und zehn Jabre giebt ihB.Betropin8 9, 10. 
— Seio Gegasr keiftt LoOimnu, nach den M wib6b üfyiiu CofntÜma L nlimmt, 
LmHmut bei Botropioi 8» 9 (aaeh der eiaea HaadaehrtfleaUaiee, wihread die 
aadere der laterpelatiea der NefrapheB felgt) aad bei Victor (e. 33), AtUmma ia 
der victoriaaiM^en Epitomp. — PoetaaiBS and Victorinas berrscheo nach dea 
Biographen geinpinscbartlich; aber es giebt keine beiden gremeinschaftliche 
Müuzen, und somit bestätigen diese deo Bericht bei Victor and Katropias, 
dafs Victorinas der Nachfolger des Fostamas gewesen ist. — Es ist eine Be- 
sonderheit dieser Kategorie von Fölschnngen, dafs üts in den eingelegten Ur- 
knadea gipfela. Das RVlaer Epitapbiaa der beidea 'Vietoriaas (tyr. 7): kie 
dm VütiaM <yrmii<(l) aiU mmi kritiiirt eieh eelbat 0as aageUiebe Pateat 
Valeriaae (lyr. 3), wonic dieser dea Galliern tfe Braeaaaag dee Po aUmaa 
nittheilt, rOnt aieht blofs prophetisch des Postaains Herrschergaben, sondern 
nennt anch verschiedene anmSgliche Aemter : einen Transrhenani limüis drix 
rt Galliae praetes hat es zu iceiner Zeit gegeben and kann Postamns ((QX^IV 
(v KflxoiQ 0T»«T(cüT(ui' fun(7nai(VfAivos (Zosimos 1, 38) nar pra«se* einer 
der beiden Germanien oder, wenn sein Commaodo ein aafterordentliebes war, 
A«r pwr Genmdiu gewetea aeia. Sbeato mNaSglicli tat ia dartelbaa Qoaai- 
Urkaada der MiaMlir« yoeonütrum des Sobaes, etaa offeabare NaebbUdaag 
der Tribaaata, wie sie ia der IVotitia Diga. aas der Zelt des Hooorias 
•nftreten. — Gegen Postnmas und Victortans, unter denen die Gallier 
und die Franken fechten, sieht Gailienns mit Aureolos, später seinem 
Gegner, und dem späteren Kaiser Claudius; er selbst wird darch einen Pfeil- 
scbui's verwandet, siegt aber, ohne dars darch den Sieg sich etwas ändert. Von 
diesem Kriege wissea die anderen Berichte aiehts. Postamas liUt Ia dem voa 
dem sogaaaaalaa Lolliaaas aagesetteltea MUitäraafstaad, wibread aaeb Mm 



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DAS RÖNISCB£ GEBMAIflEIt UND DIE FREIEIf QWUUHEK. 



151 



seinen früheren Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein auf- 
genommen, und Postumus war sogar ein vorzüglicher Offizier und wäre 
gern auch ein guter Regent gewesen. Aber Ijei der Meisterlosigkeit, 
wt-lche damals in dem römischen Staat oder vielmehr in der römischen 
Armee waltete, nützte Talent und Tüchtigkeit (l»s Einzelnen weder ihm 
noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe blutender römischer Städte wurde 
damals von den einlallenden Bariiarea öde gelegt und das rechte Rhein- 
Ufer ging den Römern auf immer verloren. 

Die WiederfaerBleUung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing 
zunächst ab Ton dem Znaammenhalten dea Reicba ftberfaanpt; so lange 
die italiaeiieD Kaiaer ihre Trappen in der Narbooenais anfoteOten, nm imüMM. 
den gailiadien Rifalen in beaeitigen und dieaer wieder Miene madite 
die Alpen ni flberacbreiten, war eine wirkaame Operation gegen die 
Gernuinen Ton aelber anageaehloaaen. Erat naehdem nm das L 272^) 

Bericht bei Virtor and Eatropins Postamus diäter Mtliier Iasorreeti«D Herr 
*inl, aber dann die 'Soldaten ihn erschlagen, weil er ihnen Mafnr nicht 
zur Plönderang überliefern will. Leber die Krbeboog des jPostumus steht 
neben der im VVescutlichen mit der gewüholichen übereinstimmenden Er- 
liUung, dal» Postuuus dao seiaer Hot aovertraaten Soho des Gallieoos tren- 
1m kateit^t hebe, eiie •■der« oieaber alt Rtttoo^lierftMiMe, woMdi dat 
Vt\k ii fitUin diet th«t ud Umm den PostuwM die Rroae Mtreg. Die 
eakoBiiaatiecbe Teadees für des, der GaUiee die Seblekaal der Deaaa- 
litder ood Asiens erspart nod es vor den GeraMata gerettet habe, tritt 
hier aod überall ^»m olTeobarsten tyr. 5) zu Tage; womit denn zusammen- 
bäogt, daTs dieser tieriebt den Verlust des rechtes Rheinufers und die Zöge 
der Franken nach Gallien, Spanien und AFrica nicht kennt. Bezeichnend ist noch, 
di& der aagebliche Stammvater des coDstantiaischen Hauses auch hier mit'eiaer 
«iNaveUea Nabearelle bedaebt wird. DIeie aiebtaerriltetay eaadera darebgettliebte 
MUaif wirdviniig beseitigt werdeaaSssea; die Beriebte eiaeneita beiZotinai» 
Mderencitsdar aaa eiaer geMieeiebalkUebea Qaelle eebSpfeadea Lateiaer Vieter 
lidBetrepiiiS, kurz undV.errüttet wie sie sind, kSonenjallein in Betracht kommen. 

') Postoaios Herrschaft dauerte zehn Jahre (S. 149 A. 2). Dafs im J. 259. 
«Ifr ältere Sohn des GaMienos bereits todt war, lehrt die Inschrift von Modeoa 
1. L. \|, 82t) : aiHo fiillt Postumus Abfall sicher iu oder vor dieses Jahr. l)<-i die 
fiefiageBBabme des Tetricas nicht wohl später als 272, unmittelbar nach der 
svailea Expedition gegeo Zeoobia, angesetzt werdeo kean aad die drei gaUisebea 
■imcber Peetawaa 10, VlcUriaas 2 (Batrafhu 9, 9), Tetrieai 2 (Vietor ZU} 
Jib« legiert bebea, ae briagt diee Peetawae Abfiill etwa aaf 259t daeb tiad 
dergleichen Zeblea hlalg etwas verschoben. Wenn die Daaer der Ger- 
MamSge ia Spanien nnter Gallienus aaf 12 Jahre bestimmt wird (Orosias 
^» 41, 2), so scheint dies nach der hieronymisehen Chronik (»bernächlich be- 
redtaet zu sein. Die öblicben gcnanea Zahlen sind unheglaubigt ond tauschend. 



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152 



AGBTB8 BOOH. lAMfSL IT. 



der damalige Hermcher Galfiene Tetricue, eeloer undaaUiarai Rdle 
mflde, aelbst daiu gethan hatte, daH aeine Truppen aich dem voas 
rtmiachen Senat anerkannleo Kaiaer Aureliaaua «mterwarfen, konnte 

wieder daran gedacht werden den Germanen zu wehren. Den Zügen der 
Alamamien, die fast ein Jaiirzehend hindurch das obere Italien bis nach 
Ravenna hinab heimgesucht hatten, setzte dersellnj tüchtige Herrscher, 
der Gallien wieder zum Heich gebracht lialte, für lange Zeit ein Ziel 
und ?«('lilug an der oberen Donau nachdrücklich einen ihrer Stämme, 
die Jutbuugen. Hätte sein Regiment Dauer gehabt, so würde er wohl 
auch in GaUien den Grenzschutz erneuert haben ; nach seinem baldigen 
und jähen £nde (275) flberechritten die Germanen abermals den Rhein 
Mbw« und verheerten weit und breit das Land. Sein Nachfolger Probiia(aeit 
276), auch ein tüchtiger Soldat, warf sie nieht iilola wieder hinana — 
aiebxig Städte aoli er ihnen abgenomnien haben — ^ aondern ging aneh 
wieder angreifend vor, übenchriu den Rhein und trieb die Deutachen 
über den Neckar surfick; aber die Linien der firäheren Zeit erneuerte 
er nicht*), aondem begnügte sich an den wichtigeren RheinpoaitioDen 
Brückenkftpfe auf dem anderen Ufer einiurichien und lu lieaetien — 
das heüjit er kam etwa auf die Einrichtungen turfick« wie aie hier fur 
Vespasian bestanden hatten. Gleichzeitig wurden durch seine Feld- 
herren in der nördlichen Provinz die Tranken niedergeschlagen. Grufse 
Massen der über\N undenen Germanen wurden als gezwungene Ansiedler 
nach Gallien und vor allem nach Uritanuien gesandt, lu dieser Weise 
wurde die Kheingrenze wieder gewonnen und auf das spätere Kaiser- 
reich übertragen. Freilich war wie die Herrschaft am rechten Rhein- 
ufer so auch der Friede am linken unwiderbringlich dahiu. Drohend 
Standen die Alamannen gegenüber Basel uud StraJsburg, die Franken 
gegenüber Köln. Daneben melden sich andere St&mnie. Dafs auch die 
Burgundionen, einst jenseit der Elbe sefshafl, weatwirta vorrückend 
bis an den oberen Main, GaUien bedrohen, davon ist zuerst unter Kaiser 
Probus die Rede; wenige Jahre später beginnen die Sachsen in Ge- 

NmIi dam Biographsa c 14. 16 hat Prokas ik GinHiMe im nekUm 
BhMJiitfen im AUuMfiglLdt fcbfMkt, io M ii« iw BtoMre tribtttpBkMg 
siod ud die GrepM für sie v«rtkeiiUgea (omum imm tarbari wMs mrmii^ 
«oMt kam tenriunt el eonira interiore* gentet miUlanl); das Hecht der VVaffso- 
fShroDg wird ihnen vorläufig gelassen, aber darau gedacht bei weiteren Erfolgen 
die Grenze vorzuschieben oad eine Provinz Geruiauieo eiozurichten. Auch 
als freie Pliuntasieii eines Römers des vierten Jahrhunderts — mehr ist es 
nicht — habeo diese Aeufseruugea ein gewisses Interesse. 



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MS B5MJSCHE GEaMANlKN UIfJ> DIE FBEIEK GEBMAMBN. 



153 



meinsrhaft mit tieii Franken ihre Angrifle zur See aut die j:;illische 
Nordküste wie auf das römische Uritannien. Aher unter den i^röfsten- 
Ibeils tüchtigen und fähigen Kaisern des diocletianisch-constantinischen 
Hauses und noch unier den nicbsten >'achfolgerD hielt der Römer die 
dnbende Vülkerflutb in gemeisenen Schranken. 

Die Germanen in ihrer nationalen Entwickelung danasCellen ist 
■iebl die Aufgabe des Gesehiehtschretbcrs der Rftmer; f&r ihn er- ötrawa««! 
seheinen sie n«r hemmend oder auch serstArend. Eine Durchdringong 
der beiden Nationalititen und eine daraus herforgehende Miscbeultur, 
wie das romanisirte Keltenhnd, bat das römische Germanien nicht auf- 
ssweiseo oder sie ßUt für unsere AuflSusung mit der römisch-galfisehen 
■m so mehr lusammen, ab die Uingere Zeit in römischem Besitz ge- 
bliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufor durchaus 
mit keltischen Elementen diirthsftzt waren und aucli die auf dem 
rechten, ihrer ursprünglichen Bevülkernnf; fTröfstenlheils heraubl, die 
MehiTiahl der neuen Ansiedler aus Gallien crliiellen. Ilcm germanischen 
Element fehlten die comniunalen ('eiitren, wie sie das Kellenllium zalil- 
reich besafs. Theils deswegen, theils in Folge äufserer L inslände konnte, 
wie schon hervorgehoben worden ist (S. 92), in dem germanischen 
Osten das römische Element sich eher und voller entwickeln als in den 
kdtiscIieD Gegenden. Von wesentlichem Eintlufs darauf sind die 
Heerlager der Rbeinarmee geworden , die alle auf das römische Ger- 
manien fidlen. Die grösseren derselben erhielten theils durch die Handek- 
leole, die dem Heere sich anschlössen, theils und ror allem durch die 
Teteianen, die hi ihren gewohnten Quartieren auch nach der Entlassung 
lerfaliebeo, einen städtischen Anhang, eine von den eigentlichen MilitSr- 
quartieren geaonderte Budenstadt {amabae) ; fiberall und namentlich in 
Germanien sind aus diesen bei den Legionslagem und besonders den 
Hauptquartieren mit der Zeit eigentliche Stcid teerwachsen. An der Spitze 
steht die römische Ubierstadt, ursprunglirli das zweitgröfste Lager der 
niederrheinischen Armee, dann seil dem J. r)0 römische (lolonie (S.90) 
und von hedeutendster Wirksamkeit für die Hehungder römischen Civili- 
sation im liheinland. Hier wich die I.ngerstadt der römischen IMlanz- 
Stadt; späterhin erhielten ohne Verlegung der Trn|>]»en Stadlrecht die zu 
den beiden groijseu unterrheinischen Lagern gehörenden Ansiedlungeii 
ülpia Noviomagus im Bataverland und Ulpia Traiana bei Vetera durch 
Traianns, in dritten Jahrhundert die Miliulrhauptsladt Obergermaniens 
Mogontiacom. FVeüich haben diese GiviJstädte neben den davon unab- 



Üiyilizeü by CjüOgle 



154 



ACHTES BUCI. lAPITfiL IT. 



liäiigigen militärischen Verwaltungscentren immer eine utftfjgcofdBBte 
Stellung behalten. 

jjjjj^ Blicken wir über die Grenze hinüber, wo diese Erzählung ab- 
»nng. schliefst, so begegnet uns allerdings anstatt der Romanisirung der Ger- 
manen gewissermafsen eine Germanisirung der Romanen. Die letzte 
Phase des römischen Staats ist bezeichnet durch dessen Barbarisirung 
und specieli dessen Germanisirung; und die Anfänge reichen weiter 
lurück. Sie beginnt mit der Bauerschaft in dem Colonat, geht weiter 
zu der Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfUlBt dann die Offi- 
liere und Beamte und endigt mit den römiich-germanisclMii MiedH* 
Staaten der Weatgothen in Spanien nnd Gallien, der Vandalen in Afriea, 
▼or allem dem Italien TlwoderichB. Fflr das Yeratindnilii dieser ktaten 
Phase bedarf es allerdings der Einsicht in die staatliehe Entwicketang 
der einen wie der anderen Nation. Freilich steht in dieser Bemehnng 
die germanische Forschung insofern im Nachtheil, als die staatfichen Ein- 
riehtungen, in welche diese Germanen dienend oder mitherrschend ein- 
traten, wohl bekannt sind, weit besser als die pragmatische Geschiclile 
der gleichen Epoche, während über den gleichzeitigen germanisclien 
Zuständen jenes Morgengrauen liegt, in welchem die scharfen Umrisse 
verschwimmen. Das deutsche Heidenthum ist, vom fernen Norden 
abgesehen, vor der Zeit unserer Kunde untergegangen und die 
religiösen Elemente, weiche in keinem Volkskrieg fehlen, kennen wir 
wohl für die Sassaniden, aber nicht für die Marcomanen. Die 
Anfänge der staatlichen Entwickelung der Germanen schildert uns 
theils die schillernde und in der Gedankenschablone des sinkenden 
Alterthums befangene, die eigentlich entscheidenden Momente nur sn 
oft verschweigende Darstellung des Tacitus, theils mAssen wir sie den 
auf ehemals römischem Boden entotendenen tiberall mit rtaischen De- 
menten durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. Wie das Volk und 
der VMkerbund, wie Ktaig und Adel, wie Freiheit und Unlireihäi in 
denjenigen Kreisen gestaltet waren, aus denen Arminius und Theoderich 
hervorgegangen sind, das liegt uns nicht mit der gleichen Bestimmt- 
heit und Schärfe vor, wie die gleichzeitigen Verhältnisse der altern- 
den Civilisation, mit welcher jene Jugendkraft rang und mit der gemein- 
schaftlich sie, überwindend und überwunden, die neuere Culturwelt 
ins Leben rief. Wie immer die Forschung versuchen möge auch in die 
germanischen Anfange die Fackel zu tragen, unsere Anschauung wird 
die beiden Gegner niemals mit gleicher Ansdiaulichkeit erfassen. 



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KAPIISL V. 



BRlTAi\MEN. 

SiebenondDeimsig Jahre waren vergangen, seitdem rdmische c*««»r nnd 
TmppeD das grolSM Inselland im nordwesülcben Ocean betreten und^i^SbS^ 
unterworfen und «riederom Terlassen betten, bevor die rdmisdie Re- 
giemng sich entscblors die Fahrt in wiederholen und Britannien 
Ueibend in besetaen. Allerdings war Caesars britannische Expedition 
nicht btob, wie seine Züge gegen die Germanen, ein defensiver Vorstob 
gewesen. So weit sein Arm reichte, hatte er die einzelnen Völker- 
schaften reiclisunterthänig gemacht und ihre Jaliresnbgahe an das 
Reich hier wie in Gallien geordnet. Auch die führende Völkerschaft, 
welche durch ihre bevorzugte Stellung fest an Rom geknüpft und 
somit der Stützpunkt der rumischen Herrschaft werden sollte, war 
gefunden: die Trinovanten (Essex) sollten auf der keltischen Insel 
dieselt>e mehr vortheilhafle als ehrenvolle Holle übernehmen wie aut 
dem gallischen Conlinent die Haeduer und die Hemer. Die blutige 
Fehde swiscben dem Fürsten Cassivellaunus und dem Fürsten- 
baas Ton CamaloduDum (Colchester) hatte unmittelbar die römische 
Invasion herbeigeführt; dieses wieder einzasetzen, war Caesar ge- 
landel und der Zweck ward für den Augenblick erreicbt. Ohne 
Zweifel hat Caesar sich nie darüber getiuseht, dafs jene Tribute ebenso 
wie diese Schutsherrschaft sunSchst nur Worte waren; aber diese 
Worte waren ein Programm, das die bleibende Besetzung der Insel 
dnrch römische Truppen herbeüfthren mnftte und herbeifOhren sollte. 

Caesar selbst kam nicht daiu die Verfailtnisse der unterworfenen 
Insel bleibend zu ordnen; und Ar seine Nachfolger war Britannien 
eine Verlegenheit. Die reichsnnterthänig gewordenen Britten ent- 
richteten den schuldigen Tribut pewifs nicht lange, vielleicht überhaupt 
uiemals; das Frotectoral über die Dynastie von Camalodunum wird 



156 



ACHTES BUCH. lUPlTHL V. 



noch \venif;er respectirt worden sein und hatte lediglieh zur Folge, dafe 
Fürsten und Prinzen dieses Hauses wieder und wieder in Rom er- 
schienen und die Intervention der römischen Regierung gegen Nach- 
baren und Rivalen anriefen — so kam König Duhnovellaunus, wahrschein- 
lich der Nachfolger des von Caesar bestätigten Trinovantenfürsteu, als 
Flüchtling nacli Rom zu Kaiser Augustus, so spater einer der PriDien 
desselben Hauses zu Kaiser Gaius 

In derThat war die Expedition nach Britannien ein notliwendiger 
Theil der caesarischen Erbschaft; es hatte aw^ schon während der 
Zweiherrschafl Caesar der Sohn zu einer solchen einen Anlauf ge- 
nommen und nur davon abgesehen wegen der dringenderen Noth- 
wendigkeit in IU|ricum Ruhe zu schaffen oder auch wegen des ge- 
spamilen Verhiltniases zu Antonius, das zunichst den Pulhem sowohl 
wie den Britannem zu Statten kam. Die hftfischen Poeten ans 
Augustus ArAheren lehren haben die britannisehe Eroberung Tiei- 
fkch anticipirend gereiert; das Programm Caesars also nahm der 
Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie teststand, erwartete 
ganz Rom, dafs der Reendigung des Rürgerkrieges die britannische 
Ex|)edition auf dem Fufse folgen werde; die Klagen der Poeten über 
den schrecklichen Hader, ohne welchen längst die Britanner im Sieges- 
zug zuni (Inpitol geführt worden wären, verwandelten sich in die stolze 
Hoflnung auf die neu zum Reich hinzutretenden Provinz Rrit;uinien. 
87 Die £xpediüon wurde auch zu wiederholten Malen angekündigt (727. 

*) Allem Ausiheiu uach siud die politischen Kelaliüuen rwischeu Koui 
and Britaoaicn iu der Zeit vur der KruberuuK we.seutlich auf das > ou Cae&ar 
wi«4irker^teUte ud § «raotirt« (b. 6. 5, 22) Fürsteothom der Trinovaoteo zu 
besiabeo. DaTt RSoig OnbBovelhiOBOs, der nehtt eben aedera gaas «abe* 
kaaatea Britaaaerfarttea bei Aaf oataa Sebets aaebte, baaptaieUieb ia Baaex 
befrachte, zeigen seine Münzen (awia noa. Aacyr, 2. Ansg. p. 138 fg.). Die bri- 
tanoischeo Fürsteo, die den Aagostus beschickteo und seine Oberherrscbaft 
ODCM kauulea (deuu su scheint Strabuu 4, 5, 3 p. 200 gelaiüt >Verden za mässen: vf;l. 
Taiitus aun. 2, 24), haben wir auch zunächst dort zu surhrii. Cuuobi-liuus, 
nach den Müuzen der Sobo des Honigs Tasciuvauus, von dem die Geschichte 
aebweigt, geaterbea, wie et teheiut bejahrt, zwiadien 40 uad 43, im Regiment 
alaa wahraabaialieb daai apitarea d«a Aagaataa ud daaao daa Tlberiu 
«ad Gaiaa parallel gebead, reaidirle ia CaaMibdaanm (Dia 60, 31); 
iba nad am aeine Söhne dreht sich die Vorgeschichte der Invasion. Wohin 
BericQS, der zum Claudius kam (Uio 60, 19), gehört, wissen wir nicht, und es 
inög^en auch andere brittischc Dynasten dem Beispiel derer vea Colcbaater 
gefolgt sein} aber an der Spitze stehen diese. 



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BUTAinaBf. 



157 



72S); dennoch stand Augustus, ohne das Unternehmen fTtrmhch fallen m 
zu lassen, bald von der Dtirchluhning ab, und Tiberius hielt seiner 
Miiiine getreu auch in dieser Frage an dem System des Vaters fest^). 
Die nichtigen Gedanken des letzten jiüischen Kaisers tchivieiCten wohl 
«■eh Ober des Oeeao hinüber; aber emUe Dinge Tennocbte er nicht 
cmuMl n pliMii. Eni die Regierung dee Cbadioe nahm den Plan 
dee Oielftloffs wieder auf luid fikhrte ihn dnth. 

Welche Motife nach der eines wie nach der andern Seile hin be- n»^ Fnr nn.i 
atinraiend waren« UUkt aich tbaüweiae wenigalena eritennen. Augustus 
aclfast hat gelteml genaehl, da& die Beeetiung der faiael mihariach 
nicht DflChig sei, da ihre Bewohner nicht im Stande aeien die Römer 
auf dem GantiMOt m belietigen, und fOr die Finannn nicht toriheil- 
hafl; was ans Britannien zuziehen sei, (Herse in Form des Einfuhr- und 
Ausfuhrzolles der gallischen Häfen in die Kasse des Reiches; alsBesalziing 
werde wenigstens eine Legion um! etwas Reilerei erforderlich sein und 
nach Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel nicht 
viel übrigbleiben'). Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch 
keineswegs genug; die Erfahrung erwies später, dafs eine Legion 
bei weitem nicht ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen 
ist, was die Regierung zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, 
daft bei der Schwäche des römischen Heerea, wie sie durch die in- 
nere PoUiÜL Angoala einmal herbeigeführt war, es sehr bedenklich 
erachekien muftle einen erheblichen Bruchlheil deaaelben ein Ihr alle- 
mal auf eine ferne Inaei des Nordmeera an bannen. Man halle ?er- 
mnlhlidi nnr die Wahl Ton Britannien abanMchen oder de&wegen daa 
Beer ni vermehraa; vnd bei Augnatoa hat die Rilckaieht anf die innere 
Politih alela die anf die iuAere Aberwogen. 

Aber dennoch mnfii die Uebeneugung von der Noihwendigkeit 
der Unterwerfung Brilanniena bei den rAmischen Staalamfonem Yor- 
ge w og e a haben. Gaeaara Verhalten wflrde nnbegreifüch sein, wenn 
man sie nicht bei ihm Yoraussetzt. Augustus bat das von Caesar ge- 



*) TkicitM Agr. 13: emtUium id dftm jiuguHtu voeabat^ Tibutim 

*) Die AaseiMBdtrteltaBg bei Siraboo 2, 5, 8 p. llft. 4» fi^ 3 p. 300 § i«bt 
oiHber die gvcveniMBtala Version. Dafs oaeh Biatlahaag dar faael der 
fraia Verkehr aod damit dar Brtrag dar ZSlIe sinkea werde, mafs wohl als 
Eiagestäodaifs des Satzes geDommen werden, Anh die römisrhe llorrsrhaft and 
dia rtfaiacbaa Tribata daa WoMttaod der ÜBterthaoea berabdriickteo. 



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158 



ACHTES BUCH. KAFITBL 



steckle Ziel trou seiner Unbequemlichkeit zuerst förmlich anerkaont 
und niemals törmlich Terleugnet Gerade die weitsichtigsten und 
folgerichtigsteD R^gieruiigeii, die des Claudius, des fiero, des Domidaii 
haben su der Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie er- 
weitert; und sie ist, nachdem sie erfolgt war, nie betrachtei worden 
wie etwa die traianische von Duden und Mesopotamien. Wenn die 
sonst so gut wie unTerbrAchlich festgehaltene Regierungsmaxime, dalli 
das rt^misehe Reich seine Grenaen nur lu erfliUen, nicht aber auszu- 
dehnen habe, allein in BetrelT Britanniens dauernd bei Seite gesetzt 
worden ist, so Uegt die Ursache darin, dafs die Kellen so, wie Roms In- 
teresse es erheischte, auf dem Continent allein nicht unterworfen wer- 
den konnten. Diese iNaliun war allem Anschein nach durch den schma- 
len Meeresarm, der England und Frankreich trennt, mehr verbunden 
als geschieden; dieselben Völkernamen begegnen hüben und drüben; 
die Grenzen der einzelnen Staaten grilfea öfter über den üanal iiin- 
über; der Uauptsitz des hier mehr wie irgendwo sonst das ganze 
Volksthum durchdringenden Priesterlhums waren ?on je her d^ In* 
Sehl der Mordsee. Den römischen Legionen das Festland Galliens lu 
entreüiMn vermochten diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der 
Eroberer Galliens selbst und weiter die römische Regierung in GalUen 
andere Zwecke Yerfolgte als in Syrien und Aegypten, wenn die Kel- 
len der italischen Nation angegliedert werden sollten, so war diese 
Aufgabe wohl unausführbar, so lange das unlerworiBne und das fireie 
Keltengebiet über das Meer hin sich berührten und der Rümerfeind wie 
der römische Deserteur in Britannien eine Freistall tand^). Zunächst 
genügte dafür schon die Unterwerfung der Südküste, obwohl die 
Wirkung natürlich sicli steigerte, je weiter das freie Keltengebiet 
zurückgeschoben ward. Claudius besunderellücksiciitauf seine gallische 
iieimath und seuie Kenntnifs gallischer Verhältnisse mag auch hierbei 
mit im Spiel gewesen sein'). Den Aulals zum Ikriege gab, daljs eben 

*) Alt UrtMbA dM Krieges giebt S«<loi Claad. 17 aat Br&emdam Ivne 
tumttlbunUem ob non nüüo» tmufvgMf was 0. Hirtehfeli alt Redt ia 
Vcrbiidaoy brlogt mit Gai. 44: jtdmitdd CunoMÜni BrUmmmmm ngü fün, 

qui pulsus a patre cum exigtui manu trafufugerat, in deditionem recepto. 
Mit dem tumultari werden wohl weui^steus beabsichtigte Plünderfahrteu uach 
der ^'alliäcbea Küste gemeint Min. (Ju den Berieiu (Oio 60, 19) ist d«r Krieg 
gewil's uicht geführt v^nrdeu. 

>) Ebenso war Mona nachher rweylaculum ^orfugurum (Tacitus «iio. 
14, 29J. 



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159 



diqeiiige FAnlSDthaoi, wefebes von Rom in einer gewissen Ab- 
hiiigi|keit stand, unter der FAbrnng seines Königs Cnnobelinus — es 
ist dies ShaluBpeares CymbeBne — seine Herrschaft weit aasbreitete*) 
und sieh von der rftmisehen Sehntdierrschaft emancipirte. Einer der 
Söhne deeselben, Adminius, der gegen den Vater sieh aufgelehnt hatte, 
kam schutabegebrend suro Kaiser Gaius, und darüber, dals dessen 
Nachfolger sich weigerte dem britlischen Herrscher diese seine Lnter- 
tbanen au>zulierern, enUpann sich der Krieg zunächst gegen den Vater 
und die Briider dieses Adminius. Der eigentliche Grund desselben 
freilich war der uiierläfshche Abschlufs der Unter werfuug einer bisher 
nur halb hesieglcii eng zusammenhaltenden Nation. 

Dafs die Besetzung Britanniens nicht erfolgen könne ohne gleich- MiiitahMiia 
zeitige Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht der- 
jenigen Staatsmänner, die sie veranhifsten ; es wurden drei der m^d^w 
Rhein', eine der Donaulegionen daiu bestimmt'), gleichzeitig aber zwei 
neu errichtete T.egionen den germanischen Heeren zugetheilt. Zum 
Führsr dieser luipedition und zugleich zum ersten Statthalter der Pro- 
vhis wurde ein t&cfatiger Soldat, Anius Plaulius ausersehen; sie gmg 
hu i. 43 nach der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig, 
wohl mehr wegen der Verbannung auf die ferne Insel als aus 
FMit for dem Feinde. Einer der leitenden Mftnner, fielleicbt die 
Sode des Unternehmens, der kaiserliche Kabinetssecretftr Nardssus 
wollte ihnen Huth einsprechen — sie liellMn den Sdaven vor höhnen- 
dem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber tbaten wie er wollte und 
schifften sich ein. 

Besondere Schwieriiikeit hatte die Besetzuni; der Insel nicht. Die verUu/ de« 
angeborenen standen politisch wie inililärisch aul ilersellieii niedrigen 
Enlwickelungsstutü , welciie Caesar auf der Insel vorgelunden halte. 
Könige oder* Königinnen regierten in den einzelnen flauen, die kein 
iufseres Band zusammensdilols und die in ewiger Fehde mit einander 

') Ticitu aio. 12, 37: plwiku gmübut imforiUmUm. 

*) Di« drti Lofioaea vom Rheio sind die 2. Aoguita, di« 14. und 
die 20.; tos pMBoaien kam die 9. apaaisehe. OieaeEtea vier Legiuueo 
»tanden dort aedl za Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die 14. 
•b zom Kriege gegen Civilis und diese kam nicht zurück, dafür aber wahr- 
schciolich die 2. adiutrix. Diese ist vcrmuthlicli unter Uoinitiau nach Pau- 
»OBiea verlegt, unter Hadrian die 9. aufgelöst und durch die 6. victrix ersetzt 
«erdca. Die beideo aodereo Legioaea 2. AugosU und 20. labea von Aofaaf 
M< tm Bade der RSaeriMrrselMft In Bagtaad geaUadea. 



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160 



ACHTI8 BUCH. KAPITBL T. 



hgen. Die Maunscliaflen waren wohl von ausdauernder Kurperkrafl 
und von todesferachtender Tapferkeit und namentlich tüchtige Reiter. 
Aber der homerische Streitwagen, der hier noch eine Wirklichkeit war 
und auf dem die FArsten des Landes selber die Zügel flUirteu, liielideii 
geacbloasenen r&miacben Reiterschwadronen ebenio wenig Stand wie 
der bftnteriat ohne Panier und Helm, nur durch den kleinen Schild 
vertheidigt, mit aeinem knnen Wurbpieas und aeinem breiten Schwert 
im Nahkampf dem kunen rftmiachen Meaaer gewachaen war oder 
gar dem schweren Pllum des Legionäre und dem SchleuderUei und 
dem Pfeü der leichten römischen Truppen. Der Heermasse von etwa 
40 000 wohlgescliLilteu Soldaten hatten die Eingeborneii überall keine 
entsprechende Abwehr entgegen zu stellen. Die Ausscbiirung traf 
nicht einmal auf Widersland; die Britten hallen Kunde von der 
schwierigen Stimmung der Trupi)en und die Landung nichl mehr er- 
wartet. König Cunobelinus war kurz vorher gestorben-, die Gegenwehr 
führten seine beiden Söhne Caratacus und Togodumnus. Der Marsch 
des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum gerichlei*) und in 
raachem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; hier wurde Hali 
fsmaebt, vielleicht hauptsächlich um dem Kaiser die Gelegenheit an 
geben den klebten Lorbeer persönlich su pflücken. Sobald er eintraf; 
ward der Flufk flberachritten, das brittische Aufgebot geschlagen, wobei 
Togodumnua den Tod bnd, Camalodunum selber genommen. Wold 
setsla der Bruder Caratacus den Widerstand hartnäckig fort und ge- 
wann sich siegend oder geschlagen einen stoben Namen bei Fireund 
und Feind ; aber das Vorschreiten der RAmer war dennoch unaufhalt- 
sam. Ein Fürst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt — 
elf brittische Könige nennl der Ehrenbogen des Claudius als von ihm 
besiegt; und was den römischen Waffen nicht erlag, das ergab 
sich den römischen Spenden. Zahlreiche vornehme Mfinner nahmen 
die Besitzungen an, die auf Kosten ihrer f^andsleule der Kaiser ihnen 
verlieh; auch manche Könige fugten sich in die bescheidene Lehn- 
stellung, wie denn der der Regner (Chichester) Cogidumnus und der der 
Icener (Norfolk) Prasutagus eine Reihe von Jahren als Lehnfürsten 
die Herrschaft gefükhrt haben. Aber in den meisten Districten der bis 

Die nur aof bedenkliche Kraendationea gestützte Ideotiticatioa der 
Boduoer uod Ciatuellaoer bei Oio 60, 20 mit Völkerschaften ühalichea IHamenf 
M Ftolemieai kipn Bi«hlriektif ■«!■; di«M ente« Kämpfe aiitea swiichMi 
der Riste vDd der Th«WM ■tattg«fiindM hebe«. 



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AaiTAIUfUUl. 



161 



dahin durchgängig monarchisch regierten Insel führten die Eroberer 
ihre Gemeindeverfassung ein und <^aben was noch zu verwallen bheb 
den örtlichen Vornehmen in die Uand ; was denn freilich schUmme 
Parteiungeo und innere Zerwürfniaie im Gefolge hatte. Noch unter dem 
cnlen Statthalter scheint das gesammte Flachland bis etwaium Humber 
hinauf in römische Gewalt gekommen zu sein; die Icener zum Beispiel 
Umb beraitt ihm aicli erfelMii* Aber nicht bloCimildem Schwerlhabn- 
toi die RaoMraieh den Wog. ünaitlulhir nach der Einnahme wurden 
nack fiiMWhmnm Veteranen ^eflUirl und die erste Stadt römiacber 
OrdDuag nnd rtaiechen BArgerrechta, die 'daudiache Siegeacolonie' 
in Rritanaien gegründet, bestimmt rar Landesbauptatadt Unmittelbar 
nachher begann auch die Ausbeutung der luritannischen Bergwerke, 
namentlich der ergiebigen Bleigrut>en; es giebt britannische Blei- 
harren aus dem sechsten Jahre nach der Invasion. Offenbar hat in 
gleicher Schleunigkeit der Strom römischer Kaufleute und Industrieller 
sich über das neu erschlossene Gebiet ergossen; wenn Camalodunum 
römische Colonisten einpfing, so bildeten anderswo im Süden der Insel 
namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in Verulamium 
(St. Albans nordwestlich von London) und tot allem in dem naiür- 
lieben Emporium des Grofsverkehrs, in Londinium an der Themse- 
mflndung blola in Folge des freien Verkehrs und der Einwanderung sich 
fiasieche Ortachaiten, die bald auch formell atidtische Oiganisation 
erluellCB. Die ? ordrioiende Freadherrsehaft machte nicht blolk In den 
neiw Abgaben und Aushebungen, sondern fielleicbt mehr noch in 
Bändel «nd Geweibe Aberall sich geltend. Als Plautius nach neijShriger 
Ver— Itwug abberufen ward, log er, der letite Prifate, der sn solcfaer 
Ehre gelangt ist, triumphirend in Rom em und Ehren und Orden 
strömten herab auf die (Uliziere und Soldaten der siegreichen Legionen; 
dem Kaiser wurden in Korn und danach in anderen Städten Triumph- 
bogen errichtet wegen des 'ohne irgend welche Verluste' errungenen 
Sieges; der kurz vor der Invasion geborene Kronprinz erhielt anstatt 
des grofsväterlichen den Namen Britanniens. Man wird hierin die un- 
mihtäriscbe, der Siege mit Verlust entwöhnte Zeit und die der poUti- 
schen Altersachwiche angemessene Ueberschwenglichkeit erkennen 
dikrfen; aber ivenn die Invasion Britanniens vom militärischen Stand- 
punct aus nicht viel bedeuten will, so muCs doch den leitenden Männern 
dasZenpiift gegeben werden, dal^ sie das Werkin energischer und folge- 
richtiger Weise angriffm und die peinliche und gefohrfoUe Zeit des 



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162 



AGITB8 BUCH. EAPRBL V, 



Uebergangs von der Unabhängigkeit zur Fremdherrachafi in BriUimieii 
eine ungewöhnlich kurze war. , 

Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten |auch hier 
sich die Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Beeetzwig 
der Insel nicht bloll den Eroberten bracfate, sondern auch den Er- 
oberem. 

widertiMd Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des 

Ib Wart- 

MnaafaB. Meeres. Vor allem der Westen machte den Römern zn schalfon. Zwar 
im SuflMrstenSfldwest, im heutigen GomwaU hielt sich das alte Yoln- 

thum wohl mehr, weil die Eroberer sich um diese entlegene Ecke 
wenig kümmerten als weil es geradezu sich gegen sie auflehnte. Aber 
die Siluren im Süden des heutigen Wales und ihre nördUchen Nach- 
baren, dieOrdoviker, trotzten beharrlich den römischen Waffen; die den 
letzleren anliegende Insel Mona (Anglesey) war der rechte Heerd der 
nationalen und reUgiösen Gegenwehr. Nicht die Bodenverhältnisse 
allein hemmten das Vordringen der Römer; was Britannien für Gallien 
gewesen, das war jetzt für Britannien und insbesondere für diese 
Westküste die grofse Insel Ivemia; die Freiheit drüben liels die 
Firemdherrschaft hüben nicht feste Wurzel lkssen. Deutlich erkennt 
man an der Anlegung der Legionslager, dab die Invasion hier znm 
Stehen kam. Unter Plautius Nachfolger wurde das Lager für die vier- 
zehnte Legion am Einflulk dtfi Tem in den Sewn hei Viroooninm 
(Wrozeter unweit Shrewsbury^) angelegt,) vermuthlich um dieselbe Zeit 
südlich davon das von Isca (Caerleon = eoitra (e^tVmts) für dk sweile, 
nördlich das von Deva (Chester = casträ) für die zwanzigste ; diese 
drei Lager schlössen das wallisische Gebiet ab gegen Süden, Norden und 
Westen und schützten also das befriedete Land gegen das frei ge- 
bliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem seine Heimath römisch 
geworden war, der letzte Fürst von Camalodunum Caratacus. £r wurde 

*) Tadtof ann. 12, 31 : (P. Otitrius) amtia ea*M* «tf . . jitonoM Qähtt- 
liefert iit eoiirit animtam) at Surinam fMM «okAen parmL So bt Uer 
berzusteliea, aer dafs der sonst nicht aberlieferte Name des Flnsses Tem 
aieht er^nzt werden kann. Die einsi^en in England gefundenen Inschrifkea 

von Soldaten der 14. LegioD, die unter Nero England verliefs, sind in Wroxeter, 
dem sogenannten 'englischen Pompeii', zum Vorschein gekommen. Da dort sich 
auch die Grabschrift eines Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus 
bezeichnete Lager vielleicht aufängüch beiden Legionen gemeinsam und ist die 
20. erat apiter Mab lleira gekonaea. 0afii daa Lager Iwi bea gMei Back 
dar laraaioB aagilagt ward, geht am Taaitaa 12, 32. 38 harver. 



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BRITAHmBN. 



163 



▼OD dem Nachfolger des Plaatim, Publioi Oelorittfi Scapak im Ordo- 
fikergefaiet geseUagen und bald darauf Ton den geadureeklen Briganten, 
itt denen er geflAcfatet irar, den Rftmem ausgeliefert (51) und mit all 
den Seinen nach Italien gelUirt Verwundert fragte er, als er die stolae 

Stadt sah , wie es die Herren solcher Paläste nach den armen Hfltten 
seiner Heimath verlangen könne. Aber damit war der WesUui keines- 
wegs bezwungen ; die Siluren vor allem verharrten in hartnäckiger 
Gegenw ehr, und dafs der romische Feldherr ankündigte, sie bis auf den 
letzten Mann ausrollen zu wollen, trug auch nicht dazu hei sie fügsamer 
zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius PauUiuus 
versuchte einige Jahre später (61) den Uauptsitz des Widerstandes, die 
Insel Mona in römische Gewalt zu bringen und trotz der wüthenden 
Gegenwehr, welche ihn hier empGng und in der die Priester und die 
Weiber Torangingen, fielen die belügen Bäume, unter denen mancher 
rftmische GeAngene geblutet hatte, unter den Aeiten der Legionare. 
Aber ansder Beselaung dieses leisten kufiM der keltischen Priesterschaft 
entwickelte sich eine gefllhrliebe Krise in dem unterworfenen Gebiete 
settiel, und die Eroberung Monas su Tcdlenden war dem Statthalter 
ideht beschieden. 

Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der Boadiec^ 
nationalen Insurreclion zu bestehen. Was Mithradates in kleinasien, 
Vert:iniietoi ix bei den Kelten des Conlinenls, Civilis bei den unter- 
worfenen (iermanen unternahmen, das versuchte bei den Inselkellen 
eine Frau, die Gattin eines jener von Rom bestätigten Vasallen- 
lürsleu, die Königin der Icener Boudicca. Ihr verstorbener Gatte 
hatte, um seiner Frau und seiner TAchter Zukunft zu sichern, seine 
Herrschaft dem Kaiser Nero vermacht, sein Vermögen zwischen ihm 
und den Seinigen getheilL Der Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was 
ihm nicht snftJlen s«dlte, dasu; die fürstlichen Vettern wurden in 
Ketten gelegt, die Wittwe geschlagen, die Töchter in sehindlicherer 
Weise milbhandelt Duin kam andere Unbill des q^teren nenmischen 
Rcgimants. Die in Gamah>dunum angesiedellen Veteranen jagten die 
frAheren Besitier ron Haus und Hof, wie es ihnen beliebte, ohne dafs 
die Behörden dagegen einschritten. Die vom Kaiser Claudius verliehenen 
Geschenke wurden als widerrufliche Gaben eingezogen. Römische 
Minister, die zugleich Geldgeschäfte machten, trieben auf diesem Wege 
die britannischen Gemeinden eine nach der anderen zum Bankerott. 
Der Moment warjgönstig. Der mehr tapfere^als vorsichtige Statthalter 



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164 



ACHTES ma. KAPITEL 



FauHinos beftmd sieb, wie gengt wurde, mit dem Eern der rOaii- 
achen Armee auf der entlegeneii Inael Mona, und dieaer Angriff aaf 
den befligaten Site der nationalen Religion erlntterle obenao die Ge- 
mOther wie er dem Aufttande den Weg ebnete. Der alle gewaltige 
Keltenglanbe, der den Römern so tfiel zu schaffen gemacht, loderte 
noch einmal, zum letzten Mal, in mächtiger Flamme empor. Die 
geschwächten und weilgetrennten Legionslager im Westen und im 
Norden gewährten dem ganzen Südosten der Insel mit seinen auf- 
blühenden römischen Städten keinen Schutz. Vor allem die Haupt- 
stadt Camalodunum war völlig wehrlos, eine Besatzung nicht vor- 
banden, die Mauern nicht vollendet, wohl aber der Tempel ihres 
kaiserlichen Stifters, des neuen Gottes Claudius. Der Westen der 
Insel, wahrscheinlich niedergehallen durch die dort stehenden Legionen, 
aeheini aich bei der Schilderhebung nicht betbeiligt zu haben und 
ebenso wenig der niebl botmUMge Norden; aber, wie daa bei lielliachen 
Anfeinden After vorgekommen iat, es erhob sich im h 61 auf die 
▼ereinbarte Loaung daa ganae übrige unterworfene Gebiet aoi einen 
Schlag gegen die FVemden, Yoran die ana ihrer Hauptatadt Tertriebenen 
Trinovanten. Der sweile RefeUababer, der zur Zeit den Scatthaher 
Tertrat, der Procurator Decianus Catus, hatte im letzten Augenblick, 
was er von Soldaten hatte, dieser zum Schutz gesandt: es waren 
200 Mann. Sie wehrten sich mit den Veteranen und den sonstigen 
waffenfähigen Römern zwei Tage im Tempel; dann wurden sie über- 
wältigt und was in der Stadt römisch war, umgebracht bis auf den 
letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des römischen 
Handels Londinium und eine drille aufblühende römische Stadl 
Verulaminm (St. Albans nordwestlich von LondonX nicht minder die 
auf der Inael zerstreuten Auslinder — es war eine nationale Vesper 
gleich jener mitbradatiachen und die Zahl der Opfer — angebüoh 
70000 — nicht geringer. Der Proonrator gab die Saehe Roma ver- 
hnren nnd flflehtete nach dem Gontinent Auch die rSinncbe Armee 
ward in die Kataatrophe Torwickelt Eine Anaahl leranrenter DcUehe- 
menta nnd Reaattungen eriag den Angriffim der inaurgenton. 
Qnintna Petilhua Gerialia, der im Lager Ten lindum den RefsUfilhrle, 
marscbirte auf Camalodunum mit der neunten Legion ; zur Rettung 
kam er zu spät und verlor, von ungeheurer Uebermacht angegriflen, 
in der Feldschlachl sein gesammtes Fufsvolk; das Lager er- 
stürmten die BriganteD. Es fehlte nicht viel, dals den obersten Feld- 



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BRlTAlfI«IBN. 



166 



hemi das fjbAht Schiekfil erraiebte. EiUg turOckkehrend Toa der 
IimmI Mona rief er die bä leee steiieBde iweüe Legiea herui; elMr tie 

gehorchte dem Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann mufsle 
PaulliniKs dew uii>^leichen kämpf gegen das zalilluse und siegreiche 
Insurgeulenheer aufnehmen. Wenn je der Soldat die Fehler der 
Führung gut gemacht hat, so war es an dem Tage, wo dieser kleine 
Haufen, baupUächlich die seitdem gefeierte 14. Legion, wohl zu seiner 
eigenen Ueberraschung den vollen Sieg erlocht und die römische Herr- 
schaft in Britannien abermals festigte; viel fehlte nicht, dafs Paul- 
ÜDus Name neben dem des Varus genannt worden wäre. Aber der 
Erfolg eDtecheidet, und hier blieb er den Römern^). Der eebul* 
dige Gomamdant der aaigebliebeoea Legioo kam dem Kriegegericht 
safor und etflnte aidh in aeio Scbvert Die KAoigin Boadioca 
trank den Gifibecher. Der ftbrigna tapfere Feldberr wurde swar 
■kbt in Untenucfaung geiegen, wie anibnge die Abeiebt der Regierung 
Bu sem icbien» aber bald unter eineai «ebicklicben Vorwaad ab- 
gerufcn. 

Die Unterwerfung der westJichen Theile der Insel wurde von 

Paullinus Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tüchtige wJi' 
Feldherr Sextus lulius Frontinus unter Vespasian zwang die Süuren zur 
AoerkennuDg der römischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus luUus 

*) BIm icbleehter« Relatioo alt die da« Tkdtu fiber diaMB Krieg 
14, 31— S9 ist selbst bei dietea «awilitirisehtlee aller Sokrlftitallar kaoai 
aefniedea. Wo die Trappen ittodeo «ad wo die Sehieeblie gelielirt 

worden, hSren wir nicht, dafür aber von Zeichea und Wundern fr^uu^ and leere 
Worte nur zu viel. Die wichtigeo Tbatsachen, die im Leben des Agricnla ."^l 
erwähnt werden, fehlen im Hauptbericbt, iosonderheit die Krstürmuiig dos 
Lagars. Dafs Paallinos von Mona iLommeod nicht bedacht ist die [KÖmer 
im SMart a e m reWaei taaiare sehe Truppen aa varainigen, begreift aieh, 
•bar «iabi^ warm er, weae er Iieedlainn aiCapfwa wolHa, delinrafee daUe 
■ereaUrt. lat er wirkliab dar^a gekoMMe, la kaae er aar alt aiaer 
persönlichen Bed^eag ohoe das Corps, das er aar Moaa bei lieh gehabt, dort 
aracbiaaaB sein; was freilich aaeh keinen Sinn hat. Das Gros dar rSnisehaa 
Trnppen, sowohl der von Mona zurürkpfrtihrlen wie der sonst noch vorhan« 
deuen, kaan nach Aufreibuog der neuoteu Legioa nur auf der I^ioie Deva — Viro- 
couium — Isca geataaden haben; Panlltous schlug die Schlacht mit den beiden 
in den beiden ersten dieser Lager stehenden L«egiooen, der 14. und der (uovoli- 
aiiadigeo) 20. Dab Paelliavs aaUng, weil er aahlagea aialhta, sagt Dia 62, 
1—12, aad weaa gleiab daaaaa BraKhlaag aaaat asah aiabt gabreeebt werdaa 
baaa, nm die daa Tbaitaa le besaera, ao sebelat dies dnrab die SaaUege 
aalbat geferdert. 



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166 



ACUTES BUCH. KAPITEL V 



Agrioola Alirle naeh harten Kämpfen mit den OrdoYikern das ans, was 
Pktillinua nicht erreicht hatte, und besetzte im J. 78 die Insel Mona. 
Nachher ist von activem Widersland in diesen Gegenden nicht die 
Rede; da3 Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich um diese 
Zeit, aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im nördlichen 
Britannien verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager 
von Isca und von Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an 
Ort und Stelle geblieben und erst in dem späteren Besatzungsstand 
verschwunden. Wenn dabei auch politische Rucksichten mitgewiriLt 
haben mögen (S. 174), so ist doch der Widerstand des Westens 
wahrscheinlich, fielleicht gestütit auf Verhindunfen mit Ivemia, auch 
apftter noch fortgeführt worden. DalBr spricht femer das YöUige Fehlen 
römischer Spuren in dem inneren Wales nnd das daselbst bis auf den 
heutigen Tag sich behauptende keltische Volksthum. 

Im Norden bildete den Mittelpunct der römischen Stellung östüch 
IM- fon Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum 
(Lincoln). Zunächst mit diesem berührte sich in Nordengland das 
mSchtigste Förstenthum der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es 
hatte sich nicht eigentlich unterworfen, aber die Königin Cartimandus 
suchte doch mit den Eroberern Frieden zu halten und erwies sich ihnen 
gefügig. Die Partei der Römerfeinde halte hier im J. 50 loszuschlagen 
versucht, aber der Versuch war rasch unterdrückt worden. Caratacus, 
im Westen geschlagen, hatte geholTt seinen Widerstand im Norden fort- 
führen zu können, aber die Königin lieferte ihn, wie schon gesagt ward, 
den Römern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und häuslichen Händel 
mflssen dann m dem Aufistand gegen Paullinus, bei dem wir die Bri- 
ganten in einer fahrenden Stellung fanden und der eben die Legion 
des Nordens mit seiner ganzen Schwere traf, mit im Spiel gewesen 
sein. Indelk war die römische Partei der Briganten einOn£veich 
genug, um nach Niederwerftang des Aufstandes die Wiederher- 
stellung des Regiments der Cartimandus zu erlangen. Aber einige 
Jahre nachher bewirkte die i'alriolenpartei daselbst, getragen durch 
die Losung des Abfalles von Koni, welche während des Bürgerkrieges 
nach Neros Katastrophe den ganzen Westen erfüllte, eine neue Schild- 
erhebung der Briganten gegen die Fremdherrschaft, an deren Spitze 
Cartimandus früherer von ilir beseitigter und beleidigter Gemahl, »ler 
kriegserfahrene Venutius stand; erst nach längeren Kämpfen bezwang 
PetiUius Cerialis das mächtige Volk, derselbe, der unter Paullinus nicht 



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BR1TA.>'NIE?( 



167 



glücklich gegen eben diese Britten gefochten hatte, jetit einer der nam- 
ballesten Feldherren Vespaaians und der erste von ihm ernannte Statt- 
halter der Insel. Der allmählich nachlassende Widerstand des Westens 
machte es möglich die eine der drei bisher dort stalionirten Legionen 
mit der in Lindum stehenden zu venMulgeu und das Lager selbst von 
Lindum nach dem ILiuptort der Briganten Eburacum (York) vor- 
luschieben. Indel's so lange der Westen ernsthche Gegenwehr leistete, 
feaebaii im Norden nichts weiter für die Ausdehnung der römischen 
Grenze; am caledonischen Walde, sagt ein Schriftsteller vespasianischer 
Zeit, stocken seit dreifsig Jahren die rAmiscben WaiTeo. £rst Agricda 
griff, nachdem er im Westen fertig war, die Unterwertag audi des 
Nordens energisch an. Er schuf Tor allem sich eine Flotte, ohne 
weiche die VerpOeginig der Truppen m diesen wenige HfiUiimitlel 
darinetenden Gebirgen unmöglich gewesen sein wftrde. GestQtst auf 
diese gelangte er unter Titus (J. 80) bis an die TavarBucht (Frith of 
Tky) in die Gegend Ton Perth und Dundee und wandte die drei 
folgenden Feldzüge daran die weiten Landstriche zwischen dieser liucht 
und der bisherigen römischen Grenze an beiden Meeren genau zu erkun- 
den, den ürllichen Widerstand ul)erall zu brechen und an den geeig- 
neten Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die natür- 
liche Verlheidigungslinie, welche durch die beiden lief einschneidenden 
Buchten Clota (Frith of Clyde) bei Glasgow und Bodotria (Frith of 
Förth) bei Edinburgh gelHidet wird, zum Rückhalt ausersehen ward. 
Dieser Vorstofs rief das gesammte Uocliiand unter die Waffen; aber 
die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten caledonischen Sttaime 
den Legionen iwischen den beiden Buchten Förth und Tay an den 
gnnpischen Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricobs. Nach 
sciaer Ansicht mulkte die UnterweHung der Insel, einmal begonnen, auch 
foBendet, ja auch auf Iremia ausgedehnt werden; und es lielk sich 
dafür mit Rficksicht auf das römische Britannien geltend machen, was 
mit Rdcluicht auf Gallien die Besetzung der Insel herbeiführt hatte; 
hinzu kam, dafs bei energischer Durchführung der Besetzung des ge- 
sammten Inselcomplexes der Aufwand an iMensrhen und Geld für die 
Zukunft wahrscheinlich sich verringert liabeii würde. 

Die römische Regierung folgte diesen Ratlischlagen nicht. Wie Vmkki tmi 
weil bei der Rückl)erufung des siegreichen Feldherrn im J. 85 , der ^^'^^ 
übrigens länger, als sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte gebliel>en 
war, persönliche und gehässige Motive mitgewirkt haben, mufs dahin 



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168 



ACHTES BUCH. KAPITEL V, 



gestellt bleiben; dag ZaeanunentreffiBii der letiten Siege dee Genenb 
in Sehotthmd und der ersten Niederlegen dee Kafsers Im D emnln d 

war allerdings in hohem Grade peinlich. Aber für das Einstellen der 
Operationen in Britannien ') und für die wie es scheint damals erfolgte 
Abberufung einer der Tier Legionen, mit denen Agricola seine Feldzüge 
ausgeführt hatte, nach Pannonien, giebt die damalige militärische Lage 
des Staats, die Ausdehnung der römischen Herrschaft auf denn 
rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der gefähr- 
lichen Kriege in Pannonien, eine vöUig hinreichende Erklärung. Das 
freilich ist damit nicht erklart, warum hiemit dem Vordringen gegen 
Norden überhaupt ein Ziel geaetst und Nordschottland sowohl wie 
Irland sich selber überlassen worden. Dafs seitdem die Regierung, 
nicht wegen Zuffilligkeiten der augenblicklichen Lage, sondern ein flkr 
. allemal Ton der Yorschiebung der Reichsgreose absah und daran bd 
allem Wechsd der Persönlichkeiten festhielt, lehrt" die geeunnte 
spitere Geschichte der Insd und lehren Inibesondeco die gleich n 
erwähnenden mfkhsamen nnd kostspieligen Wallbanten. Ob sie im 
rechten Interesse des Staates auf die Vollendung der Eroberung ▼er- 
richtet hat, ist eine andere Frage. Dals die Rekshainanien bei dieser 
Erweiterung der Grenzen nureinbüfsen würden, wurde auch jetzt ebenso 
geltend gemacht') wie früher gegen die Besetzung der Insel selbst, konnte 
aber freilich nicht entscheiden. Militärisch durchführbar war die Be- 
setzung so, wio Agricola sie gedacht hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche 
Schwierigkeil. Aber ins Gewicht mochte die Erwägung fallen, dafs die 
Ronianisirung der noch fnMen G(;biele grofse Schwierigkeit bereitet 
haben würde wegen der Stammes Verschiedenheit. Die Kelten im 
eigentlichen England gehörten durchaus zu denen des Featlands; 
Volksname, Glaube, Sprache waren beiden gemeinsam. Wenn die 
keltische Nationalität des Continents einen Rückhalt an der Insel ge- 
fiinden hatte, so griff umgekehrt die Romanisirnng GaUiens nothwendig 
auch nach England hinOber, und diesem ▼oniehmüch ferdankte es 



>} TaeilQt Uft 1, 3 laftt du Residltt mmbm Im die Wort« pwd»- 
mUm Brittanria §t MaUm mium, 

s) Dar kalMrlicha FlMMkeaato «ator Pias, AffUm (praMB. S) kaaMrfct^ 

dafs die Homer den besten Tbail (fo a^norov) dar brittischeo lascl besetzt 
hätteu ovi^ky älltis Stofjitvoi. ot> yki} tvtfOQOf ttviois iailv ot'd' 
fxovaiv. Das ist dia Aotwort dar GoaTaraaaaatalaa an Agricola aad saiaa 
MaiaiiBKsgeooueo. 



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BBlTArailfiM. 169 

Rom, dalli in so überraschender Schnelligkeit Britannien sich gleich- 
falls romanisirle. Aber die Bewohner Irlands und Schottlands gehörten 
einem andern Stamme an und redeten eine andere Sprache; ihr Ga- 
dhelisch verstand der Britle wahrscheinlich so wenig wie der Germane 
die Sprache der Scandinaven. Als Barbaren wildester Art werden die 
Caledonier — mit den Ivemern haben die Römer sich kaum berührt 
— durchaus geschildert. Andererseils waltete der Eichenpriester 
(Derwydd, Druida) seines Amlte an der Rhone wie in Anglesey, aber 
Dicht auf der Ineel des Weatent noch in den Bergen des Nordens. Wenn 
die lUtaier den Krieg hraplsichlieh getfikrt hatten, nm das Dmiden- 
gebiel gans in ihre Gewalt in hringm, so war dieses Ziel einigermalken 
emieht Ohne Frage hitlen in anderer Zeit alle diese Erwägungen 
die lUmer nicht Termocht anf die ao nahe gerückte Seegrenie im 
flordai so Yerödilen und wwigsteiis Griedonien wlie besetst worden. 
Aber weitere Landschaften mit römischem Wesen zu durchdringen 
Termochte das damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und 
der vorschreitende Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens 
diejenige Eroberung, die nicht durch Verordnungen und Märsche er- 
zwungen werden kann, wäre, wenn man sie versucht hätte, scbwerlicb 
gelungen. 

Es kam also darauf an die Nordgrenze für die Vertheidigung in B«iM^^«if 
geeigneter Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die iMgnmt. 
nilittfiscbe Arbeit. Der mihtlrisehe Mittelpunkt blieb Eburacom. Das 
wette ron Agricola besetzte Gebiet wurde festgehalten und mit CasteDen 
belegt, die als forgeflchobenePosten fttr das lurClckliegende Hauptquartier 
dienten; wahrscheinlich ist der griVliite Theil der nicht legionaren 
Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Spitar folgte die Anlage 
susanroenhängender Befestigungslinien. Die erste der Art rflbrt von 
Hadrian her und ist auch insofern merkwürdig, als sie in gewissem 
Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollständiger bekannt 
ist als irgend eine andere der grofsen mihtarischen Bauten der Römer. 
Es ist genau genommen eine von Meer zu Meer in der Lange von etwa 
16 deutschen Meilen westlich an den Solway Frith, östlich an die 
Mündung der Tyne führend«' nach beiden Seiten hin festungsmäfsig ge- 
schützte HeerstraXise. Die Vertheidigung bildet nördlich eine gewallige 
ursprünglich mindestens 16 Fufs hohe und 8 FuTs dicke an beiden 
Aaliienseiten aus Quaderstemen erbaute, daswischen mit Bruchsteinen 
und MArtel ausgelAllte Mauer, vor welcher ein nicht minder impo- 



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170 



ACUTES BUCH. KAPITEL V. 



nirender 9 Fufs tiefer, oben bis ZA Pnft mid mehr breiter 
Graben sich hinzieht. Gegen Süden ist die Strafse geschützt durck 
zwei parallele noch jetzt 6 — 7 Fufs hohe Erddämme, zwischen denen 
ein 7 Fufs tiefer Graben mit einem nach Süden aufgehöhten Rande 
sich hinzieht, so dafs die Anlage von Damin zu Damm eine Gesamnil- 
lireile vor» 24 Fufs hat. Zwischen der Steinmauer und den F>d- 
dämmea auf tler Strafse seihst hegen die Lagerplätze und Wacht- 
hiuser, nehmlich in der Entfernung einer kleioen Meile von einander 
die Cohortenlager, angele^ als selbständig wehrfähige Castelle mit 
TboröfTnungen nach allen vier Seiten; zwischen je iweien dersalben 
eine kleinere Anlage ähnlicher Art mit Aosfiülsthoren nach Norden und 
SQden; twischen je sweien von dieeen Tier kleinere Wnekthioaer in 
Rufweite von einander. Diese Anlag» Ton gro£nrtiger SoliditiC» wdebe 
als Besatzung 10000—12000 Mann erfordert haben muA, bOdete 
seitdem das Fundament der militiriachen Operationen hn nftrdlidMn 
England. Eigentlicher Grenzwall war sw nicht; vielmehr haben nicht 
Moft die sdion seit Agricolas Zeit weit darAber hinaus Torgeschobenen 
Posten daneben fortbestanden, sondern es ist späterhin, zuerst nnter 
Pius, dann in umfassenderer Weise unter Severus gleiclisam als 
Vorposten für den lladrianswalP) die schon von Agricola mit einer 



*) Die Meinung, dafs der nürdliche \V;iIl uii die Stelle des sUdlichea 
getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Cohorteulager am 
Uadriaoswal], wie sie uns die Intchrifteo des 2. Jahrh. seigeo, bestaoden im 
weMatUehM mvcrüsdert soA am Bode det3. (denn dieser Epoche gebSrt der 
betrefeode Abeclieitl der Netitie an). Beide Aolagee babeo aebee eiMsder 
bettaedeD, seit die jüngere bioxngetretea war; eeeh teigt die Masse der Deok- 
■iler am SeverusweU mit ^Evideoz, dsM er bis znm Ende der röniseliee 
Herrsrhart [in firitannien besetzt geblieben ist. — Der Bau des Sevenis 
kann nur auf die nördliche Anlage bezogen werden. Kininal war die 
Anlage des Hadrian von der Art, dafs eine etwauige Wiederherstellung 
unnöglich, wie dies von der sevcriscbcu gesagt wird, als Neubau aofgefafst 
werden kennte; aber die Anlage des Piae war ein bleher Brddan {mmnu 
tmfUMn rite e. 6) ond nnterliegt hier die gleiehe AnnnbM aiaderea üe- 
desiceD. Zweitens pafst die LSngedes Severoswalles vea 32 Milien (Vietor 
epit. 20; [die nnmögliche Zahl 132 ist ein Schreibfehler unserer Handsclirifla« 
des Kutropius S, 19 — wo Paulus das Richtige bewahrt hat — , der dann von 
Hieronymus J. Abr. 2221, Orosius 7, 17, 7 und Cassiodor 7nin J. 207 Uberoominen 
worden ist) 'nicht auf den Hadriausuall von ^0 Milien; aber die Anlage des 
Pius, die nach den inschriftlichea Erhebungen etwa 40 Milien lang war, kann 
wohl gemeint sein, da die Bndpankte der severiicben Anlege an den beiden 



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UUTAlUttBlf, 



171 



Poslenreihe besetzte um die Hälfle kürzere Linie vom Frilli ot' Clyde 
zum Frilh ot Förth in ähnlicher, aber schwächerer Weise befestigl 
worden. Der Anlage nach war diese Li nie von der hadrianischen nur inso- 
fern verschieden, aJs sie sich auf einen ansehnlichen Erdwall mit Graben 
davor und Stnlse dahinter beschrankte, nach Süden also nicht zur 
Yertheidigung eiDgerichtet war; im Uebngen schlofs auch sie eine An- 
nhJ Ueinerer Lager in sieb. An dieser Linie endigten die römischen 
Rcichaatrafiwn und obwohl aochjonseU dieaer nodi rftmische Poaten 
ftanden — der nördlidiato Punkt, auf dem der Grabatem einea rftmi- 
scfaen Soldaten aieh gefunden bat, iat Ardoch zwischen Stirüng und 
Perth — , kann die Grenze der Zflge Agricolaa, der Frith of Tay, 
auch apiter noch ala die Grenie dea rOmiaehen Reksbea angeaeben 
werden. 

Weniger als von diesen imponirenden Vertheidigungsanlagen K^ay^u»^. 
wissen wir von der Anwendung', die sie gefunden haben und üher- 
hauj)t den späteren Kieignissen auf diesem fernen KriegsschauplaU. 
Unter Hadrian ist eine schwere Katastrophe hier eingetreten, allem 
Anschein nach ein Überfall des Lagers von Eburacum und die Ver- 
nichtung der dort siebenden Legion^), derselben neunten, die im 
ßoudiccakrieg so unglücklich geforhten hatte. Wabrsdieinlich ist 
diese nicht durch feindlichen Einfall herbeigeführt, sondern durch 
den Abfall der nördlichen als rachaunterthlnig geltenden Völker- 
sebaflen, hiabeaondere der Briganten. Damit wird in Verbindung 
an bringen sein» da& der Hadrianawall ebenso gegen SAden wie gegen 



Meeres rocht »oU aadtr« mai aSher gelcgeoe gowasaa taia kaaaea. Weaa 
aaiüeb aaeh IKo 76»12 vea dar Maaar, wakhe die lasal ia awai Ikaile theilt» 
BiHlkb dieCaladMlar, tidUeh die Maaatea wakaaa, lo tiad swar die Woha- 
■tao der letatcrea soaat aieht Lbektaat (Tgl. |75, 5), künDen aber onmSglieb, 
aach oach der SekUderaaf, die Dio von ihrer Gegend macht, sUtilich vom 
Hadrians» all angesetzt und die der Caledonier bis an dieaea eritreckt werdea. 
Also ist hier die Linie (ilasgow-Edinburgh gemeint. 

A liniite id i-st a vallu heilst es im Itioerarium p. 464. 
') Der Hanptbeweis dafür liegt iii <iein unzweifelhart bald nai h dem J. lOH 
(C. I. L. VIT, 241) eiotreleiiden Verschwinden dieser Legion und ihrer Krsetzung 
dorch die sechste victrix. Die beiden iNotizeo, i^elche auf dies Ereigoifs 
hiadeatea (Fronte p. 217 Naher: IMMnia impuimn aMMilt qtumhm mOHtm 
m MrtUmmü cmtwmT Vita S: BrUmtU Um&rimib Romam diHem ntn fUtrmU) 
ta wie dia Asspieluag bei Javaaal 14, 166: etutaUa Brtgmäum fHhreo aef eiaea 
Aafttaad, aieht aaf afaaa Riafill. 



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172 



ACUTES BUCU. KAPIT£L V. 



Norden Front macht; offenbar war er ancbiia«! beatunmt das nur 

oberflichlich onterwoitae Nordengland niedennbaiteD. Audi nnlir 

Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kämpfe staltgefunden, an denen 
die ßriganten wieder belheiiigt waren; doch läfst sich Genaueres 
nicht erkennen Der erste ernstliche Angriff auf diese Reichs- 
grenze und die erste nachweisliche Ueberschreiluug der Mauer — ohne 
Zweifel derjenigen des Pius — erfolgte unter Marcus und weiter unter 
Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist, der den 
Siegesbeinamen des Britannikers angenommea bat, oadidem der 
tüchtige General Ulpius Marcellus die Harbaren in Paaren getrieben 
hatte. Aber das Sinken der römischen Macht tritt seitdem hier 
ebenso hervor wie an der Donau und am fiuphrat. In den unruhigen 
Anfangsjahren desSeverus hatten dieCaledonier ihre Zusage sieb nicht 
mit den rtaiischen Unterthanen einiuiassen gebrochen und auf sie ge- 
stfltit ihre sfidlichen Nachbaren, die Maesten, den römischen Stattlialler 
Lupus genöthigt gefallene Rftmer mit groben Summen zu Utaen. 
DafQr traf sie Severus schwerer Arm nicht lange vor sdnem Tode; 
er drang in ihr eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung be- 
trächtlicher Strecken*), aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser 
im J. 211 im Lager von Eburacum gestorben war, seine Söhne 
die liesatzuugeii sofort freiwillig zurückzogen, um der lästigen Ver- 
theidigung überhoben zu sein. — Aus dem dritten Jahrhundert wird 
von den Schicksalen der Insel kaum etwas gemeldet. Da keiner der 
Kaiser bis auf Diocletian und seine Collegen den Siegernamen von 
der Insel geführt hat, mögen ernstere Kämpfe hier nicht stattgefun- 
den haben, und wenn auch in dem Landstrich zwischen den WäUen 
des Pius und des Hadrianus das römische Wesen wohl nie festen 
Fufs gefsfst hat, scheint doch wenigstens der Hadrianswall was er 

*) Wenn Pias nach Paasanias 8, 43, 4 ctneT^uero roiv (f BQtttavtif 
JioiynvTtov xi]V nolXr}V, ort intaßalvHV xal ovtoi Ovv onloig riQ^cev ts t^v 
leioirtav fioiQov (aabekannt, vielleicht, wie 0. Hirschfeld vorschlägt, die 
Brigaoteostadt Vioooia) vnrjxoovs *PufMU(aVf[$o folgt daraus oicht, dafs e« aach 
Bripildo ia Giledoaieu gab, soniero dab die Brlgaataa ia fiordeagUad daMls 
dM befdedata BritteDlaad hataiaehtoa nad daran tia Thail ihrta Gabiala 
eoaflteSrt ward. 

*) nafiiar die AMdit fabakt tut dta gaaaaa Nordaa ia rtaMa Gewalt 

sa brinfen (Dio 76, 13), verträft aieb weder reeht mit der AbtreCaaf (a. a. 0.) 
noch mit dem Mauerbaa und iat wobl ebeaso fabelhaft wie der rtaitaha Var- 
laat voB 50000 Mana, ebae dafa ea aaeb aar aaai Kaaipfe kan. 



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■UTAHIinDI* 



178 



Milte, Mck damals geloialat und hinter ihm die fremdlftndische Ci? i* 
lafieii gamchcn aich entwickelt ta haben. In der Zeit INocIeliant 
finden wir den fieurk twiaehen beiden Willen geriomt, aber den 
Hadrianawnfl mtk wie vor beaetn nnd daa flbrige rSmiaehe Heer 
iwiadien ihm and dem Hauptquartier Eburacum cantennirend anr 
Abwehr der aeitdem oft arwihnten Ranbiflge der Galedonier, oder 
wie aie jclit gewMinlich beilken, der TIttowirten {jriai) und der Yon 
Ivemia her einströmenden Scoten. — Eine ständige Flotte haben die 
Römer in Britannien gehabt; aber wie das Seewesen immer die 
schwache Seite der römischen VVehrordnung geblieben ist, war 
auch die briliische Flotte our unter Agricola Torübergeheod you 
Bedeutung. 

Wenn, wie dies wahrscheinlich ist. die Kegierung darauf ge- ^J^"J^JJ^ 
rechnet hatte nach erfolgter B^tzung der Insel den grölsten Theil tug ivt.«. 
der dorthin gesandten Truppen sarflcknehmen su können, so erfüUto ^ 
dieae Hoffnung sich nicht: nur eine der entsendeten vier Legionen 
ist, wie wir sahen, unter Domitian abbemfen werden ; die drei anderen 
aiaaen nnentbebriich gewesen aein, denn ea iat nie der Vernich ge- 
madit worden sie in Yeriegen. Data kamen die Anxilien, die an dem 
wenig einladenden IKenat anf der abgelegenen Nordaeehisel dem An- 
acbein aaeh im Verhiltmik atirker üa die Bflrgertruppen herangeaogen 
wnrdea. In der Sehlacht am gra upiseben Berge im i. 84 Ibefatsn anCier 
dan vier Legionen 8000 an ¥nh nnd 3000 an PfMe von den HflUii- 
aoldaten. Fflr die Zeit von Traian und Hadrian , wo von diesen in 
Britannien 6 Aien und 21 Cohorlen, zusammen etwa 15 000 Mann 
standen, wird man das gesammte britannische Heer auf etwa 30 000 Mann 
anzuschlagen haben. Britannien war von Haus aus ein Commandobezirk 
ersten Ranges, den beiden rheinischen und dem syrischen vielleicht im 
Rang, aber nicht an Bedeutung nachstehend, gegen das Ende des zweiten 
Jahrhunderts wahrscheinlich die angesehenste aller Statthalterschaften. 
£s lag nur an der weiten Entfernung, daCs die britannischen Legionen 
in der Corpsparteiung der früheren Kaiserzeit in zweiter Reihe er- 
aeheinen; bei dem Corpakrieg nach dem £riteehen des antoninischen 
Hmisee foehlen sie in der enten. Damm aber war ea aaeh eine der 
CooM^MBion des Si^ des Sewus, da(k dieStalihallsrsebafI getbeilt 
ward. Seitdem alanden die beiden Legionen Ton laca nnd Deva unter 
dem Legaten der oberen, die eme fon Eboracnm und die Truppen an 
den wallen, alao die Hauptmaaae der Anzilien, unter dem dar unteren 



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174 



ACHTIS BOCB. EAPITBL T. 



Provinz^). Wahrscbeinlicb ist die Verlegung der ganzen Besatzung 
nach dem Norden, die, wie oben bemerkt ward, nach biofs militäri- 
sehen Rucksichten wohl zweckmäfaig gewesen sein würde, mit des- 
wegen unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die 
Hand gegeben hätte. 
BiMmnag DalSi finanziell die Provina mehr kostete als sie eintrug (S. 157), 
▲Mhäiv. kann hiemach nicht Terwnndem. Fflr die Wehrkraft des Reiclias 
dagegen kam Britannien erheblich in Betracht; das Gompensationa- 
ferfalltnift Ton Besteuerung und Aushebung wird auch fQr die Insel 
in Anwendung gekommen sein und die brittischen Truppen galten 
neben den illyrischen für die besten der Armee. Gleich anfanglich sind 
dort sieben Cohorten aus den Eingeborenen aufgestellt und diese 
weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden; nachdem dieser das 
System aufgebracht hatte, die Truppen möglichst aus ihren Garnison- 
bezirken zu recrutiren, scheint Britannien dies für seine starke Be- 
satsung wenigstens zum groüisen Theil geleistet zu haben. Es war 
ein emster und tapferer Sinn in den Leuten ; sie trugen die Steuern 
und die Aushebung willig» nicht aber Hoffart und BrutaliUit der 
Beamten. 

owMina«. Fflr die innere Ordnong Britanniens bot als Grundlage sich die 
•rdB«ag. ^ 2eit der £robemng iMstehende Gaaterfossung, wdehe, wie 
schon bemerkt ward, Ton derjenigen der Kelten des Continents sich 
nur darin wesentlich entfernte, daiSi die einzehien Völkerschaften der 

Insel, es scheint slmmtlicb, unter FCIrsten standen (3, 233). Aber 
diese Ordnung scheint nicht beibehalten und der Gau {civitas) in Bri- 
tannien wie in Spanien ein geographischer Begriff geworden zu sein; 
wenigstens ist es kaum anders zu erklären, dafs die britannischen 
Völkerschaften genau genommen verschwinden, so wie sie unter römi- 
sche Herrschaft gerathen, und von den einzelnen Gauen nach ihrer 
Unterwerfung so gut wie gar nicht die Rede ist Wahrscheinlich sind 
die einzelnen FürstenthOmer, wie sie nnterwoifen und eingezogen 
wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen worden; es ward dies da- 
durch erleichtert, dsli auf der Insel sich nicht» wie auf dem Gontineat, 
eine ohne monarchische Spitse geordnete Gauferftssoog vorfand. 
Damit hingt auch woM zusammeot da(k, wlhrend^die gallisehen Gane 
eine gemeinsame Hauptstadt und in dieser euie poKtische and religidse 



1) Di« TMIaag ergi«kt sieh aw Di« 65^ 23. 



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BRlTAfOlIEIf. 



175 



Ge^^ammtvertretiiiig besessen iiaben, von Britannien nicliU Aehnliches 
gemeldet \%ird. Gefehlt hat der Provinz ein Conciiium und ein gemein- 
samer Kaisercultus nicht; aber witre der Altar des Claudius in 
Camalodunum^) auch nur anDäbernd gewesen, was der des Augustus 
ia LugndiiBoiD, so würde davon wohl etwas verlauten. Die freie und 
graliK politiadie GeataUung, welche dem gaUisclMn Lande von Caesar 
gewihn und von seinem Sobne bestätigt worden war, palst in den 
BahBMD der tpiteren Kaiserpolitik nicht mehr. — Von der mit der In- 
vamo äendich gleichieitigiii Grflndang d«r Golonie CamabNittBam war 
acboB die Rede (S. 161), wie es auch bereits henrorgeboben wurde, 
da£i die italische StadtTeifrssang früh in einer Reibe britannische Ort- 
schallen eingefOhrt worden ist Auch hierin ist Britannien mehr nach 
dem Muster Spaniens als nach dem des keltischen Continents be- 
handelt worden. 

Die inneren Zustände Britanniens müssen, trotz der allgemeinen 
Gebrechen des lieichsreginients, wenigstens im Vergleich mit anderen 
Gebieten nicht ungünstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur 
Jagd und Weide und waren hier die Einwohner wie die Anwohner zu 
Fehde und Kaub jederzeit bei der Hand, so entwickelte sich der Süden 
in dem ungestörten Friedensstand vor allem durch Ackerbau, daneben 
durch Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu mifsiger Wohlfahrt: die galli- 
schen Redner der diocletianiachen Zeit preisen den Reichthum der 
Irnchtiiaren Insel und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide 
ans RritannicD emptegen. — Das Strabenseti der Insel, das ungemein 
entwickelt ist nnd für du namentlich Hadrian in Verbindung mit 
seinem WaUbaii viel gethan hat, hat natOrtich sunichst militflrischen 
Zwecken gedient; aber neben, ja vor den Legionslagern nimmt Lon- 
diniuDs darin einen Plats ein, welcher seine leitende Stellung im Ver^ 
kehr denUidi vor Augen bringt Nor in Wales gab es Reichsstra6en 
allein in der nächsten Nihe der römischen Lager, von Isca nach Nidum 



*) Auf ihn geht wohl das Epigramm des Seoeca (vol. 4 p. 69 Bährens): 
oceanujquc tua* tdtra *e respicit aras. Auch der Tempel, der nach der Spott- 
•ehrifl deaaelben S«aec« (8,3) dem Claudias bei Lebzeiten in BriUnoien errichtet 
wafd, md der daalttiahar MMtlKhe Toapel des G«tlas GUattes ia CiMl«doara 
CTmÜm 14, 31) ist wtU aiiht als ■tUtlMbM HetUgthra n liuaea, wuUtm 
aaii Aaalagie der AifirtiilwUigthiaier v«a LagalaowB ud Tarraco. Die 
äeUcü sacerdoiesy welche specie rtHgiom's ornnt» f ^ H i m m » , ti gl mM^mi, tied 
die bekaaMM Pr^viaiialprieMer «ad Spialf «har. 



176 ACaiBS WJCä. KAPITBL f. 

Höni^he (Neath) und von Deva zur Ueberfahrt nach Mona. — Zu der Roma- 
2f52m verhielt sich das römische Britannien ähnlich wie das nörd- 

liche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars 
Belatucadrus oder Cocidius, die der Minerva gleichgesetzte Göltui 
Sulis, nach welcher die heutige Stadt Bath hiers, sind auch in 
lateinischer Sprache noch vielfach auf der Insel verehrt wcurden. Eis 
exotisdiM Gewicht ist die aus Italiea eiadriiigeBde S^che und Sitte 
auf der Insel noch mehr gewete« ab avf denn GoBtiiieol; noch gegea 
das Ende des ersten JabriiiiBderti Murten die « j g eselw n eii Pf iien 
dort sowohl die lateinische Spnwhe ab wie die rtaiache TtwdbL 
Die groAen stMtisdien Centren, die eigentUchen Heide der oomb 
CuHur, shid in Britannien schwicher entwickelt; wir wisseB nickt 
besümmt, welche englische Stadt für das ConcUinni der ProTinx 
und die gemeinschaftliche Kaiserverehrung als Sitz gedient und in 
welchem der drei Legionslager der Statthalter der Provinz residirt 
hat; Wenn, wie es scheint, die Civilhauptstadt Britanniens Camalo- 
dunum gewesen ist, die Militärhauptstadt Eburacum^), so kann 
dieses sich so wenig mit Mainz messen wie jenes mit Lyon. Ilie 
Trümmerslätten auch der namhaften Ortschaften, der claudischen 
Veteranenstadt Camalodunum nnd der volkreichen Kanirtadt Lon- 
dmium, nicht minder die vielhundertjäkrigen Legionslager von Deva, 
bca, Ebnracnm haben Inschnflsleine nur in geringfllgiger Zahl, 
namhafte Stidte rtaischen Rechts wie die Colonie Glefwn (Glon- 
cester), das Hnnidpimn Vendaminm bis jetst nicht einen einsigea er- 
geben; die Sitte des Denksteinsetiens, auf deren Ergebnasse wir fiBr 
soldie Fragen groAentheilB angewiesen sind, hst in Britannien nieredrt 
durchgeschlagen. Im inneren Wales nnd in anderen weniger sugäng- 
lichen Strichen sind römische Denkmäler überhaupt nichttnmVorschem 
gekommen. Daneben aber stehen deuthche Zeugen des von Tacitiu 
hervorgehobenen regen Handels und Verkehrs, so die zahllosen Trink- 
schalen, die aus den Ruinen Londons hervorgegangen sind, und das 
Londoner Strafsennetz. Wenn Agricola bemüht war den munici- 
palen Wetteifer in der Ausschmückung der eigenen Stadt durcb 

«) Das Uer slatiaalrle Cnwaiiadt war wenigst«!! spitanr Zeit ohM 
Prag« das wicktigtte oiitvr des britaaalseheas wU es wird muk dort (den i 
an Ebaracam iit Mar «Im Zwdfti ftdaiht) da PdaHmm iimlft«! (vili 
Severi 22). Das pr mt l o ri um, nnterbalb Ebnraeoa woU M dar Kifla galigM 
(iüa.Aat.p.466)^ sag der Sawaanüt dat Statthaltara gawiaaa asfa. 



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177 



Bauten und Denkmäler, wie er von Italien sich auf Africa und 
Spanien übertragen h.ille, auch nacli liritannien zu verpflanzen und 
die vornehmen Insulaner zu bestimmen in ihrer Ileimath die Märkte 
zu iM^binücken und Tempel und Paläste zu errichten, wie dies anders- 
wo üblich war» §q ist ihm das für die Gemeindebauten nur in geringem 
Umfang gelungen. Aber in derPrivatwirthschaft ist es anders; die »tett- 
UclieQ römiecb angelegten und geschmückten Landhäuser, von denen 
jeiit nnr noch die Mogaihfoftbflden tkbrig geblieben sind, finden eich im 
sAdlichen Britannien bis in die Gegend von York hinauf^) ebensohäufig 
wie In Rheinland. Die höhere scholmifSiige Jugendbildung drang von 
GnUlen ans allmihlich in Britannien ein. Unter Agricolas administra- 
Irven Erfolgen wird angefahrt, dafs der römische Hofmeister in die vor- 
nehmen Häuser der InselanfangeseinenWegzufinden. In hadrianischer 
Zeit wird Britannien als ein von den gallischen Schulmeistern er- 
obertes Gebiet bezeichnet, und *schon spricht Thüle davon sich einen 
Professor zu miethen'. lüese Schulmeister waren zunächst Lateiner, 
aber es kamen auch Griechen; IMutarchus erzählt von einer l'nter- 
haltung. die er in Delphi ptlog mit einem aus Britannien heimkehren- 
den griechischen Sprachlehrer aus Tarsos. Wenn im heuligen £nglaud, 
abgeeehen von Wales und Cumberland, die alte Landessprache ver- 
sohvmnden ist, so ist sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern 
dem rdmischen Idiom gewichen; und wie es in GrenslAndem lu go- 
acbeheii pOsgt, in der späteren Kaiserseit stand keiner treuer tu Rom 
als der ^britannische Mann. Nicht Britannien hat Rom aufgegeben, 
sondern Rom Britannien — das letite, was wir von der Insel erfohren, 
sind die ftebentlichen Bitten der Bevölkerung bei Kaiser Honorius um 
Schatz gegen die Sachsen, und dessen Antwort, da£i sie sich selber 
helfen möchten wie sie könnten. 

*} MSrdlidi vob Aldborongb Batiagwold (beide etwas aSrdUch vo« 
York) babea sieb kein« gcfoodeB (Braee fke Roma wall p. 61). 



V. 



Ii 



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KAPIIEL YL 



DIE DOJXAULÄINDER mo DIE KBIEGE AN DER DONAU. 

Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk 
des Auguslus. Als er an das Huder kam, waren die Itünier auf der 
italischen Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum 
des Haemus (Balkan) und der Küstenstreifen am adriatiscbea und 
am schwarzen Meer; nirgends reichte ihr Cebiet an den mächtigen 
Strom, der das südliche £uropa vom nurdiichen scheidet; sowobl 
das nördliche Italien wie auch die illyriscbeo und pontischen Han- 
delsstfdte und mehr noch die civilisirten Landschaften Maked»- 
niens und Thrakiens waren den RanbiOgen der rohen und un- 
ruhigen Nachbaretimme stetig ausgesetst. äh Augustua ataA, wareii 
an die Stelle der einen kaum zu selbatindiger Verwaltung gelang;teo 
Provini lUyricnm fflnf grobe römische Terwaltnngsbeiirfce getreten, 
Raetien, Noricum, Untorillyrien oder Pannonleo« (HMtillyrien oder 
Dalmatien und Moesien, und die Donau in ihrem gansen Lauf wenn 
nicht überall die militärische, doch die politische Reichsgrenze gewor- 
den. Die verhältnirsmäfsig leichte Unterwerfung dieser weiten (ie- 
biete so wie die schwere Insun eciion der J. 6 — 9 und das dadurch 
veranlafste Aufgeben der Irülier licaltsichtigten Verlegung der Grenz- 
linie von der oberen Donau nach Böhmen und an die li\he sind frülier 
dargestellt worden. Es bleibt übrig die Entwickeiung dieser Land- 
schaften in der Zeit nach Augustus und die Beziehungen der Römer 
SU den jenseit der Donau wohnhaften Stämmen darzustellen. 

Die Schicksale Raetiens sind mit denen der obergermanischen 
Provinz so eng verflochten, dab dafür auf die frühere Danteilung 



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MI DONAULlimni ORB MB KMTCB All DBIk DONAU. 



179 



verwiesen werden kann. Die römische Civliisation hat hier im 
Ganxen genommen sich wenig entwickelt. Das liochland dar Alpen 
mit dflo Tkilem des oberen Inn und det oberen Rheins umschlofs 
«ine schwaeho aod eigenarlige BofdUieniDg, wahrscheinlich diejenige, 
die eiDstmls die teUiche Hilfte der norditaliichen Ebene besessen 
hatte, fieileiclit den Etmskem ferwandt Von dort lorflckgedrlngt 
durch die Kelten und fielleicht auch die lUyriker behauptete sie sich 
in den nördlichen Gebirgen. Wftbrend die nach Sflden sich Öffnenden 
mier, wie das der Etsch, su Italien gezogen wurden, boten jene den 
8ftdlindern wenig Platz und noch weniger Reiz zur Ansiedelung und 
Städtegründung. Weiler nördlich auf der Hochebene zwischf»n dem 
Bodensee und dem Inn , welche von den keltischen Slämnion der 
Vindeliker eingenommen war, wäre wohl für römische Cultur Raum 
und Stätte gewesen; aber es scheint in diesem («ebiet, das nicht so 
wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte 
und das gleich dem angrenienden sogenannten Decumateniand wohl 
zunächst nur als Scheide gegen die Germanen für die Römer von 
Werth war, die Politik der früheren Kaiserzeit die Cultur nelmehr 
turftdcgehahen tu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden 
(S. 17), dab gleich nach der Eroberung man bedacht war die 
LandsdiafI su entWMkeni. Oiesem geht lur Seite, dafii in der 
Mheren Kaiseneit keine rftmiKh organlsirte Gemeinde hier ent- 
atanden iat Zwar tou der Anlage der grotSsen Strafte, die gleich 
mit der Eraberung selbst Ton dem liieren Drusus durch die Hoch- 
alpen an die Donau geführt ward, war die Gründung der Angusta 
der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein nolhwendigcr Theil 
(S. 18); nber es war und blieb dieser rasch aufblühende Ort über ein 
Jahrliuiidert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in dieser Hin- 
sicht die von Anguütus vorge/.eiclinete Bahn veiliefs und die Land- 
schaft der Viudeiiknr in die Roninnisirung des Nordens hineinzog. Die 
Verleihung des römischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker 
durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden d&rfen, dafs un* 
gefihr um dieselbe Zeit die Militärgrenze am Oberrhein Torgeschoben 
ward und römische Stfdte im ehemaligen Decumateniand entstanden; 
indelk ist in Raetien auch spiter Augusts der einsige gröikere Hittel- 
punkt römiseber Givflisation geblieben. Auch die militSrischen Ein- 
riditungen haben auf das ZurQckhalten derselben eingewirkt. Die 
Provini stand tou Anihng an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte 

12» 



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180 ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 

nicht ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Rücksichten 
nöthigten, wie dies früher gezeigt ward, die Kegierung nach Haetieo 
lediglich Truppen zweiter Klasse zu legen, und wenn diese auch der 
Zahl nach nicht unbeträchtlich waren, so haben doch die kleineren 
Standlager der Alen und Cobortcn nicht die civilisirende und Städte- 
bildeode Wirkung ausüben können wie die Legionslager. Unter 
Marcus ist allerdings in Folge des marcomanischen Krieges das 
raelische Hauptquartier, die castra Regina, das beutige Regensburg mit 
einer Lagion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in rftnuadier 
Zeit UoHi MOitämiederiassung geblieben tu sein und kavm mit den 
Lagern iweiten Ranges am Rhein, wie inm Beispiel Bonns, in der 
stUliscben Entwickelung auf einer Linie gestanden in haben. 

Dafs die Grenze Raetiens schon in Traianns Zeit von Rogensburg 
westiicb eine Strecke Aber die Denan hinaos Torgeschoben war, ist 
fräher (S. 144) bemerkt und daselbst auch ausgefährt worden, daCi 
dieses Gebiet wahrscheinlich ohne Anwendung von Waffengewalt, Shn- 
lieh wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen worden ist. Es wurde 
ebenfalls schon erwähnt, dass die Befestigung dieses Gebiets vielleicht 
mit den unter Marens bis hieher sich erstreckenden Einfallen der 
Chatten zusammenlifin^t, so wie dafs diese und später die Alamannen 
im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Raetien selbst heim- 
suchten und schliefslich unter Gallienus den Römern entrissen. 
v«rfeaflu Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Eni- 
riditnng ähnlich wie Raetien behandelt worden, aber bat sich sonst 
anders entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien für den 
Landverkehr so wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handela- 
besiehangen A^iuileias sowohl durch dasFriaol nach der oberen Donau 
und zu den Eisenwerken von Noreia wie über die julische Alpe inaa 
Savetbal haben hier der angostiscben Grenserweitemng vorgearbeitet 
wie nirgends sonst im Donaogebiet. Nanportus ((Hieriaibach) jensdt 
des Passes war ein Hämischer Handelaflecken schon in repnblifcanischer 
Zeit, Emona (Laibach) eine später förmlich Italien einverleibte, der Sache 
nach seit ihrer Gnlndung durch Augiistus zu Italien gehörige römische 
ßürgercolonie. Daher genügte, wie trüber schon hervorgehoben ward 
(S. 17), für die Umwandelung dieses 'Königreichs' in eine römische 
Provinz wahrscheinlich die blofse Ankündigung. Die ursprünglich wohl 
illyrische, später zum guten Theil keltische Bevölkerung zeigt keine 
Spur von demjenigen Festbalten an der nationalen Weise und Sprache, 



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DIE MIUDLÄUDBA und l»iE lüUKGE AH DER DONAU. 



181 



welche wir bei den Kelten des Westens wahraehmen. Hömische Sprache 
und römische Sitte niufs hier früh Eingang gefunden haben uud von 
Kaii;er Claudius wurde dann das ges;niuiite r««d)iel, selbst der nördliche 
durch die Tauernkette vom Drauthal getrennte TheiJ nach italischer Ge- 
meindeverCaMUDg organisirt. Während in den Nachbarländern Haetiea 
und PannODien die Denkmäler römigcber Sprache entweder fehlen oder 
doch nur in den größeren Centren erscheinen , sind die Thäler der 
Drau, der Mnr und der Salaach fund ihrer Nehenfifltse bis in das 
hohe Gebirge biaanf erfiUlt mil Zeugniaaen der hier tief eingedrun- 
genen Romaniaining. Noncum ward ein Vorhuid und gewisser- 
mallMn ein Tbeil Italiena; bei der Aushebung f&r die Legionen und 
für die Garde ist, so tenge hier die Italiker Oberhaupt beTorsugt 
wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provini so TöUig 
erstreckt worden wie auf diese. — Hinsichtlich der militärischen Be- 
legung gilt vonNoricum dasselbe wie von Haelien. Aus den schon ent- 
wickelten Gründen gab es auch in Noricum während der ersten zwei 
Jahrhunderle der Kaiserzeit nur Alen- und Cohortenlager; Garnunlum 
(Pelronell hei Wien), das in der aiiguslischen Zeit zu Noricum gehörte, 
ist, als die illyrischen Legionen dort hingelegt wurden, eben jdarum 
SU Pannonien gezogen worden. Die kleineren norischen Slandlager 
an der Donau und selbst das von Marcus, der auch in diese Provinz 
eine Legion legte, für diese eingerichtete Lsger von Lauriacum (bei 
Enns) sind für die städtische Entwiekeiung Ton keiner Bedeutung ge- 
wesen; die groHMn Orts^aflen Noricums, wie Celeia (Cilli)ini Sannthal, 
Agnontoni (Lieni), Teomia (unweit Spital), Virunum (ZoUfeld bei 
Klagenfort), im Norden JuvaTum (Salsburg) sind rein aus bArgerliohen 
Elementen hervorgegangen. 

lllyricum, das heiftt das römische Gebiet zwischen Italien und ner 
Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Theil 
mit der griechisch -makedonischen Stalthallerschalt vereinigt, zum 
gröfseren als iSehenland von Italien und nach der Einrichtung der 
Statthalterschaft des cisalpinischen Galliens als ein Theil von dieser 
verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem 
weitverbreiteten Stamm, von dem es die Römer benannt haben: es 
ist derjenige, dessen dürftiger Rest ,an dem südlichen Ende seines 
eliemab weit gedehnten Resitses unter dem Namen der Schkipetaren, 
welchen sie sich selbst beilegen, oder, wie ilire Nachbarn sie häOMU, 
der Amanten oder Albanesen noch heute seine alte Nationalität und 



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182 



ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 



seine eigene Sprache bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indo- 
germanischen Familie und innerhalb derselben wohl am nächsten 
dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den Ortlichen Ver- 
hilllnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens eben 
so selbständig wie der lateinische und der keltische. In ihrer Ursprung* 
liehen Ausdehnung erfüllte diese Nation die Küste des adriatischen 
Meeres tod der Mündung dee Po durch Istrien« Dalmatien und Epiroe 
bis gegen Akamenien und Aetelien, femer im Binnenlsade das obere 
Msliedonien so ^e das heatige Serbien und Bosnien und das ungwi- 
sdie Gebiet snf dem rechten Ufer der Denan; sie grenit also Mlieh 
an die thrakisciien Völkerschallen, westlicfa an die keltischen, von 
welchen letzteren Tacitus sie ausdrOcklich unterscheidet. Es ist 
ein kräftiger Schlag südländischer Art, mit schwarzem Haar und 
dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von 
den Germanen, nüchterne, mäfsige, unerschrockene, stolze Leute, vor- 
treffliche Soldaten, aber bürgerlicher Entwickelung wenig zugänglich, 
mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer gröfseren politischen Ent- 
Wickelung ist er nicht gelangt An der italischen Küste traten ihnen 
wahrscheinlich zunächst die Kelten entgegen ; die wahrscheinlich iUyri- 
seben VAlkerschaflen daselbst, insbesondere die Veneter, wurden durch 
die RifsUtit mit den Kelten ÜrOh zu fügsamen Untertbanen der Rtaer. 
Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Grftndung von 
Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien (1, 6$5) weiter 
ihre Grenzen ein. An der Ostkflste des sdriatischen Meeres waren die 
wichtigeren Inseln und die Südhäfen des Continents seit langem von 
den kühnen hellenischen SchirPern occupirt. Als dann in Skodra (Scu- 
tari), gewissermafsen in alter Zeit wie heutzutage dem Centralpunkt 
des iilyrisclien Landes, die Herrscher anfingen sich zu eigener Macht 
zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, 
schlug Rom schon vor dem hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger 
Hand nieder und nahm die ganze Küste unter seine Schutzhcrrschaft 
(1, 54B %.), welche bald, nachdem der Herr von Skodra mit dem König 
Perseus Ton Makedonien den Krieg und die Niederlage getheüt hatte, 
die fdllige Auflösung dieses FOrstentbums berbeifSkhrie (1, 771). Am 
Ende des 6. iahrhunderts der Stadt und in der ersten Hilfte des 
siebenten wurde In Isngjihrigen Kimpfen such die Kflste zwischen 
Istrien und Skodra von den Römern besetzt (2, 165. 169). Im Binnen- 
land wurden die lllyrier in republikanischer Zeit von den Kümern 



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MB DONADLANm DIU) DIB KRIfiGB AN DBB DONAU. 



183 



wenig berührt; dafür aber müssen von Westen her vordringend die 
Kelten einen guten Theil ursprünglich illyrischen Gebiets in ihre Ge- 
walt gebracht haben, so das späterhin überwiegend keltische Noricum. 
Kelten sind auch die Latobiker im heutigea Krain; and in dem ge- 
sammten Gebiet BwischeD Stve und Dra«, ebenso im Raabthal saliieil 
4ie beideii groften Stteme im Genenge, aU Caesar Augnatn« die 
ifliilieheD IKslricte PtnuoiiieBa der römiiehen HeradMfl unterwart 
Walmelieiiilidi hat dieae starke Miaekang mit keltiacfaio Elenenten 
Beben ebenen Bodenbeachaffenheit in dem firflhen Untergang der 
iHyriadien Nation in den pannoniachen Landaehaflen ihren TheO bei- 
getragen. In die südliche Hälfte der von lllyriem bewohnten Land- 
schaften dagegen sind von denKeilennur dieSkurdisker vorgedrungen, 
deren Festsetzung an der unteren Save bis zur Morawa und deren 

Streitereien bis in die iNähe von Thessalonikc früher (2, 108 fg.) er- 
wähnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen gewisser- 
maCsen den Platz geräumt; das Sinken der makedonischen Macht und 
die Verödung von Epirus und Aetolien müssen die Ausbreitung der 
illjriicben Nachbaren gefördert haben. Boanien, Serbien, vor allem 
Albanien sind in der Jüuaeneit ülyriach geweaen und Albanien iat 
ai noch heute. 

Ea iat frAher eniblt worden, dalit lUyneom aebon nMh der Di« Prorins 
Ablicht dea Dkutoia Caaaar ala eigene Statthalterachaft conati- ^^^'^^^ 
tairt werden aoUte und dieae Abaicht bei der Theflung der Pro- 
vimen iwiachen Augnatna nnd dem Senat lur Aaaf Abrang kam; 

dab diese anfangs dem Senat überwiesene Statthalterschaft wegen 
der daselbst nolhwendigen Kriegführung auf den Kaiser überging; 
dafs Augustus diese Statthalterschaft theilte und die bis dahin 
im Ganzen nur nominelle lierrschaft über das Binnenland sowohl in 
Dalmaiien wie im Savegebiet effectiv machte; dafs er endlich die ge- 
waltige nationale inaurrection, die bei den dalmatischen wie bei den 
panaonischen lilyriern im J. 6 n. Chr. ausbrach, nach schwerem vier- 
jihrigen Kampf überwältigte. Es bleibt übrig die ferneren Schickaale 
sankhat der aftdlichen Provins so berichten. 

Nach den bei der Inanrrection gemachten Erfahmngen schien ea odmatiaa 
«rfwderlich nicht bloCs die in Ulyricum aasgebobenen Mannschaften ^äteOMT 
•latt wie bisher in ihrer Heimath vielmehr auawftrta su verwenden, ®'*"'*™» 
iradeni auch die Dalmater wie die Pannonier durch ein Commando 
VSlen Hanges in Botmäi^igkeit zu halten. Dasselbe hat seinen Zweck 



184 



ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 



rasch erfölll. Der Widerstand, den die lllyriker unter Augustus der 
ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt 
mit dem einen gewaltigen Sturm: späterhin verzeichnen unsere 
Berichte keine ähnhche auch nur partielle Bewegung. Für das südh'che 
oder nach denn römischen Ausdruck das obere lilvricum, die ProYioz 
Dalmatien, wie sie seit der Zeit der Fla vier gewöhnlich heifst, begann 
mix demKaMerregiment eine neue Epoche. Die griecbiachen lUofleute 
betten wohl anf der ihnen nicfast liegenden Kfiate die beiden grolhen 
Emporien Apollonia (bei Valona) und Dyrrachinm (Duraiio) gegritedet; 
eben darum war dieser Theil schon unter der Republik der 
griecbischen Verwaltung äberwiesen worden. Aber weiter nordwirts 
hatten die Hellenen nur auf den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), 
Pharos (Lesina), Schwarz -Kerkyra (Curzola) sich angesiedelt und 
von da aus <1(Mi V«'rkehr mit den Eingebornen namentlich an der 
Küste von Naroiia und in den Salonae vorliegenden Ortschaften unter- 
halten. Unter der römischen Republik hatten die italischen Händler, 
welche hier die Erbschaft der griechischen antraten, in den Hauptbäfeo 
Epitaurum (Ragusa veochia), Narona, Salonae, lader (Zara) sich in 
solcher Zahl niedeiigelassen, daCs sie in dem Kriege iwischen Cag aa r 
und Pompehis eine nicht unwesentliche Rolle spielen konnten. Aber 
VerstMung durch dort angesiedelte Veteranen und, was die Hanpt- 
Sache war, sUdtisches Recht empfingen diese Ortschaften erst durch 
Augustus, und sogleich kam dieils die energische UnterdrOckung der 
auf den Insoln noch bestehenden Piratenschlupfwinkel, theils die 
Unterwerfung des Hiiinenlaiides und die Vorschiebung der römischen 
Grenze trogen die Donau insbesondere diesen auf der Ostkuste des 
adriatiscJicn Meeres angesiedelten Italikern zu Gute. Vor allem die 
Hauptstadt des Landes, der Sitz des Statthalters und der gesammten 
Verwaltung, Salonae blühte rasch auf und flberflugelte weit die älteren 
griechischen Ansiedlungen Apollonia und Dyrrachium, obwohl in die 
letztere Stadt ebenfalls unter Augustus itahscbe Colonisten, freihch 
nicht Veteranen, sondern exproprürte Italiker gesendet und die Stadt 
als rdmische Bflrgei^gemeinde eingerichtet wurde. Vermuthlidi hat 
bei dem Aufblähen Dalmatiens und dem Verfcömroem der illyrisch- 
makedonischen Kflste der Gegensatz des kaiserlichen und des Senats- 
regimentes eine wesentliche Rolle gespielt, die bessere Verwaltung 
sowohl wie die Bevorzugung bei <lem eigentlichen Machthaber. Damit 
wird weiter zusammenhängen, dafs die illyrische Nationalität sich in 



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MI DOKAULAKDEa UM) DIU kElEtifi DER DOMAU. 



185 



dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft hesser hehaiiptet 
hat als in dem der dahnntisclicn : in jenen) lebt sie heute noch fort 
und es muls in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen 
Apollonia und der italischen Colonie Dyrrachium , neben den beiden 
Aeidiispracben im BinnenlMid die des Volkes die iUyrische geblieben 
Min. in Dalmatien dagegen wurden die KOete und die Inseln, eo 
weit sie iigend sich eigneten — die unwirthHehe Stredie 
■efdwirte von hder blieb in der Entwicltelnng nothwendig 
surAdL — aacb ittlitcber Ordnung oommunalisirt, und bald sprach 
die |i|anie Rfiste kteinischf etwa wie heutzutage venezianisch. Dem 
Vordringen derCivilisation in das Binnenland traten örtliche Scliwiorig- 
keiten entgegen, Dahnatiens bedeutende Ströme bilden mehr Wasser- 
falle als Wasserstralsen ; und auch die Herstellung der Landstral'sen 
stö^^t hei der Beschallenheit seines Hergnelzes auf ungewöhnliche 
Schwierigkeiten. Die rdmische Regierung hat ernstliche Anstrengungen 
genaeht das Land aufouschliefsen. Unter dem Schutz des Legiona- 
ligecB von Burnum entwidLelte im Keritathal. in dem der Cettina 
unter dem dea LagecB von Delminiuni, welche Lager auch Iiier die 
Tiiger der Ginhairung und der Latiniorung gewesen sein werden, 
«h die Bodeobeatellung nach italischer Art, auch die Pflanzung der 
Rebe und der Olive und Uberhsupt italische Ordnung und Gesittung. 
Dagegen jensett der Wasserscheide iwischen dem adrialiscben Meer 
und der Donau sind die auch für den Ackerhau wenig günstigen Thäler 
Von der Kulpa his zum Drin in römischer Zeit in ähnlichen primitiven 
Verhältnissen verhliehcn, wie sie das heutige Bosnien aufweist. Kaiser 
Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager 
von Salonae his in die Thäler Bosniens verschiedene Chausseen 
geführt; aber die späteren Regierungen liefseu, wie es scheint, 
die schwierige Aufgalx; fallen. An der Küste und in den der Küste 
Bibergsfegenen Strichen bedurfte Dalmatien bald keiner weiteren 
■ilitlnscbeo Hut; die Legionen des Keii^a- und des Cettinathales 
konnte schon Vespaaian von dort wegaehen und anderweitig ver* 
mdso. Unter dem allgemeinen Ver&U des Reidies im dritten Jahr- 
bandert hat Dalmatien verbiltiiiliBmftfaig wenig gelitten , ja Salonae 
wohl erst damals seine höchste Blflthe erreicht. Freilich ist dies zum 
Theil dadurch xeranlafst, dafs der Regenerator des römischen Staates, 
Kaiser Dioclelianus, ein geborener Dalmatiner >var und sein auf die 
Decapitalisirung Roms gerichtetes Slrebeu der Hauptstadt seines 



186 



ACHTBS BUCH. KAPITEL Yl 



Heimathlandes vorzugsweise zu Gute kommen liefs: er baute neben 
derselben den gewalti^^en Palast, von dem die heutige Hauptstadt der 
Provinz den xNamen Spalato tragt, innerhalb dessen sie zum gröfsten 
Tbeil Platz gefunden hat und dessen Tempel ihr heute als Dom und 
als Baptatlerium 0 dienen. Aber zur Grolutadt bat nicht erst Diocletiaa 
Silonae gemacht, sondern weil sie es war, sie für seine Privalresidens 
gewflhh; Handel nnd Schilbhrt ond Gewerbe müssen damals in diesen 
Gewissem vonngsweise in Aqnileia ond in Salenae sich oooeenirirt 
haben und die Stadt eine der Tolkreichsten nnd woblhabendslam des 
Ooddents gewesen sein. Die reichen Eisengruben Bosniens waren 
wenigstens in der späteren Kaiserzeitin starkem Betrieb ; ebenso iiet erten 
die Wälder der Provinz massenhaftes und vorzügliches Bauholz; auch 
von der blühenden Textilindustrie des Landes bewahrt die priesterlichc 
Dalmatica noch beute eine Erinnerung. Ueberhaupt ist die Civilisirung 
und die Romanisirung Dalmatiens eine der eigensten und eine der be- 
deutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. Die Grenze Dalmatiens 
und Makedoniens ist zugleich die politische und die sprachliche Scheide 
des Occidents nnd des Orients. Bei Sl^odra berflhren sich wie die 
Herrschaftsgebiete Caessrs nnd Marc Antons, so auch nach der Reicfas- 
theilong des Tierten Jshrfaunderts die von Rom und Bysans. Hier gr«ut 
die lateinische Provins Dalmatien mit der griediischen Pro?ins Make- 
donien; nnd krÜtig emporstrebend und überlegen, mit gewaltig 
treibender Propagauda, steht hier die jüngere neben der älteren 
Schwester. 

Wenn die südliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment 
bald in geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet 
das nördliche lUyricum oder, wie es gewöhnlich heilst» Pannonien 
in der Kaiserzeit eines der grofsen militärischen und somit auch 
politischen Centren. In dem Donauheer hal>en die pannonischen 
Lager die Ifihfende Stellung wie im Westen die rheinischen, nnd 
die dalmatischen und die moesischen schliefen ihnen in Ihnlidier 
Weise sich an und ordnen ihnen sich unter wie den rheinischen die Le- 
gionen Spsniens und Britanniens. Die rftmische Cifilisation steht und 
bleibt hier unter dem Einflufs der Lager, die in Pannonien nicht wie 
in Dalmatien nur einige Generationen hindurch, sondern dauernd ver- 
blieben. Nach der Lebcrwältigung des balonischen Aufstandes belief 



) Das Baptiüterium ist vielleicht das Grabual des Kaisers. 



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DIE DOIUULlNDfiB ÜÄD DIB KRIEGE AN DER DONAU, 



187 



die regeln) äfsige UesatzuDg der Provinz sich zuerst auf drei, spSler, 
wie es scheint, nur auf zwei Legionen, und durch deren Standlager 
und ihre Vorschiehung ist die weitere Entwickelung bedingt. Wenn 
Augustus nach dem ersten Kriege gegen die Dalmater Siscia an der 
Mündung der Kulpa in die Save zum HauptwafTenpltti ansersehen 
hatte, so waren, nachdem Tiberiua Pannonien mindestena bia an die 
Draii unterworfen hatte, die Lager an dieae forgeacheben worden and 
wea%rtena einea der pannoniaehen Hauptquartiere befand aicb aeitdem 
in PoetoTio (Pettan) an der noriaehen Grenie. IKe Ursache, webhalb 
die pMmoniaciie Armee gern oder mm TheA im Dranthal Terblieb, 
kann nnr die gMebe gewesen aeln, weldie sn der Anlage der dal- 
natinischen Legionslager geführt hat: man hrauchte hier die Truppen 
um die Unlerthanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor allem im 
Draugebiet selbst in Gehorsam zu hallen. Auf der Donau hielt die 
römische Flotte Wacht, die schon im J. 50 erwähnt wird und ver- 
muthüch mit der Einrichtung der Provinz entstanden war. Legions- 
lager gab es am Flusse selbst unter der julisch-daudischen Dynastie 
vielleicht noch nicht'), wobei in Betracht kommt, dafs der zunächst 
der Piofim Torliegende Snebenstut von Rom damaJa ToUatindig ab- ^ 



Hab im J. 60 locl kdae LagloM aa 4or Dom» sclbtt tiaidM, 
i4|t eai TmObu m. 12, 29; soeit win tt aioht ■«Ihig aawtMi inr Aaf- 
MluM 4#r SbartretBBte SeebM elM Lagiee dortida S9 seUokea. Avcli 4ie 
Atlagt das dandischfla Savaria pafst besser, wenn dt« Stadt damals noriseli 
war, als wenn sie schoo zn PaQDOoien gehörte; und da die Zntheilang dieser 
Stadt za Pannonifo mit der plcifhcn Abtrennuog von Carnnntum and mit der 
Verlegoog der Legion dabin sicher der Zeit nach znsainmeogebürt , so dürfte 
dies al]e^ erst in nachclaadischer Zeit stattgefunden haben. Auch die ge- 
riage Zahl der iu den Dunaulagera gefuDdeocn loscbrifteu von luUkera (Eph. 
ep. 5 p. 225) descat aef ipitare BatatalmBg. AUardf aga luibee lieli ia Garauatna 
iiaige Grabacbriftea voa Soldatea der 15. L«gioo gefbadea, die aach der Xasserea 
Fem «ad na«! den Pefclea des Cegaoaiea Itter s« aeia seheiaea (HInAfeM 
•^eh. epigrapb. Ifittbeiloogeo 5, 217). Oerartige ZeitbestimmuDgen können, we 
es sieh aai eia Oeceonimn handelt, volle Sicherheit nicht in Anspmdi nehmen; 
indefs njafs eiogeräamt werden, dafs auch jene .Argumente keinen vollen Be- 
weis machen ond die Translocation früher, etwa unter Nero begonnen haben 
kaon. Für die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian 
spricht die einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Carnontam aoa den 
J- 73 (Hirsebfcld a a. 0.). 



188 



ACUTES BUCH. iaPlTEL VI. 



hängig war und lür die Grenzdeckung einigerniafsen genügte. Wie die 
dalmaliiiischen bat dann, wie es scheint, Vespasian auch die Lager an 
der Drnu aufgehoben und sie an die Donau selbst verlegt; seitdem ist 
das grofse Hauptquartier der pannonischen Armee das früher uoriscüe 
(S. 181) CarDualum (Petruuell östlich voa Wien) und danehea Viodo- 
bona (Wien). 

Die bürgerliche Entwickelung, wie wir sie in Noricum und an der 
Koste Dalmatiens fanden, xeigi in Pannonien in gleicher Weise sich 
nur in einigen an der noriseben Grenie gelegenen und lom Tbeil 
unprOngUch su Noriciun gehörigen Districten; fimona nnd das obere 
Sa?etbal stehen mit Noricam gleich, und wenn SaTaria (Stein am 
Anger) zugleich mit den noriseben Stödten itaUscfae Stadt^erftssoog 
empfangen hat, so wu*d, so lange Camanlum eine norisdie Stadt 
war, wohl auch jener Ort zu Noricum gehört haben. Erst seitdeni 
die Truppen an der Donau standen, ging die Regierung daran das 
Hinterland städtisch zu organisiren. In dem westlichen urs|)rünglich 
noriseben Gebiet erhielt Scarbantia (Oedenlmrg am Neu&iedler See) 
unter den Flaviern Stadlrecbl, während Nindobona und Carnuutuni 
von selbst zu Lagerstädten wurden. Zwischen Save und Drau 
empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der Drau 
Poetovio (Peltau) unter Traianus Stadtrechl, Mursa (Eszeg) unter 
Hadrian Colonialrecht, um hier nur der Uauptorte zu gedenken. Dals 
die überwiegend illyrische» aber tum guten Theil auch keltische Be- 
völkerung der Romanisirung keinen energischen Widerstand entgegen- 
setzte, ist schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und die alte 
Sitte schwanden, wo die Römer hinkamen, und bidten sich nur in den 
entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung ein- 
ladenden Striche östlich vom Raahflufs und nördlich der Drau bis zur 
Donau sind wohl schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, 
aber vielleicht in nicht viel anderer Weise als Gerniünicn vor der \ arus- 
schlacbt; hier hat die städtische Lntwickelung weder damals noch später 
rechten Boden gefunden, und auch militärisch ist dieses Gebiet laiijie 
Zeit wenig oder gar nicht belegt worden. Dies hat sieb erst in Folge 
der Einverleibung Daciens unter Traian einigerniafsen geändert; die 
dadurch herbeigeführte Verschiebung der pannonischen Lager gegen 
die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwickelung Pan- 
iionieos wird besser im Zusammenbang mit den traianiscben Kriegen 
geschildert. 



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ÜB DOIIAULÄADER UIID DIE KRIEGE AN DER DONAU 



1B9 



Das letzte Stück des rccht*^n Donauufers, das Heri^land zu beiden Dn 
Seiten des IHargns (Moraw.i) und das zwischen dem Haemus und der staam 
Donau lang sich hinstreckende Flaclilnnd, war bewohnt von thrakischen 
Völkerschaften; und es erscheint zunächst ert'orderhch auf diesen 
grofsea Stamm ab solchen einen Bhck zu werfen. Er geht dem illy- 
rischen in gewitsem Sinne parallel. Wie die lllyrier einst die Land- 
schaften fom adriatischen Meer bis zur mittleren Donau erfüllten, so 
aafiwn ehemals die Thraker öetlieh fon ihnen Tom Igiischen Meer bis 
m Donaumtadong nnd nicht minder einerseits anf dem linicen Donau- 
ofer namentlich in dem heutigen Siebenbfligen, andererseits jenseit 
des Bocporos wenigstens in Bithynien and bis nach Pbrygien ; nicht mit 
Unrecht nennt Herodot die Thraker das grOftte der ihm bekannten 
Völker nach den indem. Wie der illyrische ist auch der thrakische 
Stamm zu keiner vollen Entwickelun;; gelangt und erscheint mehr 
gedrängt und verdrängt als in eigener geschichtliche Erinnerung 
hinterlassender Entwickelung. Aber während Sprache und Sitte der 
LlyTier sich in einer wenn gleich im Laufe der Jahrhunderte ver- 
schlifTenen Form bis auf den heutigen Tag erhalten haben und wir 
mit einigem Hecht das Bild der Palikaren aus der neueren Geschichte 
in die der römischen iüüserzeit übertragen, so gilt das Gleiche von 
den thrakischen Stämmen nicht. Vieißich und sicher ist es bezeugt, 
dafs die Völkerschaften des Gebiets, welchem in Folge der römischen 
ProvimialtbeilQng schliesslich der Name Thrakien geblieben Ist, so 
wie die moesischen iwischen dem Balkan nnd der Denan nnd nicht 
minder die Geten oder Daher am anderen Donannfer alle eine und 
dieselbe Sprache redeten. Es hatte diese Sprache in dem römischen 
Kaiserreich eine ihnliehe SteKnng wie die der Kelten nnd der Syrer. 
Der Historiker und Geograph der augustlscben Zeit Strabo erwähnt 
die Gleichheit der Sprache der genannten Völker; in botanischen 
Schriften der Kaiserzeit werden von einer Anzahl Pflanzen die 
dakischen Benennungen angegeben^). Als seinem Zeitgeiiosseo, dem 



Thrakischer, petischcr, dacischer Orts- und Persooennanioo kennen wir 
gaoze Reiben; sprachlich bemcrkcnswcrth ist eine mit -centhus zusanimen- 
fetetste Groppe von Persooe^oaiueu; JitthicenihuSf ZipacenthuSf Disacenthutf 
Tr t t itm fkM äf Lbtkmäkm (BelL de eorr. kell. 6, 179), vod deaen di« eritm 
Mdee im ftrtr cadereo RXlflo (Mäku», Zipa) aaek iieltrt hinflg be^e^oea. 
Wim MSA GreFf« Mldra die Cenpoi IIa Mit wie MmeapoHa (Thraker 

Bell.a.e. O., Daker saklreieh), CMh^eriv» Hkmi^poHtt mUkoptriM, ßinttporii. 



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190 



ACam BUCH. KAPITEL ?!• 



Poeten Ovidius Gelegenheit gegeben wurde über seinen allzu Hotten 
LebeDswandel fern in derDobrudscha nachzudenken, benaUte er seine 
MiiÜBe um getisch zu lernen und wurde fast ein Getenpoet: 

Und ich schrieb, o web! ein Gedicht in getiscber Sprache* 
GriluUrtl d« nur niebt, da£s ich den Geten gefielt 
Aber wenn die irlBchen Baideii, die afriaehen Miwlonire, die Beif- 
tbfller Albaniens anderen Idionmi der Kaiaeneit eine gewiaae Forl- 
dauer gewahrt haben, ae iat daa thrakiacbe unter desa VOlherg e w c ge 
dea Denaugebieta und dem Abennldittgen Einflufs Constantinopels 
Yerscbollen, und wir vermögen nicht einmal die Stelle zu beslimnien, 
welche ihm in dem Völkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen 
von Sitten und Gebräuchen einzelner dazu gehöriger Völkerschaften, 
über welche mancherlei Notizen sich erhalten haben, ergeben keine 
für den ganzen Stamm gültigen individuellen Züge und heben meistens 
nur Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Völkern auf niederer Cultur- 
stufcsich zeigen. Aber ein Soldaten volk sind sie gewesen und gebliehen, 
aia Reiter nicht minder brauchbar wie für die leichte Infanterie, von 
den Zeiten dea peloponneaiBChen Krieges und Aleianders bia Math in 
die der rltaniachen Caeaaren, mochten de gegen dieae aich atemroea 
oder apSter für aie fechten. Auch die wihle, aber grolhartige Weiae 
der Götterverehrirag darf vielleicht ab ein diesem Stamm eigeathta* 
Hoher Grundzug aufgefidSit werden, der gewaltige Ausbruch der 
Frülilings- und der Jugendlust, die nächtlichen Bergfeste fackel- 
schwingender Mädchen, die rauschende sinnverwirrende Musik , der 
strömende Wein und das strömende Blut, der in Aufregung aller sinn- 
hchen Leidenschallen zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, 
der herrliche und der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was 
der Art in dem hellenischen und dem römischen GuU iieaondera her- 
vortritt, knflpft an thrakiacbe oder phrygiache Sitte an« 
Dm Während die illyriachen Vdlkerachaften in Dalmatien und Ptaine- 

fSÜSI^ nien nach der Niederwerfung der grofaen Inaurrection in den letsteo 
Jahren dea Augnatua die Entacheidung der Waffen nicht wieder ge- 
gen die Rftmer angerufen haben ,* gilt von den thrakiaehen Stümroeo 
nicht das Gleiche; der oft bewiesene Unabhängigkeitssinn und die wilde 
Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich 
nicht. In dem Thrakien südlich vom Ilaemus blieb das alte Fürsleu- 
thum unter römischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus 
der Odrysen, mit der liesideux fiiaye (Wiza) zwischen Adriaoopei und 



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DIE I»OKAtLÄNDBR UHD DIE ILBIEGK AN DER DONAU. 



191 



der Küsle des schwarzen Mrcres. tritt schon in der frülieren Zeit unter 
den thrakischen Fürtiten^eschltrlitcni nm meisten hervor; nach der 
Triumviralzeit ist von anderen thrakischen Königen als denen dieses 
Hauses nicht ferner die Rede, so daCs die übrigen Fürsten durch 
Augustus zu Vasalien gemacht oder beseitigt zu sein scheinen und 
mit dem Uurakiachen Königthum fortan nur Glieder dieses Geschlechts 
belshnt worden sind. Es gesehah dies wahrscheinlich deshalb, weil 
während des ersten Jahrhunderts, wie weiterhin tu seigen sein wird, 
an der unteren Donau keine rftmischen Legionen standen; den Greni- 
schuts an der DonaumOndung erwartete Augustus Ton dem thrakischen 
YasaUsn. Rhoemetalkes, welcher in der sweiten Hilfte der Regierung 
des Augustus als römischer Lehnskönig das gesammte Thrakien 
bshoTBchte ^) , und seine Kinder und Riikel spielten denn aucii in 
fiesem Lande ungefähr dieselbe Rolle wie llerodes und seine Nach- 
kommen in Palästina: unbedingte Ergebenheit gegen den Uberherrn, 
entschiedene Hinneigung zu römischem Wes<'n, Verleindung mit den 
eigfiien die nationale Unabhan^'igkeit festhaltenden Landsleuten be- 
zeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die grofse 
früher (S. 21) erzählte thrakische Insurrection der Jahre 741 — 743 
richtete sich zunächst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen Rruder 
und Hilherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den 
Rönem die Wiedereinsetsung in seine Herrschaft verdankte, so trug 
er ihnen eiD%e Jahre spiter semen Dank ah, indem er hei dem Auf- 
Hand der Daimater und der Pannonier, dem seine dskischen Stammes- 
gaaonen sich anschlössen, treo zu den Rftmem hielt und an der 
IMerwerfang desselben wesentlidien Antheil hatte. Sein Sohn Kotys 
war mehr R6mer oder vielmehr Grieche als Thraker; er führte 
Minen Stammbaum zurück auf Eumolpos und Erichthonios und 
gewann die Hand eini?r Verwandten des kaiserlichen Hauses, der 
Lrenkeiin des Triiimvir Antonius; nicht blofs die griechischen und die 
lateinischen Poeten seiuer Zeit sangen ihn an, sondern er selbst wai* 



Da» Tacituti aao. 2 , (>4 aiudrücklich. Freie Thruker, vom 

iteischea Standpunct aiu betrachtet, gab es damals oicht; wohl aber behauptete 
i»» Ihrafciacfc« GeUrge, MBeetUch die Rhoaop« der Beiaer euch im Friedeat- 
•M den vm Bob eiageaetsteB Fttntea gegeafiher dae kaan als UateiihSaiff- 
keit la beselchaeade Stellaag; aie erkaaatea wähl dea KSaig an , gehorchtea 
ihi aber, wie Taeitaa (a. a. O. and 4, 46. 61) tagt, aar wtaa ihaea paGrte. 



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192 



▲CfllfiS BUCH. KAPITEL VI. 



ebenfalls und nicht getisrlier Hichler '). Der letzte der Ihrakischen 
Könige, des früh gestorbenen Kotys Sohn Rhoemctalkes %\ar in Rom 
aufgewacbseD und gleich dem Uerodeer Agrippa des Kaisers Gaius 
Jugendgespiele. Die thrakiflche Nation aber Üieilte keineswegs die 
römischen Neigungen des regierenden Hauses und die Regierung 
äbeneugte eich allmShlich in TbrakieD wie in Pataestina, dalli der 
schwankende nur durch besUndIgea Eingreifen der Schutimackt 
aufrecht erhaltene Vasallenthron weder für sie noch für das Land von 
Nutzen und die Einführung der nnmittelbaren Verwaltung in jeder 
Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thra- 
kischen Königsbause entstandenen Zerwürfnisse, um in der Form der 
Vormundschaftsführung über die unmündigen l'rinzen im J. 19 einen 
römischen Statthalter Titus Trebellenus Rufus nach Thrakien zu 
schicknn. Doch vollzog sich diese Occupation nicht ohn« freilich 
erl'uiglüsrn, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namenilich 
in den Bergthälern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig 
kümmerte und dessen Mannschaften» von ihren Stammhäuptern ge» 
Uhrt, sich kaum als königliche, noch weniger als römische Soldaten 
fohlten. Die Sendung des Trebellenus rief im J. 21 einen Aafktand 
hervor, an dem nicht blofs die angesehensten thrakischen Völker- 
schaften sich belheiligten, sondern der gröftore VerhSltnisse anzu- 
nehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen Ober den Haemus, 
um in Moesien und vielleicht noch weiter hin den Nationalkrieg zu 
entfachen. Indefs die moesischen Legionen erschienen rechtzeitig, 
um Philippopolis , das die Aufständischen belagerten, zu entsetzen 
und die Bewegung zu unterdrücken. Aber als einige Jahre später 
(J. 25) die römische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete, 
weigerten sich die Mannschaften aufserhalb des eigenen Landes zu 
dienen. Da keine Rücksicht darauf genommen wurde, stand das 
ganze Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampt, in weichem 
die Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum 
grofsen Theil theils in die Schwerter der Feinde, theils in die eigenen 
sich stflrzten und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten 
Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vor- 

*) Wir haben noch ein Kotys §^e^idinetes griechisches Bpigramm de« 
Antipater von Tbess»lonikc (anthol. Plaoud. 4, 75), desselben Dichters, der 
auch den Thrakersicgcr Visu (S. 21) feierte, nnd eine an Kotys gerichtete 
lateinische Epistel in Versen des Ovidins (ex Pento 2, 9). 



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ME IKHUIJLÄ.NDER U.ND DIE KRIEGE AN DER DONAU. 



193 



miiodNliafUfihniDg in Thnkiai bis ram Tode dm T9mim; und 
wenn Kaiser Gaius bei dem Antritt der Regierung dem thrakiicben 

Jugendfreund ebenso wie dem jüdischen die Herrschaft zurückgab, 
so machte wenige Jahre darauf im J. 46 die Regierung des Claudius 
ihr definitiv ein Ende. Auch diese schliefälicbe Einziehung des König- 
reichs und Umwandlung in einen römischen Bezirk traf noch auf 
eine gleich hoffnungslose und gleich hartnäckige Gegenwehr. Aber 
mit der Einführung der unmittelbaren Verwaltung ist der Widerstand 
gebrochen. £iiie Legion bat der Statthalter, anfangs von Ritter-, 
seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land 
gelegte fieaataong, wenn sie auch nicht stirfcer war als 2000 Mann 
nebat einem kleinen bei Perintboa atationirten Geschwader , genOgte 
io Yerimidnng mit den aonat Yon der Regiening getroffenen Voraidita- 
mafiiregeln, nm die Thraker niedertohalten. Mit der Anlegung der 
Militintraben wnrde gleich nach derEiniiebung begonnen ; wir finden, 
dafs die bei dem Zustand des Landea erforderlichen Stationsgebiude 
fikr die Unterkunft der Reisenden bereits im J. 61 von der Regierung 
eingerichtet und dem Verkehr übergehen wurden. Thrakien ist seit- 
dem eine gehorsame und wichtige Hcichsprovinz ; kaum hat irgend 
eine andere für alle Theile der Kriegsmacht, insbesondere auch für 
die Reiterei und die Flotte , so zahlreiche Mannschallen gestellt wie 
dieses alte Heimathland der Fechter und der Lohnsoldalen. 

Die ernsten Kämpfe, welche die Römer auf dem sogenannten 
thrakiscben Ufer, in der Landschaft zwischen dem Ralkan und der 
Donau mit derselben Nation su bestehen hatten und welche tu der 
Eiorichtang des moesischen Commandos fahrten, bilden einen wesent- 
lichen BestandCheil der Regnlirung der Nordgrense in augustiscber 
Zeit, und sind in ihrem Znsammenhang bereits geschildert worden 
(S. 12). Ton ähnlichem Widerstand, wie die Thraker ihn den Römern 
entgegensetsten , wird aus Moesien nichts berichtet; die Stimmung 
daselbst mag nicht anders gewesen sein, aber in dem ebenen Lande 
und unter dem Druck der hei Viminacium lagernden Legionen trat der 
Widerstand nicht offen hervor. 

Die Civilisation kam den thrakiscben Völkerscliatien, \vie den }i«ueab> 
in3nri!;chen , von zwei Seiten: von der Küste her und von der^moijBiyr 
makedonischen Crenze die der Hellenen, von der dalmatischen und 
pannonischen die lateinische. Leber jene wird zweckmäfsiger zu 
bandeln sein, wo wir versuchen die Stellung der europäischen Griechen 



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194 



ACUTES BUCH. KAPITEL VI. 



mrter der Kaiserhemcbaft tu beieichneD; hier genügt es im All- 
gemeinen hervorzuheben, dafs dieselbe aaeh hier nicht Uoft'dM 

Cf riechentbum , wo sie es fand, geschützt hat und die geiaiBlllte 
Küste, auch die dem Statthalter von Moesien untergebene, stets grie- 
chisch gehliel)en ist, sondern dal's die Provinz Thrakien, deren Civiii- 
hation ernstlich erst von Traian begonnen und durchaus ein Werk der 
Kaiserzeit ist, niclit in die römische Hahn gelenkt, >(uidcrn heilenisirl 
ward. Selbst die nördlichen Abhänge des Haemus, obwohl administra- 
tiv zu Moesien gehurig, sind in diese Ilellenisirung hineingezogen, Ni- 
liopolis an der Jantra und Markianopolis unweit Varna, beides Grün- 
duDgen Traians, nach griechischem Schema organisirt worden. — Voo 
der lateiDischen Civiliaation Moesiens gilt das gleiche wie von der des 
angrensenden dalmatischen und pannoniscben Binnenlandes; nur 
tritt dieselbe, wie natftrlich, um so viel später, schwächer und unreiner 
auf, je weiter sie von ihrem Ausgangspunct sich entfernt Ueber* 
wiegend ist sie hier den Legionslagem gefolgt und mit diesen onch 
Osten hin yorgedrungen, ausgehend von den wahrscheinlich ältesten 
Moesiens bei Singidunum (Belgrad) und Viminacium (Kostolatz) 
Freilich hat sie, der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel 
entsprechend, auch in Obermoesien sich auf sehr niedriger Stufe ge- 
halten und den primitiven Zuslfmden noch S|)ielraum genug gelassen. 
Viminacium hat durch Hadrian italisches Stadtreclit erhalten. iNieder- 
mocsien zwischen dem Italkan und der Donau ist in der früheren Kaiser- 
zeit w ohl durchaus in der Verfassung geblieben, welche die Körner vor- 

*) Bs iit eine iw onplladUcihstiB LüekeD 4«r rüaiiahei iUiser- 
gvtehiektfl^ d«b die Studiiger dar beiden Legionen, welche «nter den jnliedi- 
ebrndieehen Kaisern die Beeatnnf von Moeeien bildeten, der 4. Seythiee «ad 

der 5. Macedonica (wenigstens standen diese dort im .1. 33: C. I. L. III, 1698) 
■ieii bi» jetxt niebt mit Sicherheit nachweisen lassen. Wahrscheinlich waren et 
Viminacium and Sing^irltinum in dem späteren Obermoesien. Linter rlcn r.r;rinTi-: 
lagcru Medcrmucsiciis, von denen namentlich das von Troesmis zahlreiche 
Monumente aufzuweisen hat, scheint keiiit-n alter zu sein als Hadrian; die 
Ucberreste der obermoesischeu sind bis jetzt so sparsam, dafii sie weoigateos 
siebt bindern deren Kntslebiiog ein Jahrhundert weiter lorSek an legen. 
Wenn der RSaig von TbraitieR im J. 18 gegen Baatarner und Skythen rietet 
(Taeitna ann. 3, 65), ao bitte dies aneh als Verwand oidht gdtend gemacht 
werden kb'aneo, wenn niedermoesische Legionslager schon damals bestaoden 
hätten. Rhen diese Frrähluug zeigt, dafs die Ftricgsroacht dieses I^ehnfursten 
nicht unbedeutend wttr^ und die Beseitigung eines aofdgsaneo Königs von 
Tlirakiea Vorsicht erheischte. 



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MB DOIfÄULAKDOl UND DIB IBIB«B AN DER DO.NAU. 



195 



ftoden; erst als die Legionslager an dw unteren Dontu bei Novae, 
Daroetoroni und Troesmis gegründet wurden, was, wie weiter unten 

(S. 207) dargelegt wei den wird, wohl erst im Anfang des 2. Jahrhunderte 
geschah, ist auch dieser Theil des rechten Uonauufers, eine Ställe der- 
jenigen italischen Civilisalion geworden, welche mit der Ligerordnung 
sicli vertrug. Seitdem sind hier auch bürgerliche Ansiedluugen entstan- 
den, uamentUcii an der Itonaueelbst zwischen den grofsen Standlagern 
die nach itaüschem Muster eingerichteten Städte Katiaria unweit Widin 
und Oescus an Einflufs der Iskra in die Donau, und allmählich näherte 
aicb die Landacbaft dem Niveau der damals noch bestehenden freilieh 
in sidi Terfoneiideii rtaiscfaen Cultur. FOr den Wegebau in Unter- 
Boeaieii sind seit Hadrian, von dem die titeslen bisher daselbst ge- 
fundenen Meilensteine herrdhren, die Regenten vIeUliGb thätig gewesen. 

Wenden wir uns von der Uebersicht der römischen Herrschaft, 
wie sie seit Augustus in den Ländern am rechten Ufer der Dunau sich 
gestaltet hatte, zu den Verhältnissen und den Anwohnern des linken, 
so ist was üher die westlichste Landschaft zu bemerken wäre , ira 
Wesentlichen schon bei der Schilderung Obei'germaniens zur Sprache 
gekommen und namentlich hervorgehoben worden (S. 144), dals die 
zunächst an Raelien angrenzenden Germanen, die Hermunduren, unter 
den sammtlichen Nachbaren der Römer die friedfertigsten gewesen lind, 
so viel uns bekannt, niemals mit denselben in Conflict gerathen sind. 

Dalh das Volk der Marcomanen oder, wie die Römer sie in 
frdberer Zeit gewöhnlich nennen, der Sueben, nschdem es in 
aognstiscfaer Zeit in dem allen Boierland, dem heutigen Böhmen, 
neue Sitze gefunden und durch den König Maroboduus eine festere 
staatlirhe Organisation sich gegeben iialle, während der römisch- 
gernianisclien Kriege zwar Zuschauer blieb, aber doch durch die I)a- 
zwischenkunft der rheinischen (iermanen vor der drohenden römischen 
Invasion bewahrt ward, ist bereits erzählt worden; nicht minib-r. dafs 
der Rückschlag des abermaligen Abbruchs der römischen OlTensive am 
Rhein diesen allzu neutralen Staat über den Haufen warf. Die Vor- 
macfatstellang, welche die Maroomanen unter Maroboduus über die 
entfernteren Völker im Elbegebietgewonnen hatten, ging damit verloren 
und der König selbst ist als vertriebener Mann auf römischer Erde ge- 
storben (S. 55). Die Marcomanen und ihre stammverwandten öst- 
lichen Nachbaren, die Quaden in Mihren, geriethen msofem in römi- 
sche Clientel, als hier, ungelihr wie in Armenien, die nm die Herrschaft 

IS* 



1 



196 AGBTB0IDCB. BAHTBL Tl. 

streitendeD Prfltcndenten sicli tbeilweise «iif die Rdner ttOlztea osd 
diese das Meliiraiigsreebt in Ansprach nahmen und je nadi Umattatai 

auch ausübten. Der Gotonenfürst Cataalda, der zunächst den Maro- 
boduus gestürzt hatte, konnte als dessen Nachfolger sich nicht lange be- 
haupten, zumal da der König der benachbarten Hermunduren Vibilius 
gegen ihn eintrat; auch er noufste auf römisches Gebiet übertreten und 
gleich Maroboduus die kaiserliche Gnade anrufen. Tiberius bewirkte 
dann, dafs ein vornehmer Quade Vannius an seine Stelle kam; dem 
aabireicben Gefolge der beiden verbannten Könige, das auf dem rechten 
Donanufer nicht bleiben durfte, verschaffte Tiberius SHte auf dem linken 
im Marchtbal ') und dem Vannins die Anerkennung Ton Seiten der mit 
Rom befirenndeten Hermunduren. Nach dreilliigjihriger Herrschaft 
wurde dieser im J. 50 gestOnt durch seine beiden SchweatenShne 
Vangio und Sido, die sich gegen ihn auflehnten und die NachbarrMker, 
die Hermunduren im Frinkischen, der Lugier in Schlesien fiir sich 



') Dafs das regnum t'annianum (Plinius h. n. 4, 12, 81), der Sueben- 
staat (Tacitus ann. 12, 29; hiNt. 3, 5. 21) nicht blols, wie es nach Tacilu« 
aoD. 2, 03 scheioeo könnte, aof die Wohnsitxe der mit Maroboduus und 
Catnalda abergetretenen Lente, sondern avf das gaou Gebiet der MareoaMoea 
ond Qoaden bezogen werden nnfa, neigt deotlieli der sweite Beriekt tan. 
29. 30, da hier als Gegner des Vannins neben seinen eigenen ininrgirten Unter- 
tbanen die wesUieb nnd nSrdlieb an B6hmen angrensenden Vllker, die Her- 
mndaren and Logier erscheinen. Als G renne gr^en Osten bezeiebaat Pliniaa 
n. a. 0. die Gei^eod von Carnaotam {Germanomm ibi cünfinium), genauer den 
Flufs Maros oder Duri». der (He Soeben nnd da» rf^nt/m fanniantim von ihren 
östlichen Nachburn scheidet, map^ man nun das (iirimenx eos mit Müllenhotf 
(Sitzuni;sberichte der Berliner Akademie 18SH S. S71) auf die Jazygeo oder 
was Daher liegt, aof die ßastarner betiebeo. Sachlich grenzten wohl beide, die 
Jasygaa sSdttab, die BasUraer altrdliflk aift den Qnndea den Marehlbala. 
Denaaeb ist der Manu die Mareb nnd die Sebalde nachea die swisabea 
den Mareb* vad dem Wangllial sieb erstreekenden kleinen RarpaCben. Wenn 
also jene GefelgachaftcD uätr ßmnm Harum et Cusum angesiedelt werden, 
so ist der sonst niekt geasnote Cosas, falls die Angabe fc^nau ist, oiekt 
die Waap oder par, wie MüIlenhoGT meinte, die nnt«>rhalb Gran in die 
Donau fallende Eipel, sondern ein Zoflufs dT Donau westlich der March, etwa 
der Gosen bei IJnz. Aach fordert die Er/.ählunj; bei Tacitus 12, 29. 30. dafs das 
Gebiet des Vanoias westlich noch über die March hinaosgereicht hat. Die 
Sttbscription anter itm ersten Bach der Betracbtangeo des Raisera Marcos 
ir KovmSots rqavovif beweist wabi, dtfa daaiala der Qaadaaitaat sieb 

bis sam Granflnfs eratreekte; aber dieser Staat deckt aieb nidbtniit dem rtgmum 



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mC IK>?iAULÄKOKa ÜM> Oi£ kRi&üE AM OER DOAAU. 



197 



gewaoDea. Die römische Regierung, die VaDuiuä um L'aterdtüUuug 
augiug, blieb der Politik des Tiberius gelreu: sie gewährte dem gc- 
stürzteu König das Asylrecht, iDtervenirtc aber nicht, da zumal die 
Nachfolger, die das Gebiet unter «ich theilien, bereitwillig die römische 
Oberherrschaft anerkannten. Der neue Suebenfüri^t Sido und sein Mil- 
herrscher Italicuj», vielleicht der Nachfolger Vangios, fochten in der 
ScbJacht, die iwisehen ViteUioi andVeApasiio eDtschied« mit der römi- 
icheD Dooaaarinee auf der Seite derFlaTianer. IndengrofaeoKrieen der 
römiicheuHemcliaft an der Donau unter Domitiao und Marcus werden 
wir ihren Nachfolgern wieder begegen. Zum r6niiKhen Reich haben 
die Donauauehen nicht gehört; die wahracheinlich von denaelben ge- 
schlageoen Münzen zeigen wohl lateinische Aufschriften, aber nicht 
römischen Fufs, geschweige denn dus Bildiiira des Kaisers; eigentliche 
Abgaben und Aushebungen für Ilum haben hier nicht stattgefunden. 
Aber in dem Machtbereich Roms ist namentlich im ersten Jahrhundert 
der Suebenstaat in Böhmen und Mähren einbegrifTeu gewesen und, wie 
schon bemerkt ward, ist dies auch auf die Aufstellung der römischen 
Greozwacht nicht ohne Einflufs geblieben. 

In der £bene iwischen Donau und Theüs ostwärts von dem Jmjiw. 
rftmiichenPannonien hat zwischen dieses und die thrakischen Daher sich 
ein Splitter geschoben des wahrscheinlich xum modisch »persischen 
Stamm gehörigen Volkes derSarmaten, das nomadisch lebend als 
Hirten- und Reitervolk die weite osteuropäische Ebene zum grofsen 
Theil füllte; es sind diea tlieJazygen, die *ausgewanderten' (neiayccaiat) 
genannt zum Unterschied von dem am schwarzen Meer zurück- 
gebliebenen liauplstamm. Die Benennung zeigt, dafs sie erst verhält- 
uifsmäfsig spät in diese Gegenden vorgedrungen äind ; vielleicht gehört 
ihre Einwanderung mit zu den Stöfsen, unter denen um die Zeit der 
actischen Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach 
(S. 10). Ins begegnen sie liier zuerst unter Kaiser Claudius; dem 
Suebenkönig Vanniua stellten die Jasygen für seine Kriege die Reiterei. 
Diertaiiche Regierung warauf der Hut vor den flinken und rSuberiachen 
Reitenchaaren, stand aber äbrigens su ihnen nicht in feindlichen Bo- 
liehQogen. Als die Donaulegionen im J. 70 nach Italien marschirtent 
um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den Ja- 
sygen angebotenen Heiterzuzug ab und führten nur in schicklicher 
Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen 
für die Hube an der entblöfsten Grenze bürgten. 



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198 



Acans BVCH. eapitel vi 



Dak«r. Emstlicher und daaerndiftr Wacht bedurfte ee weiter abwirU 

an der unteren Donau. Jenseit des mächtigen Stromes, der jetxt des 
Reiches Grenze war, safsen hier in den Ebenen der Walachei und 
dem heutigen Siebenbürgen die Daker, in dem östlichen Flachland, 
in der Moldau, Bessarabien und weiter bin zunächst die germanischen 
Bastarner, alsdann sarmaliscbe Stämme, wie die Hoxolaner, ein Keitcr- 
volk gleich den Jazygen, anfänglich zwischen Dnjepr und Don (2, 214\ 
dann am Meerufer entlang vorrückend. In den ersten ialiren des 
Tiberiua verstärkte der Lehnförst von Thrakien seine Truppen, um die 
Butamer und Skythen abinwebren; in Tiberins aplteren Jahren wnrde 
unter anderen Beweiaen adnea mehr und mehr allea gdien laaa^en 
Regiments geltend gemacht, dab er die EinAlle der Daker nnd der 
Saimaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letiten Jahren Neros 
diesseit und jenseit der Donaumilndung zuging, zeigt ungefähr der in- 
fällig erbalteue Hericht des damaligen Statthalters von Moesien Tiberius 
Plautius Silvanus Aelianus. Dieser 'führte über 100 000 jenseil der 
.Donau wohnhafte Männer mit ihren Weibern und Kindern und ihren 
, Fürsten oder Konigen über denFIufs, so dafs sie der Steuerenl- 
frichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmateu unterdrückte 
,er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen grofsen Theü 
, seiner Truppen zur KriegfAhrung in Armenien (an GortNilo) abge- 
»geben hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit 
,den Römern in Fehde stehender Könige föhrte er Ober auf das 
«römische Ufer und nöthigte sie, vor den römischen Feldzeichen den 
»FuDrfiili zu thnn. Den Königen der Bastarner und der Roxolaner sandte 
,er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Söhne, 
, denen der Daker die gefangenen Brüder zurück ^) und nahm von raeh- 
,reren derselben Gcifseln. Dadurch wurde der Friedensstand der IVovinz 
, sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch den König der Skythen 
, bestimmte er abzustehen von der Belagerung der Stadt Chersonesus 
«(Sevastopol) jenseit des Borysthenes. £r war der erste, der durch grofse 
, Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom wohlfeiler 
«machte.' Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der juliacfa- 



') Regtbus basiarnarum et Rojcolanonuu fUtoSj Dacorum Jrairum capios 
mit hottiku» ereptot remitU (Orelli 7»0) ist verichrieben ; es rnnrs frcttes 
helliMB oder albafalls JMnm fUiu, SbeDio bt uebher p9r qum tm letra 
für ptr quun «od statt ngmm. 



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DIB DONAOLlHABII UND DIB BBIB0B IM DBB DCHUD. 



199 



cUudttchcn Dynatlio am linken Donanufer gihrendenVOlkmtrud«! wie 
Bttch den starken Arm der Reicbasewalt, der Belbei Ober den Strom 
hinOber die GrieehenatMte am Dnjepr and in der Krim nodi ra 
•chjktsen suchte nnd einigermaCien auch in tcbatsen vermochte, wie 
dies bei der Darttellnng der griechitcben Verbältnisse weiter dargelegt 
werden wird. 

lodefs die Streitkräfte, über welche Huni hier verlügte, waren 
mehr als unzulänglich. Die geringfügige Hesatzung Kleinasiens und 
die ebenfalls geringe Flotte auf dem schwarzen Meer kamen höchstens 
für die griechischen Anwohner der nördlichen und der westlichen 
Küste desselben in Betracht. Dem Statthalter von Moesien, der mit 
fieioen beiden Legionen das Uonauufer von Belgrad bis zur Mündung 
zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und dio 
Beihülfe der wenig botmftlsigen Thraker war unter UmsUnden eine 
GeCüir mehr. Insbesondere nach derüflndung der Donau su mangelte 
ein genOgendes Bollwerk gegen die hier mit steigender Wacht an- 
dringenden Barbaren. Der sweimalige Absug der Donaulegionen nach 
Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an der Donau- 
mtodung als am Unterrhein EmfiUe der NachbarvAlker hervor, suerst 
der Roiohiner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heifst wohl 
der Jazygen. Es waren schwere Kampfe ; in einem dieser Gefechte, wie 
es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere Stalthalter von Moesien 
<iaius Fonteiui» Agrippa. Üennoch sclirilt Vespasian nicht zu einer Ver- 
mehrung der Uouauarmee^j; die ISolh wendigkeit die asiatischen Gar- 

1) lo PanooBieo ttaodeR um das J. 70 sw«i Legionen, die 13. gemina 
«ad die ]&. Apollisari«, fBr welche letstere wihread ihrer Betheilifvef an 
arweaisehea Rrieff eiaige Zeit die 7. geniaa eiatrat (C. I. L. III p. 482). Voa 
dea heidea spater hiasaBetreteaeaLegieaea l.adiotrixoad 2. adiatrix lag die erste 
aecfc iai Aafaag der ftegiemng Traians in Obergennaalea (S. 14( A. 1) und 
kaoQ erst uotT diesem nach Paunouicn gekommen sein; cHe xweite unter 
Nespasiaa iu britaonien stationirte ist >^ ahrsrheinlich erst unter Domitian 
nach Pannouien gekommen (S. 159 A. 2). Auch «l;is iiidcsisclie Heer zählte 
nach der Vereinignng mit dem daimatischeu unter Vcspasiau wahrschein- 
lich aar vfer liegioaea, alte ao viel wie bisher helde Heere xasaraea, 
die spSterea ehenBeetlichea 4. Flavia vad 7. Qaadia aad die tpüterea «aler- 
■eesiscfcea 1. Italica aad 5. Maeedeaiea. Die dareh die Hia- aad Herairaehe 
dea Vierkaiserjahres verschoheaea Stellungen (Marquardt Staatsverw. 2, 435), 
wdche zeitweilig drei Legionen nach Moesien brachten, dürfen nicht täuschen. 
Die spätere dritte aatenaoetisehe Legioa, die elfte, Staad aoch aater Traiaa 
in Obergeraiaoieo. 



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200 



ACHTI8 MCB. KAPITIL Tl. 



niloiMn III YertUrkaii molk noch dringender erschienen sein und die 
damals hasonden gebotan« Spanamkait varhot jada ErhAhang der 
Gaianinitarmaa. Er bagndgto akh« wia aa dia Bafriadong daa BiuMS- 
landaa ariaahta and dia an dar Grania baalafaandan Varfailtnisaa aa 
wia dia durch dia Einsiahung Thrakiens herbaigaflihrta AaQAanng der 
thrakischen Truppen gebieterisch verlangten, die groben Lager der 
Donauarmee an die Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pan- 
nonischen von der Drau weg dem Suebenreich gegenüber nach Car- 
nantum undVindobona (S. 187) und die dalmatischen von der Kerka 
und der Cettina an die moesischen Donauufer so dafs der Statt- 
halter von Moeaien seitdem über die doppelte Zahl von Legionen 
verfugte. 

Eine Verschiebung der Machtvarhältoisaa zu Ungunsten Roms 
trat unter Uomiiian ein') oder as wurden vielmehr damala die 
o«Biü^M Gonaaqnanien dar nngenO|^ndan Granivarlhaidigang gesogen. Nach 
dam wenigen, was wir darflbar wissen, knflpflte dia Wandelung dar IKnge 
ganz wia dia gleiche in Caesars Zeit, an einen ainaahian dakiachan 
Mann an; was König Burebista geplant hatte, schien K(^nig Decebalos 
ausföhren zu sollen. Wie sehr in seiner Persöniichkeit die eigentliche 
Triebfeder lag, beweist die Erzählung, dafs der DakerkOnig Duras, um 
den rechten Mann an die rechte Stelle zu bringen, zu Gunsten des 
Decebalus von seinem Amt zurücktrat. DalsDecebalus um zuschlagen, 

') Josephus bell. 7, 4, 3 : nln'ooi xnl f4£(Coai (fvlaxaif rov lönov SU' 
kaßiVf ms thm$ JtSs ßa^ßagon r^v Stafiaffw wtUug aivwmn^. Damit Mkiiat 
die VerlegoDg der beideo dalaatiidMa Legioeea uek HMsies geadat. Wekii 
•ie felflgt wwdee, »iftra wir aiiAt Nacb der loottigaa rSaifdiea Waiia iit 

es wahrscheiDlicher, dafii tie in dem Umkreis des bitherigea HaoptquarÜers 
Vimioaeiom statiooirt worden siud als io der eotferateo Gff^eod der Donaa- 
münduDgen. Die Entstehung der dortigen Lager ist wohl erst erfolgt bei der 
Theilaog des moesischen Commaodos oad bei fiiorichtaof der selbstäadigea 
Provinz Untermuedien unter Domitian. 

') Die Chronologie des dacischen Krieges liegt sehr im Uoge^isseo. 
Ual's er bereitti vor dcio Cbattenkrieg (83) Legunnen hat, lehrt die karthagische 
Inschrift C. VIII, 1082 eines dreimal von Domitian, im dacischen, im ger- 
■laitebea aad wieder im daeisehea Rriaga daeorirlea SoMatea. BeseUvt 
aetst daa Aaabnieb das Rriagaa oder vialaiafcr daa arataa gralSna Kaaff ia 
das J. Abr. 2101 «dar 2102 — a. Gbr. 85 (gaaaaer 1. Oet 84 — 30. Sapt 8») 
oder 86, den Triumph io das J. 2106^90; tof völlige Zuverlässigkeit haben 
diese Zahlen freilich keinen Anspruch. Mit einiger Wahrscheiniiellkait wird 
dar Triaaiph ia daa J. 89 gaiatat (Haasaa aeta ArvaL p. 118). 



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m BQfumJm» m du kum« ah du oohaü. SOI 



TOT allem organisirte, beweisen die Berichte über tane Einführung der 
rtWMiKB DütdpliB bei der dikitchen Armee und die Anwerbaog 
tAdlligerLeqte ooter den Rftmeni aelbel, und selbet die nach dem Siege 
we ihm den RAmem gestellte Bedfqgnng, ihm lor Unterweisang der 
Scioigen ia teHindwerken deeFriedens wie des Krieges die nöthigen 
Aibeiler tu üeten. In welchem grofiMn Stil er sein Werk ergriff, be- 
weiten die Verbindoogen, die er nach Westen and Osten anknüpfte, 
mit den Sueben und denJaiygen und sogar mit den Parthern. Die An- 
greifenden waren die Daker. Der Statthalter der Provinz Moesien, der 
ihnen zuerst entgegentrat, Oppius Sabinus liefs sein Leben auf dem 
Schlachtfelde. Eine Reihe kleinerer Lager wurde erobert, die grofsen 
bedroht, der Besitz der Provinz selbst stand in Frage. Doniitianus 
selbst begab sich zu der Armee und sein Stellvertreter — er selbst 
war kein Feldherr und blieb zurück — der Gardecommandant Cor- 
neliiis Fascus führte das Heer über die Donau ; aber er büfste das un- 
bedachte Vorgeben mit einer schweren Niederlage und auch er, der 
sweite HAcbstoommandirende, blieb Tor dem Feind. Sein Nschfolger 
JaKaBUs« ein tOefatiger OfBsier, scblag die Daker in ibrem eigenen 
Gebiet in einer groben Schlicht bei Tapae and war auf dem Wege 
taerade Erfolge sn erreichen. Aber würend der Kampf gegen die 
Dnker sdiwebte, hatte Domitianas die Sueben und die Jazygen mit 
Krieg flbenogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen jene 
an senden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, liefs er hin- 
richten^). Auch hier verfolgte das Mifsgescliick die römischen Waffen. 
Die Marcoroanen erfochten einen Sieg über den Kaiser selbst; eine 
ganze Legion ward von den Jazygen umzingelt und niedergehauen. 
Durch diese Niederlage erschüttert schlofs Domitian trotz der von 
Julianus über die Daker gewonnenen Vortbeile mit diesen voreilig einen 
Frieden, der ihn zwar nicht binderte dem Vertreter des Decebalus in 
Ren Diegis, gleich als wäre dieser Lehnsträger der flönier, die Krone 
sn Terleiben und als Sieger auf das Capitol zu ziehen, der aber in 
WivUiehkeil einer Gspitnlation gleich kam. Wosu Decebalus bei dem 
Emrtkfcen des rftmischen Heeres in Dskien sich hAhnisch erboten 
hatte, jeden Mann, lOr den ihm eine jährliche Zahlung von 2 Assen 



*) Das Fragment Dio 67, 7, 1 Dind. steht io der Folge der nrsinischen 
Excerpte vor 67, 5, 1. 2. 3 uod gehört aach nach der Folge der Ereigoisso 
Ter die Verhaadlaag mit 4«d Lugien. Vgl. Heraef 3, Uft. 



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202 



ACnWSDCB. KAflTILTI. 



lugeuchort werde, nogeieliidigt mch Harne n eaüasien, das wurde 
beimhe wahr; in dem FHeden worden nlt einer jibrlieh la eat- 
riditenden Abatandaanmme die Einftlle in H oeiieD abgekauft 

Hier mntste^Wandel geacballt werden. Auf Domitian, der wM 
TrciMt. ^^^^^ Raiehaverwalter, aber stampf far die Forderungen der dbK- 
täriscben Ehre war, folgte nacb dem kurzen Regiment Nervas Kaiser 
Traianus, der, zuerst und vor allem Soldat, nicbt biofs jenen Verlrag 
zerrifs, sondern auch die Mafsregeln danach traf, dafs ähnliche Dinge 
sich nicht wiederholten. Der Krieg gegen die Sueben und Sarmaten. 
der bei Domitians Tod (9G) noch dauerte, Nvard, wie es scheint, unter 
Ner¥a im J. 97, glücklich beendigt Der neue Kaiser ging, noch betör 
er in die Uauptotadt des Reiches seinen Einzog bielt, vom Rbein an 
die Üonan, wo er im Winter 98/9 verweAte, aiwr nicbt am sofort die 
Daker ansogreifen, sondern am den Krieg vorsobereiten; in dieae Zeit 
gebOrt die an die Strafsenbaoten in Obergermanien anscUieCMnde 
Anlage der am recbten Donaoufer in der Gegend von Orsowa im J. 100 
vollendeten Strafse (S. 139). Zom Kriege gegen die Daker, in dem er 
wie in allen seinen FeldzOgen selbst commandirte, ging er erst im Früb- 
jähr 101 ab. Er überschritt die Donau unterhalb Viminacium und rückte 
^egen die nicht weit davon pniternie Hauptstadt des Königs Sarmizegetusa 
vor. De( t'bahis mit seinen Verbündeten — dieBurer und andere nord- 
wärts wohnende Stämme betheiligten sich an diesem Kampf — leistete 
entschlossenen Widerstand und nur mit heftigen und blutigen Gefecb- 
ten bahnten die Römer sich den Weg; die Zabl der Verwondeten war 
so groÜB, dafs der Kaiser seine eigene Garderobe den A ersten zur Ver- 
fügung stellte. Aber der Sieg scbwankte nicht Eine feste Boi^g nach 
der anderen fiel; die Schwester des Kdnigs, die Gebogenen ans dem 
vorigen Krieg, die den Heeren Domitians abgenommenen Feldseiehen 
fielen den Rftmem in die Rinde; durch Ttaianns selbst und durch den 
tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen blieb dem König 
nichts übrig als vollständige Ergebung (102). Auch verlangte Traianus 
nichts Geringeres als den Verzicht auf die souveräne Gewalt und den 
Eintritt des dakischen Reiches in die römische Clientel. Die Heber- 
läufer, die Waffen, die Kriegsmaschinen, die einst für diese von 
Rom gestellten Arbeiter mufsten abgeliefert werden und der König 
persönlich vor dem Sieger den FuXsfoU thon; er begab sich des 
Rechts auf Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die 
Festongen worden entweder gescbleifl oder den Rftmem aosgeliefert 



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MB DO!UüLAIIDn UND DIK UUMB Alf DKR DONAU 



20$ 



und ii diafian, w tSkm in der HanpUladt, blieb rAmitebe Besatinng. 
Die nicbüge tteinenie Brficke» die TVaian bei Drobetae OtegenAber 
Tunia SeTerinului) über die Donau addagen Ue£i, stellte die Verbin- 
doDg aocb in der acbliminen Jafareetett sieher and gab den dakiseben 

Besatzungen an den nahen Legionen Oberinoosicns einen Rückball. 
Aber die dakiscbe -Naiiun uiui vor allem der König selbst wufsten sich in 
die Abhängigkeit nicht so zu fügen, wie es die Könige von Kappadokien 
und Mauretanien verstanden hallen, oder hatten viidniehr das Joch nur 
auf sich genommen in derHofToung bei erster Gelegenheit sich desselben 
wieder zu entledigen. Die Anzeichen dafür traten bald hervor. Ein 
Theil der auszuliefernden Waffen wurde zurQckgehaIt<>n, die Castelle 
sieht wie ea bedangen war öbergeben, römiscben Ueberläufem auch 
femer noch eine Freistatt gewährt, den mit den Dakern verfeindeten 
Jatygen GebietaaUIcke entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenz- 
wletiangen nicht hingenommen, mit den entfernleren noch freien Na- 
tionen ein lebhafter und bedenklicher Verkehr unterhalten. Traianns 
mufste sich überzeugen, dafs er lialbe Arbeit gemacht, und kurz ent- 
schlossen wie er war, erklärte er, ohne auf weitere Verhandlungen sich 
einzulassen, drei Jahre nach dem Friedensschiufs (105) dem König 
abermals den Krieg, (iern halle dieser ihn abgewandt; aber die Forde- 
rung sich gefangen zu geben sprach allzu deuUidi. Es blieb nichts als 
der Kampf der Verzweiflung» und dazu waren nicht alle bereit; ein 
grolser Theil der Daker unterwarf sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf 
an die NachbarvAlker in die Abwehr für die anch ihrer Freiheit und 
ihrem Volkathum drohende Gefahr mit einzutreten verhallte ohne 
Wirkung; Decebaloa und die ihm treu gebliebenen Daker standen in 
diesem Krieg allein. Die Versndie den kaiserlichen Peldherm durch 
Ueberläufer aus dem Wege zu schaflen oder mit der Losgebung eines 
gefangen genommenen hohen Ülliziers erträgliche Bedingungen zu er- 
kaufen scheiterten t bmfalis. Der Kaiser zog abermals als Sieger in 
die feindliche Hauplsladi ein und Decebalus, der bis zum letzten 
Augenblick mit dem Verhängniss gerungen hatte, gab, als alles ver- 
loren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus 
ein £nde; der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern 
seiner Existenz. Aus dem liesten Theile des Landes wurde die ein- 
gebome Bevölkerung ausgetrieben und diese Striche mit einer fDr die 
Bergwerke aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst fiberwiegend, wie ea 
scheint, aus RIeinasien herangezogenen nationslosen Bevölkerung wieder 



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ACHTB8 BUCH. KAMTBL 



betetit In nmcheii Gcfenden freilich blieb dennoeh die alte Berdl- 
keniDg und behraptete sich sogar die Landessprache'); diese Daher 
sowohl wie die aofterhalb der Cremen hausenden Splitter haben auch 
nachher noch, tun Beispiel unter Commodus und Maiimianus, den 
Römern su schalten gemacht; aber sie standen Tereinaelt und Ter- 
kamen. Die Gefahr, mit der der kräftige Thrakerstamm mehrmals die 
römische Herrschaft bedroht halte, durfte nicht wiederkehren, und 
dies Ziel hat Traianus erreicht. Das traianische Rom war nicht mehr 
das der hannibalischen Zeit; aber es war immer noch gefährlich die 
Römer besiegt zu haben. 

Die stattliche Säule , welche sechs Jahre darauf dem Kaiser von 
dem Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet 
ward und die ihn heute noch schmückt, ist ein Zeugnifs der verwüsteten 
(lescbichtsüherlieferung der römischen Kaiserseit, wie wir kein zweites 
besitzen. In ihrer ganzen Höhe von genau 100 römischen Fufii ist sie 
bedeckt mit eintelnen Darstellnngen — man sihlt deren hundert Tier 
und swansig; ein gemeifseltes Bilderbuch der dakischen Kriege, zu 
welchem uns fast Überall der Text fehlt Wir sehen die WachtthOrme der 
Römer mit ihrem spitzen Dach, ihrem pallisadirten Hof, ihrem oberen 
Umgang, ihrem Feuersignaten. Die Stadl am Ufer des Donanstroms, 
dessen Flufsgott den römischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren 
Feldzeichen auf der Schiffbrücke entlang ziehen. Den Kaiser selbst 
im Kriegsrath, dann vor den Wällen des Lagers am Altar opfernd. 
Es wird erzählt, dafs die den Dakern verbündeten Burer den Traian 
vom Kriege abmahnten in einem lateinischen auf einen gewaltigen 
Pilz geschriebenen Spruch: man meint diesen Pilz zu erkennen auf 
ein Saumthier geladen, von dem gestürzt ein Barbar mit der Keule auf 
dem Boden liegend dem heranschreiienden Kaiser mit dem Finger den 
Pilz weist. Wir sehen das Lagerschlagen, die Biume fallen, Wasser holen« 
die Brficke legen. Die ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren 
langSrmligen Kitteln und ihren weiten Hosen, werden, die Binde auf den 
Röcken gebunden und an ihrem langen Haarbusch von den Soldaten 
gefaftt, vor den Kaiser geführt. Wir sehen die Gefechte, die Speer- 
und Steinschleuderer, die Sichelträger, die Bogenschfltsen zu Fufs, die 

Arrian tact. 44 erwäbot anter deo Aendernngen, die Hadrian bfi 
der Cavallerie einführte, dafs er deo einzelnen Abtheilungen ihre oationaleo 
Schlachtrufe gentattet habe, Kdiixotg uh roTf KeXrotf innivaty, rttutovf 
ifi toTs rfyais^ 'PatTixovs J* 0001 'Panujr. 



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blE lM>^▲LLiL^D£A Ü.ND kül£(i£ A.X DER IM.NAU. 



205 



auch den Bogen fahrenden »ehweren Paniemiter, die Drachenfahne 
der Daker, die feiodlicheD Offiziere gesctimückl mil dem Zeichen ihres 
Ranges, der runden Mütze, den FicblenwaUl, in den die Daker ihre 
"Verwundeten tragen, die abgehauenen Köpfe der Barbaren vor dem 
Kaiser niedergelegt. Wir sehen das dakische Pfahldorf mitten im See, 
in dessen runde Hütten mit spitzem Dach die Brandfackeln (liegen. 
Frauen und Kinder flehen den Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten 
werden gepflegt und verbunden, Ehrenzeichen an Ofliziere und 
Soldaten aoagdheilt. Dann geht es weiter im Kampf: die feindlichen 
▼eracliantangen, UieUa von Uoli, theib Stcinnianern, werden ange- 
griffen, daa fielagemngageiehAti fUurt aof, die Leitern werden heran- 
getragen, unter dem Schilderdach greift die Stormcolonne an. Endlich 
liegt der König mit aeinem Gefolge zu den FflfiMn IVaians; die Drachen- 
Iriinenaind inRdnierband; die Truppen hegrOISien jubelnd den Impe- 
rator; vor den aufgelhOrmten Waffen der Feinde steht die Victoria und 
beschreibt die Tafel desSieges. Es folgen die Bilder deszweiten Krieges, 
im Ganzen der ersten Reihe gleicliartig; bemerkenswerth ist einegrofse 
Darstellung, welciie, uachdeni die Königsburg in Flammen aufgegangen 
ist, die Fürsten der Daker zu zeigen scheint, sitzend um einen Kessel 
und einer nach dem ändernden Giftbecher leerend; eine andere, wo des 
lapfern Dakerkönigs Haupt auf einer Schüssel dem Kaiser gebracht wird; 
endlich das Schlufsbüd, die lange Reihe der Besiegten mit Frauen, 
Kindern und lleerden ausderUeimathahiiehcnd. Die Geschichte dieses 
Kriegea bat der Kaiser seibat geschrieben, wie Friedrich der GroCM die 
des siebeojibrigen, und nach ihm viele Andere; uns ist alles dies yer- 
loren, und wie niemand es wagen wflrde nach Menzels Bildern die Ge- 
schichte des siebenjährigen Krieges zu erfinden, so bleibt auch uns nur 
niit dem Einblick In halb TerstSndliche Einzelheiten die schmerzliche 
Empfindung einer bewegten und groben auf ewig verUafiiten und selbst 
ffir die Erinnerung vergangenen geschichtlichen Katastrophe. 

Die Grenzvertheidigung im Donaugebict wurde in Folge der Vci- Miiiumdi« 
Wandelung Daciens in eine römische Provinz nicht in dem Grade vcr- ^dnoHmu 
schoben, wie man wohl erwarten sollte; eine eigentliche Veränderung "••^ 
der Verllieidigungslinie trat nicht ein, sondern es wurde die neue 
Provinz im Ganzen als eine excentrische Pusitiun behandelt, die nur 
nach Süden bin an der Donau selbst unmittelbar mit dem römischen 
Gebiet zusammenhing, nach den andern drei Seiten in das barbarische 
Land hineinragte. Die zwischen Pannonien und Daden sieb er- 



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206 



ACHTES BUCH. KAPITEL VI. 



streckende Theifsebene blieb auch ferner den Jazygen; es haben sich 
wohl Reste alter Wälle gefunden, <lie von der Donau über dieXheifs weg 
bis an das dacisihe (ii hirge fühl en und das Jazygpngebiet nördlich be- 
grenzen , aber über die Zeit und die Urheber dieser Verschanzungen ist 
nicbte Sicheres ermittelt. Auch ßessarabien wird von einer doppelten 
Sperrlinie durchschnitteo, welche vom IVut zuui Dnjestr laufend 
bei Tyra endigt, und nach den darüber bis jetat vorliegenden un^ 
nfigenden Berichten tob den Rtaem heraorilhren soheinl^X 
der Fall» so aind die Moldau ond die a&dliche HUfte von Beaaarabien io 
wie die geaammte Walachei dem rftnüacben Reich einverieibt geweten. 
Aber mag diea auch nominell geschehen sein, effectiv hat die Römer- 
herrschafl sich schwerlich auf diese Lftnder erstreckt; wenigstens fehlt 
es an sicheren Beweisen römischer Ansiedelung bis jetzt sowohl in der 
östlichen Walaciiei wie in der Moldau und in Hessarabien völlig. Auf 
alle Fälle blieb hier viel mehr noch, als in (iei inanien der Rhein, die 
Donau die Grenze der römischen Civilisalion und der eigentliche 
Stützpunkt der Grenzverlheidigung. Die E^osilionen an dieser wurden 
erheblich verstärkt £s war ein Glücksfall für Rom , daijs , während 
die Völkerbrandung an der Donau stieg, sie am Rhein sank und die 
dort entbehrlich gewordenen Trappen anderweitig verfögbar wurdeo. 
Wenn noch unter Vespasian wahrscheinlich nicht mehr als sechs 
Legionen an der Donau standen, so ist deren Zahl durch DomitiaBis 
und Traianus spiter auf sehn gesteigert, womit lusammenhingt, daCi 
die bisherigen beiden Obereommandantoren von Moesien undPannonico 
die erslere unter r^omitiau, die zweite unter Traiangetheilt wurden und, 
indem weiter die dacische hinzutrat, die (Jesammlzahl der Commau- 
danturen an der unteren Donau sieb auf fünf stellte. Anfänglich 
scheint man freilich die Ecke, welche dieser Strom unterhalb 
Durostorum (Silistria) macht, die heutige Dobrudscha, abgeschnitten 
und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der Fiui^ bis auf 
sieben deutsche Meilen sich dem Meere nühert, um dann fast im 



Die WkUe, welche 3 Meter hoch, 2 Meter dick, mit breitein Aul'ieof^rab« 

nnd vielen Resten von Caslcllen in zwei fast parallelen Linien theils in der Lan^fe 
von löuHil. vom linken Lfer des Prut über Tabak und l'alarbunar zum Dnjestr- 
Liman zwischen Akermao und dem schwarzen Meer, theils in der Länge von 
lOoKii. voo Leowa am Prut zum iinjcstr unterhalb Bendery ziehen (Petermaoo 
geograph. Mittheilongeii 1857 S. 129), mögen wohl auch römisch seio; aber es fehlt 
bU jetsi an Jeder geBtmrM Fwtttalliuig . 



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IMB DOIf AOLilfKR On UUOC Äff Mit OON&U. 297 

rechten Winkel nach Norden abiobiegen, die Flublinie durch eine be- 
isetigte Strebe nach Art der britanniachen (S. 169) erBetit su haben, 
welche bei Tomis die Küste erreicht« IndeA dieaeEcke ist wenigstens 

seit Hadrian in die rumischc Grenzbefestigung eingezügcii worden; 
denn vun da an linden wir Unternioesien, da:» vor Traian wahrschein- 
lich gar keine gröfüeren ständigen Besatzungen gehabt hatte, belegt 
mit den drei Legionülagern von Novae (bei Svischtova), hurostoruni 
(Silistria) und Troesmis (Iglitza bei Galatz), von welchen das letzte 
eben jeuer Donaueckc vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die SteUiing 
dadurch verstärkt, daijs lu den obermoesischen Lagern bei Singidunam 
und Viminadum das unterpannonische an der Mflndung der Theib in 
die Donan bei Acamincum hinsutrat Dacien selbst ist damals nur 
schwach hesetit worden. Die Hauptstadt, jetxt traianische Colonie 
Sarmiiegetnaa lag nicht weit ?on den Hau|itäbergängen Ober die Donau 
in Obermoesien ; hier und an dem mittleren Marisus so wie jenseit 
de^ielben in dt iii Bezirk der Goldgruben haben die Uünier vorzugs- 
weise sich ansässig gemacht; auch die eine seit Traian in Dacien 



*) ?iach V. Vinckes AüfMbne (lfooat«berichte über die Verhaadlaugeo der 
CMlscfcall fSr Brdkude » Barlia 1. J. 1839/40 S. 170 f.; vgl. in v. Moltkei 
Briefea Iber Zutiaieia der Türkei das vom 2. Nov 1837) m wieaach des eiir 
Mi^ethaiHan Aabaiahamf m oad PIMaaa das Harm Dr. C. SehoelilHirdt iiad Uar 

drei Spermogeo angelegt. Die sndlieliste wahrscheialich älteste ist eia aiafteliar 
Erdwall Mit (aalaliendcr Weise) gegen Südeo vorliegeadem Graben ; ob rSmischen 
UrtlMtnifa, kann zweifelhaft sein. Die beiden .indereti Linien .sind ein jelzt noch 
vielfach bis 3 .Meter hober Erd- und ein niedrigerer eiusl mit Steinen gefütterter 
Wall, die oft dicht neben einander her,anderswo wieder stundenweit von einander 
entfernt laufen. Man mücbte sie für die beiden Vertheidigungslinien einer be- 
festi|;ten Strafse halten, wenn aneh ia der Sttlichen Hälfte der Brdwall, in der 
aSdlidercB dar Staiawall, dar aSrdUehare ist oad ala ia dar Mitta ilah kraasaa. 
Aa eiaarStaUa MIdatdar (Uar sfidlicfcara) Brdwall dia Hlatariaita aiaas biatar 
daa Staiawall aafalagtea GiatalU. Dar Brdwall itt aof dar Nordsaita voa eiaam 
tiefen, aaf der Sudseite von einen flachen Graben gedeckt; jedaa Graben schliefst 
ein .\nfwurf ab. Dem Steinwall liefet auch nördlich ein Grabaa vor. Hinter dem 
Krdwall nnrl meist nn ihn angelehnt finden sich je 750 M. von einander entfernt 
Tastelle; andere in unregelmäPsigen Entfernungen desgleichen hinter dem Stcin- 
wail. Alle Linien halten sich hinter deti Karnsu-Seeu als der nalürlichen N'er- 
tbeidigongsstötze; von da, wu diese aufhört, bis zum Meer sind sie mit geringer 
BSckaicht aaf die Terrainverhaltnisse geführt. Die Stadt Tomia Hegt anfserhalk 
daa Walla mmä aSrdliak davaa; aa aiad ahar Ihra Faataafniaaara doreh aiaaa 
baMBderaa Wall mit dar Sparrhafaatifia^ ia Varbiadeay f aaatst 



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208 



ACmtHCB. lAPRBLVI. 



garnifoiurende Logion hat ihr Hauptquartier wenigstens bald naehker 
in dieser Gegend bei Apnlom (Karlsborg) erfüllten. Weiter nMück 
sind Potaissa (Thorda) und Napoca (Klausenburg) wohl auch sofort 
von den Römern in Besitz genommen worden, aber erst allmählich 
schoben die grofsen pannonisch-daciscben Militärcentren sich weiter 
gegen Norden vor. Die Verlegung der unterpannoniscben Legion von 
Acumincum nach Aquincum, dem heutigen Ofen und die Occupirung 
dieser militärisch beherrschenden Position fällt nicht später als Uadriia 
und wahrscheinlich unter ihn; wohl gleichzeitig ist die eine der ober- 
pannonischen Legionen nach Brigetio (gegenüber Komorn) gekommen. 
Unter Commodus wurde an der ISordgrenae Daciens in der Breite voa 
einer deatachen Meile jede Ansiedelung untersagt, was mit den spltcr 
IQ erwähnenden Grensordnnngen nach dem Marcomanenkrieg sn- 
sammenbingen whrd. Damals mögen auch -die beÜBstigten Linien 
entstanden aein, welche diese Grenze, ibnllch wie die obergermaniscbe, 
sperrten. Unter Sevems kam eine der bisher niedermoestscfaen 
Legionen an die dadsche Nordgrenze nach Potaissa (Thorda). Aber 
auch nach diesen Verlegungen bleibt Dacien eine von Bergen und 
Schanzen gedeckte vorgeschobene Stellung am linken Ufer, bei 
der es wohl zweifelhaft sein mochte , ob sie die allgemeine 
Uefensivstcilung der Römer mehr förderte oder mehr beschwerte. 
Iladriantis hat in der That daran gedacht dies Gebiet aufzugeben, 
also dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem 
sie einmal geschehen war, Oberwog allerdings die Rücksicht wenn 
nicht auf die einträglichen Goldgruben des Landes, so doch auf 
die rasch sich entwickehide rdmische CiviUsation im Marisuflgebiet 
Aber wenigstens den Oberbau der steinernen DonaubrOcke lieb er 
entfernen, da ihm die Besorgnilb vor der fienntsung derselben durch 
die Feinde schwerer wog als die Rflcksicht auf die dadsche Be- 
aatsnng. Die spätere Zeit hat von dieser Aengstlichkeit sicfa firei- 
gemacht; aber die excentrische Stellung Dsciens zu der Qbrigen Grenz- 
vertheidigung ist geblieben. 

Die sechzig Jahre iiacii den Dakeikriegen Traians sind für die 
Üonauländer eine Zeit des FritHlcn«^ und der friedlichen Entwickelung 
gewesen. Ganz zur Ruho kam es freilich namenllich an den Donau- 
möndungen nie, und auch das bedenkliche llülfsmittel von den an* 
grenzenden unruhigen Nachbaren, ähnlich wie es mit Decebalus ge- 
schehen war, durch Aussetaung jährlicher Gratiale die Grenisicherheit 



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m BORADLZiiMa mn o» uim m diu mni au. 



209 



10 crkaiiBa isi femtr angewaodt worden^); dennoch uigen die Aeite 
des AltarthniM eben in dieier Zeit flberall du AufUfllien stldti- 
teilen Lebene, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens 
Dmen ab Ihren Stüter Hadrian oder Pius. Aber auf dieae Stilte folgte * 

ein Sturm, wie das Kaiserthum noch keinen bestanden hatte, und der. 
obwohl eigentlich auch nur ein tireiizkrieg, durch seine Ausdehnung 
über eine Heihe von i'rovinzen und durcl) seine dreizehnjährige Dauer 
das Keich selbst erschütterte. 

Den nach den Marcomanen benannten Krieg hat nicht eine einzelne Mm«o- 
Persdolichkeit vom Schlage des llannibal und des Decebalus angefacht. 
Ebenso wenig haben Uebergriffe röroiscberseits diesen Krieg herauf- 
beachworen; Kaiser Piua Torietste lieinen Nachbar, weder den mäch- 
tigen noch den geringen, and hielt den Frieden fast mehr als biUig 
hoch. Das Reich des Marobodnns und des Vannina hatte aich seitdem, 
fieUetcht in Folge der Theilnng anter Vangio und Sido (S. 196), in das 
Rönigtlium der Narcomanen im heutigen Böhmen und das der Quaden 
in Mähren und Überungarn geschieden. Conflicle mit den Hörnern 
seheinen hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsv^rhältnifs der 
Quadenfürsten wurde sogar unter f*ius Regierung durch die erhft«»nt' 
Bestätigung in förmlicher Weise anerkannt. Völkerschiebungen, die 
jenseit des römischen Horizonts liegen, sind die nächste Ursache des 
grofsen Krieges gewesen. Bald nach Pius Tode (t 161) erschienen 
flaofen von Germanen, namentlich Langobarden tod der Elbe her, 
aber auch Marcomanen und andere Mannachaften in Pannonien, 
es adieant am neae Wohnaitie am rechten Üfer la gewinnen. 
Gedringt von den rdmisdien Truppen, die ihnen eDtgegengeschickt 
worden, entsandten sie den Harcomanenfflrsten Ballomarius und 
mit ihm je einen Vertreter der zehn betheiligten Stämme, um ihre 
Bitte un» Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter liefs 
e* bei dem Uesrheid und zwang sie iiher die Donau zurückzugehen. 
Dies ist der Anfang des grolsen Donaukrieges'). Auch der Statt- 



M ^ ita Hadt iani ciitn re-te Hourolanorum gui de imminuti* tlipwthis 
futnbatur^ co^nito negotio pacein cotnposuit. 

^ ViU Marci 14: gentibu* quae puUae a superioribus barüaris /ugeranl 
w a ^ ir w i to r Mbon «0iwiMlii«. Dio bei Petras Petriein fr. 6: jiayyt- 
fii^im wA*0(Umi» (seast nebekaaat) i^iaxtKon^ "ImffW ntqmt^vtw tSv 
Sifdum (vielleicbt eelee demli f raef. praeteiie, ia welehea Fall iie Garde 
«SSW ÜCMt VofgMges aasmtrsehlrt wire) tmtiw iHUiOurtmif nml r«5y a/iqlk 
H iaai.O«MUAM. V. 14 



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210 



ACBTBS BOCB. KAPITBL VL 



baller von Obergermauieo Gaius Aufidius Victorinus, der Schwieger- 
sobo des litterarisch bekannten Fronlo, hatte bereits um das J. 162 
einen Ansturm der Chatten abtuachlagen, welcher ebenfalls 4liirch 
'oachdringende Völkeraehaflen von der £lhe her vertnlabi eeia mg. 
Wtre gleich energisch eingeacfariiten worden, so hätte gr6£Mres 
Uaheil vorgebeugt werden können. Aber eben damals hatte der arnie- 
nische Krieg begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn anch 
die Truppen nicht gerade von der bedrohten Grente weg nach dem 
Osten geschickt wurden, wofdr wenigsiens keine Beweise vorUegen 
so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort ener- 
gisch aufzunehmen. Dies Teinporisiren hat sich schwer gerächt. Eben 
als in Horn über die Könige des Ostens Iriumphirt ward, brachen an 
der Donau die Chatten, die Marconianen, die Quaden, die Jazygen wie 
mit einem Schlag ein in das römisclie Gebiet. Haetien, iNüricum, beide 
Pannonien, Dacien waren im selben Augenblick überschwemmt; im 
dacischen Grubendistrict können noch wir die Spuren dieses Einbruchs 
verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen Landschaften, die seit 
langem keinenFeiod gesehen hatten, damals anrichteten, zeigt die Tbat* 
Sache, dab mehrere Jahre später die Quaden erat 13000, dann noch 
50000, die Jasygen gar 100000 rdmische Gefiingene surftckgabea. Es 
blieb nicht einmal bei der Schädigung der Provinieii. Es geschah, was 
seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing alsunmIVgllch lu 
gelten: die Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen ui Italien 
selbst ein; von Raetien aus zerstörten sie Opitergium (Odeno), die 
Scfaaaren von der julischeo Alpe berannten Aquileia'). Niederlagen 
einzeiuer römischer Ar meecurps müssen mehrfach slattgefuiideii habeu; 



Küv^iöov ni^öjv intifi&aaavTUV dg navitiii (fvytjV oi ßügßaQoi liQunovto' 
itp OK ovtto TiQaxyyfXoiv h JiH M9a€tinapt{s i» n^itis intj[eiQi{atti>s oi 
ftigßttQot nqfaßHS na^ AiUw Bu99w Htuwtvif dtinwnu crUXovai 
BvXlofui^iov rt top ßairiXi« MuQxofiuwwf awl hi^vs ^te, mcr* t^vot im^ 

X(oQovaiv. Dafs dieser Vorfall vor den Ausbrarh des Krieges flilU^ Mlgt teiae 
SteUaog; fr. 7 des Patricias ist Excerpt aus Dio 7], 11, 2. 

Uas inuesische Heer gab Soldateo zum armeDischen Krieg ab (llirack- 
feld arch. epigr. Mitth. G, 41); aber hier war die Grenze nicht gefährdeU 

*) Die Betheiliguug der recbtarheioiscbeD Germaoen bexeagt Dio 71, 3, 
asd aor dadarck «rUSreii sieb die llitrtr«§elo, die Mareoa für Raali« oad 
N«ricvm traf. Aueh die Lage vea Oderzo ipridit dafür, dafs diei« Aagrcifer 
ober dea Breaoer Uaieo. 



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MB DOlUOLllIDU OlID DIB EBIB6B All DBB BOIUU. 



211 



wir «ffMmn nur, dafo einer der Gardecommandantan Victorlnua vor 
den Fand blieb and die Reihen der rftmiaehen Heere aich in arger 
Wein lichtelen. 

Der adiwere AngrüT traf den Staat sur unglüciiliehaten Stande. 
Zwar der orientaKsche Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge 
hatte eine Seuche sirh in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, 
die dauernder als der Krieg und in entsetzlicherem Mafse die 
Menschen binrafTte. Wenn die Trupfien, wie es notliwendig war, 
zusammengezogen wurden, so licien der Pest die Opfer nur um so 
zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer die tbeure Zeit gehört, so 
enchien auch hier mit ihr Mitawaciia und Hungersnotb und schwere 
Finanzcalamität — die Steaern gingen nicht ein und im Laufe des 
iUiegea sah aieh der Kaiaer veranlafat die Kleinodien aeinea Palaatea 
in Öffentlicher Aoction in ? eriolSMm. Es fehlte an einem geeigneten 
Leiter. Eine ao ansgedehnte und so Yerwickelte militSriach-poUtiache 
Aufgabe kennte, wie die Dinge in Rom lagen, Itein beanfiragter Feld- 
iMrr, sondern allein der Herrscher selbst auf sieh nehmen. Marens 
hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnifs dessen, was ihm ab- 
ging, bei der Thronbesteigung sich seinen jüngeren Adoplivbruder 
Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden 
Voraussetzung, dafs der flotte junge Mann, wie er ein tüchtiger Fechter 
und Jäger war. so auch zum fähigen Feldherrn sich entwickeln 
werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besais der ehr- 
IkheKaiser nicht; die Wahl war so ungläcklich wie möglich ausgefallen; 
d«r eben beendigte parthiscbe Krieg hatte den nominellen Feldherm 
ab eine wtete PeraOnlichkdt und einen unAhigen Offttler geielgt 
Veras Nitregentscbaft war nicbta als eine Cakmitft mehr, die frei- 
lich durch aeinen nicht lange nach dem Ausbruch des marconaniacben 
Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marens» seinen Ifei- 
gUDgen nach mehr reflecti? als dem praktischen Leben zugewandt 
ond ganz und gar kein Soldat, überhaupt keine hervorragende Persön- 
licbkeii, übernahm die ausscbliefsliche und persönliche Leitung der 
erforderlichen Operationen. Er mag dabei im Einzelnen Fehler genug 
gemacht haben und vielleicht geht die lange Dauer der Kämpfe darauf 
mit zurück ; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den 
Z^eck der Kriegführung, die Folgerichtigkeit des staatsmännischen 
UiBMis, for allem die Rechtachaffenheit und Festigkeit des seines 
Mbneren Amtes mit selbstTergessener Treue waltenden Mannes hahen 

14* 



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212 



ACHTES BUCH. lATITBL YI. 



I 



sdiliefslicb den gefährlichen Ani^tunn gebrochen. Es ist dies ein um 
so höheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Cbarskter als dem Taleat 
verdankt wird. 

Worauf maa sich gefaHit machte, leigt dieThatsache, dab die Re- 
gieniDg, trott des Mangeb an Menschen und an Geld, in dem eislet 
Jahre dieses Krieges mitlhren Soldaten und auf ihreKosten die Mauen 
der Hauptstadt Dalmatiens Salonae und der Hauptstadt Thrakiens PU- 
lippopolis herstellen liefe; sicher sind dies nicht wetnielte Anocd- 
ntingen gewesen. Man mufste sich darauf vorbereiten die Nordländer 
iiberall die grofsen Städte des Reiches bereiiiieii zu sehen; die 
Schrecken der Gotlienzüge pochten schon an die Pforten und wurden 
vicileiclil für diesmal nur dadurch ahgewandt, dais die Regierung 
kommen sali. Lüh unmitielliare Oberleitung der militärischen Ope- 
rationen und die durch die Sachlage geforderte Regulirung der Bezie- 
hungen SU den Grenzvölkern und Reformirung der bestehenden Ord- 
nungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen, noch dem charakterlosea 
Bruder oder £inaelfuhrem Aberiassen werden. In der That änderte 
aich die Lage der Dinge, so ivie die beiden Kaiser in Aifuileia eintrafen, 
um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplats ahsogehen. 
Die Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne 
gemeinschaftliche Leitung, fdhlten sich solchem Gegcnschlag neht 
gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zog«Mi überall sich zurück; 
die Quaden sandten den kaiserliclien Stalibiltern ihre Unter- 
werfung ein und vielfach btilsl^'n dio Führer der g<'^'Hn die 
Römer gerichteten Reuogung diesen Rückschlag mit den» Lebeo. 
Lucius meinte, dafs der Krieg Opfer genug gefordert habe und rieth 
zur Rückkehr nach Rom. Aber die Marcomanen verharrten in trotsigem 
Widerstand und die Cahimitat, die über Rom gekommen war, die 
Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die von den Bar- 
baren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kräftigere Politik 
und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus Schwiegersobo 
Tiherius Claudius Pompeianus flbemahm auüMrordentlicher Weise das 
Gommando in Raetien und Noricum; sein tflchtiger IJnterhefehlshaber, 
der spStere Xsiser Publius Helvius Fertinax, säuberte ohne Schwierig- 
keit mit der aus Pannonien licrbeigeruf('n«?n ersten Ilülfsk-gion das 
römische C.ebiet. Trotz der Finanznoth w urden namentlirh aus illjri- 
schen Mauuscbatten, bei deren Aushebung freilich mancher bi>lieriye 
StraCsenräuber zum Landeavertheidiger gemacht ward, zwei neue Le- 



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DIB DOlUVLi^lIHUI II?ID DIB KBIBfiB A2f DBB DOHAC 



213 



pionen gebildet und, wie schon früher (S. 147. 181) angegeben war<l, die 
bisher geringfögige Grenzwacht dieser beiden Provinzen durch die neuen 
LegioDslager von Regensbarg und Enns verstärkt. In die ober- 
pamioiuscben Lager begaben sich die Kaiser selbst. Vor allen Dingen 
kam es dannfan den Heerd des Kriegsfeners eintoschränkeD. Die von 
Norden koininenden Barbaren, die ihre II flife anboten, wurden nicht 
BorOckgewiesen and fochten In rSmischem Sold, soweit sie nichtt 
was aach Yorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind ge- 
meiiisehaflliehe Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden 
nnd um die Bestätigung des neuen Königs F'urtius baten, wurde 
diese bereilwiiiig zugestanden und nichts gefordert als Itückgabo 
der Ueberläufer und der Gelangenen. Es gelang «'inigerniarsen. 
den Krieg auf die beiden llauptgegner, die Marcomanen und die von 
Alters her ihnen verbündeten Jazygen zu beschränken. Gegen die.se 
beiden Völker wurde in den folgenden Jahren in schweren Kämpfen und 
nicht ohne Niederlage gestritten. Wir wissen davon nur Einielheiten, 
die sich nicht in festen Zusammenhang bringen lassen. Marcus Clau- 
dios Frooto, dem die auAerordentlicher Weise vereinigten Commandos 
?on Obermoesien und Dacien anvertraut waren, fiel um das i. 171 im 
Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind 
der Gardecommandant Marcus Macrinios Vindex. Sie und andere 
hochgestellte Offiziere erhielten in diesen Jahren Ehrendenkmäler in 
Rom an der Säule Traians, weil sie in VertlH idigiing des Vaterlandes 
den Tod gefunden hatten. Die barbarisclu*n Stiinimr. die sich für Horn 
erklärt hatten, fi»»len zum Theil \vi»'der ab, so die Cotiner und vor 
allem die (Juaden, welche den llficlitigen Marcuinanen eine Freistall 
gewahrten und ihren Vasallenkönig Furtius vertrieben, worauf Kaiser 
Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen Preis von 
1000 Goldstücken setste. Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint 
die völlige lieberwindung der Marcomanen erreicht worden su sein 
and danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus an- 
genommen XU haben. Es folgte dann die Niederwerfung der 
Quaden, endlich im J. 175 die der Jasygen, in Folge deren der 
Kaiser den weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfmg. Die 
Fedin^Mjngen , welche den ilberwundenen Völkerschallen gestellt 
w urd» n, zeigen, dafs Marcus nicht zu strafen beabsichtigte, sondern 
zu unterwerfen. Den Marcomanen und den Jazygen, wahrschein- 
lich auch den Quaden, wurde auferlegt einen Grenzstreifen am 



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214 



ACHTES BUCH. KAPITEL VI 



Flusse in der Breite von zwei, nach späterer Milderung von einer 
deutschen Meile zu räumen. In die festen Plätze am rechten Donau- 
ufer wurden römische üesalzungen gelegt, die allein hei den Marco- 
manen und Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20 000 Mann 
beliefan. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum römischen Heer za 
stellen, die Jaiygen tum Beispiel 8000 Reiter. Wäre der Kaiser nicht 
durch die Inswrrection Syriens abgerufen worden, so bitte er die 
letzteren gani ans ihrer Heimath getrieben, wie Traianus die Daher. 
Da£i Marcus die abgefallenen Transdanuvianer nach diesen Muster lo 
behandeln gedachte, bestätigt der weitere Verlauf. Kaum war jenes 
Hindernifs beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die Donau und 
begann, eben wie Traianus, im J. 178 den zweiten ahsciiliersenden 
Krieg. Die Motivirung dieser Kriegserklärung ist nicht lieUaniU: der 
Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben, dafs er zwei 
neue Provinzen Marconiania und Sarmatia einzurichten gedachte. Den 
Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fügsam gezeigt haben 
werden, wurden die lästigen Auflagen gröfstentheils erlassen, ja 
ihnen für den Verkehr mit ihren östlich von Dacien hausenden Stamm- 
verwandten, den Roxolanen, der Durchgang durch Dacien unter an- 
gemessener Aufsicht gewahrt — wahrscheinlich auch nur, weil sie 
schon als römische Unterthanen betrachtet wurden. Die Marcomanen 
wurden durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verxweifelnden 
Quaden wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich 
Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die 
Aeckcr zu bestellen hatten, um die römischen Besatzungen zu ver- 
sorgen. Nach vi«Mzt'lin|;ihriger fast unnnlerbroclKMirr Waffeuarbeit 
stand der KriegsITir.st wiiler Willen am Ziel und die Römer zum zweiten 
Mal vor der (Gewinnung der (»bert n Elbe; jetzt leblte in der That nur 
die Ankündigung das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, 
uodi nicht sechzig Jahre alt, im Lager von Vindohona am 1 7. März 180. 
Man wird nicht blofs die Entschlossenheit und die Konsequenz 
^ mue^*^ des Herrschers anerkennen, sondern auch einräume müssen, da£i er 
^'**^ that, was die richtige Politik gebot Die Eroberung Daciens durch 
Traian war em zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem marcoma- 
nischen Krieg der Besitz Daciens nicht blofs ein gefährliches Element 
aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich 
auch bewirkt hat, dafs der Vülkerschwarm an der unteren Donau, die 
liastarner, die Uoxolaner und andere mehr in den Marcomanenkrieg 



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DU DOlf avlSrdik mm db kubgb an der don au. 



215 



niclit aiDgegriffeii haben. Aber naebdem der gewaltige Anatami der 
TruMdanuTiaiier westlkb im Dacien die Niederwcrfong denelben 
rar Notbwendigkeit gemacht hatte, konnte diese nur in abachlieaaen* 

der Weise ausgeführt werden, indem Böhmen, Mähren und die Tlieiss- 
ebene in die römische Vertheidipunpslinie oingezofien wurden, wenn 
auch diesen Gebieten wohl nur. wi« Dacien, eine Vorposlenstellung 
ziigedaciit war und die slrategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben 
soUle. 

Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus war im Lager an- commodo« 
weaeod, ala der Vater starb und trat, da er die Krone schon seit MiOaA. 
mehreren Jahren dem Namen nach mit dem Vater tlieilte. mit dessen 
Tode sofort in den Besitz der unumschränkten GewalU Nur kone 
Zeit lieGi der neuniebnjährige Nwhfolger die Vertrauensmänner des 
Valmk seinen Schwager Porapeianua und andere, die mit Blarcus die 
schwere Last des Eriegea getragen hatten, im Sinne desselben schalten. 
Gommodua war in jeder Oinaicht dasGegentheil seines Vaters; kein Ge- 
lehrter, soodm ein Fechtmeister, so feig und charakterschwach wie 
dieser entschlossen und consequent, so trage und pflichtvergessen wie 
dieser thStig und gewissenhaft. F> gab nicht blofs die Einverleibung 
des gewonnenen (ieliiets auf, sondern gewährte auch den .Marcomanen 
freiwillig Bedingungen, wie si»' sie nicht hatten holfen dürfen. Die 
Hei,'ulirung des Grenzverkehrs unter römischer Tonliole und die Ver- 
{dlichtung ihre den Körnern befreundeten Nachbaren nicht zu schädigen 
verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen wurden aus ihrem 
l^nde zurückgezogen und nur das Gebot den Grenzstreiten nicht su 
besiedeln festgehalten. Die Leistung von Abgaben und die Stellung von • 
Recruten wurde wohl ausbedungen, aber jene bald erlassen und diese 
sieber nie gestellt. Aehnlich ward mit den Quaden abgeschlossen und 
wird mit den übrigen TransdanuTianem abgeacblossen worden sein. 
Damit waren die gemachten Eroberungen aufgegeben und die Yiel- 
jährige Kriegsarbeit war umaonst; wenn man nicht mehr wollte, so 
war ^e ibnliche Ordnung der Dinge schon viel früher au erreichen. 
Dennoch bat der marcomanische Krieg die Suprematie Roms in diesen 
Landschaften für die Folgezeit sicher gestellt, trotzdem Rom den 
Siegespreis aus der Hand gab. Nicht von den Sttlnimen, welche dabei 
betheiligt waren, iät der Stols geführt worden, dem die römische Welt- 
macht erlag. 

Eine andere bleibende Folge dieses Krieges hängt zusammen mit Det coiooat 



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216 



ACÜT£j> liLCU. KAPITEL VI. 



deD durch dentelben veranlanten UeberfOhningen der Transdanttvia- 

ner in das römische Reich. An sich waren derartige Umsiedelungea 
£0 aller Zeit vorgekommen; die unter Augustus nach Gallien ver- 
pflanzten Sugambrer, die nach Thrakien gesandten Daker waren nichts 
als neue zu den früher vorhandenen hinzutretende l'nterthanen oder 
Unterthanengemeinden, und etwas anderes sind wohl auch die 300U 
Naristen nicht gewesen, denen Marcus gestattete ihre Sitze weaükh 
von Böhmen mit solchen im Reich zu vertauschen« während den sonst 
unbekannten Aatingem an der dakischen Nordgrenze die gleiche Bitte 
abgeschlagen ward. Aber die nicht bloDi im Donauland, aondem in 
Italien selbst bei Ra?enna von ihm angesiedelten Germanen unrea 
weder freie Unterthanen noch eigentlich unfreie Leute; es sind dies 
die Anfinge der römischen Leibeigenschaft, des Colonats, dessen Ein- 
greifen in die Bodenwirthsdiaft des gesammten Staats in anderem 
Zusammenhang darzulegen ist. Jene ravennatischc Ansiedlung hat 
indeüs keinen Bestand gehabt; die Leute lehnten sich auf und mursteii 
wieder weggeschafft werden, so dafs der neue Coionat zunächst auf die 
Provinzen, namentlich die DonaulandschalXen, beschränkt blieb. 

Dt« Toiv Wiederum folgte auf den grofsen Krieg an der mittleren Donau 
>*«^l&aS«r. eine fast sechzigjährige Friedensaeit, deren Segen durch das währeod 
derselben stetig steigende innere Mifsregiment nicht vollständig auf- 
gehoben werden konnte. Wohl zeigt manche vereinzelte Nachricht» 
daüi die Grenze, namentlich die am meisten ezponirte dadsche, nicht 
ohne Anfechtnng blieb; aber vor allem das straffe Militirregiment den 
Sevenis that hier seine Schuldigkeit und wenigstens Marcomanen und 

• Quaden erscheinen anch unter dessen nächsten Nachrdgem in unbe- 
dingter Abhängigkeit, so dafs der Sohn des Severus einen Quaden- 
fürsten vor sich citiren und ihm den Kopf vor die Ffifse legen konnte. 
Auch die in dieser Kpoche an der unteren Donau gelieferten Kämpfe 
sind von untergeordnetem Belang. Aber wahrscheinlich hat in dieser 
Zeit eine umfassende Völkerverschiebung von Nordosten her gegeu 
das schwarze Meer stattgefunden und die römische Grenzwacht an 
der unteren Donau neuen und gefährlicheren Gegnern gegenQi)er ge- 
stellt« Bis auf diese Zeit hatten den R6mem dort vorzugsweise aar- 
roatische Völkerschaften gegenüber gestanden, unter denen sidi die 
Roxolaner mit den Römern am nichsten berührten; von Germaneo 
saAen damals hier nnr die seit hingem in dieser Gegend heimischen 
fiastamer. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleidit unter den dem 



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DIB WMUOLinOBB OID DU KR1B6B All OBa fiOHAO. 



217 



Anscbeio nach ihnen stammverwandten Carpern, welche fortan an der 
unteren Donau, etwa in den Thälern des Seret und Prut, die nächsten 
Nacbbaren der Kömersind. Neben die Carper, ebenfalls als unmittelbare 
Nachbvn der Römer an der DonaomOndang, tritt das Volk der Gothen. 
Dieaer genBaniacbe Stamm iat nach der einheimiacben Enihlnng, 
die ans erhalten iat, von Scandinavien Ober die Ostsee nach der Cmhwi. 
Weichselgegend and ana dieaer znm achwanen Meer gewandert; 
damit fliieranatimmend kennen die rftmiachen Geographen des 2. Jahr- 
banderta sie an der Weichsel und die rOmische Geschichte seit dem 
ersten Drittel des dritten an der nordwestlichen Küste des schwarznu 
Meeres. Von da an ei>cheinen sie hier in stetigem .\nschwellen; di«* 
Ke^le der Bastamer sind unter Kaiser Probus, die Reste der Carter 
unter Kaiser Iliorletian vor ihnen auf das rechte Donauufer j^ewichen. 
während ohne Zweifel ein grofser Tbeil dieser wie jener sich unter 
die Gothen mischten und ihnen sich anschlössen. Uel>erall darf diese 
Katastrophe nur in dem Sinne aia die des Gotbenkrieges bezeichnet 
werden, wie die unter Marcus eingetretene von den Marcomanen 
heiilit; die ganie Maaae der durch den Wanderstrom vom Nordoat(»n 
tum sehwaraen Meer in Bewegung gesetzten Völkerachaften iat daran 
betheOigt, and um so mehr betheiligt, ala diese Angriffe ebenso zu 
Lande über die untere Donau wie zu Wasser von der Nordkflste des 
schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren Verschlingung der 
tsnd- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend nennt darum 
der gelehrte Athener, der in ihm gefochten und ihn erzählt hat, diesen 
Krieg vielmehr den skythischen, indem er unter diesem, gleich dem 
felasgischen die Verzweiflung der Historiker machenden Namen alle 
germanischen und nicht germanischen Keicbsfeinde zusammenfafst. 
Was über diese Züge zu lierichten ist, soll, so weit die der Verwirrung 
dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung 
in Ueberliefemng es gestattet, hier zusammengefoÜBt werden. 

Das Jahr 238, auch ein Vierkaiaeijahr des Bürgerkriegs, wird "^^^^^'^^ 
boeichnet als daqenige, in dem der Krieg gegen die liier zuerst ge- 
Dsonten Gothen begann^). Da die Mdnzen von Tyra undOlbianiit 

') Die aageMich« erste BrwihaaBg 4m G«tbea in der Biographie Cara- 
e«lb« c. 10 barabt aaf MiTsverftladail^. Weaa wh>klieh eiaSaaatar aiak 4ea 

^Mbafkeo Scherz gestattet hat dem Mörder Getas den INameo Geticas beiza* 
legen, weil er aof seiaem Zog voo der Dooan Dach dem Orient eioige Getea- 
wlivärae {iumuUiuiräs fro$Uit) besiegt habe, so neiate er Daher, aicht die 



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218 



ACHTES BUCH. KAPITEL Tl. 



Alexander (f 235) aufliöreu, so sind diese aufserhalb der Reichsgrenze 
gelegenen römischen Besitzungen wohl schon einige Jahre früher eine 
Heute der neuen Feinde geworden. In jenem Jalir überschritten sie 
zuerst die Dooau und die nördUcbste der moesiscben Kästenstädte 
Istros war das erste Opfer. Gordian, der aus den Wirren dieser Zeit 
als Herrscher berYorgiog, wird als Besieger der Gothen bezeichnel; 
gewisser ist es, dafs die rOnischeRegieniiig wenn nicht schon Mber, 90 
doch nnter ihm sich dazu ferstand die gothischen EinfUle abiokaufaii 
Begreiflicher Weise forderten die Carper das Gleiche, was der Kaiser 
den schlechteren Gothen hewilligt hahe; als die Forderang nicht ge- 
währt ward, tielen sie im J. 245 in das römische Gebiet ein. Kneer 
Philippus — Gordiaiins w.ir damals schon todt — schlug sie zurück 
und eine energische Aclion mit der vereinigten Kraft desgrofscn Reiche? 
würde den Barbaren wohl hier Halt geboten haben. Aber in diesen 
Jahren fand der Kaisermörder so sicher den Thron wie wiederum 
seinen Mörder und Nachfolger^ eben in den gefährdeten Donauland- 
schaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus erst den Marious Paca^ 
tianas und nach dessen Beseitigung den Traianus Decios aus, welcher 
letztere in der That in Italien seinen Gegner flberwand und ate 
Herrscher anerliannt ward. Er war ein tüchtiger und tapferer Kann, 
nicht onwerth der beiden Namen, die er trug, und trat, so wie er 
Iconnte« entschlossen in die KSmpfe an der Donau ein; aber was der 
inzwischen geführte Bürgerkrieg verdorben hatte, liefs sich nicht ohAt 
einbringen. Während die Uömer mit einander schlugen, hatten die 



dntnals schwerlirh dort wohnende» und dem römischen Publicam kaun be- 
kannten Gothen, deren Gieichuug mit den Gcfcii auch pewils erst später er- 
fuoden ward. — Lebrigeos führt ooch weiter zurück die Angabe, dai's Kaüer 
MaziniBU (235—238) derSoho eioet in das beMehbirteTbraUcB üb«r|^le4eltea 
Gothen feweaen Mi; doeh wird aaeb darnnf nidit viel in lieben sein. 

*) Petras Patricias fr. 8. Dia Verwaltnng des bier genannten Lefnten 
von UnterBoesieo Tollios Meoophilns ist dnreb Manzen sidier aaf die Zeit 
Gordians und mit Wahrscheinlichkeit snf 238—240 bestimat (Borghesi opp. 2, 
!^27). Du der Anfang des Gothenkrieges und die Zerstöraog von Istros durch 
Dexippos (vita Max. et Balb. IG) auf 238 festgestellt ist, so Hegt es nahe die 
llebernahmc des Tribut:; damit in Zusammenhang zu bringen; auf jeden Fall 
ist er damals erneuert worden. Die vergeblichen Belagerungen von Markianopolis 
und Philippopolis durch die Gothen (Dexippos fr. 18. 19) niogea auf die Ein* 
nabaie von Istros gefolgt sein. lordnnes Öet 16» 92 setst die entere «ater 
Pbilippns, ist sber in chronolegiseben Frsgen kein gSltlger Zevge. 



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DIE l>0>AL'ljif(OER VSiD DIE KRIEGE AK DER OOKAU. 



219 



Gothen und die (larper sich geeinigt und waren unter dpin Gothen- 
förslen Cniva in das >on Tru|)|)en enlblofsie Moesien eingefallen. Der 
Statthalter der Provinz Trehonianus Gallus warf sich mit seiner Mann- 
schaft nach ^ikopolis am liaemus und wurde hier von den Gothen be- 
lagert; diese raubten zugleich Thrakien aus und belagerten desaen 
Hauptstadt, das gro£se und feite PhiUppopolis; ja lie gelangten bis 
nach Mekedoiiiei und bertmiten TheiMkMiike, wo der Statthalter 
MiCM eben diesen MeMent geeignet fiiDd^ um aicb sum Kaiaer aos- 
ntni SH laeaen. Ab Dccias anlangte, um angklch den Nebenbuhler 
•nd den Landeafeind in bekimpfen, wurde wohl jener ohne MQhe be- 
ieitigt and gelang auch der Entsatz wen Nikopolis, wo 30000 Gothen 
gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien zunickweichcnden Gothen 
siegten ihrerseits bei Bcror- (Alt-Zagora), warlrn die Horner nach 
Moesieu zurück und bezwauj^en sowohl .Nikopolis daselbst uie in Thra- 
kien Änchialos und so|?ar IMiilippopolis. wo 1<)<)II()() Menschen in ihre 
Ge\\alt gekommen sein sollen. Daraufzogen sie nordwärts, um die un- 
geheure Beute in Sicherheit zu bringen. Decius entwarf den Plan, dem 
Feind bei dem Uebergang über die Donau einen Schlag zu versetzen. Er 
itellte eine Abtheilnng unter Gallus am Ufer auf und hollle die Gothen 
avf diese werfen und ihnen den Rfickzog abschneiden lu können. 
Aber bei dem moeaiachen Grenzort Abrittus entschied das KriegsglOck ^^J^^ 
oder auch der Verrath des Gallus gegen ihn ; Decius kam mit seinem 
Sohn nm und Gallos, der als sein Nachfolger ausgerufen ward, begann 
fem Heginient damit den Gothen die jährlichen Geldzahlungen aber- 
mals zuzusichern (251) Diese vollige Niederlage der römischen 
Waffen wie der roniischrn Politik, der Fall des Kaisers, ersten, 
der im Kampf gei,'en ilie Barbaren das Leben verlor, eine Kunde, welche 
selbst in dieser in der Gewohnheit des Unheils erschlallenden Zeit tief 
die Gemüther erregte, die darauf folgende schimpfliche Capitulation 
stellte in der That die Integrität des Reiches In Frage. £rnste 

*) Die Berichte über diese Vorgäoge bei Zosiiuus 1, 21 — 24, Zooaras 
12, 20, Amiea 81» 6, 16. 17 (welche Naekriehten bU xn der Pbilippopolis 
MreffMdea Mereh, defs «Kei« bei Zosiniw wiederkehrt, alt hierher geharif 
ixirt werdeo), ehwohl alle frafineatariseh eder xerrSttet, dürftea aoa den» 

Beriebt des Dejcipfes, wovon fr. 16. J9 erhalten sind, geflossen sein und lassen 
iich einigeraMraeo vereioigen. Dieselbe Quelle liegt auch den Kaiserbiographien 
lad Jordanea la Grande; beide nher liaben sie in dem (rrade entstellt iimi 
verrälscht, dafs von ihren Angaben nur mit {^rofser Voraicbt Gebrauch genachl 
werden kaoo. toabhäugig i»t \ictor Caes. 2!). 



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220 



ACHTES BUCB. KAFITBL VI. 



Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlicli der drohende Verlust 
Üaciens müssen die nächste Folge gewesen sein. Noch einmal ward 
dieser abgewandt: der Statthalter von Pannonien Marcus Aeniilins 
Aemilianus, ein guter Soldat, errang einen bedeutenden VVaflenerfolg 
and trieb die Feinde über die Greme. Aber die ISemesis waltete. Die 
Gonsequenz dieses auf Gallus Namen erfochtenen Sieges war, dars die 
Armee dem Verrither des Decius den Gehorsam aufkündif^ und ihren 
Feldherm tu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der Bürger- 
krieg der Grensfertheidigang vor, und wihrend AemUiani» in Itelie« 
swar den Gallas Qberwand, aber bald darauf dem Feldherm deaaelben 
Valerianos unterlag (254), ging Daeien, wie und an wen wissen wir 
T«timi nicht dem Reiche Terioren. Die leiste von dieser Provins geschla- 
gene Münze und die jüngste dort gefundene Inschrift sind vom J. 255, 
die letzte Münze des benachbarten Viminacium in Obermoesien vom 
folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und (lalliens als« 
best'lzten die Barbaren das römisclie Gebiet am linken Ufer der Donau 
und drangen sich^*r auch hinüber auf das rechte. 

Bevor wir <li»' tntwickelung dvr Dinge an der unteren Donau 
weiter verfolgen, erscheint es notliwendig einen Blick zu werfen auf 
die Piraterie, wie sie in der Astüchen Hilfte des Mittel meeres damals 
im Gange war, und die daraus herroigegangenen Seesflge der Gothen 
und ihrer Genossen. 



Piraterie tof Dafs auf dom schwanen Meer die römische Flotte su keiner 
^*''^°*' entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet 
worden ist, liegt im Wesen der Rftmerherrscbaft, wie sie an seinen 
Kflsten sich gestsitet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa ?on 

der DonaumOndung abwSrts bis Trapezunt. Römisch waren l^eilidi 
anch einerseits Tyra an der Mundung des Dnjcstr und Olbia an der 
Bucht der Dnjeprmündung, andererseits die kaukasischen llafenorle 
in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. 
Auch das dazwischen liegende bosporanische Königreich in der Krim 
stand in römischem Schutz und hatte römische, dem Stalthalter von 
Moesien unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen gröfsten- 
tbeils wenig einladenden Gestaden nur jene llafenplätze entweder 
alte griechische Ansiedelungen oder als rdmische Festungen in festem 



>) Vielleicht betiebt sich darauf der Biabrach dtr MarcoMMs M 
Zoaiaet 1, 29. 



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MB MMIAULZlim miD MI KMM AR DIR MNf AU. 



221 



Besitz, die Küste selbst dde oder in deo Hioden der das BiimeD- 
Und crfikUsBden idugeboreiien, die unler dem aOgemeiiien Namen 
der Skytben nsammeBgebfiit, neittont iarmatiidier Abkunft, den 
Rtaeni niemals bolmKalg worden nodi werden sollten; man war 
Bvfrieden, wenn sie sidi nicht geradein an den Römern oder deren 
Sdratsbefohlenen Tergrilfen. Danaeh ist es nicht su Terwundem, dafs 
schon in Tiberius Zeit die Piraten der OstkflsCe nicht blofs das schwarze 
Mi-er unsicher machten, sondern auch laodeten und die Dörfer und die 
Slädte der Küste brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine 
Schaar der an deni nordwestlichen Ufer hausenden Kosloboker die im 
Herzen von Phokis gelegene Hinnenstadt Elateia öberfiel und unter 
deren Mauern mitdenBArgern sich herumschlug, so zeigt dieser gewifs 
nur zufällig fär uns einzeln dastehende Yoiigang, dals dieselben Er- 
scheiniuigeD, welche dem Sturz des Senatsregiments ToraoliKingen, 
jelit sieh emenerten und noch bei Snltoriich unerschfittert aufrecht 
stellender Reichsgewalt nicht bteCli eimelne PiratenschiOe, sondern 
IHratengeechwader im schwanen nnd selbst im Mittebneere krensten. 
Uaa Bach dem Tode des Severus imd vor allem nach dem Ausgang der 
letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des Hegiments offenbarte 
sich dann, wie billig, vor allem indem weiteren Verfall der Seepolizei. Die 
im Einzelnen wenig zuverlässigen Berichte melden bereits in der Zeit vor 
Decius das Erscheinen einer };rofsen Piratentlotte im a^Mii^chcn Meer; 
dann unter Decius die Plünderung der pamphylischcn Küste und der 
griechisch-asiatischen Inseln, unter Gallus Piratenstreifereieu in 
Kleinaaifn bis nach Pessinus und Ephesos^). Dies waren Räubersdge. 

1) Aiamiaau« 31, 5, ]5: duohut navium miiibut perrupio Btuporo et 
UitirBn Profornfidit Sq/Udearmn gentium eaUnaB twt^gnfSM Mbrunt ipndem 
mmrkm ierm mmiqim Hragmt ni amüta tuonm parte imurAiw r wMrUnmt, 
wwmf Iis lUtattr»pbe der Deei«r tniUt nsd im diew die weittre N«tiz 
«iageflocliten wird: obtetsa» Pamph^iae civiUUes (dahio wiri dit Belagerssg 
voB Side gehöreo bei Dexippas selbst fr. 23), inrulae populatae eomplures, 
ebsf die Bela^ernnfr von Kyzikos. WVnn in diesem Rückblick nirht .illes 
verwirrt ist. ^as bei Auioiiau doch nicht wobl aogeDommen werden kann, so 
fällt die.s \ur diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityas be- 
gionen und mehr ein Theil der Völkerwanderung sind als Piratenzü^e. Die 
ZaU der Schiffe freilich dürfte dnreh GedSehtaifafehler von dem Zvf des 
J. M Uerhar SbenngM leis. !■ denMlbmi ZaMamahanf § ehSrt dl« N«tit 
M ZmIm 1, 18 Eber die SkytbmBfe ii Atim md Kappad«ki«i bii BphesM 
«■d PflMiMs. Dm Ifaduleht ilber Bpbatot ia der Bieg raphfo Galliesa e. 6 
bt dietalbe, aber dar Zeit aadi ▼anehabaa. 



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222 ICBTISBIICB. lAPITBLTt. 

Diese Gesellen pluoderten die Küsten weit und breit, und nMcbteu 
aiicb, wie man sieht, dreiste Zfige in dae Binnenland; ater von nr- 
atflrlen SUdten wird nichls feneMet und die Hniten venniedeii 
es, mit den rftmiachen Trappen lasanmeniiiatAAen ; voiioguwMiu 
richtete aich der Angriff gegen aoldw LandacMten, in denen keine 
Trappen atanden. 

so^g« der Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen andern Charakter 
OenofscD. an. Die Art der Züge weicht von den früheren su sehr ab, dafs der an ' 
sich nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter 
Valerianus von kundigen Berichterstattern geradezu als der Anfang die- 
ser Bewegung bezeichnet werden konnte^) und dal's die Piraten eine 
Zeit lang in kleinasien mit dem iNamen dieser uns aonst nicht be- 
kannten Völkerschaft genannt worden. .Nicht nehr von den alten ein- 
beimiachen Anwohnern des schwarzen Meeres gehen diese Zuge mm, 
sondern Ton den nachdringenden Schwärmen. Waa hia dahin See- 
raob gewesen war, fingt an ein StAck deijenigen VMker?erBcliie- 
bung au werden, welcher daa Vordringen der Gothen an die untere 
Donau angehört. Die betheiligten Völker sind sehr manniofaCKh mid 
zum Tbeil wenig bekannt; bei den spdteren Zügen scheinen die ger- 
manischen Hcrulei\ damals Anwohner der Maeotis, eine führende 
Holle gespielt zu haben. Bethciligt sind auch die Gothen, iudefs, so 
weit es sich um eigentliche Seefahrten handelt und über diese leidlich 
genaue Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht 
eigentlich diese Züge heifsen richtiger skythische als gothische. Der 
maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die DnjestrmAndong, der 
Hafen von Tyra'). Die griechischen Städte des Bosporus, durch 
den Bankerott der Reichsgewalt schutalos den andringenden Haufen 



') Bei Zosinot telbtt wird nan völlige« Verstäodjiifs «urdr nicht er- 
warten; aber sein Gewäbrsinaao Dexippus, der Zeitgenosse und ßetbeiligte, 
wufste wobl, warum er die bitbyoiscbe Expedition die thLit{ja t^oSus oaonte 
(Zo9. \, 35); und aocb bei Zosimus noch erkennt man deallich den vua 
Dexippus beabsichtigten GegeD:»atz der Expedition der Üuraoer gegeo Pityus 
and Trapexojit zu den hergebrachten Piratenfakrtes. le d«r Biogrifhi» des 
Gellieaas wird die e. 11 luiler Am h S64 cniUte ikytldache Bspadili«a 
McfciUpiNidokieft die trapekoatiMhe Mia so wie die desit ▼erkMplle kUhy- 
BlMhe die, welche Z«iiww die swolte eaBot; v«rwirrt ist hier MUoh ellea. 

*) Dies Mgt Z«iiiiiu 1, 42 md folgt a««h evi den VeiMUteUs der 
Bosporaner sa dam arttaa (1, 32) vad den daa entea te dem awaltea Zaf (1, 94). 



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om BOfucLliiftn um» die kumb an dir donau. 



223 



preisgegeben und der Belagerung durch dieselben gewärüg, lieTäen 
halb gezwungen, halb freiwillig sich dazu herbei die unbequemen 
aeotn Naeldiani auf ihren Schiffen und durch ihre Seeleute nach deo 
nicktt getegenen fOmucben BetiiiuDgen an der NordkQste des Pon- 
tos ftbarmfiUireii, wofür dtMea Mlbei die nötliigea Miltel und des nö- 
tige Geicittck maagelle. So kaiii jene Eipedition gegen Pityw la 
Sunde; Die Boraner wurden gelendet und lendten» euC den Erfolg 
-vertnuend, die SchiliB larack. Aber der enUchloiiene Befehbbaber 
^n Ktfne Sneeeeiienaf wiee den Angriff ab und die Angreifer, den 
Anmarsch der fibrigen rOmitchen Besatzungen beffirchtend, zogen 
eilig ab, wozu Me mühsam die nölhigen Fahrzeuge beschafften. Auf- 
gegel>en aber uar der Plan nicht; im nächsten Jahr kamen sie wieder, 
und da der Commaudant inzwischen gewechselt war, ergab i^ich die 
Festung. Die Uoraner, welche diesmal die husuuranischen Schille fest- _ 
gehalten hatten und aus geprefsten Scbifl'sleuten und gefangenen Kö- 
mern deren Heniannung beschafften, bemächtigten sich weithin der 
littiie und gelangten bis nach Trapezunt In diese gut befestigte und stark 
beeetite Sladt hatte alles sich geflöchtet und zu einer wirklicben Be- 
lagening waren die Barbaren nicht im Stande. Aber die FQbrung der 
Rtaer war acUecht nnd die Kriegeiucbt so verfUlen, dafa niebt ein- 
mal die Mener beeetit wurde; ao eratiegen die Barbeien dieeelbe bei 
Naehladt, ebne eucb nur Gegenwebr lu finden, nnd in der grotien 
und fMcben Stadt fiel nngebenre Beutet darunter aueb eine Anubl 
von Schiffen in ihre Hinde. Glfiddleb Iwbrten sie aus dem fernen 
Lande zurück an die Maeotis. 

Ein zweiter durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber be- 
nachbarter skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen 
Bithyuien; es ist bezeichnend für die zerrütteten Verbältnisse, dafs der 
Anstifter dieses Zuges ein Gri^'che aus ISikomedeia Chrysogonos war 
und dafs er für den glücklichen Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. 
Diese Expedition wurde, da die nöthige Zahl von Schiffen nicbt zu 
beschaffen war, theils zu Lande, theüs zu Wasser unternommen; erst 
in der ^iibe Yon Byzant gelang es den Piraten sieb einer betricbtlicben 
Zabl Ton Fiaeherb6ten in bemächtigen und ao gelangten sie an die 
ssiatische Kfiste nsch Kelchedon, dessen starke Besatzung auf diese 
Runde davon lief. Nicht blofii diese Stadt gerieth in ihre fland, son- 
dern auch an der EQste Nikomedeia, Kios, Apamea, im filnnenland 
Nikaea und Pnisa; Nikomedeia und Nikaea brannten sie nieder und 



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ACHTBS BOGH. KAPITEL Tl. 



gelangten bis zum Rhyn<1akos. Von da aus fuhreo si« heiin, beladen 
mit den Schätzen des reichen Landes uod seiner ansehnlichen Städte. 
oMb Schon der Zug gegen Bithynien war sum Theil auf dem Landweg 

antemomnien worden; um so mehr seilten die Angriife, die gegen 
das europSische Griechenland gerichtet wurden, sich aus Land* nnd 
Seeraubfahrlen tusammen. Wenn Noesien und Thnfcien andi nicht 
dauernd von den Gothen besetst worden, so iuunen und gingen 
sie doch hier, gleich als wären sie zu Hause, und streiften von 
da aus weit nach Makedonien hinein. Seihst Achaia erwartete unter 
Valerianus von dieser Seite herden Einbruch; dieThermopylen und dt^r 
Isihmos wurden verrammelt und die Athener gingen daran ihre s^eii 
Sullas Belagerung in Ti il minern liegenden Mauern wieder herzustellen. 
Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren nicht. Aber unter 
GallienOB erschien eine Flotte von 500 Segeln, diesmal vornebmlicli 
Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indefs seine Wehrhaftigkeit noch 
nicht eingebiibt hatte; die Schiffe der Bysantier schlugen giacklich die 
Räuber ab. Diese fuhren weiter, leigten sich an der asiatischen Kftste 
vor dem fSrflher nicht angegriffenen Kysikos und gelangten von da Ober 
Lemnos und Imbros nach dem eigentlichen Griechenland, Athen« 
Korinth, Argos, Sparta wurden geplündert und zerstört. Es war 
immer etwas, dafs, wie in den Zeiten der Perserkriege, die Bürger des 
zerstörten Athen. 2000 an der Zahl, den abziehenden Barbaren einen 
Hinterhalt legten und unter Führung ihres ebenso gelehrten wie 
tapferen Vormanns Publius llerennius Dexippus aus dem altadlicheu 
Geschlecht der Keryken, mit Unterstützung der römischen Flotte, den 
Piraten einen namhaften Verlust beibrachten. Auf der Heimkehr, die 
zum Theil auf dem Landweg erfolgte, griff Kaiser Gsllienus sie in 
Thrakien am Flufis Nestos an und tödtete ihnen eine betrichtliche 
Ansahl Leute 

Dm BtUba. Um das Nafs des Unheils vollständig zu tibersefaen, muCi man 
ofoti^MMir hinzunehmen, dafs in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor 

>; DcAippus Bericht über diesen Zag: ffebeo im Auszujr Syucellus p. 717 
(wo avilörjos für nvilövrig geleseu werden muCs), Zosimus ], 39 uod der 
Biograph 4m Gallieaaa e. 13. Ria Broelut&ek «einer eigeoeo Erüblaog ist fr. 22. 
Bei itm FortietMr des Dio, von den Zooms abhSogt, iit 4er Vorgaof utsr 
Claodiiis gesetst, 4arek Irrthoii «der 4««k Filtchiiar, die 4en GalUesw 
4ietMi Sief nidit § Snnte. Die BiofrapUe des GalUeias ertihlt 4eD Vorgais, 
wie es scheint, zweimal, tnent knn e. 6 nter 4eii J. S6S, 4aBfl kester «ster 
e4er nach 265 e. 13. 



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MB INHUULlHM« UND DIB KBIB6B AN DBB D0N4U. 



225 



afleai io den Tom Feind flbenchwemmten Pronnien «o Oflhier nach 
dem andern nach der Krone griff, die es itauni noch gab. Ea lohnt der 
Mihe niebt die Namen dieser ephemeren Pnrpnrträger lu yeneiehnen; 
die Lage xeichnet, dafs nach der Verwüstung Bithyniens durch die 

Piraten Kaiser Valerian es unterliefs einen aufserordentlichenComman- 
danlen dorthin zu schiclven, weil ihm jeder General, nicht ohne Grund, 
als Rival galt. Dies hat mitgewirkt hei dem fast durchaus passiven 
Verhalten der Regierung gegenüber dieser schweren Noth. Doch ist 
andererseits unzweifelhaft ein guter Theil dieaer unverantwortlichen 
PaiaiTilät auf die Persönlichkeit der Herrscher zurückzuführen ; Va- 
lerianus war schwach und bejahrt, Gallienua fahrig und wüst, und der 
ienknng des Staataschiffa im Sturme wedw jener noch dieser ge- 
wachsen. Mardanns, dem GaUienns nach dem EinfcU in Achaia das 
Commando in diesen Gegenden Qhertragen hatte, operirte nicht ohne 
Erfolg; aber zu einer wirktichen Wendung sum Besseren kam es nicht, 
80 lange GaUienns den Thron einnahm. 

Nach Gallienus Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von cuudiu« 
«Keser, unternahmen die Barbaren, wieder unter Führung der Heruler, ^•'^•^•a 
aber diesmal mit vereinigten Kräften, einen Ansturm gegen die Reichs- 
grenzen, wie er also noch nicht da gewesen war, mit einer mächtigen 
Flotte und wahrscheinlich gleichzeitig zu Lande von der Donau aus'). 
Die Flotte hatte in der Propontis viel von Stürmen zu leiden; dann 
theilte sie sich und es gingen die Gothen theils gegen Thessalien und 
Gnechenland Tor, theils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse 
begab sich nach Makedonien und drang ?on da in daa Binnen- 
Isnd ein, ohne Zweifel in Verbindung mit den in Thrakien ein- 

*) la nseror CJalbcriiaferug ersebelat diäter Zag all eiae ratae See* 

fahrt, anternomBeo mit (watirscbeialieb) 2000 Sehiffen (so die Biographie des 
Claudios; die Zahlen 6000 nod 900, zwischen denen die Fcberlieferoog bei 
Zosimus 1, 42 schwankt, sind woh\ beide verdorben^ and 32*) 000 Menschen. 
Indefs ist es wcnip glaublich, dafs Dexippus, auf den diese Aupaben zurück- 
geheo müs.seo, die letzlere Ziffer in dieser Weise hat setzen können. Anderer- 
iiite ist bei der Richtung des Zuges zuuäcbst gegeu i uuiis und Markiano- 
HÜt ei Bahr ab webrscbeinlich, dala dabei du voe Zoa. 1, 34 beaekrielieBe 
Veriidbw befolgt ward aad ela Tbeil so Laade mareebirle, aad «nter dieser 
ytraesseting weebta aach eia Zeitgeaosse die ZabI der Aagrelfer wobt aof 
jene Ziffer scbitzeo. Ancb xeigt der Verlaaf dei Feldzugs, namentlich der Ort 
der Eot<:cheidaagfcUaekt, dab Ma es keiaeiwega UeCi mit eiaer Flotte aa 
thon ba'te. 

Xomataa» tom. Qeaekieht«. Y. 15 



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226 



ACBTtt BUGH. lAPniL 



gerückten Haufen. Aber den od belagerten, jetzt bis aufs Aeufseröte 
gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der persöniich 
mit starker Macht heranrückte, endlich Entsatz; er trieb die Gutheo 
vor sich her das Thal des Axios (Var4ar) hinauf und weiter über die 
Berge hinOber, nach Obermoesien; naeh mancherlei Kämpfea mit 
wechaelodein KriegsglQck erfocht er hier im Honfathal bei Naima 
einen glinxenden Sieg, in welchem 50000 Feinde gefallen sein adlMi. 
Die Gothen wichen in Auflösung zurück, in der Richtung enl 
auf Makedonien« dann durch Thrakien zum Uaemua, um die Donau 
zwischen udk und den Feind zu bringen. Fast bitte ihnen em Zwist 
im römischen Lager, diesmal zwischen Infanterie and Reiterei, noch 
einmal Luft gemacht; aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die 
Reiter es doch nicht ihre Kameraden im Stich zu lassen und so siegte 
die vereinigte Armee abermals. Kine schwere Seuche, welche in all 
den Jahren der Noth, aber besonders damals in diesen Gebenden 
und vor allem in den Heeren wüthete , ihat zwar auch den Kümern 
grofsen Schaden — Kaiser Claudius selbst erlag ihr — , aber das grofee 
Heer der ?iordländer wurde völlig aufgerieben und die zahlreichen 
Gefangenen in die römischen Heere eingereiht oder zu Leiheigenen 
Wieder gemacht. Auch die Hydra der Militärrevoluiionen wurde euiigermafsen 
der Do^a''»'!5 gobiudigt; Claudius und nach ihm Aurelianus waren in anderer 
Weise Herren im Reich, als dies fon Gallienus gesagt werden kann. 
Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfiing gemaeht 
worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Daden war und 
blieb verloren; Aurelianus zog die dort sicli noch haltenden Posten 
heraus und gab den Yortrieb^nen oder zur Auswanderung geneigten 
Besitzern neue Wobnstätten auf dem moesischen Ufer. Aber Thrakien 
und Moesien, die eine Zeitlang mehr den Gothen als den Römern gehört 
hatten, kehrten unter römische Herrschaft zurück und wenigstens die 
Donaugrenzc ward wieder befestigt. 
ChMmktar Man wird diesen Gothen- und Skythenzögen zu Lande und zur 
'%Sigir welche die zwanzig Jahre 250 — 269 ausfüllen, nicht die Bedeutung 
beilegen dürfen, dafs die ausschwärmenden Haufen darauf bedacht 
gewesen wiren die Landschaften, die sie betraten, in bleibenden Besitz 
zu nehmen. Ein solcher Plan ist nicht einmal für Moesien und 
Thrakien nachweisbar, geschweige denn für die entfernteren Rüsten; 
schwerlieh waren auch die Angreifer zahlreich genug, um eigentliche 
Invasionen zu ontemehmen. Wie du schlechte Regiment der letzten 



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DIB OOlUULXnon OIIII DIB IMMB ah DBB DONAU. 227 

Herrscher und Tor allem die Uoiuverlässigkeit der Truppen viel mehr 
als die Uebermacht der Barbaren die Ueberfluthung des Gebietes durch 
Land- und Seeriober ber?orriefen, so sog die WiederhersteUnng der 
inneren Ordnung nnd das energitebe Auftreten der Regierung von 
selbit die Befreiung deeMHien nach aich. Noch konnte der rOmiache 
Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht sich selber brach. Immer 
aber war es ein grofses Werk das Regiment so wieder lusammeniu- 
nehmen, wie Claudius es getban hat Wir wissen noch etwas weniger 
von ihm, als von den meisten Regenten dieserZeit, da die wahrschein- 
lich lictive Zurückfüliruüg ilas conslantinischen Stammbaumes auf ihn 
sein liild nach der platten Vollkommenlieitsschabione übermalt hat; 
aber diese Anknüpfung selbst, sowie die zahllosen nach seinem Tode 
ihm zu Ehren geschlagenen Münzen beweisen , dafs er der nächsten 
Generation als der Hetter des Staates galt, und sie wird darin nicht 
geirrt haben. Ein Vorspiel der späteren Völkerwanderung sind diese 
Skythenzüge allerdings; und die Stidtezerstörung, welche sie vor den 
gewöhnlichen Piratenfabrten auszeichnet, bat damals in einem üm- 
bng slattgeAinden, daA der Wohlstsnd wie die Bildung Griechen- 
lands und Kleinasiens sich niemals davon erholt haben. 

Ab der wiederhergestellten Donaugrenie befestigte Auielianus den 
erfochtenenSieg, indem er die Defensive wiederum offensiv führte und ■um Ende 
dieDonaaan ihrsrMflndung iberMhreitend jenseit derselben sowohl die^ ^-^»^^ 
Carperschlug, die seitdem zu den Römern im Schutzverhältnifs standen, 
wie auch die Gothen unter ihrem König Canabaudes. Sein Nachfolger 
Probus nahm, wie schon angegeben ward, die Ueberreste der von den 
Gothen bedrängten Bastarner herüber auf das römische Ufer, ebenso im 
J. 295 Diocl«Mian din llcste der Carper. Dies deutet darauf hin, dals 
jenseit des P'lusses das IUmcIi der Gothen sich consolidirte; aber weiter 
kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstärkt; 
Gegen-Aquincum (amtra Aqw'ncum, Pest) ist im J. 294 angelegt worden. 
Die Firatenfahrten verschwanden nicht völlig. Unter Tacitus zeigten 
sich Schwirme von der Maeotis in Kilikien. Die Franken, die Probus 
am schwarzen Meer angesiedelt hatte, verschafften sich Fahneuge und 
ftihren heim nach ihrer Nordsee, nachdem aie unterwegs an der 
sidKscheD und der africanischen Ktlste geplündert hatten. Auch su 
Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die aahlreichen Sarmatensiege 
Diodetians alle und ein Theil seiner germanischen auf die Donauge- 
genden fallen werden; aber erst unter Constantin kam es wieder 

15» 



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228 



ACHTES BUCH. KAPITBL VI, 



la einem eratlhafleii Kriege mit den Gothen, der glftdüich verlict 
Das UeiMigewicht Roms stand seit Claudias gotliiscbem Siege irieder 
so fest wie vorher. 

lujruiruag Dio obon entwickelte Kriegsgeschichte blieb anf die innere Ord- 

vad dM nuog des römischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine 
RvgtiMau. ^^^j bleibende militärisch-politische Rückwirkung. Es ist bereits darauf 
hingewiesen worden, dafs die Rheinheere, in der früheren Kaiserzeit 
die führenden in der Armee, ihren IMimat schon unter Traian an die 
Donaulegionen abgaben. >Yenii unter Augustus sechs Legionen im 
Donau- und acht im Rheinland standen, so zählten nach den dakischen 
Kriegen Domitians und Traians im 2. Jahrh. die Rheinlager nur vier, 
die Donaulager zehn, nach dem marcomanischen sogar zwölf Legionen. 
^achdem seit Hadrian aus der Armee, abgesehen von den Offisieren, 
das italische Element verschwunden war und im Gänsen genommen 
jedes Regiment sich in der Gegend , in welcher es lagerte, auch 
recrutirte, waren die meisten Soldaten der Donauarmee und nicht 
weniger die aus dem Gliede hervorgegangenen Genturionen in Pan- 
nonien, Diden, Moesien, Thrakien zu Hause. Auch die neuen unter 
Marcus gebildeten Legionen gingen aus lllyricum hervor, und die auber- 
ordentlichen Ergänzungen, deren dieTruppen damals bedurften, wurden 
wahrscheinlich ebenfalls vorzugsweise aus den Gegenden genomnifn, 
in denen die Heere standen. Also war der l'rimat der DonauarmeeD. 
den dor Dreikaiserkrieg der severischen Zeit feststellte und steigerte, ' 
zugleich ein Primat der illyrischen Soldaten; und es kam dies hei der 
Returin der Garde unter Severus zu sehr energischem Ausdruck. Id 
die höheren Kreise des Regiments grilT dieser Primat nicht eigentlich 
ein, so lange die Ofliziersteliung noch mit der EieidisbeamtenstelluDg 
zusammenfiel, obwohl die ritterliche Laufbahn dem gemeinen Soldaten i 
durch das Zwischenglied des Centurionats (tu allen Zeiten augingliGb 
war und also die Illyriker auch in jene schon fIrOh eindnngenl; I 
wie denn bereits im J. 235 ein geborener Thraker Gatus Julias 
Verus Maziminus, im J. 248 ein geborener Pannoniei^ Tkvianus 
Decius auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt sind. Aber als 
dann Gallienus in allerdings nur tu gerechtfertigtem MiÜitranen dis 
Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst ausschlofs, erstreckte 
sich nolliwendiger Weise, was bisher von den Soldaten galt, auch auf 
d^e Ülliziere. Es ist also nur in der Ordnung, dafs die der Donauarmef 
angehörigen meistens aus den illyrischeo Gegenden herstammeodeo 



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DIB DONAULAMDBB UNO MB EEIBGB AN DESk DONAU. 



229 



Soldaten seitdem auch im Ilegiment die erste Holle spielen und, so 
weit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls der Mehrzalil nach 
fllyriker sind. Also folgen auf Gallieniu der Dardaner Claudius, 
Aurelianus aus Moesien» Prohlis ans Pannonien, Diodetianus aus 
DalmatieD, MaximiaDOs ans Paononien, Conatanttus aus Dardanieo» 
Meriiis aus Serdica; von den letitgenannten bebt ein unter der eon- 
8tantiniech«n Dynastie acbreibender Schriftsteller die Herkunft aus 
Illjricnm herror und fDgt hiniu, dafa sie mit wenig Bildung, aber guter 
Vondiulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst treffliehe Herrscher 
gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem türkischen Reich 
gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem römischen Kaiserstaat, 
als dieser hei ähnlicher Zerrüttung und ähnliclier Barbarei angelangt 
war, in gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration 
des römischen Kaiserlhums nicht etwa als eine nationale Reorganisation 
aufgefafst werden; es war lediglich die soldatische Stützung eines 
durch das Mif^reginient vornehm geborener Herrscher völlig herab- 
gekonmenen Reiches. Die Demilitarisirung Italiens war vollständig 
geworden, und Herrscberrecbt ohne kriegerische Kraft eritennt die 
Gescbidite nicht an. 



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KAPITEL m 



DAS GRIECHISGUE £UROPA. 

Mit der allgemeinen geistigen Entwickelung der Hellaien hatte 

h«iumumus. die poHtische ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten 
oder vielmehr die Ueberschwänglichkeit jeuer hatte, wie die allzu 
volle Blüthe den Kelch sprengt, keinem einzelnen Gemeinwesen ver- 
stattet diejenige Ausdelinung und Stetigkeit zu gewinnen, welche für 
die staatliche Ausgestaltung vorhedingtind ist. Die Kleinstaaterei der 
einzelnen Städte oder Städtebunde mufste in sich verkümmern oder 
den Barbaren verfallen; nur der Panhellenismus verbürgte wie den 
Fortbestand der Nation so ihre Weiterenlwickelung gegenüber den 
stammfremden Umwohnern. Er ward verwirklicht durch den Vertrag, 
den König Philipp von Makedonien der Vater Alexanders in Korintb 
mit den Staaten von Hellas abscblob. Es war dies dem Namen nach 
ein Bundesvertrag, in der That die Unterwerfung der Republiken 
unter die Monarcfaiet aber eine Unterwerfung, welche nur dem Aus- 
land gegenOber sich vollzog, indem die unumschränkte Feldhermschafl 
gegen den Nationalfeind von fast allen StSdten des griechischen Fest- 
landes dem makedonischen Feldherrn übertragen, sonst ihnen die Frei- 
heit ini(i die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die Verhältnisse 
lagen, dies dieeinzig mögliche Realisirungdes Panhellenismus und die im 
Wesentlichen für dieZukunftGriechenlands mafsgebendcForm. Philipp 
und Alexander gegenüber hat sie Bestand gehabt, wenn auch die 
hellenischen Idealisten wie immer das realisirte Ideal als solches nn- 
zuerkennen sich sträubten. Als dann Alexanders Reich zerfiel, war 
es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit der Einigung 



uiyui<.Cü Ly GoOglc, 



DAB CRUSCHISCUB EÜROPA. 231 

der griechischen Släille unter der monarchischen Vormacht vorbei 
und rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte geistige 
und materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der wech- 
seinden Herrschaft der übermächtigen Monarchien und vergeblichen 
Yenachea onter dem Schutt des Haden derselben den alten Parti- 
eabrismus zu restauriren. 

Als dann die rnftcbtige Republik des Westens in den bisher Heiin« und 
siMgermallMii gleichgewogenen Kampf der Monarcbien des Ostens '"^ 
eintrat nd bald «Ich mSehtiger als jeder der dort mit einander ringen- 
dso griechiaehen Staaten erwies, emsaerte sich mit der festen 
Vonnacfatitellang aneh die panhellenisehe Politik. Hellenen im 
vollen Sinn des Worts waren weder die Makedonier noch die 
Riner; es ist nnn ebmal der tragische Zug der grieehisehen 
Entwickelang, daDs das attische Seereich mehr eine Hoffnung als 
eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk nicht aus dem eige- 
ii< n Schoofs der Nalion hat hervorgehen dürfen. Wenn in nationaler 
Hinsicht die Makrdonier den Griechen nfdier standen als die Hömer, 
>o war (las (iemeinwesen Roms den hellenisrhen politisch bei weitem 
mehr wahlverwandt als das makedonische Erhküiiigthum. Was aber 
die Hauptsache ist, die Anziehungskraft des griechischen Wesens ward 
Toa den römischen Bürgern wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer 
empfanden als von den Staatsmännern Makedoniens, eben weil jene 
ihm femer standen als diese. Das Begebren sich wenigstena innerlich 
10 helleniairen, der Sitte und der Bildung, der Kunst und der 
Wissenschaft Ton Hellas theilhafüg sn werden, auf den Spuren 
des groAen Makedoniera Schild und Schwert der Griechen des 
Ostens sein und diesen Osten nicht italisch, sondern hellenisch weiter 
afilisiren lu dirlsn, dieaea Verlangen durchdringt die spiteren 
Jikrhonderte der römisdien Republik imd die bessere Kaiserseit mit 
eioer Macht nnd einer Idealität, welche fast nicht minder tragisch ist 
als jenes nicht zimi Ziel gelangende politische Mühen der Hellenen. 
Dt'un auf beiden Seilen wird Unmögliches erstrebt: dem hellenischen 
Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem römischen Hellenismus 
der Vollgehalt. Indefs hat er darum nicht weniger die Politik der rö- 
mischen Republik wie die der Kaiser wesentlich bestimmt. Wie sehr 
auch die Griechen, namentlich im letzten Jahrhundert der Republik, 
den Römern ea bewiesen, dafs ihre Liebesmühe eine verlorene war, 
es hat dies weder an der Muhe noch an der Liebe etwas geändert. 



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232 



ACHTES BUCH. KIPITBL VII. 



Die Mgaa- Die Griechen Europas waren von der rOmiachen Republik su einar I 

p'^ktioDie! einzigen nach dem Haiiptlande Makedonien benannten Statthalterschaft 
zusammengefaftit worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit 
administrativ aufgelöst ward, so wurde damals gleichzeitig dem 
gesammten griechischen Namen eine religiöse Gemeinschaft verliehen. ' 
die sich anschlofs an die alte des Gottesfriedens wegen eingeführte 
und dann zu politischen Zwecken mifsbrauchte delphische Amphiktio- 
nie. Unter der römischen Republik war dieselbe im Wesentlichen auf 
die ursprünglichen Grundlagen zurückgeführt worden : Blakedonien so- 
wohl wie Aetolien, die sich beide usurpatorisch eingedrängt hatten, 
wurden wieder ausgeschieden und dieAmphiktionie umfalate abermaif 
nicht alle, aber die meisten V61kerscbaften Thessaliens und des eigent- 
lichen Griechenlands. AugusUis Teranlabte die Erslreckung des Ban- 
des auf Epuvs und Makedonien und machte ihn dadurch im Wesentlicbeo 
sum Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren dinser 
Epoche alleui angemeaaenen Sinne. Eine bevonugte Stdlung nahmen 
in diesem Verein neben dem altheiligen Delphi die beiden Städte Athen 
und Nikopolis ein, jene die Capitale des alten, diese nach Augustus Ab- 
sicht die des neuen kaiserlichen Hellenenthums Diese neue Am- 
pbiktionie hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der Landesversammlung 
der drei Gallien (S. 84); in ähnlicher Weise wie für diese der Kaiser- 
altar bei Lyon war d<T Tempel des pvthischen ApoUon der religiöse Mitlel- 
punct der griechischen Provinzen. Indeijs während jenem daneben eine 

*) Die Ordnung^ der delphischen AmphiktioDic unter der römischeD Repu- 
blik erhellt aameotlich aus der delphiscbeu Inschrift C. I. L. III p. 937 (vgL 
Ball, d« Corr. Hell. 7, 427 fg.). Dem Verda kOMan danaU 17 VSlkersdiaftea 
Mit soMwaeB 24 Stinaiaoi siutlicli d« ei§eDtliebeB GrieeheDlaad «dar Tiea- 
aaliea aag «Mri|r; AataUaa, Bplm, Makedoalm fcUei. Nadi der UagMtBltaaf 
dareh Angnatas ^aiaaniaa 10,8) blieb diese Organisation im Uebrigeo bestekea» 
nur dafs durch ßoschriakuf der unverhältnifsmärsig xahlreicheo theaaaliadiea 
die Stimmen der bisher vertretenen Völkerschaften auf 18 herabgemindert 
watdeB;dazu traten uea ISikopoIis inÜpirus mit 6 und Makedonien ebenfalls mit 
6 Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein fdr allemal 
geföhrt werden, ebenso wie dies blieb für die swei von Delphi ood die eioe 
vea AÜum, die ibrigeo StlaneB dagegen von dao Verbiadeo, so dab wm Beiipiil 
die elM StintM der pelopoBaeiiaeiiea Dörfer woeiiaolle iwiaeheo Argot, Sikjoa, 
Roriotii «Bd^ogara» Eioe Gesaamtvertretnag der earopMleeben BelieaeB warea 
die Amphiktionea insofern auch jetzt nicht, als die früher aasgeschlossenea 
Völkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Theil der Peloponnesier aad 
die Biflht sn Mikopolia goBogeaea Aetoler» daria aiebt repräseatirt warea. 



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DAS GRIRCBI8CBB EUROPA. 



233 



fcndezu politiBclie WirfcMmkeü lugettanden hat, so iMsorgten di« Am- 
phiktiMMn dieser Epoche tulber der eigentlich religiösen Feier lediglich 
die Verwaltung des delphischen Heiligthums und seiner immernoch be- 
trächtlichen Einkiinfle Wenn ihr Vorsteher sich in späterer Zeit 
die 'fleiladarchie' zuschreibt, so ist diese Herrschaft über (iriechenland 
lediglich ein idealer Begrifl ^'). Innner aber bleibt die oflicieile Conser- 
virung der griechischen iNalionalilät ein Kennzeichen der Haltung, 
welche das neue Kaiserthum gegen dieselbe einnimmt, und seines den 
republikanischen weit überbielendeu i^hilhellenismus. 

Hand in Hand mit der sacralen Eini^ng der europäischen G rie- Prorini 
eben ging die administrative Auflösung der griechisch-makedoiiischeii 
Stttthalterschifl der Repablik» An der Theilung der ReichsferwalUnig 
wrter Kaiser and Senat hing sie nicht, da dieses gesammte Gehiet nnd 
okht minder die ? orüegenden DonauUindschaften bei der nrsprüni^ 
liehen TheOung dem Senat nigewiesen wurden; ebenso wenig haben 
■ifitirisdie Rttcksichten hier eingegriffen, da die ganze Halbinsel bis 
Unaof nur thrakischen Creme, als gedeckt thetts dnreh diese Land- 
ichafl, theils durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befrie- 
deten Binnenlande zugerechnet worden ist. Wenn der Pelopornies 
und (las atliscli-boeotische Festland damals seinen eigenen Proconsul 
priiielt und von Makedonien getrennt ward, was wohl schon Caesar 
beabsichtigt haben mag, so war dabei, neben der allgemeinen Tendenz 
die senatorischen Statthalterschafton niciit zu grofs zu nehmen, ver- 
matblicb die RäciLsicht mafsgebend das rein hellenische Gebiet von 



>)lNe •teheedee ZsN WMskSBfte ieDdfU mai aedeBThenMpylee wihrtea 

fort (PaosuDias 7, 24, 3; Philostratos vita Apoll. 4, 23) and oatürlich auch die 
Ansrichtnog der pythiscbea Spiele nebst der ErtheilaDg der Preise darch das 
Collegiom der Amphiktiooea (Philostratos vitae soph. 2, 27); dasselbe bat die 
Verwaltung der 'Zioseo nnd Einkünfte' des Tempels (Inschrift von Delphi 
Rbeia. Mus. .\. F. 2, III) und legt aus deuselbeo zum Beispiel in Üelpbi eine 
Bikliethek ao (Lebas II, S45) oder setzt i^aselbst Bildsäoleo. 

') Die Mitglieder ^es Cullegiums der Idfitfixtioytf oder, wie sie in dieser 
KpMkt iMifiwn, 'ifiifunvovtf, werdee vm die« cioialMB StXdlte ie der friker 
koMMtoB Welse beld vob FbU sb FbU (ItentfMi C. I. Gr. 1068), bild sef 
i rtwn i il (PlBtardi bb mbI 20) bettollt; was woU davoB abhiagt, ob die Scteaie 

itindig war oder altoroirend (Wilamowitz). Ihr Vorsteher beifst in früherer 
Z«it int^tXrjtvig tov xotvov itiy jifdtpixtvovuv (iDschriften von Delphi Rhein. 
Mos. N. F. 2, Uli C I. Gr. 1713), apäter 'EUada^xm t£v AfMputtvopw 
(Cl. Gr. 1124). 



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234 ALUIbä BUCH. K;IP1T£L VlI. 

dem halb heUenucfaen lu selieiden. Die Grenie der ProTioi Adoia 

war anfänglich der Oeta , und auch nachdem die Aetoler später data 
gelegt worden ist sie nicht iiiuausgegangeo über den Acheloos und 
die Thermopylen. 

DkgriMki- l)iese Ordnungen betrafen die Landschaft im Ganzen. Wir 
•*JJ^^,'* wenden uns zu der Stellung, welche den einzelnen Siadtgemeiodea 
JJJ^J^ unter der römischen Herrschaft gegeben ward. 

Die ursprüngliche Absicht der Römer, die Gesammlheil der grie- 
chischen Stadtgemeinden in ähnlicher Weise an das eigene Gemein- 
weaen anzuschlielsen, wie dies mit den italischen geschehen war, hatte 
in Folge des Widerslandes, anf den dieee fünriclilnngeii trafen, inabe- 
aondere in Fc^e der Auflehnung dea acfaaeiachen Bundea im J. 006 
(2, 43) and dea Abblla der meiaten GriechenatidCe su Künig mthra- 
datea im J. 000 (2, 287) weaentUche EinacbrSnkungen erfohren. Die 
SUdtebdnde, daa Fundament aller Hachtentwidilung in Hellaa wie in 
Italien, und von den R&roern anßnglich aeoeptirt, waren aimmtlich, 
namentlich der wichtigste der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, 
der Achaeer, aufgelöst und die einzelnen Städte angehalten worden 
ihr Gemeinwesen für sich zu ordnen. Ks wurden femer für die ein- 
zelnen Gemeindevcrfassun^eii von der Vormacht gewisse allgemeine 
Normen aufgestellt und nach diesem Schema dieselben in antideniokra- 
tiscber Tendenz reorganisirt. Nur innerhalb dieser Schranken bUeb 
der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die eigene Magistratur. 
£8 blieben ihr auch die eigenen Gerichte ; aber daneben atand der 

*) Die ursprünglichen (ji cnxrn der Provinz bezeichnet Strabun 17, 3, 15 
p. 640 iu der Aufzähiuof: der seualotischca Proviozeu: lij^aia fi^^Q* ^tnaUoi 

nQoatS^ftat^ wobei der übrige Theil vra Bpiras 4er (roo Straboe Uer, fir 
Mioe Zeit irrige dea senetoriscben sogetihlteD) Provies 1Uyrie«B sogetbeUt 
zu werden icbelnt. Afl^(>» «iBScUiefteBd zu oehBea gebt^ von sachlichea 
Erwägangen abgesebeo, schon defswegen nicht an, weil nach den Schlofs- 
wortea die vorher genannten Gebiete 'Makedonieo zugetheilt sind'. Späterhin 
finden «vir die Aetoler zu Acbaia gelegt (Ftoleuiaeus 3, 14). Dafs Epirus eine 
Zeitlang auch dazu gehört bat, i»t möglich, nicht so sehr wegen der Angabe 
bei Die 53, 12, die weder für Auguslns Zeit noeh fdr diejenige Dies ver- 
tbeidigt werden kämm, sondem weil Taeltos zam J. 17 (•■■• 2, 53) NikopoUt 
an Acbaia reebaat. Aber waatgataaf seit IVaiaa bildet Kplraa ait Akaraaaica 
aiaa aigaaa proearntoriscfae Proviai (Ptolemaens 3, 13; C. I. L. III, 638; Mar- 
quardt St. V. 1, 331). Theualiaa oad aUaa Laad agjrdllab vaa Oeta lat atctf 
bei blaliedoaiaB gebliebea. 



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DAS GBIICHISCHE EURUI A. 



235 



Grieche tob Reditswegen onter den Rothen und Beflen des Pnetors 

nnd wenigstens konnte wegen eines jeden Vergebens « das als Auf- 
lehnung gegen die Vormacht sich betrachten liefs, von den römischen 
Beamten auf Geidbufse oder Ausweisung o<l<'r auch Lehensstrafe 
erkannt werden^). Die Gemeinden bestenerlcn sich selbst; aber sie 
hatten durchgänf^i^ eine bestimmte, im Ganzen wie es scheint nicht 
hoch gejirifTene Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungea 
wurden nicht so, wie einst in makedonischer Zeit« in die Städte gelegU 
da die in Makedonien stehenden Truppen nftthigenfails in der Lage 
waren auch in Griechenland einzuschreiten. Aber schwerer als die 
Zeratörong Thebens auf dem Andenken Aleundera lastet auf der rA- 
miscfaen Aristokratie die Schleifung Korinths. Die Abrigen Mabregeln, 
wie gehissig nnd erbitternd sie auch theilweise waren, namentlich als 
von der Fremdhenrschaft octroyvt, mochten im Gänsen genommen un- 
Tormeidlich sein und Tielfach heilsam wirken; sie waren die unver- 
meidliehe Pallnodie der nrsprfingUchen sum Tbeil recht unpolitischen 
römischen Politik des Verzeibens und Verziehens gegenüber den 
Hellenen. Aber in der Behandlung Korinths hatte sich der kauf- 
männische Egoismus in unheimlicher Weise mächtiger erwiesen als 
alles Philhellenenlhum. 

Hei allem dem war der Grundgedanke der römischen Politik die B«f»«it« o«- 
griechischen Städte dem italischen Städtebund anzugliedern nie i!üu^'d!?r 
vergessen worden; gleich wie Alexander niemals Griechenland hat B»r"Mnr° 
beherrschen wollen wie Illyrien und Aegypten, so haben auch seine 
römischen Nachfolger das Unterthanenverb&ltuifs nie Tollständig 
auf Griechenhind angewandt und schon In republikanisdier Zeit von 
dem strengen Recht des den Römern aufj^eiwungenen Krieges wesent- 
lich nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenflber Athen. Keine 

1) ^iichU giebt von der Lage der (iriechca des letzteo Jahrhaaderts dsr 
romifchen Republik eia deatlieheres Bild als das Schreiben eiaes dieser Statt- 
halter an die achäisrhe Gemeiade Dyme (C. I. Gr. 1543). Weil diese Gemeinde 
sich Gesetze gegeben hat, welche der im Allprmcinen den Griechen geschenkten 
Freiheit (;j ano6tdof^i(vr] xnia xoivov jots l.kkiiaiv ilfv&iQiu) und der voo 
den Uüiiiern den Achaeeru gegebnen Ordnung anoJo9itaa tois IdxoMts 
ix6 *Pmftmimp nolntim\ wehrMkeiBlIeh «Btar Mitwirkoiif des Polybios 
Pauaa. 8^ SO, 9) s«wtd«ril6foa, worüber et allerdiegi aaeh sa AnllefeB ge- 
gekMiBea war, aeigt 4er Statthalter der Geaeiade ao, dab er die beiden 
Bidelfruhrer habe btariehtea laaaea aad ein aünder aeboldiger Dritter aaeh 
E« exilirt aei. 



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236 



ACUTES BUCH. KAPITEL VII. 



griechische Stadt hat vom Standpunct der römischen Politik aus 90 
schwer gegen Rom gefehlt wie diese; ihr Verhallen im milliradatisclipn 
Kriege halte bei jedem andern (lenieinuesen unvermeidlich die Schlei- 
fung herl)eigeführt. Aber vom philhelienischen Standpunct aus freilich 
war Athen das iMeisterstück der Welt und es knüpften sich an dasselbe 
für die vornehme Welt des Auslaodes ibnliche Neigungen und Krinne- 
rangen wie für unseregebihteten Kreise anPforta und an Bonn;dies über- 
wog damals wie)frflher. Athen bat nie anter den Beileo des rtmiachcn 
Statthatten gestanden nnd niemals nach Rom gesteuert, hat immer 
mit Rom beschworenes BQndnifs gehabt und nur anlSierordenl- 
licher nnd wenigstens der Form nach freiwilliger Weise den Römern 
Beibfllfe gewibrt. Die Capitnlation nach der sunanischen Belagerung 
fflhrte wohl eine Aenderung der Gemeindeverfassung herbei, aber das 
Bündnifs ward erneuert, ja sogar alle auswärligen Besitzungen zurück- 
gegeben; selbst die Insel heios, welche, als Athen zu Milhradates über- 
trat, sich losfiemaclit und nis selbständiges Gemeinwesen constituirt 
hatte und zur Strafe für ihre Treue gegen Rom von der ponlischen 
Flotte ausgeraubt und serstört worden war'). — Mit ähnlicher Rück- 
sicht, und wohl auch anm guten Theil seines grofsen Namens wegen, 
ist Sparu bebandelt worden. Auch einige andere Städte der spftler 
zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung bereits unter 
der Republik. Wohl kamen dergleichen Aosnahmen in jeder römischen 
Provins ?or; aber dem griechischen Gebiet ist dies von Haus aus eigen, 
daüi eben die beiden namhaftesten Stidte desselben außerhalb des 
Unterthanenverbältnisses standen und dieses demnach nur die gerin- 
geren Gemeinwesen traf. 
^ufSracr* Auch für die unterthänigen Griechenstädte traten schon unter 
lUpsVttk. der Hepublik Milderungen ein. Die anfanglich untersagten Städtebünde 
lebten allmählich wieder aul, insbesondere die kleineren und macht- 
losen, wie der boeotische, sehr bald*); mit der Gewöhnung an die 



1) Vgl. Bd. 2 S. 267. 291. Die deliieheii AaagrtbimgeB der tetstee Jako 
htktm 4ie Beweise geliefert, dafs die Insel, nachdem die Rb'mer sie einmal tm 
Athen gefcben hatten (1, 7 7('>\ besläedig athenisch gebiiebeo ist aod sich zwar 

in Folge des Abfalls der Athener von Rom als Gemeinde der 'Delier* consti- 
toirte (Kph.[ epigr. 5 p. Gü4), ^aber scbou sechs Jahre nach der Capitulalioa 
Athens wieder athenisch war (£ph. epigr. 5 n. 184; Homoiie Bull, de corr. hell, b 
p. 142). 

^ Ob des Motpip täv läxttiiiSv, dM io ier eigeatileh repobUhMisekce 



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BAS CMBCBIICW BOim. 



237 



Fremdherrschaft schwanden die opposiUonellen Tendenzen, welche 
ihre Aufhebung herbeigefAbrt hatten, und ihre enge Verknflpfung 
mit dem soiglUtig geschonten althergebrachten Cnltui wird ihnen 
weiter in Gute gd[ommen sein, wie denn schon bemerkt worden 
ist» dab die römische Republik die Amphiktionie in ihren ur- 
sprdDglichen nicht politischen Functionen wieder herstellte und 
schützte. Gegen das Ende der republikanischen Zeit scheint die 
Regierung lieu Bocotern sogar gestattet zu haben mit den kleinen 
nördlich angrenzenden Landschaften und der Ins» ! Kiiboea eine G»!- 
sammtverbindung einzugehen^). — Pen Schlufsslein der republikani- 
scbeo Ej)ü( lie macht die Siihnung der Sclileifung Korinths durch den 
gröfsten aller Uünier und aller Fhilhellenen, den hu t^itor Gaesai* (3, 
555), und die Erneuerung des Sternes von Hellas in der Form einer 
selbständigen Gemeinde römischer Bürger, der neuen *julischen Ehre*. 

Diese Verbältnisse fand das eintretendeKalserregiment in Griechen- Aehai» 
land Tor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem k^m». 



Zeit MtSrlicher Welse abbt vwktMit, ietoe m Bade deraelbra oder erst 

•ach EiDführuog der kaiserlichen Proviozialordnuni; reconstitairt worden ist, 
ist zweifelhaft. Insrhriftcn wie die olympische des Ff o(]ijoestor8 Q. Aocha- 
rius Q. f. (Arch. Zeitung 18"^ S. 3S \. 114) sprechen mehr für die crstcre 
Annahme; doch kann sie nicht mit (icwirsheit aln vorauf^nstisch bezeichnet 
«erden. Uas älteste sichere Zeugnil's für die Existenz dieser Vereinigung ist 
dtt« von ihr dem Augustus io Olympia gesetxte losdurift (Areh. Zeitvng 1877 
p. S6 a. 33). Viallei^ tiad dies Ordouagen des Dietators Caesar aad lai 
ZaaaaaMahaaf Bit de« aater ihm bsg^g aeadaa StatthaUer *6rieehealaadt*, 
wabrscheioliek des Aekaia der Kaiserzeit (Cieero ad hm. 6, 6, 10). — Uebrigeas 
haben sicher aach ont«r der Repoblik nach Ermessen des jedesmaligen Statt- 
halters mehrere Gemeinden für einen bestimmten Gegenstand durch Deputirte 
zusauiinciitreteu und beschlüsse lassen können; wie das xotvov der Sikelioten 
also dem \ erres eine Statue decretirte (Cicero Verr. 1. 2, 4<), 114), wird Aehn- 
liche:« auch iu Griechculaud unter der Republik vorgekommen sein. Aber die 
regelmäMigen proviasialaa Landtsge mit ibrea festen Beamtea aad Prieetera 
aiad eiaa Biariahtaaf dar Ralsersait. 

. >) DIaa ist das aoii^r Botmnh BufioSmif Aw^mv ^tmimv J»ff»imv 
der merkwürdigen, wahriehaiaUek kurz v«r dar aetischeo SaUaeht gesetxtaa 
Inschrift C. I. Att. III, 568. Unmöglich kann mit Dittenberger (Arch. Zeitaaf 
1*^Tf. S. 220) auf diesen Bund die Meldunf;^ Hcm Pnusanias 7, 16, 10 berofjen 
wenlen, dass die Römer 'nicht viele Jahre" nach der Zerstörunp h'orinths sich 
der Helleneu erbarmt und ihnen die landsrhafllicheii \'ereinigungen {ffvv^Snta 
xunt t%^yo( ixüaiQis rä uQXt(itt) wieder gestattet hätten; dies geht auf die 
Ueiaeraa BiaMlbiada. 



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238 



ACHIt BOCH. KAPITBL TU. 



Befreite Unmittelbaren Eingreifen der Provinzialregierung und von der 
aii/r«^iMh«StetteriahIung an das Reich befreiten Gemeinden, denen die Coionien 
coiooiM. rAmiaeben Börger in vieler Hinaicbt gleichataben, begreifini waü- 
aus den gröblen and besten Theil der Provins Achaia: im Peloponnea 
Sparta, mit aeinem iwar geschmiierten, aber doch jetst wieder die 
nördliche Hilfte Lakoniena umfassenden Gebiet^), innner noch das 
Gegenbild Athens sowohl in den versteinerten altfränkischen Institu- 
tionen wie in der wenigstens äulsfrlich bewahrten Ordnung und 
Haltung; ferner die achtzehn Genieinden der freien Lakonen, die sud- 
liche Hälfte der lakonischen Landschaft , einst spartanische Unter- 
thanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den Römern als selbstän- 
diger Städtebund organisirt und von Augustus gleich Sparta mit der 
Freiheit beliehen'); endlich in der Landachaft der Achaeer auiaer 
Dyme, daa achon Ton Pompeius mit Pirateneoloniaten belegt worden 
war und dann durch Caesar neue römische Ansiedler empfangen 
hatte*), vor allem Patrae, aua einem herabgekoromenen Flecken von 
Augustne, seiner fQr den Handel günstigen Lage wegen, theils' durch 
Zusammemiehung der umliegenden kleinen Ortschaften, theils durch 
Ansiedelung fahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten 
und blühendsten Stadl der Halbinsel umgeschaflTen und als römische 
Bürgercolonie cunstituirt, unter die auch auf der gegenüber liegen- 
den lokrischen Küste iNaupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. 
Auf dem Isthmos war Korinth, wie es einst das Opfer der Gunst 
seiner Lage geworden war, so jetzt nach seiner Wiederherstelluog, 



>) Dasn gehSrte eiekt lil«lk dsf Mb« Amyklae, MBd«ra aecb Rirdaafle 
(aorck SflkaskaB; AagvtU Paaiae. S, S6, 7), Pherae (PaoMs. 4, 80, 2), Timria 
(daa. 4, 31, 1) aad eine ZeMaas aaek Raroaa (C 1. Gr. 1358$ vgL Lahas- 
Paoeart II, 805) am maasaaladian Baien, ferner die Insel Ry tbera (Dio 54, 7). 

') In repoblikaniteher Zeit erscheint dieser Dutrict als ro xoivov rüv 
Aaxidtimovttav (Fuacart zu Lebas IT p. 110); Pausanias (3,21, 6) irrt also, 
w enn er ihn erst darch Aogastas von Sparta lösen läfst. \.hev'Ektv&(Qolaxtov(i 
neooea sie sich erst seit Aagnstus, und die firtheilang der Freiheit wird eis« 
mit Aecht auf diesen znräckgefiihrt. 

•) Es £;iebt Müasea dieaer Stadt mit der Aafaehrift efoUmia) Ifidi*) 
DfumeJ nad den Ro^ Caaaara, aadare mit dar AvfiMhrift ef^ktdaj I(uUa) 
AfupuümJ Ikmn(9j ud dam Kopf Aaaasta eabea dam daa Tikari« (ladloaf-Blamer 
masaaiaa Greo^iea f. 165). Dab Aageataa DyaM dar Caloata Patrie laf«- 
Iheilt hat, ist waki aia Irrthom des Pansanias (7, 17, 5); mögliak klaibt es frei- 
lieh, dafa Aognataa im aaiaaa apStaran Jahraa diaaa Varaialaeag Tarfiigt hiL 



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DAS OMiamCBB BOaOPA. 



239 



äimlicli wie Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb- und 
volkreichste Sudt Griechenland», flberdiee der regelmilkige Sitz der 
Regienmg. Wie die Korinther die enten Griechen gewesen waren, 
«eiebe die ROmer ala Landaleote anerkannt hatten durch Znlasaung 
n dM iathmiaehen Spielen (1, 551), so leitete dieselbe SUdt jetzt, 
ebgleidi römische BArgergemeinde, dieses hohe griechische National- 
fest Auf dem Festlande gehörlt'n zu den Ix'froiton histricten nicht 
blofs Athen mit seinem ganz Allika und zahlreiche Inseln des aegae- 
ischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch Tanagra und 
Tiiespiae, damals die beiden ansehnüchsten Städte der boeolischen 
Landschaft, ferner IMalaeae^); in Phokis Delphi, Abae, Elaleia, sowie 
die aDsehnlichste der lokrischen Städte Arophissa. Was die Hepublik 
begonnen hatte, das ToUendete Augustus in .der eben dargelegten 
wenigstens in den Haaptsilgen tod ihm festgestellten und auch später 
in Wesentlicben ffsstgehaltenen Ordnung. Wenn gleich die dem 
Proconsul unterworfenen Gememden der Prorini der Zahl nach ge- 
wifii und rielleicht auch nach der Gesammtbev61kerung aberwogen, 
so sind in echt philhellenischem Geiste die durch mateHelle Bedentang 
oderdorch grofse EriDoerungen ausgezeichnetsten Städte Griechen- 
lands befreite *). 

Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der >eroe st. 
letzte Kaiser des claudischen Hauses, einer vom Schlage der ver- OruliSa- 
Horbenen Poeten und insofern allerdings ein gel)orener Philhellene. 
Zum Dank für die Anerkennung, die seine künstleriscben -Leistungen 
in dem Heimathlande der Musen gefunden halten, sprach Nero, 
^ie einst Titus Flamininus (1, 714) und wieder in Korinth bei den 
isthnscben Spielen, die simmtüchen Griechen des rOmischen Regi- 

*) Dies xeift, wenigstens Tdr die Zeit des Pias, die africaoiscbe loschrift 
C. I. L. Vni, 7059 (vgl. Phitarch Arist. 21). Die Srhriflstellernachrichten über 
<iie befreiten Gemeinden geben überbaupt keine Gewähr für die Vollständig- - 
l«it der Liste. Wahrscheinlich gehört za denselben auch Elis, das von der 
Kttattrophe der Achaeer nicht betrofleu ward und auch später noch nach 
^^lyBFiidea, nicht aadi der Aera derProrin datirte; sbüdiaf bl «■ aa^ab- 
1hl, U 4ie Sttdft der olympisohM Paier aldkl basttt Radit gababt bat. 

*) Stef drSflbt diaa Aristaidas aat ia der Labrada aaf Raa p. 234 
iebb: SuttfUßu tmw fihß 'ElXi^vtav ÜoiUQ Jffotfimw {ntfiil6fitpo$ • . . twt 
¥^ i^l9wvs TToJU« ^ytfiovat (Athen und Spart«) HevH^ovs xa\ 
'vrofofjutvf ifpttMOtts fltvTwy, rtSv d* äXlatv ^Qitaf . . . t$tjYovfitPO$t fovs dk 
P^^f^t^ovs wfp iidnots muiw ovatof ipva» nat4tv<nrtH' 



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I 



240 



ACHTES BDCa. EAPfTBL Tll 



ments ledig, frei von Tributen und gleich den Ualikern keinem 
Statthalter anterthan. Sofort entstanden in ganz Griechenland Be- 
wegungen, welche Bürgerkriege gewesen sein würden, wenn diese 
Leute mehr hStten fertig bringen können als Schlägereien; und nach 
wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, dalli 
die Griechen yerlemt hätten Drei lu sein, die Pronnsialverfittsong 
wieder her^), so weit sie reichte. 
Reeht« Die Bechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im Wesentlichen 
Stadt«, dieselbe wie unter der Republik. So weit nicht römische Bürger in 
Frage kamen, behielten sie die volle Justizhoheit; nur scheinen 
die allgemeinen Bestimmungen über die Appellationen au den 
Kaiser einer- und die Senatsbehörden andrerseits auch die freien 
Städte eingeschlossen zuhaben"''). Vor allem behielten sie die volle 
Selbstbestimmung und Selbstverwallung. Athen zum ßeispiel hat 
in der Kaiserzeit das Prägerecht geübt, ohne je einen Kaiserkopf 
auf seine Münzen zu setzen, und auch auf spartanischen Münzen der 
ersten Kaiserzeit fehlt derselbe häufig. In Athen blieb auch die alte 
Hechnung nach Drachmen und Obolen, nur dafs freilich die örtliche 
attische Drachme dieser Zeit nichts als locale Scheidemflnxe war und 
dem Werth nach als Obel der attischen Reichsdrachme oder des rö- 
mischen Denars cursirte. Selbst die formale Ausflbnng des Rechts Ober 
Krieg und Frieden war in einiehien Verträgen dergleichen Staaten 
gewahrt*). Zahhreiche der italischen Gemeindeordnung völlig wider- 

Aber dankbar bliebaa dia hellenischeB Litteratea ihrem CoUegeo and 
PatroB. Id dem ApolloniusronaB (5, 41) scblSgt dar grofsa Weise aoa Kap- 
padokien Vespasian die Ehre seiner Begleitunp ab, weil er die Hellenen zu 
Sclaven gemacht habe, wie sie eben im üegrilT waren wieder iooiscb und 
dorisch zu reden, und schreibt ihm verschipdene Billets von ergötzlicher 
Grobheit. Bio Mann aaa Soloi, der den Hais brach und dano wiadar aof- 
labt« «od bat diaier Galaganheit allet aak, waa Oaale lAaati^ bariahM«^ Mi 
er Naraa Saala gatraffan habe, ia walaha dia Arbaitar daa Wallgwiabia 
FlamoiaBaMgal gatriabaa hattea oad baaahiftigt waraa aia Ia aiaa Natlar 
sagaataltaa; allala ^aa biwalia^e Stimme habe Einsprach gethaa and ;a> 
boten, den Mann wegen seines irdischen Philhellen ismas in eine Miadar 
abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plutarch de sera nnm. vind. a. E.). 

*) Wenipstcns wird in der Verordnung: Hadrians über die den athenischen 
Grundbesitzern obliegenden üelUeferangeo an die Gemeinde (C. 1. A. III, IS) 
die Entacheidang xwar dar Bala nad der Bkkleaia gegeben, abar Appellatiaa 
aa daa Raiaar adar daa Praaaaaal gaatattat 

•) Waa; Strabaa 14, 3, S p. 666 vaa das sa aaüMr Zeit aataaaM Ijkl- 



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MAS WIWII8CBB BOMrA. 



241 



Sireitende iDstitutiunen Miebeii bestehen, wie der jährliche Weclisel 
der RatbsmitgUeder und die Tagegelder dieser und der Geschworenen, 
n^elcbe wenigstens in Rhodos noch in der Kaiserzeit gaiahlt worden 
sind. Selbstverständlich übte die römische Regierung nichlsdesto- 
weoiger auf die Constituimiig such der befk'eiten Gemeinden fort- 
wifareed einen mal^ebenden Einflufs. So ist lam Beispiel die 
atbcnitdie Verfaseang, sei es am Aasgang der RepubUJi, sei es 
dureli Caesar oder Augustns, in der Weise modifidrt worden, 
da£i nicht mehr jedem Bärger, sondern, wie nach rOmischer Ord- 
nung, nnr bestimmten Beamten das Recht instand einen Antrag 
an die Hürgerscbaft zu bringen; und unter der groFsen Zahl der bluls 
ligurirenden liraiiUm wurde einem einzigen, dem Strategen die Ge- 
schäftileiliing in die llaud gelegt. Sicher i»ind aul diesem Wege noch 
mancherlei weitere Reformen durchgeführt worden, deren Eintreten 
in dem abhängigen wie unabhängigen (irieehenland wir überall er- 
kennen, ohne dais Zeil und Aulafs der Rctorm sich bestimmen läist. 
So ist daä Recht oder vielmehr das Unrecht der Asyle, welche als 
Leberreste einer rechtlosen Zeit Jetstfiromme Schlupfwinkel für schlechte 
Schuldner und Verbrecher geworden waren, gewifsauch in dieser Provins 
wenn nicht beseitigt, so doch eingeschrinlit worden. Das Institat der 
Proxenie, ursprQnglich eine nnseren ausländischen Gonsnlaten ver- 
gleichbare zweckmäfsige Einrichtung, aber durch die Verleihung 
ToUer bOrgerlicher Rechte und oft auch noch des Privilegiums der 
Stenerfreiheit an den befreundeten Ausländer besonders bei der 
Ausdehnung, in der es gewilhrt ward, politisch bedenklich, ist durch 
die römische Regierung, wie es scheint erst im Anfang der Kaiserzeit, 
beseitigt worden; woliir dann nach italischer Weise der mit dem 
Steuerweseii sich nicht berührende inhaltlose Stadtjiati oiiaL an die 
Stelle trat. Endlich hat die römische lU'gieruiig, als Inhaberin der 
obersten Souveranetät über diese abhängigen llepubliken ebenso wie 
über die Ciientelfürsten, immer es als ihr Recht betrachtet und geübt 
die freie Verfassung im Fall des Mifisbrauchs aufzuheben und die Stadt 
in eigene Verwaltung zu nehmen. Indels theils der beschworene 
Vertrag, theiis die Machtlosigkeit dieser nominell verbündeten Staaten 



trhea Städtpbnnd berictitet, dai's ihm das Kriegs- und Friedens- und das Biiadoils- 
rccbt fehle, aafser weco die Rümer dasselbe gestatteo oder es tu ibrem MuUea 
(Mcbieht, wird ohae weiteres auch auf A.thea bexofen werdea dürfeo. 
XosMaea, tOB. OeeoUakto. T. 16 



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242 ACBTBg BUCfl. KAPITEL VU. 

bat diesen Verträgen eine gröfsere Stabilität gegeben, als sie in den 
Verbältnifs zu den Clientelfürsten wahrgenommen wird. 
Grteehijci.e Weon den befreiten Gemeinden Acbaias ihre bisherige RechU« 
aisdteug«». gtelluDg unter dem Kaiserthum blieb, ao bal Augnatiis denen der 
ProYUii, weichen die Freiheit nicht gewibrt war oder ward, eine 
neoenndbeaaereReditaatellnngTerlielien. WiecrinderreorgaiiiairlM 
delphischen Arophiktionie den Griechen Enropts einen gemeinünM 
Mittelpunkt gegeben hatte, gestattete er auch den limnitlidien Stidton 
der Provinz Achaia, seweit sie nnter rOmisdier Verwaltung standen, 
sich als Gesainmtvcrband zu constituiren und jälirlich in Argos, der 
bedeutendsten Stadt des unfreien Griechenlands . zur I^andesver- 
sammhmg zusammenzutreten ' )• Hamit wurde der nach dem achäischen 
Kriege aufgelöste achäische Bund nicht blofs reconstituirl, sondern 
ihm auch die früher (S. 237) erwähnte erweiterte boeotische Ver- 
einigung eingefugt. Wahrscheinlich ist eben durch die Zusammen- 
legung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der Profini Achaia 
herbeigefahrt worden. Der neue Verband der Acbaeer, Boeoter, 
Lokrer, Phokier, Derer und Cnboeer*) oder, wie er gewfihniich 

>) Aller^iogs siad die bis jatst bekaaatra VorttelMr des xoiwop tmw 

*<^aivv, deren Hrimath feststeht, aus Arf^os, Messeae, Rorone in Messeniea 
(Foaeart-Lebfls II 'M)h) und haben sich daranter bisher nirht blofs keine Borger 
der befreiten Gemeiodeu, wie Athen und Sparta, sondern aueh keine der r.a 
der Confoederation der ßoeoter und Genossen f^ebörigeo (8. 237 A. 1) f:t- 
foodeo. \ ielleicht beschränkte sich dies xowov rechtlich aof das Gebiet, das 
die Römer die Republik AeteU Msale«, du heifst da« d«t aeUUsehea Bondw 
bei Miam Uaterganf;, aai ilad die Boeater nad Geaataaa slt eigaatlichaa 
«oitor dar Aakitr sa deadeBigeB weitarea Baada raraiaigt, deaiea Varhaadaa> 
aala «ad Tag aa ia Arfos die lasdhriflaa voa AkraapUa A. 2 dacsHaatiraa. 
Uebrigens bestand neben diesem xowov der Aabaear aaeh ein engeraa dar 
Laadachaft Achaia im eigentlichen Sinn, desseo Vertreter in Aegion zu- 
stmnentraten (Pausanias 7, 24, 4), eben wie das xoivov itäv jiqxuStnv (Arcb. 
Zeit. 1879 p. 139 o. 274) aud zahlreiche andere. Wenn nach Pausanias 5, 12. B 
in Olympia dem Traian ot nnvitg "KXXrjv«;, dem Hadrian nl ig jo j1)^at.x<jv 
ikXovaat 7i6X(f{ Bildüäaleu gesetzt hatten und hier kein Mifsverstandnifs anter- 
gelaafea ist, «o wird die latUara Dedicatioa aaf da« Laadtaf voa Aagioa 
itattgafiiBdaa habaa. 

>) So (aar daCi dia Darer faUen; vgl. S. 287 A.]) haiTat dar Varaia aaf dar 
laMhrUI voa AkraapUa (Kail syll. iaaer. Boot a. 91). Ekaa diaaa Urkude 
aber nebst der gleichzeitigen C I. Gr. 1625 liefert den Beweis, dab dar Varaia 
nnter Kaiser Gaiaa statt dieser wohl eigentlich officiellen Benennung siek 
aach eiaerteitt alt Vereia der Achacer beadichnetf andrartait« als to mohAp 



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DuU 6ftl£CHI8CllB fiüBOPA. 



243 



gleich wie die l^rovinz bezeichnet wird, der Verband der Achaecr 
hat verniuthlich weder mehr noch weniger Hechte gehabt, als die 
suDstigen Provinziallandtage 6e& kaiserreichn. Eine gewisse Controle 
«Ur röiiiüchen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden 
dämm auch die dem Proeonsal nkht untereteiiten SUdte, wie Athen 
ttBil Sparta, voo deoMelben ausgeschlossen worden sein. Daneben 
wird ümt TagaatiODg, wie aüe ibnlichen, hauptsächlich in dem 
SODonadiafUichent daa game Land nmfiMaenden Cidtua den Mittel- 
pttttkt ilurar Thitigkeit gefünden haben. Aber wenn in den Übrigen 
Pfoviaaen dieaer Landeacult überwiegend an Rom anknAplIe, ao 
wurde der Landtag ton Achala Tiehnehr ein Brennpunkl dee Helle- 
nismus und sollte es vielieichl werden. Schon unter den juUachen 
Kaisern betrachtete er sich als den rechten Vertreter der griechischen 
Nation und legte seinem Vorstand den Namen des Ilelladarchen bei, 
sich selbst sogar den der Panhellenen Die Versammlung entfernte 
sich also von ihrer provinziaUn Grundlage, und ihre bescheidenen 
adminiatrativen Befugnisse tcalen in den Hintergrund. 



ruv //«NÜfy«^ »der r/ avvoJo<: iöjv ' EllrjvenVy auch t6 ro/y yfjfaiöry *al 
flavflX^ywv avy(3{}iov. Diese Hubinredigkeit tritt «nderswo nicht so grell 
hervor wie in jeueui bueotischen Laudstüdtchen; aber auch iu Olympia, wo 
der Verein »eiue Drokmäler vurzugsweise aafatellt«, Mut W slob IW«r 
■eUtcBa TO jcoiyoy riJv UTj^aM^y, aber zeigt oft geneg «ietttte Teataix, 
wmm Bdtpid weae fo «M^dr f<lv Ux^uAp B. AU»w jifknmim . . . 
9v9Mm«ol'jmiintipi9nfiwiArch. ZeU. 1880 p. 86 d. 344). EbenMaetMo 
!■ Sferta 4m Gmsw Marcea U "Eiligiftt «Im BUdaiale Ana toS notwov 

>) Auch io Asia, Bithynieo, Miedennoenien heiwt der Vorsteher der der 
betrelTeodeD Provinz aogehöripen Griechenstädte 'TiUadäQxnS^ «l»ne dais damit 
mehr «osgedriickt würde als der (iegeusatz gegeu dieiNichtf riechen. Aber wie der 
Helleneouame in Griechenland verwendet wird, ia dMBf»WiM«iG«(aMaU M 4tm 
eifenUich Mrr«et«a4«r Aehaeer, iH dim tlelar voadendbea Teaaeai eiDgflgebWy 
ei« ia to PaabtUeM« voo ArsM aa daoUiekrtta tiak saiahaete. So fladat 
aith m^mniyoe to€ no&9üS %^*j^ßmm¥ x«i nnontmxrn dtit ßiov j<Sv'rJJ.rivia¥ 
(ßif^, 2ait. 1877 192 a. 98) odar auf einem andern Uocuiueut desselbru 
Mannes 7i(»o<rr<«»j? Jm ßtov tov xoit'oC rtuv i</«föJ»' (Lebas-l'uuc.iit u. 'M):»; 
eia ä^iaq iiHi''rAXr}aiv av^'naatv i\vch. Zeit. p. l'Jö u. lOÜ), aiiJttii,yo( «ou- 
jc^/TftK ttQiai ifi'Kkkitäoi Ida». IbTT p. 4ü ii. 42), öT^oTijyog xat \EkkuötnJXh'i 
«das. IbTO D. 8 p. 22b), alle ebenfalls aui luschrilleu des xuivov w Axuiuf, 
Dafs iu dienern xoivCv, mag e« auch viallaielit blofa aaf dea Feiopoaaea beaogeii 
«erden iS. 242 A. 1), die paahaUaaiache Teadeaa daram aieht waaigar eich 
faltaad aachte, tat bagreiflieh. 



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244 Acaifis wen. kapitsl vu. 

Dm hadrii^ IHese l'anhelleneii nannten sich mirsbruiichiich also und \MiFdkHl 
"hluJrb" der Regierung nur tolerirt. Aber Hadrian schuf wie ein neue» 
in Aihma. ^|||^^ 50 eiD oeues Hellas. Linter ihm durften die Vertreter der 
sämmtlichen autonomen oder nicht autonomen Städte der Pro%'iiit 
Achaia in Athen eich als das vereinigte Griechenland , als die Pan- 
hettenen') constituiren. I>i6 in besseren Zeiten oft gatriumle und nie 
erreichte nationale Einigung war damit geschalfen and was die Jagnod 
gewAnscfat, das besalSi das Alter in kaiserlicher Falle. Freilich politische 
Befugnisse erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Katsergunst 
und Kaisergold gewähren konnte, daran war knin .Mangel. E> eihuL 
fcich in Athen der Tempel des niMien Zeus I*anhellenioj. und glänzeijde 
Volksfpsl«! und Spiele wurden mit dieser SlitTung verbunden, deren 
Ausiichtiuig dem Collegium der i'anhelleuen zustand und zwar zu- 
nächst dem Priester des Hadrian als des stiftenden lebendigen Gottes. 
Einen der Acte, welche dieselben alljährlich begingen, war das 
dem Zeus Befreier dargebrachte Opfer in Plataeae tum Gedächtnifi 
der hier im Kampf gegen die Perser gefallenen Uellenen am Jahrestag 
derSchlacht, dem4.Boedromion; dies seichnet seine Tendern'). Noch 
deutlicher aeigt dieselbe sich darin, dafi Griechenstfidlen aulberlialh 
Hellas, welche der nationalen Gemeinschaft wdrdig erschienen, von 



Dia htdritBiMh«« itaaheileaeo Beoaen sich ro xowov avv^^Qtov tiäw 
'BUi^vmv r«Sv tle niut^as tnmonw (Tbebea: Reil tyU. üuer. BoMt. 
31, vgl. PloUreb Arist 19. 21), mmvop t^s ^BJlUSos (C. L Gr. 5852), to nmßtl- 
X^viov (ebendawibst). Ihr Voritehcr helTit d m^fx^^ v^Sy llmullivw (C L 
A. m, 681. 682. C. I. Gr. 3832, vgl. C. I. A. III, 10: dlyt]d^x*^ 'ov 
legmctTov d[yöivoi Tud n]ca f^X]hiViov), der einzelne Uepatirte /Tiftv^JUiiv (s. B. 
C. 1. A. III, 534. I. («r. 1124). Daucbeu treten auch in nachhadrianischer 
Zeit noch das xatvoi rwv 'A/mm- und dessen aiQuiriyo^ oder ' Elkudao/riz 
aaf, welche \Nohl mmi jenen zu scheiden sein v\ erden, obwohl letzterer seine 
£hrendccrcte jetzt nicht blol:» in Ul^iupia auf;itclll, soudcra auch io Athen 
(G. I. A. 18; xweitM Exemplar U Olyiepia Areh. Zeit. 1879 S.5S). 

*) Defs die Bemerkaog Dions voa Prosa or. 38 p. 148 R. über den 
Streit der Athener eid 4er Lakedaeneeier {mkq ti|c n^nofiniif sieh eaf 
daa Feat io Plataeae besieht, ergiebt sieh aoa (Leeiaa) "E^n 18: 
MC ntqlk WQonoftmiß^ mfmwfUißQt Wuttnumttw. Aaob der Sephitt 
Ireaaaea aehrteb nt^i r^; li9riva(tav n^nofAniiut (Siddas o. d. W«) «ad 
Heneegeaat de idei« II p. 373. Walz giebt als Redestoff U^tivuS» mA 
Aaxf^aifiovtoi nt^ ff^c n^ao/intktg natä ra .M^iuui (Mitlbdilneg vaa 
WUamowiU). 



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AAS CBIBCMSCHB BDMPA. 



245 



der Venammliiog in Athen ideale BttTgerbriefe des Hellenisiiiiis aos- 
geiteUt wurdeo*). 

Wem die Kaiserberrtdiaft in dem ganien weiten Reich die Ver- DaaiiukM«« 
wöstungen einea iwanugjihrigen Bürgerkrieges vorfand vnd Welerorls 
die Folgen desselben niemals föllig verwanden wurden, so ist wohl 
kein Gebiet davon so schwer betroffen worden wie die griechisciu; 
Halbinsel. [>as Schicksal hatte es so gefiij^t, dal's die drei grofsni 
F]nti5cheidtjntis>chlaLhlen dieser I'^jioche, IMiarsalos, f'liilippi, Aktion 
auf ihrem lioden oder an ihrer Küste freschlaf^eii wurden; und 
die mililärischen Operalionen, welche bei heiden Parteien dieselben 
einleiteten , hatten ihre Opfer von Menschenleben und iMen- 
schenglück hier vor allem gefordert. Noch dem Phitareh erzählte 
sdn Aeltenraler, wie die Offiziere des Antonius die Bürger von 
Cbaeroneia gezwungen bitten, da sie SelsTon und Lastthiere nicht 
melir besafsen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach 
dem Bdchsten Hafenort zu schleppen zur Verschiflüng fttr das Heer; 
und wie dann, als eben der zweite Transport abgehen sollte, die 
Nachricht von der aklischen Schlacht wie eine erlösende Freuden- 
botsrhaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem Siege Caesar 
that, war die Verlhnilun^' dnr in seine flewnlt jzerathenen feindlichen 
Getreidevorrälhe unter die hungernde Ht \ülkerung (Iriechenlands. 
Dieses schwerste Mafs des Leidens traf auf vorzugsweise schwache 
Widerstandskraft. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der aktiscben Abnahm« 
Schlacht hatte Pulybios ausgesprochen, dafs über ganz Griechenland *^k«raart'' 
in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der Ehen und Einschwinden der Be- 
▼dlkemng gekommen sei, ohne dafs Seuchen oder schwere Kriege 
das Land betroffen hätten. Nun hatten diese Geifoeln in furchtbarer 
Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb verödet für alle Folge- 
zeit. Im ganzen ROmerreicb, meint Piutardi, sei in Folge der 



Es habeu sich zwei ilorselben erhalten , für Kibyra in Phrygicn (C. I. 
Gr. 5SS2), ansgestcllt >oni xoi lov r rjg' IlXlddot; durch ein duyun lov riuvfkXrivlov 
oad für Mafrne>i.-i »m .MaearMlros (il. \. Att. Ilf, 1<>). In beiden wird die gut 
btUeoiscbe AbsUuimuug der betreHcndcD Kürperscbafteo nebst deo soa«ti((en 
Verdieastea an di« Helleneo bervorfrekobeD. CkarakteriiUtefc ilai wnA di« 
Kmpfehlaof tbriefe , wtlebe diMa PaakellMen •!■«■ an ibr Geminwma 
w«UwerdiealtB Mna Miae Hdmatbgeneiide Aeiani \% Pbrygiao, den 
KaSatr Pisi aad aa die RelleMi lo Aaia iMSmeio Mitgeben (G. I. Gr. 3832. 
3833. 3834). 



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246 



ACITB8 MJCl. KAmSL ttt. 



verwüstenden Krieg« die Bevölkerung nirtlekgegangeii, am meisleB 
aber in Griechenland« daa jetit nicht im Stande aei aiia den hea- 
Mren Kreiaoi der BOrgerachafken die 3000 Hopfiten in atdlen« 
mit denen einat die Ideinate der griechischen Landachafken Megan 
bei Phitaeae geatritten hatte Caeaar und Augnatoa haben ver- 
sucht dieser auch für die Regierung erM^ireckenden EntvOlkerong 
durch Entsendung italischer Colonisten aufzuhelfen, und in der That 
sind die heiden blühendsten Städte Griechenlands eben diese Colonien; 
die späteren Regierungen hüben solche Entsendungen nicht wiederholt. 
Zu der anmuthigen euboischen Bauernidylle des Dion von Prusa bildet 
den Hintergrund eine entvölkerte Stadt, in der zahlreiche Häuser ieer 
stehen, die Heerden am Hathhaus und am Stadtarchiv weiden, iwei 
Drittel des Gebiets aus iMangel an Händen unbeateUt liegen; und wenn 
dies der £nähler ala Selbaterlebtes berichtet, so achiidert er damit 
aicher lutreffend die Zuatände lahhreicher kleiner griechischer Laad- 
stidte in der Zeit Traiana. 'Theben in Bo«otien\ aagt Strabon in der 
augaatiachen Zeit, *ist jetit kaum noch ein atattiichea Dorf au nennen, 
*und mit Ausnahme von Tanagra und Thespiae gilt daaselbe von 
*89mmtlichen boeotischen Städten'. Aber nicht blofs der Zahl nach 
schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schöne 
Frauen giebt es wohl noch, sagt einei- der feinsten Beobachter um das 
Ende des 1. Jahrhunderls, aber schöne Männer sieht man nicht mehr ; 
die olympischen Sieger der neueren Zeit erscheinen verglichen mit den 
älteren niedrig und gemein, zum Theil freilich durch die Schuld der 
Künstler, aber hauptsächlich weil sie eben sind wie sie sind. Die körper- 
liche Ausbildung der Jugend ist in diesem gelobten Lande der Epheben 
und Athleten in einer Ausdehnung gefördert worden, ala ob ea der Zweck 
der Gemeindeverfassung sei die Knaben zu Turnern und die Minner au 
Boxern au eraiehen ; aber wenn keine Provina so viele RingkOnstler 
besaCi, so stellte auch keine so wenig Soldaten aur Reichaarmee. 
Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in llterer Zeit das 



*) Ohne Zs^eifel «ili Plutarch mit diesen Worten (de drfectu orme. S) 
ninkt sigeo, dar« Griecheolaod überhaupt aicht 3000 Waffearähige xu alellea 
vamtfge, Msdani dsTt, weas BSrferkeer« oaeh alter Art gekUdat wMaa, 
aua Biakt iai Staada saia wvrda SOOO «Hoplitaa* aafinuteUaa. la diaaaa Sia« 
auf die AeaaaeroDg wokl ao wait riektig aaia, ala diaa bai darglalehaa all- 
Kemeioea Klagen überhaupt arwartat werden kaaa. Dia Zakl dar Gamiada« 
dar Provias belMafl «ieh oagafiihr auf buadart. 



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HA« GmüCHiftrHn suaopa. 



247 



Speerwerfen, da^ Bogenschiefsen, die Geschützbedienung, das Aus- 
marschiren und das Lagerschlagen einschlofs, verschwindet jetzt 
dttMS Soldatenspiel der Knaben. Die griechischen Städte des Reiches 
werden Oberhaupt bei der Aufhebung so gut wie gar nicht berück- 
liditigt, sei es weil diese Rekruten physisch untauglich erschienen, sei 
es weil dieses Element im Heere bedenklich erschien; es wer ein 
kaiserticlMr Lannschers, diA der karrikirte Aleiander, Sevems Anto- 
nnos die römische Armee f&r den Kampf gegen die Perser durch einige 
Lochen Spartiateo TerstMte')* Was filrdie innereOrdnung nnd Sicher- 
heit Aberhaupt geschah, mulli Ton den einielnen Gemeinden ausgegangen 
i«n, da römische Truppen in der Proyinz nicht standen; Athen zum 
Beispiel unterhielt Besatzung auf der Insel Deios und wahrscheiuhch 
la^ eine Milizabtheilung auch auf der Burg'). In den Krisen des 
dritten Jahrhunderts haben der Landsturm vun Klateia (S. 221) und 
derjenige von Athen (S. 224) die Kostoboker und die Gothen tapfer 
zurückgeschlagen und in würdigerer Weise, tils die Enkel der Kämpfer 
von Thermopyiae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gothischen 
die£iikel der Marathonsieger ihren Namen zum letstenMal in die An- 
MÜen der alten Geschichte eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen 
Yoiginge davon abhalten mOssen die Griechen dieser Epoche schlecht- 
weg in dem verkommenen Gesindel sn werfen, so hat das Sinken der 
BerAlkening an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserseit stetig 
«Ogshahen, bis dann seit dem Ende des 2. Jahrhunderts die diese 
Lindschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die nament- 
fich die OstkOste treffenden Einfälle der L.and- und Seepiraten, end- 
lich das Zusanimeidjrechen der Reichsgewalt in der gallienischeu Zeit 
dts chronische Leiden zur acuten Katastrophe steigerten. 

In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die uriechwche 
^^limmungeii, die dasselbe bei den Besten liervorriel. uns entgegen ^^^■■'■■S»» 
'ler Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion um die Zeit 
^espasians an die Khodier richtete. Diese galten nicht mit Unrecht als 
lUe trefflichsten unter den Uellenen. In keiner Stadt war besser für 



') Davon erzählt Herodian 4, 8, 3. e. 9, 4, uod wir habeo die Ioächri(ten 
2*eier dieser Spartiatcn, des IVikokles faxQctTH'fj^x oq <Rf xaia TJtQatüV (C. I. Gr. 
1^53) uQd (if s niüskoras aniilttüv di liiv fi/ivj^taiditip avfAfiuj^iav (» expeditio) 
xoT« Iltnaojv (C. 1. Gr. \V.K>). 
') Das tf^ovQtov (C. I. A. III, 826) kaoa nicht wohl anders verstanden 
werdei. 



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24S 



AGBTIS BUCH. KAPITEL VII. 



die niedere Bevölkerung gesorgt und trug diese Fürsorge mehr den 
Stempel nicht des Almosens, sondern des Arbeitgebens. Als nach dem 
grol'sen Bürgerkriege Augustus im Orient alle Privatschulden klaglos 
machte, wiesen allein die Hhodier die bedenkliche Vergünstigung zurück. 
War auch die gra£te Epoche des rhodischen Handels vorüber, so gab 
es dort inuner noch zahlreiche blAheode Geschäfte und vennöKende 
Biuser^). Aber viele ICrssliade waren auch hier eingeritteii, vad 
deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um 
der Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. 'Einst mhte die 
*Ehre vdn Hdlas auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die 
^Athener, die Lakedaemonier, Theben, eine Zeitlang Korinfti, in ferner 
»Zeit Argos. Nun aber ist es mit den anderen nichts ; denn einige sind 
'gänzlich herunlergekommen und zerstört, andere führen sich wie ihr 
'wifst und sind entehrt und ihres alten Uuhmes Zerstörer. Ihr seid 
'übrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht völli^; verachtet: 
'denn wie es jene treiben, wären längst alle Hellenen tiefer gesunken 
'aJs die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein grofses und reiches 
*Geschlecbt auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses 
'sündigt, alle Vor&hren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. GhMibt 
'nicht die ersten der Hellenen su sein ; ihr seid die einsigen. Sieht 
*man auf jene erhirmlichen Schandbuben, so werden selbst die grotsen 
'Geschicke der Vergangenheit unbegreiflich; die Steine und die 
'Stidtetrfimmer zeigen deutlicher den Stolz und die Gröflie von Hellas 
*als diese nicht einmal mysischer Ahnen würdigen Nachfahren; und 
^besser als den von diesen bewohnten ist es den Städten ergangen, 
'welche in Trümniei n liegen, deini deren Andenken bleibt in Ehren 
'und ihr wohl erwurlx'ner Buhm unbeÜeckt — besser die Leiche ver- 
'breonen als sie lautend liegen la&sen'. 



>) <Ab Mitteli', sagt Dio (or. 31 p. 566), 'fehlt es evck sieht, aod Tta- 
'••■de and «her TauMade giebt m bler, dmen ea ■SttUeh wire aiader rtieh 
'ra leis'; und wdterfcii (f. 620): 'ihr ttld reich wie toatt niouad im BaDae. 

*Mehr alt ihr beMfsea eure Vorfahraa aa^ aicht. Die losel ist nicht scUack- 
*ter geworden; ihr zieht die IVatznng von Kariea und eiaem Theil Lykiees; 
'eine Anzahl Städte sied euch steuerpflichtig; stets empfängt die Stadt reiehe 
'Gaben von zahlreichen Bürf^eru.' Er rührt weiter aus, dafs neue Ausj^abcu 
nicht binzugetreteu , wohl aber die friibereu für Heer und I'lotte fast weg- 
gefallen seien; nur ein oder zwei kleine Schiö'e hätten sie jährlich nach 
Korioth (zur römischen Flotte also) za stellen. 



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DAS GMIBCB18CBB BDBOFA. 



249 



Mao wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Di« »it« 
Gegenwart an der ^oÜBeo Vergangenheit luals und, wie dies nicht aus- 
bleiben kann, jene mit widerwiUigen Augen, diese in der Verklärung 
dfli Oegenveieiiieins anschaute, nicht an nahe treten mit dem Hinweis 
dsraof; dab die alte gute belleniscbe Sitte damals und noch lange nach- 
her denn doch nicht bloili in Rhodos su finden, vielmehr in vieler 
ffinsicht noch allerorts lebendig war. Die innerliche Selbstlndigkeit 
das wohl berechtigte SelbstgefQhl der immer noch an der Spitae der 
Civilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit desUnter- 
thanen- und aller Demuth des Parasitenthums den Hellenen auch dieser 
Zeit uicht abhanden gekoninxMi. lÜe Homer entlehnen die (»ölter von 
den alten Hellenen und die Verwaltungsform von den Alexandrinern; 
sie suchen sich der griechischen Sprache zu hemächligen und die 
eigene in Mals und Stil zu hellenisiren. Die Hellenen auch der 
Kaiserzeit tbon nicht das Gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens, 
wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und 
keiner griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen 
die von ihrem Poljbios als die beste gefeierte politische Ordnung bei 
lieh eiuauführen. Insofern die Kenntnib des Lateinbchen für die 
höhere wie die niedere Aemteriaufbahn bedingend war, haben die 
Griecben, die diese betraten, sich dieselbe angeeignet; denn wenn es 
auch praktisch nur dem Kaiser Claudius einfiel den Griechen, die 
kein Lateinisch verstanden, das römische Bürgerrecht zu entziehen, so 
war allerdings die wirkliche Ausühung der mit diesem verknüpften 
Hechle und l'lliclilen nur dem möglich, der der Reiclis.^prache mächtig 
war. Aber von dem öfl'entlichen Leben abgefichen ist nie in Griecbea- 
land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch; Plutarchos, 
der schriftstellerisch die beiden Reicbsbaiften gleichsam vermählte und 
dsMen Parallelbiograiduen r&mischer und griechischer berQhmter 
lümicr vor allem durch diese Nebeneinanderstellung sich empfahlen 
und wirkten, verstand nidit sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, 
und beherrschte wenigstens, wie er selbst sagt, die Sprache nicht; 
die des Lateinischen wirklich mächtigen griechischen Litteraten waren 
entweder Beamte, wie Appianus und Gassius Üion, oder Neutrale, wie 
König Juba. In der That war Grieclienlaud in sich selbst weit weniger 
verändert als in seiner äulseren Stellung. Das Regiment von Athen 
war recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Grüfse war es gar 
Dicht musterhaft gewesen. '£s ist', sagt Plutarchos, 'derselbe Volks- 



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250 



ACHTU BfXIH. kAPITEL VII. 



,$chlag, dieselben Unruhen, der Rrnst und der Scherz, die Anmnth 
,nnd die Bosheit wie bei den Vorfahren'. Auch diese Epoche weist in 
dem Leben des griechischen Volkes noch einzelne Zöge auf, die seines 
civilisatoriflcht'n Principats würdig sind. Die Fechlerspiele, die von 
Italien aus sich überall hin, namentlich auch nach Kleinasien und 
Syrien verbreiteten, haben am spitesteo von allen Landschaften in 
Griechenland Eingang gefunden; längere Zeil beachrinfcten iie akh 
auJT du halb italische Rerinth, und als die Athener, uro hinter diesen 
nicht surllckiuatehen, sie audi bei sich einführten, ohne auf die 
Stimme eines ihrer Besten tu hören, der sie fragte, ob sie nicht nifer 
dem Gotte des Erbarmens einen Altar setzen möchten, da wandten 
manche der Fidelsten unwillig sich weg von der sich selber entehrenden 
Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt sind die Srlaven nül 
solcher Ilunianität behandelt worden wie in Hellas; nicht das Hecht 
aber die Sitte verbot dem (iriechen seine Sclaven an einen nicht 
griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Land- 
schaft den eigentlichen Sclavenhandel. Nur hier finden wir in der 
Kaiserseit bei den BärgerschmAnsen und den Odspenden in die 
Bflrgerschaft auch die unfkvien Lente mithedacht^). Nur hier konnte 
ein unfreier Hann, wie Epiktetos unter Traian, in seiner mehr als be- 
scheidenen luTseren Existens in dem epirotischen Nikopolis mit an- 
gesehenen MSnnem senatorischen Standes in der Welse verkehren 
wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so dafs sie meiner mund- 
lirhen llelehrung wie Schüler dem Meister lauschten und die Ge- 
spräche aufzeichneten und veröllenllicliten. l»ie iMil<lerungen der Scla- 
verei durch das Kaiserrecht gehen wesentlich zurück auf den Ein- 
flufs der griechischen Anschauungen zum Beispiel hei Kaiser Marcus, der 
SU jenem nikopolitanischen Sclaven wie zu seinem Meister und Muster 
emporsah. Unöl>ertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lukia- 
nischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen Stadt- 
bfliigers in seinen engen Verhältnissen gegenflber dem vornehmen und 



>) Bei doB VolktfMtea, die in Tiberios Zeit ei» reicher Mau im 
AkraepUa in BoMtieo awriehtete, lad «r die «rwadiMBefl SeUvM, nIm 
Gattia die Selavianeo mit den Freiea zu Gaste (C. I. Gr. 1625.) h «iaer 
Stiftung zur Vertheiinng voo Oel ia der Turnanstalt (yv/Livaatov) % no GvtheiM 
in Lakonicn wird IVstpeselxt, dafs an sechs Tappfi im Jnhr auch di#» Scltve« 
daran Authcil haben solieu (Lpbas- Fourart n. 243a). Aelioliolie Spttidea 
besegoea io Argos (C I. Gr. 1122. 1123). 



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S51 



racfaen reisenden Pubüenni iweifelbafter Bildung oder auch unzweifel* 
Mar RoUmU: wie man ea dem rmehan Auallnder abgewöhnt im «ienl- 
KchcB Bade mit einem Heer von Bedieaten anfkoneben, ab ob er aeinea 
iebena in Atbmi nkki obnebin aieber nnd niobt Frieden im Lande ael, 

wie »an ea ihm abgew<>bnt auf der Strarse mit dem Purpurgewand 

»ich zu zeigen, indem die Leute »ich freundlich erkundigen, ob es 
nicht das seiner Mama sei. Kr zieht die Parallele zwischen römischer 
und athenischer Existenz: dort die heschwerliclien Gastereien und die 
noch beschwerlicheren Bordeile, die unbequeme Bequemlichkeit der 
Bedientensrhwärme und des häuslichen Luxus, die Lästigkeiten der 
Liederlichkeit, die Qualen dea Ehrgeizes, all das Uebermala, die Viel- 
fiiügiieit, die Unruhe dea hanptatidtiacben Treibena; hier die An- 
muh der Annnth, die freie Rede im Freandeakreia, die MoCm fOr 
gostigen Gennih, die Möglichkeit dea Lebenafiriedena und der Lebena- 
ffmA% — *wie konntest du\ fragt ein Grieche in Rom den andern, *daa 
fUeht der Sonne, Hellas und sein (Ilück und seine Freiheit um dieses 
.Gedränges willen verlassen?' In diesem Grundaccord begegnen sich 
alle feiner und reiner orsranisirlen Naturen dieser Epoche; eben die 
besten Helipnen mochtPii nicht mit den iiömern tauseben, kaum 
giebt es etwaa gleich Erfreuliches in der Litteratur der Kaiserzeit wie 
bios schon erwähnte euboiaehe Idylle: aie schildert die Exisieni 
zweier Jigerfamilien im einaamen Walde, deren Vermögen acht Ziegen 
und, eine Kuh ohne Horn und ein achönea Kalb, vier Sicheln und 
M Jagdapeere, welche weder von Geld noch von Steuern etwaa 
^inm, und die dann, vor die tobende Bürgerversammlung der Stadt 
fWtelll,von dieser schliefslich nnbeheliigt entlassen werden zum Freuen 
'ind zum Freien. Die reale Durchführung dieser poetisch verklärten Piuuroho«. 
Lebüibaulldssung ist IMularchos von Chaeroneia, einer der anniuthigsten 
tind belesensten und nicht mioder einer der wirksamsten Schriftsteller 
Alterthuma. Einer vermögenden Familie jener kleinen boeotischen 
l'äodstadt entaproaaen und erst daheim, dann in Athen und in 
Aiezandreia in die volle hellenische Bildung eingeführt, auch durch 
Mioe Studien und vieMlItigeperaönliche Beziehungen so wie durch Reiaen 
^ Mm mit römischen VerhSItniasen wohl vertraut, verachmibte 
^tt nach der (Iblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst 
W treten oder die l'rofessorenlaufhalm einzuschlagen; er blieb seiner 
Beinwth treu, mit der trefflichen Frau und den Kindern und mit den 
I^feuDden und Freundinnen des bäuslicben Lebens im schönsten Sinne 



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252 



▲CHTBS BUCH. KAPITEL VII. 



I 



(J«»s Wortes genielsend, sich bescheidend mit den Aemtern und Ehren, 
die sein Boeotien ihm zu bieten vermochte, und mit dem roäfsigen i 
angeerbten Vermögen. In diesem Cbaeroneer drückt der Gegensali 
der Hellenen und der Hellenisirten sich aas; ein solches Griechealhui 
war weder in Smjma mftgKcb noch ia Antiocheia; es gehörte mm 
Boden wie der Honig vom Hynettos. Es giebt geoog miciitigere Taknle 
und tiefere Naturen, aber schwerlicb einen zweiten Schriftsteller, der 
mit so glflcklicbem Mab sich in das Notbwendige mit Heiterkeit la 
finden und so wie er den Stempel seines Seelenfriedens und SSOMI 
Lebensglückes seinen Srhriflen aufzuprägen gewufst hat. 
MiM- IMe Solhsthelierrschuiig (ies Hellenismus kann auf dem Boden de* 

ProTin».«T.' öllenlliclien Lehens sich nicht in der Keinheil und Schönheit oflen- 
»•fWÄiuM g i^gp^jj ^^ j,. j,j ^i^.p giijien Heimstatt, nach der die(iesdiichle und sie nach 

der Geschichte glücklicher Weise nicht fragt. Wenden wir uns den öffent- 
lichen Verhältnissen zu, so ist mehr vom Missregiroent als vomRegimeol 
IQ berichten sowohl der r6mischen Regiemng wie der griechiscki« 
Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als der 
römische Philhellenismns die Kaiserseit noch viel entschiedener be- 
herrschtals die republikanische. ErSuDMrtsich fiberall Im GrolSien wie im 
Kleinen, in der FortHührung der Heilenisining der fistitcben Pro- 
vinzen und der Anerkennung; der doppelten oflicielien Reichsspradw 
wie in den hötlic hen Formen, in welchen die Hegierung: nurh mit der 
kleinsten ^rie< hischen (.tiueintle verkehrt und ihre Oearnten zu ver- 
kehren anhüllM. Auch haben es die Kaiser an (iahen und Bauten zu 
Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das iMeistp 
der Art nach Athen kam, so haute doch Hadrian eine grofse Wasser- 



M Auf «Im der aDZÜbli^en Besrbv^ erden, mit welchen die kleiaauali- 
«cheo Städte «p^en ihrer Titel- und Kaof^streitigkeiteo die Regierang be- 
lästigten, uutwnrtete Pius den Ephesicra (VVaddiugton .4ristide^. 51), er höre 
};<'rii, (lal\ dir l^«'r};aiin'iu'r ihiieu die ueuc Titulatur gegeben hiitten; die Soiyroacrr 
liuttt ii es v^uhl nur /.uililiig unterlas^eu und nUrdeu siicher in Zukunft gut- 
willig das Hicbtige tban, weoo auch sie, die Epbesier, ihnen ihre rechten Tittl 
beilegra wardea. Bioer kleieei lykiscbea Stadt, welehe i» BetlKtiguog eteei 
VM ihr gefafstte Beiehlotwt bei dea Pr«eMtiil eiakeBB^ erwidert dleair 
(Benadorf lykisehe Beiae 1, IV), Creffliehe ADordoMgea verltagtea aar Lakt 
keine Bestätigung; diese liege ia der Sache. Die Rbetorenaekalea dieier 
Epoehe liefero auch die Concipientea für die kaiserliche Kanslei; aber diai 
thut es nicht allein. Es gehört zum Wesen des Prineipats das L'nterthai- 
verhäHaira nicht üul'aerlich tn «ceentttireo, und anaentüch nicht fegen Griackea. 



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»48 MliailSail BOMPA. 



253 



ieitUDg zijiit Besten von Koriotli, Pius die lleiianstalt vuA £pi(i«uro8. 
AWr die rücksichUYoUe IMiaiidlung der Griechen insgemein und die 
beMNideffe Hold, wtkfae den eigentlichen Hellas von der keieerlichen 
Regiflning i« Tkeil wurde, weil es in gewiieem Sinn gleicfa wie 
Itaüea eis Hntteriand galt, aind weder dem Regiment noch der 
Lindaehaft recht zum Vortheil ausgeschlagen. Der jährliche Wechsel 
der Oberbeainlcn und die schlafTe Controle der Zentralstelle 
liefsen alle senaioi j>( hen Provinzen, so weit das StittliKillnnviment 
leichle, mehr den hna k als den Segen einin'itlu Ihm \ erNNailiing em- 
plinden, und die^e do|)|)elt t>ei ibrer Kleinheit und ihrer Arinuth. ISoch 
anter Augustus selbst machten diese Miisstände sich iu dem drade 
geltend, dafa ea eine der ersten Regierungshandiongen aeines Nach- 
folgers war aowohl Griechenland wie Makedonien m eigene Verwaltung 
ttt nehmen ^ ^ voriinfig, in der Thalau! die ganie Dauer 
seiner Regierung. Ea war sehr conatitutioneU, eher vielleicht nicht 
eben so weise, dafs Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die 
alle Ordnung wieder herstellte. Seildeni hat es dann bei diesrr sein 
Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von ernannten, sundern Non 
erloosteu Beamten verwaltet worden, bis diese Verwaitungsform über- 
haupt abkam. 

Aber bei weitem übler noch stand es um die von dem Statthalter- Mi» 
regoMBl eximurlen Gemainden Griechenlands. Die Absicht diese 
teieinweeen m hegtlnstigent durch die Befrehing vom Tribut und 
Aaehahnng wie nicht nunder durch die möglichst geringe Beschrln- 
teg der Rechte des souvertnen Staatea, hat wenigstena in vielen 
FiDen tu dem Gegentheil geführt. Die innere Unwahrheit der 
Institutionen rächte sieb. Zwar bei den weniger bevorre« hh'tcn oder 
besser verwalteten (lemeinden mag die communale Autonomie ihren 
/weck erfüllt haben; wenigstens vernehmen wir nicht, dals es mit 
Sparta, Korinth, Patrae besonders ubd bestellt gewesen sei. Aber 
Alben war nicht geschaffen sich selbst zu verwalten und bietet das Atbeu. 



Bi»t fonaale AeaSereiif der Steaerordeiag lidft «• sich aei diese» 

Weditel ftitht ud Ist ee«h bei Tacitas ano. 1, 76 nicht aa^edeutet; weoD die 
i^inrichtuog getrolTeo wird, weil die Provinzialen über Steuerdruck klä^eo 

fonera deprecaniesj, so koBoteo bessere Stalthalter durch z^erkmaTsige Re- 
pirtining, eveotaell durch Erwirkung vou Hemission den Proviozeo aufhclfea. 
1^ die Beförderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drückende 
Lasttapfttadeo ward, %ti$t dasfidtct d««U«ttdias au TefM (Epbeaa. ep. V p. 69). 



0 



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254 



Acanui mcsu kapitel tu. 



abschreckende Bild eines von der Obergewalt verbätochelten und 
finanziell wie sittlich verkommeneu Gemeinwesens. Von Rechti wegeo 
hdtte dasselbe in blüheodeni Zustande sich befinden nOBien. Wcm 
et den Albenern misslang die Nation unter ihrer Hegemonie in irer- 
Mnigen, so ist diese Stadt doch die eimige Griecbenlands wie ittÜMis 
gewesen, welche die kadschaftliche Einlgoog ToUstindig dnrdiflelWni 
hat; ein eigenes Gebiet, wie es die Attike ist, von etwa 40 Qaadn*- 
meiien, der doppelten Gri^üie der Insel Rflgen, hat keine Stadt des 
Alterthums sonst besessen. Aber auch au&erhalb Attikas blieb ihnen, 
was sie besafsen, sowohl nach diiii mithradatischen Kriege durch 
Sullas Gnade wie nach der pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten 
des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars — er fragte 
sie nur, wie oft sie noch sich selber zu Grunde richten und dann 
durch den Ruhm ihrer Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt 
gehörte immer noch nicht blols das ehemals haliartische Gebiei 
in Boeotien (1,776), sondern anch an ihrer eigenen Küste SaUmis, 
der alte Aosgangspunct ihrer Seaherrscbaft, im thnikischen Meer 
die eintrftgliehen Inseln Skyros, Lemnos and Imbros so wie im 
aegaeischen Dekis; freilich war diese Insel seit dem finde der 
Republik nicht mehr das centrale fimporium des Handeb mit de« 
Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den HIfen der ita- 
lischen Westküste gezogen halte, und es war dies für die Athener ein 
unerüelzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie An- 
tonius abzuschmeicheln gewusst hatten, nahm ihnen Augustus, gegen 
den sie Partei ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euboea, 
aber die kleineren Inseln des tbrakischen Meeres, Ikos Peparelboe 
Skiathos, ferner Keos vor der sunischen Landspitze durften sie behal- 
ten; und Hadrian gab ihnen weiter den besten Theil der grolsen Jimel 
Kephallenia im ionischen Meer. Erst durch den Kaiser Sevema, der 
ihnen nicht woU wollte, wurde ihnen ein Theil dieser anawirtigeii 
Besitsongen entlegen. Hadrian gewShrte femer den Athenern die 
Lieferang eines gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des 
Reiches und erkannte durch die Erstreckung dieses bisher der Reiohn- 
hauptstadt vorbehaltenen Privilegiums Athen gleichsam an als eine 
der Reichsmelropolei). Nicht minder wurde das segensreiche Institut 
der Alimentarstiflungen, dessen Italien sich seil Traian eifreule, vmi 
Hadrian auf Athen ausgedehnt und das dazu erforderliche kapilal siclier 
aus seiner Schatulle den Athenern gescheukt Eine Wasserleiluog, 



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M <ilIMWC«l IHBOTA. 



255 



dM «r ebtnfaUs Minen AUmd widmet«, wurde ent naob teiiieiD 
Tode ▼Oll Piot voUendet. Dtia kam der ZuMmmenflulii der 
Rebendeo und der Stadirenden und die in immer steigender Zahl 
TOD den rdmiaeben Grofsen und den tuswirtigen Pflr8t«n der Stadt 

verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde in stetiger 
Bedra ngnifs. Mit dem Bürgerrecht wurde nicht blofs das ü herall 
übliche Geschäft auf Nehmen und Geben, sondern furmlicb und 
offenkundig Schacher getrieben, so dafs Augustus mit einem Verbot 
dagegen einachritt. Einmal über du andere beschlofs der Rath von 
Alben dieae oder jene seiner Inaeln in verkaufen, und nicht immer 
fimd sidi ein opferwilliger Reieiier gleich dem luiiuaNikanor, der unter 
Aoguatna den iMokerotlen Athenern die Insel Salamis sur Aekkaofte nnd 
dnflir Ton dem Rath derselhen den Khrentitel des 'neuen Themistokles' 
so wie, da er anift ?erse machte, nebenbei den des 'neuen Homer* und 
mit den edlen Rathsherren zusammen vun dem Publikum den wohl- 
verdienten Huhn erntete. Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen 
fortfuhr sich zu schmucken, erhielt es ohne Ausnahme von den 
Fremden, unter Anderen von den reichen Königen Antiochos von 
Kommagene und Uerodes von Judaea, vor allen aber von dem Kaiser 
Hadrian, der eine völlige 'Neoatadl' (neaoe Aihmoi) am llisos anlegte 
nod anCier lahlloaen anderen Gebladen, daronter dem achon er- 
wüinten Panhellenion, daa Wunder der Welt, den von Peisistratoa 
begonnenen Aieaenbau dea Olympieion mit seinen 120 lom Theil nodi 
stehenden Siulen, den grftfsten von allen, die heute aaft^t sind, 
sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in würdiger Weise abschiufs. 
Selbst hatte diese Stadt kein Geld nicht blos für ihre Hafenmauern, 
die jetzt allerdings entbehrhch waren, sondern nicht einmal für den 
Uafisn. Zu Augustus Zeit war der Peiraeeus ein geringes Dorf von 
wenigen Häusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei 
in den Tempelbalien. Handel und Industrie gab es in Athen fast 
nicht mehr, oder fftr die BArgerachaft insgemein wie för den einaehien 
Bllrger nur ein einiiges blühendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb 
es nicht bei der FinanshedrftngniCi. Die Welt hatte wohl Frieden, 
aber nicht die Strafsen und PIStze von Athen. Noch unter Augustus 
bat ein Aufstand in Athen >ul(-he Verhältnisse angenommen, dafs die 
römische Regierung gegen die Freistadt einschreiten mufste^); und 

>) Der athesiiebe AofitaDd noter Aagastot »t «icber begUubigt durch 
die au Africaaiif geSottMe Notit bei fioMkiot sqw J. Abr. 2025 (daraus 



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256 



ACHTES BUCH. KAPITEL Vli 



wenn auch dieser Vorgang vereinzelt steht, so gehörten Aufläufe auf 
der Gasse wegen der Urotpreise und aus anderen geringfügigen Ao- 
iSssen in Athen sur Tagesordnung. Viel besser wird es in sahlreidM 
anderen FreistMten nicht ausgesehen haben, von denen weniger die 
Kode ist. Einer solchen Börgerschaft die Griminaljnstis unbesehrinhl 
in die Hand tu geben, war itaum tu ?erantworten; und doch stand 
dieselbe den zu internationaler Föderation zugelassenen Gemeinden, 
wie Athen und Rhodos, von Rechtswegen zu. Wenn der athenische 
Ar»'oj)ag in ;uigusti.stluM- Zeit sich weigerte, einen wegen Fälscliung 
verurtheillen kriechen aiit die Verwendung eines vornehmen Römers 
hin von der Strafe zu entbinden, so wird er in seinem Recht gewesen 
sein; aber dafs die Kyzikener unter Tiberius römische Bürger ein- 
sperrten, unter Claudius gar die Ahodier einen rdmischen ßöiiger 
ans Kreut schlugen, waren auch formale Rechtsverlettnngen, und ein 
ähnlicher Vorgang hat unter Augustus den Thessalem ihre Autonoaüe 
gekostet. Uebermuth und Uebergriff wird durch die Machtlosigkeit 
nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen Schutzbefohlenen 
eben darauf hin gewagt. Bei aller Achtung für grofse Erinnerungen 
und bescIiNNorene Verträge niufsten doch jeder gewissenhaften Regierung 
diese Freistaaten nicht viel minder als ein Bruch in die allgemeine 
Rechtsordnung erscheinen, wie das noch viel altlieiligere Asyireeht 
der Tempel. 

SchlieJslich grifif die Regierung durch und stellte die fireien Stidle 
hinsichtlich ihrer Wirlhschaft unter die Oberaufeicht von Beamten 
kaiserlicher Ernennung, die allerdings tunichst als auÜMrordentliclie 
Gommissarien *tur Correctur der bei den Freistidten eingerissenen 

Uebelstände' charakterisirt werden und davon späterhin die Bezeich- 
nung Correctoren als titulare führen. Die Anfänge derselben lassen 
sich bis in die traianisdie Zeit verfolgen; als stehende Beamte finden 
wir sie in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese neben den IM'oconsuln 
fungireoden vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Theil 
des römischen Reichs so früh sich ein und sind in keinem so früh 
sttndig geworden wie in dem halb aus Freistidten bestehenden Achaia. 



Orosius 6, 22, 2). Die Auflaufe gegen den Strategen werden oft er\%ahBt: 
Plutarch q. sympos. 8, 3 z. A.; (LucUo) Demonax 11. 64; Fhilostratos viu 
soph. 1, 23. 2f 1, 11. 



9AB GRIKCHli»CUE bLRuPA 



257 



Da> an >itb uohiberecliligte unti ilurcli die flallung der römischen Fe«tb*it«n 
Hcgierung wie vielleicht noch mehr durch die des römischen Pubhkums ^^ra^ÄT*" 
genährte Selbstgefühl der Hellenen, das Bewufstsein des geistigen 
i^riroats rief daselbst einen Cultus der Vergangenheit ins Lel>eu« der 
sich zutammensetzt aus dem treuen Feetbalten an den Erinnerungeo 
graüMrer und ghlcklicberer Zeilen und dem barocken Zurückdrehen 
der gereiften CifUisation au! ihre twm Theil sehr primitiven Anfinge. 
Z« den antUadiadien Cohen, wenn man absieht von dem schon frAher R«iifimw 
durch die Handelsverbindungen eingeb ärgerten Dienst der aegyptischen 
Gottheiten, namentUch der Isis, haben die Griechen im eigentlichen 
Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korintli am 
wenigsten gilt, so ist dies .uk h die am wenigsten griechische Stadt von 
Hellas. Die alle Landesreligioti schützt nicht der innige Glaube, von dem 
die^e Zeil sich längstgeiöst hatte aber die heimische Weise und das 
Gedäcbtnifs der Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und darum 
wird sie nicht blois mit Zähigkeit festgehalten, sondern sie wird auch, 
Ulm guten Theil durch gelehrte Repristination, im Lsufb der Zeit 
immer stsrrer und alterthflmJicher, immer mehr ein Sonderbesitx der 
Stndirlen. — Aehnlich verhslt es sich mit dem Cultus der Stamm- suun». 
bSune, in welchem die Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und 
die adelsstolzeslen Homer weit hinter sich gelassen haben. In Athen 
spielt das Geschlecht der Kiiniolpiden eine hervorragende Holle bei der 
Keorganisirung des eleusinisclien Festes unter Marcus. Dessen Sohn 
Commodus verlieh dem Haupt des Geschlechtes der keryken das 
rdmische Bürgerrecht, und aus demselben stammt der tapfere und 
gelehrte Athener, der, fast wie Thukydides, mit den Gothen schlug und 
dann den Gothenkri^g beschri^ (S. 224). Des Harcus Zeitgenosse, der 
Professor und Consular Herodes Atticus gehörte eben diesem Ge- 
sehlechte an und sein Hofpoet singt von ihm, daA dem hochge- 
borenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekrops- 
tochler Herse, der rolhe Schuh des römischtii Patriciats wohl 
angestanden habe, während einer seiner Lobredner in l'msa ihn als 
Aealüden feiert und zugleich als Abkömniiiug von Miliiades und 

Dciu Beamten, auch dem gebildete», d.is heilsl dem Freidenker, wird 
anf^erathen die Spenden, die er mache, an die religiösen F'estr anzuknüpfen; 
deoa die Menge ^^erde in ihrem Glauben bestärkt, wenn sie sehe, dafs auch 
ÜB Voraehmea der Stadt auf die Götterverehrao; etwas geben und sogar dafür 
stw« rnfwea^en (Plntareh praec. ger. reip. 30). 

MoBBtea, roa. OeMbicht«. T. 17 



biuma. 



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258 



ACUT£ä BUCU. KAPITEL VU. 



Kimon. \\m' auch Ailieii wurde hierin noch weit überboten von 
Sparta; nielirltn h begegnen Spartiaten, die sich der Herkunft vuii den 
Dioskuren, dem Herakles, dem Poseidon und des seit vierzig und 
spracht : mehr Generationen io ihrem Hause erblichen Priesterthums dieser 
uBd'ßurl Altvordern berähmen. Es ist charakteristisch für dieses Adeltbum. 
moiu. j^f^ ^ g^^li hauptsächlich erst mit dem Ende des zweiten Jahrhunderts 
einstellt; die Heraldiker, welehe diese Gescblechtstafeln eDlwarfen, 
werden ftir die Beweisstücke weder in Athen noeh in Sparta die Gold- 
wage angewandt haben. — Dieselbe Tendern seigt sich in der Be- 
handlung der Sprache oder vielmehr der Dialekte. Wihrend in dieier ' 
Zeit in den sonstigen griechisch redenden Lindem und auch in Hellas in 
gewöhnlichen Verkehr das sogenannte gemeine, im wosenilicbeo aus 
der altischen Mundart heraus verscbliflpue Griechisch voilierrschi. 
strebt die Schriftsprache dieser Epoche nicht blols nach der Üeseitigun;,' 
der eingerissenen Sprachfehler und Neuerungen, sondern vielfaih 
werden dialektische Besonderheiten dem Sprachgebrauch entgegen 
wieder aufgenunimen und hier, wo er am wenigsten berechtigt war. 
der alle Farticularismus in scheinhafter Weise zurückgeführt. Üeo 
Standbildern, welche die Thespier den Musen im Hain des tteiikoo 
Selsten, wurden auf gut boeotisch die Namen Orania und Thaies 
beigescbrieben, während die dazu gehörigen Epigramme, veifaliit 
von einem Poeten römischen Namens, sie auf gut ionisch üianie 
und Thaleie nannten und die nicht gelehrten Boeoter, wenn sie 
sie kannten, sie nannten wie alle anderen Griechen Urania und 
Thaleia. Von den Spartanern vor allem ist darin Unglaubliches 
geleistet und nicht i>elten mehr für den Schalten des Lykurgos 
als für die zur Zeit lebenden Aelier und Aurelier geschrieben 
worden^). Daneben kommt der correcte Gebrauch der Sprache ia 



1) Ein Muslerslück ist die Inschrift (Lebas - Foucart II p. 142 o. 162yj 
des M(aQ*o()) ^iv{i{t^Xto^) Ziv^tnno^ 6 luA XHufdffOQ ^ilo/AoCaUf eine« Zeit- 
feoMseo also des Piot ond Marens, weleher war ff^i^ A%fmnnt9m» tuA 2>r- 
SagtiSy, der Dioskareo and ihrer Gattiraea, der TSehter des Leakifpes, akr, 
dsnit n deai Allen dis Nene nieht fehle, naek uffxttifios tt» Stfkwtm jhU i<ur 
^dtiv TiQoyorttv (urcJ. Er war Io seioer Jngead femer geweseo ßovaybo 
ftiMMixt^^ofi^itov y «Örtlich SUerfuhrer der KleioeBi oehaüich Anführer der 
dreijährige» Kniibeu — die lykurgischen Kuabeoheerden giogen mit dem sieben- 
ten Jubr au, aber seine iNachfabreu hatten das Fehlende oacbgeboit und vua 
deu Eiojährigeu an alle eiogehcerdet uod mit 'Führern' versehee. Diearr 



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DAS GHlECUihCUE tUAuPA. 



259 



dieser Zeit auch in Hellas allmählich ins Sclmanken; Archaismen und 
Barbarismen gehen in den Docunienlen der Kaiserzeit häufig fried- 
lich neben einander her. Athens sehr mit Fremden gemischte Be- 
völkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit besonders aus- 
gezeichnet^), und obwohl die slfidtischen Urkunden sich verhültnifs- 
oiälsigrein halten, macht doch seil Augustus die allgemein einreiCseode 
S|irachverderbjiil« auch hier sich fühlbar. Die strengen Grammatiker 
der Zeit haben ganae BQcher gefuit mit den SfiradiaclinitzerD, die der 
eben erwibnte viel gefeierte Rhetor Herodes Atticus und die übrigen 
berdbmten Scbulredner des iweiten Jahrhunderts sich zu Schulden 
kommen heben'), ganz abgesehen von der verzwickten Künstelei und 
der manierirten Pointirung ihrer Rede. Die eigentliche Verwilderung 
aber in S|)rache und Sclirift reifst in Athen und ganz Griechenland, 
eben wie in Honi. eiu mit Seplimius Severus'). 

l'i»* SchadhaltiLikeil der helleui.srlicn ICxi^leiiz lag in der lie- P^* «Stoi- 

" , " hell'* Lauf* 

Kliiäiikiheii ihr»'s Kreises: es niaiigeite dem hohen Elirgciz an dem i»»»*«. 
eu^l^Jrechenden Ziel und darum überwucherte die niedere und er- 
niedrigende Ambition. Auch in Hellas fehlte es nicht an einheimischen 
kanülieu von gro&em Aeichthum und bedeutendem Einlluls*). Das 



mük; Mauo siegte (iuxiuco =^ v/xr)ou() xuaar^(JUio(iiVf fttouk' xui kiouvi was da» 
WUat, weib vielleicht Lykurgos. 

>) *Du iuiere Attika', »agt ele Bewobner desMlben bei Pbiloatrato« 
^ilae iopk. 2, 7, 'ist eiBo gute Sehule Fdr des, der apreehea laraea will; die 
'Su^tbewahaar dagagaa vaa Atfcaa, welche daa aos Thrakien iiad dem Poatns 
'ud aadera barbarischen LaudschaflaB herbeiatrSBaadea jangen Laoten Woh> 
*saB(aa varBiathea, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich verderban cla 
i*fi s'if ihoeo das gute Sfirecheo beibringeo. Aber im Biuiieuland, dessen 
'b««uhurr nicht mit Barbaren vcmiacbt sind, ist die Aua)«prache und die 
'Rede gut; 

') K»ri Keil (Fauly Realencycl. 1' S. 210U) weist hiu auf iivog Für i,s 
vifoc aad rit yutgiu yiyovav iu der Inschrift der Gattin des Herudes (C. I. L. 

*) IMttaeherf er Beraea 1, 414. Dahin gahfirt auch, wna derplnmpe Ver- 
treter dei AiHiUaaiaa aeinen Helden an die alaxnndrinitcben Frafaaaoren achreiban 

(ep. 94], daTs er Argos, Sikyua, Magara, Phokis, Lahris verlaaaen habe, wm 
*i(ht, wena er länger in Hellas verweile, völlig zom Barbaren so werden. 

Tacitus (-/um J. ^»2 «nn. 15, 20) cbarakterisirt einen dieser reiehen 
CiofluiM eicbeu Pruviiizialeu, deu Claudius Timarchided aus Kreta, der in 
•wia Kreis allniüchtig ist {ui solent praevalidi yrovincialium et opibus nimim 
*tf üüuriai minurum tiatij und iilfor deu Laudla^, aisu auch über das obligate, 

17* 



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I 



260 



ACUTLb bleu. KAPITEL Vit. 



Land war wohi im Ganzen arm, aber es gab doch Häuser von ausg^ 
dehntem Grundbesitz und alt befestigtem Wohlstand. In Sparta zum 
Beispiel hat das des Lacliares von Augustus bis wenigstens in die ha- 
drianiscln* Zeil eine Stellung eingenommen, welche thatsächlich von dem 
FüntenUium nicht allzuweit abstand. Den Lachares hatte Antonius 
wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafür wai' dessen Sohn Euryldes 
einer der entschiedensten Parteiginger Augusts und einer der tapfersten 
Gapitflne in der entscheidenden Seeschlacht, der ftst den heticgten 
Feldherm persönlich lum Gefiingenen gemacht hitte; er empfing von 
dem Steger unter anderen reichen Gaben als Privateigenthum die Insel 
Kjihere (Cerigo). Später spielte er eine hervorragende und bedenk- 
liche Rolle nicht hlofs in seinem Heimathland, über welches er eine 
dauernde Vorstandscliaft ausgeübt haben mufs, sondern auch au deu 
Höfen von Jerusalem und Caesarea, wobei das dem Spartiaten von den 
Orientalen gezollte Ansehen nicht wenig mitwirkte. Delswegen von 
dem Kaisergericht mehrfach zur Verantwortung gezogen, wurde er 
schließlich verurtheiit und ins fizil gesandt; aber der Tod entzog ihn 
rechtzeitig den Folgen des Urtheilsspruches und sein Sohn Lakon trat 
in das Vermögen und wesentlich auch, wenn gleich in vorsichtigerer 
Form, in die Machtstellung des Vaters ein. Aehnlich stand in Athen 
das Geschlecht des oft genannten Merodes ; wir können dasselbe aof- 
sleigend durch vier (ieneralionen bis in die Zeit Caesars zuruck- 
vcrfolgen , und über des Herodes Crofsvater ist, ähnlich wie über 
den Spartaner Eurykles, wegen seiner übergreifenden Machtstellung 
in Athen die Conliscalion verhängt worden. Die ungeheuren Lati- 
fundien, welche der Knkel in seiner armen Heimaih besafs, die su 
Grabzwecken seiner Lustknaben verwendeten weiten Flächen erregten 
den Unwillen selbst der römischen Statthalter. Derartige michtige 
Familien gab es vermuthlich in den meisten Landschaften von Hellas 
und wenn sie auf dem Landtag der Provinz in der Kegel entschieden, 
so waren sie auch in Rom nicht ohne Verbindungen und Einflufs. Aber 
obwohl diejenigen rechtlichen Schranken, welche deu Gallier und den 

aber für den ubgvtieudeii i'iuconsul uiit Hürk.sicht aut die möglicheu Kt-diea- 
tchiflikUgeo sehr n^Uoscheo^werthe Daokäuguagsdecret desselben verfugt (üt 
mm potestaU ntufHj mn procomtMÜbut, fui Ordmn oUmidumi, graU* ßfvnnhtr}. 
Die Opposition baantreft die CJntersaseag dieser Dankdeerete, aber es gelingt 
ihr nidit den Antrag zur AbstiniMug xn bringen. Von einer andern Seile 
sekildert Platarek praec ger. reip. c. 19, 3 diese voniehBen Griechen. 



Diguizoa by CjOO^Ic 



DAS 0RIBCiil6CU KCBOPA. 



261 



Aleiandriner noch na( b erlangtem Bnrgerrecbt vom Heichssenat aus- Sfmm- 
scJüodsen, diesen voraebmen Griechen schwerlich entgegenstanden, ]^SkSM. 
Tielmebr unter den Kaisern diejenige politische uiul roüitirischo Lauf- 
baha, welche dem Italiker sich darbot, fon Rechtswegen dem HeAlenen 
glekh&Us oflen stand« so sind dieselben doch thatsichttcb erst in spMer 
Zeit und in besehrSnktem Uayiing In den Staatsdienst eingetreten, 
vm Theil woU, weil die römische Regierung der froheren Kaiser* 
leit die Griechen als Ausländer ungern foliefs, snm Theil, weil diese 
selbst die mit dem Eintritt in diese Laufbahn verknöpfte Ueber- 
»iedelung nach lioin ^clleuten und es vorzogen statt einer mehr 
uüter den vielen Senatoren daln'im die »Tsien zu sein. Krst des 
Lacbare^i L'rrnkel Herklanos ist in iraianisclicr Zeil und in der Familie 
desHtrodes wahrscheinlich zuerst dessen Vater um dieselbe Zeit in d^n 
römischen Senat eingetreten^). — Die andere Laufbahn, weiche erst in 
der kaiserzeit sich auftbat, der persfinliche Dienst des Kaisers, gab wohl 
im günstigen Fall Reicbthnm und £infla(s und ist auch fräher und 
binfigcr ?ob den Griechen betreten worden; aber da die meisten 
and wichtigsten dieser SteUungen an den Offisierdienst geknOpflt 
waren, scheint auch fOr diese lingere Zeit ein foctischer Vorsug der 
ludiker bestanden sn hahen und war der gerade AVeg auch hier den 
Griechen einigermarsen verlegt. In untergeordneten Stellungen sind 
Griechen am kaiserlichen Hole von jeher und in grofser Anzahl ver- 
wendet worden und auf Imwegen oftmals zu Vertrauen und tintlufs 
geianm : aber dergleichen Persönlichkeiten kamen mehr aus den helle- 
nisiri^n Landschaften als aus Hellas selbst und am wenigsten aus den 
besmen heiienischen Häusern. För die legitime Ambition des jungen 
MauMs von Herkunft und Vermögen gab es, wenn er ein Grieche 
war, im römischen Kaiserreich nur heschränkten Spielraum. 

£s blieh ihm dieUeimath» und in dieser ffir das gemeine Wohlj^^ umUA' 
tbitig so sein war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr v^i;^^ 
bescheidene Pflichten und noch viel bescheidenere Ehren. 'EureAur- 
gibe*, sagt Dion weiter seinen Rhodiem, *ist eine andere als die der 



*) Hcrodes «ar H Cnüiuv (Fhilostratot vit. lopb. 1, 25, 5 p. 536), IffOi» 1« 
Jinig^v fs Toi's iiowtutovf {4u. 2 s. A. p. 645). Sout ist von Cosselat«! 
Miatr AbiM aicbta bekaDol; aber aicber ist der Grofsvatar Hipparcboa niebt 
Seiator geweiea. MSglicbar Weite baadalt es sieb fogar aar an coKnatische 
Asceodesten. Das rtaiaeha Bürgerredit hat die Familie nicht unter dea Jaliera 
viU C L A. ID, 499), aoadara trst oater dea Claadiera emplaagta. 



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262 



ACBTB8 BUCH. KAMTBL TU. 



^Vorfahren war. Sie konnten ihre Tüchtigkeit nach vielen Seiten bin 
'entwickeln, nach dem Regiment streben, den Unterdrackten bei- 
'stehen, Bundesgenossen gewinnen, Städte gründen, kriegen und siegen; 
*von allem dem vermögt ihr nichts mehr zu thim. Es bleibt euch die 
*FAhrung des Hauswesens, die Verwaltung der Stadt, die Verleihung von 
'Ehren und Auszeichnungen mit Wahl und Mafs. der Sitz im Rath und im 
*Ciericht, «ler (iottesdienst iiihI «lie Feier der FpsIc ; in nllcm diesem könnt 
*ihr cu*:h vor andern Städlen au8Z»'ichnen. Aurli das ist nichts (ioringe?. 
'die anständigellaltting, dicSorgfail ffirllaar mui IJarl, dcrgeselzte^iaiii: 
'auf der Strafse, so dal's hei euch seihst die anders gewöhnten Frem- 
*den sicli es al)gewöhnen zu rennen, die schickliche Tracht, sogar, wenn 
*es auch lächerlich erscheinen mag, der schmale und knappe INirpur- 
*saum, die Ruhe im Theater, das Mafshalten im Klatschen: das alle^ 
*macht die Ehre eurer Stadt, und mehr als in euren Häfen und 
'Mauern und Docks zeigt sich hierin das gute alte hellenische Wesen 
«und erkennt hierin auch der Barbar, der den Namen der Stadt nicht 
*weifs, dafs er in Griechenland ist und nicht in Syrien oder Kilikien.' 
Das traf alles zu; aher wenn es jetzt nicht mehr von dem Bürger ver- 
langt ward für «lie Vaterstadt zu sterhen, so war doch die Frage nicht 
ohne Heroc litigung, oh <•> noch der Muhe werlh sei für diese Vater- 
stadt zu lehen. Fs giel»l vou IMutarrhos eine Aiis«'inandersetziing über 
die Stellmii: der griechischen (n'moindchfninion zu seiner Zeit, wurin er 
mit der iiini eigenen Billigkeit und Umsicht diese Verhältnisse erörtert. 
Die alte Schwierigkeit die gute Verwaltung der öfrentliclien Angelegen- 
heiten zu führen mittelst der Majoritäten der unsicheren, launenhaften, 
oft mehr den eigenen Vortheil als den des Gemeinwesens bedenkenden 
Bürgerschaft oder auch der sehr zahlreichen Rathsversammlung — 
die athenische zählte in der Kaiserzeit erst 600, dann 500, später 75(i 
Stadträthe — bestand wie früher so auch jetzt; es ist die Pflicht des 
tüchtigen Beamten zu verhindern, dafs das *Volk' nicht dem einzelnen 
Hürgcr l'nrecht ihut, nicht das Privatvermögen unerlauhter Weise an 
.sich zieht, nicht das Gemeindegut uiitca' sich vnrth»'ilt — Aulgahen. 
die dadurch nicht leichter werden, daIV d<T Beamte kein Mittel dafür 
hat als die verständige Krmahnung und die Kunst des Demagogen, 
dafs ihm ferner gerathen wird in kleinen Dingen nicht allzu spröde zu 
sein und wenn bei einem Stadtfes l eine mäfsige Spende an die Bürger- 
schaftin Antrag k om ml, es nicht solcher Kleinigkeit wegen mit den Leutea 
zu Terderben. Im üebrigen aber hatten die Verliiltnisse sich völlig rer- 



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DAS GMEOIIflGHB BUROPA. 



263 



ändert, and esmab der Beamtein die gegenwSrtigen sich schicken lernen. 
Tor alleni hat er die Machtlosigkeit der Hellenen sich selbst wie den 
Nitbftrgem jeden Augenblick gegenwirtig bu halten. Die Freiheit der 
Gemeinde reicht so weit die Herrscher sie gestatten, und ein Mehr 
wMe ancfa wohl vom Uebel sein. Wenn Perikles die Arotstracht an- 
legte, so rief er sich tn nicht zu yergcssen, dafs er über Freie und 
Griechen herrsche; Leute hat der Beamte sieb v.u sagen, tlafs er unter 
pjnem Herrsrlier herrsrhe, fiher eine den Proconsiihi und dm kaiser- 
lichen ProcuratiHHii untergebene Stadl, dals er nichts sein könne und 
ilürfe als das Organ rb^r ne«:i»Tunfi, dafs ein Federslrirli des Stattlialters 
i;enüge um jedes seiner Decrcte zu vernichten. Darum ist es die erste 
Pflicht eines guten Beamten sich mit den Römern in gutes Einver- 
nehmen zu setzen und wo möglich eindufsreiche Verbindungen in 
Rom anzuknüpfen, damit diese der Heimath zu Gute kommen. Frei- 
ltdi warnt da* rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servilitjlt; 
nöthigenfalls soll der Beamte muthig dem schlechten Statthalter ent- 
gegentreten und als die höchste Lebtung erscheint die entschlossene 
Vertretung der Gemeinde in solchen G>nflicten in Rom vordem Kaiser. 
In bezeichnender Weise tadelt er scharf diejenigen Griechen, die — 
fjanz wie in den Zeiten des acbäischen Bunib's - hei jedem öiili» b»*n 
Hader die Intervention drs njinisf ben Siattbalters berl)eituln en, und 
mahnt dringend (be Cemeindeangele^enbeilcn lieber innerhalb der 
liemeinde zu erledigen als durch Appellation sich nicht so sehr der 
Oherbebürde als den hei ihr tbätigen Sachwaltern und Advocaten 
io die Hände zu liefern. Alles dieses ist verständig und patriotisch, 
so verständig und so patriotisch wie einstmals die Politik des Polyhios, 
aof die auch aosdrficklich hingewiesen wird. In dieser Epoche des 
vAIKgen Weltfriedens, wo es weder einen Griechen- noch einen 
finiNirenkrieg irgendwo gieht, wo die städtischen Commandos, die 
städtischen Friedensschlflsse und BOndnisse lediglich der Geschichte 
sDgeb5ren , war der Rath sehr am Platze Maralhon und Plataeae den 
Sctnittneistern zu ülierlassen und nicht die Köpfe der Kkklcsia mit 
«l^i^lei* lion grolsen WoiLj'u zu erliitzcn, \ielniebr in dem engen 
Krpise der noch gestatteten IreifMi Bewegung sich zu bescheiden. Aber 
die Well gehört nicht dem Verstände, sondern der Leidenschaft. Der 
hellenische Bürger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland seine 
Pflicht thun; aber für den rechten politischen nach Grofsem ringenden 
l^hrgsiz, für die perikleische und alkibiadische Leidenschaft war in die- 



Digiti^ca Ly Li(.)0^[e 



264 



AGBTBS WOea. KAPITIL VH. 



fem Hellas, vom Schreiblisch etwa abgesehen, Dirgends ein Raum, 
und in der Lücke wucheinen die Gtftkriuter, die da, wo das höbe 
Stnben «ratiokt ist, die Menachenbniat venehren und das MeQaokaa- 
ben vergifken. 

BfM- Damm iat Hellas auch das Mutterland der herantargekoauMBea 
*^ iDbaltlosen AmbitioD, unter den vielen aekweren Schiden der ainkea- 
den antiken Cif Üisatkm vielleicbt des am meislen aUgeaaeiMii und 

sicher eines der Terderblichsten. Dabei stehen in erster Reihe die 
Volksfeste mit ihrer Freisconcurrenz. Die olympischen Wettkämpfe 
stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das allgemeine 
Turnerfest der griechischen Stämme und Städte und der nach 
dem Spruch der ' Hellasrichter' dem tüchtigsten Wettläufer aus den 
Zweigen des Oelbaums geflochtene Kranz ist der uoschuklige und ein- 
fache Ausdruck der Zusammengehörigkeit der jungen Nation. Aber 
die politische £ntwickelung hatte bald äber diese Morgenröthe bia- 
ausgeführt. Schon in den Tagen des athenischen Seebundes oml 
gar erst der Aleundermonarehie war jenes Hellenenfest ein Anachro- 
nismus, ein im Mannesalter fortgeführtes Kinderspiel; dalb dar 
Besitser jenes Oelkranses wenigstens sich und seinen MitbArgem ah 
Inhaber des nationalen Primats galt, kam ungefähr darauf hinaus, wie 
wenn man in England die Siej»er der Stuilcnleiuegatten mit Pitt uüd 
Beaconsüeld in eine I.inie stellen wolllo. Die Ausdehnung der helle- 
nischen Nation durch Colonisirung und iiellenisirung fand in ihrer 
idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem traumhaften Reich 
des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische ftesi- 
politikder Diadochenzeilhalsich denn auch um dasselbe wie billig wenig 
bekümmert Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhelienischca 
Gedanken aufnahm und die Römer in die Rechte und die Pfliebtea 
der HeUenen eintraten, da blieb oder ward fOr daa rOmische AUhsHas 
Olympia das rechte Symbol; erscheint doch unter Augushis der ernte 
römische Olympionike, und zwar kein geringerer als Augustus Stiel- 
söhn, der s^ere Kaiser Tiberius Das nicht reinliche Ehebflodails, 

>) Der «nte rSniieh« Olympionike, voa dem wir wisteD, kt Tl. Cfaw> 
ditts Tl. f. N«ro, ohoe Zweifel der epltere Kaiser, mit den Viergee^ai (Arck. 
ZeitaDf 1880 p. 53); et füllt dieser Sieg webrseheSiüieh Ol. 195 (e. Chr. IK 

oicbt Ol. 199 (n. Chr. 17), wie die Liste des Africaous aifiebt (Eoseb. ], 
p. 214 Schöne). la diesem Jahre siebte vielmehr sein Sohn GerimiDteat, ehM- 
felli mit dem Viersespa»« (Arch. Zeitnof 1879 S. 36). Unter de» epoiyM 



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AIS CEiSCHISCHE EUAQPA. 



265 



welche« das Allbellenenthum mit dem Dämon des Spiels einging, 
machte aus diesen Festen eine ebenso mächtige und dauernde wie im 
Allgemeinen und beioaders für Hellas schädliche Institution. Die ge- 
sammle hellenische und hellenisirende Welt betlMiligte sich daran, 
lie kcsdudund und sie nachabmend; überall «prüfen ihuUclie für 
die glitte griechiedie Welt beetiminte Feste aua dem Boden und die 
eifrige Antbeilnahne der breiten Jfasaen, daa allgemeine Interesse fSr 
den einselnen Wettkämpfer, der Slolx des Siegers nicht blofii, sondern 
soiiiee Anhangs und s«ner Heimalh Heben fost Tergessen, um welche 
INnge eigentlich gestritten ward. Die römische Kegierung liefs diesem 
Weltliirnen und den sonstigen Wetlkampfcn nicht blofs IVcien Lauf, 
sondern hetlieiiigte das Keich an denselben; das Hecht der feierlichen 
Einholung des Siegers in seine lleimatlK>ta<lt hing in der Kaiserzeit 
nicht von dem beliehen der betreilVnden Bürgerschaft ab, sondern 
wurde den einzelnen Spielinstituten durch kaiserliches Privilegium 
verliehen^) und in diesem Fall auch die dem Sieger lustehende 
jihrlicbe Pension (tf^f^tf«;) auf die Reichskaise Obernommen, die 
bedeutenderen Spieliustitute also geradezu als Reicbseinricbtungen 
behandelt Dieses Spielwesen erfoüite wie das Reich selbst so alle 
Provinsen; immer aber war das eigentliche Griechenland der ideale 
Mitteipnnct solcher Kämpfe und Siege, hier ihre Heimatb am Alpheios, 
hier der Silz der ältesten .Nachbildungen, der noch der grofsen Zeit 
des hellenischen .Namens angehürigen und von ihren klassischen 
i*ichtern verhenlichlen Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder 
einer Anzahl jüngerer, aber reich ausgeslalleter ähnlicher P'este, der 
Eurykieen, die der oben erwähnte Herr von Sparta unter Augustus 
gegründet, der athenischen I^anathenaeen, der von Hadrian mit kaiser* 
lieber Muniticens doUrten ebenfalls in Athen gefeierten Fanhellenien. 
Man durfte sieb verwundern, dafs die ganae Weit des weiten Reicbes 
sich um diese Turnfeste su drehen schien, aber nicht darüber, dafs 



OlympiooikeD, den Si»*pfrn im Stadium, findet sich kein Künier: diese Ver- 
letzaof des griechi!»cbeD iNatioDalgefühls «cheiot veriuiedeu wordeu zu »eia. 

') £iBaIso privilefirtes Spiellattitat heiiiat dyuv U^oit certamm tmfrmu. 
(<atb«iftt wdt PteiioBimas: Dio 51, 1) 9ä9r dynptiütlmuiae, eertmmmiada- 
aUmm (vgL oater AnSerea Pliniu ad Trat 118. 119; C. 1. L. 515). Aaelt 
die Xytiarehie wird, WMlgt^cBt in gewitsea Filleo, vom IUIs«r verliehen 
(Ditteob«rger Hermes ]2, 17 f.). Nicht «it Uar«eht aeMea di«M latlilatc 
•ich 'Wettspiele' {uyu¥ olteovftWMof), 



2C6 



ACUTES BUCH. KAPITEL VII 



an diesem seltsamen Zaulierherhei* \ov allem die Hellenen sich be- 
rauschten, und dafs das politische Stilleben, das ilne besten Manner 
ihoen aDempfahlen , durch die Kränze und die Statuen und die Privi- 
legien der Festsieger in schädlichster Weise verwirrt ward, 
Di« Eioen ihnlichen Weg gingen die städtischen Institationen, aUer- 

AnbiHon. dings im ganzen Reich» aber wiederam Tonugsweiae in Helhia. Ab 
es dort noch grobe Ziele und einen Ehrgeii gab, hatte in Hellas, ebea 
wie in Rom. die Bewerbung um die Gemeindeämter und die Gemeinde- 
ehren den Mittelpunct des politischen Wetteifers «jebildet und neben 
vielem Leeren, l.;u'h»M li( lien. Bösartigen auch die tüchtigsten un i 
edelsten Leislnniren hervorj,'ei iifen. .lef/t war der Kern verschwun- 
den, die Schale rjeblieben; in Panopeus im IMiokischen standen zwar 
die Häuser ohne Dach und wohnten die Bürger in Hütten, aber es war 
noch eine Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der pholiischen 
Gemeinden fehlten die Panopeer nicht. Diese Stfidte trieben mit ihren 
Aemlem und PriesterlhQmern, mit den Belobigungsdecreten durch 
Heroldsruf und den Ehrensitsen bei den öffentlichen Versammlungen, 
mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den Statuen zu Fuff 
und zu Rofs ein Eitelkeits- und Geldgeschäft schlimmer als der 
kleinste iMiodezfürst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. 
Es wird ja aurli in diesen Vorii.iniien das wirkliche Verdienst und di^' 
ehrliche Dankbarkeit nicht gefehlt haben; aber durchgängig war e< 
ein Handel auf Geben und Nehmen oder, mit Plutarch zu reden, ein 
Geschäft wie zwischen der Gourtisane und ihren Kunden. Wie heut- 
zutage die private Munificenz im Positiv den Orden und im Super- 
lativ den Adel bewirkt, so verschafUte sie damals den priesterlicben 
Purpur und die Bildsfiule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt 
der Staat mit seinen Ehren Falschmönzeret. In der Massenhaftigkeit 
dtTHili-ier Proceiluren und der R(»hheit ihrer F«>rmen sieben ,di»* 
h<'utig<*n I.eistMniien hinter denen der alten Welt beliäclitlich zurück, 
wie natürlich, da die durcii den Staalsbe^Tifl" nicht j^ruügend gebändifftf 
scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet ungehindert 
schaltete und die decrelirenden Dehörden durchgängig die Bürger- 
schaften oder die Rätbe von Kleinstädten waren. Die Folgen waren nach 
beiden Seiten verderblich : die Gemeindeämter wurden mehr nach der 
Zahlungsßhigkeit als nach der Tüchtigkeit der Bewerber vergeben; die 
Schmäuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und 
den Schenker oftmals arm ; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und 



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MS 6IIIKGHI8CHB BOIIOPA. 



267 



d«iii VarmdgensTerrall der guten Panllien trigt diese Uasitte ihren 
▼oOgemessenen Antheil. Aach die WirthschafI der Gemeinden selbst 
litt schwer anter dem Umsichgreifen der Adnlation. Zwar waren die 
Ehren , mit welchen die Gemeinde dem einzelnen Wohlthilter dankte, 

grofseniheils nach dcmsriben verständinen Prin* ip der Billigkeil be- 
messen, welrli»»s heijtziilape die ähnlichen de.coraliven Vergfinstipungen 
beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand häutig der VVohl- 
thäter sich bereit zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsäule selber 
zu bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, 
welche die Gemeinde ▼ornehmen Ausländern, vor allem den Statt- 
haftem und den Kaisem wie den Gliedern des kaiserlichen Hauses 
erwies. Die Richtung der Zeit auf Werthscbätsung auch der 
inhaltloeen und obligaten Huldigung beherrschte den kaiserlichen Hof 
lind die römischen Senatoren nicht 90 wie die Kreise des kleinstädlischen 
Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fühlbarer Weise ; und selbstver- 
ständlich wuchs(;ii dir Khrcu und di«* Huldigungen einmal im Laufe 
der Zeit durch die ihnen eij^ene Vernutzung. und ferner in d»'rnselben 
Mafs, wie die Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Uegieniii}; 
betbeiiigten Persönlichkeiten. Begreiflicher Weise war in dieser llin< 
sieht das Angebot immer stärker als die Nachfrage und diejenigen, die 
solcbe Huldigungen richtig würdigten, um davon verschont zu bleiben, 
genöthigt sie abzuwehren, was im einzelnen Fall oft genügt), aber 
coDsequenter Weise selten geschehen zu sein scheint — für Tiberius 
darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsäulen vielleicht unter 
seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben für Khren- 
denkmäler, die oft weil über die einfache Stalue hinausgingen, und 
für Ebrengesandtscbaften ^) sind ein Krebsschaden gewesen und im- 

') Kaiser Gaius zum Brispirl verbittet sieb in Hcioem Schreiben an den 
Ludtag von Acbaia die ^%vnUe Zahl' der ihm znerkaooten Bildsnaulen und 
bp*ori?r sich mit den vier von Olympia, Nemca, Delphi und dem Isthmos lieil 
in->rf. Boeot. n. .'{1. Uersellte Landtag bpsrhliefst Am\ Fiaiser ll.-idrinn in jeder 
»piner Städte eine Bildüiiule /u setzen, \<)n v\elrli»'ii die Hiisis (irt in Abea in 
Messenien aiirgestelUea sich erhalten bat (C. I. (»r. 1307). Haiserliche Autori- 
aattoo ist für solche Setzungen von je her gefordert wordeo. 

Bei der RaTitiaa der Stadtrech Doogeo van Byuatioa faud Pliaiat, 
dafa ^brlieh 12000 Saaterzaa (2500 M.) for daa dem Kaiser oad 3000Sester- 
aen {fihfi M.) för dea den Slattbalter voa lloeslea dareb eiae beaoadere Depatatioa 
SB Sberreiebeadea Neejahrsfläckwaascb aagesetzt t^areo. Pliaias weist die 
Behörden ao diese Glück wiinsebe fortaa aar sebriftlieb eiaaaseadea, wasTraiaa 
bUligC (ep. ad Trai. 43. 44). 



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268 



ACSTI8MH». lAPITBLVn. 



raer mehr geworden an dem Gemeindehausbalt aller Profhizen. Aber 
ktioe wohl bat im VerhillnillB la ihrer geriogen LeiatoigafiUHgkiil «o 
grobe Summen anDflU aufgewandt wie die Pfovins von Bettai, das 
Matlerland wie der Festsieger- so aueb der Gemeindeefaren and in 
einem Prindpat in dieser Zeit unObertrollsn, in dem der Bedientaii» 
demuth und nnterlbanigt>n Huldigung. 
Handel uinl Dal's die wirtlischaftlicben Zustände Griechenlands nicht günstig 
▼•rkchr. ^^j^j.^j^^ brauclit kaum noch besonders ausgeführt zu werden. Das 
Land, im Ganzen genommen, ist nur von mäfsiger Fruchtbarkeit, die 
Ackerfluren von beschränkter Ausdehnung, der Weinbau auf dem 
Continent nicht von hervorragender Bedeutung, mehr die Cultur der 
Otive. Da die Bräche des lierOhmten Marmors, des gläniend weiAen 
attischen wie des grflnen karystischen, wie die meisten öbrigen imb 
Domanialliesits gehörten, kam deren Ausbeutung durch die kaissr- 
Hchen Sclaven der Bevölkerung wenig zu Gute. — Die gewerbfleirsigste 
der griechischen Landschüften war die der Achaer, wo die seit langem 
bes^ichcndc Fabiication von WollenstofTen sich behauptete und in der 
wolil bevölkerten Stadt Patra« zahlreiche Spinnereien den feinen 
eliscben Flachs /a\ Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst 
und das Kunslhandwerk blieben auch jelst noch vorzugsweise den 
Griechen, und von den Massen besonders pentelischen Marmors, 
welche die Kaiserzeit verbraucht hat, mulk ein nicht geringer Theil an 
Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Ueberwiegend aber dblen 
die Griechen beide im Ausland; von dem früher so bedeutenden 
Export des griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die 
Rede. Den regsten Verkehr hatte die Siadt <ler beiden Meere, Korinth. 
(lio allen Hellenen gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Melro- 
\tt)U\ wie ein Kedner sie hczeiclinet. In den beiden römischen Colonien 
Korinth und l\)trac, und aul'serdem in dem stets von schauenden und 
lernenden Auslfmdern gefüllten Athen concentrirte sich das gröfsere 
Banquiergescbäft der Provinz , welches in der Kaiserzeit wie in der 
republikanischen zum groben Theil in den Händen dort ansässiger 
Italiker lag. Auch in Plätzen zweiten Rauges, wie in Argos, Elis, 
Manlinela im Peloponnes, bilden die ansässigen römischen Kauflente 
eigene neben der Bürgerschaft stehende Genossenschaften. Im All- 
gemeinen lag in Achaia Handel und Verkehr darnieder, namentlicli 
seit Rhodds und Delos autVeliöi t halten Stapelplatze tVir den Zwischeii- 
verkehr zwiäciien Ai^ien und Europa zu sein und dieser sich nach 



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DAf «imCHlftGaK BUMVA. 



260 



llalieD geiogMi hatte. Die Hralem wir gebindigl und auch die Land- 
ftnflwD ifM leidlich aidMr^); aher damit Itehita die dte glMlicbe 
Zeit Mch nicht aoröck. Der Vertdug dea Pdraeeua wurde achon 
gfldacht; ea war ein Ereigaifii, wenn einea der grollMn Sgyptiacben 
C Hr e id e sc hiffe sieh etnoial dorthin Terinrte. Nauplia, der Hafen von 
Argos. nach Patrae der bedeutendsten Küstenatadt des Peloponnea, (»nUhao. 
lag ebenen wüsl^). — Hern entspricht es, dafs für »lie Slrafsi^n dieser 
Provinz in der Kaiserzeit so gut wie nichts j?eschchpii ist; römische 
Meilensteine haben sich nur in der nächsten Nähe von l'atrae und 
von Athen gefunden und auch diese gehören den Kaisern aus dem 
Knde des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die 
friheren Regierangen darinf Yenichtet hier Gommnnicationen her- 
lütfllen. Nur Hadrian unternahm ea wenigatena die ao wichtige 

IhU die LaadstraHieD io Griecheolaod beioaders aasicher gewesen 
»eien, eifahreo wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pias (vita 5, 4) iat 
>riDer Art nach völlig danke). Wenn der (iiiuhn hatiptinann überhaupt — 
nicht fben gerade der griechische — iu der geringeii Lilteratur der Epoche 
fiae hervorragende Rulle spielt, so ist dies \ehikel den schlechten Koiuid- 
•chreihero aller Zeiten gemein. Das euboeisehe Oedland des feiaereo Dion ist 
■lobt tb BUmett, aoaden ea tiad die Tripaaier «iaer grofsee GaUwirth- 
Mkilt, dem Inhaber seioei ReiehtheBs wegta vob Reiter venartbeilt wordeo 
ist «d 4i« Mitdea wiat llagt UebrigeDa seift sieb bier, was freilicb wsaia- 
itias Hr Nt^-Geleiu'te keiaes Beweises bedarf, dafs diese Geschichte gerade 
cbetso mihr ist wie die meisten, welche damit anfangen, dass der ErxSbler 
»ie selbst von dem Betheiligten habe; wäre die Confiseation historisch, so würde 
<jpr Besitz an den Fiscus gekommen sein, nicht an die Stadt, welche der 1^- 
zaUer denn auch sich wohl hütet zu uenneu. 

') Des ü((yptischen Kaufmauus aus Couütantius Zeit uaive Schilderung 
Adsias mag hier noch Platx finden: 'Das Land Achaia, Griechenland aad 
'Lskaaiea bat viel Gaiefcrsanikeit, aber fdr die Sbrigea Bedürfaisse ist es 
^sasaliaglich: deas es ist eiae Ueiae aad gebhvige Pravias «ad baaa aiebt 
'viel Getraida liebra, araaagt aber etwas Oal aad dea attisebce Haaiy, aad 
'kann mehr wegen der Schalen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht 
'aber so in den meisten übrigen Bc/iehuiinen. \ oo Städten hat es Korintb 
oad Athen Korinth h;it \ iei Handel und ein schönes Gebäude, das Amphi- 
theater, Athen ;iber die alten Bilder {hisforias antiquas) und ein eiwiihnens- 
'»erthes Werk, die Burg, wo Aiele Bildsäulen .stehen und wniide/b;tr die 
*Krie§sthaten der Vorfahren darstellen {ubi muUis ulatutA ttunliliti.s nma- 
*kS§ ut tUUre dicendum antiquorum bdbtm), I^akoniea soll alleiu den Mar- 
'«•r vos Krokeae aol^weisoa babea, dea maa dea lakedaaoiaaisebeB aeaat' 
Die Bsrbsrai des Aosdrocks koauat aiebt aof Recbaunf des Schreibers, soa- 
4cra saf die des riel spaterea UeberssUers. 



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270 



ACHTES BUCH. EAFITBL VII. 



wie kum Landverbindung iwiicben Korintb und Megara über den 
schlimmen skiroDischen KJippeD|Mis durch gewaltige ins Meer geirer- 
fene D&mme xu einer fahrbaren StraDse su machen. — Der seit langwa 
verhandelte Plan die korinthische Landenge zu durchstechen, den der 
Dictator Caesar aufgefafst hatte, ist spiterfain erst von Kaiser Gaiust 
dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bet 
seinem Aufenthalt in Griechenland persönlich zu dem Kanal den ersttfii 
Stich gethan und eine lleihe von Monaten hindurch 6U00 jüdisch*- 
Kriegsgefangene an demselhen arheiteu lassen. Bei den in unseren 
Tagen wieder aufgenommenen Durcbsticharbeiten sind bedeutende 
Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen, welche zeigen, daCs 
die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie abbrach, 
wahrscheinlich nicht in Folge der einige Zeit nachher im Westen aus- 
brechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem 
ahnlichen ägyptischen Kanal, in Folge des irriger Weise vorausge- 
setzten verschiedenen Höhestandes der beiden Meere bei Vollendung 
des Kanals dfu l ntergang der Insel Aegina und weiteres Unheil be- 
fürchtete, f reilich würde dicker Kanal . wenn er vollendet worden 
wäre, wühl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekürzt habeo^ 
aber Griecheuiand selbst nicht vorwiegend zu Gute gekommen sein. 



■piriM. Dafs die Landschalten nördlich von Hellas, Thessalien nnd Make- 
donien und wenigstens seit Traian auch Epirus in der Kaiserseit 
administrativ von Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt 

worden (S. 233). Von diesen iiat die kleine epirotische Provinz, die 
von einem kaiserlichen Stalllialler zweiten lianges verwallet wunle, 
sich niemals von der Verwüstung erholt, weiche nn Verlauf des dritleo 
makedonischen Krieges über sie ergangen war (1,776). Das hergigf 
und arme Binnenland besafs keine namhafte Stadt und eine dünn ge- 
säete Bevölkerung. Die nicht minder verödete Küste war Augustus za 
heben bemflht durch eine doppelte Stidteanlage, durch die Vollendum 
der schon von Caesar beschlossenen Colonie römischer Bürger inttuthre- 
tum Kerkyra gegenAber, die indefs zu keiner rechten Blflthe gelangte, 
Hikop«ua. und durch die GrOndung der griechischen Stadt Nikopolis an ebea 
der Stelle, wo vor der aktischen Entscheidungsschlacht das Hauptquar- 
tier gestanden hatte, an dem südhchsteu Functe von Epirus, anderthalb 



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BiAS GftlBCBISCHB EOEOPA 



271 



StüDcJen nördiicb von Pre?esa, nach Augustus Absicht zugleich ein 
dauenMlM DeDkmal det groCwn Seesiegs und der Mittelpunct nea auf- 
UAhenden helJenischen Lebens. Diese Grflndung ist in ihrer Art als 
rdmisebe neu. 

An Ambrakias Statt und des amphilocbiscben Argos, 
an Thyreions und an Anakturions Statt, 

auch an Leuka^ St.ilt uiul \\,k» vom SuUli»?ii noch riii^-iim 
^a^end i]e> Ares Speer wt itJT zu Hoden geslri-ikt. 

gründet die Siegsstadl Caesar, die iieilige, al»o dem kOuig 
Phoebos Apullon mit ihr dankend den akli^ehen Sieg. 
Oit^e Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen ein- 
fach au8, was Augustus hier gethan hat: das ganze umliegende Gebiet, 
du sudliche Epinis, die gegenüberliegende Landschaft Akarnanien 
mit der Insel Leukas, selbst einen Theil von AetoUen vereinigte er zu 
eioen Stadtgebiet und siedelte die in den dort vorhandenen verküm- 
mernden Ortschaften noch flbrigen Bewohner öber nach der neuen 
Stadt Nikopolis, der gegenüber auf dem akarnanischen Ufer der alte 
Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und er- 
weitert ward. Mine römische Stadl ist nie in dieser Weise ^eyrfindel 
worden; dies ist der Synoekisujos der Alexandriden. Ganz in derselben 
^^eise haben köiii^ Kassandrus die luakedonisehen Städte Tbessaluinke 
und kassandreia. Demetrios ihr Stadlebezwinger die thessaiische Stadt 
l'emelrias, Lysimachos die Stadt Lysimacheia auf dem thrakischen 
Chersoiies aus einer Anzahl umliegender ihrer Selbstständigkeit ent- 
kleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen Charakter 
der Gründung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines 
Stillers eine griechische Orofsstadt werden^). Sie erhielt Freiheit 
and Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits an- 
gegeben ward, in der das gesammte Helhis vertretenden Amphiktionie 
den fflnften Theil der Stimmen führen und zwar, wie Athen, ohne 
mit anderen Städten zu wechseln (S. 2'^2}. Das neue aktische Apollo- 
heiiigilium ^^ar söllig nach dem Muster von Olympia eing«richtel, 
«nil (•int'iii Vierjalirfesl , das .-^elbst den Namen des olympischen 
Qeben dem eigenen lührle, gleichen Uang und gleiche Privilegien, 

*) Wmb TacitM tBB. 6, 10 Nikopoli« «loe eabmia Homatut sMot, so 
Ut 4u twar MiffTtTttiadliek, aber Bicht gerade «aricktig, irrig abar das 
PUaias (b. a. 4, ], ft) eotomia AmguHi MüiM cum . . . cMtaU Uber* 
Nk^pmmim, da Aktiaa SUdt so araaig gawesca ist wie Olyaipia. 



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272 



ACHTES BUCH. KAPITEL TIL 



aach sein« Aktiaden wie jenes teine Olympiaden hatte'): die Stadt 

Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt Elis zu dem olympiaClieil 
Tempel*). Sorj^tältig ward bei der stiultischen Einrichtung sowohl 
wif bei den religiöi;en Ordnungen alles eigentlich ltali^chc ver- 
mieden, so nahe es lag die mit der ReichsbegrOndung so innig ver- 
knöpfte Siegesstadt in römischer Weise zu gestalten. Wer die au- 
gustischen Ordnongen in Hellas im Zusammenhang erwägt und 
namentlich diesen merkwürdigen Schlufsstein, wird sich der Uebar- 
seugung nicht verschliefsen können, da£i Aoguslus eineReoiganisatioa 
von Hellas unter dem Schnts dea römischen Principats ausföhibar 
geglattfathtl und hat ausfahren wollen. DieOertlicbkeit wenigstens war 
dafür wohl gewählt, da es damals, vor der Ornndung von Pati .ie. an 
der ganzen griechischen Westküste keine grufsere Stadt gab. Aber 
was Augustus im Anfang seiner Alleiuherrscliafl liotVeii mochte, hal er 
nicht erreicht, vielleicht selbst schon späterhin aufgegeben, als er 
Patrae die Form der römischen Colooie gab. Nikopoiis blieb, wie die 
ausgedehnten Ruinen und die zahlreichen Münzen beweisen, ?erhiit- 
nüSimIfsig bevölkert und blühend*), aber seine Bürger scheinen weder 
im Handel und Gewerbe noch anderweitig herTorragend eingegrüfen 
SU haben. Das nördliche Epirus, welches, IhnUchwie das angreniende 
SU Makedonien gelegte lllyricnm, snni gröfseren Theil ton albaoe- 
sischen Völkerschaften bewohnt war und nicht unter Nikopoiis gelegt 
ward, ist in der Kaiserzeit in seinen einigermafsen noch heute fort- 
bestehenden primitiven Verbältnisseu veibliebeu. 'Epirus und lUyn- 

*) 'O uytiiv 'Okvfdntoi ia jiMtiai Strtbon 7, 7, 6 p. 325. jtxTiasi i^fkm 
belL 1, 20, 4. ttfarrioy/vqc 8fter. Wie di« vier grofseo grieehisehea LaaMMli 
bekanatlidi ^ ntgiodos hbitaeu, der im alleo vier g ekrSete Sieger nt^odwit^ 
•o wird C l. Gr. 4472 aoeh dea Spielea vea Nikopelii beigefügt t^s ntQtoiM 
oad jene Periodos elf die alte {aQ^ata) bezeichnet Wie die Wetttpidt 
Sfker ioolvfinta heilten , so fladet sich anch aywp laAfitog (C. I. Gr, 447S) tler 
e&rUmun ad exemplar jictiacae r^igimU (Tadtas aaa. 15, 23). 

*) So neoot sich ein >ikopolit «p/oi»' tt/c /fp«f!^xTinx»*f .'?oii.^f (Delphi; 
KheiD. Mus i\. F. 2. III), wio iu Elis es heilst ii nohs 'Hktiwv xtü t] X>hu- 
nixTi ßoilij (Arch. Zeit. IsTii S. 57; ähnlich daselbst 1*577 S. 4 >. 41 und sonst, 
üebrigeus erhielten die Spartaner, als die eiuzif^en on dem actischeo Sief« 
Biit betheiii^teo Helleoea, die Leitoog (imfiiXeiu) der aktischea Spiele (Strt* 
boa 7, 7, 0 p. 325); ihr VerfaXItaUii n der ßouki^ ^foriaon} vea Nikopolli k«Mce 
wir aiebt. 

•) Die Schilderaag seiaes Verfalli ia der Zeit des Ceastaativs (paaeg. U»') 
bewebt für die frohere Rtiierseit vielmehr das GegeatbeiL 



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AAS fiBIBOiUCilB KUBOPA. 



273 



cum\ sagt Strabon, 'ist zum grofsen Tlieil eine Einöde; wu sich 
Menschen finden, wohnen sie in Llörfern und in Trümmern früherer 
'Städte; audi das' — im roithradatischen Kriege von den Tbrakem 
TerwQsiete (2« 287) — *Onkei foo Dodona iit erioachea wie dai 



Tbenalieo, an sich eine rein helleniache Landschaft so gut wie tlmmUm. 
Aetolien and Akarntnien^ war in der Kaiseraeit adminiatrati? von der 
ProTinz Achaia getrennt and stand unter dem Stattlialter von Make- 
donien. Was von Nordgriechenland gilt, triflTt auch auf Thessalien 

zu. Die Freiheit und Autonomie, welche Caesar den Tliessalern all- 
gemein zugestanden oder vielmehr niclil entzogen hatte, scheint ihnen 
wegen Mifsbrauchs von Augustus genommen wurden zu sein, so dafs 
späterbin nur Pharsalos diese Rechtsstellung behalten bat'); römische 
Colonisten sind in der Landschaft nicht angesiedelt worden. Ihren be- 
aonderen L»andtag in Larisa behielt sie, und auch die städtische Selbst- 
verwaltung ist, wie den abhängigen Griechen in Achaia, so den 
Thessalem geblieben. Thessalien ist weitaua die frachtbarste Land- 
achaft der ganien Halbinsel and fahrte noch im vierten Jahrhundert 
Getreide aus; nichtsdestoweniger sagt Dion von Prusa, dab auch 
der Peneiea durch wflstes Land Oiefae, und es ist in der Kaiseraeit in 



*| Die AufFftbaifeii !■ Do4«u hakea dies Mitift; alle Fandttieka 

geboren der vorrömUeheD Bpoehe ao mit Ausnahne einiger MUazen. All«r« 
diigs hat ein Restanrationsbaa stattgefunden, dessen Zeit sich niclit bestimmen 
läfst; vielleicht ist er gaoz spät. VVeou Hadriau, der Ztvs Juiduvatoq ge- 
LaDBt ^ird (C. I. Gr. 1822), Dodooa besucht hat (Dürr Reiseo Hadrians S. 56), 
so that er es als Archäolog. Gioe Befragung des Orakels in der Kaiserzeit 
wird nur, ond auch nicht in glaubwürdigster Weise, berichtet von Kaiser 
Jaliaa CnM«d«rettt Ust Md. 3, 21). 

*) Di« VwfBgvng Caesars basaagaa Apptaa b. e. 2, 88 aad Plotardl 
Caaa. 48 ond si« itiuit sa aafaan aifeaaB Baricbt b. e. 8^ 80 nebt gut; 
dagafan nennt Plinias h. n. 4, S, 20 nur Pharsalos als freie Stadt. Zu Augnatat 
Zeit wurde ein vornehmer Thessaler Petraeoa (wabracheiolich der Caesarianer 
b. c. 3, 35) lebendig verbrannt (Plntarch praec. per reip. 19), ohne Zweifel 
nicht durch ein Privatverbrecheo, sondern nach Beschlufs des Landtags, und 
es worden die Thessaler vor das Kaisergericht gestellt (Sneton Tib. 8). Ver- 
Buthlich gehören beide Vorgänge uod ebenso der Verlust der Freiheit zasanunen. 
Maaaaaaaa» faia. Oaaskkht«. T. X8 



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274 



ACUTES BICH. KAPITEL Vil 



(liestT Landschaft nur in sehr geringem Unifang gemünzt woi ilen. Lm 
die Iler^tellung von Landstrafsen haben Hadrian und Üiocietian sich 
bemüht, aber auch, so viel wir sebeOi von den römischen Kaisem sie 
allein. 



Makedonien als römischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, 
verglichen mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. 
Allerdings reicht es wie dieses von Meer zu Meer, indem die Küste so- 
wohl des ägäischen Meeres von der zu Makedonien gehörigen Landscbafl 
Thessalien an bis zur Mündung des Nestos (Mesta)» wie auch die des 
adriatiscben ?oin Aoos^) bis zum Drilon (Drin) diesem District zuge- 
rechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich makedonisches, 
sondern illyrisches Land , aber schon in republikanischer Zeit dem 
Statthalter Makedoniens zugewiesen (2, 41), ist auch in der Kaberzeit 
bei der Provinz geblieben. Aber dafs (»rieclHMiland südlich vom Oela da- 
von getrennt wai d, wunle s( Iku» gesagt. Die Nurdgreiize gegen Moesien 
und die Ostgieiize g»'geri Thrakien blieben zwar insofern unveraaderl, 
als die Provinz in der Kaiserzeit so weit reichte, wie auch das eigent- 
liche Makedonien d^r Ilcpublik gereicbt hatte, das heifst nördlich 
etwa bis zum Thal des £rigon, östlich bis zum Flusse NesU»; aber 
wenn in republikanischer Zeit die Oardaner und die Thraker und 
sämmtliche dem makedonischen Gebiet benachbarte Völkerschaften 
des Nordens, und des Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren 
kriegerischen Beröhrungen mit diesem Statthalter zu thun hatten 
und insofern gesagt werden konnte, dals die makedonische Grenze 
so weit reiche wie die römischen Lanzen, so gebot der makedonische 
Statthalter der Kaiserzeit nur über den ihm angewiesenen nirgemls 
mehr mit halb oder ganz unabhängigen Nachbaren grenzenden ßezirk. 
Da der Grenzschutz zunächst auf das in römische Botmaüaigkeit ge- 
langte Thrakerreich und bald auf den Statthalter der neuen Prorini 
Moesien überging, so wurde der von Makedonien seines Gommandos 
von vornherein enthoben. Es ist auch auf makedonischem Boden in 
der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die baril>arischen Dardaner 

>) In d«r Zeit der Repablik tobtiit Skodni m Makadeaiea gthSH n 
habe« (3, 166); !a der Ktiierzeit tiid dies and LiMiit dalaatische SOitß 
und nackt die fireose aa der Küste die ttfiadaaf des Dria* 



— Qigitizedt)y G««gte 



DU finiClllCU BOROPA. 



375 



am oberen Aziot (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die friedliche 
Nachbtrprafins. Ancb tmi Miellen Anflehaiingeii wird aus di«wr 
ftovini nichu berichtet 

Von den tMlichfiren grieebiicben Landsdiafken entfenit aich diese 
nifdlicliate aowobl in dem nationalen Fnndament wie in der Stufe 
der CivilisatioD. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unter- 
lauf des Haliakmon (Vistritzn) und des Axio.s (Vardar) his zum Strymoii 
ein ufiiprünglich griechischer Stamm sind, dessen Vrrschiedenlieit vom 
den südlirlieren Hellenen für die gegenwärtige Epoche keine Üedeuiung 
mehr hat, und wenn die hellenische Colonisation beide Küsten in 
ihren Kreia hineii^eiogen hat, im Westen mit Apollonia und Dyr- 
rtiachion, im Osten namentlich mit den Ortacbaften der Uaibinael 
Chalkidike, so iat dagegen das Binnenland der ProYint von einem 
GewBBmd nngriechiacher V6U[er erfOUt, das ?on den beatigen Zu* 
ilioden auf dem gleichen Gebiet mehr in seinen Elementen als in 
ssioem Ergehnift sieh unterschieden haben wird. Nachdem die bis in 
Äese Gegend vorgedrungenen Kelten , die Skordisker von den Pdd- 
herren der römischen Republik zurfickgLdriingt worden waren, theilten 
sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische Stämme im 
Westen und .Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon früher 
gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als dii; 
griechische Ordnung, wenigstens die städtische, bei diesen Stämmen 
wohl wie in der früheren') so auch in der Kaiserseit nur in be- 
sckrlnktem HallM «ngefOhrt worden ist. Ueberall iat ein energischer 
Zog stidtischer Entwickelang nie durch das makedonische Binnenland 
gegangen , die entlegeneren Landschaften aind wenigstens der Sache nach 
kMun Aber die Dorfwirthschaft hinausgekommen. — Die griechische 
Mtie selbst ist in diesem Königsland nicht so wie in dem eigentlichen 
Hellas aus ^idi selber erwachsen, sondern durch die Fürsten eingeführt 
worden, die mehr Hellenen waren als ihre Unterthanen. Welche 
Oestaii sie gehabt bat, ist wenig bekannt; doch läist die in Thessa- 



*) Dia ttidtiiflbea GrSsdiiBaao ia diesen Gegmden aorüerhalb detdgeBt- 
)khta Mikedooiens tragen gänx dea Charakter eigentlicher Colooien: so die 
>oa Philippi im TbraiierlaDd und besonders die von Derriopns in Paeonien 
(Liv. 30. r,.Ti. fiir welche n letzteren Ort aurh die specifisch makedonischen 
Polit^rchtD inschriftlich ber.eupl sind Inschrift vom J. 197 n.Chr.: i(vr Ttfo) 
■^U^tiviQm- tPiXlnnov h dtQ^toni^ nokiia^uv, Ducbesae nnd Bayet missiou 
Mt .\lhos p. 103). 

18* 



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276 



ACHTES BUCH. KAPITEL TU. 



Innike, Edessa, Lete gleichrnäfsig wiederkehrende anderswo nicht be- 
gegnende Stadtvorstandschafl der Politarchen auf eine roerkiicbe und 
ja auch ao sich wahrscheinliche Verschiedenheit der makedoniscbea 
Stadtverfassung von der sonst in Hellas üblichen schliefsen. Die griechi- 
schen Stidte, welche die Römer Torfanden, haben ihre Organisataoo 
und ihre Rechte behalten, die bedeatendste derselben Theesalenihf 
auch die Freiheit und die Antononüe. Es bestand ein Bond imd ein 
Ijandtag («m»^) der makedonisehen Stidte, ihnlieh wie in AdniB 
und Thessalien. Erwihnung verdient als ein Zeugnifs fOr die nach- 
wirkende Erinnerung der alten groben Zeit, dafii noch in der Mitte 
des dritten Jahrhunderts nach Christus der Landtag von Makedonien 
und einzelne makedonische Städte Münzen geprägt haben, auf denen 
der Kopf und der Name des regierenden Kaisers durch den Alexanders 
des Grofsen ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Colonien römischer 
Bürger, welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis unweit 
Apollonia, Dyrrachium am adriatischen Meer, an der andern Küste 
Dium, PeUa, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippl, 
sind sSmmtlich Altere griechische Städte, welche nur eine AnsahlNeo- 
bAiiger und eine andere Rechtsstellung erhielten, und lunSciist im 
Leben gerufen durdi das BedflrlkiiCi die ausgedienten italischen Sol- 
daten, für die in Italien selbst kein Plati mehr war, in einer dvfliiirtsa 
und nicht stsrk bevAlkerten Prolins nntenubringen. Audi die Gewih- 
rung des italischen Redits erfolgte gewib nur, um den Veteranen die 
Ansiedlung im Ausland zu vergolden. Dafs ein Hineinziehen Make- 
doniens in die italische Cullurentwickelung niemals beabsichtigt ward, 
dafür zeugt, von allem andern abgesehen, dai's Tbessalonike griechisch 
und die Hauptstadt des Inendes blieb. Danehen gedieh Philippi, 
eigentlich eine der nahen Goldbergwerke wegen angelegte Gruben- 
stadt, von den Kaisern begünstigt als Stätte der die Monarchie detiniüv 
begründenden Schlacht und wegen der zahlreichen an derselben be- 
theiligten und nachher dort angesiedelten Veteranen. Römische nicht 
ooloniale Gemeindeverfassung hst bereits in der ersten KaiserseitStoiN 
erhalten, die schon erwähnte n&rdlichste Grenistadt Makedonieos 
gegen Hoesien am Einflub des Erigon in den Azios, commerdell «ie 
militärisch dne wichtige Position und vermuthlich schon in makedo- 
nischer Zeit zu griechischer Politie gelangt. 

In wirthscbaftlicher Hinsicht ist für Makedonien auch unter den 
Kaisero von Staatswegen wenig geschehen ; wenigstens tritt eine be- 



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DJkB GAlfiCHlACllE EUMOPA. 



277 



sondere Fürsorge derselben für diese nicht unter ihrer eigenen Ver- 
waltung stehende Provinz nirgends hervor. Um die schon unter der 
Republik angelegte Militärstrafse querdurch das Land von Dyrrachiuni 
nach Thessalonike, eine der wichtigsten Verkehrsadern des ganzen 
heicbes, haben sich, so viel wir wissen, erst die Kaiser des dritten 
JabcliiiiMierts, zuerst Severus Antoninus wieder bemüht; die ihr an- 
fiogenden Städte Lyehnidos am Ochrida-See uod Uerakleia Lynkestis 
(Bitott«) iiaben nie fiel bedoatet. Dennoch war Makedonien wirth- 
ackaftliehbeBaerbeeteUtabGriedienland. Ea Abertrilll daieelbe weitaus 
an FrachtbirkMl; wie noch beute die Profuu von Theaaaloniiie relativ 
gut behaut und wohl bevAlkert ist, ao wird auch in der Reichabeachrei- 
buDg aus Gonatanttua Zeit, allerdings ala Gonatantinopel schon bestand, 
Makedonien zu den besonders wohlhabenden Bezirken gerechnet. 
Wenn für Arhaia und Thessalien unsere die römische Aushebung be- 
ireffenden Documeüte sclilechthin versagen, so ist dagegen Makedonien 
dabei, namentlich auch für die Kaisergarde , in bedeutendem Umfang, 
stärker als die meisten griechischen Landschaften in Anspruch ge- 
nommen worden, wobei freilich die Gewöhnung der Makedonier an 
den regelmÜaigen Kriegsdienst und ihre vorzügliche Qualification für 
denselben, wohl auch die relativ geringe Entwickelung des stldtiscben 
Wesens in dieaer Provins in Anachlag au bringen aind. Thesaalonike, 
die Metropole der Provins und deren volkreichate und gewerbreichale 
Stadl dieaer Zeit, gleiehfidla in der Utteratur mehrlhch vertreten, hat 
aocb in der potitiachen Geachichte durch den tapferen Wideratand, 
seine Bftrger in den schreckUehen Zeiten der GotheneinfiUe den 
Barbaren entgegensetzten (S. 226), sich einen Ehrenplatz gesichert 



Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein thiakiM. 
Dicht griechisches Land. Von dem groCsen, aber fAr uns verschollenen 
thrakischen Stamm ist früher (S. 189) gesprochen worden. In seinen 
Bereich ist der Hellenismus lediglich von aufeen gebingl; und es wird 
■icht ftberflflssig aein lunichst rflckUickend darsulegen, wie oft der 
Usttenismoa an die Pforten der aüdlichsten Landachaft, welche dieaer 
Staaini inoe hatte und die wir noch nach ihm nennen, bia dahin ge- 
pocht und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht hatte, um 
dsettich zu machen, was Hoin iiitr nachzuholen blieb und was es 
uacbgebült hat. Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf 



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278 



AGHTBS BOCH. KAPITEL VII. 



Thrakien und gründete nicht h\oh Kalybe in der Nähe von ByzantioD, 
sondern im Herzen des Landes die Stadl, die seitdem seinen Namen 
tri|;t. Alexander, auch hier der Vorläufer der rOmischeii Politik, 
gelangte an und über die Donau und machte diesen Strom cur Nord- 
grenze seines Reiches; die Thraker in seinem Heere haben bei der 
Unterwerfting Asiens nicht die letite RoQe gespielt. Nach seinen 
Tode schien der Hellespont einer der groben Mittelpuncte der neueo 
Staatenbildung, das weile Gel>iet von dort bis an die Donau die 
nördlirhf» Ilälftp eines griethischen Reiches werden zu sollen, der 
Hesi<lenz des ehemaligen Statthalters von Thrakien Lysimachos, der 
auf dem thrakischen Chersones neu gegründeten Stadt Lysim.icheia 
eine ähnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der Marschälle 
▼on Syrien und Aegypten. Indefs es kam dasu nicht; die Selbständig- 
keit dieses Reiches Oberdauerte den Fall seines ersten Herrschers (2Si 
vor Chr., 473 Roms) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bii 
auf die Begründung der VonMlfchtstellung Roms im Orient verging, ▼er- 
suchten bald die Seleukiden, bald die Ptolemaeer, bald die Attalidea 
die europäischen Besitzungen des Lysimachos in ihre Gewalt sa 
bringen, aber sämnUlirh ohne dauernden Lrtul^'. I>as Reich von Tylis 
im flaemus, \velch»'s die Kellen nicht l.in^'e nach dem Tode Alexanders 
ungefälii- gleichzeitig mit ihrer bledjcnden Mr'derlassung in K](Mna>i'Mi 
im moesisch -thrakischen Gebiet gegründet hatten« vernichtete dit- 
Saat griechischer Civilisation in seinem Bereich und erlag selber 
während des hannibaliscben Krieges den Angriffen der Thraker, 
die diese Eingedrungenen bis auf den letsten Hann ausrotteten. Seit- 
dem gab es in Thrakien eine fflhrende Macht Aberhaupt nicht; die 
zwischen den griechischen Kflatenstidten und den Forsten der ein- 
zehien Stämme bestehenden Verhältnisse, die ungefähr denen tot 
Alexander entsprechen mochten, erläutert die Schilderung, diePolybios 
von der bedeutendsten dieser Städte giebt: wo die I]\zantier gesäet 
haben, da ernten die thrakischen Barharen und es hilft gegen diese 
weder das Schwert noch das Geld; sch!aL;**n die Bürger einen der 
Fürsten, so fallen dafür drei andere in ihr (iehict und kaufen sie einen 
ab, so verlangen fünf mehr den gleichen Jahrzins. Dem Bestreben der 
späteren makedonischen Herrscher in Thrakien wieder festen Fiiüi 



Hab uoh für Lyilaaekot die Doaaa Reiehsf rent war, gekt ktrvtr 
•na Pannaias 1, 9, 6. 



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DAS aUBCllMCH& BUROPA. 



279 



zu Dassen und namentlich die griechischen Städte derSiidküste in ihre 
Gewalt zu bringen traten die Römer entgegen, theils um Makedoniens 
Macbteotwickelung überhaupt niederzuhalten, theils um nicht die 
widitige iMieb dem Orient fftbrende *KtaigMtraf8e\ diejenige, auf der 
Xenee nach Grieeiienland, die Sdpionen gegen Antiochoe manchirten, 
in iluner ganien Anidebttang in makedonische Hand kommen tu 
btsen. Sdion naeh der Schlacht bei Kynoskephalae worde die Greni- 
linie ungefähr so gezogen, wie sie seitdem gehliel)on ist. Oefler ver- 
suchten die beiden letzten makedonischen lleriäc-her sich dennoch 
io Thrakien sei es geradezu fostzuM'tzen , sei es dessen einzelne 
Fürsten durch Verträge an sich zu knüpfen; der letzte Pliilip))os hat 
sogar I^hilippopolis abermals gewonnen und iksatzung hineingelegt, 
die die Odryeen freilich bald wieder vertrieben. Zu dauernder Fest- 
aetmng gelangte weder er noch sein Sohn, und die nach der Auf- 
Ifiaong Makedoniens den Thrakern von Rom eingertamte Selbstindig- 
keit zcrstMe, was doitetwa ton hellenischen Anfingen noch fibrig sein 
mochte. Thrakien selbst wurde aum Theil schon in republikanischer, * 
entschiedener in der Kaiserzeit römisches Lelinsfürstenthum, dann im 
J. 46 n. Chr. römische Provinz (S. 192); aber die Uellenisirung des 
I^andes nar nicht hinausgekommen liiier den Saum griechischer 
l*^anz^tädle, welcher in frnhcister Zeit sich auch um diese huste ge- 
1^1 hatte, und im Lauf der Zeit eher gesunken als gestiegen. So 
nichtig und bleibend die makedonische Colonisation den Osten er- 
griffen, so schwach und vergäuglich hat sie Thrakien berührt; Philipp 
und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem Lande 
widerwUtig vorgenommen und gering geschätzt zu haben Bis 
weit in die Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, smd 
die an der KQste übrig gebliebenen fast alle hmntergekommenen 
Gfiecbenslädte ohne griecliiches Hinterland geblieben. 

Dieser vuii der m;)krdonisclien Grenze an bis zum taurischen 
Chersunesos sich erstreck ende Kranz hellenischer Städte ist s«'hr 
ungleich geUüchteo. iui buden ist er dicht geschlossen von Abdera 

*) Kalybe bei Bjzaütinn eotstaml mich Strabon (7, 6, 2 p. 320) ^Pt- 
Ü-77I01' Tov 'Auvviov lüi i not r,noTUToi i ivrav^rt l iS in narjoi;. Philippopolis 
mU sogar oach dem Bericht Theopoinps (fr. 122 Müller) als ITovfjQÖnolts ge- 
Sribd«t scio und die enttprecheoden Coloniitea eropfaDgeo habei. Wis weaig 
V^rtraiea diese Aagaben a«eh verdleoee, so drSokaa sie doeh io ihrem Za- 
MMMiArtfea das Botin y-Bay-Cliarakter dieser Griiadugeo aai. 



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2&0 



ACHTBB BOCB. lAPlTBL VI I. 



an bis nach Byzantion an den Dardanellen ; doch hat keine dieser Städte 
in spätererZeit eine hervorragende Bedeutung gehabt mit Ausnahme von 
Byzantion, das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes, die eintrig- 
liclie Thunfischerei, die ungemein günstige Uandelslage, dea Gewerbe- 
fleifs und die durch die exponirte Lage nur gesteigerte und gestihlle 
TOcbtigkeii leiner Bfliger auch deo ecbwertten Zeiten der hcUesii^ea 
Anarchie xa trotien gewalkt halle. Bei iveitem dflrfliger häU» die 
Ansiedelvng aich an der Westittlste des achiranen Meeres entwicksU; 
an der später sor römischen Profins Thrakien gebörigen war nar 
Mesemhria tod einiger Bedeutung, an der spSter moesischen Odessas 
(Varna) und Tomis (Kustendsche). Jenseit der Donaumüadung nod 
der römischen Reichsgrenze an dem Nordgestade des Pontus lagen 
mitten im Barbarenland TyraM und Olbia; weiterhin machten die 
alten und grofsen griechischen Kaufslädte in der heutigen Krim Qera- 
kleia oder Chersonesos und Pantikapaeon einen stattlichen SchluTsstein. 
Alle diese Ansiedelungen genossen des römischen Schutzes, seit die 
Römer überhaupt die Vormacht auf dem griechisch-asiatischen Coo- 
tinent geworden waren, und der stariMArm« der das eigentliche 
hdleniscfae Land oft schwer traf, Terhinderte hier wenigileM 
Katastrophen wie die Zerstörong von Lysimacheia. Die BescfaAtiang 
dieser Griechen gehörte in republikaniseher Zeil an den Obliegenheilea 
tbeils des Statthalters Ton Makedonien, theils des Ton Bühynien, seil 
auch dies römisch war; Byzantion ist später bei Bithynien geblieben'). 



>) Doch reicht die aürdliehe bcMtrahiteke Linie, die vi«lleicht rSaiich 
Ut, bis Dach Tyra (S. 206). 

') Dafs Byzantion noch in traianischer Zeit ooter dem Statthalter voo 
Bithynieo stand, folgt aus Pliuius ad Trai. 43. Aus den Gratalatioaeo der 
Byzantier an die Legaten vod Moesiea kann die ihrer Lage nach kaum 
mögliche Zugehörigkeit zu dieser Statthalterschaft oicht geschlossen werdea; 
die B«d«hiu9ee m im Statthalter vm MettieB erkttree ai«k m to BtiM»- 
verbbdaDgm der Stadt mit dea Beeeiidea Hafeaplitsea. DaDi Bjsaas each 
in J. 5S «ater den Seaat ttaad, alte alefct n Thrafclea gehirte» geht aas IMlit 
aaa. 12, 62 hervor. Zugebarigkeit an Makedooien unter der Republik besaift 
Cicero (in Pis. 35, 86 de prov. cons. 4, 6) nicht, da die Stadt daaiala frei war. 
Diese Freiheit scheint \^ie bei Rhodos oTt gegeben und oft genomnen zn sein. 
Cicero a. a. 0. spricht sie ihr zu; im J. 53 ist sie tributpQichtig; Plioias 
(h. n. 4, 11, 46) rührt sie als freie Stadt auf} Vespasiaa entzieht ihr die Fraikeit 
(Sueton Vesp. b). 



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DIB OBMUilgGflS KmoVA, 



2S1 



Im Uebrigen ging in der Kaiserzeit nach Einrichtung der Stattballer- 
Schaft Toa Moesien und spiter deqenigen ton Thrakien die Scbuti- 
leiiUiDg auf diese über. 

Schatz und Gunst gewährte diesen Griechen Rom von jeher; aber 
WB die AudeluinBg des HeUenitBiiia bat weder die Republik noch die 
früiare Kaiaeneit aich beniaht'). Naehdem Thrakien römiaeh ge- 
Warden war, iai ea in Landkreiae eingetbeilt worden*); und bia tM 
an daa Ende dea eraten iabrhunderta iat dort keine Stadtanlage zu 
leneichnen mit Ausnahme zweier Pflanzstädte des Gaudius und des 
Vespasianus, Apri im Binnenland niclit weit von Perinthos und 
Deultus an der nördlichsten Küste Domitian hat damit begonnen 
griechische StadlveifasMiii^' im Binnenland einzuführen, zuerst für 
die Laudci^haupli^tadt Philippopolis. Unter Traianus erhielten eine 
Reibe anderer ihrakiscber Ortschaften das gleiche Stadtrecbl: Topeiros 
ODweit Abdera» Mikopolia am Meatoa, HotinopoUa am Uebroa, Pautaiia 



Dies verborgt das PeUea m MSaieii d€r thnkiachen Biuautidte, 
«akht uch Metall uU Stil la die Utere Zelt geaetit werdea kSaatea. Dafs 
fkn Aaiahl thrakliekar, beaeaden edrf slaeker FSratea saai Thell aekea ia 
recht früher Zeit geprägt haben, beweist aar, dafa aie über RSataaplütae 
•it griechis^r oder halbgriaehiaeher Bevölkeroog geboten. Ebenso wird auch 
m artheilen sein aber die gunx vereinzelt stehenden Tetradrachmen der 
*Tbraker' (Sallct num. Zeitschrift 3, 241). — Auch d ie im thrakiücheo Biuueu- 
land i^efundenen laschriften sind durchgao^if^ aus römischer Zeit. Das in 
Beasapara, jetzt Tatar Bazardjik westlich vuu Philippopoiis von Dumuut (iuscr. 
U Ia Thrace p. 7) gefundene Deeret einer nicht feaanatea Stadt wird freilich 
ia gata ■akedealaahe Zeit geaetst, aber aar aaeh deai Charafclar der Sehrih, 
«Heber Tlellelckt trigt. 

') Die fnafiig Strategien Tbrakieaa (PUaloa b. a. 4, 11,40; Ptolemaeo« 
3, II, 6) sind nicht Militärbezirke, sondern, wie dies oamentUeb bei Ptole- 
meos dentiich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Stämmen deckrti 
(OT^McTi^Ya jMaiJixrj, Biaaixrj u. s. w.) und Gegensatz zu dcu Stadteu biideu. 
Die Beteich Duu^ ai{)uxrQ'og hat, ebenso wie praetor y ihrea ursprünglich miii- 
tirisehea Werth später eingebüfst. liier liegt wohl zunächst die AoaluKic 
Ten Aegypten ao Grunde, daa ebenao in Stadtgebiete anter städtischen Magi- 
Mea aad Ia Laadkreiae aater Stretefea lerleL lEia at^ai r^os Uattat^s ntg\ 
l%r«e» aaa HMaehar Zeit ^ epigr. H p. 261 

*) In Dealtaa^ der aato wfti Flairia PmeU JlmWIiwaiaBt, wardaa VeCaraaan 
4er 8. Legion versorgt (C. 1. L. VI, 3828). Plaviopolis aaf dem Chersonea, 
^ alte Coela, iat gewifs nicht Colonie gewesen (Plinia« 4, 11, 47), sondern 
gebört zu der eigeuartigen Ansiedlang des Kaiacrgeaiadea aaf dieaeai Do- 
»«Aialbeaiu (£ph. epigr. V p. 82). 



I 



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282 



ACms BOCB. KAHTBL fll. 



bei Kostend il, Serdica jetzt Sofia, AugusU Traiana bei Ait-Zagora, MB 
(Weites Nikopoiis am nördiicbeD Abhang des Haemos*), auCMTden 
an der KOste Traianopolis an der UebrosmOndang; ferner unter 
Hadrian Adrianopolis, das heutige AdrianopeL AUe diese Slidle warea 
nicht Golonien von AoslSndem, sondern nach dem von Augustos k 
dem epirotiscben NikopoHs aufgestellten Master tusammengefafste 
griechisch organisirte Politien; es war eine Civilisirung und Helle- 
nisirung der Provinz von oben herab. Ein ihrakischer Landtag be- 
stand seitdem in Pliilip)K)|)olis elienso w ie in den eigentlich griechischen 
Landscharten. Dieser letzte Trieb des Hellenismus ist nicht der 
scliwächstc. Das I^and ist reich und anmuthig — eine Münze der Stadt 
Pautaüa preist den vierfaclien Segen der Aehren, der Traahen, des 
Silbers und des Goldes; und Philippopolis sowie das schöne Tbsl der 
Tundja sind die Heimath der Rosensucht und des Rosendls — und die 
Kraft des thrakischen Schlages war nicht gebrochen. Es entwkkelle 
sich hier eine dichte und wohlhabende Bevölkerung; der starken Aus- 
hebung in Thrakien wurde schon jk'edacht und in der Thäligkeit der 
städtischen MünzstiittiMi stehen für diese Epoche wenige Gebiete 
Thrakien gleich. Ais Philiiipopolis im J. 251 den Gothen erlag iS. 219), 
soll es hunderttausend Einwohner gezählt haben. Auch die energische 
Parteioabme der Byzantier für den Kaiser des griechischen Ostens 
Pescennius Miger und der mehrjährige Widerstand, den die StMit 
noch nach dessen Untengang dem Sieger entgegenstellte, aeigen die 
Mittel und den Muth dieser thrakischen StSdter. Wenn die Byantier 
auch hier unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht einbfibteOt 
80 sollte bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sieb 
vorbereitende Zeit eintreten, wo llyzantion das neue hellenische Kom 
und die Uauptresidenz des uiugewaudelteu Kelches ward. 

1) Diese Stadt NtxonoUs 17 nt^ jiTftw des Ptolemaaot 3, 11, 7, II*- 
itonoXis Tf^^Iarffop der Mtbieii, do heutige Nikop tn der JMtre, gebfirt 
geognpbiteh tn Uaternoetiea ud, wie die StttthaitarMae« der UUm 
saigen» leit Severai amb admiaMtrativ; aber niekt bleb führt Ptoleaaaet 
bei Thrakien aaf, soadera die Fondarte der hadriaaliebea Teimiaalsttiie 
C. I. L. III, 736 vgl. p. 992 scheinen et ahenfalls za Thrakien zo ttellea. 
Da diese ßriechische Hiooenstadt weder zu den lateinischen StadtgemeindeB 
l'ntermoesicns noch zu Hein ynivov des nioesischen Ponhis passte, ist sie bei 
der ersten (Jrduung der Verhältnisse dem xotvör der Thraker zu^ewiesfn 
worden. Später tuai's sie freilich einem oder dem andern jener niocaiichea 
Verbände angeschlossen worden sein. 



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MS OBIBCIIMBB EIAOPA. 



Id der benachbarten Provinz Untermoesien hat sieb, freilich in Uot«rmo»> 
geringeran Habe, eioe ähnliche EntwiGkelmig volliogeo. Die grie- 
cfaitchen KOsleostidta« deren Metropole wenigstens In rftmiseher Zeit 

Tonus war, worden, wahndieinlich bei Constituirung der römischen '^}"^\», vo<i 

der linlu- 

Provins Moesien, zasammengefarst als 'Fänfstädtebund des linken Ufers ^^^^ 

des schwarzen Meeres' oder, wie er auch sich nennt, 'der Griechen', 
da» heifst der Griet hen dieser Provinz. Spater ist als sechste Sladt 
die unweit der knsle an der llirakischen Grenze von Traian angelegte 
und gleicli den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markinnopolis 
diesem Bund angeschlossen worden l^ais die Lagcrsiädte am 
Donaaufer und überhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben ge- 
mfenen Ortschaften nach italischem Master eingerichtet wurden, ist 
firüher bemerkt worden; Untermoesien ist die einsige durch die 
Spradigrense durchschnittene rdmiscbe Provinz, indem der tomita- 
Bische Städteband dem griechischen, die Donaustädte wie Durostorum 
und üescus dem lateinischen Sprachgebiet angehören. Im Uebrigen 
gilt von diesem moesisclien Sladtei)und wesentlich das (ilciche, was 
über Thrakien benierkt ward. Wir haben eine Schilderung von Tomis 
aus den letzten Jahren des Augustus, freilich von einem dahin zur 

*) Das xoirr,yjT,g IT(rr(cnö).Ho; liuilet sirh auf einer Inschrift \ nu Odcssos 
C. I. Gr. 2056c, die füglich der früheren Kaiserzeit augehürcu kauu, die poii- 
tiidbe H«xapoUs auf zwei iDfehriflen von Tonis wihrscheiDlich iet 1. Jihrh. 
B. Cftr. (Manioardt Staatoverw. 1> S. 806; HiraebfeM areh. epigr. Mitth. (>, 22). 
Die BejMp«lls mmü auf jedea Fall, wmI daoaeh wahraeheioUeh aoch die Peeta- 
foligy Bit dea rSnieeheB Previnxialgreeiea to BiaUanf gebracht werdea, das 
heilst die fiieehischeD Städte Uotermoesiens in sich schliersen. Diese finden sich 
anch, wenn man den sichersten Führcra, den Münzen der Kaiserzeit folgt. Münz- 
stätten (vonNikopolis abgesehen, S. 2S2 A.) giebt es in Uotermoesien sechs : Istros, 
Tomis, Kallatis, Diooysopolis, Odessos und Markianopolis , und da die letzte 
Stadt von Traian gegründet ward, su erklärt sich duniit zugleich die Peotapolis. 
Tyra und Ulbia haben schwerlieh dazu gehört; wenigstens zeigen die zahl- 
reichen und redseligen Denkmäler der letzteren Stadt nirgends eine xVnkuüpfuug 
aa diesea Stadtebuad. Koivov riur 'Eklrivuv heilst derselbe auf einer lasebrift 
Teaüa, welche ieh hier wiederhole, da sie bot ia der atbenischeo Paodora 
Twa 1* Jiiai 1869 gedraekt ist: !<f/a^ xvxn* Xath rc^ SoHvnt vif 9^qtn^atf^ 
fmiiSi auA nS loftn^it» ^iftm t^s Itifmgot^twtK fOftQomolfms irnl « rot 
fAmpiftov IToviov T6fitt»t T09 novftt(>xnv TlQktoxiov ^Avviav\h]v aq^avta rot 

oa/Kvor, Tfiv dt' oniMV xaX 7njvmy^a](w fvd6$cas tfiiorufiiav fir) dtaltttoiftmf 

mXXa xai ßoilntriv xal riSv no(or(v6vra>v 4»Xaßt«i AVaf noXfoHy xal t^V 



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1 



284 ACHTE! BOGH. KAFITBL VU. 

Strafe Verbannten, aber sicher im Wesentlichen getreu. Die Bevölke- 
niDg besteht zum gröfseren Tbeii aus Geten und Sarmateo; sie trageo, 
wie die Daker auf der Traianniale« Pelie und Hoseo, langes flattflfn- 
des Hmut QDd den Bart ungetdioraii, ench«iiMii auf der Strafse ta 
Pferde und mit dem Bogen bewaflbet, den KOcber aaf der Schnller, 
das Messer Im Gfirtel. Die wenigen Griechen, die unter ibnem aidi 
finden, haben die barbarisehe SRte angenommen mit EinsehluISi der 
Hosen und wissen ebenso gut oder besser getisch als griechisch 
sich auszudrücken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch ver- 
ständlich machen kann und kein Mensch versteht ein Wort laleiniscli. 
Vor den Thoren hausen räuberische Schaaren der verschiedensten 
Volker und ihre Pfeile fliegen nicht selten über die schütiende 
Stadtmauer; wer seinen Acker zu bestellen wagt« der thut es mit 
LebemgeCibr, und pflflgt bewaffnet — war doch um die Zeit von 
Caesars Dietatur bei dem Zuge des Burebtsta die Stadt den Barbaren 
in die Hinde gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte 
nach Tomis ksm, wflhrend der dalniati8cb-|»nnonisdiea Insarreetion 
über diese Gegend abermals die Kriegsfurie iiingebrausL Zu diesen 
Erzählungen passen die Münzen und die Inschrillen derselben Stadt 
insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen Städtebundes 
in der vorromischcn Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche 
andere dieser Städte tbaten, und dals Oberhaupt Mäusen wie In- 
schriften aus der Zeit vor Traian nur vereinielt begegnen. Aber im 
2. und 3. Jahrhundert ist sie umgewandelt und liann aemllch mit 
demselben Becht eine Grflndung Traians heifiien wie das ebenlUls 
rasch su bedeutender Entwicfcelung gelangte Markianopolis. Die früher 
(S. 207) erwähnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich ab 
Scbutzmauer für die Stadt Tomis. Hinter <lieser blühten daselbst 
Handel und Schiffahrt auf. Es gab in der Stadt eine Genossen- 
schaft alexandrinischer Kanfleute mit ihrer eigenen Serapiskapelle 
in Diunicipaler Freigebigkeit und municipaler Ambition steht die 

M Das zeigt die' merkwürdige Inschrift bei Allard (U Balgmrie Orientale. 
Paris 1863) S. 263: Qfto utyalto £aQan[i^i xal] roTg avrvaoii 9foif [ xal id 
av]ToxQaTo^i T. AiUto ^^SQirtr[ui l^vrMvdvto JEtßaaxw Eüafß[(Z] *al~M. Avqt^- 
Xita OvijQfo 'KaiaoQt KaQntojv ldvox'ß{tuvo<: tw ofxw löiy jiXtiai'^Qftav ibv 
ßotfiov (x Jiuy iJiüiV av^^xtv'^ hovs xy' [urji'oe] 't'agfAOV^l a' Ini it^(<ov 
K)fiqvoitov toS »al JSa^niwos lfToXv]fivov loü xal Aov\ytit'ov], Die Sdiiffer» 
giMs v«ft TobIi begesoet M«brfaeli {■ luokrifteo der Siddt 



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MS MUCBitcn wamk 



285 



Stadt hinter keintr griechiicliea MitteUtadt zurfick; sweiipniGbig 
mH m aach jetit noch, ab«r in der Weite, dab neben der tof 
den Mftnien immer festgeliaHenen griedütchen Sprache hier an der 
Grenie der beiden Reichssprachengebiete auch die kteiniscbe fielfech 
lelbet auf AtTentHcben DenkmSlern angewendet wird. 

Jenseit der Heichsgrenze zwischen der Donaumiindung und der Tjt%. 
Krim hatte der griechische Kaufmann die Küste wenig besiedelt; es 
gab hier nur zwei namhafte griechische Städte, beide vonMileLos aus in 
ferner Zeit gegründet, Tyra an der Mündung dea gleichoamigen Flusses, 
dea heutigen Dnjestr, und Olbia an dem Busen, in welchen der 
Beriathenea (Dojepr) und der Hypania (Bug) fallen. Die verlorene Stel- 
hmg dieser Hellenen unter den sie amdringenden Barbaren in der 
Diadochenssit aowohl wie wihrend der Vorherrschaft der rftmischen 
RepaMik ist Mher (2, 273) geschildert worden. Die Kaiser brachten 
Hülfe. Im J. 56, also in dem musterhaften Anfang der neroniscben Re- 
gierung ist Tyra zur Provinz Moesien gezogen worden. Von dem ent- 
fernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus Iraianischer Zeit^): oum. 
die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die elenden Mauern 
umschlossen gleich elende Häuser und das damals bewohnte Quar- 
tier füllte einen kleinen Theil des alten ansehnlichen Stadtringes, Ton 
dem emielne Abfig gebliebene ThArme weit hinaus anf dem wflsten 
Felde standen; in den Tempeln gab es kein Götterbild, das nicht die 
Spuren der Barbarenllttste trug; die Bewohner hatten ihr Hellenen- 

0 Dss stau kdviiite ud oft lerstfirta Olbia erlitt oaoh dar Aagaba 
Diaa (Barjath. p. 7S B.) etwa 160 Jakra vor saiaar Zait, das heifst etwa vor 
den J. 100 a. Ckr^ abo wahraeheialieh bei dem Zag das Barabiata (3» 304)b 

die letxte uod schwerste Eroberuof (Tijv Ttltvtatav xa\ /nfyiarrjv aXoHliv). 
Eilav iif tihrt Dioo fort, xal lavrtjv rirai xal jus allag rag iv tois 
ttftiaitQotf lov rioviov nolHt I^^XQ^ 'AnolXtüvlaq (Sozopolls oder Sizebolu, 
die Ift/.te uambattp Gi iechenstadt an der pootischea Westküste)* od^tv 6r) xal 
ai^üÖQu jannvu tu n{tdyfiaia xaifatri luiv latin 'K).Xr,\OiV, twv ukv ovxiji 
Oirotxtaittujuiv nolioiVi tiuy 6i (faviojg xut kov uktiaitov ßa^^uQiüV lis 
»itaf ov^^vimatv. Der ^Qu$t voroehme Stadtbürger ausgeprägter iooischer 
PbyiiogooBie, daa IMob daaa begegnet, waleher saUraiahe Samtaa arsehlageu 
•dfr gafaagaa hat vad awar daa Phokylidoa aicbt kaaat, ahar daa Hoaiar aas- 
«ndi( watr«, trift Maalal aad Hoaaa aaah Skythaaart aad daa Mesaar im 
€art Dia Stadlkirgar alle tragaa laagas Haar aad laagaa Bart und aar aiaar 
beides geschoren, was ihm alsZeiekeo sarviler Haltoog yegaa dlaBb'mer ver- 
dacht wird. Also ein itkrbaadart apitar aak aa dort gaaa ao aaa, wia Ovi- 
diu ToBUs adiUdert. 



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286 



AGBTIB WOCMm KA9ITBL XO* 



thum nichl vergesBen, aber sie trugen und schlugen sich nach Art der 
Skythen, mit denen sie tftglich im Gefeohi legen, ü^n so oft wie bü 
griechischen nennen sie sidi mit ekythischen Namen, das heUrt ail 
denen der den Iraniem Tenrandten sarmatischen Stimme M; it hi 
Kttnigshause selbst ward Sauromates ein gewdbniicher Name. Ihr 
Portbeslehen selbst halten diese Städte wobl weniger der eigenen 
Kraft zu danken als dem guten Willen oder vielmehr dem eigenpo 
Interesse der Kiiigehorenen. Die an dieser Küste sitzenden Völker- 
schaften waren weder im Stande den auswärtigen Handel aus eigenen 
H)mporien zu führen noch mochten sie ihn entbehren; in dm 
hellenischen KOstenstädtea luiuflen sie Sali, iUeidnngstucke, Wein 
and die dfilisirteren Fürsten schfltzten einigermaßen die Fremden 
gegen die Angriffe der eigentlichen Wilden. Die früheren Regenten 
Roms müssen Bedenken getragen haben den schwierigen Schutt dieaer 
entlegenen Niederlassung zu übernehmen; dennoch sandte Pius, ab 
die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen römische llülfstruppen 
fiosporut. und zwant; die IJai baren Fl ieden zu bii'len und Geifseln zu stellen. 
Durch Severus, von «lern an Olbia Münzen mit dem Bildnifs der 
römischen Herrscher schlug, mufs die Stadt dem Reiche geradezu 
einverleibt worden sein. Selbstverständlich erstreckte sich diese 
Annectirung nur auf die Stadtgebiete seihst und ist nie daran ge- 
dacht worden die barbarischen Umwohner Tyras nnd Olbias unter 
das römische Scepter zn bringen. Es ist schon bemerkt worden 
(S. 217), dafs diese StSdle die ersten waren, welche, vennuthlich 
unter Alexander (f 235), dem beginnenden Gothensturro erlagen. 

Wenn auf dem (lonlinent im Norcb'U des l*uutus die Griechen 
sich nur spärlich angesiedelt hatten, so war die grofse aus dieser Küste 
vorspringende Halbinsel, die taurisclie Chersonesos, die heutige Krim, 
seit langem zum groCMsn Theil in ihren Händen. Getrennt durch die 
Gebirge, welche dieTaurier inne hatten, waren die beiden Mittelpunkte 
der griechischen Niederiassung auf ihr am westlichen Ende die dorische 
freie Stadt Herakleia oder Chersonesos (Sevastopol), am östlichen das 

>) 6an ftwSkiH^ heifrt der Vater tkytUsch, der Soha grieaUMk «4« 

aoch amgekebrt; «im Beispiel verseiehoet eine uter oder naeh TrtUa i^etefxte 
lotehrift von Olbia (C. I. Gr. 2U74) sechs Stnteseo M. Ulpius Pyrrhns Sobt 
des Arseaaches, Dfioetrios Sohn des Xessagaros, Zoilos Soho des Arsakes, 
Badakes Sohn des [UdM|Moo, £pikrttet SoJia dea Koxoro«, Ariatoa Sokm des 
Vargadaiei. 



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DAS «ancnscBB bumpa. 



287 



Ftateotbum fwiPüntiliapteaii oder Bosporus (Kertsch). EöDigMhbra* 
dales lulle auf der Hobe seioer Ibcht beide Tereiiiigt and bier sieb 
dB zweites Nordreieb gegründet (2, 273), das dann nach dem Zu- 
tammenbrnch seiner Herrschaft als einziger üeberrest derselben 

seiüprn Sohn und Mörder Pharnakes verblieb. Als dieser während des 
Krieges zwischen Caesar und Ponjpeius versuchte die väterliche Herr- 
äcliaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte Caesar ihn besiegt (3, 429) 
lind ihn auch des bosporanischen Reiches verlustig erklärt* in diesem AMs^fot. 
hatte inzwischen der von Pharnakes daselbst zurückgelassene Statt- 
halter Asandros dem Kdnig den Gehorsam aufgekündigt» in der Hoff- 
nnag, durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das KAnigtbnm 
so erlangen. Als Pharnakes naeh der Niederlage in sem bosporani- 
sdieB Rdeb suHkckkam, liemicbtigte er swar luniehst sich wieder 
seiner Hauptstadt, unterlag aber schlierslich und (ifl tapfer fechtend 
III der letzten Schlacht, als Soldat wenigstens seinen) Vater nicht un- 
gleich. Im die Nachfolge stritten Asandros, der thalsächlich Herr 
des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger Oflizier 
< <H>>ars. den dieser mit dem bosporanischen Fürstentbum belehnt 
hatte; beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus 
herrschende Dynastie und den groften Bfitbradates, indem Asandros 
sich mit der Tochter des Pharnakes Dynamis Termiblte, Milhradates, 
einem pergameniscben Bürgerhaus entsprossen, ein Bastardsohn 
des grofsen Mithradales Eupator zu sein behauptete, sei es nun, 
dafs dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, dafs es zur Kecht- 
fertigung der Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst 
zunächst durch wichtigere Aufgaben in Anspruch genommen war, so 
entschieden zwischen dem legitimen und dem illegitimen Caesarianer 
die Waffen, und zwar wieder zu Gunsten des letsteren; Mithradales 
fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied 
es anfSnglicfa, ohne Zweifel, weil ihm die Bestätigung des Lehns- 
herrn fehlte, sich den Königsnamen beizulegen und begnAgte sich 
mit dem auch Ton den Siteren Forsten Yon Pantikapaeon geführten 
AreboDlentitel ; aber bald, wahrscheinlich noch von Caesar selbst, er- 
wirkleer die Bestätigung seiner IJerrschaflundden königlichen TiteP). 

>) 0« AseadMS teia ArekMtrt wahrtekdnliek sefc«B vm mUimi Abfall 47 
v«a Pharaakaa, aJi» Sumnr dea i. 707 gasiklt hat ond bereiU im 4. Jahre 
sfioer Rf^niaf te KSoigititel aoniul, io kaaa diaaea Jahr Püglicb auf Herbai 
MIUQ setetit werdee, die Beatütagiag also GaaMr erfelgt aeia. Aateaias a/t 



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28S 



AGITU IIKSB. KAfITBL TH. 



tT/16 Bei seinem Tode (737/8 Roms) hiDterliefs er sein Reich der Gemahlin 
Dynarois. So stark war imnier noch die Macht der Erbfolga imd det 
roithradatiaehen Nameoi, dab sowohl ein gewisaer Scriboniamit, dar 
sanichal Aaaodroa Stelle eimonehinen fennchte, wie nach ihn dar 
ptoiMoo. König Polemon von Pontus, dem AngnaUia daa boaporantadie M/k 
zusprach, mit der Uebemahme der Herrschaft ein EhebOndnirs mit der 
Dynamis verbanden; überdies behauptete jener selber ein Enkel de» 
Mithradates zu sein, während König Polemon bald nach dem Tode der 
Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des 
Kaiserhauaea heiratheie. Nach seinem frühen Tode — er Üei im 
Kampfe gegen die Aspurgianer an der asiatischen Küste — folgten 
aeine nnmOndigen Kinder ihm nicht und aach seinem gleichnamige 
Enkel, denKaiaerGaina troti aeinesKnabenaUers im J. 38 in die beidea 
FOfstenthömer aeines Vateis wieder einaettte, blieb das bosporaniache 
Di« ■•i»to- nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser Clandins einen wirUkhea 
oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eapator, und diesem 

Hause ist, wie es scheint, das Fürstentbum von da an verblieben'). 

I 

4g kauD sie nicht wohl erthcilt habeo, da er erst Ende 712 nach Asieu kam; oocb 
weoi^er ist ao Augustus zu deakeu, den Fseudo-Lakiaooa (nuicrob. 15) oeoot, 
Vater uod Soba verwechselod. 

>) Mithradates, 4ea Claadias ia 1. 41 warn Rtaif das Bosporus bmU^ 
fBkrte sei« GosoUechf a«f Bapator sariek (DIo 60, 8; Taeitu aaa. 13, 19 
iw4 ibai folgto sola Brader Roty« (Taeltas a. 0.). Ikr Vatar MÜS 
Aspnrgoi (C. I. Gr. II p. 95), kraeeht aker dann kiio AspargCaaar (Strabe 11, 
2, 19 p. 415) geweseo MM aein. V'oo einem ipäteren Dynastiewechsel wird aicbt 
berichtet; König Eupator in Pios Zeit (Lnoiaa Alex. 57; viU Pii 9) weist anf 
das gleiche Haus. Wahrscheinlich babeo übrigens diese spateren bosporaniscbeu 
Könige so wie die uns nicht einmal dem IVamen aach bekannten nächsten Nachfolgen 
Polemons auch zu den Poiemoniden in verwandtschaftlichen Beziebungrn fc- 
standen, wie denn der erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Fras 
gehabt hatte. Die tbrakiscben Königsoamen, wie Kotys und KhjiskaporUi 
die io dorn bosponiDisdeo Königabtaa gewöhnlich sind, kaöpfea wohl ao des 
Sohwiegorioho dos PoIobob, doo tbrakischoa R6oi9 Rotys aa. Dto BeaooiiSf 
SaoroBWtOi, woloho sott doai Bodo doo 1. JohA. hialg auftritt, Ist «fes« 
Zweifel doroh Versehwigerooy mit saraMtbokea PSratooUasera aaflgekoBM i 
beweist aber oatorlieh nicht, doh ihre Triger oelber Sonaatoa wareo. W<oi 
Zooiaios 1,31 dea nach Erlöschen des alteo Köni^sgeschloohts aar Regienu^ 
feUnglen geringen und nawördigea Förstoo die Schuld doran zaaehreibt, dafs 
die Gothen unter Valerian auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzüge aa$- 
fuhren konnten, so mag das seine Richtigkeit haben und zunächst Phareaosc» 
gemeint sein, von dem es Münzen ona den J. 254 und 255 giebt. Aber aock 



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DAS GBIEGHISCIIE ELRUPA. 289 

Während im rümischen Staat sonst das Clientelfurstenthum nach ümfang der 
dem Ausgang der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das MherHwr- 
PriDcip des unmittelbaren Regiments im ganzen Umfang des römifichen 
Reiches durchgeführt ist, bestand das bosporanische Künigthum un- 
ter römischer OberhemchafI bis in das vierte Jabrlmnilert binein. 
Erst nachdem der Schwerpunkt des Reiches nach Gonstantinopel ver- 
l«gt war, ging dieser Staat In das Hanptreich auf nm dann bald 
TOD diesem aufgegeben nnd wenigstens zum gröfseren Theil die Bente 
der Hunnen zu werden*). Indefs ist der Bosporus der Sache nach 
mehr eine Stadt als ein Königreich gewesen und geWieben und hat mehr 
Aehnlichkeit mit den Stadtbezirken von Tyra und ülbia als mit den 
Künig^reichen Kappadokien und Numidien. Auch hier haben die Rö- 
mer nur die hellenische Stadt PanUkapaeon geschützt und Grenz- 
erweiterung und Unterwerfung des Binnenlandes so wenig erstrebt 
wie in Tyra und Olbia. Za dem Gebiet des Fürsten von Pantika- 
paeon gehörten awar die griechischen Ansiedlungen ?on Thendosia 
an! der Halbinsel selbst und Phanagoria (Taman) auf der gegen- 
überliegenden asiatischen Köste, aber Chersonesos nicht') oder ntir 

diese ihid nit den Bildnib des rSnischeo Rtlsert besaicluiet ved spSter flnden 
ei^ wieder die alteo GesehleekttoaBea (alle bosporanischen RSalge sind TIberii 
lelil) Bsd die eiteif Beioaneo, wie Saoroaiates ud Rhaskeporie. In Gantea 
geameiMa eind die altee Traditioaea wie die rSniiseke Schntxherrscbaft aoeh 

daaab Uer noch festgehalten morden. 

Die letzte bosporaniicbe Näaie ist vom J. 631 der Achaeraenidenaera, 
0. Chr. 335; sicher hängt dies zusammen mit der eben in dieses Jahr fallenden 
Einsetzunp des IVpffen Constantios I Hnnniballianus zum *Könl(?*, obwobl dies 
Kfinisthum hauptsächlich das ostliche Kleioasien umfafste und zur Hesideuz 
(-aesarea in Kappadokien hatte. Nachdem in der blutigea Katastrophe nach Con- 
stantios Tode dieser Köuig und sein Königthum zu Grande gegangen war, 
aliht der Bosporus unmittelbar unter Gonstantinopel. 

*) Noch im J. 366 war der Boaponu ia röBisehen Besits (Amaiaa 26, 
10,6); bald aaehher Boasen die Grieehea aiiNordvfer dea sehwarxea Meeres 
•ick adbat iberlaaaea wordea aeio, bis daaa JostioiaB die Halbiaael wieder 
^tste (Proiepiea bell. Gotb. 4, 6). Ia der Zwiadienieit fiag PaetikapaeoB 
ia deo Hnnoeostorraen zu Grande. 

*) Die Münzen der Stadt Chersoaetoa ans der Kaiaeraeit haben die Auf- 
»pbrifi X(Q<jovi^aov iXtvO^^Qag, einmal sogar ßaaiXivovar)^, und weder Königs- 
Docb Kaiseroamen oder Kopf fA. v. Sallet Zeitschrift für ?iuni. 1, 27, 4, 273). 
Die Unabhängigkeit der Stadt documentirt sich auch darin, dafs sie nicht minder 
als die Könige des Bosporus in Gold münzt. Da die Aera der Stadt richtig 
aof das Jahr 36 v. Chr. bestimmt seheint (C. I. Gr. n. 8621), in welchem ihr, ver- 
Xeamatn, rem. Getchieht«. T. 19 



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290 



ACBTBS BUCH. KAPITEL VIL 



etwa wie Athen zum Sprengel des Stallhalters von Achaia. Die Stadl 
hatte von den Hüiiieru die Autunouiie erhalten und sah in dem Für- 
sten den nächsten Beschützer, nicht den Laodesherrn; sie hat auch 
in der Kaiserzcit als freie Stadt niemals weder mit Königs- noch mit 
Kaiamtempeln geprägt, iliif dem ConÜDeut stand iiicbt aiiUBai die 
Stadt, welche die Griechen Tanaia nennen, ein lehhafles Emporinm 
an der Mfindung des Don, aber schwerlich eine griediische GrAndong, 
dauernd unter der BotmUngkeit der römischen Lehnsfürsten Yon 
den mehr oder minder barbarischen Stämmen auf der Halbinsel selbst 
und an der eurupäischcn und asiatischen Küste südlich vom Tanais 
befanden sich wolü nur die nächsten in festem Abhängigkeitsver- 
baltniis'). 



imthlieh von Aatonins, die Fireihdt Terlieben ward, so ist die rom J. M 
datine 6«ldB8ne der 'regieNodeB Stadt' in J. 75 Chr. fateUageB. 

Naeh Striae Oantolluf (11, 2, 11 p. 495) itihM die flerraa vm 
Taaala aeUMtiodig aebea daoaa vob Pastikapaeoa ud hiagea die Sline 
südlioli YOA DoB bald vob dieses, iMld vob jeseB ab; wbbb «r liiBsofügt, dab 
■aBehe der iiaatikapaeiadieB FfirateB bis xom Tasais gebotea, BBd BaBeBtlacfc 
die letzten, Pharoakes, AssDdros, Polemoo, so sebeint dies mehr AasaabBe als 
Rofel. lo der A. 2 angeluhrteD Inschrift stehen die Taoaiten unter des 
BBterthänigen Stämmen und eine Reibe von tanaitiscbea luscbriften bestätigca 
dies für die Zeit vou Marcus bis Gurdiaa; aber die "Ellrjvfs xai Tatttfhat 
Qcbeu den a{)/uvit-; TuruftTtöv und den öfter gcuaunten ^ EkXtjvaQj^ui be- 
stätigen, dals die Stadt auch damals eine nicht griechische blieb. 

In der einzigen lebendigen t^rziihluug aus der bospornnischen Geschichte, 
die v^ir besitzen, der des Tacitus aan. 12, 15 — 31 von den beiden rivali>ireu Jra 
Brüdern Mithradates und Kotys, stehen die benachbarten Stämme, die Üaodarideo 
Siraker, Aorser aoter eigenen von dem römischen Fürsten von Paotiiapaeoa 
aicbt recbtlich abUiBsisea Harrea. — Ib dar Titttlator pQegea die Sltacea 
paatikafaaiiebea Fürstaa sieb AreboateB des Bosporus, das beUst tob Paati- 
bafaaoB, aad vob Tbeadosia aad RSaife der Siader aad siaimtlicber Maitsr 
Bod aaderer siebt g rieebiseber Vfilkersebaflen sb BaaBOB. BbeBso neaat die 
aieiaes Wisseas anter den Köoigsioschriftea der rtfailseben Epoche älteste dea 
Aspurgos, Sohn des Asaodroebos (Stepbani eomptes reodns de la eossm. paar 
18üß p. 128) ßaaUiCovra navroi BooanogoUf GioSoaCijs xct^ SCvStuv xrcl 
Ala'i'tüiv xal Togertöy ^I'tjatvv n xal TavaetrtuVy vnoiäaana 21xvOg; xal 
TitvfiüVi. Auf den Lmfaog des Gebietes wird aus der vereinfachten Titulatur 
kein Scblufs gezogen werden dürfen. — In den luscbriften der spateren Zeit 
findet sich einmal unter iVaian die wohl adulatorische Titulatur ßaathvi 
ßactliw fifyas tov naktos BooonoQov (G. L Gr. 2123). Die Münseo kenses 
SberbaaptvoB Aaeadrae aB keiaaa Titel als flaotUvc, wibread dach Pharaakei 



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DAS GinCHMQHB BlttOPA. 



2dl 



Das Gebiet von Pantikapaeon war zu amgedehnt und besonders MiiitarUche 
für den kaafminoisehen Verkehr zu wichtig, nm wie Olbia und Tjra^BoJioriti!r 
der Verwaltung wechseloder GemeiiidebeaiDten und eines weit ent- 
fernten Statthalters Qberiassen tu werden; defishalb wurde es erblichen 
Forsten anvertraut, was weiter sieh dadurch empfahl, dafs es nicht 
gerathen scheinen mochte, die mit dieser Landschaft verknüpften Yer- 
hälliiisse zu den L'iinvoliuern unmittelbar auf daslleich zu ubertragen. 
Als Griechenffirstcn haben die des bosporanischen Hauses, trotz ihres 
ncbaemenidischen Stammbauoies und ihrer achaemenidischen Jahres- 
zähluDg, sich durchaus empfunden und ihren Ursprung nach gut 
hellenischer Art auf Uerakles und die £umolpiden zurückgeführt. 
Die Abbingigfceit dieser Griechen von Rom, der königlichen in Panti- 
kapaeon wie der republikanischen in Chersonesos, war durch die 
Natur der Dinge gegeben und nie haben sie daran gedacht ^egen 
den schützenden Arm des Reiches sich aufzulehnen; wenn einmal 
unter Kaiser Claudius die römischen Truppen gegen einen unlxjl- 
inäfsigen Fürsten des Bosporus niarschiren mufsten^), so hat 
dagegen diese Landschail selbst in der eutsetziichen Verwirrung in 

sich ßaadfvs ßaaüJm' fxiyug oeant. Ohne Zweifel ist dies Eiawirkuog der 
rümisrhfQ Su/cräuetiit, mit der sich eia Uber aodere Fürsteo gesetzter Lebos« 
fürst uicht recht vertrug. 

') Es war dies der im J. 41 voa Claadius eingesetzte König BUfkradates, 
wtkker «big« Jakre «ylter ahgesetst aad daroh «eiaea Braier Rotyi ertetit 
watd; er lebte Mekher ia Rem «ad kaa ia dea Wirrea dea Vierkaiserjahreg 
aa (Piotardi Calba 13. 15). ladefii wird weder ane de« Attdeetoagaa bei 
TidUu aae. 13, 15 (rgL PUuiu h. ■. 6» 5» 17) neck ana dem (darck Ver- 
wedselaag der beiden Mithradates von Bosporus and von Iberien verwirrten) 
Bericht bei Petras Patricias fr. 3 der Sachverhalt dentUeh. Die chersonesi- 
tischen Märchen bei dem späten Constantinus Porphyrogenitus de adm. imp. 
c. 53 kommen natürlich nicht in Betracht. Der böse bosporaoische Künig 
Saaromates KQtaxoivoQov (nicht ' PtjnxoTjuQov) i'lug, der mit den Sariuatcn 
gegen Kaiser Diocletianus und Cuustautiuü wie gegen das reichstreue 
Cherson Krieg fuhrt, ist offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des 
kofporanisdlien Königs- and des Volksnameas und gerade so historisch 
wie die Variatfen anf die Geeeklebt» vea David aal Golia^, die Et- 
liHf das gewaltigea K5algi der Bosperaaer Saareautea darek dea kleiiea 
Gheneacsitea Pkaraakot. IMe RSnifiaamen allein^ mm Beispiel aafser dea 
geaauisn der aaeh dem BrlSSeken des Gesehleekts der Saareamlea eiatreleade 
Asandros, geaSgea. IKe stSdtisehen FriTilegien und die OertUchkeiten der 
Stadt, za dersa Erklireag diese Mirabiliea erlnadea siad, verdieaen sllerdiags 
BeachtBBg. 

19» 



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292 ACHTES BUCH. lUPITfiL VII. 

der Mitte des 3. Jahrliunderts, welche vorzugsweise sie traf, von 
dem Kelch, auch von dem zerfallenden niemals gelassen^). Die 
wohlhabenden Kaufstädte, inmitten eines barbarischen Vdlkcige- 
woges milit&riichen Schuttes dauerod bedQffüg, hielteii an Bob 
wie die Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatsung ist woU 
hauptsächlich in dem Lande selbst aufgestellt worden, und sie n 
schaffen und lu flihren war ohne Zweifel dieHauptau^be des Königs 
des Bosporus. Die Münzen, welche wegen der Investitur eines solchen 
geschlagen wurden, zeigen wohl den curulischen Sessel und die son- 
stigen bei solcher Belehnung üblichen Ehrengeschenke, aber daneben 
auch Schild, ilelm, Degen, Streitaxt und das Schlacbtrofs; es war 
kein Fhedensamt» das dieser Fürst überkam. Auch blieb der erste 
derselben, den Augustus bestellte, im Kampf mit den Barbaren, «ad 
Yon seinen Nachfolgern stritt tum Beispiel König Sanromates des 
Bhoemetalkes Sohn in den ersten Jahren des SoYerus mit den Sirakem 
und den Skythen — vielleicht nicht ganz ohne Grund hat er seine 
Münzen mit den Theten des Herakles bezeichnet Auch zur See hstle 
er thätig zu sein, vor allem das auf dem schwarzen Meer nie auf- 
hörende Piraten Wesen (S. 220) niederzuhalten: jenem Sauroinates 
wird gleichfalls nachgerühmt, dafs er die Taurier zur Ordnung ge- 
bracht und die Piraterie gebändigt habe. Indefs lagen auf der Halb- 
insel auch römische Truppen, vielleicht eine Abthcilung der pontischea 
Flotte, sicher ein Detachement der moesischen Armee; bei gerioger 
Zahl zeigte doch ihre Anwesenheit den Barbaren, dalk der gefitothtsle 
Logionar auch hinter diesen Griechen stand. Noch in andenr Weiie 
schützte sie das Boich; wenigstens in späterer Zeit sind den Ffirstes 
des Bosporus regelmflfsig Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt 
worden, deren sie auch insofern bedurften, als das Abkaufen der feiud- 
lichen Einfälle durch stehende Jahrgelder hier, in dem nicht unffliltel- 



>) Es giebt k eine bosporaaischea Gold- oder PMsdogwldBOBMa okie dei 

römischen Kaiscrkopf, und es ist^^^dies immer der des vom rtaUehen Senat 
anerka unten Herrschers. Dafs in den Jahren 263 und 265, wo im Reieke 
soust nach Valeriana Gefangennehmung Gallienus ofGcicU als Alleinherrscher 
galt, hier xwci Köpfe auf den Münzen erscheinea, ist >iclleicht nur Unkuodf; 
dMh nagder Bosporna damals unter den vielen Prälendealen eine andere \N ati 
getrüfle« btbM. Die NiMea werden io dieser Zeit nicht beigeseut ood die 
BUdiüsM aiad Dicht aieher sn uterMhddiB. 



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BAS «MBailflGBB EintOPA, 



293 



bareD RMchslande, wabnchefplich noch frfihef stehend geworden ist 
ab tndenwo^). 

Da£i die Centralisining des Regiments auch diesem Fürsten vAn»- 
gegenüber zur Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem »teUung. 
römischen Caesar stand wie der Bürgermeister von Athen, tritt viel- 
fach hervor; Erwähnung verdient, dafs Kön'i^ Asandros und [die 
Königin Dpamis Goldmünzen mit ihrem iNamen und ihrem Bildnifs 
schlugen, dagegen dem König Polemon und seinen nächsten Nachfol- 
gen! wohl die Goldprflgvng blieh, da diesea Gebiet so wie die anwoh- 
nenden Barbaren seit langem auaseblieftlich an GoMconrant gewöhnt 
waren, aber sie veranlabl wurden ihre Goldstücke mit dem Namen 
und dem Bilde des regierenden Kaisers zu Tersehen. Ebenfalls seit 
Polemon ist der Fürst dieses Landes zugleich der Oberpriester auf 
Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im Uebrigen be- 
hielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates 
eingeführten Formen nach dem Muster des persischen Grolskönig- 
thnms, obwohl der Geheimschreiber {aQxiyQtfi^tunsvg) und der Ober- 
kammerdiener ((K^$itonmshiig) des Hofes ?on PantiKapaeon su den 
TomebmenHoibeamten derGroftkftnige sich ?erhlelten wie der Römer- 
feind Mithradates Enpator zu seinem Nachkommen Tiberias lulios 
Eopator, der wegen seines Anrechts an die bosporanische Krone in 
Rom vor Kaiser Pius Recht nahm. 

Werthvoll blieb dieses nordische Griechenland für das Reich H»ndei m>d 
wegen der Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche im finpona 
wohl weniger bedeuteten als in älterer Zeit^), so ist doch der Kauf- 
mannsverkehr sehr rege geblieben. In der augustischen Zeit brachten 
die Stäname der Steppe Sdafen') und Felle, die Kaufleute der Civili- 
satlon Bekleidungsstücke, Wein und andere Luxusartikel nach Tanais; 
in nodi höherem Mafse war Phanagoria die Niederlage lAr den Export 

1) Dies wird man dem Skythea Toxaris in dem anter den lucianischen 
iteheoden Dialog (c. 44) glaobeo diirf«'n; im Uebrigen erzählt er nicht blnls 
^v&oig ouoitt, sondern eben einen Mythos, deNseu Könige Leukauor und 
£abiotos (lie^Miin/cn bcj^reiflicher Weise nicht kennen. 

>) lu Betreli' der Gt ti cideausiuhr verdient die ?iotiz in dem Hericbt des 
Plaatias (S. 198) Beachtung. 

*) Aach ans dem Erbietea einer von den rSniscliea Troppen keMafleii Ort- 
fchaft der Siraker (am Aaowiebea Meer) JOOOO Selavea su llefom (Taeitns 
■an. 12, 17) wird aof eiaea lebhaftea Selaveninport tat dietea Gegeadea ge- 
tcUMtea werdea dürfaa. 



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294 



AGHTB8 BUCH. EAPITBL VII. 



der Einheiiiiischen, Pantikapaeon für den Import der Griechen. Jene 
Wirren im Bosporus in der daudischen Zeit waren für die KauCleute 
von Byxant ein schwerer Schlag. Dafii die Gothen ihre Piraten&biten 
im dritten Jahrhundert damit hegannen die bosporanischen Rheder su 
unfireiwilliger Hflifeleistuog zu pressen, wurde schon erwShnt (S. 222). 
Wohl in Folge dieses den barharischen iNachbaren selbst unentbehr- 
lichen Verkehrs haben die Burger von Chersonesos noch nach dem 
Wefjziehen der römischen Hesatzungen sich behauptet und konnten 
späterhin, als in justinianischer Zeit die Macht des Reiches sich aucli 
nach dieser Richtung bin noch einmal geltend machte, als Griechen ia 
das griechische Reich lurücktreten. 



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KAPITEL Tin. 



KLElNilSIfiM. 

Die grofse Halbinsel, welche die drei Meere, das schwarze, das 
ägäische und mittelländische an drei Seiten bespülen und die gegen 
(Ksten mit dem eigenllichen asiatischen Continent zusammenhilngt, 
wird, insoweit sie zum Grenzgebiet des Reiches gehört, in dem naclisten 
das Euphratgebiet und die römisch-parthischen Beziehungen behan- 
delnden Abschnitt betrachtet werden. Mier sollen die FriedensYerhilt- 
nitse namentlich der westlichen Landsch^n unter dem Kaiserregiment 
dargelegt werden. 

Die ursprüngliche oder doch Torgriechische Bevölkerung dieser Dk Biogo- 
weiten Strecken hat sieh vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die ^ dJb"c!»io^^ 

Kaiserzeit hinein behauptet. Dem früher erörterten thrakischen Stamme 
hat sicher der gröfste Theil von lütiiynien geiiürt; Pbrygien, Lydien, 
Kilikien, Kappadokien zeigen sehr mannicbfaltige und schwer zu lösende 
l'eberreste älterer Sprachepochen, die vielfach in die römische Zeit hin- 
abreichen ; firemdarlige Götter-, Menschen- und Ortsnamen begegnen 
überalL Aber so weit unser Blick reicht, dem fireilicb das tiefere Ein- 
dringen hier selten gewährt ist, erscheinen diese Elemente nur weichend 
und schwindend, wesentlich als Negation der Civilisation oder, was 
bier damit uns wenigstens snsammeniufallen dflnkt, der Hellenisirung. 
Es wird am geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie 
zurückzukommen sein; lür die geschichtliche Entwickelung Klein- 
ai)iens in der Kaiserzeit giebt es daselbst nur zwei aclive xNationalitäten, 
die beiden zuletzt eingewanderten, in den Anfängen der geschicht- 
lichen Zeit die Hellenen und während der Wirren der Diadocbenzeil 
<he Kelten. 



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296 



ACBTB8 BDCB. KAmiL ¥111. 



Die Geschichte der kleinasiatiechea HeUenen, lo weit eie ein 
"ateM«* Theil der römischen ist, ist frQher dirgele^ wordeo. In der fernen 
G«u«. 2eit, wo die Kfisten des HiUelmeers snerst befahren nnd besiedelt 
wurden und die Welt anfing unter die Torgesebrittenen Nationen 

auf Kosten der zurückgebliebenen aufgetheilt zu werden, hatte die 
Ilochlluth der hellenischen Auswanderung sich zwar über alle Ufer 
des mittelländischen Meeres, aber doch nirijend hin, selbst nicht 
nach Italien und Sicilien in so breitem Strom ergossen wie über 
das inselreiche ägäische Meer und die nahe hafeareiche liebliche 
Küste Vorderasiens. Die vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst 
vor allen fibrigen sich thfltig an der weiteren Weheroberung be- 
Uftiligt, von Miletos aus die KOsten des schwarzen Meeres, von Pho- 
kaea und Knidos aus die der Westsee besiedeln helfen. In Asien ergriff 
die hellenische Civilisation wohl die Bewohner des Binnenlandes, die 
Myser, Lydier, Karer, Lykier und selbst die persische Grofsniacht blieb 
von ihr nicht unberührt. Aber die Hellenen selber besafsen nichts als 
den isLüsleusaumt höchstens mit Eioschlufs des unteren Laufs der 
gröfseren Flusse, und die Inseln. Continentale Eroberung und eigene 
Landmacht vermochten sie hier gegenflber den mächtigen einheimi- 
schen FArsten nidit su gewinnen; auch lud das hochgelegene nnd 
grossentheils wenig cultorfilbige Binnenland Kleinasiens nicht so wie 
die Kosten zur Ansiedelung ein und die Verbindungen dkstr mit den 
Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge dessen brachten es die 
asiatischen Hellenen noch weniger als die europäischen zur innere» 
Einigung und zur eigenen Grofsniacht und lernten früh die Fügsamkeil 
gegenüber den Herren des Continents. Der national hellenische Ge- 
danke kam ihnen erst von Athen; sie wurden dessen Bundesgenossen 
nur nach dem Siege und blieben es nicht in der Stunde der Gefahr. 
Was Athen diesen Schntsbefohlenen der Nation hatte leisten woliea 
und nicht hatte leisten können, das vollbrachte Alexander; HeOss 
mufste er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nnr den Befreier. 
Alexanders Sieg sicherte in der That nicht blofs das astatische Hd- 
leiienlhum, sondern öffnete ihm eine weite fast ungemessene Zu- 
kunft; die Besiedelung des Continents, welche im Gegensalz der blofs 
litoralen dieses zweite Stadium der hellenischen Welteroberuug be- 
zeichnet, ergriif auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch von 
den Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach des 



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ELBIItAtlllf. S97 

allen Grieehenstldteii der Kfltte^). IHe neue Zeit forderte wie ftber- 
liaiipt aeae GeelaltuDg, so tot tUem aneh oeue Stidte, ngleidk grie- 
cUsciie Königsremdemen und Mittelpunkte bisher ungriechiseher und 

dem Griecheulhiiiii zuzuführender Bevölkerungen. Die grofse staat- 
liche Eotwickeluug bewegt sich iitn die Städte königU'cher Gründung 
und königlichen Namens, Thessalonike, Anliocheia, Alexandreia. Mit 
ihren Herren halten die Homer zu ringen; den Besitz Kleinasiens ge- 
wannen sie fast durchaus, wie man fon Verwandten oder Freunden 
ein Landgut erwirbt, dorcb Vermichtnilii im Testament; und wie 
schwer auf den also gewonnenen Landschaften seitweiae das römische 
Regiment gelastet hat, der Stachel der Fremdherrschafl trat hier nicht 
hittsn. Eine nationale Opposition hat wohl der Achaemenide Mithn- 
dates den Römern in Kleinasien entgegengestellt und das römische 
MiXsregiment die Heilenen in seine Arme getrieben; aber diese selbst 
haben nie etwas Aehnliches unternommen. Darum ist von diesem 
grofsen, reichen, wichtigen Besitz in politischer Hinsicht wenig zu be- 
richten; nm so weniger, als in BetretT der nationalen Beziehungen 
der HeUenen überhaupt su den Römern das in dem Torhergehenden Ab- 
Bemerfcte wesentlidi auch för die kleinasiatischen Geltung hat. 
Die rdmisdie Yerwahung Kleinasiens wurde nie in systema- l'^«'^''- 
Weise geordnet, sondern die einseinen Gebiete so, wie sie 
tum Reich kamen, ohne wesentliche Veränderung der Grenzen als 
römische Verwaltungsbezirke eingerichtet. Die Staaten, welche König 
Attalos Iii. von Pergamon den Römern vermacht hatte, bilden die 
Provinz Asia; die ebenfalls durch Erbgang ihnen zugefallenen des 
Königs Nikomedes die Provinz Bithynien; das dem Mithradates Eupator 
abgenommene Gebiet die mit Bithynien Tereinigte Provins Pontus. 
Kieta wurde bei Gelegenheit des groAen Puratenkrieges yon den 
Römern besetzt; Kyrene, das gleich hier mit erwibnt werden mag, 
nach dem lettten Willen seines Herrschers von ihnen übernommen* 
Derselbe Rechtstitel gab der Republik die Insel Kypros; hinzu kam 
hier die nolhw endige Unterdrückung der Piraterie. Diese hatte auch zu 
der Bildung «Ut Statthalterschaft Kilikien den Grund gelegt ; vollständig 
kam das Land au Rom durch Pompeius mit Syrien zugleich und 

Bitte dar Staat das Lyiinaakaa Bestaad gakabt, so wtre as woU 
aadara gakasaMa. Saiaa Grnodno^en Alazaadraia in dar Troas nad Lysimaabaia, 
■ikasaa-AfaiBoa varatfirkt dvrek dta Uabarsiadalaag dar Bawakaar vaa Kolo- 
fkaa oad Lakedaa, Uagaa im dar baMlekaataa Riektaaf . 



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298 ACHTES BUCH. KAPITEL Till. 

beide siod während des ersten Jahrhunderts gemeinschaftlich vemalteC 
worden. All dieser Länderbesitz warhereitsvonderRepubük erworben. 
Id der Kaiseneit traten eine Anzahl Gebiele hinzu , welche firähir 
nur mittelbar zum Reich gebart hatten: im J. 729 d. Stss 
25 T. Chr. das Königreich Galatien, mit welchem ein Theil Phrygieoi, 
Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war; im J. 747 s 
7 V. Chr. die Herrschaft des Königs Deiotarus Kastors Sohn, welche 
Gangra in Paphlagonien und walirsclieinlicli auch Amnseia und andere 
henachbnrte Orte umfasste; im J. 17 n. Chr. das Königreich Kappa- 
dokien; im J. 4.*^ (las Gebiet der Confödcration der lykischen 
Städte; im J. 63 das nordöstliche Kleinasien vom Thal des Iris bis zur 
armenischen Grenze; Klein - Armenien und einige kleinere FürsUn- 
tbflmer in Kilikien wahrscheinlich durch Vespasian. Damit war die un- 
mittelbare ReicbsTerwaltnng in gans Kleinaaien durchgeführt Lehna- 
fflrstenthflmer blieben nur der taurische Bosporus, tou dem schon die 

Rede war, und Grob -Armenien, Ton dem der nädisle AbfchnHl 

• 

bandeln wird: 

Baut«- und Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Scliei- 
ngimnu dung zwischen ihm und dem des Hrichsraths getroffen ward, kam das 
gesammle kleinasialische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter 
dem Reiche stand, an den letzleren; die Insel Ky|)]()s, die anfangs 
unter kaiserliche Verwaltung gelangt war, ging cbenlalls wenige Jahre 
spftter an den Senat über. So entstanden hier die Tier senatorisdwtt 
Statthalterschaften Asia, Bithynia und Pontus, Kypros, Kreta und 
Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs nur Kilikien als 
Theil der syrischen ProTinz. Aber die später in unmittdbare ReichsTer- 
waltung gelangten Gebiete wurden hier wie im ganzen Reich unter kaiser- 
liche Stalthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus den binnen- 
ländischen Landschaften des galatischen Reiches die Provinz (ialatien 
gebihlet und die Küstenlandschaft Pamphylien einem anderen Statt- 
halter überwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykieo 
unterstellt ward. Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalter- 
schafi unter Tiberius. Auch blieb natflrlich Kilikien, als es eigens 
Statthalter erhielt, unter kaiserlicher Verwaltung. Abgesehen dawui» 
dafs Hadrian die wichtige ProTinz Bithynien und Pontus gegen die 
unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese Ordnung 
in Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische 
Milverwaituug überhaupt bis aul' geringe Ueberreste beseitigt ward. 



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KLBWASBII. 



299 



Die Greose ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die Lehos- 
farsteothftiBer gebildet; nach deren Einziehung ber&hrte die Reichs- 
grenze, TOD Kyrene abgesehen, unter allen diesen Verwaltungsbezirken 

Dur der kappadokische, insofern diesem damals auch die nordöstliche 
Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezuiit zugetheill warM; und auch 
diese Stalthalterschatl grenzte nicht mit dem eigentlichen Ausland, 
sondern im Norden mit den abhängigen Volkerschaften am Phasis, 
i^eiterbin mit dem von Rechtswegen und einigermafsen auch tbat- 
sächlich zum Reiche gehörigen Lehnskönigthum Armenien. 

Um von den Zustinden und der £ntwickelnng Kleinasiens in den 
drei ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Vorslellung zu 
gewinnen, so wdt dies bei einem aus unserer unmittelbaren gesdiicht-- 
hchen üeberllefernng gänzlich ausfallenden Lande möglich ist , wird 
bei dem conservativen Charakter des römischen Provinzialregiments 
an die älteren Gehiptstheilungen und die Vorgeschichte der einzelnen 
Landschaften anzuknüpfen sein. 

Die Provinz Asia ist das alte Reich der Attaliden, Vorderasien bis 
nördlich zur bithyniscben, südlich zur lykischen Grenze; die anfangs 
dsTon abgetrennten östlichen Striche, das groDsePhrygien, waren schon 



Nirpends haben die Grenzen der Lehnstaaten und selbst der Provinzen 
nehr gev^ecbselt als im nordöstlicbca Hleioasieo. Die unmittelbare Reichs- 
Ttrvaltaog trat hier Für die Landschaften de« Königs Polemoo, wuzu Zela, 
Nfoeaetam, Trapens gehörten, im J. 6S eio, für Rleia-Armaniea, wir wistea 
aickt gesaa w«bb, wahraeheiiilieh in Aofaaf der Refioroag Vespaaitas. 
Der letzt« LabakSoig yoü KleinarmenieD, deaaea gedacht wird, iat der Herodeer 
Ariitoholoa (Tacitna «db. 13, 7. 14, 26; Joaephua aat 20, 8, 4), der ea noch im 
i. 60 besafs; Im J. 75 war die Landschaft römisch (C. I. L. III, SOG) und wahr- 
scheinlich hat die eine der seit Vespasian in Kappadokien garuisonireudea 
Legionen von Anfang an in dem kleioarmenischen Satala gestanden. Vespasian 
hat die {genannten Landscbaftcn so wie (talatien und liappadokien zu einer 
grossen Statthalterschaft vcreiiiif^t. Am l>n(]e der domitianischon Regierung 
finden wir Galatien und Kappailokien getreiuit und die nordöstlichen i'ioviuzrn 
zu Galatien gelegt, l ntcr Traian ist zuerst wiederum der ganze Bezirk in 
eiaer Hand, späterhin (Eph. ep. V n. i'^ib) in der Weise getheilt, dals die 
aardBitliehe Riata sv Kappadokian gehSrt. Dahet iat aa wenigsteaa iaaoweit 
gaUlabaB, daTa Trapezunt, ud alao aneh Klaia-ArmaBiea, fortaa baatSadig oatar 
4laiaai Statthalter geataadaa hat Alao hatte, voa aiaar knnaa Uatarbrachnag 
aaler DaaütiaB ahgeaahea, der Legat voa Galatiea aiehta mit der Greas- 
Tertheidignng ta thnn und ist diese , wie es «aeh in der Sache liegt, ateta 
■it dem CoauMsdo Rappadokieas nad aeiaar Legioaea veraiBigt geweaea. 



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300 ACHTES BDOI. KAmBL Tin. 



in republikaiiiseher Zeil wieder data geecblagen worden (2, 265) nnd 
die j^tini reidite seitdem bis an die Landschaft der Galater and die 
pisidischen Gebirge. Anch Rhodos nnd die flbrigen kleineren Inseln des 
IH« ^Hf^- agäischen Meeres gehörten zu diesem Sprengel. Die ursprüngliche 

hellenische Ansiedelung' hatte aufser den Inseln und der eigentlichen 
Küste auch die unteren Thäler der gröfseren Flüsse besetzt; Maune^ia 
am Sipylos im Herniosthal, das andere Magnesia und Tralles im Thal 
des Maeandros waren schon vor Alexander als griechische Städte ge- 
gründet oder doch griechische St&dte geworden; die Karer, Lyder, 
Myser wurden lirQb wenigstens so Halbbellenen. Die eintretende 
Griechenherrschaft ftnd in den Kflstenlandschaften nicht viel in ifaon; 
Smyroa, das vor Jahrbnnderten von den Barbaren des Binnenlandes 
zerstört worden war, erhob sieh damals aus seinen Trfluiniem, on 
rasch wieder einer der ersten Sterne des glänzenden kleinasiatischen 
Städteringes zu werden; und wenn der Wiederaufbau von Ilion an 
dem Grabhügel Hektors mehr ein Werk der Pietät als der Politik war, 
so war die Anlage von Alexandreia an der Küste der Troas von bleiben- 
der Bedeutung. Pergamon im Thal des Kaikos blühte auf als Resideoi 
der Attaliden. 

Dm Binnen- In dom grofson Werk der Hellenisining des Binnenlandes dieser 
Provinz wetteiferten, Alexanders Intentionen entsprechend, alle heUe- 
nischen Regierungen, Lysimachos, dieSeleukiden,die Attaliden. Die ein- 
zelnen Gründungen sind aus unserer Ueberlieferung noch mehr rer- 

schwunden alsdicKriegsläufte der gleichen Epoche; wir sind hauptsäch- 
lich angewiesen auf die Namen und die Beinamen der Städte; aber auch 
diese genügen, um die allgemeinen Umrisse dieser Jahrhunderte hin- 
durch sich fortsetzenden und dennoch homogenen und zielbewulsteu 
Thätigkeit zu erkennen. Eine Reihe binnenJändischer Ortschaften, 
Stratonikeia in Karien, Peitae, Blaundos, Dokimeion, Kadoi in Phrygieo, 
die Mysomakedonier im Bezirk von Ephesos, Thyateira, Hyrkann» 
Nakrasa im Herrn osgebiet, die Askylaken im Bezirk von Adramytiott 
werden in Urkunden oder sonstigen glaubwürdigen Zeugnissen als Make- 
donierst«1dte bezeichnet; und diese Erwähnungen sind so zufälliger Art 
und die Ortschaften thcilweise so unbedeutend, dals die gleiche Bezeich- 
nung sicher auf eine grofse Anzahl anderer .Medeiiassungen in dieser 
Gegend sich erstreckt hat und wir schliefsen dürfen auf eine ausge- 
dehnte wahrscheinlich mit dem Schutz Vorderasiens gegen die Galater 
nnd Pisidier zusammenh2ngende Ansiedelung griechischer Sokbten 



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KLBUCAftUH. 



301 



iudea bezeicboeteD Gegenden. Wenn terner die Münzen der an- 
tehnlichen phrygiscfaen Stadt Synnada mit ihrem Stadtnainen den der 
lonerund derDorer so wie den des gemeinen Zeus {Zsifgnatfdint^i;) 
fcrbinden, so und» oner der Alexandriden die Griechen insgemein 
aulj^efordert haben hier sich niedersulassen; und auch dies besdifinkte 
«cb gewiCi nicht auf diese einselne Stadt Die lahlfeichenStidtehanpt- 
dcfaKch des Binnenlandes , deren Namen anf die Kftnigshinser der 
J^eleukiden oder der Allaliden zurückgehen oder die sonst griechisch 
Itfoannt sind, sollen hier nicht aufgeführt werden; es helinden sich 
namenllich unter den sicher v<»n den Seleukiden gegründeten oder reor- 
ganisirten Städten mehrere der in späterer Zeit blühendsten und 
gesittetsten des Binnenlandes, luni Beispiel im südlichen Phrygien 
Laodikeia und vor allem Apameia, das alte Kelaenae an der groCsen 
HeentnllBe von der WestkQste&leinasienssum mittleren Euphrat, schon 
in persischer Zeit das Entrepot fOr diesen Verkehr und unter Augustus 
nach Ephesos die bedeutendste Stadt der Provins Asia. Wenn auch 
nicht jede Beilegung eines griechischen Namens mit Ansiedelung 
grietliisihir ( olonisten verbunden gewesen sein wird, so werden wir 
doch einen beträchtlichen 1 heil dieser Ortschaften den griechischen 
Fflanzstädten beizahlen dürfen. Aber auch die stadtischen Ansiede- 
lungen nicht griechischen Ursprungs, die die Alexandriden vorfanden^ 
lenkten von selber in die Bahnen der Ilellenisiruog ein, wie denn die 
Reudern des persischen Statthalters Sardes noch von Alexander selbst 
ah griechisches Gemeinwesen geordnet ward. — Diese stidtische 
Eotwkkelung war ?olliogea, als die Rtaer die Herrschaft Ober Vorder- 
anen antraten; sie selber haben sie nicht in intensiTer Weise gefördert 
Bib eine grofse Anzahl der Stadtgemeinden in der östlichen HlUle 
der Provinz ihre Jahre von dem der Stadt 670, v. Chr. 84 zählen, 
kumnii daher, dafs damals nach Beendigung des mithradatischen 
Krieges diese Bezirke durch Sulla unter unmillelbar römische Verwal- 
tung kamen (2, 302); Stadtrechl haben diese Ortschaften nicht erst 
damals erhalten. Auguslus hat die Stadl Parium am UeUespont und 
die schon erwähnte Alexandreia in Troas mit Veteranen seiner Armee 
iKMUt und beiden die Rechte der römischen BOrgergemeinden beige- 
legt; totere ist seitdem m dem griechischen Asien eine italische Insel 
gewesen wie Korinth in Griechenland und Berytos in Syrien. Aber dies 
W nichts als Soldatenversorgung ; von eigentlicher StädtegrOndung in 
der römischen Provinz Asien unter den Kaisern ist wenig die Rede. 



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302 



ACHTES BOCfl. KAPITEL Vlll. 



Unter den nicht zahlreichen nach Kaisern henannten Städten daselbst 
ist vielleicht nur von Sebaste und Tiberiupolis, beide in PhiTgien, ood 
von Hadrianoi an der bithynischen Grenze kein älterer Stadtoame nadi- 
suweisen. Hier, in der Berglandschaft iwischen dem Ida und den 
Oljmp, hauste Kleon in derTrinmviralxeit, ein gewisser Tilliboros ontcr 
Hadnaiit beide halb Riuberhaaptleute, halb VolksfQrsten, von denen 
jener selbst in der PoHUk eine Rolle gespielt hat; in dieser Frei- 
stall tief Verbrecher war die Gründung einer geordneten Stadtgemeinde 
durch Hadrian allerdings eine Wohlthat. Sonst blieb in dieser Provinz, 
mit ihren fünfhundert Stadtgemeinden der städtereichsten des ganzen 
Staates, in dieser Hinsicht wohl nicht mehr viel zu stiften übrig, 
höchstens etwa zu theilen , das heaist die factisch zu einer Stadtge- 
meinde sich entwickelnden Flecken ans dem früheren Gemeindever- 
bande zu lösen und selbstfindig sn machen, wie wir einen Fall der Art 
In Phrygien unter Constantin L nachweisen können. Aber von der 
eigentlichen Hellenisirung waren die abgelegenen Gebiete noch weil 
entfernt, als das römische Regiment begann; insbesondere in Phrygien 
behauptete sich die vielleicht der armenischen gleichartige Landes- 
sprache. Wenn aus dem Fehlen griechischer Münzen und griechischer 
Inschriften nicht mit Sicherheit auf das Fehlen der Hellenisirung 
geschlossen werden darf^), so weist doch die Thatsache, dafs die 
phrygischen Münzen fast durchaus der römischen Kaiseneit, die 
phrygischen Inschriften der groben Mehrzahl nach der späteren 
Kaiserzeit angehören, darauf hin, dafo in die entlegenen und derCivili- 
sation schwer zugänglichen Gegenden der Provinz Asla die helleniiche 
Gesittung so weit fiberhaupt, äberwiegend erst unter den Kaisem den 
Wegfand. Zu unmittelbarem Eingreifen der Reichs Verwaltung botdieser 
im Stillen sich vollziehende Prozefs wenig Gelegenheit und Spuren 
solchen Eingreifens vei^mögen wir nicht nachzuweisen. Freilich war 



') Die städtiide linnzpr8(^Dog and die Inschriftsetzaag stehen anter so 
vieilicliea Bediofangen, dafs das Fehlen oder aneh die Fülle der einen wie der 
■■dem nicht ohne weiteres zu Rückschlüssen auf die Abwesenheit oder die 
Intensität einer bestimmten Civilisationsphase berechtificeD. Für Kleinasien 
insbesondere ist zu beachtcu, dafs es das gelobte Laud der muDicipalen Eitel- 
keit ist und unsere Denkmäler, auch die Münzen, zum weitaas grüssten Theil 
dadurch hervorgerufen sind^ dafs die hegietaag der römischen Kaiser dieser 
freien Lauf lief«. 



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KLEINASifiK. 



303 



Aäia eiue senatorische Provinz, und dafs dein SenatsregimeDt jede 
Initiative abging, mag aiirh hier in Betracht kommen. 

Syrien und mehr noch Aegypten geben auf in ihren Metropoh'ii; stidtisch« 
die Provinz Asien und Kleinasien überhaupt hat keine einzelne Stadt 
aofituweisen gleich Antiochei« und Aleiandreia, aondero sein Gedeihen 
ruht auf den zahlreichen Mittelatidten. Die Eintheilung der StSdte in 
drei Klassen, welche sich unterscheiden im Stimmrecht auf dem Land- 
lag, io der Repartition der von der ganzen Provinz aufzubringenden 
Leistungen, seihst in der Zahl dor anzustellenden Sladlärzte und 
siädtischen LehrerM, ist vorzugsweise diesen l.andschaften eigen. 
Auch die städtischen Hivalitäten, die in Kleinasien so energiscli und 
zum Theil so kindisch, gelegenüicb auch so gehässig hervortreten, 
wie zum Beispiel der Krieg zwischen Severus und Niger in Bithynien 
etgentlich ein krieg der beiden rivalisirenden Capitalen Nikomedeia 
und Nikaea war» gehören zam Wesen zwar der hellenischen Politien 
iberfaaopt, insbflsondere aber der kleinasiatischen. Des Wetteifers am 
die Kaisertempel werden wir weiterhin gedenken; in ähnlicher Weise 
war die Rangfolge der städtischen Deputationen bei den gemeinschaft- 
lichen Festen in Kleinasieu eine Lebensfrage — Majinesia am Maeander 
nenut sich auf den Münzen die 'siebente Stadl vuii Asia' — und vor 
allem der erste Platz war ein so begehrter, dais die Regierung schliefs- 
Hchsich dazu verstand mehrere erste Städte zuzulassen. Aehnlich ging 
esmit derüetropolenbezeichDung. Die eigentliche Metropole der Provinz 
war Pergamon, die Residenz der Attaliden und der Sitz des Landtags. 
Aber Ephesos, die factiscbe Hauptstadt der Provini, wo der Statthalter 
Tsrpflichlet war sein Amt anzutreten und das auch dieses *Landungs- 
ncbts' auf seinen Manzen sich berühmt, Smyrna, mit dem ephesischen 
Nachbar in steter RivalitSt und dem legitimen Erstenrecht der Ephesier 
zum Trotz aut den Münzen sich nennend 'die erste an (irofsc und 
Schönheit', das uralte Sardeis, Kyzikos und andere mehr strebten 
nach dem gleichen Ehrenrechte. Mit diesen ihren Quäogeleieu, wegen 

*) *Die VerordoDo^', sagt der Jurist Modcstinus, der sie rererirt 27, 
1» 6, 3) 'ieteressirt alle Provinzen, obwohl sie an die Asiateu gerichtet ist*. 
Aach pafst sie ia der That nur da, wu es Städteklassen giebt, und der Jurist 
lägt eine AoweiAuug hinzu, wie sie auf anders geordnete Proviozea aozu- 
wesdes sei Was der Biograph des Pias o. II über die von Pias den Rhe* 
torca gtwihrtM Aotidduiiugwi and Gehatta berichtet, kat lait dieser Vcr» 
aichts an sebaffea. 



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304 



ACUTES BUCH. KAPITEL Vlll. 



deren iTgelmäfsig der Senat und der Kaiser angegangen wurden, den 
*griechisclien Dummlieiten', wie^man inRom zu sagen pflegte, waren die 
Kleiaasialen der stellende YerdruXs und das stehende Gespött der 
▼ornehmen Börner^). 
Kdtyaiao. Nicht auf der gleichen Höhe wie das ▲ttalidenreich befand nck 
Bithynien. Die iltere griechische Coloniairang hatte aich hier lediglidi 
anf die KOste heachränlit In der heUeniatiachen Epoche hatten anfiuigs 
die makedonischen Herrscher, später die völlig deren Wege wandehide 
einheimische Dynastie neben der im Ganzen wohl anf Umnennung 
hinauslaufenden Einrichtung der Küstenorte einigermafsen aucli das 
Binnenland erschlossen, namentlich durch die beiden glücklich ge- 
diehenen Anlagen von Nikaea (Isnik) und Prusa am Olymp (Brussa); 
von der ersteren wird hervorgehoben, dafs die ersten Ansiedler von 
guter makedonischer und hellenischer Herkunft gewesen seien. Aber 
in der Intensitit der HeUenisimng stand daa Reich dea Nikomedes 
weit zurQck hinter dem des Bflrgerf&rsten von Pergamon; insonderfasit 
daa östliche Binnenland kann vor Aagaatns nnr wenig besiedelt gsweicn 
sein. Dies ward in der Kaiseneit anders. In augustischer Zeit baote 
einglücklicherRäuborhauptmann, dersich zurOrdnuiig bekehrte, ander 
galatischen Grenze die gänzlich herabgekommene Ortschaft GordiuKoinc 
unter dem Namen Jiiliopolis wieder auf; in derselben Gegend sind die 
Städte Bithynion-Claudiopolis und Krateia-Flaviopolis wahrscheinlich 
im Laufe des ersten Jahrhunderts zu griechischem Stadtrecht gelangt 
Ueberhanpt hat in Bithynien der Uelieniamas unter der Kaiserzeit 
einen mSchUgen Anfkhwung genommen und der derbe thrakisdie 
Schlag der Eingehomen gab ihm eine gute Grundlage. Dafs nnter 
in grofser Anzahl bekannten Schriftateinen dieaer Provinz nicht mehr 
als vier der vorrömiscben Zeit angehören, wird nicht allein daraus er- 

>) Vortrefflieh Mtzt Dio von Pmsa ia seines Aetpraeheii m die Biivv 
von Nikonedeia «od voo Tarsos «afeinuiler, dafs keia gebildeter Uaoa ßr 

sich solche leere Bezeichnaogen haben möchte und die Titelsacht für <&• 
Städte geradcza uabegreiflich sei; wieea das Zeicheo der riebtigeo Kleiostädtrrri 
sei sich solche Ran^bescheini^ngen aasstellen xa lassen; wie der schlechte 
Statthalter durch diesen Städtehader sich immer decke, da ISiLacu und 
Nikomedcia nie unter sich zusammenhielten. 'Die Römer Rehen mit euch um 

* wie mit Kindern, denen man ßcrioges Spielzeug schenkt; Mifshandlangen nehmtilkf 
'hin inn iNamen za bekommen; sie neaneDeurcStadtdieerstc, um sie als die letzten 

* behandeln. Den Römern seid ihr damit zam Gelächter gewordea vid fi* 
'aeaaea das 'grieeUsehe Daamdiellan, (j:k/.),i'ixä uuuqtt ^axa).* 



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ILBIMABnif. 



305 



klärt werden können, dafs die städtische Ambiliun erst uiiler den 
Kaisern grofsgezogen worden ist. In der Litteraliir der kaiserzeit ge- 
liören eine Anzahl der besten und von der wucliernden Uheturik um 
wenigsten erfassten Schriftsteller, wie der Philosoph Dion von Prusa, 
die Uislohker Memnon von Ilerakleia, Arrhianos aus Mikomedeia, 
Catsiat Dion von Nikaea, nach Bithynien. 

Die tetliche Hllfte der SüdkOtte des schwanen Meerea, die rAmi- PtatM. 
sehe Plrofiiii PodUu, hat tur Grandlage denjenigen Theii des Reiches 
Milhradats, d«i Pompeins sofort nach dem Siege in unmittelbaren 
Beski nahm. Die lahlreichen Ideinen Fflrstenthfimer, welche im pa- 
phlagonischen Binnenland und östlich davon bis zur armenischen 
Grenze Pompeius gleichzeitig vergab, wurden nach kürzerem oder 
längerem Bestand bei ilirer Einziehung iheils derselben Provinz zuge- 
legt, theils zu Galalien oder Kappadokien geschlagen. Das ehemalige 
Reich des Mithmdates war sowohl von dem älteren wie von dem 
jflngeren Hellenismus hei weitem weniger als die westlichen Land- 
schaften herfthrt worden. Als die Römer dieses Gebiet mittelbar oder 
unmittelbar In Beslti nahmen, gab es griechisch geordnete Städte dort 
streng genommen nicht; Amasela, die alte Residenx der pontischen 
Achaemeniden und immer ihre Grabstadt, war dies nicht; die beiden 
alten griechischen KflstenstSdte Amisos und das einst über das schwarze 
Meer gebietende Sinope \>aren königliche Residenzen geworden, und 
auch den wenigen von Mithradates angelegten Urlschaften, zum Beispiel 
Eupatoria (3, 155), wird schwerlich griechische Politie gegeben worden 
sein. Hier aber war, wie schon früher ausgeführt ward (3, 154), die 
römische Eroberung zugleich die Hellenisirung; Pompeius organisirte 
die Prolins in der Weise, dab er die elf Hauptortschaften derselben 
stt StSdten machte und unter sie das Gebiet ?ertheilte. AUer- 
dlngs ihnelten diese kflnstlich geschaffsnen Stidte mit ihren un- 
geheuren Betonen — der ron Sinope hatte an der Röste eine Aus- 
dehnung von 16 deutschen Meilen und grenzte am Halys mit dem 
amisenischen — mehr den keltischen Gauen als den eigentlich hel- 
lenischen und italischen Stadtgemeinden. Aber es wurden doch damals 
Sioope und Amisos in ihre alte Stellung wieder eingesetzt und andere 
Städte im Binnenland, wie Pompeiupolis, Nikopolis, Megalopolis, das 
spätere Sebasleia, ins Leben gerufen. Sinope erhielt durch den 
DiGlator Caesar das Recht der römischen Colonie und ohne Zweifel 
auch itaUsche Ansiedier (3, 555). Wichtiger für die rdmische Vei^ 



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306 



ACHTBS mCB. KAPITEL YllJ. 



waltung ward Trapezas, eine alteCoIonie voD Sinope; die Stadt, die im 
J. 63 sur Provins Kippadokien geschlagen ward (S. 299 A. 1), war wie 
der Standort der römischen Pontusflotte so auch gewissermafben die 
Operationsi»asis f&r dss Truppencorps dieser Provins, das einzige in 
ganz Kleinasien. 

Xftppft> l^as binnenländische Kappadokien war seit der Eiorichtung der 

^*"*** Provinzen Pontiis und Syrien in römischer Gewalt; über die Einziehung 
desselben im Anfang der Regierung des Tiberius, welche zunächst ver- 
aniafst ward durch den Versuch Armeniens, sich der rümi»cheu 
Lehnsherrschaft zu entwinden, wird in dem folgenden Abschnitt zn 
berichten sein. Der Hof und was unmittelbar damit zusammenhing, 
hatte sich hellenisirt (2, 55), etwa so, wie die deutschen Hole des 
18. Jahrhunderts sich dem fransftsischen Wesen luwandten. Die 
Hauptstadt Kaesareia, das alte Mazaka, gleich dem pbrygischen Afiameit 
eine Zwischenstelle des grofsen Verkehrs zwischen den Häfen der West- 
küste und den Euphraliändern und in römischer Zeit wie noch beute 
eine der blühendsten Handelsstädte Kleinasiens, war auf Pompci us 
Veranlassung nach dem mitliradatiscben Kriege nicht blofs wieder auf- 
gebaut, sondern wahrscheinlich damals auch mit Stadtrecht nach 
griechischer Art susgestattet worden. Kappadokien selbst war im 
Anfang der Kaiserzeit schwerlich mehr griechisch als fiiandenburg und 
Pommern unter Friedrich dem Grolsen französisch. Als das Laad 
' römisch ward, serfiel es nach den Angaben des gleichseitigen Streben 
nicht in Stadtbezh'ke, sondern in zehn Aemter, Ton denen nur zwei 
Städte hatten, die schon genannte Hauptstadt und Tyana; und diese 
Ordnung ist hier im Grofsen und Ganzen so wejiig verändert worden 
wie in Aegypten, wenn auch einzelne Ortschaften späterhin griecliisches 
Sladtrccht emptingen, zum Beispiel Kaiser Marcus aus dem kappa- 
dokischen Dorf, in dem seine Gemahlin gestorben war, die Stadt 
Faustim^olis machte. Griechisch freilich sprachen die Kappadokier 
jetzt; aber die Studirenden aus Kappadokien hatten ausw&rts viel lu 
leiden wegen ihres groben Aocents und ihrer Fehler in Ausspradie 
und Betonung, und wenn sie attisch reden lernten, fanden die 
LykUo. Landsleute ihre Sprache aiBCtirt^). EvstinderchrislBichenZeit gaben 



') Pausaoias aas Kaesareia rSekt bei Philostratos vitae soph. 2, 13 dem 
Herodes Attikoi seioo Fehler vor: naxidf ylufry xal dts KannaßimH 



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KLCJNASIEN 



307 



die StodieDgenossen des Kaisers Julian, Gregorios von Nazianzos und 

Basilios von Kae^areia dem kappadokischen Namen einen besseren 
Klang. 

Die lykischen Städte in ihrem abgeschlossenen Berglandt; ölTnetm 
ihre Küste der griechischen Ansiedelung nicht, aber schlössen sich 
darum doch nicht gegen den hellenischen Einflufs ab. Lykien ut die 
eiozige UeiDasiatiscbe Landschaft, in welcher die frühe Civilitirung die 
Landcaspraebe niebt besciUg^ hat, und welche, fui wie die Rdmer, 
iB griedÜBches Weaen einging, ohne aich äuflMrlich lu heUeoiairen. 
Ea beieichnet ihre Stellimg, dafa die lykiache CoDf5deratioii ala aolche 
dem attischen Seebund sich angeschlossen und an die athenische Vor- 
macht ihren Tribut entrichtet hat. Die Lykier haben nicht blofs ihre 
Kunst nach hellenischen Mustern geübt, sondern wohl auch ihre 
politische Ordnung früh in gleicher Weise geregelt. Die Umwandlung 
des einst Rhodos unterthänigen, aber nach dem dritten makedoniachen 
Krieg unabhängig gewordenen (1, 774) Stadtebundes in eine römische 
Profint, welche wegen dea endlosen Haders unter den Verbündeten 
fon Kaiaer Qaadiaa verfügt ward, wird.daa Vordringen deaflellenjamua 
gelMert haben; ioi Verlauf der Raiaeneit aind dann die Lykier toU- 
atindig zu Griechen geworden. 

Die pamphylischen Kästenstädte, wie Aspendos und Perge, grie- '^^^^Jy^ 
chische Gründungen der ältesten Zeit, später sich selbst überlassen 
und unter gunstigen Verhältnissen gedeihlich entwickelt, hatten das 
älteste Hellenenthum in einer Weise sei es conservirt, sei es aus sich 
heraus eigenartig gestaltet, dafs die Pamphylier nicht viel weniger als 
die benachbarten Lykier in Spractie und Schrift alaaelhatändige Nation 
gelten konnten. Ala dann Asien den Hellenen gewonnen ward, fanden 
aie alfanihlich den Rückweg wie in die gemeine griecfaiache G?iliaation 
ao aacb in die allgweine politiache Ordnung. Die Herren in dieaer 
Gegend wie an der benachbarten kibkiacben Küate waren in helle- 
nistischer Zeit theils die Aegypter, deren Königshaus verschiedenen 
Ortschaften in Pamphylien und Kilikien den Namen gegeben hat, 
tbeils die Seleukiden, nach denen die bedeutendste Stadt Westkilikiens 
Seleukeia am Kalykadnos heifst, theils die Pergamener, von deren 
Herrschaft Attaleia (Adalia) in Pamphylien zeugt. Dagegen hatten 

mou/va xal fifixvrtav ra ßQny/«. ^'it• ApoU. 1, 7: r ylmnmldtrutäs %lx^% 

20» 



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308 



ACUTES BUCH. KAPITEL Vlll. 



die Völkerschaften in den Gebirgen Pisidiens, Isauriens und We$l- 
kilikiens bis auf den Beginn der Kaiserzeit ihre Unabhängigkeit der 
Sache nach behauplet. Hier ruhten die Fehden nie. Nicht blofs zu 
Lande halten die civilisirten Regierungen stets mit den Pisidiern und 
ihren Genossen zu schaffen, soodera es betrieben dieselben namentlich 
Ton dem westlichen Kilikien aus, wo die Gebirge unmittelbar an daa 
Meer treten, noeh eiCriger als den Landraub das Gewerbe der IMrateris. 
Als bei dem Verfall der igyptischen Seemacht die SfldkOste Kldn- 
astens ?6Uig xur F^istatt der Seerinber ward, traten dieROmier einnnd 
richteten die Profins Kilikien, welche die pamphylische Rflste mit am- 
fafste oder doch umfassensolltef der Unterdrückung des Seeraubs wegen 
ein. Aber was sie thaten zeigte mehr, was liäite geschehen sollen, 
als dafs wirkhch etwas erreicht ward; die Intervention erfolgte zu 
spät und zu unstetig. Wenn auch einmal ein Schlag gegen die Corsaren 
geführt ward und römische Truppen seihst in die isaurischen Gebirge 
eindrangen und tief im Binnenland die Piratenburgen lirachen (3, 47), 
itt rechter dauernder Festsetsung in diesen von ihr widerwillig sn- 
nectirten Districten kam die rOmiscbe Repoblik nicht. Hier blieb dem 
Kaieerthom noch alles zu than Qbrig. Antonius, wie er den Orient 
flbernahm, beauftragte einen tüchtigen gslatischenOflisier, den Amyotai 
mit der Unterwerfung der widerspenstigen pisldischen LandschaflM* 
und als dieser sich bewährte'), machte er denselben zum König von 
Galatien, der mihtärisch bestgeordneten und schlagfertigsten Land- 
schaft Kleinasiens, und erstreckte zugleich sein Regiment von da 



AiiynUs wurde noch im J. 715, bevor Antoaios nach Atiea seriek- 
gtng, über die Pbidier «eMtst (Appitn b. c. 5, Ih), ohae Zweifel weil dicN 
wieder elaaial eioeD ihrer Raobzüge aoteroonmen battee. Dert«ii, delb erdwt 

xaerit herrschte, erklärt es sich auch, dtfiier sich io Isaara seine Resideox btelt 
(Straboo 12, 6, 3 p. 569). Galalien kam zunächst an die Erbes dee Deiotarw 
(Uio 48, 33). Erst im J. TIS erhielt Anyatas Galetieo, Lykaeaiea oad Pt»- 
pbylien (Dio 4.), 32). 

•) Dafs dies die Irsachc war, weshalb diese Gegeudeo nicht uotfr 
römisehe Statthalter geleimt worden, sa^ Strabon (14, 5, 5 p. 671), der nach 
Zeit nd Ort diese« VerbilUinea eabe ateod, taadröcklich: üomh 
&r<rr Toiovfo (rdr die Ueterdrieknog der Bieber eed der Pirttee) 
Uv0i1h» /tSlXav tove tonavg ^ ifn6 roTs *Bt»fuUo%£ iiytftoatv thm$ totfinl 
wie Mfimtt ntfinofiipo^g, o'iftf^ dfl naQihm tfuUop (wegee der B iie ii ea g 
der conventus) fu9^ tnXmw (die allerdiege den epiterea Ligatee m 
Galetiea feUtee). 



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ELBIIfASIBlf. 



309 



inr Süllküste, also auf Lykaonien, Pisiüien, Isaurien, Pamphyliea 
und W«alkilikieD, wihrend die dnliairte Osihilfle Kiltfuent bei Syriea 
blieb. Auch ab Aogastiw nacb der aktiBcheo Schlaehl die Herr- 
aebafi in Orient antrat, lieb er den keltiacben FOraten in aeiner 
SteUong. Derselbe macbte auch weaenUiebe Fortachritte aowohl in 
der Unterdrückung der schlimmen in den Schlupfwinkeln des west- 
lichen Kilikiens hausenden Corsaren wie auch in der Ausrotlung der 
Landräuher, todtete einen der schlimmsten dieser Hauhherren, den 
Herrn vun Derhe und Laranda im südlichen Lykaonien Anti|)atros, 
baute ia laauria aich aeine Reaideoi und aehlug die Pisidier nicht blofs 
hinaus ana dem angrenzeuden phrygiachen Gebiet, sondern fiel in 
ibr eigenea Land ein und nabni im Herten deaaelben Kremna. Aber 
nacb einigen Jahren (729 d. St., Tor Ghr. 25) yerlor er daa Leben 
auf einem Zug gegen einen der weatbilibiachen StAmm«, die Homona- 
demer; nachdem er die mebten Ortaebaften genommen hatte und ihr 
Fürst gefallen war, kam er um durch einen von dessen Gattin gegen 
ihn gerichtete n Anschlag. Nach dieser Katastrophe übernah m Augustus 
seihst das schwere Geschäft der Pacification des iniu*ren kleinasiens. 
NVenn er dabei, wie schon bemerkt ward (S. 298), das kleine pamphylische 
Küatenland einem eigenen Statthalter zuwies und es von Galatien 
trennte, so iat dies offenbar defswegen geschehen, weil das zwischen 
der &aate und der galatiacb-lykaoniacben Steppe liegende Gebirgaland 
so wenig botmilkig war, dalb die Verwaltung dea KOatengebieta nicht 
filglidi Ton Galatien ana geffthrt werden konnte. Römiache Truppen 
worden nach Galatien nicht gelegt; doch wird daa Aufgebot der 
kriegerischen Galater mehr zu bedeuten gehabt haben als bei den 
meisten Provinzialen. Auch halten, da das westliche Kilikien damals 
unter Kappadukim jjelegt ward, die Truppen dieses Lehnsfürsten sich 
an der Arbeit zu betheiligen. Die Züchtigung zunächst der Homona- 
tleaser führte die syrische Armee aus ; der Statthalter Publius Sulpicius 
Quirinius rückte einige Jahre später in ibr Gebiet, achnitt ihnen die 
Zofobr ab und swang aie aich in Maaae lu unterwerfen, worauf aie in 
die umliegenden Ortaebaften Tertheilt und ihr ehemaligea Gebiet wQat 
gdegt wurde. Aebnllche Zflehtigungen erfuhren in den J. 36 und 52 
die Eliten, ein anderer in dem westlichen Kilikien nSher an der 
Köste sitzender Stamm ; da sie dem von Horn ihnen gesetzten Lehns- 
försten den Gehorsam verweigerten und das Land wie die See brand- 
schatzten und da die sogenannten Landesherren mit ihnen nicht fertig 



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310 



ACBTB6B0CH. lAPIfSL Tin. 



werden koDUteo, kamen beide Male die Reichstruppen aus Syrien herbei, 
um 8ie zu unterwerfen. Diese Nachricbten haben sieb lufaUig erhahen; 
PMaiMb» sieher sind sahh^che ihnliche VorgSnge TersehoHen. — Aber auch im 
^^'^'^ Wege der Beeiedeluiig griff Angostns die Pacificatioii dieser Landschaft 
an. Die hellenistischen Regierangen hatten dieselbe so lu sagen 
isolirt, nicht blofs an der Kflste überall Futii behalten oder gefiillrt, 
sondern auch im Nordwesten eine Reibe von Städten gegründet, an der 
phrygischen Grenze Apollonia angeblich von Alexander selbst angelegt, 
Seleukeia Siderus und Antiocheia, beide aus der Seleukidenzeit, ferner 
in Lykaonien Laodikeia Katakekaumene und die wohl auch in der 
gleichen Zeit entstandene Hauptstadt dieser Landschaft Ikonion. Aber 
in dem eigentlichen Beigland findet sich keine Spur hellenistischer 
Niederlassung; und noch weniger hat der römische Senat sich an diew 
schwierige Aofgabe gemacht Aogustos that es; hier, und nur hier im 
ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe Ton Golonien rtaii- 
scher Veteranen, offenbar liestimmt dieses Gebiet der friedlichen Ao- 
Siedlung zu erobern. Von den eben genannten filteren AosiedelungeD 
wurde Antiocheia mit Veteranen belegt und römisch reorganisirt, neu 
angelegt ini südlichen Lykaoni«^n Pariais, in Pisidien selbst das schon 
genannte Kremna so wie weiter südlich Olbasa und Komama. Uie 
spateren Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht mit gleicher 
Energie fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia Pisidiens 
zum clandiscben gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland Glau- 
diopolis und nicht weit davon, Tielleicht gleichzeit%, Germaoicopolis 
ins Leben gerufen, auch Ikonion, in Augustus Zeit ein iileiner Oii zo 
bedeutender Entwickehing gebracht. Die neu gegrfindeten Stidte 
blichen freilich unbedeutend, schrSnkten aber doch den Spielraum der 
fi*eien Gebirgsbewohner in namhafter Weise ein und der Landfriede 
mul's endlich auch hier seinen Einzug gehalten haben. Sowohl die 
Ebene und die licrgterrassen Pamphyliens wie die Bergslädte Pisidiens 
seihst, zum Beispiel Selge und Sagalassos, waren während d^r Kniser- 
zeit gut bevölkert und das Gebiet sorglällif; angebaut; die He.-te 
mächtiger Wasserleitungen und auffallend grofser Theater, sämniüicb 
Anlagen aus der römischen Kaiserzeit, zeigen zwarnur bandwerksniäfsige 
Technilc, aber Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. 
Ganz freilich ward die Regierung des Raubwesens in diesen Land- 
schaften niemals Herr, und wenn in der früheren Katserseit die 
Reirasuchungen sich In mifsigen Grenzen hielten, traten die Banden 



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KLEIKASI&K. 



3U 



hier in den Wirren des dritten Jahrhunderts abermals als luriegführeode 
Macbt auf. Sie geben jetzt unter dem Namen der Isaorer und baben 
ihrao banptsiclilidwii SiU in d«n Gebirgen Kitikiena, Ton wo aas sie 
Und md Meer brandsebatien. Erwibnt werden sie luerst nnter SeTeroa 
Aleiander. Oab aie unter Galtienua ibren Rlaberbauptmann aum 
Kaiser amgerofen baben, wird eine Fabel sein; aber allerdings worde 
unter Kaiser l*roliiJs t'in solcher Namens Lydios, der lange Zeit Lykien 
und Pamphylien geplündert halte, in der römischen Colonie hremna, 
die er besetzt hatte, nach laüger hartnäckiger Belagerung durch eine 
römische Armee bezwungen. In späterer Zeit finden ^vir um ihr 
Gebiet einen Militärcordon gezogen und einen eigenen commandirenden 
General fitar die laaurer beateUt Ibre wilde Tapferkeit bat sogar denen 
wm ibnen, wekfaebei dem bysantiniscben flof Dienste nebmenmocbten, 
eine Zeit lang eine Stdlnng daaelbst ferscbailt wie die Makedonler sie 
am Hofe der Ptolemaeer beaeasen hatten ; ja ener ans ibrer Bütte Zenon 
ilt als Kaiser yon Byzanz gestorben 

Die Landscbaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptslätte OaUtito. 
der orientalischen Herrschaft über Vorderasien und in den berühmten 
Fclssculpluren des heutigen Boghazköi, einst der Königsstadt Pteria, 
die Erinnerungen einer fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war 
im Lauf der Jahrhunderte in Sprache und Sitte eine keltische Insel in- 
mitten der Finthen der Ostf Olker geworden und ist dies in der inneren 
Organisation auch in der Kaiaeraeit geblieben. Die drei keltischen 
▼öUmsdiaflen, welche bei der groDien Wanderung der Nation um die 
Zeit des Krieges iwiscben Pyrrhos und den Römern in das innere 
Klflimsien gehingt waren nnd hier, wie im Mittelalter die Franken im 
Orient, zu finemfeslgegliederten Soldatenstaatsich zusammengeschlos- 
sen und nach längerem Sehweileii dies- nnd jenseildes Halysihredefini- 
liven Silze genommen hatten, hatten längst die Zeiten hinter sich, wo 
sie von dort aus kleinasien brandschatzten und mit den Königen von 
Asia und Pergamon im Kampfe lagen, falls sie nicht als Söldner ihnen 
dienten; auch sie waren an der Üebermacht der Rdmer zerachellt (f , 

') la der f^rofsen unbenanoteo Ruinenstätte von Saradschik im oberen 
Limyrosihal im ostlichen Lykien (vgl. Ritters Erdkunde 19 S. 1172) steht 
HO bedeutcmier tempclfürniifjcr (irabbau, sirhfr nicht älter als das 3. Jahrh. 
n f hr.. au wdchptn in Relief zerstückelte IVlenschentheile, Köpfe, Arme, Beine 
alsEiublemc angebracht sind ; man möchte nieineo, als Wappen eines civilisirten 
uptDianns (Mittheilaof von Benndorf.) 



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312 



ACHTES BUCH. KAFRBL YHI. 



739) und ihnen in Asien nicht minder botmäfsig gewortoi wie ihn 
Landtlevta im Polhai und an der Rhene und Seine. Aber trelt ihrte 
mehrhnndertjihrigenl Verweilens in Kleinasien trennte iinnier]nach 
eine tiefe Kluft diese Oocidentalen von den Asiaten. Es war nicht IMi, 
dsft sie ihre Landessprache und ihre Yolksart festhielten, dalli iasoMr 
noch die drei Gaue jeder von seinen Tier Erbfursten regiert worden und 
die von allen gemeinschaftlich beschickte Bundesversammlung in dem 
heiligen Eichenhain als höchste Behörde dem gnlalischen Lande vor- 
stand (1, 688), auch nicht, dafs die ungebandigte Rohheil wie die krie- 
gerische Tüchtigkeit sie von den Nachbaren zum Nachtheil wie ziun 
Vortheil unterschied; dergleichen Gegeositse zwischen Cultur und 
Bsrbarei gab es in Kleinasien aueh sonst, nnd die 'oberilicfayche 
vnd änllMrliche Hettenisirong, wie die Nachbarschaft» die Handels- 
besiehungen, der ?on den Einwanderern Abemommene phrjgisdie 
Cnllos, das Sftldnerthnm sie im Gefolge hstten, wird in Gafattien 
nicht viel später eingetreten sein als zum Beispiel in dem benachbarten 
Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die kcllische und die 
hellenische Invasion haben in Kleinasien concurrirt und zu »lern 
nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisirendcn Eroberung 
hinzugetreten. Scharf trat dies lu Tage in der mithradatischen Krise : 
dem Mordbffehi des Mithradales gegen die Italiker ging zur Seite die 
Niedennetselang des gcsammten galatischoi Adels (2, 296) und dem 
entsprechend haben in den Kriegen gegen den orientalischen Befreier 
der Hellenen die Römer keinen treueren Bundesgenossen gehabt ab die 
Galaler Kleinasiens (3, 57. 151). Darum war der Erfolg der Rftmer auch 
der ihrige und gab der Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kletnasiens 
eine Zeitlang eine führende Stellung. Das alte Vierfürstenthum wurde, 
es scheint durch Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufürsteii. 
der in den mithradatischen Kriegen sich am meisten bewährt hatte, 
Deiotarus, brachte aufser seinem eignen Gebiete Kleinannenien und 
andere Slflcke des ehemaligen mithradatischen Reiches an sich mA 
ward auch den flbrigen galatischen Forsten ein unbequemer Nach» 
bar und der mSchtigste unter den Ueinasiatischen Dynasten (3, 151). 
Nach dem Siege Gaessrs, dem er feindlich gegenüber gestanden 
hatte und den er auch durch die gegen Pharnakes geleistete 
Hülfe nicht für sich zu gewinnen vermochte, wurden ihm die 
mit oder ohne Einwilligung der römischen Regierung gewonnenen 
Besitzungen gröfstentbeiis wieder entzogen; der Caesarianer Mitlira- 



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ELKmAfim. 



313 



4M«s von P«rgaiiMNi, welcher von matterlieher Seite dem galatischen 
Idwgihana entqiroeeen war, erhielt das meiste Ton dem, was Deiolarns 
verlor nnd wurde ihm sogar in Gaktien selbst an die Seite gestellt. 
Aber nachdem dieser knrs daranf im tanrisehen Chersones sein Ende 
gefunden hatte (S. 287) und auch Caesar selbst nicht lange nachher 
ermordet worden war, setzte Deintarus sich ungeheifsen wieder in den 
Besitz des Verlorenen, und da er der jedesmal im Orient vorherrschenden 
römischen Partei sich ebenso zu lü^en verstand wie sie rechtzeitig zu 
wechseln, starb er hochbejahrt im J. 714 als Herr von ganz Galatien. «o 
Seine Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in Paphk- 
gonien abgefonden; aein Reich, noch erweiten gegen Sflden hin 
dorch Lykaonien nnd alles Land bis sur pamphylischen Kflste, kam, 
wie schon gesagt ward, im I. 718 durch Antonios an Amyntas, «• 
welcher schon in Deiotarus letzten Jahren als dessen Secretär und 
Feldherr das Regiment geführt zu haben scheint und als solcher vor 
der Schlacht von i*hilip|)i dm Uebergang von den republikanischen 
Feldherrn zu den Triumvirn bewirkt hatte. Seine weiteren Schicksale 
sind schon erzählt. Au Klugheit und Tapferkeit seioem Vorgänger 
ebenbOrlig diente er erst dem Antonius, dann denn Augustus als 
hanptsichliches Werkseng fftr die Pacification des noch nicht unter- 
thinigen kleinasiatischen Gebiets, Ins er hier im J. 729 seinen Tod u 
fiind. Mit ihm endigte das gahitische Königthum nnd verwandelte 
sich dasselbe hl die römische Prorins Galatien. — Gallograeker 
hcifsen die Bewohner desselben bei den Römern schon in der letzten 
Zeit der Republik; sie sind, fügt Livius hinzu, ein Mischvolk, wie 
sie lirifsen, und aus der Art geschlagen. Auch mufste ein guter 
Tbeil derselben von den älteren phrygischen Bewohnern dieser Lnnd- 
schafien abstammen. Mehr noch fällt ins Gewicht, dafs die eifrige 
Gdtierverehrnng in Galatien und das dortige Priesterthum mit den 
sacralen Institutionen der europäischen Kelten nichts gemein hat; nicht 
bkftb die groCM Mutter, deren heiliges Symbol die Römer der hanni- 
batiscben Zeh von den Tolistobogiem erbaten und empfingen, ist 
phrygischer Art, sondern auch deren Priester gehörten zum Theil wenig- 
stens dem galatischen A<lel an. Donnoch war noch in der römischen 
Provinz in Galatien die iun«'re Ordnung überwiegend diu keltische. 
Dafs noch unter Pius in GalaLicn die dem hellenischen Recht fremde 
strenge väterliche Gewalt bestand, ist ein Beweis dafür aus dem Kreise 
des Privatrechts. Auch in den öfifenthchen Verhültnissen gab es in 



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314 



ACHTES BUCH. KAPITBL VIII 



dieser Landschaft immer noch nur die drei alten demeinden der 
Tektosagen, der Tolistobogier, der Trokmer, die wohl ihren Namca 
die der drei Uauplörter Aokjra, Pessinus und Tanion beisetset, 
aber wesentUdi doch nichts sind als die wohlbekannten gallitcbea 
Gane, die des Haoptorts ja auch nicht entbehren. Wenn bei da 
Kdten Asiens die Anflsssung der Gemeinde als Stadt Mber ah 
bei den enropäischen das üeberge wicht gewinnt ^) und der Nane An* 
kyra rascher den der Tcciosagen verdrängt als in Europa der Nwm 
Burdigala den der lliluriger, dort Ankyra sogai- als Vorort der ge- 
sammten Landschatt sich die * Mutterstadt* {fAfjTQonoXig) nennt, so 
zeigt dies allerdings, wie das ja auch nicht anders sein konnte, die 
Einwirkung der griechischen Nachharschafl und den beginneodes 
Assiniilationsprozers, dessen einzelne Phasen sn verfolgen die uns ge 
bliebene oberflichliche Kunde nicht gestattet Die keltischen Nshmh 
halten sich bis in die Zeit des Tibierius, nachher erscheinen sie nm 
Vereinselt in den vornehmen Hfiusem. Daft die R6mer seit EiniichtoBi 
der Provins wie In Gallien nur die lateinische, so in Gabtien neben 
dieser nur die griechische Sprache im Geschäftsverkehr zuliessen, ver- 
steht sich von selbst. Wie es früher damit gehalten ward, wissen wir 
nicht, da vorrömische Schriftmaler in dieser Landschaft überhaupt nicht 
begegnen. Als ( nigangssprache hat die kellische sich auch in Asien 
mit Zähigkeit behauptet^) ; doch gewann allmählich das Griechische die 
Oberhand. Im vierten Jahrhundert war Ankyra eines der Hauptcentrea 
der griechischen Bildung; *die kleinen Stidte in dem griechischea 
*Ga]atien\ ssgt der bei Vorträgen fOr das gebildete Pnhlicnm gisa 
gewordene Litterat Theroistios, *kOnnen sich ja freilich mit Antiocbdi 
* nicht messen; aber die Leute eignen die Bildung sich eifriger an ab 



Das berülisite Vemiehaifs der der Gemeiodo Askyra geneditn Ui- 
•tnogeD aus Tiberint Zelt (C I. Gr. 4039) beseiehaet die galitisehep Geneiadee 

gewöhnlich mit ?tH'of, zuweilen mit noltc. Später verschwindet jene Beaee- 
nunp; nbcr in der vollen Titalatnr, mm Beispiel der Inschrift C. I. Gr. 4011 
aus dem zweiten Jahrhundert, Führt Ankyra immer noch deo YoUuiaaBee: 9 
fiiitQonohi rfjs FaXaTÜts ^^fßaarrj Tfxroaaycav ^Llyxvna. 

') Nach Pausauias 10, ."iO, 1 heilst bei den rahuui i-ri^p «/»pi-j /V> f/w»^ 
inij^füQfoi aifiaiv die Scharlachbeere i/S'y und Lukian Alex. 51 beiiiblet 
voo den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagoniers, wenn ihm £v^9H 
4 XfXiunl Fngea vorgelegt wurden nod ntebt gleiek dieser Sfraeke kendigt 
Lente snr Hand wnreo. 



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ELUHAanif« 



315 



«die ricfat^en Hdlenen and wo sieb der Phileeophenmaiitel idgt, 
'bangen sie an ibm wie das Eisen am Magnet'. Dennoch mag bis in 

eben diese Zeit namentlich jenseit des Halys bei den offenbar viel 
später hellenisirlenTrokniern \) sich in den niederen Kreisen die Volks- 
sprache gehalten haben. Es ist schon erwähnt worden (S. 92), dafs 
nach dem Zeugnifs des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch 
am Ende des 4. Jahrhunderts der asiatische Galater die gleichet wenn 
«neb verdorbene Sprache redete, welche damals in Trier gesprochen 
ward. Dafs ala Soldaten die Galater« wenn sie anch mit den Occi- 
dentden kdnen Vergleieh ausbielten, doch weit branchbarer waren 
als die griechischen Asiaten, dafiilr saugt sowohl die Legion, welche 
lönig Deiotams aus seinen Unterthinon nach rdmischem Master 
aufgestellt hatte und die Augustns mit dem Deiche Obernahm und in 
die römische Armee unter dem bisherigen Namen einreihte, wie auch 
daCs bei der orientalischen Recrutirung der Kaiserzeit die Galater eben- 
so vorzugsweise herangezogen wurden wie im Occident die Bataver^). 

Den aufi^erenropäischen Hellenen gehören femer noch die beiden JDw»BnMU- 
groben Eilande des östlichen Afittelmeer? Kreta und Kypros an so wie 
die lablrekfaen des Inselmeers iwischen Griechenland und Elein- 
asien; asdi die kjrenüsche Pentapolis an der gegenfiberliegenden 
africaniicben Kflste ist dnrch die umliegende Wüste Ton dem Dinnen- 
lande so geschieden, dafs sie jenen grieeblsehen Inseln einigerroafsen 
gleichgestellt werden kann. Indefs der allgemeinen geschieh Illeben 
AuflTassung fügen diese Elemente der ungeheuren unter dem Scepler 
der Kaiser vereinigten Lfinilermasse wesentlich neue Züge nirlit hinzu. 
Die kleineren Inseln, früher und vollständiger hellenisirt als der 
CoDtinent, gehören ihrem Wesen nach mehr zum europäischen 
Griechenland als zum kleinasiatischen Colonialgebiet; wie denn des 
bdleniscfaen Mnsterstaats Rhodos bei jenem schon mehrfach gedacht 



*) W enn in dem S. 314A. 1 crv*ähntcn Verzpichnils aus Tiberius Zeil die 
8|«»den nur selten drei Völkern, nieist zwei Völkern oder zwei Städten gegeben 
veHeo, so sind, wie Perrot (de Galatia p. 83) richtig bemerkt, die letztere» 
Aokyrt ud Pesiinot «ad tIMAt bei dea Spenden hinter Uineo Tavioa der 
Trekaer nriiek. Vielleiekt gab ei danals bei diesen noeh keine Ortsebaft, 
Üt tif Stndt gelten kennte. 

*) Aneh Cicero (ad Att. 6^ 6, 3) aebreibt von seiner Armee in Rill- 
kieo: exercihtm inßnnum Mebom, ananüte «a»e Aomi, sei m GMmwm^ 
PitUmmf Lyeiorumx ikoee mäm nmi nottra roborm. 



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316 



ACflm BOCB. lAPITBL Vni. 



worden ist. In dieBer Epoche werden die loselo hauptsicUicii ge- 
nannt, ineofem es in der Ksiseneit ablich ward Minner a«a den 
besseren StSnden siir Strafe nadi denselben so verbannen. Iba 
wäblte, wo der Fall besonders schwer war, die Klippen wie Gyaros 
und Donussa; aber auch Andros, Kythnos, Amorgos, einst blühende 
Ceiilren griechischer Cultur, waren jetzt Sti-afplätze, während iu 
I,('sl)(»s und Samos nicht selten vornehme Homer und selbst Glieder 
d«'s kaiserlichen Hauses freiwillig längeren Aufenthalt nahmen. Kreta 
und Ikypros, deren alter Hellenismus unter der persischen Herrschafl 
oder aucb in völliger Isolirang die Fühlung mit der Heimath verloren 
batte, ordneten sieb, kypros als Dependens Aegyptens, die kretischen 
Städte autonom, in der hellenisUschen und später in der rOnüselien 
Epocbe nach den allgemeinen Formen der griechischen Politie. In 
den kyrenäischen Städten ftberwog das System der Lagiden; wir 6n- 
den in ihnen nicht blofs, wie in den eigentlich griechischen, die 
hellenischen Börger und Mctöken , somiern es stehen neben bei- 
den, wie in Aiexandreia die Aegy|)ter, die 'Bauern', das heilst die ein- 
geborenen Africaner, und unter den Metöken bilden, wie ebenfiaiis in 
Aiexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegirte Klasse. 
Hniule der Den Griechen insgemein bat aucb das römische Kaiserregiment 
niemals eine Vertretung gewährt Die augostiscbe Amphiktionie be- 
schränkte sich, wie wir sahen (S. 232), auf die Hellenen in Aehäa, 
Epirus und Makedonien. Wenn die hadrianischen Panhellenen in 
Athen sich als die Vertretung der sämmtlicben Hellenen gerirfen, so 
heben sie doch in die übrigen griechischen Provinzen nur insofern 
übe rgegri Ifen, als sie einzelnen Städten in Asia so zu sagen das Ehreii- 
Hellenenthum decrelirten (S. 245); und dafs sie dies thaten, zeigt erst 
recht, dals die auswärtigen Griechengemeinden in jene Panhellenea 
keineswegs einbegrilTcn ^ind. Wenn in Kleinasien von Vertretung 
oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so ist damit in den 
vollständig hellenisch geordneten Provinsen Asia und Bithynia der 
Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinsen gemeint, insoAm 
diese aus den Deputirten der zu einer jeden derselben gehftr^ 
Städte hervorgehen und diese sämmtlich griechische Politien sind*); 

*) Beschlüsse der M Triq^^alag^TlUr^vig Q, I.A. 3487. 3957; eia Lykier 
geehrt vno xov xo[ivo]u rüiv fnl rijff lAalas 'Ell'^vmw «crl inö tcSp i[y /7a]u- 
(f vXfa nolfojv Beundorf lyk. Heise 1, 122; Schreiben »n die Helleoen in Asia 
C. I. Gr. 3832. 3833} iJ Mdis 'Elinvte m der Anrede aa deo Laadtag v«s 



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317 



oder es werden in der nicht griechischen Provinz Galatien die neben 
dem galalischen Landlag stehenden Vertreter der in Galatien ver- 
weilenden Griechen als Griechenvorsleher bezeichnet^- 

Der fitidlischen ConföderalioD hatte die römische Re^eruog io 
Kieinasien keine Veranlassimg besondere flindemitie entgegenzu- tm 
ileUen. In römischer wie in vorrömiacher Zeil bibeo nenn Stidte der 
Troas gemeinsdiafUich religiöse Verrichtiiogen voUsogeo und gemein- 
scbafUiclie Feste gefeiert*). Die Landtage der Tersobiedenen Uein- 
astaliachen Provinien, welche hier wie in dem gesammten Reich ala 
btte Einrichtung von Angustus ins Leben gerufen sein werden, sind 
von denen der übrigen l'rovinzen an sich nicht verschieden. Doch 
hat diese Institution sich hier in eigenartiger Weise entwickelt oder 
vielmehr denaturirt. Mit den» nächsten Zweck dieser Jaliresversanim- 
lusgen der städtischen Deputirten einer jeden Provinz') die Wünsche 

PrrgamoD Aristides p. 517. — Kia aQ^ng lov xoivov rtüy (v JJif^vria'ElXrinüy 
Perrot expl. de la Galatie p. 32; Schreiben des Kaisers Alexander an dn.ssclbe 
Dijj. 49, 1, 25 — Üio 51, 20: toTj ^h'otg, ' J'AXrftug a'fui (nixa).tan<;^ tctctot 



^) kntMT dee Galatarehea (Marqoardt Staativerw. 1, 516) begegoea mi 
ia Galatiii aoeh aater Hadriaa Helladarehea (Ball, de eorr. bell. 7, 18), welebe 
Uer aar geCüirt werdea fcfinoen wie die Belleaarebea in Taaais (S. 290 A. 1). 

*) Das avvi^QUjfV itHv iwia d^iAW (SehUemano Trola 18S4 S. 256) neoat 
sich aodertwo *JXttit xal noktiq ttl xoivoryovaat r^s 9vaiaq xa\ xov dyüivos 
xttl T/'f TravrjyvQfto^ (daselbst S. 251). Ein anderes Document desselben Knude« 
«öS der Zeit des Anti^ouoa bei Droyseu Jlelleoismus 2, 2, 3S2 II". Kbenso 
werden andere xotvu zu fassen sein, die auf einen en^jeren Kreis als die Pro- 
vinz sich beziehen, wie das alte der 13 ioniscben Städte, das der Lesbier (iMar- 
qaardt Staatsverw. 1 S. 516), da.H der Phrygier auf den Müuzeu von Apameia. 
Ihre magiätratiacbeB Plisideatea baben aacb diese gehabt, wie daaa kirslleb 
•ich LesUareb gahadea bat (Mirqaardt a. a. 0.) aad ebeato die aioeai- 
■chea BaUeaaa aater efaeai Poatareben ataadea (S. 283). Doeb ist ea aiebt 
aiwabrtebeiolieb, dafi^ wo der Archoatat genanot wird, der Baad mehr ist als 
eiae blofse Festgenosaeoschaft; die Lesbier sowohl wie die mocsiscbea FünfstUdte 
■igcft einen besonderen Landtag gehabt haben, dem diese Beamten vorstaudeo. 
Bigegeo ist das xoivov lov *YQyaXfov neSfov (Ramsay cities and bishoprics of 
Phrygia p. 10), das neben mehreren ö^/lo^ ateht, eine des Stadtreohts ent* 
behrende Qaasi-Gemeinde. 

') Am deatlichsteo tritt die Zosammensetzong der lileioasiatiseben Land- 
tsge hervor in Straboos (U, 3,3 p. 664) Bericht über die Lykiarehle oad bei 
Ariiteidea (er. 36 p. 344) Braiblaaf aelaer Wahl aa etaem der aiiatUobea 




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318 



ACHTBB BUCH. lAPITBL TIIL 



derselben dem Statthalter oder der Reipenuig lur Keimtiufii n 
bringen und überhaupt als Oi^an dieser Provins su dienen, wband 

sich hier zuerst die jährliche Festfeier fftr den regierenden Kaiser 
80 und (las Kaiserlhum überhaupt: Augustus gestaltete im J. 725 den 
Laiidtagon von Asia und Billiynien an ihren Versammlungsorlen 
Pergamon und Niiiomedeia ihm Tempel zu errichten und göttliche 
Ehre zu erweisen. Diese neue Einrichtung dehnte sich bald auf das 
ganze Reich aus und die Verschmelzung der sacralen Institntion mit 
der administrativen wurde ein leitender Gedanke der profhizialeD 
Organisation der Kaiseneit. Aber in Priester- und Festpomp {nnd 
stidtiscben RivalitSten hat diese Einrichtung doch nirgends sich so ent- 
wickelt wie in der Provini Asia und analog in den übrigen klein- 
asiatischen Provinzen und nirgends also neben und dber die municipale 
sich eine provinziale Ambition mehr noch der Städte als der Individuen 
gestellt, wie sie in Kleinasien das gesammte öffentliche Leben be- 
Pronaiiai- herrscht. Her von Jahr zu Jahr in der Provinz Itpslellte Hohepriester 
l&Stfdktaf i^dX^^Q^i^''^) (les neuen Tempels ist nicht hloüs der vornehmste Würden- 
träger der Provinz, sondern es wird auch in der ganzen ProWnz das 
Jahr nach ihm bezeichnet^). Das Fest- und Spiel wesen nach dem 
Muster der olympischen Feier, welches bei den Hellenen allen, wie wir 
sahen, mehr und mehr um sich griO^ knfipfte in Kleinasien flber- 
wiegend an die Feste und Spiele des prorinzialen Kaisercnltus an; Die 
Leitung derselben fiel dem Landtagspräsidenten, in Asia dem Asiarcfaen, 
in Bithynien dem Bithyniarchen und so weiter zu, und nicht minder 
trug er haui)tsjlchlich die Kosten des Jahrfestes, obwohl ein Theil der- 
selben, wie die fibrij^rn dieses so «glänzenden wie loyalen Gottesdienstes, 
durch freiwillige Gaben und SülLungen gedeckt oder auch auf die 
einzelnen Städte repartirt wurden. Daher waren diese Präsidenturennur 
reichen Leuten zugänglich; die Wohlhabenheit der Stadt Tralleis wird 
dadurch bezeichnet, daiii an Asiarchen — der Titel blieb auch nach 
Ablauf des Amtjahrs — es nie daselbst fehle, die Geltung des Apostds 
Paulus in Epbesos durch seine Verbindung mit verschiedenen dortigeo 
Asiarchen. Trotz der Kosten war dies ehie viel nmworbene Ehreo- 
slellung, nicht wegen der daran geknüpften Privilegien, zum Bei- 



Beispiele fnr AsU C L Gr. 3487; für Ly kica Beaadorf lyk. Reite I p. 71» 
Die lykiMh« Budetvanounliiiif aber besetiÄnet «Ue Jahre iiiekt Mek 
Ardiiereu, soadera M«h deoi Lykiarchea. 



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ILEIMASIBM. 



319 



spiel der Befreiung von der Vormuudächart, sondero wegen ihres 
äufseren Glanzes; der festliche Einzug in die Stadt, im Purpurge- 
wand und den Kranz auf dem ilaupt, unter VoririU der das Haucliial« 
schwingenden Prozessionsknaben, war im HoriiOQt der Kleinasiaten, 
was bei den Uellenen der Oelxweig von Olympia. Mehrfoch röbmt 
sich dieser oder jener vornehme Asiate nicht blofs selber Asiarch 
gewesen in sein, sondern aoch von Asiarehen absostammen. Wenn 
sidi dieser Cuttus anßnglich auf die Provinsialhauptetfdte beschränkte, 
so sprengte die municipale Ambition, die namentlich in der Provinz 
Asia unglaubliche Verhüllnisse annahm, sehr bald diese Schranken. 
Hier wurde schon im J. 23 dem damals legierenden Kaiser Tibcrius 
so wie seiner Mutier und dem Senal ein zweiter Tempel von der 
Provinz decretiri und uacb langem Hader der Städte durch Beschluis 
des Senats in Smyma errichtet. Die anderen grofseren Städte folgten 
bei späteren Gelegenheiten nach*)'. Hatte bis dahin die Provinz 
wie nur einen Tempel, so anch nor einen Vorsteher und einen Ober- 
priester gehabt, so mu&ten jetst nicht blob so viele Oberpriester be- 
stellt werden, als es Provinzialtempel gab, sondern es wurden auch, da 
die Leitung des Tempelfestes und die Ausrichtung der Spiele nicht 
dem Oberpriester, sondern dem Landesvorsteher zustand und es den 
rivahsirenden Grolsstädten hauptsächlich um die Feste und Spiele zu 
tbun war, sämmtlicben Oberpriestern zugleich der Titel und das Hecht 
der Vorsieherschaft gegeben, so dafs wenigstens in Asia die Asiardiie 
und das Oberpriesterthum der Provinsiallempel zusammenfielen'). 



') Tacitus ann. 4, 15. 55. Die Stadt, welche einen xm dem Landtaj^ 
der Provioz (dem xoivov i^s Liaütg u. ». w.) gewidmelea Teiuiiel besitzt, iiihrt 
Mftwcfeo das KlireiipriMi«at der 'den (RdlMr>) Tempel hateoden' {vtmx6(ios); 
lad wraa elao derao aehrera aofkawaitea hat, wird dia Zahl beigeMtst. 
Maa kaaa aa diasaai lastitat doatllah erkaaaea, wie der Rtfaerealtos Miaa 
v»U« AasUMoBf U Rleiaasiea erlaltea bat. Dar Sasha aack Ut der Neo- 
korat aUfeneU, «nf jede Gatthait aad jade Stadt aaweodbar; tittilar, als 
Kkreobeioame der Stadt, befefiraet er mit vanchwindaadea Aosoahmea allein 
io dem kleiaasiatischen Kaiscrcultus — nor einige griechische Städte der 
^acbbarproviazea, wie Tripalia ia Syriaa, Tbafaalaaika ia Makadoaiaa habaa 
darin mitgenuicht. 

So wenig die ursprüngliche Verschiedenheit der Lamita^sprasideutur 
uod des provinzialen Oberpriesterthuius fiir deu Kaiäercultuü iu Zweifel ge- 
xagan werden kann, la tritt doch nicht blofs bei jener der in Hella«, vaa wo 
^ Orgaaiaatioa dar »onm abarbavpt ansgebt, aoch daatUah arkaaabara 



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320 



ACBTB8 BOCa. lAPITBL Vm. 



Dttüit traten der Landtag und die bfirgerlichen Geaebifte, von welcbea 

die Institution ihren Ausgang genommen hatte, in den Hintergrund; 
der Asiarch war bald nichts mehr als der Ausrichter eines an die 
göttliche Verehrung der gewesenen und des gegenwärtigen Kaisers 
angeknüpften Volksfestes , wefshalb denn auch die Gemahlin desselbeo, 
die AsiarchiDy sich an der Feier hetheiligen darfte und eifrig betheiligte. 

Aohieht der Auch eine praktische und in Kieinaaieffl durch daa hohe Ansebea 
dieaer InatituUoa geateigerte BedeaUing mag daa profiniiale Obcr- 

a«D cuhiu. priMterthum fttr den Kaiaercaltua gehabt haben durah die danait ver^ 
knOpfte religifiae Oberaufeicbt. Nachdem der Landtag den Uacrcullni 
einmal beachloaaen und die Regierung elngewiUigt hatte, folglea 



■agistratisehe Charakter des Vorstehers io Kleinasien vSlli^ sarnek, soaderi 
«• aekeitt U«r in dar Tbtt da, wo daa nnßov makrara aaerete Mittalpaaal» 

ha^ dar 'Aota^X'lf ^ aqx^^^^f *Aaia£ aiek varaehBoliaa n hrtta. 
Die daa borg^rlieke Amt aekarf «eeaotiiiraoda TitsUtor vt^Kniyo^ fvkrl der 
Prfisideot dea ttoofiv io Klaiaaaiaa nie, auch Sq^s rov noivot (S. 317 A. 1) 
oder rov $9mvi (C. I. Gr. 4380^4 p. 1168) ist selten; die Composita 'Aata^x^ff 
Avma^tjSy analog dem 'EkXadaQXf]^ von Achaia, sind schon zu Straboas Zeit 
die gebräochlichc ßozcichnung. Dais ia den kleinereu Provinzen, wie Galatieo 
and Lykien, der Archon und der Archiereus der Provinz getrennt geblieben 
sind, ist gcwifs. Aber in Asien ist das Vorhandensein von Asiarchen für 
Ephesos und Sniyrua in^icbriftlich festgestellt (Marquardt Staatsvervk. 1,514), 
wahrend es doch nach dem Wesen der Institution nar einen Asiarchea lir 
die sanza Pravias gabaa koaat«. Aaah iat klar die Agoaotkaaio dea Arekbfcai 
baflaakigt (Geleaua sun Binpakratea de pari. 18, 2 p. 667 Rikat ^ 
ip Utffyafi^ raiy uqxu^w ti^c »alovfiipas f*om>ftux^ iniMÜovn»)t 
während eben sie das Wesen des Aslarekats ist Allem Anseheia aach hsbea 
die RivalitStea der Städte hier dahin gefohrt, dafs, nachdem es a^err voa 
der Provinz gewidmete Kaisertempel io verschiedenen Städten gab, die 
Agonothesie dem effeitiven Landtags|irüäidenten genommeo und dafür dem 
Oberpriester jedes Tempels der titulare Asiarchat und die Agouotliesic über- 
tragen ward. Daun erklärt sich auf den Münzen der 13 ionischeu Stiitr 
(Mionoet 3, 61, 1) der IdOKXQxrii xctl aQX^fQtüg ty' nöltwp und kanu aal 
epbesischea Inschriften derfelbe Ti. Julias Reginas bald Idoiaqx^i ß' 
tüp ip JEtfiatp (Wood iaaer. froai the freat tkaatre a. 18), bald a^/i^f«r 
ß' puOp tmp ip 'Eifiaifi (daaalbat a. 8. 14« Mhalieh 9) feaaeol wardeo. — Mar 
auf diaae Weiae aiad anak die laatttatioeea dea viertea Jakrkaadarta n kagraÜN. 
Hier araekeiat in joder Provlaa ein Oberprieator, in Aain adl deai TilaI dis 
Asiarchen, io Syrieo mit dem des Syriarcheo und so weiter. Weon die Ver- 
schmelzuog des Arehon and des Archiereus in der Provinz Asia schon friher 
begonnen hatte, so lag nichts naher als sie jetzt bei dar Verkiataerasf 
dar Proviazen überall in dieser Weise vi combiniren. 



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ILBIIfAUtR. 



821 



sdkttfcrtliBdIicli die slMtiMken Yerliietinigui nadi; in Aaia hatten 
krtils unter Aognttiis wenigstens alle Vororte der Geriehtssprengel 
ihrCaesaream und ihr Kaiserfest Recht und Pflicht des Ober- 
priesters war es, in seinein Sprengel die Ausführung dieser provinzialen 
und niunicipalen Decrete und die L'ebung des Cultus zu überwachen; 
was dies zu bedeuten hatte, erläutert die Thatsache, dafs der freien 
Stadt kyzikos in Asia unter Tiberius die Autonomie unter anderem 
auch darum aberkanot ward, weil sie den decretirten Bau des Terapels 
des Gottes Augustus hatte liegen lassen — fieiieicbt eben, weil sie als 
freie Stadt nicht unter dem Landtag stand. Wahrscheinlich hat sogar 
diese Qberaofiricht, obwohl sie lunichst dem Kaisercultus galt, nch 
auf die ReligioDsangelegenheiten Oberhaupt erstreckt*). Als dann 
der alte und i ueue Glaube im Reiche um die Herrschaft zu 
ringen begannen, ist deren Gegensalz wohl zunächst durch das 
profinziale Uberpriesterthum zum Contlict gewoi den. Diese aus den 
voniehmeu Provinzialen von dem Landtag der Provinz bestellten 
Priester waren durch ihre Traditionen wie durch ihre Amtspflichten 
weit mehr als die Reichsbeamten berufen und geneigt auf Ver- 
nachlissignng des anerkannten Gottesdienstes su achten und, wo 
Abmahnung nicht half, da sie selber eine Stra^ewalt nicht hatten, 
die nach bfirgerlichem Recht strafbare Handlung bei den Orts- oder 
den Reichsbehörden zur Anzeige zu bringen und den weltlichen Arm 
zu Hülfe zu rufen, vor allem den Christen gegenüber die For- 
derungen des Kaisercultus gellend zu machen. In der späteren 
Zeit schreiben die allgläubigen Regenten diesen Oberprieslern so- 
gar ausdrücklich vor, selbst und durch die ihnen unterstellten städ- 
tischen Priester die Gontraventionen gegen die bestehende Glaubens- 
Ordnung su ahnden und weisen denselben genau die Rolle an, welche 
unter den Kaisem des neuen Glaubens der Metropolit und seine 



*) C. 1. Gr. :m2^. 

*) Dio voD Hrus« or. 35 p. 06 R. neoot die Asiarcheii uad die aoalogeo 
ArdiODteo (ihre AgoDothesie bezeichnet er deutlich und ;iul sie Hihrea auch die 
vcNorbenen Worte toi/g inüivvf.tovs itöv dvo rintlfj^v irjs iani{ias oAi^j, wofür 
voU n tArtahn ist r^g MQas Slr^s) tovs iatammf Sffxomat rth ii^imir. 
b ftUt tdairtUdh bd der Besei«biinDg der Proriasialpriesttr fiwt staktad die 
mitiiUlcke BeslekoBf aef des Kaiiercalt; weoe sie ie ibrea S^teagela die 
Ue ipidea selltea wie der Peatifex waziBes ia Res, so batte das seiaea 
Pte» Graaa. 

Mf wom. GweMek<o. 81 



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322 



ACBTBS BUCH. lAPITBL TDU 



Städtischen Bischöfe einnehmen^). Wahrscheinlich hat hier nicht die 
heidnische Ordanog die christlkhen Institutionen oopirt, senden 
nmgekehrl die siegende christliche Kirche ihr hienrehisches Rftstseqg 
dem feindlichen Arsenal entnommen. Alles dies galt, wie bemerkt, Ar 

das ganze Reich; aber die sehr praktischen Consequenzen der pro- 
vinzialen Regulirung des Kaisercultus, die religiöse Aufsichtführun^ 
und die Verfolgung der Andersgläubigen, sind vorzugsweise in Ikieio- 
asien gezogen worden. 
BUfioB »- Neben dem Kaisercultus fand auch die eigentliche Gottesverehning 
in Kleinasien in bevorzugter Weise ihre Statt und namentliche alle 
ihre AuswOchse eine Freistatt Das Unwesen der Asyle und der 
Wanderkaren hatte gans besonders hier seinen Sita. Unter Tiberiii 
warde die fieschrlnkong der ersteren vom römischen Senat an- 
geordnet; der Heilgott Asklepios that nirgends mehr und grdCiere 
Wunder als in seiner vielgeliebten Stadt Pergamon, die ihn geradezu 
als Zeus Asklepios verehrte und ihre Biuthe in derKaiserzeitJzum gutea 



*) Maximinns stellte za diesem Zweck dem Oberpriester der eiozelaeo 
Provinz militärische Hälfe zar Verrdgao;; (Ü^asebias hist. eccl. S, 14, 9); oad 
der berühmte Brief JaliaDS (ep. 49; vgl. ep. 63) aa den damali^eo Galatarcheo 
giebt eio deutliches Bild der Obliegenheiten desselben. Er soll das ganzepteli- 
gioaswesen der Provinz beaufsichtigea; dem Sutthaitor gegenüber seine Selb- 
ständigkeit wahren, nicht bei ihm aatichambrirea, ihm Dicht gestattM Bit 
nllitiriwher Bieorte ha Tmpel aafinrtrelee, ika eleht vor, teaderB !■ ta 
Tempel empfangen, iMarhalb dauea er der Herr aa4 der SCatdialter PritnA- 
mnm ist; ven de« UoterttStsiiafei, die die Regteniaf fSr die Previei aei- 
geworfea hat (30 000 Seheffel Getreide «ad 60 000 Sextariea Weie) dee fiiftes 
Theil an die fa die GUentel der heidnischen Priester treteaden Armen speadea, 
des Uebrige sonst zn mildthätigen Zwecken verweodea; im jeder Stadt dar 
Provint womöglich mit Beihälfe der Privaten Verpflegunsshäaser (fo'olo/€i«) 
nicht blofs für Heiden, sondern für jedermann ins Leben rufen uad den 
Christen nicht ferner das Monopol der gntea Werke gestatten; liic sammtlicheo 
Priester der Provinz durch Beispiel und Crmahnung überhaupt zum guUe$- 
fürchtigen Wandel und zur Vermeidung des Besurbs der Theater und der 
fiMMeken enhaltee vod iosbesoedere zum fleifsigen Besoch der Tempel mit ihrer 
Fenilie eed Ihres Gesiedet eder» weee sie eleht le bessere sind, sie absetsit. 
Bs ist eie Hirteebrief io bester Fem, m ait verinderter Adresse eed mit 
Citatee aas Hemer statt ans der BibeL Se deatUeh diese Aaerdanagea das 
Stempel des bereits zneaaiaienbreghenden Heideathams an sieh tragen aal m 
gewifs sie in dieser Aasdehnang der früheren Epoche fremd sind, se tt' 
scheint doch das Fundament, die allgemeiae Oberaafsicht des Oberpriestsrf der 
Provian über das Gnltwesea, keiaeswegs als eiae neue £inricktnng. 



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■LBIIAMIII. 323 

Thdl ihm ▼erdankte. Die wirktamiteii Wunderth&ter der Kaiserteit, 
der ipiter kanooinrte KtpfMtdokler ApcUonios von Tyana, io wie 
der paphlagoiiiselie Drachenmano Aleiandroe Yon Abooateidios aind 
UeioasiateD. Weon das allgemeiiie Verbot der Assodationeo, wie wir 
tdien werden, in Kleinasien mit besondererStrenge durchgeführt ward, 
so wird die Lrsache wohl hauptsächlich in den religiösen Verhält- 
nissen zu suchen sein, die den MiDsbrauch solcher Vereinigungen dort 
besonders nahe legten. 

Die ölTentlicüe Sicherheit ruhte im Wesentlichen auf dem Lande orffeDtiiche 
selbst In der früheren Kaiserxeit stand, abgesehen Ton dem dasöstliche 
Kilikien einschUerseodeD tyrischeD Gommando, in gani Kleinaaien 
nur ein Detaehement von 5000 Mann Aoiiliartroppen, die in der 
Profini Galatien gamisonirten^), nebst einer Flotte von 40 Schiffen; 
es war diesCommando bestimmt theils die unruhigen Pisidier niederzu- 
halten, theits die nordöstliche Reichsgrenze /u decken und die Küste 
des schwarzen Meeres bis zur Krim unter Autsicht zu halten. Ves- 
pasian brachte diese Truppe auf deu Stand eines Armeecorps von zwei 
Legionen uud legte deren Stäbe in die Provinz Kappadokien an den 
oberen £ophrat. Aufser diesen für die Grenzhut bestimmten Mann- 
scbaflen gab es damals namhafte Garnisonen in Vorderasien nicht; in 
der ItaiserliclienFrofinx Lfkien and Pamphyliensam Beispiel stand eine 
einzige Gohorte Ton 500 Ibon, in den senatorischen ProTinaenhAdistena 
einietaie ans der kaiseriicben Garde oder ans den benachbarteii Kaiser- 
provinzen zu specielleu Zwecken abconimandirte Soldaten^. Wenn 
dies einerseits für den inneren Frieden dieser Provinzen auf das nach- 
drücklichste zeugt und den ungeheuren Abstand der kleinasiatischen 
Bürgerschaften von den ewig unruhigen Hauptstädten Syriens und 
Aegyptens deutlich vor Augen führt, so erklärt es andererseits die schon 
in anderer Verbindung hervorgehobene Stabilität des Aäuberwesens in 



Diese Truppe kaun nach der Stelluog bei Josephus bell. 2, 16, 4 
zwiscbeo deo nicht mit Garnison belegten Provinzen Asia und Kappadokia nur 
<of Galatien bezogen werden. Natürlich gab sie auch die Detachemeots, 
«elehe in den abhängigen Gebieten am Kaakasus standen, danals — unter 
Her» — wie et acbehil ««eh die eof iem Beeperu telbft tteheadea, wobei 
frailiek aach das Beeeieehe Corps betheUlgt wer (S. 292). 

*) Mteriaoer Mkmartiu EpM: Bpfe. epigr. IV a. 70. Bla Soldat I» 
«felame Nioomuimri: Plialiis ad Tral. 74. Bin I«eglenareeatarlo la ByiaatiiiiB: 
diNtttl77.78. 

21* 



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324 



ACIITB8 BDCB. XATITBL Till. 



dem durdnus gebiigigeo uid im Inaemsum Tbeil ödenLande, bmmiI- 
lieh an der myaisch-bithyiiiflchen Grenze nnd in den Betgthilm 
Piddiens und Isauriene. Eigentliebe Bflrgerweliren gab es in KkinaM 

nicht. Trotz des Fiorirens der Turnanstalten für Koabcn, Jim^lioge 
UDÜ Männer blieben die Hellenen dieser Zeit in Asia sü unkrieg* risch 
wie in Europa M. Man bescliränkle sich darauf für die Aufrechter- 

ÜMaantoB. haltung der üilentlicben Sicherheit städtische Eirenarchen, Friedens- 
meister zu creiren und ihnen eine Anzahl zum Tbeil berittener städ- 
tiacher Gensdarmenior Verfügung zu stellen, gedungene Mannscbaftca 
von geringem Ansehen, welche aber doch bnnchbar gewesen scia 
müssen, da Kaiser Marens es nicht verschmihte, bei dem bittsrai 
Hangel an gedienten Leuten wShrend des Maroomanenkrieges diese 
kletnasiatischen Stadtsoldaten in die Reichstruppen einzureihen'). 

JoBüspflege. Die Justizpllege sowohl der städtischen Behörden wie der Statt- 
haller liels auch in dieser Epoche vieles zu wünschen übrig; doch 
bezeichnet das Eintreten der Kaiserherrschaft darin eine Wendung 
zum Besseren. Das Eingreifen der Reichsgewalt halte unter der 
Republik sich auf die strafrechtliche Gontrole der Reichsbeamten be- 
achrinkt und diese besonders in spilerer Zeit schwichlich und 
parteüach geQbt oder vielmehr nicht geflbt Jetit wurden nicht bkils 
in Rom die Zflgel schirfer angezogen, indem die atrengeBeanfiNchtiguog 
der eigenen Beamten von dem einheitlichen MilitürregimentunzertreoB- 
licb war und auch dei' Beiehsaenal zu schärferer Leberwacliung der 
Amtspflege seiner Mandalare veranlafsl wurde, sondern es wurde jctit 
möglich , die Mifsgrilfe der Provinzialgerichlc im Wege der neu ein- 
geführten Appellation zu beseitigen oder auch, wo imparteüscbes 

') Iq dem kleiDatUtisehen Muoicipalwesea kommt allei vor, nar airkt 

das Waffeüweseü. Der smyrnaeische aiQUTrjyog inl itÜv onXtav ist oatär- 
lieh eine Heminiacenz »o gut wie der Cuitaa des Herakles onXoifivia^ 
(C. I. Gr. 3162). 

') Der Eirenarch vou Soiyrna seodet, am den Poljkarpos zu verhaften, 
diese üen:iüuriueu aus: iifjl&ov öitü/fitjat xal Innkis filiu raiv 01^1)9^ 
avioii onXwv, ds inl Xt^ai^v tQixorttf (aeta mart. ad. Ruioart p. 39). M 
sie nicht di« eigeatliebe aoldatiache Riiataaf hatleo, wird aaeh aaaat boaeitt 
(AnnUn 27, 9, 6: mUUbäit temiermtbuM fuHtudam — §9§9U die Isaarer — 
quo* diogmUoi oftÜatU)* Voa ihrer Verweadvag im MareonaneBkrieg be- 
richtet der Biograph des Marens e. 26: armmnt et diogmUat und die laiekrift 
von Aesani ia Phrygien C 1. Gr. 3031 « 8 — Lobas- Waddiagtoa 992: lUtQtMgi^ 
r|» Mvgi^ Xufau^ ov/iftttxo>^ dmyfit(rff¥ nuff iat^oS. 



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KLSiNAami. 



325 



Gericht in der Provinz nicht erwartet werden konnte, den Prozeb nach 
Rom rot das Kaisergeriebt zu liehen Beides luiin auch den senato- 
risdieB Profnmn sd Gate ond ist allem Anschein nach überwiegend 
als Wohlthat empfunden worden. 

Wie bei den Hellenen Baropas, so ist in Kleinasien die rSmisehe m» Uti». 
ProTinz wesentlich ein Complex städtischer Gemeinden. Wie in Hellas SftnitfOT- 
werden auch liier die üherkommenen Formen der dpmokratischen Politie 
im Allgemeinen festgehalten, die Beamten zum Heispiel auch ferner von 
den Bürgerschaften gewählt, überall aber der bestimmende Einflufs 
in die Hände der Begüterten gelegt und dem Belieben der Menge 
so wie dem emstUchÖn politischen Ehrgeiz liein Spielranm gestattet 
Unter den BeschrSnlcangen der nranidpalen Antonomie ist den klein- 
asiatischen StSdten eigenthümlich, dab den schon erwShnten Eiren- 
archen, den stidtischen Poliseimeister, späterhin der Statthalter aas 
einer von dem Rath der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen 
ernannte. Die Regierungscuratel der städtischen Finanzverwaltnng, Logutim, 
die kaiserliche Bestellung eines nicht der Stadt selbst angehörigen 
Vermögenspflegers {curator rei publicae, XoytrJrijg), dessen Consens 
die städtischen Behörden bei wichtigeren Yermögenshandlungen ein- 
zuholen haben, ist niemals allgemein, sondern nach Bedürfnifs für diese 
oder jene Stadt angeordnet worden, in Kleinaaien aber entsprechend 
der Bedentnng seiner stidtischen £ntwickelang besonders Mh, das 

^ la Raidos (Ball, de eorr. bell. 7,62) bitlra Im J. 741/S d. 8t elaige lya 
wie m Mkelit aaswebeae Miver daf Baat efaMS ttaea pangali^ Varfetadelaa 

drei Nichte hiBdordi seatfirait; bei der Abwehr hatte eioer der Selavea 
des belagerten Hauses durch ein ans dem Fenster feworfenea QMTs deo elaea 
der Angreifer getödtet. Die Besitzer des belagerten Haases wurden dsranf 
des Todtsrhiags an^rklagt, perhorrescirten aber, da sie die öffentliche Meinung 
gegen sich hatten, das städtische Gericht nnd verlangten die Entscheidung 
dnrch den Spruch des Kaisers Augustus. Dieser iiefs die Sache durch einen 
Comaii^sar untersuchen und sprach die Angeklagten frei, wovon er die Be- 
hörde in Knidos in Kenntnifa setzte mit der Bemerkung, dafs sie die Aagelegeo- 
beit aiflit aaparteiisdi behaodelt hütea «nd sie aa wies sich aaebaehMBSpraeba 
sa Tarbaltea. Das Ist aUerdiags, da Raidos eine frda Stadt fpar, eta Bhi- 
giatlba ia derea soararSae Eecbte^ wie aaeb ia Atbaa AppellatioB aa dea 
Kaiser vad sogar aa dea Proeoaial ia btdriaaiieher 2aii atattbaft war 
(S. 240 A. 2). Aber wer die JastisrarbiltBisse aiaer Griechenstadt dieser 
Bloche vad diasar Stelloag arwigly wird nicht zweifele, dafs durch der- 
artiges Biagreifen wohl mancher nngereebta Sproeb Teraalalirt, aber viel 
häaSfer «ia solebte verhiadert ward. 



I 



326 ACHTES BUCH. KAPITBL VUI. 

helTst seit dem Anfang des zweiten Jahrhunderts, und besonders um- 
fassend eingetreten. Wenigstens im 3. Jahrhundert mulsten auch hier 
wie anderswo aonsUge wichtigeBeschlusse der GemeindeverwaltovgdcB 
Statthalter znr Bestätigung unterbreitet werden. UnifonBimiig der 
GemeuideTerfiiMaDg bat die rdmische Regierung nirgends ind aa 
wenigsten in den hellenischen Landschaften durchgefAbtt; mk ia 
Kleinasien herrschte darin grofse Mannichflihigkat und ▼emmtUich 
yiellach das Belieben der einzelnen Bürgerschaften, obwohl f3r die 
derselben Provinz angehörigen Gemeinden das eine jede ProTini 
organisirende Gesetz allgemeine Normen vorschrieb. Was der Art von 
Institutionen als in Kleinasien verbreitet und vorherrschend diesem 
Landestbeileigenthümlichangesehen werden kann, trägt keinen poiitir 
sehen Charakter, sondern ist nur etwa für die socialen Verhältnisse 
beieichnend» wie die Aber gans Kleinaaien verforeiteten VerliiDde 
6«radm tbeüs der älteren, Iheils der jöngeren Bfliger, die Geruaia und die 
Neoi, Ressonroen für die beiden Altersklassen mit entsprecfaendea 
Turnplätzen und Festen^). Autonome Gemeinden gab es in Klein- 
asien von Haus aus bei weitem weniger als in dem eigentlichen 
Hellas und namentlich die bedeutendsten kleinasiatischen Städte 

*) Die ia Utiaatiatitehee lasAriileB oft crwShBto Geraiia hat wt 
VOM Ljilfliichot in Bpheaas g«lroffeMB gleiekatnigen politiMhaB BiuieUwr 
(Strabon J4, 1, 31 f. 640; Wood iSphotoi iaaer. fron the VmfU oT DIaM n. IQ 
Bichtt woitar goaiafaii doB aMrakter ienolbOB k rMs^or Zeit b«MiakNl 
IfcoOs VitroTiu 2, 8, 10: Ormi fi^mmj Sardimd ebnbiu ad requietetmitm 
mitH» otio tmiorum 'coiUgio genuiam dedicavermtf theils die in der tjki- 
scfaen Stadt Sidyma kürzlich gefundene Inschrift (Benndorf lyk. Reise 1, 71), «»* 
nach Rath und Volk beschliersen, wie das Gesetz es fordert, eine Genisii 
einzurichten uod in diese 50 Buleuten uod 50 andere Bürger einzo^ahlet, 
welche dann einen Gyrooasiarchen der oeueo Gernsia bestellen. Dieser aodi 
sonst begegnende Gymnasiarch so wie der Hymoode der Gernsia (Meoadier 
qua condic Ephesii usi siut p. 51) sind nnter den ona bekannten AeaHn 
üaiar RSrponehift 4fe etosigoB fSet ihre BoMhaffeBholt ohaiaktorirtiMhei. 
Aaalof, akör wooigor aagoaohoB, dod 4io GoUofleB der Wim» die aech ftn 
«igonoa Gymaiiorehoa hahea. Za doa bddoa AafMbcra der TarBplitaa lir 
die orwaoliaoBOB BBrgor ■aobea doo Gogoeiati die GymBularehoa der Bf iaii » 
(Meoadier p. 91). Gemeinschaftlieho Mahlzeiten und Feste (anf die der Hyonode 
sich besioht) foUtoa aalarlidi namentlich bei der Gernsia nicht. Sie iit 
keine Annenversorgong, aber auch kein der mnnicipalen Aristokratie reser* 
virtes Colleginm; charakteristisch für die Weise des bürgerlichen Verkehrt 
der Griechen, bei welchen der Toroplats etwa ist waa ia aoaora kJeio«« 
Städten die fiürgercasinos. 



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luniiAfiiii. 



327 



babcn dicte sweifelhafte Anueicluiuiig niemals gehabt odar doch 
frflh fwiorai, wie &iBikoa mitar Tlbarioa (S. 321), Samos doreh 
VeipaaiiD, Kleinaaiea war dien dtaa UiiterthaiMiigebiel and imte 
peniachcB wie unter den heOeniacfaen Hemebern an monarehiache 

Ordnoof gewöhot; weniger als in Hellas föhrte hier unnützes Erinnern 
und unklares Hoffen hinaus über den beschränkten'Jmunicipalen Hori- 
zont der Gegenwart und nicht vieles der Art störte den friedlichen Ge- 
duDb des unter den hestehenden Verhältnissen möglichen Lebensglückes. 

Sokhen Lebensgluckes gab es in Kleinaaien unter dem römischen dm am^A- 
Kaiaerregini6nt die Fälle. *Keine Provinz von allen', sagt ein i^**^''*^ 
Saima anter den Anteninen lebender SchriflateUer, *hat ao fiele 
'Stidte aofkuweben wie die nnarige und Iceine aelehe wie onam 
'SrtCrtcn. Hur kommen la Gute die teilende Gagend, die Ganat des 
'KKmas, die nannichCütigen Producte, die Lage im Mittelpankt des 
'Reiches, ein Kranz ringsam befriedeter Völker, die gute Ordnung, die 
'Seltenheit der Verbrechen, die milde Behandlung der Sciaven, die 
* Rucksicht und das Wohlwollen der Herrscher'. Asia hiefs, wie schon 
gesagt ward, die Provinz der fünfhundert Städte, und wenn das 
^asserlose aam Theil nur zur Weide geeignete Binnenland Phrygiena, 
Lykaoniena, Galatiana, Kappadokiena auch in jener Zeit nar dflnn 
bevölkert war, aUnd die abrige ilflate hinter Aaia nicht weit zurflck. 
IKe danamde BlOthe der cnhnrföhigen Landachaflen Kleinaalena er- 
•tnckt adi nicht hieb auf die Stldte glinieiiden Namena, wie Epheaoa, 
Smyma, Laodikeia, Apameia; wo immer ein von der Verwüstung der 
VMlerlhalb Jahrtausende, die uns von jener Zeit trennen, vergessener 
Winkel des Landes sich der Forschung erschliefst, da ist das erste 
und das mächtigste Gefühl das Entsetzen, fast möchte man sagen die 
Scham über den Contrast der elenden und jammervollen Gegenwart 
fliit dem GlAck and dem Glanz der Tergangenen RAmeneit Auf Kngo*. 
einer abgelegenen Berg^itie anweit der lykiachen KOate, da wo nach 
<ier giiediiachen Fabel die Chimaera banste, lag das alte Kragoa, 
^"itocfaeinlich nar aaa Balken and Lehmaiegeln gebaat and darum 
tpvlos verschwunden bis auf die cyklopische Festungsmauer am Fufs 
Hügels. Unter der Kuppe breitet ein anmuthiges fruchtbares 
Thal sich aus, mit frischer Alpenlul't und südlicher Vegetation, um- 
geben von wald- und wildreichen Bergen. Als unter Kaiser Claudius 
I^jkiea Provinz ward, verlegte die römische Regierung die Bergstadt, 
^ 'grfine lüragoa* dea Horaz, in diese Ebene; aof dem Marktplatz 



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328 ICBTfiS BÜCH. EAPITEL Till. 

der neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des viersaaligen den 
Kaiser damals gewidmeten Tempels und einer stattlichen Säulenballe, 
waiclie ein too dort gebürtiger als Amt zu Vermögen gelaagtar 
BAiger in seiner Vaterstadt baute. Statuen der Kaiser iind fsr- 
dienter Nitbttrger schmftckten den Harkt; es gab in der Stadt einea 
Temp«! ihrsr Sclmtigötter, der Artemis und des Apolloo, Bidcr, 
TomanstalteD ('j^fjtvatfta) för die ältere wiefftrdie jüngere Bürger- 
schaft; von den Thoren zogen sich an der Hauptstrafse, die steil am 
Gebirge hioab nach dem Hafen kalabatia führte, zu beiden Seiteu 
Reihen hin von steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer 
als die Pompeiis und grofsentheüs noch aufrecht, während die, ver- 
mutblicb wie die der Altstadt aus vergänglichem Material gebaateo« 
Häuser ▼erscbwnnden sind. Auf den Stand und die Art der einstasa- 
ügen Bewohner gestattet einen Schluft ein fcflnlidi dort anfj^efandaner 
wahrsebeinlidi unter Commodus gd^ter GemelndebesefalnCi Aber die 
Constitairung der Ressource ffir die älteren Bürger; dieselbe wurde sa- 
sammengesetzt aus hundert zur Hälfte dem Stadtrath, zur Hälfte der 
übrigen Bürgerschaft entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr 
als drei Freigelassene und ein Bastardkind, alle übrigen in rechter Elie 
erzeugt und zum Theil nachweislich alten und wohlhabenden Bürger- 
häusern angehörig. Einselne dieser Familien sind zum römisches 
Bürgerrecht gelangt, eine sogar in den Reichssenat. Aber anoh im Aas- 
land blieb dieses senatorlsehe Hans sowohl wie ▼erschiedene ans Sidyva 
gebOrtige auswärts und selbst am kaiserlichen Hof besdiäftigte Aenle 
der Heimath eingedenk und mehrere derselben .haben ihr Leben da- 
selbst beschlossen; einer dieser angesehenen Stadtbürger hat in einem 
nicht gerade vortrefflichen, aber sehr gelehrten und sehr patriotischen 
Elaborat die Legenden der Stadt und die sie betreifenden Weissagungen 
zusammengefafst und diese Memorabilien öfl'entlich aufstellen lassen. 
Dies Eragos-Sidyma stimmte auf dem Landtag der lüeinen lykischen 
Provinz nicht unter den Städten erster Klasse, war ohne Theater, 
ohne Ehrentitel und ohne jene aUgemeinen Feste» die in der damaligm 
Well die GroAstadt beseichnen, auch nach der Anffosanng der AMm 
eine kleine Proviniialstadt und durchaus eine Schöpfung der rdmischm 
Kaiserzeit Aber im ganzen Vilajet Ardin ist heute kein Binnenort, derftr 
civilisirte Existenz auch nur entfernt diesem Bergstädtchen, wie es wir, 
an die Seite gestellt werden könnte. Was in diesem abgeschiedenen 
Fleck noch heute lebendig vor Augen steht, das ist in einer uoge- 



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lUOIfAflBII. 



329 



dUteo Menge nnderpr Städte unter der verwüstenden Menschenhand 
bis auf geringe WpsW od«'r auch spurlos verschwunden. Einen gewissen 
Ueberblick dieMr Fülle gewihrt die den Stadiea io Kupfer freigege- 
bene MAniprigung der Kaiserzeit: keine Provinz kaon in der Zahl der 
liAoi8titt«n mid der Mannichiahigkeit der DaftteUuogen eich aach nur 
fen weitem mit Atia meesen. 

Preilidi fehlt dieeem Anfigiehea aller Intereaeen io der heimath- 
üeheii Kletnetadt die Kefaraeite so wenig in RIetnatien wie bei den T^wliu^g. 
eofopäischen Griechen. Was über deren Gemeindeverwaltung gesagt 
ist, gilt in der Hauptsache auch hier. Der städtischen Finanzwirth- 
Schaft, die sich ohne rechte Controieweifs, fehltStetigkeitund Sparsam- 
keit und oft selbst die Ehrlichkeit; bei den Bauten werden bald die Kräfte 
der Stadt äberacbritten, bald auch das Nöthigsteunterlauen; die kleineren 
Bürger gewöhnen aich an die Spenden der Stadtkaiae oder der fer- 
■agenden Leute, an das freie Oel in den Bidem» an BargersehmSoae 
imd folksbeinstignngen ans fremder Tasche, die guten Hinser an 
die CBentel der Menge mit ihren demAthigen Huldigungen, ihren 
Bettelintrigaen, ihren Spaltungen; Rivalititen bestehen wie zwischen 
Stadt und Stadt (S. 303), so in jeder Stadt zwischen den einzelnen 
Kreisen und den einzelnen Häusern; die Bildung von Armenvereinen 
tmd von freiwilligen Feuerwehren, wie sie im Occident überall be- 
standen, wagt die Aegiening in Kleinasien nicht einzuführen, weil das 
Faeüonswesen hier sich jeder Association sofort bemächtigt. Der stille 
See wird leicht mm Sumpf und daa Fehlen dea grofiien WeMenachlaga 
der aOgemeiBen Intereaeen iat auch in Kleinaaien deutlich au apflren. 

Kleinaaien, inabesondere Vorderaaien« war eines der reichsten woUtiMd. 
Miele des grofren Rftmerstaats. Wohl hatte das Mifsregiment der 
Republik, die dadurch hervorgerufenen Katastrophen der mithrada- 
tisclien Zeit, dann das Piratenunwesen, endlich die vieljährigen 
Bürgerkriege, welche finanziell wenige Provinzen so schwer betroffen 
hatten wie diese, die Vennögensverhäitoisse der Gemeinden und der 
Eiaielnen daselbst so vollständig serrüttet, dafs Augustna in dem 
Wersten Mittel der Niederschlagung aller Schuldforderungen griif ; 
weh maditen mit Ausnahme der Rhodier alle Asiaten Ton diesem 
I^AlurlidienHeilmittel Gebranch. Aber das wieder eintretende Friedens- 
ngiment glich vieles aus. Nicht flberall — die Inseln des aegaeischen 
Heen zum Beispiel haben sich nie seitdem wieder erholt — , aber in 

meUlen Orten waren, schon als Augustus starb, die Wunden wie 



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330 



1CHTB8 BOCB. KAPITSL TUL 



die Ileiimittel vergessen , und in diesem Zustand blieb das Land drei 
Jahrhunderte bis auf die Epoche der Gothenkriege. Die Summfn. 
zu welchen die Städte Kleinasiens angesetit wiren und die eie eelbft^ 
allerdiogs ODter Controle des Statthalters, zu repartürao und atte- 
bringen hatten» bildeten eine der bedentenditen Önnahmeqoellen dv 
Reichakaase. Wie die Steaeriast aiefa an der Leiatongallhigkdt der 
Besteuerten Teriilelt, verm^en wir nicht an eonatatiren; eigentiiohe 
dauernde UeberbOrdung aber yerträgt sich nicht mit den ZustSndeiu 
in denen wir das Land bis gegen die Mitte des dritten JahrhuDclerU 
Gnden. Mehr vielleicht noch die ScblafTheit des Regiments als absidit- 
liehe Schonung mag die üscalische Beschränkung des Verkehrs und 
die nicht hlofs für den Besteuerten unbequeme Anziehung der Steuer- 
achraube in Schranken gehalten haben. Bei grofsen Calamitäten, 
namentlich bei den Erdbeben, welche unter Tiberina aw6lf UAbenda 
Stidte Aaiaa , vor allem Sardea, unter Plna eine Anaabi kariacber md 
lykischer und die Inaein Koa und Rbodoaentaetalichbdmaochten, UUdi« 
Privat- und vor allem die RelcbshflHb mit groftart^r Freigebigkeit eia 
und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen des Grofsstaats, die 
Sammtverbürgung aller für alle. Der Wegebau, den die [Römer bei 
der ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius 
(2, 54) in AngrifT genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien 
nur da ernstlich gefördert worden, wo gröfsere Besatzungen standen» 
namentlich in Kappadokien und dem benachbarten Galatien, aeitVespa- 
sian am mittleren Eupbrat Legionalager eingerichtet hatte ^. In den 
flbrigen Propnaen iat dafür nicht viel geacheben, aum TMl ahne 
Zweifel in Folge der Schlaffheit des senatorischen Regiments; wo 
immer hier Wege von Staatswegen gebaut wurden, geschah es aaf 
kaiserliche Anordnung'). — Diese Blüthe Kleinasiens ist nicht du 



*) lUe Meileiiteuie be^naea hier mdt Vetpifiaa (C. L L. DI, 800} wU 
iiad seitdeB uUreieb, naaieiitlieh too DoBitiaa bis aef Hadriae. 

*) Ab dratlichftw aeigaa dia ie dtrSeMttproTSasBithyaiei ulv 

Nero und Vespa^iao durch den kaiserliehea Procarator aasgefabrten 
bauten (C. I. L. III, 346. Eph. V a. 96). Aber «adi bei den WefebaotM ii 

den senatorischen Provinzen Asia und Kyproa vird der Senat nie freoanat 
und CS wird dafür dasselbe angenommen werden dürfen. Im dritten Jahrb. i<t 
hier wie überall der Bau auch der Ikichsstrafsen auf die Commnnen übtt' 
gegangen (Smyrna: C. I. L. UI, 471; Thyateira: Boll, de curr. hell. Ifl^^i 
Paphos: C. I. L. 111,218). 



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KLE1NA81£N. 



331 



Werk eioer Regierung von überlegener Eimiebt nnd energischer Tbat- 
kraft Die politischen Einrichtungen , die gewerblichen^und commer- 
cielleD|ADregungen, die litterarische und künstlerische Initiative ge- 
boren in Kleinasien'durchaus den alten Freistädten oder den Attaliden. 
Was die römische Regierung dem Lande gegeben hat, war weseaüich 
der dauernde Friedensstand und dieDoidung des Wohlstandet im Innern, 
die Abwesenheit deijenigen Regiemngnreiebeit» die jedes gesunde PHar 
Anne und jedes erqMrte GeUbtOck betrschtet als ihren onmiltelharen 
Zwecken fon Rechts wegen verfaUen — negative Tugenden keineswegs 
herverregender PersAnlichkeiten« aber olUnals dem gemeinen Ge- 
deihen ersprießlicher als die Grolslhaten der selbstgesetzten Vor- 
muoder der Menschheit. 

Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schönem Gleichgewicht UmmUIsb^ 
ebenso auf der Bodencultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die 
Gunst der Natur ist inabesondere den Köstenlandscbaften in reichstem 
Maiae su Theil geworden, nnd vieUacb xdgt es sich, mit wie emsigem 
Fleilb anch onter schwierigeren Verbiltnissen, mm Reispiel in dem 
felsigen Thal des Enrjmedon in Pemphylien Ton den Mrgern von 
Seige, jedes irgend brauchbere RodenstQck ausgenntit ward. Die Er- 
zeugnisse der kleinasiatischen Industrie sind zu zahlreich und zu man- 
nichfaltig, um bei den einzelnen zu verweilen^); erwähnt mag 
werden, dafs die ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- 
nnd Ziegenheerden Kieinasien zum Uauptland der Woliindustrie und 



>) Die Christen des KüstenstädtchcDs Korykos im rauhen Kilikieo pflegten, 
gfgea den aUgemeinen Gebraach, ihren Grabscbriften regelmafsif; [dem Staad 
MntelSM. Alf dra dort wm Langloi« aad aeaerdings voa Daghataa (BalL 
de^corr. baD. 7, SSO fg.) anfgaacneM GnibtdtfifiMi iadaa tidi eia Sehnlbar 
{99m^), «ia Weiakiadlar (olMJiisfo^)» swai OalUtadler (Hcoxwlq«), aia 
(Mbahiadler {ligsaponmhit), aia PraebtUiadler {inm^tohieU swei Rrimer 
(atfiriglof), fanf Goldschmiede {ai QaQiog dreimal, ^^Qvaoxoog sweimal), wovon 
etoer anch Presbyter ist, vier Kapferaebauede ij[aXx6rv7rog einmal, /aJlxcvff 
dreiaMl), swei laatromentenmacher (aQfiepoQttipoi)y fünf Töpfer (xegaftevs), von 
deoen einer als Arbpit^eber (^(>)'0(Tar7;;) bezeichnet wird, ein anderer zugleich 
Presbyter ist, ein Kleiderhäodler (t^ttTiontüXrjs)^ zwei Leinwandhändler {Xivo- 
ntöiri^)., drei Weber (o^ovmxof), ein Wollarbeiter ((ofoioyog), zwei Schuster 
(xBÜij aotof, xttXraQioi), ein Kürschner (lvioQ((<fos, wohl für rjVioQd<fos , pellio), 
ein .Schiffer {yavxlijQoi)^ eine Hebamme {ioTQ^y^); ferner ein Gesammtgrab der 
hochaoaehnlicbea Geldwaehiler {svoattfim tmv tvy^^nitm tffoneCiTtSv). So 
sah et daadbft im 6. aad 6. JaUaadert aaa. 



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332 



ACHTES BQCn, KAPITEL TUl. 



der Weberei überhaupt gemacht haben — es genfigt zu erinnern an 
die milesische und die galatische, das ist die Angorawolle, die attaliscben 
Goldstickereien, die nach nerviscber, das heifst flandrischer Art in den 
Fabriken des pbrygischen Laodikeia gefertigten Tadhe. DaTii inEphem 
fMt ein Aufstand aasgebrochen wSre, weil die Goldschmiede fso 
dem neuen Christenglauben Beschldigung ihres Absatses tod HeflSgcB* 
bildern befOrchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeatenden 
Sladt Lydiens, kennen wir von den sieben Quartieren die Namen 
zweier: es sind die der Wollen weher und der Schuster. Wahrschein- 
lich tritt hier zu Tage, was bei den übrigen Städten unter älteren und 
vornehmeren Namen sich versteckt, dafs die bedeutenderen Städte 
Asias durchgängig nicht blofs eine Menge Handwerker, sondern auch 
eine sahlreiche Fabrikbevölkerung in sich schlössen. Der Geld- fui 
Handelsverkehr ruhte in Kleinasien hauptsScblidi auf der eigeDea 
Prodoction. Der grobe auslindische Import und Export Syriens und 
Aegyptens war hier in der Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aoi 
den östlichen Undem mancherlei Artikel, zum Beispiel durch die 
galatischen Händler eine beträchtliche Zahl von Sciaven nach Klein- 
asien eingeführt wurden Aber wenn die römischen Kaufleutp 
hier wie es scheint in jeder grofsen und kleinen Stadt, selbst in Orten 
wie llioQ und Assos in Mysien, Prymaessos und Traianupolis in Phn- 
gien in solclier Zahl zu finden waren , dafs ihre Vereine neben der 
Stadtbfiigerschafl bei öffentlichen Acten sich su betheiligen pAegea; 
wenn in Hierapolis im pbrygischen Binnenland ein Fabrikant 
CT^g) auf sein Grab schreiben liefs, daHs er zweinndsiebiigmal ia 
seinem Leben um Cap Malea nach Italien ge&hren sei und ein römischer 
Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert, welcher nach den 
Hafen eilt, um den Geschäftsfreund aus dem nicht weit von Hiera- 
polis entfernten Kibyra nicht in die Hände von Concurrenten fallen 
zu lassen, so öffnet sich damit ein Einblick in ein reges gewerblicbe^ 
und kaufmännisches Treiben nicht blofs in den Häfen. Von dem 
stetigen Verkehr mit Italien leugt auch die Sprache; unter den io 
Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen Wörtern röhren nicht 
wenige aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar die Gilde 

Dieser fdr das 4. Jahrb. bezeuge Verkehr (AmmiaD 22, 7, 8; Clao- 
dianus in Katrop. J, 59) ist ohne Zweifel älter. Anderer Art ist es, Atf», 
wie Philustratas vita Apoll. 8, 7, 12 anhebt, die nicht {griechischen öewohaer 
voo Phrygieo ihre Kinder an die ScUveahäadler verkauften. 



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ELBUIASON. 



333 



der Wollen^^eber sich lateinisch benennt^). Lehrer aller Art andAenta 
kaaea nach Italien und den übrigen Ltedm lateinischer Zunge Tor> 
xugsweiae Ton hier und gewannen nicht Uot^ oftmals bedentendes 
Yermögen« sondern brachten dies auch in ihre fleimath zarOcfc; nntar 
denm, weichen die StSdte Rleinasiens Banwerke oder Stiftungen yer- 
danlien, nehmen die reich gewordenen Aerzte und Litteraten einen 
herrorragenden PlaU ein. Endlich die Auswanderung der grofsen 
Familien nach Julien hat Kleinasien weniger und später betroffen als 
den Occideut; aus Vienna UDd ^iarbo siedelte man leichter nach der 
Hauptstadt des Reiches über als aus den griechischen Städten und auch 
die Regierung war in früherer Zeit nicht eben geneigt die yomehnien 
MunidpaleD Kieinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die rümische 
Aristokratie einzuführen* 

Wenn wir absehen von der wnnderbarenFrflhblflthe, in welcher ^x^ruTketu 

Xon^fyuaia jtöy Xuvofjtw (Wood Bphetn«, titf b. 4). Aaeli laf doo 
luekriiteo von Kotykos (S. 331 A. 1) sind lateioische Haadwerkerbeocn- 
oaagcD häaßg. Die Sufe lieifst yf^&äfK in don phrygUelion luchrÜlea C. L 

Cr. 3900. 3902 i. 

') Eiuer von diesen ist Xeoophon des Herakleitos Sohn von Kos, be- 
kariot aas Tacitus (aoa. 12, 61. 07) und Pliuius o. h. 29, 1, 7 und etaer Reihe 
vuQ Denkmält-ru seiner Heiinath (Bull, de coi r. heil. 5, 4()^). Als Leibarzt 
{aqj^KtxQÖi, welcher Titel hier zuerst begegnet) des liaisers (Claudius gewaua 
er tolehea Eioflofs, dals er mit seioer ärztlichen Thätigkeit die einflufsreiche 
SloUug des kalMrlicbta KabieitMoeretirt für die grioeUiche CorrttfoodAU 
verbud (M vwy ^EUapnatOv iatoatQtfiAtmi Yfl. Seidu n. d. Yf. ^$0¥uotog 
*JUia9d^tve) und sieht bloft für Minea Broder nnd Oheia dae rSmiiehe 
BBrgerrecbt aad OfBsiersteUoa voa Ritterraog nad fdr sich anfaer den Ritter- 
ffcfd and dem Offiziersraog noch die Decorttion des Goldkranzes nnd des 
Speere bei dem britannischen Triumph erwirkte, sondern auch für aeiae Heimath 
dir Steuerfreiheit. Sein Grabmal steht auf der Insel und seine dankbaren 
L^uiisleute setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem 
Gedüchtoirs Münzen mit »einem Bildnil's. Kr ist es, der den todtkrankeu 
Claudius durch weitere \ irgiflung umgebracht habcu soll und denigfuials, als 
ihm wie seinem IVachfolgcr gleirb werth, auf seinen Denkmälern nicht biuls 
via Üblich ' Kaiserfreuud' {(fUoatßaatos) heifst, sondern speciell Frenad des 
Oeadiae Ooidavitog) «ad dea Nero {ipdwiQiov , dies aaeh iicheror Reati- 
tetiaa). Seia Bmder» den er ia dieser SteUaag folgte, bexog eia Gehalt voa 
500000 Sestenea (100000 Harh), vcrsieherte aber den Kaiser, dalh er aar 
liun xa Liebe die Stellvag aageaonnea bitte, da seiae Stadtprazis ihn 100000 
Sesterzen mehr eiagetrageo habe. Trotz der eaormea Soainea, die die 
Brüder aurser für Kos asneotlich für Neapel aufgewendet hattea, hinter- 
Ucisea sie eia VernSgea tob 30 NUL Sestersea (6>^ MiU. MarkL). 



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334 



ACmSBOCB. lAFRBLTIII. 



das ionische Epos nod die aeoliiclio Lyrik, die Anfinge der Ge- 
sebichtssdireibaDg und der Philosophie, der Plastür imd der MUsni 

an diesen Gestaden keimten, so war in der Wissenschaft wie in der 
Kunstübung die grofse Zeit Kleinasiens die der Ättaliden, welche 
die Erinnerung jener noch gröfsercn E|K>che treulich pdegte. Wenn 
Smyrna seinem Bürger Homeros göttliche Verehrung erwies, auch Münxeo 
auf ihn schlug und nach ihm nannte, so drückt sich darin die Em- 
pßndung aus, die ganz lonien und ganz Kieinasien beherrschte, dafsdie 
göttlicheKansl überhaupt in Hellas nnd im fiesondem in lonien auf die 
Erde niedergestiegen sei. Wie firfih nnd in welchem Umfang fftr dm 
Elementarunterricht In diesen Gegenden öffentlich gesorgt worden Iii, 
veranschauh'cht ein denselben betreffender ßeschlul^ der Stadt Teos 
in Lydien. Danach soll, nachdem die Capitalschenkung eines reicheD 
Bürgers die Stadt dazu in Stand gesetzt hat, in Zukunft neben dem 
Tuminspector {yvfjiyaanxQxtjg) weiter das Ehrenamt eines Schul- 
inspectors (natdovofAog) eingerichtet werden* Ferner sollen mit 
Besoldung angestellt werden drei Schreiblehrer mit Gehalten, je nach 
den drei Klassen, von 550 und 500 Drachmen, damit in 
Schreihen slmmtliche freie Enaben nnd Mädchen unterwiesen wsrdeo 
kdnnen; ebenfalls swei Tummeister mit je 500 Drachmen Gebalt, eil 
Musiklehrer mit Gebalt von 700 Drachmen, welcher die Knaben der 
beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule enllasseaenUun^- 
linge im Lautenschlagcn und Citherspielen unterweist, ein Fechtlehrer 
mit 300 und ein Lehrer für Bogenschiefsen -und Speerwerfen mit 
250 Drachmen Besoldung. Die Schreib- und der Musiklehrer sollen 
jährlich im Rathhaus ein öffentliches Examen der Schüler abhalten. 
Das ist das Kieinasien der Attalidenieit; ^ber die römische Repa- 
blik hat deren Arbmt nicht fortgesetzt Sie liefs ihre Siege ilber 
die Galater nicht durch den Meibel yerewigen und die pergamenisehe 
Bibliothek kam kun Tor der aktischen Schlacht nach Alexandreia; fide 
der besten Keime sind in der VerwAstung der mithradatischen voni 
der Burgerkriege zu Grunde gegangen. Erst in der Kaiserzeit re- 
generirte sich mit dem Wohlstande Kleinasiens wenigstens äufseriich 
die Pflege der Kunst und vor allem der Litleratur. Einen eigentlicbeo 



M») Die Urkude stakt M DitteBbergsr 349. Attd#t II aatklt «ha 
ShBlielM StifiBBf im DelpU (BvlL de eerr. Ml. 5, 157). 



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KuiiiAtnm« 



335 



Mut, wie ihn als Universitätsstadt Athen besaCs, im Kreise der 
wuieiudiifUicfaeB Forschung Alexandreia, fflr Schauspiel und Ballet die 
MchtfertigB Haapittadt SjrieiM, kann keine der ithlreichen Stidte 
Kkinaneiit Dach irgend einer Richtang hin in Anspruch nehmen ; eher 
die aUgemeine BUdnng iai wafaraeheinlich nlfgends weiter TerbrMtet und 
eingreifender gewesen. Den Lehrern und den Aenten Befreiung fon den 
mit Kosten verbundenen städtischen Aemtern und Aufträgen zu gewä hren 
amlsin Asia früh üblich geworden sein ; an diese Provinz ist der Erlafs 
des Kaisers Pius gerichtet (S. 303), welcher, um der für die städtischen 
Finanzen offenbar sehr beschwerlichen Exemtion Schranken zu setzen, 
Muimalzahlen daf&r Torschreibt, zum Beispiel den Städten ersterKlasse 
gestattet bif in sehn Aersten, fünC Lehrmeistern der Rhetorik und 
flbf der Grammatik diese Immunität lu gewähren. DaDb in dem Litte- 
ratenthnm der KaiseneitKleinasien in erster Reihe steht, bemhtanf dem 
Rbeloren-oder, nach dem späterhin flblichen Ausdruck, dem Sophisten- SopUstw- 
wesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht vergegenwärtigen. ^^"^"^ 
An die Stelle der Schriftstellerei. die ziemiicli aufgehört hat etwas zu 
bedeuten, ist der öffentliche Vortrag getreten, von der Art etwa unserer 
heutigen üniversiläts- und akademischen Heden, ewig sich neu erzeugend 
und nur ausnahmsweise gelagert, einmal gehört und beklatscht und dann 
auf immer vergessen. Den Inhalt giebt häußg die Gelegenheit, der 
Gebortstag des lüusers, die Ankunft des Statthalters, jedes ölTentliche 
oder prifste analoge Ereignift; noch häufiger wird ohne jede Veran- 
knsong ins Blaue hinein fkber alles geredet, wasnicht praktisch und nicht 
Ishfbaft ist Politische Rede giebt es für diese Zeit ttberhaupt nicht, nicht 
einmal im römischen Senat. Die Gerichtsrede ist den Griechen nicht 
mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht neben der Rede um 
der Rede willen als vernachlässigte und plebejische Schwester, zu dersich 
ein iMeister jener gelegentlich einmal herabiäfst. Der Poesie, der Philo- 
i^ophie, der Geschichte wird entnommen, was sich gemeiupUtzig be- 
handeln läfst, während sie alle selbst überhaupt wenigund am wenigsten 
in Kleinasien gepflegt und noch weniger geachtet neben der reinen 
Wortkunst und von ihr durchseucht verkOmmern. Die grolto Ver- 
gsngenheit der Nation betrachten diese Redner so su sagen als ihr 
Sondergut; sie Terehren und behandeln den Oomer einigerma£ien wie 
die Rabbiner die Bucher Moses, und auch in der Religion befleifsigen 
sie sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vorträge durch 
alle erlaubten und uuerlaubtea üüifsmittel des Theaters, die Kunst der 



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336 



ACHTES ilUCB. KAPITEL Vlil. 



Gesticulation und der Modulation der Slimme, die Pracht des Redoer- 
costüms, die KunstgriOe des Virtuosenthums, das Factionsweseo, die 
Concurrenz, die Claque. Dem grenzenlosen Selbstgefühl di«aer Wort- 
küDstler eDtspricht die lebhafte Tbeiloabme des Pubiicums, weiche 
deijenigen fQr die Rennpferde nur wenig oachsteht» und der 
nadi Theaterart dieser TbeUnahme gegebene Auadruck; und die Steli|- 
keit, womit dergleichen Ezhibitionen in den grdltoren Orten den Ge- 
bildeten vorgefahrt werden, fügt sie, ebenfaüa wie das Theater, 0benl 
in die städtischen Lebeiisgewohnheilen ein. Wenn vielleiclit an den 
Eindruck, welchen in uns^eren bewegtesten Grofsstädten die obligaleQ 
Reden ihrer gelehrten Körperschaften hervorrufen, sich dies unlerge- 
gaogene Phänomen für unser Verstand nifs eiDigerroalseD anknüpfea 
läfst, so fehlt doch in den heutigen VerhültDissen ganz, was in der allea 
Welt weit die Hauptsache war: das didaktische Moment und die Ver- 
knflpfungdea zwecklosen öffentlichen Vortrags mit dem böhereningao^ 
Unterricht Wenn dieser heute, wie man sagt, den Knaben der ge- 
bildeten Klasse sumProfeasor der Philologie ersieht, so mog er ihn da- 
mals zum Professor der Eloquenz, und zwar dieser Eloquenz. Denn die 
Schulung lief mehr und mehr darauf hinaus dem Knaben die Fertigkeil 
beizubringen eben solche Vorträge, wie sie eben geschildert wurden, 
selber, wo möglich in beiden Sprachen, zu halten und wer mit ISutzen 
den Cursus absoivirt iiatte, beklatschte in den analogen Leistungen die 
Erinnerung an die eigene Schulzeit. Diese Production umspannt zwar 
den Orient wie den Oeddent ; aber Kleinasien steht voran und gicbt 
den Ton an. Als in dar augustischen Zeit die Schulrhetorik in den 
lateinischen Jugendunterricht der Hauptstadt Pub fabte, waren die 
Hauptträger neben Italienern und Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellisi 
Fuscus und Cestius Pius. Ebendaselbst, wo die ernsthafte Gericht»- 
rede sich inderbesseren Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, 
weist ein geistvoller Advocat der llavischen Zeit auf die ungeheui-e 
Kluft hin , welche den Mketes von Smyrna und die andern in 
Ephesos und Mylilene beklatschten Redeschulmeister von Aeschioes 
und Demosthenes trennt Bei weitem die meisten und narohaftestea 
der gefeierten Rhetoren dieser Art aind von der KOste Vorderasieai. 
Wie sehr fOr die Finanzen der kleinasiatischen Stidte die Sehulmeistsr- 
lieferung für das ganze Reich ina Gewicht fiel, ist schon bemerkt irar- 
den. Im Laufe der Kaiserzeit steigt die Zahl und die Geltung dienr 
SophijiLeü beständig und mehr und mehr gewinnen sie Boden sock 



ftLBUlASMN, 



337 



im Occident. Die Ursache davon liegt zum Theil wohl in der ver- 
liderteo HaltuDg der Ragierung, die im xweiten JabrbuDderl, ins* 
betoDdere seit der nicht so sehr hellenitlrenden als übel koimopoKti'* 
avtodeo hadriaDischeo Epoche, sich woiiger ahlebnemi gegea dat 
gmchifche nod dat orientalitche Wewo ferfaiell alt im enten; liaiii»tr 
ikUich aber in der wmier lunehmeDden TeraUgemeiiMruiig der 
Mmm BHdttng and der ratch tieb Temehrenden Zahl der AnttaHen 
fitr den höheren Jagendunterricht Es gehört also die Sophistik aller- 
dings besonders nach klninasien und besoodt^rs in das Kleinasien des 
zweiten und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem Litteraten- 
jirimat keine specieile Eigenthümlicbkeit dieser Griechen und dieser 
Epu( he oder gar eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die 
Sophistik sieht sich überall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom 
and Karlbage; die£loquentmeltter wurden Yerschickt wie die Lampen- 
lonnen und das Fabricat überall in ghiicber Weiae, nacb Verlangen 
griechiscfa oder lateinitcb, bergestellt, die Fabrication dem Redarf ent- 
aprecbend gesteigert. Aber freilicb lieferten diejenigen griecbiscben 
Lndiebaflen, die an Wohlstand und Bildung voranstanden, diesen 
Exportartikel in bester Qualität und in gröfster Quantität; von Klein- 
aüieu gilt dies für die Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie für 
die Hadrians und der Antonine. 

lnde(s ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften 
besitsen zwar nicht nnter den professionellen Sophisten, aber doch 
unter den Litteraten anderer Richtung, die auch noch dort verbilt- 
nitoiliiig sabireicb sieb finden, die bieten Vertreter des Hellenismus, oonm. 
«eiche diese Epoche überhaupt aufweist, den Lehrer der Philosophie 
Dien von Pnisa in Rithjnien unter Vespasisn und Tralau und den 
Medidner Galenos aus Pergamon, kaiserlichen Leibarzt am Hofe des 
Marcus und des Severus. Hei Galenos erfreut namentlich die feine Weise 
des Welt- und des Hofmanns in .Verbindung mit einer allgemeinen 
iillerarischen und philosophischen Bildung, wie sie bei den Aerzten 
dieser Zeit überhaupt häu% hervortritt^). An Reinheit der Gesui- 

Eia Arxt aos Smyroa, Beniogenes dea Charidemos Soha (C. I. Gr. 3311), 
Mkrieb nicht blori 77 Bände medieinischea lahalt«, sondern danebea, wie aeia 
Grabstrin berichtet, hiatoriacbe Schriften: über Smyrna, üher Honera Vater- 
laad, über Homers Weisheit, über die Städtegriiadongen in Asia, in Europa, 
•«rdea Inseln, Itiaerarieo von Asia and von Europa, über Kriegaliateo, chrooo- 
l«Siscbe Tabellea über die Geacbichte Roois and Smyraas. Eia kaiaerlicber 
MaMMB, iMbGeaaUikaa. r. SS 



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338 



ACHTES BUCH. KAPITEL Vlll 



DioBTon nuDg und Klarheit über die Lage der Dinge giebt der Bithyner DioD 
dem Gelehrten von Chaeronea nichts nach, an Gestaltungskraft, an 
Feinheit und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei kicbter 
Form, an praktischer Energie ist er ihm überlegen. IMe besten sdner 
Schriften, die Pbantuien von dem idealen Hellenen m der Erfindog 
der Stadt und des Geldes, die Ansprache an die Bhodier, die maifß 
Obrig gebliebenen Vertreter des echten UeUenisnins, die SchildMg 
der Hellenen seiner Zeit in der Verlassenheit von Olbta me in Mt 
Ueppigkeit von Nikoniedeia und von Tarsos, die Mahnungen an den 
Einzelnen zu ernster Lebensführung und an alle zu einträchtigem 
Zusammenhalten sind das beste Zcugnifs dafür, dafs auch von dem 
kleinasiatischen iieilenismus der Kaiserzeit das Wort des Dichtern güt: 
untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne. 

Leibarzt Meaekrates (C. I. dr. G607), dessen Herkuult uirht augegebeo «ind, 
begründete, wie seine römischeo V erehrer ihm bescheinigen, die neue lopischf 
und zugleich empirische Medicin {i6£as Xoyixfj; hanyoiK; iaiQixfji; yiiairjij ii 
seioeo auf hundert sechs und fünfzig Bünde sich belaufenden Schriften. 



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KAPITEL IX 



DIB BUPHRATGRENZB UHD DIB PARTHBR. 

Der einzige GrofssUat, mit welchem das römische Reich grenzte, Du Reich 
war dl» Reich tod Iran^), niheod auf derjenigea MationaliUt, die im 
Atterthom wie beutsotage am bekanntesten ist unter dem Namen der 
Perser, staatlich sosammengefaüit durch das altpersiscfae RAnigs* 
gesdikcht der Achaemeniden und seinen ersten GroMdnig Kyros, 
religiös geeinigt durch den Glauben des Ahura Mazda und des Mithra. 
kemei» der alten Culturvülker bat das Problem der nationalen Einigung 
gleich früh und gleich vollständig gelost. Südlich reichten die irani- 
schen Stämme bis an den indischen Ocean, nördlich bis zum kaspischen 
Meer; nordöstlich war die innerasiatische Steppe der stete liampfplatz 
der sefshaften Pener und der nomadischen Stamme Turans. Oestlich 
schieden mächtige Grenagebirge sie von den Indem. Im westlichen 
Asien trafen frfib drei grofte Nationen jede ihrerseits fordrftngend auf 
einander: die von Europa aus auf die Ideinasiatische Küste fkbergreifen- 
den Hellenen, die von Arabien und Syrien aus in nördlicher und nord- 
östliclier Richtung vorscbreitenden und das Euphratthal wesentlich aus- 

') Die Vorstellung, daf« das Ilöiner- ood das Partherreich swei neben 
eiioier ttalmide Grolfttutan find md swar die mnzigen, die et giebt, 
Whemcht den gansea rSBiiefaen Orient, neneetiieh die Greosproviesee. 
fireifber tritt ite «•§ ii der jehaBMisehea Apolialypse eatgegea, ia denNefcea- 
«iaaadertteilea wie dee Rettert aaf den weibee Rod mdt den Begea aad dei 
anf den rothen mit den Sehwert (6» 2. 3), so der Meffietaaee aed der Chi- 
liarchen (6, 15 vgl. 18,23. 19, 18). Aach die Schlufsiiatastrophe ist gedacht 
als Ueberwältignog der Römer durch die den Kaiser Nero zurückführenden 
Pirther (c. 9, 14. 16, 12) und Armagedon, was immer damit gemeint sein mag, 
ah der Sammelplatz der Orientalen zu dem GesammtangrifT auf den Occident. 
Allerdiag^s deutet der im römischen Reich schreibende VerCiaaer dieae weeig 
pttriotischeo tiuüuuogea mehr an als er sie ausspricht. 

22* 



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340 



▲CBTU HOCH. KAPITBL IX. 



föllenden aramäischen VolkerschafleD, eadlich die nicht blo£s bis zum 
Tigru woboeoden, sondern selbst nach Armenien und Kappadokien 
mgedrungviMii Siämme von Inn, «ihrend andenartige UriiewohMr 
dieser weitgedehnten Landschaften nnter diesen Vormächten erfagw 
und terschwanden. Ueber dieses wette Stammgebiel ging in im 
Epoche der Achaemeniden, dem HAhepunet der HerrÜchlteit Irans, dis 
iranische Herrschaft nach allen Seiten, insbesondere aber nach Westen 
weit hinaus. Abgesehen von den Zeiten, wo Turan über Irao die 
Oberhand gewann und die Seldschuken und Mongolen den Persem 
geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft über den Kern der iranischen 
Stamme nur zweimal gekommen, durch den grofsen Alexander und 
seine nächsten Nachfolger und durch die arabischen Abbasiden, und 
beide Haie nur auf verhdltnifsmilisig liune Zeit; die östlichen Land- 
acfaaflen, in jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des alMi 
Biktrien warfen nicht blofs bald das Joch des Ausländers wieder ab, 
sondern yerdrflngten ihn auch aus dem stammvenrandlen Westen, 
n« Das durch die Parther regenerirte Perserreich fanden die RAmer 

A^plrthli. sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Desetzuo^ 

Syriens in unmittelbare Herührung mit Iran traten. Wir haben dieses 
Staats schon mehrfach Irüherhiu zu gedenken gehabt; hier ist der Ort 
das Wenige zusammenzufassen, was über die Eigeiithümlichkeit des 
auch für die Geschicke des Nachbarstaats so vielfach ausschlaggebendta 
Reiches sich erkennen lässt. Allerdings hat auf die meisten Fragea, 
die der Geschichtsforscher hier xu stellen hat, die Ueberliefemngfceias 
Antwort Die Ooddentalen geben aber die inneren Verhiltnisse ihrer 
parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche in der Veron- 
selung leicht irreführende Notizen ; und wenn die Orientalen es Aber* 
haupt kaum verslanden haben die geschichtliche Ueberlieferung zu 
fixiren und zu bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, 
da diese den späteren Iraniern mit der vorhergehenden Fremdherr- 
schaft der Seleukiden zusammen als unberechtigte Usurpation zwischen 
der alt- und der neupersischen Herrschaftsperiode, den Achaemenidca 
und den Sassaniden gegolten hat; dies halbe Jahrtausend wird so zu 
sagen ans der Geschichte Irans herauscorrigirt') und ist wie nickt 
vorhanden. 

M Dies gilt ftugar eioigermafsen für die Cbrooologie. Die oIBctcil 
Historiographie der Sasaaoideu reducirt deo Zeitraum zwiaehtB daa kirtn 
Dareiot aod deaenira 8saieddaBTMmaefa69Mr«(NlldakoTiteriS.l> 



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MI nnrnrnma mm wm famib. 



tht Staiidpimet, deo die HofhiatoriogreplMO der Seswoideii- dii* PwiiMt 
dpeetie denih eiiiiiihaieii, ist mehr der legitinietiMli -dynwtitGlie dee ^^'^ 
pcntMhen Adeb als derjenige der iraoiwhen Natioiialilit FreiBeh 
beieieliiieii die Sehrifitteller der ersten KaberieH die Spredie der Par- 
ther, deren Heimath etwa dem heutigen Chorasan entspricht, als 
mitten inne stehend zwischen der medischen und der skythischen, das 
heifst als einen unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend galten 
sie als Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne 
wird ihr Name auf flilcblige Leute gedeutet und der Gründer der Dy- 
naetie ArMkea iwar von Eioigeo fikr einen Baktrer, von Andern da- 
gegen flkr eineD Skythen ton der Maeolia erlüirt. Dalii ihre FAnlan 
nicht in Seienkeia am Tigris ihre Resident nahmen, aondem in der 
onmittelbarea Nihe bei Rtesipbon ihr Winterlager auHKhlugen, wird 
darauf zunickgeführt, dafs sie die reiche Kaufstadt nicht mit skythi- 
schen Truppen hätten belegen wollen. Vieles in der Weise und den 
Ordnungen der Parther entfernt sich von der iranischen Sitte und er- 
innert an nomadische Lebensgewohnheiten : zu Pferde handeln und 
essen sie und nie geht der freie Mann zu Fa£s. £8 läfst sich wohl 
nicht bezweifeln, dafs die Pariher, deren Namen allein Ton allen 
Stimmen dieser Gegend die heiligen BOeher der Perser nicht nennen, 
dem agentliehen Iran fem stehen, in welchem die Aehaemeniden and 
die Magier in Hanse aind. Der Gegensati dieses Iran gegen das 
ana emem nndvilisirten and halb fremdartigen Distriet herstammende 
Herrschergeschlecht und des^en nächstes Gefolge, dieser Gegensatz, 
den die römischen Schriflsleller nicht ungern von den persischen 
Nachbaren übernahmen, hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft 
hindurch bestanden und gegährt, bis er schliefslich ihren Sturz her- 
beiführte. Darum aber darf die Herrschaft der Arsakiden noch nicht 
als Fremdherrschaft geCalst werden. Dem psrthisclien Stamm and der 
panhisehen Landsrhaft wurden keine Vorrechte eingeriamt.' Als Re- 
sidens der Arsakiden wird iwar auch die parthische Stadt Hekatom|>yIos 
genannt; aber hauplsichlich yerweilten sie im Sommer in Ekhatana 
(Hamadan) oder auch in Rhagae gleich den Acliaemeniden, im Winter, 
wie bemerkt, in der Lagersiadt Ktesiphon oder auch in Babylon an der 
iufsersten westlichen Grenze des Reiches. Das Erhbegräbnifs in der 
Partberstadt Nisaea blieb; aber später diente dafür häuGger Arbela in 
Assyrien. Die arme und ferne partbische Heimaiblaudschaft war für die 
ippige Hofhaitang und die wichtigen Besiehnngen lu dem Westen 



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342 



besonders der späteren Arsakiden in keiner Weise geeigioei. Das Han{»l- 
land bliab auch jetzt Medien, eben wie unter den Äcbaemeniden. Moch- 
ten immer die Anakiden skyüuecher Heriumfl Min, mehr ab «of dM, , 
was sie waren, kam daraaf ao, was aie sein wolHen; nnd sie aelhr 
betrachteten and gaben eich dordiaiiB als dieNaehfolger desKyrmvi 
des Dareios. Wie die sieben peisiseben Stamnffarsten den MscAhb 
Achaemenideii beseitigt und durch die Erhebung des Dareios die legi- 
time Herrschaft wiederhergestellt hatten, so niufsten andere Siekn 
die makpdonischp Fremdherrschaft gestürzt und den König Arsak»*s 
auf den Thron gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fictioa wird 
weiter zusammenhängen , dafs dem ersten Arsakes statt der skythi- 
sehen die baktriscbe Heimath beigelegt ward. Die Tracht nnd d» 
Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen ; nachdem Mf 
Mühradatee I seine Herrschaft bis snm Indus and Tigris anagedfhal 
hatte, Tertansebte die Dynastie den einAiclien Kftnigstitel mit d« 
des Königs der Könige, wie ihn die Achaemeniden geführt hatten, ood 
die spitze skythische Kappe mit der hohen pcrlengeschmückten Tian: ; 
auf den Münzen führt der König dm Bogen w 'm Dareios. Audi die mit 
den Arsakiden in das Land gekommene ohne Zweifel vielfach mit der 
alteinheimischen gemischte Aristokratie nahm persische Sitte and 
Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem Partherheer, 
das mit Grassus stritt, heiürt es, dab die Soldaten noch das strappip 
Haar nadi sfcythischer Weise trugen, der Peldbenr aber nach medMer 
Art mit in der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gsoekt 
erschien. 

JLomgtham. Die Staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates fest- 
gestellt wurde, ist dem entsprechend wesentlich diejenige der Achae- 
meniden. Das Geschlecht des Begründers der Dynastie ist mit aUem 
Glanz und mit aller Weihe angestammter und göttlich Terordneier 
Uerrschafl wakleidet: sein Name Obertrigt sich von Rechtswegen asf 
jeden seiner Nachfolger nnd es wird ihm g5ttlicbe Ehre erwiaica; 
seine Nachfolger heillMn dämm auch Gottessöhne^) und autedea 



>) Die UoterkSnise der Penis baUkea io der Titalatar stekead 'Zaf 
Alohia' (weoigsteos entsprecheo die aramäischen Zeichen diesen vermuthlirli 
in der Aussprache persisch aasgedriickten Worten), Gottes Sohn (Hordtn.iDO 
Zeitschrift für Namismatik 4, 155 fg.), und dem entspricht auf den f^rircbisch» 
Müaxea der GroCiköiiife die Titalatar ^cwvarcu^. Aach die ßexeichaoBf 'i*ott' 



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DIB EOnUlATCMnB OH» DIB rABTHBR. 



343 



*iMtfer das SonnengoltM imd der MoBdgdttiD*, wie noeh hettle der 
Sibah PeruMi; das Bhil einet Gliedes des Kltaiigsgeschledits aveli 
aar daroh Zofill za vergiefsen ist ein Sacrilegium — alles Ordnungeo» 

die mit wenigen Abiiiinderungcn bei den römischen Caesaren wieder- 
kehren und vieUeichl zuoiTbeil von diesen der alleren Grofsberrsdiaft 
entlehnt sind. 

Obwohl die königlicbe Würde also fest an das Geschlecht geknüpft M«|iitM«0. 
ist, besteht dennoch eine gewisse Königswahl. Da der neue Herrscher 
aeiwoU dem GoUesiam der * Verwandten des kOnigliehen Hauses' wie 
dem Prieeterrath angebaren molk, um den Thron besteigen ni können, 
so wird ein Act statlgefonden haben« wodorcb verrnntbüch eben diese 
CoBegien selbst den neuen Herrscher anerkannten Unter den * Ver- 
^amlteu' ^ind wohl nicht blufs die Ar;>akiden selbst zu verstehen, son- 
dern die 'sieben Häuser' der Achaemenidenordnuii<;,Fürslengeschlechter, 
welchen nach dieser die tbeiibürtigkeit und der Ireie Eintritt bei dem 
GroMönig zukommt und die auch unter den Arsakiden ähnliche Pri- 
vilegien gehabt haben werden'). IMese Gesclüechter waren zugleich 
Inhaber von erblichen lüronimtem'); die Surto snm Beispiel ^ der 

findet sieb, wie bei dea Seleokideo and den Sassaoiden. — Waram den Arsa- 
UdeD ein OoppeUliadea beifelegt wird (Uerodian 6, 2, ]), ist nicht aafgeklärt. 

^) Tuiv nao9^vtUtov Gvv^Jfjiov ipfitif {nwJfi^tüiiog) tJimt, tagt Strabott 
11, 9, 3 p. 515, dinoVj lo fitv avyyevtSvy lo 6k aotftav xn\ uayoty, /| 
(tv ttutfoTv lovq ßaaiXiig xad^laianSai (xa^iaTTjaiv die Hdsrhr ). Justinus 42, 4, 
1 : ytükridatea rex Parthorum . . . propler cmddiUUmn a tmatu ParUUco rtgno 
pelläur, 

*) !■ Aflgyptaa, dessea HofeeremoDiell, wie wohl das der »ämmtlicheo 
Staatca der Diadoebeo, auf daa voa Alexander angeordnete und inaofcro anf das 
des pertiscken Reiches nrSefcgeht, aeheint der gleiche Titel aneh penSallek 
varMehen worden sn sein (Frans C I. Gr. III p. 210). Dtlh bei den Area- 
Udea daa fileiehe vorkaa, Ist ■Sglieh. Bei den grieeUieh redeoden Unter- 
thaaeo des Araakideastaats scheint die Benennoog faytatavig in dem ar- 
sprimgUchcn strengereo Grbrauch die («lieder der sieben Hänser sn beseich- 
oea; es ist beachtenswerth, dafs me^istanes und satrapae zusammengestellt 
werdeu iSene«a fj). 21; Jospphüsll, 3,2. 20,2,3). Dafs bei Hoftrauer der 
Pcrserküui^? die iMegistanen nicht zur Tafel zieht (Suetoti Gh'i. 5), legt die Ver- 
nnthong nahe, dafs sie das V'orrei ht hntten mit ihm zu speiseo. — Auch der 
Titel Tai»y TiooTKoy tf lhuv Hodet sich bei den Arsakiden iihnlich wie am ägyp- 
tischen nad am puutischea Hofe (ßull. de corr. helL 7 p. 349). 

*) Bin kVnlglicber Meadielienli, der sngleidl FeMberr ist, wird genannt 
hd lesephna aat. 14, 13, 1 « bell. 1, 13, 1. Aebniiebe Hoflaiter konien In 
dtn Diedecbenetanten Uinflg vor. 



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844 ACRUMMai. KAHTBLn. 

Name ist wie der Name Arsakes zugleich Personen- und Antiienicb- 
nang — » das zweite Geschlecht iiadi dem Königsbaus, setzten ab 
Kionneiater jedesmal dem neuen Araakea die Tiara aufii Hatfi 
Aber wie die Analnden aelbat der parthiscben Profim angebfirlcn, •• 
waren die Svr^n in Sabastane (Sedjistdn) lu Haoae nnd vieHeidt 
Saker, also Skythen; ebenso stammten die Kar^n aus dem wesilidM 
Medien, während die höchste Aristokratie unter den Achaemeoidii 
reio persisch war. 

Die Verwaltung liegt in den Händen der Unterkönige oder der 
Satrapen; nach den römischen Geographen der feapasiani>chea Zeit 
besteht der Staat der Parther aus achtzehn ^Königreichen*. £iai|B 
dieser Satrapien sind Secundogpniluren des Uermherhanses; ioi^ 
besondere sdieinen die beiden nordwesllicben Profinsen, das atropi- 
teniscbe Medien (Aderbeidjan) und, sofern es in der Gewalt der Paither 
stand, Armenten den dem «eiligen Herrscher nicbststehenden PrieieB 
zur Verwaltung übertragen worden zu sein^). Im übrigen ragen unter 
den Satrapen hervor der König der Landschaft Elymais oder von Susj, 
dem eine besondere Macht- und Ausnahmestellung eingeräumt war. 
demnicbst derjenige der Persis, des Siammlaodes der Achaemeniden. 
Die wenn nicht ausschlierslicbOf so doch überwiegende und den Titd 
bedingende Verwaltungeform war im Partberreich , anders als in deai 
der Csesaren, das Lebnktoigtbnm, so dafo die Satrapen nach Erbreebk 
eintraten, aber der groISiberrüchen Bestätigung unterlagen'). AUea 



') Tacitas ann. 15, 2. 31. Weon nach der Vorrede des Af;athao|^I»s 
(p. 109 Langloia) znr Zeit der Arsakideo der älteste aod tücbii^st«* Prinz dif 
Laodesberrschaft fährte, die drei ihoi oächststebenden aber Köoi{;r der Armeuier, 
der lader und der Massaf^fteo waren, so liegt hier vielleicht dieselbe Ordoao{; 
zu Grunde. Dafs das partbi^ch-iodiscbe Reirb, wenn es mit dem Hauptland vtr* 
bandoD war, ebenfalls als Secundogenitur galt, ist sebr wahrscheinlich. 

*) Dieia aeint wohl Jostiooi 41, 2, 2: proximu» maiulati rtgum ffm^ 
fotUomm 9rd» ui$ w koö duau Ai Mb, «t Aoe it pso» reetmv liiwf 
Dea etohelBisehea NaaMs bewahrt 4ie GIosm hei Hatjehioa: ^tfr<t{ o 
ifvc wa^ m^ouK, Waea bei Awwiaa 23, 6, 14 dia Varalahar 4ar paraiaakiB 
regUmv v Ummm (sahr. frittaxa»), id est mügitM afififini» H ngm et wätMifm 
baUaaa, so hat er nngeschiekt Persisches auf ganz Innerasiea beaogaa (rgl 
Hannes 16, 613); öbrigens kann die BeKeichnoag ' Reiterfübrer * fdr diasr 
Unterkönige daraaf ^ehen, dafs sie, wie die romiscben Statthalter, die bSrbite 
Civil- and die höchste Militärgewalt in sich varaiaistaa aa4 dia Arwee dar 
Parther überwiasMd an« Ratteret beataod. 



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MB ■BHnUf iMlIIl m» MB »ABm. 



345 



Amcheia Dich hat sich di«t nach onton hio fortgesetzt, dals kleinere 
DfBatCoi niMl SlaoraüiJiapiflr sa den Unterkfloig in demtelbeii Ver- 
bUtnilk atandco, wie dieiar sa den GrofUtOiiig^). Somit war dai 
GroMönigthoB der Ftftber iofaenl beecjurinkt lo Gunsten der holien 
Aristokrelie dordi die ihm enbaflendeGliederwig der erbtidien Landes- 
TerwaltuDg. Daza pafst recht wohl , dafs die Masse der Bevölkerung 
aus halb oder ganz unfreien Leuten bestand') und Freilassung nicht 
statLhaft war. In dem Heer, das gegen Antonius focht, sollen unter 
50 000 nur 400 Freie gewesen sein. Der vornehmste unter den 
Vasallen des Orodes, welcher als Feldherr desselben den CraMOS 
Mhiag, sog ins Feld mit einem Harem fon 200 Weibern end einer ?on 
1000 LaslkameleB getragenen Bagage; er selber stellte 10000 Reiter 
snm Beer wom seinen dienten und SdsTen. Ein stellendes flesr 
heben die Partber niemals gehabt, sondern zu allen Zeiten blieb hier 
die Kriegföhrung angewiesen auf das Aufgebot der Lehnsfürsten und 
der ihnen untergeordneten Lehnsträger so wie der grofsen Masse der 
Unfreien, über welche diese geboten. 

Allerdings fehlte das städtische Element in der politischen Ord- ni« 
nung des Partherreichs nicht ganz. Zwar die aus der eigenen Eot- «tAata im 
wickelnog des Ostens benrorgegaogenen gröfseren Ortschaften sind ntaii. 
keine städtischen Gemeinwesen * wie denn selbst die parthische Resi- 
dens Ktesiphon im Gegensats sa der benacfaiMrten griechischen Grfln- 
doog Seleukeie dn Flecken genannt wird; sie hstten keine eigenen 
Vorsteher und keinen Gemeinderath und die Verwaltung lag hier wie 
in den Laiidbezirken ausschliefslich bei den königlichen Beamten. Aber 
▼on den Gründungen der griechischen Herrscher war ein freilich ver- 
bältnifsroälsig geringer Theil unter parthische Herrschaft gekommen. 
In den ihrer Mationaliiät nach aramäischen Provinzen Mesopotamien 
aiid Uabylonien hatte das griechische Stidtewesen unter Aleiander und 
•snien Nachfolgern festen Fuüi gefabt Mesopotamien war mit grie- 



') Das lehrt die eioem GoUnces in der lotclirift rea RermaaschabAa im 
Kiriialaa (C L Gr. 46T4| keif elegte TItelatw omrpmnif ttSv üaxQaiakf, 
D« AfMkideakSaif ditsea NsttMS kaaa sie alt salohta oleht , beigelegt 
«irte; wähl aber mm$, wie Olshaaaea (Noaatiberlehl der Berllaer Akadsaie 
ms S. 179) varaiatbet, daait diciiealge Stelloas beseiehael werden die Iba 
■•eh aeioe« Versieht aaf daa GrofakSaigthoa (Taeitoa aan. 11,9) zakam. 

') Noch spater hriTst eine Reitertroppe ia ptrlhisehea Heer die 'der 
fnM. ieaepbaa aat. 14, IS, 5 — bell. 1, 13, 3. 



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346 



ACBTBS BDOl. XANTBL IX. 



chiscben Gemeinwesen bedeckt und in Babylonien war die ISacbfolge- 
rin des alten Babylon, die Vorläuferin Bagdads» eine Zeit lang die 
RctidMiz der grieebisciiea Kteige Asiens, Selenkeia am Tigris dwck 
ihre gflostige Handelslage vat4 Hure Fabriken emporgeUflIiI ib d» 
ersten Kanfstadl auüBerbalb der rtauschen Grensen, angeliHcli na 
mehr als einer halben HiUion Einwohner. Ihre freie hellenlsehe Oid- 
nuDg, auf der obne Zweifel ihr Gedeihen vor allem bemhte, wurde 
im eigenen Interesse aucb von den parlhischen Herrschern nicht ao- 
getaslet, und die Stadt bewahrte sich nicht blofs ihren Stadtrath von 
300 erwählten Mitgliedern, sondern auch griechische Sprache und 
griechische Sitte mitten im ongnechischen Osten. Freilich bildeten la 
diesen Städten die Hellenen nur das herrschende Element; nebea 
ihnen lebten laUreiche Syrer und als dritter Beslandtheil geseVlea 
sich dazu die nicht viel weniger zahlreichen Joden, so da£s die Be- 
völkerung dieser Griechenstidle des Partberreichs, ähnlich wie die 
▼on Alexandreia, sich aus drei gesondert neben einander stehenden 
.\ationalitrilen ziisnmtiiensetzte. Zwischen ilitscn kam es, eben wie in 
Alexandrcia, nicht selten zu Conilicten, wie zum Beispiel zur Zeit der 
Regierung des Gaius unter den Augen der parthischen Uegierung die 
drei Nationen mit einander handgemein und schiiefslich die Juden ans 
den grufsercn Städten ausgetrieben wurden. — Insofern ist das pir- 
thische Reich zudem römischen das rechte Gegenstflok. Wieindiem 
das orientalische Unterkönigthnm ansnahmsweise Torfcommt, so n 
. jenem die griechische Stadt; dem allgemeinen orientalisch- aristekia- 
tischen Charakter des Partherregiments tfaun die griechisehen Eanf- 
Städte an der Westgrenze so wenig Eintrag wie die Lehnkönigthürner 
Kappadokien und Armenien dem städtisch gegliederten UünieisUai. 
Während in dem Staat der Caesaren das römisch-griechische städtische 
Gemeinwesen weiter und weiter um sich greift und allmählich lur all- 
gemeinen Verwnitungsform wird, so reifst die Städtegründung, daf 
rechte Merkzeichen der hellenisch -romischen CiriUsation, wdcbe 
die griechischen Kau&tädte und die Militircolonien Roms ebsaw 
umspannt wie die groHsartigen Anaiedelnngen Alexanders und der 
Alexandriden, mit dem Eintreten des Partherregiments im Osten 
plötzlich ab , und auch die bestehenden Griechenstädte des 
Partherreichs verkümmern im weiteren Lauf der Eutwickelung. 
Dort wie hier drängt die Kegel mehr und mehr die Ausnabmea 
zurück. 



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MI ranauTCBi 



HR» M PABTHB. 



347 



Irans Religion, mit ihrer dem Monotheismus sich nähernden luuftoa. 
Vmhniiig des 'höchsten der Götter, der Himmel und Erde und die 
lUnscbmi mid fOr dieie tUesGula gsscbaffen hat^ mit ihrer Btfdloeig- 
kiBÜ nud Geiitigkeit, mit ihrer ttreDgen Sittlichkeit und Wahrl|aft%keit, 
ihrer Hinwirkang auf praktische Thfttigkeit und eoergieche Lehens- 
fUvung, hat die GemAther ihrer Bekenner in gani anderer und 
tieferer Weise gepackt, als die Religionen des Occidents es je ?er- 
mochti'i). und wenn vor der entwickelten Civilisation woder Zeus noch 
Jupiter Stand gehalten haben, hl der Glaube bei den Parsen ewig jung 
geblieben, bis er einem andern Evangelium. <leni der Bekenner «ies 
Mohammed erlag oder doch vor ihm nach Indien entwich. Wie sich 
der alte Masda-Glaube, zu dem die Achaemeniden sich bekannten und 
dessen £nlstehang in die vorgescbichtiiche Zeit fallt, zu dem- 
jenigen verhielt, den als Lehre des weisen Zarathustra die wahrschein- 
lich unter den späteren Achaemeniden entstandenen heiligen Bflcher 
der Perser, das Awest& verkflnden, ist nicht unsere Ansähe darsii- 
stellen; fQr die Epoche, wo der Occident mit dem Orient in BerQhmng 
steht, kommt nur die spätere Religionsform in Betracht. Dafs auch 
das Awesiä nicht im Osten Irans, in BaklritMi, sondern wahrscheinlich 
in Medien sich gebildet hat, darf als gesirhtTtes Ergebnils der neueren 
Forschung betrachtet werden. Enger aber als selbst bei den Kelten 
sind in Iran die nationale ReUgion und der nationale Staat mit 
einander verwachsen. Es ist schon hervorgehoben worden, dafs das 
legitime Königthum in Iran sagleich eine religiöse Institution, der 
ohente Hemcher des Landes als durch die oberste Landesgottheit 
hesonders snm Regiment berufen und seihst gewissermafsen göttlich 
gedacht wird. Auf den Mflnsen nationalen Gepräges erscheint regel- 
mSÜBig der grollse Peueraltar und fiber ihm schwebend der ge- 
flügelte Gott Ahura Mazda, neben ihm in kleinerer Gestalt und in 
betender Stellung der König und dem König gegenüber das Keichs- 
banner. Dem enlspreehend geht auch die Uebernjacht des Adels im 
Parlherreich Hand in Hand mit der privilegirten Sttliung des Klerus. 
Die Prie&ter dieser Religion, die Magier erscheinen schon in den Ur- 
knnden der Achaemeniden und in den Erzählungen Herodots und haben, 
wahrscheinlich mit Recht, den Occidentalen immer als national per- 
sische faistitution gegolten. Das Priesterthum ist erblich und wenig^ens 
in Medien, Yennnthlieh auch in anderen Landschaften galt die Ge- 
sammtheit der Priester, etwa wie die Leviten in dem späteren Israel, 



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348 



als ein besonderer Volkstheil Aach unter der Herrschaft der GriedM 
haben die alle Religion des Staates und das nationale Pnestortfan 
ihren Pbti behauptet Als der erMe Seleokos die neue Hauplslait 
seines Reiches, das schon erwihnte Selenkeia grQnden wollte, fieft 
er die Magier Tag und Stunde dafiDr bestimmen, und erst nach- 
dem diese Perser, nicht gern, das verlangte Horoskop gestellt hatten, 
▼ollzogen ihrer Anweisung gemäfs der König und sein Heer die 
feierliche Grundsteinlegung der neuen GriechenstadL Also auch 
ihm standen berathend die Priester des Ahura Mazda zur Seite 
und sie, nicht die des hellenischen Olymp wurden bei den öffent- 
lichen Angelegenheiten insoweit befragt, als diese göttliche Dinge be- 
trafen. Selbstverstindlich gilt dies um so melir Ton den ArsaUdea. 
Rab bei der KAnigswahl neben dem Adelsrath der der Priester mit- 
wirkte , wurde schon bemerkt König Tiridates ?on Armenien, sh 
dem Hans der Arsakiden , kam nach Rom unter Geleit eines Gefolges 
von Magiern und nach deren Vorschrift reiste und speiste er, auch in 
Gemeinschaft mit dem Kaiser Nero, der gern sich von den fremden 
Weisen ihre Lehre verkünden und die Geister beschwören liefs. Daraoi 
folgt allerdings noch nicht , dafs der Pnesterstand als solcher auf ifie 
Föhrungdes Staats wesentlich bestimmend eingewirkt hat ; aber keiMS- 
wegs ist der Masda-Glaube erst durch die Sassaniden wieder hergeitdl 
worden; Tielmehr ist bei allem Wechsel der Dynastien und bei aUcr 
eigenen Entwickeln ng die Landesrel^ion in Iran in ihren Grundsflgee 
die gleiche geblieben. 
Spneh«. Die Landessprache im Partherreich ist die einheimische Irans. 

Keine Spur führt darauf, dafs unter den Arsakiden jemals eine Fremd- 
sprache in öffentlichem Gebrauch gewesen ist. Vielmehr ist es der 
iranische Landesdialekt Babyloniens und die diesem eigenthümlicbe 
Schrift, wie beide vor und in der Arsakidenzeit unter dem fiinflufs fos 
Sprache und Schrift der aramaeischen Nachbaren sich entwickeltsn« 
welche mit der Benennung PahlaYi, das heilkt Parthafa belegt nnd da- 
mit besdchnet werden als die des Reiches der Parther. Auch das 
Griechische ist in demselben nicht Reichssprache geworden. Keiatr 
der Herrscher führt anrh nur als zweiten Namen einen griechisdien; 
und hätten die Arsakiden diese Sprache zu der ihrigen gemacht, 
so würden uns griechische Inschriften in ihrem Reiche nicht fehlen. 
Allerdings zeigen ihre Münzen bis auf die Zeit des Claudius m- 



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MB ntUATCum im» m pabtor. 



349 



•diUefUicli^) und auch später überwiegend griechische Aufschrift, 
wie sie auch keine Spur der Leiideireligion aufweisen und im 
Fnüi sich der MUcben Prigong der r&miscbea Oslprofiosen an- 
schli6&mi, ebenso die JahrtheUmig so wie die Jahrslhlaiig so bei- 
behsHen haben, wie sie unter den Seleukiden geregelt worden waren. 
Aber es wird dies Tielmebr dahin anfknftissen sein, dalli dieGroÜiktaige 
selber überhaupt nicht prägten') und diese Münzen, die ja wesentlich 
für den Verkehr mit den wesllichen iNaclibaren dienten, vun den grie- 
cbischen Städten des Reiches auf den Nameo des Landesberrn geschla- 
gen worden sind. Die Bezeichnung des Königs auf diesen Münzen als 
,Griecbenfreund' ((ftldlXtjv), die schon früh begegnet^) und seit 
Mitbradates 1, das heifst seit der Ausdehnung des Staates bis an den 
Hgris, stehend wird, hat einen Sinn nur, wenn auf diesen Münzen die 
partbiscbe Griechenstadt redet Vennuthlich war der griechischen 
Spreche im Partherreich neben der persischen eine ihnUche secundire 
Stattoag im Offsntlidien Gebrauch eingeräumt, wie sie sie im Rümer- 
steet neben der lateinischen besaCs. Das allmihliche Schwinden des 
Griecbeothums unter der parthischen Herrschaft lifirt sich auf diesen 
städtischen Münzen deutlich verfolgen, sowohl in dem Auftreten der 
einheimischen Sprache neben und statt der griechischen wie auch in 
der mehr uud mehr hervortretenden Sprachzerrüttung 

Dem Umfang nach stand das Reich der ArsaJüden weit zurück Iteeu 
nicht blofs hinter dem Weltstaat der Achaemeniden, sondern auch '^^ms. 
hinter dem ihrer unmittelbaren Yorginger, dem Seieukidenstsat. Von 

>) Die älteste bekaoote Müaxe mit PahUvischrift ist zu Claudius Zeit 
onter Volagasos 1 geschlagen ; sie ist zweisprachig und giebt dem König 
griechisdi dea voUea Titel , aber bot dea Mameo Araakas, iranisch biofa den 
eiiüteiMbnhia hdIviiealaSMie elfskiffil r^tLj. 

•) CewaaUeh bss^rlakl aae dies aef die GreliMilbmSeie aad bs- 
tnchtet das RIeiasUbsr ead das aeislt Rapfer als kSalgliehe Pfigus. ladsb 
Saedt wird .dea GrolakSaif aiae aaltiaae sMoadire Iblle in der Prigoas 
sogetheüt. Richtiger wird wohl jene Prngaog aaljiefiUjit tli fiberwiegend 
fir daa Aoaland, diese als überwiegend fiir den inneren Verkehr bastiauBt; 
die zwidcbea beiden Gattangaa bMlakandm VandiMdMhaitaa etUirea fish 
Mut diese Weise auch. 

') Der erste Herrscher, der sie führt, ist PliraapntM am Ibb V. Chr. 
(Percy Gardaer Parthian coinage p. 27). 

So atoht aaf dea Maasen dea Gotarsea (anter Claodlns) I^i^ifi 
ßmstUie fiacdiwf 46s nmmXovfiiwos U^rafl^mv, Aef dea sfilwaa ist die 
grieehiaehe AeMwifk oft gaas BavanUMlieh. 



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350 



ACHTBS BQCI. KAFITBL II. 



dessen ursprünglichem Gebiet befafsen sie nur die gröFserc öst- 
liche Hälfte ; nac^ der Scbleehl, in wekber Kdnig Antiocbos Sidet«, 
ein Zeilgenosse der Graechen, gegen die Partber fiel, beben die 
syriscben K/^nige nicbt wieder crnsllieh Tersucbt ibre flemehift jen- 
seit des Euphrat geltend sa macben; aber das Land diesaeit des 
Eophrat blieb den Occidentalen. 
j^j^y^ Von dem persischen Meerhusen waren beide Küsten, aucii die »ra- 

bische, im Hesitz der Pariher, die SchilTfahrt auf demselben also voll- 
ständi;; in ihrer Gewalt; die übrige arabische Halbinsel gehorchte weder 
den Parihero noch den über Aegypten gebietenden Hörnern. 

Dm Indes- 

Das Ringender Mationen am den Besitsdeslndustbalsund derwest- 
gcbiet. I j^i^ ^ östJicb angrensenden Landschaften in sdiildem, so weHdiegim- 
licb serrissene Ueberlieferung Qberbaupt eineScbiideningsnlSliit, ist 4k 
Aufgabe unserer Darstellnng nicbt; aber die Haoptsflge dieses Kampfes, 
welcher dem nra dasEuphratthsl geführten stetig znr Seite geht, dürfin 
auch in dieseniZnsammenhang um so weniger fehlen, als unsere l'eber- 
lieferung uns nicht gestallet die Verhältnisse Irans nach Osten in ihrem 
Eingreifen in die westlichen Heziehungen im Einzelnen zu verfolgen und 
es daher notbwendig ersciieint wenigstens die Grundlinien derselben uns 
zu vergegenwärtigen. Bald nachdem Tode des grofsen Alexander wurde 
durch das Abkommen seines Marschalls und Tbeilerben Selenkos mit 
dem Gründer des Indenreiches Tschandragupta oder griechiscb Sanln- 
kottos die Grenze swischen Iran und Indien geiogeo. Danach hemchle 
der letstere nicbt blofs Ober das Gangesthal in seiner gansen Ausdeh- 
nung und das gesammte nördliche Vorderindien, sondern im Gebiet 
des Indus wenigstens über einen Theil des Hochthals des heutigen 
Kabul, ferner über Arachosien oder Afghanistan, vermutblich auch 
über das wüste und wasserarme Gedrosien, das heutige Balulschistan, 
SO wie rd>er das Delta und die Mündungen des Indus; die in Stein ge- 
hauenen Urkunden, durch welche Tschandraguptas Enkel, der gUubjge 
Bttddhaverehrer Asoka das aligemeine Sittengesetz seinen UnterthsM 
einschirfie, sind wie in diesem ganzen weit ausgedehnten Gebiet, so 
namentlicfa noch in der Gegend Ton Pischawar gefbnden wordsn'). 



*) WäbreDd das Reich des Dareios, seinen lascbrifteo zufolge, die Gidira 
(die GandhAra der loder, J'ayiSaQttts der Griechen, am Kabulflufs) and die 
Hido (die Indusanwobner) in sich schliefst, werden die ersteren io eioer der 
loschriftea des Asoka unter setoea Uoterthaoeo aaliSenUirt, und ein Exmf^ 



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DIE EVPHRATGiEMZE CMfi DIE PABTHER. 



351 



Der Hindukusch, der Parapanisos der Alten, und drsscn Fortsetzung 
nach Osten und Westen schieden also mit ihrer gewaltigen nur von 
wenigen Pässen durchsetzten Kette Iran und ludien. Aber langea 
fieftand hat dies Abkommen niclit gehabt. 

In der früheren Diadocheozeit brachten die griecbüchea Herrscher BaVtriMh» 
des Reiches toq fiaktra, das toh dem Seleukideostaat gelöst einen "immT 
nichligen Aofeshwung nahm, das Gremgebiine Obersohreitend einen 
groAen Theü des fndnsthals in ihre Gewalt und setsten vielleiebt noch 
weiter hinein in Vorderindien sich fest, so dafii das Schwergewicht 
dieses Reiches sich aus dem westlichen Iran nach dem östlichen Indien 
verschob und der Hellenismus dem Inderthum wich. Die Könige 
dieses Reiches heifsen indische und führen späterhin ungriechische 
Namen; auf den Münzen erscheint neben und statt der griechischen 
die einheimisch indische Sj^acbe und Schrift, ähnlich wie in der 
parthisch-pmischen Prägung neben dem Griechischen das Pahla?i 
emporkommt 

Es trat dann eine Nation mehr in den Kampf ein: die Skythen i^^t*«* 
oder, wie sie in Iran nnd in Indien heiHwn, die Saker brachen aus ihren 

Stammsitzen am Jaxartes Ober das Gebirge nach SOden yor. Die 
baktrischc Landschaft kam wenigstens grulsentheils in ihre Gewalt 
und etwa im letzten Jahrhundert der römischen Republik müssen sie 
sich in dem beutigen Afghanistan und Balutschistan festgesetzt haben. 
Damm heifst in der frühen Kaiserzeit die Küste zu beiden Seiten der 
Indusmündung um Minnagara Skythien und führt im Binnenlande di9 
westlich von Kandahar gel^ene Landschaft der Dranger später den Na- 



seioes grofsen EdicU hat sich io Kapardi Giri oder vielmehr in Scbahbaz Garhi 
(YasnCsai-District) gefuoden, nalieza 6 deaUche Meilea nordwestlich voo dor 
Hiiitog 4m KakallwaM ii 4m late bei AtOn. Der Sits dir Hcgimiif; 
diiMT BordweitUckea Proriaien von Afokts Reiek war (nifik der Iniehrift C. 
L hdiear. I p. Sl) TakkbadlA, Ti^lm der Griaehea, etwa 9 4tmtanh% Meilea 
OSO. vM Atak, dar Regiareagaiiti fir die aadwaaüiehaa Laadaehallaa U^j^jftat 
(0^f]yT}). Der ostliche Theil des Kabulthafs grhö'rte also aaf jeden Fall sa 
Aaokaa Reich. Dttü der Khaiberpafs die Greoxe («bildet habe, ist nicbt gerade- 
ZQ Dnmöglich; wahrscheinlich aber gehörte das gaoze Kabultbal za Indien nnd 
nachte die Grenze südlich von Kabul die scharfe Linie der Sulaiman-Rette und 
weiter sädwestlich der BolaDpafs. Von dem späteroti indoskythischen König 
Hovitchka (Ooerke der Münzen), der an der Yamuua io Mathura residirt za 
haben scheint, hat bichcinc Inschrift bei Wardak nicht weit nördlich von Kabul 
iiAuiden (nach Mittheilaogen Oldenbergs). 



352 



men *Sakerland', Sakastane, das heutige Sedjistan. Diese Eiowande- 
roDg der Skythen in die Landschaften des baktro-indiachen Reidwi 
hat dasselbe wohl eingeschränkt und geschMigt, etwa wie die cistM 
WandemDgen der Germanen das rOmiscIie» aber es Qkhl lentlrt; 
noch nnler Vespasian hat ein wahncheinlicb selbstindiger baktriichBr 
Stut bestanden*). 

PwtuMh- Unter den Jnliem und den Qandlem s ehe inen dann an 4m 

^'^J^ Indusmündung die Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein 
zuverlässiger Berichterätatter aus auguslischer Zeit führt eben jea*^ 
Sakastane unter den parthischen Provinzen auf und nennt den 
König der Saker - Skythen einen Unterkönig der Arsakiden; ab 
letite iMrtbische Provinz gegen Osten bezeichnet er Arachosien mit 
der Hauptstadt Alexandropolis» wabrscheinUch Kandahar. Ja baM 
daran! in vespasianischer Zeit hemehen in Mlnnagura parthiscka 
Forsten. Indeüi war dies fftr du Reich am Indusstrom mehr eis 
Wechsel der Dynastie als eine dgentiiche Annexion an den Stasi nä 
Ktesiphon. Der Partherförst Gondopharos, den die christliche Legende 
mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, 
verknüpft^), hat allerdings von Minnagara aus bis nach Pischawar uod 
Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher gebrauchen, wie ihre 
Yorherrscber im indischen Reich, neben der griechischen die indiscbe 
Sprache und nennen sich Grofiikftnige wie di^nigen von Ktesiphsn; 
sie Schemen mit den Arsakiden darum nicht weniger livalisirt la ba- 
ben, weil sie demselben FOrstengescfalecht angehörten*). — Auf disM 



Der A. 3 genaoote äfryptbche Kaafmann gedeckt c 47 'des streit- 
bareo Volks der Baktriaoer, die ihreu eigeaea KödS; habeo Damals also war 
Baktriea voo dem uoter parthischen Fürstea steheodeo lodosreich getreoot 
Auch StraboM 1], 11, 1 p. 616 bdiaadelt das baktrisch-indiadie ReUJi als der 
Versangeaheit aogehürig. 

*) WabrMbeiolich ist er der Kaspar — • In Klttrer Traditio GMufV 
— , der utw doa Migea drei RKaigea aas das Mersealaad nftritt (GH* 
aduaid Rheia. Mii. 19, 163). 

*) naa baitlntesta Zaagaib dar PartkarhariMiafk la diaaaa fiainiia 
ladet sieb la dar aafter Vaffaaiaa voa eieaa Mgyp Hi a b aa Ratt&aaoB anfgesetsUa 
KüsteobescbreiboDg des rothen Meeres c. 38: 'Uiatar dar ladosmÜDding im 
BiaaeolaDd liegt die HaupUUdt voo SkytUea Miaaagara; beherrscht aber 
wird diese voo den Parthera, die bestÜodig einander verjagea' {ino IJa^9m9 
awfx^i olkrjXovf (ydiuxönuv). Dasselbe wird in etwas verwirrter Weis« 
c. 41 wiederholt; es kaaa hier acheiAea, als läge Miaaasara ia ladiea selbst 



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m KDPHIUTGRBRZE OlfO MB PARTHIB. 353 

parthische Dynastie tulgt dann in dem indischen fieich nach kurzer 
Zwischenzeil die in der indischen Ueberlieferung als die der Saker oder 
die des Königs kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche mit dem 
J. 78 D. Chr. beginnt und wenigstens bis in das dritte Jahrhundert 



okerhAlb Barygaza uad schon Ptolemaeoi iat dadarch irre geführt worden; 
akv (fßmitk M to ScMtar» ibtr 4m JUtaeoIaad Mr von Utireasagen 
•priekt, mmr sogen woUm, ittU «iaa grofiM Stadt Minaagan im Biaaeolaad 
licht fem VM Btrygtia liege «o4 vob da vM Baaawolle Mdi Barjgau ge- 
lahrt werde, Aack Uaaaa die aaei deasettaa Oewttrwaan ia Mlaaagara 
zahlreich begegocDdeo Sparen Alexaadara aar aa ladns, nieht ia Gadjerat sich 
gefuadea habeo. Die Lage Minnagaras am aaterea Indns, aaweit Haiderabad, 
QDd die Existenz einer parthischea Herrschaft daselbst onter Vespasian cr- 
scheiot hiedurch gesichert. — Damit werden verbunden werden dürfen die 
Münzen des Königs Gondopharos oder Hyndnpherres, welcher in einer sehr 
alten christlichen Legende von dem Apostel der Parther uud der Inder, dem 
heiligen Thomas soai Cbriateothan bekehrt wird aad Ia der Tbtt der entea 
fiaiadbaa Kalaanalt aasagekVrea tMat (SaUel ZaiMr. % W; Gat* 
tMd Bkaia. Maa. 19, 162); aaiaei Bradenakaa Abiagaiaa (Sallat a. a. 0. 

5. 366), walekar mit partbiaefcaa Fiiratea dlaaea Naaeas bei Taeitaa aaa. 

6, 36 ideotiscb sein kann, anf jedea Fall einen parttiieken Namen trägt, 
eidlich des Königs Sanabaros, der kurz nach Hyndopherres regiert haben mnfs, 
vielleicht sein IV'achfolper gewesen ist. Dnzn pehören noch eine Anzahl anderer 
mit parthischea ISaoien. Arsakes, i'akoros, V «iDoneS; bezeichneten Münzen. Diese 
Pfügnng stellt sich entschieden zu der der Arsakiden (Sallet a. a. 0. S. 277); 
die Silberstücke des Goudopbaros und des Sanabaros — von den übrigen giebt 
es fast aor Kupfer — entsprechen genaa den Artakidendraehmen. Allem Ans^eia 
aack gekiraa Meae laa Partkerfilritea vea Miaaagara; daCi aekaa der grie- 
cUaekaa klar latfaeha Aaftekrift araekeiat, wie kai daa afMaa Araakidaa 
PfeUariaakrift, falbt dato. Aker ai aiad diaa atokt INaaaa Satrapea, 
•eadera, wie dies aaeh der Aegypter aadentet, mit den ktesiphontischen riva- 
lisirender GrofskSnige; Hyndopkorrea aennt sich in sehr verdorbenem Griechisch 
ßaailfi-^ ßaailiüjv u^ya^ avToxQttfotQ und in gutem Indisch * Maharadja Kndjadi 
Radja'. Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich i.st, in dem Mambaros oder 
Akabaros, den der Periplus c. 41. 52 als Herrscher der Küste von Barygaza 
aenat, der Sanabaros der Münzen steckt, so gehört dieser in die Zeit Neros oder 
Vespasians and herrschte nicht blofs an der Indusmündungi sondern anch über 
Gadjerat. Weaa fBraer aiaa aaweit Pfaekawar gaftiadeae laiekrift mit Raekt 
aif dea RSnig Gondopharai ketegea wird, ao mntk daaaea Harnekaft Ma dert 
kiaaaf, wakraekeialiekbiaaaekRakalkia iiek aratreekt kakaa. Oafo Garkalo 
ia J. 66 die Geaaadtsekaft der voa dea Partkara abgefklleaea Hyrkaaar, damit 
•ie voa jeaaa aieht aaf^egriflVn würden, an die Rüste des rothen Ifeerei 
schickte, von wo sie, ohae parthisches Gebiet zn betreten, die Heimath erreichen 
konnten (Tacitns 15, 25), spricht daTür, dab das ladnetkal damals dem Herrscher 
▼ea Rtesiphoo nicht botmäfsig war. 



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354 



ACBT» BOCH. KAHTBL OL 



bestaoden hat^). Sie gehöreo in den Skythen, deren Einwandennig 
früher erwihnt ward und auf ihren Mflnien tritt an die Stette der in» 
ditfchen die skythisehe Sprache'). So haben im Indnagebiel nach dea 
Indem und den Hellenen in den ersten drei Jahrhunderten nuMrcr 

Zeitrechnung Pariher und Skythen das Regiment gefflbrt. Aber aack 

unter den ausländischen Dynastieon hat dort dennoch eine national- 
indisch«* Slaatenbildung sich vollzogen und behauptet und der parthisch- 
persischen Machtentwickeluiig im Osten eine nicht minder dauernde 
Schranke eutgegeageateilt wie der Römerstaat im Westen. 



>) Dafs das Grorsköoigthuin der Arsakidea von Minnagara oidit viel 
fiber die oeroiiaehe Zeit hioaot bettanta bat, iat aack MSasaa wahr- 
■dwialielk Wa« fir Herricher avf ai« gafolgt siad, iat fraglicb. Die baktriick* 
iadiiehaa BerrtelMr grieeUadiea Maaiaat gekSraa Skarwiagaad, vielMcM 
aSBMÜiah der varaagaalieehav Bpacba aa| anah BMaeha aiahrimiMhaa Haaaai, 
znm Beispiel Maaea nnd Azps, falleo aaab Sprache und Schrift (zum Beispiel 
der Furm des ai 52) vor diese Zeit Dagegen sind die Münzen der Könige Konilo- 
kadphises und Ooemokadphises und diejenigen der Sakerkönige, des Kancrkc 
und sciuer ISachtülger, \«etche alle nanieatlich durch den biü dahin in der 
indischen Prägung nicht begegnenden Goldstater vom Gewicht des römischei 
Aureus sich deutlich als einheitliche Prägung charakterisiren, allem An^jcbeia 
nach später als Gondopharos und Sanabaroa. Sie zeigen , wie der Staat dw 
iedaatbala eieh ia iraar staigcade« Mab iai Gagaaeata gegea die HeH ew a 
wie gegea die Iraaier aatieaal-iadifeh geataltet hat. Die Regieraag diM 
Kadphiaee wird eise zwiiebea die iade-partbiaebae Hefraeker aad die Dyaailii 
der Saker fallen, welche letztere mit dem J. 78 a. Chr. beginnt (Oldeaberf 
in Salicts Ztschr. für Nam. Hf 292). In dem Schatz von Pischawar gefnodeie \ 
Münzen dieser Sakerkönige neaaeo merkwürdiger Weise griechische Götter ' 
in verstümmelter Form IJQaxtXo, Sagano, neben dem nationalen liovSo. Die 
spätesten ihrer Münzen zeigen den Einflnfs der ältesten Sassanideopräguog aad 
dürften der zweiten Hälfte des dritteu Jahrh. angehören (Seilet Zeitsc^ift 
fiir Mamiaroatik 6, 225). 

*) Die iade-griedUaebea «ad die iado-partUiehaa Bemchar, ekeaae dii 
Kadpbiaes bedieaea sieh aaf ibrea Müaaea ia greflm Unfiag aebea dv 
grieebieebea der eiabaiaiieebea iadiecbea Spraebe aad Sebrilli die Sakarkiaift 
dagegea babea aieaiale iadiscbe Sprache und indisches Alphabet gebraocbt, 
sondern verwenden aossehJierslich die griechischen Buchstaben und die aicht 
griechischen Aufschriften ihrer Münzen sind ohne Zweifel skythiscfa. So stekt 
auf Kaoerkus Goldstücken bald ßaatlfig ßrtail^MV Kavrjoxoi', bald Qao varo- 
QUO XttVTjQXt xoQavOj wo die ersten beiden Wörter eine skythisirte Forn dei 
indischen R&djädi Radjä sein werden , die beiden folgenden den Eigen- and in 
Stammnamen (Guschaoa) des Königs enthalteu (Oldeuberg a. a. 0. S. 294). AlM 
waraa dieee Saker ia aadereai Sinne Fremdberracher in ladiea all die baklrinkü 



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DIB E0PUUT6BBRZE DIU) DIE PABTHEB. 



355 



Gegen Norden und Nordosten grenzte Iran mit Turan. Wie das AnUMch» 
westliche und sudliche üfer des kaspischen Meeres und die oberen *^**"* 
Tbäler des Oxos und Jaxartes der Civilisation eine geeignete Stätte 
liieten, so gehört die Steppe um den Arakee und das dahinter sich 
aoftbreiteode weite Flachlaod tod Rechts wegen den schweifenden Leu- 
ten. Es sind unter diesen Nomaden wohl einielne den Iraniern ver- 
wandte Vtikenehaften gewesen; aber aneh diese haben keinen Thefl 
an der vanischen Civilisation, und es ist das bestimmende Moment 
für die geschiehtliefae Stellung Irans, da£i es die Yormauer der Cultnr- 
TÖlker bildet gegen diejenigen Horden, die als Skythen, Saken, Hunnen, 
Mongolen, Türken keine andere weltgeschichtliche Bestimmung zu 
haben sclteinen als die der Culturvernichtung. Baktra, das grofse Boll- 
werk Irans gegen Turan, hat in der naclialexandrischen Epoche unter 
seinen griechischen Herrschern längere Zeit dieser Abwehr genügt; 
aber es ist schon erwähnt worden, dafs es späterhin zwar nicht unter- 
ging, aber das Vordringen der Skythen nach Süden nicht länger zu hin- 
dern vermochte. Mit dem Rflckgangder baktrischen Macht ging diegleiche 
Aul^be Aber auf die Arsakiden. Wie weit dieselben ihr enteprochen 
haben, ist schwierig. tu sagen. In der ersten Kaiseneit seheinen die 
Groftkönige von Rtesiphon, wie sOdlich vom Hindukusch so auch in 
den nördlichen Landschaften , die Skythen zurückgedrängt oder sich 
botiuäf^jig gemacht zu haben; einen Theil des baUtrischen Gebiets ha- 
ben sie ihnen wieder entrissen. Aber welche und ob überhaupt 
dauernde Grenzen hier sich feststellten, ist zweifelhaft. Der Kriege 
der Parther und der Skythen wird oft gedacht. Die letzteren, hier zu- 
nächst die Umwoliner des Aralsees, die Vorfahren der heutigen Turk- 
menen, sind regelmäfisig die Angreifenden, indem sie theils zu Wasser 
fiber das kaspische Meer in die Thäler des Kyroe und des Arazes ein- 
fiJien, theils von ihrer Steppe aus die reichen Fluren Hyrkaniens und 
die firuchtbare Oase der Margiana (Merw) ausrauben. Die Grensge- 
biete verstanden sidi dazu die willkfirliche Brandschatzung mit Tribu- 
ten abzukaufen, welche regelmäfsig in festen Terminen eingefordert 
wurden, wie heute die Beduinen Syriens von den Bauern daselbst die 
Kubba erheben. Das parthische Regiment also vermochte wenigstens 
in der früheren Kaij»erzeit so wenig wie das beutige türkische, hier 



Bellenea nnd die Partfcer. Doch sind die aater ilieea ia ladlei gVMtrtaa la- 
Mkriflm aiebl tkytUsek^ soadira iaditeb. 



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356 



ACBTBSIOGH. EAPRIL II. 



dem fnedlichen üntertban die Früchte seiner Arlieit in neben end 
einen dauernden FriedcneeUnd an der Creme benosteUen. Aöcbfir 
die Rdchtgewalt selbst blieben diese Grenzwirren eine offene Wuide; 
oftmals haben sie in die Snccessionskriege der Anataden so wie ia 
ihre Streitigkeiten mit Rom eiDgegrüfini. 

Die römisch- Wie das VerbältniCs der Parther zu den Römern sich gestaltet 
'*Gwm^" und die Grenzen der beiden (.rolsmachte sich festgestellt hatten, ist 
fMtm. ggjner dargelegt worden. WälireiHi die Armenier mit den Parthern 
rivalisirt hatten und das königthum am Araxes sich anschickte in 
Vorderasien die Grofskönigsrolle zu spielen, hatten die Parther im 
Allgemeinen freundliche Beziehungen zu den Römern unterhalten aU 
den Feinden ihrer Feinde. Aber nach der Niederwerfung des Mithn- 
dates und des Tigranes hatten die Rdmer, namentlich durch die m 
Pompeitts getrolTenen Organisationen, eine Stellung genommea, die 
mit ernstlichem und dauerndem Frieden iwischen den beiden Staatea 
sich schwer vertrug, im SQden stand Syrien jetat unter nnmittdbirer 
römischer Herrschaft und die römischen Legionen hielten Wacht as 
dem Saume der grofsen Wüste, die das Küstenland vom Euphratthal 
scheidet. Im Norden waren Kappadokicn und Arujenien römische 
Lehnsfürstenihfimer. Die nordwürtü an Armenien grenzenden Völker- 
schaften, die Kolchcr, Iberer, Albaner, waren damit nothwendig dem 
parthischen Eindufs entzogen und wenigstens nach römischer Auf- 
fassung ebenfalls römische Lebnstaaten. Das sAdöstlich an Arroenies 
angrenzende durch dem Araxes von ihm getrennte Klein-Medien edtf 
Atropatene (Aderbeidjan) hatte schon den Seleulüden gegenfiber seise 
alteinbeimische bis in die Zeit der Achaemeniden lurOckreichen^ 
Dynastie und sogar seine Unabbüngigkeit behauptet; unter den Ana- 
kiden erscheint der König dieser Landschaft je nach Umständeo ih 
Lelinsträger der Parther oder als unabhängig von diesen durch Anleh- 
nung an die Römer. Somit reichte der bestimmende Einflufs Roms 
bis zum Kaukasus und zum westlichen Uter des kaspischen Meeres. 
Es lag hierin ein L'ebergreifen über die durch die nationalen Verhält- 
nisse angezeigten Grenzen. Das hellenische Volksthum hatte wohl ao 
der Südltflste des schwarzen Meeres und im Binnenland in Kappadokieo 
und Kommagene so weit Fufs gefafst, dafii hier die r6mische Vonsaciit 
an ihm einen Rflckhalt fand; aber Armenien ist auch unter der bog- 
jihrigen römischen Herrschaft immer ein ungriechiscfaes Land ge- 
blieben, durch die Gemeinschaft der Sprache und des GlanbeWt ^ 



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Die nn^üftATGRENZS CMD DIB PARTH£R. 



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zahlreichen Zwischenheirathen der Vornehmen, die gleiche Kleidung 
und gleiche Bewaffnung^) an den Partherstaat mit unzcrreifsbarea 
Banden geknöpft. Die römische Aushebung und die römische Be- 
steuerung sind nie auf Armenien erstreckt worden; höchstens bestritt 
das Land die Aofttellnng and die Unterhaltung der eigenen Truppen 
und die Yerpflegung der daselbst liegenden rdmischen. Die arme- 
nisdien Kiufleute ▼ermittelten den Waarentausch Ober den Kankuus 
mit Skythien, über das kaspische Meer mit Ost-Asien und China« den 
Tigris hinab mit Babylonien und Indien, nacti Weslen hin mit Kappa- 
(lukien ; nichts hätte näher gelegen als das politisch abhängige Land in 
das römische Steuer- und Zollgebiet einzuschliefsen; dennoch ist nie 
dazu geschritten worden. Die Incongruenz der nationalen und der 
politischen Zugehörigkeit Armeniens bildet ein wesentliches Moment 
in dem durch die ganie äaiserseit sich hinziehenden Gonflici mit dem 
östUchen Nachbar. Man erkannte es wohl auf römischer Seite, dafii 
die Annectirung jenseit des Enphrät ein üebergriff in das Stamm- 
gebiet der orientalischen Nationalität und fOr Rom kein eigent- 
licher Machtzuwachs war. Der (ipund aber oder wenn man will die 
Entschuldigung dafür, dafs diese UeborgrilTe dennoch sich fortsetzten, 
liegt darin, dafs das Nebeneinanderstehen gleichberechtigter Grofs- 
staaten mit dem Wesen der römischen, mau darf vielleicht sagen mit 
der Politik des Alterthums überhaupt unvereinbar ist. Das römische 
Reich kennt als Grense genau genommen nur das Meer oder das wehr- 
Umt Landgebiet Dem schwächeren, aber doch wehrhaften Staatswesen 
der Parther gönnten die Römer die Machtstellung nicht und nahmen 
ihm, worauf diese wieder nicht verzichten konnten ; und darum Ist 
das Verhältnifs zwischen Rom und Iran durch die ganze Kaiserzeit 
eine nur durch WafTenstillstände unterbrochene ewige Fehde um das 
linke Ufer des Euphrat. 

In den von Lucullus (3, 72) und Pompeius (3, 125) mit denDi«P»Hh«r 
Parthern abgeschlossenen Yertrigen war die £uphratgrense anerkannt, Barger^ 

krieg«. 

Arrira, ier ab Statthalter ▼on RappadoUea talbtt ilker die AnMaier 
das ComoMado («fokrt hatte (eoatra AL 29), aeMt ia der Taktik Anieaier 
ead Parther iauaer sasanaea (4, 3. 44, 1 wegen der achwereo Reiterei, der 
tepeasertea »opwiHfo^oi and der leichten Reiterai, der axQoßoXtaial oder Inno- 
to(6to»; 35, 7 wegeo der Pioderhoseo) aad wo er von Hadrians Cionihruog der 
barbarischen Cavallerie in das römische Heer spricht, fuhrt er die beritteaea 
^ätzea zurück auf das Master 'der Partker oder Armeaier' (44, 1). 



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▲CHTB8 BUCH. KAPITEL IX. 



also Mesopotamien ihnen zugestanden worden. Aber dies hinderte 
die Römer nicht die Herrscher von Edessa in ihre Ciieotel aufzo- 
nehmen und, wie ee scheint durch Erstreckang der Grenien AraesNif 
gegen SAden« einen groCMn Theil des nördlichen MesofHitaniet 
wenigstens fOf ihre mittelbsre Hemchaft in Anspruch zu Dehnen 
(3, 148). Deftwegen hatte nach em^Keni Zaudern die parthische 
rung den Krieg gegen die Römer in der Form begonnen, dafs sie ihn 
den Armeniern crkiärtft. Die Antwort darauf war der Feldzug des 
Crassus und nach der ISiederlage bei Karrhae (3, 342 fg.) die Zurüdi- 
führung Armeniens unter parthische Gewalt; man kann hinzusetzen die 
Wiederaufnahme der Ansprüche auf die westliche Hälfte des Seleu- 
kidenstaats, deren Durcbfühmng freilich damals milÜBlaDg (3, 352). 
Wöhrend des ganien swansigjöhrigen Bürgerkriegs, in dem tie 
römische Republik in Grunde ging und schlielSilich der Principat skk 
feststellte, dauerte der Kriegsstand twischen Römern und PartherSt 
und nfehtselten griffen beide KSmpfe ineinander ein. Poropeius hatte for 
der Entscheidungsschlacht versucht den König Orodes als Verbündeten 
zu gewinnen; aber als dieser die Abtretung Syriens forderte, vonnorhie 
er es nicht über sich die durch ihn selbst römisch gewordene Provini 
auaauüefern. Nach der Katastrophe hatte er dennoch sich dazu eat- 
schlössen*, aber Zuialligkeiten lenkten seine Flucht statt nach Syrien 
vielmehr nach A^pten, wo er dann sein Ende &nd (3, 435). Die 
Parther schienen im Begriff abermab in Syrien einsubreehen; und die 
spftteren Fflhrer der Republikaner TerschmShten den Beistand der 
Landesfeinde nicht Noch bei Caesars Lebsnten hatte Caedlius Baases, 
als er die Fahne des Aufstands in Syrien erhob, sofort die i'artber 
herbeigerufen. Sie waren diesem Ruf auch gefolgt; des Orodes Sohn 
Pakoros hatte den Statthalter Caesars geschlagen und die von ihm in 
Apameia belagerte Truppe des Bassus befreit (709). Sowohl aus diesem 
Grunde wie um für Karrhae Re?anche zu nehmen hatte Caes